Samstag, 7. Juni 2003

Wie war ich? Jürgen W. Möllemann lebte mit und durch die Medien


Süddeutsche Zeitung
vom 07. Juni 2003
von Hans Leyendecker


Eigentlich war das einer jener Tage, die Jürgen W. Möllemann (*1945+2003) früher so liebte. In aller Herrgottsfrühe, um fünf Uhr, fuhr ein Team von ZDF vor seinem Haus vor. Dann kamen immer mehr Reporter. Große Wagen mit riesigen Fernsehschüsseln parkten in Reihe. Alles nur wegen ihm. Die Meute wollte dabei sein, wen der ehemalige Vizekanzler heimgesucht wird.

Für große Auftritte hat der Mann, der 57 Jahre alt wurde, immer en Faible gehabt. Sie verschaffen ihm den Kick, wie dem Junkie die Spritze. "Wichtigkeitsdrogen " hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (1998-2005) einmal Fernsehauftritte genannt. Als Möllemann Donnerstagmittag tot im Feld lag, klingelte in seiner Wohnung das Telefon Sturm. Erst ging die Haushälterin dran, dann der Münsteraner Oberstaatsanwalt Heinrich Steinert. Am Apparat waren die Presseleute, die unbedingt Möllemann sprechen wollten - er war doch stets zu sprechen gewesen.

Wenn heute Experten über Inszenierung in der Politik reden, dann muss sein Name genannt werden. Möllemann war ein Meister der Inszenierung - verglichen mit IHM wirkte Guido Westerwelle im 'Big-Brother-Container' lächerlich und Rudolf Scharping mit Lebensgefährtin am Pool von Mallorca sah reichlich verklemmt aus. Die Frage: - "Wie war ich?" - hat Möllemann schon gestellt, als die anderen noch schliefen. Wahrgenommen werden war für ihn Sein.

Als junger Abgeordneter hörte er morgens um sechs Uhr die Nachrichten und wenn nichts los war, meldete er sich bei einer Nachrichten-Agentur. "Hier Möllemann, guten Morgen. Ich habe wieder was auf der Pfanne." Den Text der Pressemeldung hat er dem Redakteur in den Block diktiert und seine Sekretärin musste nach seinen Auftritten im Fernsehen sofort die Einschaltquoten feststellen. Einen der typischen Möllemann-Sätze hat Reimar Oltmanns in seinem Buch "Möllemänner oder die opportunistischen Liberalen" festgehalten: "Da liegen doch die Politiker noch faul mit dem Arsch im Bett, dann muss ich schnell für die FDP eine Stellungnahme abgeben, aber nicht 08/15. Meine Kollegen machen um sieben oder acht Uhr das Radio an, und schon hören sie wieder den Möllemann." Er hat aus langweiligen Nachrichten interessant erscheinende Meldungen gemacht, er wusste früh, was man den Medien verhökern konnte.

An PR-Ideen hat es ihn nie gemangelt. An einer Münchner Verlagsgesellschaft war Möllemann in den achtziger Jahren mit 39 Prozent beteiligt. Die Firma hatte sich die Titelrechte an der Zeitschrfit Twen (1959-1971) gesichert. Möllemanns Agentur mit dem schönen Namen "PR + Text" übernahm die redaktionelle Betreuung. Alles Geschichte, perdu, vorbei: Aus dem Twen-Projekt ist nichts geworden und der Verlag musste Konkurs anmelden. Später beriet er über seine Firma WebTec - gegen hohe Beträge - den Münchner Medienunternehmer Leo Kirch.

In dem Geleitwort zu einem arabischen Branchenverzeichnis schrieb Möllemann, der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (1993-2003) war, den Satz: Vielseitiger Handel werde "auf Dauer nur dann erfolgreich sein können, wenn er vom gegenseitigen Geben und Nehmen bestimmt wird." So hat er es auch mit Journalisten gehalten. Es wäre, als Möllemann im Bonner Bundeskabinett saß, nicht übertrieben gewesen, wenn ihn der Spiegel im Impressum als Mitarbeiter aufgeführt hätte - einen besseren Informanten findest Du nie. Schade, dass der gelernte Lehrer nicht Kurzschrift beherrschte. Sonst hätte er alles mitgeschrieben. Andererseits hat er vom Spiegel viel Schläge bekommen und das hat ihn von der Treue zu einigen Mitarbeitern des Blattes nicht abhalten können.

Er war ein Spieler. Es warf ein Licht auf die anderen im Parlament, dass sie ihn am Ende noch schlechter als den letzten Hinterbänkler behandelten. Er saß in der allerletzten Reihe. Bei Sabine Christiansen am vergangenen Sonntag ist er noch mal auf der Bühne aufgetreten. Er war nicht toll, und er hat den Satz gesagt: "Wenn man einen Punkt erreicht hat, an dem es nicht mehr geht, muss man sich auch verabschieden können und über Neues nachdenken." Aber die Quote konnte sich sehen lassen: 4,54 Millionen Zuschauer, Marktanteil 19,2 Prozent. Darauf kam es ihm letztlich am meisten an.

Samstag, 30. November 2002

Im Reich der Wiederholungen















Süddeutsche Zeitung
vom 30. November 2002
von Hans Leyendecker


In den frühen achtziger Jahren, als unser derzeit so merkwürdig stiller Medienkanzler noch einer der vielen Hinterbänkler in Bonn war und nur heimlich Schweine-schnitzel aß, arbeitete in der kleinen Stadt am Rhein der wahre Meister der Inszenierung - Jürgen W. Mölle- mann (*1945+2003). Morgens im Bett hörte er erst mal die 6-Uhr-Nachrichten, und wenn wieder nichts Spektakuläres los war, schlurfte er im Bademantel zum Telefon und rief den Redakteur einer Nachrichtenagentur an. Einen der typischen Möllemann-Dialoge hat Reimar Oltmanns in seinem Buch "Mölle- männer oder die opportunistischen Liberalen festgehalten: " Hier Möllemann, guten Morgen. Ich habe wieder was auf der Pfanne, was ihr rausjagen könnt. Sieht ja sonst ziem- lich mau aus."

Dass sein Ziehvater Hans-Dietrich Genscher (FDP-Vor- sitzender 1974-1985) unbedingt Kanzlerkandidat werden müsse, dass die Neutronenbombe gar nicht so schlecht und dass der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (*1913+1992) ein "Kriegsverbrecher" sei - fast nichts hat der Freidemokrat der Nation erspart. An Meinungen hat es bei Möllemann nie gemangelt, und er hat gewusst, dass Politik das Reich der ewigen Wieder-holungen ist. Besonders die Kollegen in der FDP-Frak- tion waren neidisch, wenn sie schon morgens um 7 Uhr in den Nachrichten immer wieder nur seinen Namen hörten. Man durfte also gespannt sein, wie der wochen- lang abgetauchte Möllemann sein Medien-Comeback gestalten würde.

SHOWTIME

Er war wie immer: gut vorbereitet, gleichzeitig etwas halbseiden, jovial und von zynischer Melancholie umweht. Doch er trat in einer veränderten Kulisse auf. Nicht er inszenierte sich, die Medien inszenierten Mölle- mann. Alle Zeit ist jetzt Showtime, Infotainment halt.


KLAPPER-MELDUNGEN


Beim Rennen um die ersten Möllemann-Worte nach vielen Wochen hatten die ARD und der Stern vorne gelegen. Mit den üblichen Klappermeldungen pries zunächst die Illustrierte ihr Interview an. Klappern ge- hört zum Geschäft. Sensationelles hat Möllemann bei dem dreistündigen Gespräch mit zwei stern-Redak-teuren nicht gesagt, aber das Blatt hatte für ein paar Stunden zumindest etwas Exklusives zu melden. Und ein kleiner Scoup war es doch.


"LIVE"-BEDINGUNGEN


Andererseits haben die vielen exklusiven Geschichten der vergangenen Woche, in denen auffälligerweise Mölle- manns Feinde im stern Dresche bekamen, ziemlich genervt. Je exklusiver sie sein wollten, desto geringer war ihre inhaltliche Bedeutung.
Der stern war allerdings längst noch nicht auf dem Markt, da lief bereits die Aktion ARD an. Nach wochenlangen Geheim- verhandlungen hatte sich Möllemann bereit erklärt, seine Botschaft im Ersten zu verkünden. Nicht bei Sabine Christiansen, sondern bei farbe bekennen, einer Sendung, die schon sehr verblasst schien. Fünfzehn Minuten dauerte am Dienstagabend die Aufzeichnung der Befragung im Studio Münster durch den WDR-Chef- redakteur Jörg Schönenborn und seinen NDR-Kollegen Volker Herres. Unter "Live-Bedingungen", betonten die Herren, habe das Verhör stattgefunden.

Mittwochmorgen mahlte dann die große Verwertungs-maschine los. Print-Journalisten und Politiker schauten sich den Beitrag vorab in Köln und Berlin an, Sender, Rundfunkstationen wurden mit O-Tönen versorgt. Die 20-Uhr-Tagesschau machte mit einem Vorbericht des Ereignisses auf. Um 21.45 Uhr wurde dann die Viertel-stunde mit Möllemann gesendet. Anschließend Reste-verwertung in den Tagessthemen.


INTIMFEINDE

Um 22.02 Uhr hatte sich plötzlich die Konkurrenz vom heute-journal dazwischengedrängt. Die ZDF-Programm-Macher, Zuschauer wie alle beim Ersten Möllemann-Auftritt, hatten eine Idee: Vor ZDF-Kameras versam-melten sich Mitglieder der Kölner FDP im Clubhaus eines Hockeyvereins und diskutierten live über das, was sie eben gesehen hatten. Auch sie (die meisten Intim-feinde Möllemanns) bekannten Farbe.


JEDER WILL MIT MÖLLEMANN


Ein zweites ZDF-Team sammelte zeitgleich in Mölle- manns westfälischer Heimat fürs Morgenmagazin Eindrücke von der Basis. Dass sich das ERSTE diese Nachbereitung habe entgehen lassen, war Donnerstag in der ARD durchaus Thema und auch der Sendetermin umstritten: Warum nicht gleich nach der Tagesschau? Schönenborn hat eine sympathische Erklärung: So doll sei das Gespräch nicht gewesen. Angesichts der vielen Selbstüberschätzer, die das Bild der Branche häufig prägten, ist solche Zurückhaltung angenehm.
Alles in allem spielte Jürgen W. Möllemann etwas schleimig das Opfer, das von der "Familie FDP" verfolgt und ge- schmäht werde. Außerdem nehme niemand Rücksicht auf sein krankes Herz.

GAUNERLOGIK

Einmal vielleicht hätten die Interviewer etwas strenger sein müssen. Als sie mehr über das Flugblatt und seine Lügengeschichten wissen wollten, spielte er den alten Möllemann: "Aber von uns Dreien hier hat ja noch niemand gelogen, gell". Das hat er schon oft so oder ähnlich gesagt, aber in diesen Zeiten wäre vielleicht ein Diskurs darüber erhellend gewesen, ob im Politikbetrieb immer gelogen werden muss.

In den Tagesthemen hat dann Kommentator Thomas Roth erkannt: "Es ist vollbracht: Jürgen W. Möllemann hat gesprochen und wir dürfen dankbar sein". Roth, Leiter des Berliner Hauptstadtstudios, verbreitete sich noch über Politik, Unrechtsbewusstsein und "Gaunerlogik". Sein Kommentar war an mancher Stelle überzogen, aber diese Stimme brauchte es. Die oft babylonische ARD setzte sich mit ihr deutlich vom Interviewten ab. Manchmal muss Unabhängigkeit demonstriert werden.

ENTHÜLLUNGS-BUCH

Möllemann
schreibt augenblicklich an einem Enthüllungsbuch, er will wiederkommen. "Wirbel zu entfachen, mit Highlights in aller Munde zu sein: Das verschafft ihm lang ersehnte Anerkennung", so hat Buchautor Reimar Oltmanns vor vielen Jahren über den Freidemokraten geschrieben. Damals in den güldenen Achtziger, machte Möllemann abends für seine Sekretärin Frau Walter häufiger kleine Notizen: "Bitte die Einschaltquote meiner letzten Fernsehsendung beim WDR feststellen". farbe bekennen hatte 92, Prozent Marktanteil. Ziemlich durchschnittlich.

Mittwoch, 24. Juli 2002

50 Jahre - Das beste vom STERN - 1977



- Nr.30/2002










Die UN hatte für 1978 das "Jahr der Menschenrechte" angekündigt, und die stern-Reporter wollten vorab testen, wie es darum stand. Dafür brauchten sie eine Notlüge. Um zu erfahren, wie es in Südamerikas Folterstaaten 1977 wirklich zuging, gaben sich Peter Koch (stern-Chefredakteur von 1981 bis 1983; gestorben 1989), Perry Kretz und Reimar Oltmanns etwa in Uruguay, Argentinien oder Chile als Wirtschafts-Kundschafter aus. Sie wollten angeblich vor Ort erkunden, "ob dieses Land
für deutsche Investoren sicher" sei, sicher vor Terroristen und Bürgerkrieg. Prompt öffneten sich ihnen in Uruguay die Tore zu Lateinamerikas größtem Konzentrationslager. Es hieß "Libertad" - Freiheit. Dort waren 1342 politische Gefangene zusammen-gepfercht. Im Drei-Millionen- Volk der Uruguayer gab es kaum eine Familie, in der nicht ein Mitglied vertrieben, gefoltert oder ermordet worden war.

UNGENIERTE JAGD

Aus Angst vor Entdeckung schob jeweils einer der drei stern-Reporter nachts in den Hotels Wache. Tagsüber wagte sich keiner ohne den anderen auf die Straße. Gewalt war an der Tagesordnung - auch anderswo. In den siebziger Jahren machten die Militärs fast überall ungeniert Jagd auf Sozialrevolutionäre, Kommunisten und Pazifisten. Von den damals 159 Staaten der Welt verletzten 110 die Menschenrechte.

Die stern-Recherche in Südamerika führte zur schok-kierenden stern-Serie "Folter '77", die mit Fotos und Augenzeugenberichten belegte, wie Andersdenkende mit Elektroschocks und "Papageienschaukel" geschunden, zerbrochen und ermordet wurden. Die Serie erschien auch als stern-Buch. Titel: "Die Würde des Menschen".



Freitag, 12. Juli 2002

l'engagement au bout de la plume

Bourg-en-Bresse
12. Juillet 2002
par Etienne Grosjean



Vous cherchez Reimar Oltmanns ? S'il n'est pas réfugié chez lui, dans sa tour d'ivoire, il est sans doute parti faire des courses chez le marchand ambulant. A moins qu'il taille une bavette chez un voisin, autour d'une Tourtel.

Dans le village, tout le monde s'est pris d'affection pour cet étrange hurluberlu à l'accent exotique et la mine bonhomme. Pourtant, derrière cette facade de sympa- thique illuminé se cache un journaliste brillant, à la plume acerbe et à la réputation sulfureuse.

Avant de poser ses valises dans le département Reimar s'est employé trente ans à denoncer les absurdités du monde, sans jamais consentir au moindre compromis: j'ai sans doute fait beaucoup d'erreurs dans ma vie, mais je n'ai jamais trahi ma pensée", lâche-t-il avec fierté.

LE TEMPS DE L'AVENTURIER

Ses idéaux, il les a forgès pendant son adolescence. Adepte précoce du révolutionaire de gauche Marcuse, il prône, á la fin des années soixante, un changement radicale de la société allemande: "Nous nous battions pour un monde nouveau, le rapproche-ment des deux Allemagne, la fin de l'autorité du père ... Un peu comme les Français en 68, sauf qu'en Allemagne, cela n'a pas changé grand-chose ...", se souvient-il, nostalgique.

Vient ensuite le temps de la bourlingue. En bon Rouletabille, Reimar décide de courir le monde. Son credo: la liberté de l'homme. Missionné par de grands journaux d'Outre-Rhin, il écume les points chauds de la planète: Uruguay, Israel, Zaire, Ethiopie, Vietnam ... ... Ces années le marquent profondément: "Je me souviens précisement de l'Uruguay. J'enquêtais sur les pratiques de la dictature. En particulier sur les prisons. J'étais constamment surveille ... Làbas, j'ai vraiment eu peur..."

Entre deux voyages, Reimar, écrit ce que ses beaux yeux bleus ont vu. Plus d'une dizaine d'ouvrages en tout. Il avoue cependant que son métier ne lui pas apporté que du bon. Tout est allé très vite peut-être pour ce brillant jeune homme qui à vingt ans écrit dans les journaux les plus prestigieux, qui à vingt-cinq côtoie le gratin politic-médiatique de Bonn et qui à trente ans parcourt le monde au péril de sa vie pour que l'on sache ici, ce qui se passe là-bas.

"L'AUTENTIQUE DE LA VIE"

Une histoire de roman. Année 1966, sur les bords de la Baltique ... Le beau jeune homme allemand rencontre une charmante petite Française. Amour de vacances, puis, plus rien. Vingt-cinq ans plus tard, Reimar recoit un coup de téléphone. C'est bien elle, son amour perdu qui l'a retrouvé. Aussi-tôt, il la rejoint en France. Il y a cinq ans de cela. Depuis, ils vivent mariès dans le pittoresque villages de Seillonnaz.

Un havre de paix, comme le dit Reimar: "Ici, je me sens vraiment bien. J'ai trouvé les conditions idéales pour écrire mon premier roman et surtout, j'ai retrouvé l'authentique de la vie: calme, discussions, amitié et amour." Une expérience intéressante pour cet Européen convaincu qui admet volontiers son faible pour la France: "J'aime l'esprit français, cette perpétuelle envie de rébellion et l'extraordinaire vivacité de la culture", conclut-il d'n geste de la main.






















Freitag, 7. April 2000

Allein der Dienstgrad bleibt männlich



















Süddeutsche Zeitung
vom 7. April 2000
von Gerd Kröncke

Die berühmteste Französin, die je eine Armee gegen den Feind führte, hatte in Männeruniformen das belagerte Orleans von den Engländern befreit und wurde zur Na- tionalheldin. Doch um welchen Preis:

EINST AUF DEN SCHEITERHAUFEN


Am Ende verbrannte Jeanne d'Arc auf dem Scheiter-haufen von Rouen. Als die Jungfrau den "Stimmen" nachfolgte, die sie riefen, ihren König Charles VII. zur Krönung zu führen, war sie mal gerade 17 Jahre alt. So jung wie die Französinnen, die am Samstag zu einer Art Musterung gebeten werden.


VORBEREITUNGS-TAGE


Es ist das erste Mal, dass außer den jungen Männern auch Frankreichs Mädchen, ein ganzer Jahrgang, von den Streitkräften vorgeladen werden. Wobei dies freilich keine wirkliche Musterung ist, vielmehr erhalten alle Jugendlichen vor ihrem 18. Geburtstag die Aufforder- ung, sich an einem landesweiten "Vorbereitungstag für die Verteidigung" zu beteiligen. Im Pariser Fort von Vincennes, einem der 220 Informationszentren, wird es sich der Leutnant der Reserve, Jacques Chirac (Staats-präsident 1995-2007), nicht nehmen lassen, die jungen Frauen zu inspizieren.


JETZT UNTER WAFFEN

Theoretisch gilt die Wehrpflicht noch bis 2002, aber de facto hat sie der Staatspräsident bereits abgeschafft. " Wir brauchen keine Einberufungen mehr", hatte Chirac vor vier Jahren erklärt und sprach sich für eine Profes-sionalisierung der Streitkräfte aus. Für die Übergangs- zeit bis 2002 können immer noch jene jungen Männer zu den Waffen gerufen werden, die bislang wegen ihrer Ausbildung zurückgestellt worden waren. Um aber eine Berufsarmee zu schaffen, werden im Zeichen der Gleich-stellung auch Frauen angeworben. Und damit sie gleich wissen, worum es geht, müssen alle zum "Vorbereitungs- tag" antreten. Wer sich drückt, kann keinen Führer-schein machen und bekommt sein Abiturzeugnis nicht ausgehändigt.


ZWEITGRÖSSTE FRAUEN-KORPS


Frauen unter Waffen gibt es seit langem, schon der Gründer der V. Republik Charles de Gaulles (*1890+1970)
hatte während seiner englischen Emi- gration ein Frauen-korps aufgestellt. Offiziell öffnete sich die Armee 1983 - "Aux armes, citoyennes", rief der damalige Verteidigungsminister Charles Hernu (*1923+1996) nachdrücklich: "Zu den Waffen, Bürger-innen!" Inzwischen hat Frankreich, nach den USA, mit 27.000 Uniformträgerinnen das zweitgrößte Frauen-korps. Manche tragen den Marschallstab im Tornister. Eine wurde médecin général inspecteur, was einem Divi-sionsgeneral entspricht. Der Dienstgrad bleibt männ- lich, le général Valérie André wurde vergangenes Jahr als erste Soldatin mit dem Großkreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet.

"ANMACHE-FRAU"

Der deutsche Autor und Frankreich-Kenner Reimar Oltmanns ("Vive la Française") hat im Garnisonsstädtchen La Valbonne die Welt der Soldatinnen ausgekundschaftet. "Wir müssen", hat ihm Colonel Nicole Riedel gemeldet, "uns stets neu beweisen, immer hartnäckiger, einfach besser als die Männer sein. Insgeheim werden wir immer noch als Exotinnen empfunden." Als Unteroffizier Sandrine Gervasoni merkte, dass sie zur "Anmache-Frau" der Kompanie gekürt werden sollte, eine der man Blumen und Briefe schickt, reagierte sie schroff. In solchen Momenten helfe nur der Dienstgrad, sagt sie. "Die Unterordnung gehört zur Militärdisziplin, sie schützt vor Ungehorsam. Die Männer begreifen hier schnell, dass nicht in einem Bordell, sondern bei der französischen Armee sind." Dann lässt sie ihre Rekruten strammstehen, um sie anschließend mit Stahlhelm samt Sturmgewehr durch Schlammlöcher und unter Stacheldrahtverhauen hindurchzujagen. Beim Waldlauf bleiben männ- liche Überlegenheitsgefühle auf der Strecke, berichtet der Autor.









Montag, 11. Januar 1999

Cet Allemand, baroudeur de l'information


Bourg-en-Bresse
le 11. Janvier 1999
par François Villeminot


Été 1966: un jeune Allemand et une jeune Française se retrouvent comme moniteurs d'un camp franco-alle- mand sur les bords de la Baltique. Cette rencontre pourrait sembler banale dans la mesure où ce genre d'échanges franco-allemands a fait partie de tout un mouvement de réconciliation entre deux pays. Mais la suite prouve une fois de plus, qu'il faut se méfier de ce qui, précisément, paraît banal. Banal comme le quoti- dien et sa litanie d'habitudes. Banal comme cette répétition des faits et gestes des êtres. La suite en question se situe dans le temps présent, Reimar Oltmanns, l'Allemand et Jannick Boulle, la Française, se sont mariés et vivent à Seillonnaz. Jannick est prof d'allemand à Bourg - ça vous étonne? - et Reimar, journaliste-écrivain, confesse tout de go que c'est là, dans ce décor intime mais sauvage du Bugey qu'il a retrouvé l'authenticité de sa vie.


"Comprendre l'homme d'aujourd'hui 'ainsi que le chante Ferrat, exige une espèce de pèlerinage aux sources. La démarche est essentielle pour cerner au plus près les réflexions que Reimar Oltmanns égrène avec le souci de la justesse des mots. Entre cet été 66 et ces anées quatre-vingt-dix, sa vie n'a ressemblé en rien aux méandres paresseux d'un long fleuve tranquille. Enten- dez par là que ce journaliste bourlingueur ne s'est pas contenté de regarder vivre son pays même si, à aucun moment, il n'a pas perdu de vue les événements qui ont marqué son histoire et les tendances insidieuses parfois qui risquent de lui faire perdre des pans entiers de son identité.

Reimar Oltmanns a parcouru le Vietnam, des pas d'Afrique tels que le Zaîre, l'Ethiopie et le Kenya. Il connaît bien aussi l'Amérique latine pour y avoir effectué de longs séjours dont six mois en Uruguay. Son dernier champ d'observation, avant de faire le choix de vivre en France, fut l'Italie.

Autrement dit et selon la réflexion de son épouse, "il n'a plus besoin d'être reconnu comme reporter car il a fait ses preuves." Aussi, pour échapper à cette existence turbulente , a-t-il décidé de mettre la pédale douce en matière de journalisme. Après huit ouvrages écrits sur des phénomènes de societé, Reimar, dans cette parcelle de la France profonde qu'est le Bugey, s'est mis à l'écriture d'un roman. Un projet qu'il porte en lui depuis dix ans et qu'il peut mener à bien dans des conditions qu'il reconnaît commes "ideales".

DES LIGNES DE RUPTURE

La véritable rupture qui s'est produite dans la facon de vivre de Reimar Oltmanns se situe en 1980 lorsqu'il redige un livre sur la jeunesse. Son titre: "Tu n'as pas de chance: exploite-la". Un titre en forme de paradoxe mais qui en dit long sur l'analyse de cet humaniste qui a toujour pris l'option des plus faibles e des plus pauvres. Il ne s'agissait pas pour lui d'écha-fauder de grandes hypothèses dans le cadre douillet d'un bureau mais de livrer un constat à partir d'experiences vécues à Berlin ou Munich pour voir de ses propres yeux ce qui se passait à la base. A partir de là, il a pu faire, avec cette honnêteté qui le caractérise, la compa-raison entre cette réalité et la vision qu'en donnaient les médias, Certains extraits de son livre figurent d'aillieurs aujourd'hui dans des manuells scolaires allemands.

On peut se demander si cet ouvrage, plus encore qu'un révélateur. n'a pas constitué pour lui une thérapie, voire une conversion. Il n'était plus question pour ce barou- deur de l'information d'être témoin de la misère à travers le monde et de la soumettre ensuite aux impu- diques mais juteuses lois du marketing.

POUR UN VISAGE SOCIAL DE L'EUROPE

L'ermite de Seillonnaz ne vit pas pour autant coupé des grands courants du monde et des douleurs de l'enfante- ment européen. Le premier regard qu'il porte sur l'Alle-magne, son propre pays, n'est pas tendre. S'il stigmatise les seize années de politique conservatrice menée par Helmut Kohl, il ne signe pas pour autant un blanc-seing au nouveau chancelier dont il fut cependent l'ami au temps où l'un et l'autre recevaient de leur jeunesse le pouvoir de refaire de monde. Ce qu'il craint, dans cette nouvelle donne, c'est que l'axe Paris-Berlin qui "a toujours été un moteur de la construction euro-péene "soit quelque peu délaissé au profit d'un axe "Berlin-Londres" par le nouveau pouvoir allemand. Et là, Reimar ne fait pas dans la dentelle en considérant l'Angleterre comme un cheval de Troie des Etats-Unis qui, de plus en plus exportent des scories via les chaines de télévision allemandes par exemple.

Retour en France pour une appréciation plutôt flatteuse. De cet hexagone, Reimar Oltmanns aime un certain esprit du rébellion. "On parle bien sûr d'état cen- tralisé mais quand on voit toute cette vitalité dans le monde du théâtre, de la littérature et des sciences humaines, on se rend compte que toute cette dimension culturelle intervient davantage dans la vie quotidienne qu'outre Rhin." Et cette démarche est qualifiée d'essen-tielle "pour ne pas laisser le terrain libre aux forces de droite les plus sombres."

Lui le défenseur des États-Unis d'Europe plaide tout à la fois pour chaque région de cette Europe puisse garder son identité et pour que la dimension sociale fasse partie des priorités. "Il n'est par normal que des entreprises aillent au Portugal pour se servir d'une main d'oeuvre bon marché. D'où la nécessité pour les gouvernements aujourdhui socio-démocrates prennent une initiative forte en faveur du marché de l'emploi".

Est-il besoin de préciser qu'avec son attachement viscéral aux relation franco-allemandes. Reimar Oltmanns se demande aujourd'hui "comment ces deux pays ont pu se faire la guerre?"























Sonntag, 9. März 1997

Jedes dritte Krankenhausbett für einen Trunksüchtigen





































Jährlich füllen 60 Millionen Flaschen mit scharf-kräftig
en Anis-Schnaps die Regale in Frankreichs Supermärkten und Bars. Ob die Marken nun Ricard, 51, Pastis oder Casanis heißen, ist einerlei. Der tägliche Schluck zählt zum hoch-prozentigen Vergnügen - ein Leben von Rausch zu Rausch. Auch wenn offiziell abgeschafft, so versorgt sich die Landbevölker- ung seit Napoléon Gedenken mit steuerfrei 20 Liter Schnaps im Jahr aus mobilen Spiritus-Brennern. In französischen Provinzen rinnt Schnaps literweise durch die Kehlen. Jährlich stirbt eine größere Kleinstadt von 70.000 Menschen - Ursache: Alkoholmissbrauch


HESSISCHE / NIEDERSÄCHSICHE
ALLGEMEINE , Kassel
vom 9. März 1997
von Reimar Oltmanns

Es gibt triste Wintermonate in Frankreichs weitläufigen Landregionen, da können lediglich Schnapsbrenner Wochen um Wochen entlegenste Dorfplätze blockieren; als destilliertes Hoffnungströpfchen der Marke Eigen-gesöff sozusagen. Da wagt sich nämlich kein Boller-wagen oder gar ein Auto aus fernen Städten in den bäuerlichen Kreisverkehr alkoholischer Selbstversor-gung. Wehe dem - nichts geht da mehr. Winterzeit. Schnapsbrennzeit. Alkoholismus in Frankreich.

SPITZENREITER IN EUROPA

Exakt 20 Liter hochprozentige Schnaps stehen seit Napoléon über zwei Jahrhunderte jedem Bauern der Republik zu; steuerfrei versteht sich - noch. Seinerzeit sollte auch der Pöbel einen "kräftigen Schluck" abbe-kommen. Blieben ansonsten jene unliebsamen Alko-holexzesse der Republik in früheren Epochen doch stets dem Adel, dem Klerus und weitverbreitet einer vergnü-gungssüchtigen Bourgeoisie vorbehalten.

LEBENS-GEWOHNHEIT

Nunmehr sind es aktuelle Momente dieser Jahre, die den Alkoholspiegel von sieben Millionen Franzosen und Französinnen (exakt 18 Prozent der erwachsenen Be-völkerung) im Blut nicht absinken lassen. Gemeinsam mit Deutschland, in dem jährlich pro Kopf zwölf Liter reiner Alkohol geschluckt werden, haben die Franzosen (16 Liter pro Kopf und Jahr) ihre unangefochtene Spitzenposition im Jahr 1996 unter den Trinker-nationen Europas festigen können. Letztlich sind es wohl auch denkwürdige Augenblicke ermatteter franzö-sischer Lebensgewohnheiten, sich des Morgens erneut zu betrinken, um wenigstens vielleicht mit einem frischen Rotweinpegel der Geschichte der Ernüchterung zu entkommen. Und das in Frankreich, in dem der Wein zur aufbauenden Grundnahrung zählt, einem Land, in dem wie selbstverständlich ein Glas Rouge nach der Blutspende im Krankenhaus verabreicht wird.

"WER SÄUFT DENN HIER ?"

Zu selbstverständlich, noch dazu von Napoléon Bonaparte geschichtlich legitimiert, hat sich jedenfalls die Spiritus-Destille etwa im 120 Einwohner zählenden Örtchen Seillonnaz im französischen Alpenvorland an den Ausschank gemacht. Dörfliche Hochstimmung vielerorts, dicke Brummschädel später in den Höfen versteckt. Und irgendwie schon qua Amtes steht die Bürgermeisterin mit angewinkelten Armen wieder einmal vor einem üppigen Arsenal randvoll gefüllter Schnapsflaschen, der Reserve-Batterie kommender Monate. "Wer säuft hier denn schon wieder?, fragt 58jährige Madame Josette Payet gleich mehrere Male forsch-grinsend am mobilen Branntweinbrenner. Dieser Koloss mit seiner kräftigen Spiritus-Destille hat schon seit Tagen auf dem Schulhofvorplatz ihres Dorfes Seillonnaz Abfüllposition bezogen. - Und weiter geht's: Flasche um Flasche, Zuckerrübe um Zuckerrübe, aus der irgendwann und irgendwo fernab besorgter Blicke hochprozentiger, arg billiger Schnaps zu tropfen hat.

"POUSSE-CAFÉ"

Kenner des Alkoholumfeldes verschlüsseln aus gutem Grund ihren täglichen Umgang mit jenem hoch-prozentigen Fusel der Marke ländlicher Eigenbrennerei. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist in Frankreich längst eine Subkultur des Alkoholismus entstanden. So heißt der Landschnaps kurzum "la guole" oder auch "eau de vie" (Lebenswasser). Der Nachbar schimpft sich "pot" (Becher), und ein feuchtes Gelage wird mit "pousse-café" (dem Kaffee-Drücker) um-schrieben. Wer zu tief in die Flasche geguckt hat oder gar nicht mehr laufen kann, der gilt als "cuit" - abge-kocht.

ENDSTATION KRANKENHAUS

Die Männer dort droben an der Destille kennen derlei wiederkehrende anteilnehmende Aufsichts-Rhetrorik der Bürgermeisterin bis hin zum Überdruss. Folglich fällt ihre Antwort Jahr für Jahr lakonischer aus. "Im Prinzip saufen wir hier doch alle. Das wissen Sie doch zu genüge, Madame. Jahrein, jahraus machen wir den-selben Suff, wie schon zu allen Zeiten." - Alkohol-Geplänkel an der Destille im französischen Alpenvor-land. Im zuständigen Kreiskrankenhaus zu Belley ist bereits, wie überhaupt in der gesamten französischen Republik, jedes dritte Bett mit Quartalssäufern oder Wohlstandstrinkern belegt. Ursache: Leberzirrhosen, Delirien, Nephritis - vom Alkohol zerfressen. Endstation.

JÄHRLICH EINE KLEINSTADT

Irgendwie ist der Kumpane Alkohol , die Schnaps-Produktion schlechthin, ob im Alpenvorland, in nord- östlichen Départements, in der Bretagne aber auch in der Normandie, den labilsten Saufregionen der Repu- blik , quasi zur geheimen Kommandosache - zu einem Albtraum - verkommen. Jährlich stirbt in Frankreich eine größere Kleinstadt von 70.000 Menschen (in Deutschland sind es 40.000) an überhöhten wie regelmäßigen Schnapskonsum. Jährlich kosten Frank- reichs Trinker und Trinkerinnen die Kranken- kassen 1,33 Milliarden Euro. Ohne Schnapssucht jedenfalls gäbe es kein Defizit in der Sozialversicherung. Gleich- wohl verdient der Staat immerhin 5,3 Millionen Euro am Alkoholverbrauch mit einem Umsatz von 6,90 Milliarden Euro pro Jahr.

MACHTFAKTOR - WEINBRANDLOBBY

Tatsächlich müssten Frankreichs Lobby der Wein- bauern, Wirte, Schnapsbrenner und Likörfabrikanten vor jenen Schreckenszahlen und Schreckensereignissen in Sachen Alkoholproduktion und -schluckerei kleinlaut in sich gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist ein ein-flussreicher Machtfaktor, zählen doch ein Viertel aller Abgeordneten der Pariser Nationalversammlung zur Weinbrandlobby. Folglich erlebt Frankreich Alkohol-Offensiven um Alkohol-Offensiven als weltweit größter Spiritus-Produzent. Verkaufsregale in Supermärkten gilt es langfristig zu einer Art Schnaps-Revier-Bastion für Land und Leute auszubauen, quillen sie doch jetzt schon großflächig über, so und nicht anders lautet ihre Marketingstrategie. Bereits heute hängt jeder zehnte Arbeitsplatz in Frankreich vom Wein oder von Anis-Schnäpsen ab. Kokett warnen deshalb Likör-Fabri- kanten vor einer "trockene Nation", die den Broterwerb in der Alkoholindustrie durch zusehends höhere Steuern und zudem durch örtliche Trinkverbote - etwa in den Stadtzentren - zunichte macht.

RICARD-MYTHOS ZU MARSEILLE

In Marseille darf demzufolge der Schnaps-Fabrikant Georges Nectoux mit seinem "lebendigen Ricard Mythos" beherzt für das Trinkverhalten von morgen frohlocken. Mit seinen 1.400 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 420.000 Euro (Arbeitslosenquote in Frankreich 12.7 Prozent) genießt er am Mittelmeer ohnehin Narrenfreiheit - als Wohltäter sozusagen. Geschickt verknüpft die Werbedramaturgie seines Unternehmens gesellschaftliche "Verdruss-Menta- litäten" um Sehnsuchts-Augenblicke des alkoholisierten Aufsteiger-Rausches. Ganz nach der Vorahnung: "Après deux verres, tout s'accélère!" (Nach zwei Gläsern geht alles schneller).

Nunmehr - nach derlei durchschlagender Resonanz - soll für Anis-Schnäpse gar in fünfzehn Universitäts-städten das " Trinkverhalten der Jugend erforscht, neue Zielgruppen" an Ricard, Pastis, Pernod ausge- richtet werden. Allein Mitte der neunziger Jahre ver- kaufte die Schnaps-Firma in Frankreich 60 Millionen Flaschen; weitere zehn Millionen gingen ins Ausland - eben trotz Steuererhöhungen ein Umsatzplus von ganzen zehn Prozent.

PREMIX-EINSTIEG

Wie langfristig Frankreichs Jugend an den Alkohol- konsum zu binden ist, das macht die Marketing-Strategie der Premix-Einstiegs-Getränke (Gemisch aus Cola, Gin, Whisky, Rum oder Soda) deutlich. Auf der Jugend-Dose für nur zwei Euro ist jedenfalls dasselbe Markenzeichen wie für hochkarätige Whisky-Flaschen zu finden. "Zielgruppen enthemmender Wiederer-kennungswert" heißt das bei den Verkaufsstrategen lapidar. Zumindest wollen sich jene Premix-Dosen-Hersteller bei den Jugendlichen nicht beklagen. Fanden im Jahr 1996 doch ganze 2,2 Millionen Dosen ihre Abnehmer - das entspricht einer Steigerungsrate von 129 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eben Schüler, Lehrlinge, arbeitslose junge Frauen waren die Erst- trinker. Premix - der Klassiker als Einstiegsgesöff, der fröhliche Wegbereiter und preiswerte Begleiter von der Cola-Dose von nebenan hin zum knallharten Whisky. Ein Übergang auf dem langen Weg in die Wirren des Alkoholismus. Ganz sicher.

TABU-THEMA: SUFF IMMER WIEDER SUFF

Dessen ungeachtet wird in der Öffentlichkeit im Nach- barland Frankreich über den alltäglichen Zwang zum Suff, seinen seelischen Flurschäden und arg hohen medizinischen Folgekosten eher nur beiläufig ge- sprochen. Denn in der Republik des Weins und Anis- schnapses wird, wie in allen romanischen Ländern mit katholischer Dominanz, heimlich gebechert. Der Stationsarzt im Pariser Krankenhaus Amroise-Paré, Claude Got, verdeutlicht den Mentalitätsunterschied in Sachen Alkoholgenuss, etwa zwischen Deutschland und Frankreich: " Der alkoholische Sturzflug wie in deut- schen Kneipen, der ist in Frankreich verpönt. Bier- leichen sind eine germanische Suff-Variante, auch den lallenden Zecher gibt es bei uns so gut wie gar nicht. Alkohol ist ohnehin mit einem gesellschaftlichen Tabu-Bann belegt. Wir reden eher über den Krebs, wir reden über alle Krankheiten. Nur der Alkoholismus ist irgendwie tabu. Das macht den Kampf gegen das Saufen so ungemein schwer."

Tatsächlich verdichtet sich der jahrzehntelange Kampf gegen den Alkoholismus Frankreichs zu einer bedrük-kenden Chronologie der Niederlagen. Schließlich ist und bleibt es ein Land, in dem der Alkohol eine besondere Gemeinde hat. "Ein Leben wie Gott in Frankreich", das besagt schon hinlänglich ein festgezurrtes Klischee. Ein ordentliches Essen fängt nun mal mit einem Aperitif an, eine oder mehrere Flaschen Rot- wie Weißwein ist für den Genuss der Mahlzeiten zwingend. Und den würdi- gen Schlusspunkt setzt allemal das Digestif, die hundertprozentige Verdauungshilfe.

ALKOHOL-LOBBY

Daran konnte auch das sogenannte Evin-Gesetz mit seinen fortgeschriebenen Folgever- ordnungen gegen Tabak- und Alkoholsucht aus dem Jahre 1991 wenig ausrichten. In Wirklichkeit hatte keine französische Regierung je den Mut, einen Frontalangriff gegen die Alkohol-Lobby zu riskieren. Lediglich in den fünfziger Jahren wagte es der unverdrossene Premierminister Pierre Mendes France (*1907+1982) , sich demonstrativ mit einem Glas Milch als Mahnung fotografieren zu lassen. Nur ein Jahr blieb er im Amt. Seither verzeichnet das Protokoll Fehlanzeige, wenn es um den Sprengsatz des Landes, wenn es um die Volkskrankheit Alkohol geht. Lediglich die frühere Justizstaatssekretärin und spätere Frauenministerin (1978-1981), Monique Pelletier, geißelte öffentlich das Nichtstun verantwort- licher Politiker. Sie rechtfertigt sich: "Es war ungemein schwer etwas Wirksames auf die Beine zu stellen. Dreizehn Ministerien hatten etwas zu sagen. Jeder redete groß, fühlte sich kompetent und tat arg betroffen - in der Rhetorik zumindest. In Wirklichkeit passierte nichts. Zerstückelt sieht diese Politik zu, wie die Todesrate nach oben schnellt. Sie trägt die Verant- wortung für den Zusammenbruch, Abbruch vieler mit dem sozialen, familiären, beruflichen Bezug - mit ihrer Existenz. Das hat Tausenden von Menschen hier in Frankreich das Leben gekostet- Grausam, dieser Suff."

DÉPARTEMENT CALVADOS

"Verquere Zeiten", schimpft der Sozialarbeiter Yves-Marie Coulombier aus dem Département Calvados. Der einzige Bezirk Frankreichs, der bezeichnenderweise nach einem Schnaps benannt wurde. In diesem Département hat er bereits 25 Anti-Alkoholiker-Gruppen ge- gründet. Nur leidet Coulombier mit seinen neuen Abstinenzlern in Frankreich unter einer unvermuteten Art des Ausgeschlossenseins. "Nur solange eine Person trinkt, lässt man sie in Frieden, weil Wein, Champagner oder Whisky in allen Gesellschaftsschichten zum guten, netten Ton des Konfirmitätszwanges gehören. Sobald sie aber aufhört, muss sie die Rechnung dafür bezahlen. - Isolation von alten Bekannten, Freunden. Denn diese Zeche ist quasi ein lebendiger Vorwurf gegen den Wahnwitz dieser Jahre - Alkohol - heißt er. Wir müssen stark sein."












































Samstag, 11. Januar 1997

Paradies unendlicher Berglandschaften - Sprungbrett in die Klinik



















Wandel in Skigebieten. Nach Zeiten des Wachs- tums setzen viele Gemeinden auf die Familien. Kinder sind in Frankreichs Bergen besonders gut aufgehoben. Dennoch werden jährlich 90.000 deutsche Skifahrer Opfer eklatanter Pistenunfälle. Für viele Bretternarren ist das Ski-Risiko nur ein Teil ihres Lebensspiels. Lustangst vor dem Rutsch auf langen Ab- fahrten, Riesenabfahrten, Traumab-fahrten.

die tageszeitung, Berlin
vom 06. Januar 1996
und 11. Januar 1997

von Reimar Oltmanns

Erst tauchten sie nahezu unbemerkt vereinzelt auf - die Igludörfer, Schneerutsch- bahnen mit ihren Schlitten-hunden und zuweilen auch Kid-Discos als schmük-kendes Erlebnisszenario in Kinderträumen: dort droben in den abgelegenen, verschneiten französischen Ski-gebieten Savoyen, Hoch-Savoyen, Isère oder auch Drôme. Das war immerhin noch zu jener Zeit, als die alpinen Winterregionen mit über 800 Schnee-kanonen und ihren 420 Liften wie Seilbahnen samt 1.100 Pisten-kilometern mit Wucht und Wolllust am Wildwest-Image eines computergesteuerten Sportzirkus bastelte. - Lang ist's her.

Mittlerweile deuten die unzähligen gefütterten Anoraks, Kunststoffhosen mit Fersensteg und Pudelmützen an, dass in den französischen Alpen und Pyrenäen ein scheinbar neues Zeitalter begonnen hat - die Kinder, die "poussins" (Küken) sind da nicht etwas vereinzelt, sondern in überaus großer Schar.

SCHNEEFLOCKEN-EPOCHE

Vorbei sind die Jahrzehnte des hemmungslosen Wachstums - Zeiten, in denen bedenkenlos Skistationen aus der Retorte gestampft, Berge wegplaniert, Kinder als lästiges Mitbringsel allenfalls geduldet wurden. Trendwandel heißt nunmehr das allseits erlebte Passe-partout des familiären Müßiggangs. Denn Tempo und Rhythmus der Skiorte werden zusehends von einer kunterbunten Kindergeneration bestimmt, Dabei hat sich Frankreich gerade erst die "Schneeflockenepoche der Knirpse", die Ära der "flocons" begonnen. Schon warnt Michel Vion, technischer Direktor für den alpinen Skilauf beim französischen Nationalverband, vor einer dick aufgetragenen Kindermode als unverbrauchtes Antlitz einer neuerlichen Ski-Epoche des Familien-sinns: "Es ist doch absurd, ein achtjähriges Kind mit einem verkleinerten Outfit für Erwachsene als neuesten Trendsetgeschrei über die Pisten zu jagen. Rutschen wollen die im Schnee, nichts weiter."

Nach einer Untersuchung des ADAC sind Kinder im Winterurlaub jedenfalls "am besten in den Skigebieten Frankreichs aufgehoben". Während die Schweizer Konkurrenz sich neuerdings stetig bemüht, ihr Winter-image zu verjüngen, bieten die Franzosen bereits "die besten kindergerechten Übungshänge und spezielle Bébé-Clubs. - Und das praktisch kostenlos, wenn die Kids Lifte oder auch die Pisten in Begleitung ihrer Lehrer benutzen. Zudem bleiben Kinder nicht über Stunden sich selbst überlassen. Für ihre pädagogische Betreuung in Tagesstätten ist rund um die Uhr gesorgt.

QUICKLEBENDIGE KINDER-DÖRFER

Les Ménuires heißt etwa der Skiort in "La Vanoise" (im Dreitäler Eck). Hier gibt es zwei quicklebendige Kinder- dörfer, die von den Kleinen von drei Monaten bis zu sechs Jahren besucht werden können, während die Eltern die Abhänge herunterzischen. Zwei Dorfvereine mit ihrem Gütesiegel "2 Kids" bieten gar schon den Drei- bis Sechsjährigen eine spielerische Einführung in den alpinen Skilauf an.

Gesucht wird vornehmlich auch von den mittlerweile jährlich weit über dreihunderttausend deutschen Skiurlaubern in Frankreich das idyllische Dorf inmitten einer noch intakten Skilandschaft. Besonders im auto- freien Skiort Les Arcs gibt es an den Dreier- und Vierer-Sesselliften kein schneidiges Jet-Set-Getue, keine über-mäßigen Wartezeiten. Der fantastische Schnee ver- hindert zuverlässig vereiste oder abgeschrappte Pisten.

Gerade mit Kindern ist die meist weit angereiste Ur- lauberfamilie am besten im "Basiscamp" Les Arcs, 1.600 Meter über dem Meeresspiegel, aufgehoben. Hier weiche die eher raubeinige Gediegenheit der ewig fortdauernden "Fieberglasbretter-Diskussion" einer freund-lichen, familienbedachte Aufmerksamkeit. Irgendwie ist Les Arcs schon ein Platz zum Luftholen, Durchatmen, Fallenlassen; kein Stressgetue, kein Wichtigkeitsgebelle, leiser Familiensinn ist freundlich gefragt.

SCHNEEVERRÜCKTE NATION

Tatsächlich ist Frankreich schon eine durch und durch "schneeverrückte Nation". Jedes Jahr im Februar organisierten die Schulen der Republik "classes de neige".

Dann ziehen Grundschüler mit ihren Lehrern eine Woche lang in die Berge. Vormittags stehen die Kinder allesamt auf Skiern, nachmittags gibt es normale Schul-stunden. Und nahezu ist es zu Beginn des Skiferien-Unterrichts ein und dasselbe Rateritual dort droben in Frankreichs Bergen um Les Arcs. Da fragt der Lehrer Jean-Luc etwa seine Schüler: "In welchem Jahr holte Jean-Claude Killy eine Goldmedaille, und wann hattet ihr die ersten Knochenbrüche auf den Hängen?" - "Nein, niemals Monsieur".

SPRUNGBRETT INS KRANKENHAUS

Und dennoch ist Kapitän Laurent Thimothèe mit seinem Alouettes-III-Rettungs-hubschrauber im Dauereinsatz. Gerade überfliegt der erfahrene Pilot scharf geschnit-tene Schutthänge, die so aussehen wie Kohlehalden. Hier, in der Westwand der 4.208 Meter hohen Grandes Jorasses im Mont Blanc-Massiv, hat erst vor kurzem eine Eislawine acht Bergsteiger in den Tod mitge-rissen. "Das Risiko", bedeutet der 38jährige Rettungs-flieger von der französischen Gebirgsgendarmerie, "ist schließlich gerade hier in den Alpen ein bizarres Lebens-spiel, das da auf Skiern auch als Snowboard daher-kommt." Und Lawinen rasen überall dort zu Tale, wo Schnee in kahlen Steilhängen liegt - in den Pyrenäen, den Rocky Mountains, den Anden, im Kaukasus - und in den Alpen.

Gerade dort gibt es so viele Lawinen und so viel Ge-wöhnung daran, dass abgeklärte Talbewohner in der Niederfahrt der weißen Massen trotz aller Sorge zudem ein grandioses Naturschauspiel sehen. Durch Ro-dungen der Almen zu breiten Schneeboulevards liegt die Baumgrenze etwa dreihundert bis fünfhundert Meter niedriger als in früheren Jahren.

TRAUMABFAHRTEN

Dafür gibt es hier in den französischen Alpen immerhin sehr lange Abfahrten, Riesenabfahrten, Traumab-fahrten, die den üblichen Rahmen sprengen, die steil und einsam ihre Schleifen über scheinbar unberührte Tiefschneehänge ziehen. In sieben Tagen bekanntlich 600 Kilometer Abfahrten zu bewältigen, so heißt das vorzeigbare Ziel. Täglich an die sechs Stunden über Buckelpisten, Firnschneeflächen und platt-gewalzte Schneeautobahnen zu zischen: zweitausend Meter talwärts und im computergesteuerten Sportzirkus wieder hochliften.


LUSTANGST VOR DEM RUTSCH

Eben die Lustangst vor dem Rutsch, das Abbrechen des Schneebretts, dann die Vibration, der Boden gleitet unter den Füßen weg. Danach Aufruhr, Durcheinander-gewirbelt-Werden, schließlich Ruhe. Blutgefäße platzen unter der Haut. Er hört, gut geleitet durch gepressten Schnee, wie sich das Blut ins Gewebe in die Muskeln ergießt. Ab und zu mischt es sich mit einem Knarzen, wenn die Schneemassen im Lawinenkegel ein wenig nachrutschen. Der zunehmende Druck verschont keinen Körperteil. Nasen und Ohren sind verstopft. Die Augen-lider - unmöglich, sie zu öffnen. Der Mund ist halb mit Schnee gefüllt.

Es ist die Angst vor der Leere und Sinnlosigkeit schlecht-hin, die Angst vor dem Tod, Das ist der unausge-sprochene, aber allgegenwärtige Antrieb für den Kult des durchtrainierten, gebräunten Alpenkörpers, der uns beim Skifahren als Idealbild präsentiert wird.

Für derlei Szenarien stehen die Menschen oft auf dem Wege ins Hochgebirge tagelang im Stau, verbrauchen in der Kälte Unmengen Energie und Ausrüstungsmaterial , das ihnen eine beflissene Industrie bereitstellt: immer neue Bindungen, Fieberglasbretter, fesche Anzüge, Daunenwesten, gekrümmte Stöcke, Helme, Skibrillen ind Bommelmützen für kitzelige Lawinenmomente, Prickelgefühle.

OBEN AM BERG ... ...

Oben am Berg wurden für jene Touristenscharen die Hänge abgeholzt - und erodieren für immer. Das bisschen übrig gebliebene Tierwelt ist längst ver-scheucht. Die schönste, gediegene Landschaft gerät so zum Zirkus. Gewiss - aus der Distanz schaut sie schon majestätisch aus, die beschauliche Welt der Alpen. Da reiht sich Gipfel an Gipfel zum berauschenden Pano-rama. Im Jahre 1938 wurden im gesamten Alpenraum erst rund 50 Millionen touristische Übernachtungen gezählt, inzwischen sind es schon weit über 500 Millionen.

"Die Alpen -ein System unter Druck", betitelte die Genfer Weltnaturschutzunion (IUCN) ihre Studie. Das bedeutet: etwa 12.000 Seilbahnen und Lifte sowie 41.000 Abfahrtpisten mit einer Gesamtlänge von über 120.000 Kilometern zerhacken Landschaften, ruinieren die Umwelt. Und in den Tälern wird es ohnedies stets enger. Dort leben schon heute rund 11,2 Millionen Menschen eng zusammen.

SCHWERSTE VERLETZUNGEN

"In der vergangenen Saison",resümiert Alouettes-Kapitän Laurent Thimothée, "haben wir mit unseren Flügen über 1.150 Bergurlauber in die Heimat gejettet. Dabei hatten sie eins gemeinsam: schwerste Skiver-letzungen. Manchmal war auch ein Sarg mit dabei." Und die Zahl der Skifahrer, für die der Urlaubstag nicht an der Hotelbar, sondern im Krankenhaus endet - diese Anzahl steigt ständig. Vor allem Selbstüberschätzung, Imponiergehabe, Konditionsmangel und der Geschwin-digkeitsrausch abfahrtverrückter Skifahrer führen zu Unfällen. Die Alpen-Bilanz: viermal mehr Wirbelbrüche als noch vor fünf Jahren, dreimal mehr Hüft- und Beckenbrüche, 50 Prozent mehr Kapselverletzungen, 30 Prozent mehr anprallbedingte Kopfverletzungen, oft mit schweren Schädel-Hirn-Traumen. "Die Risikobereit-schaft", erläutert Kapitän Thimothée, "steigt enorm an. In über 80 Prozent der Unfälle sind die Skifahrer ohne Fremdverschulden gestürzt."

HOHE RECHNUNGEN

Eben noch strahlende Sonne und Spaß auf der Piste, dann verkantet, überdreht, Sturz, Spital - und wenn der Schmerz schon längst vergessen ist, die saftige Kranken-haus- und Transportrechnung. Den Statistiken zufolge müssen sich jeden Winter knapp zwei Prozent aller Wintersportler nach einem Skiunfall in ärztliche Be-handlung begeben. Über 90.000 deutsche Skifahrer werden jährlich Opfer eklatanter Pistenunfälle. An die 10.000 landen zur stationären Versorgung im Kranken-haus, über tausend Ski-Unfallopfer tragen bleibende gesundheitliche Schäden davon.

Für einen Oberschenkelhalsbruch in den französischen Bergen macht der Deutsche Skiverband folgende Rech-nung auf: Die Kosten der Bergung, etwa dreiwöchigem Krankenhausaufenthalt und Rücktransport, belaufen sich auf 24.500 Euro. Für knapp drei Viertel dieser Summe muss das Unfallopfer selbst aufkommen, da die gesetzliche Krankenkasse nur cirka 6.700 Euro erstattet.

KRITIKER DER BERGSPORT-INDUSTRIE

"Jeden Winter beweisen es die Alpen dem Menschen aufs neue, dass er nicht dazu konstruiert ist, auf zwei Brettern einen Berg hinunterzufahren", konstatiert Marielle Goitschel, einst frenetisch gefeierte Olympia-siegerin und Weltmeisterin aus dem Jahre 1968. Die heutige Skilehrerin und Direktorin der Schneeakademie von Val Thorens zähl zu den schärften Kritikerinnen der Bergsport-Industrie. "Wir alle rennen in der Winter-saison nur dem Geld hinterher", sagt sie. "Wir schielen auf die Kunden, ohne uns die Zeit zu nehmen, ihnen die Sicherheit zu erklären." Als Marielle Goitschel mir dieses Interview gab, konnte sie nicht ahnen, dass soeben in diesem Moment draußen en siebenjähriges Mädchen auf der Anfängerpiste von einem Schnee-Surfer tödlich niedergerissen wurde.


























Samstag, 7. Dezember 1996

In Provinzen der Republik:Pasionaria der Penduletten

























Soziale Auseinandersetzungen in Frankreich werden härter, die Schere zwischen arm und reich öffnet sich. Der Produktionsfaktor Mensch ist in Westeuropa im postindustriellen Zeitalter des Börsen orientierten Profits zu teuer, überflüssig geworden. Arbeit wandert in "Billig-Lohn-Länder" aus. Über fünf Monate lang besetzten Arbeiterinnen die in Konkurs geratene Uhrenfabrik "L'Epée" im ostfran-zösischen Montbéliard. Mit Betriebsrätin Noelle Grimme an der Spitze kämpften 40 Frauen für Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Vergeb-lich. Mit Knüppeln und Granatwerfern der Sonderpolizei CRS wurden die Fabrikbe-setzerinnen verdroschen - verjagt.


Frankfurter Rundschau
vom 7. Dezember 1996
von Reimar Oltmanns


"Mozart" heißt der kleine Penduletten-Musikkasten vor dem Betriebsrätin Noelle Grimme steht. Die klaren Noten klingen noch einmal durch den Ausstellungs-raum: Restposten. Konkursmasse. Um Madame Noelle herum zeugen Penduletten im Musikgehäuse, Reise- oder Offiziersuhren von der Geschichte der Manufak-tur "L'Epée", einer Uhrenfabrik, die im Vorwort Sainte Suzanne des ostfranzösischen Städtchens Montbéliard im Jahre 1839 gegründet worden ist.

RAFFINESSE UND PRESTIGE

Mit der Hand streicht Noelle behutsam über das glän-zende Messing. Zwischen Zeigefinger und Daumen greift die Betriebsrätin den Henkel und hält eine kleine Standuhr demonstrativ nach oben. "All diese Kunst-werke französischer Raffinesse und Prestige", verrät sie, "haben nicht nur die Größen dieser Welt von Sankt Petersburg über Washington und den Vatikan bis Peking geschmückt. Sie stammen zuallererst von fleißigen Frauenhänden."


EHRE EINER EPOCHE

Es sind meist Arbeiterinnen, die über 30 Jahre hier an der Werkbank für einen Mindestlohn von höchstens 900 Euro geschuftet haben. Diesen "L'Epée"-Frauen käme es sicherlich nie in den Sinn, mit solch einem Uhrwerk - Kaufpreis zwischen 900 und 18.000 Euro - ihr Wohn-zimmer verzieren zu wollen. Und doch kämpften sie um ihre Penduletten. Ihre Manufaktur ist weltweit die letzte gewesen, die alle Teile zur Herstellung der Penduletten handwerklich produziert hat. "L'Epée" - das war schließ-lich ihr Leben.

CGT-GEWERKSCHAFT

Genau 23 Jahre arbeitete Noelle Grimme in dieser Manufaktur. Sie kam zu "L'Epée", um sich "zu rühren", wie sie sagt; müde von einem Mann, den sie 15jährig geheiratet hatte. Er wollte nicht, dass Noelle einen Beruf ausübt. Zu Hause hatte sie sich um zwei Kinder zu kümmern - basta. Sie aber will leben, nach zwölf Jahren erstickender Zweisamkeit lässt sie sich scheiden. Zwei Wochen nach Ankunft in der Fabrik tritt sie in die größte Gewerkschaft CGT (Confédération générale du Travail) Frankreichs mit engen Beziehungen zur kom-munistischen Partei ein. Ein Jahr später wird Noelle zur Vertrauensfrau gewählt. Wenig später fungierte sie als Gewerkschaftssprecherin.


MALOCHE ALS BEFREIUNG

Es sind die Jahre einer neuen, ungewohnten Konflikt-front in Frankreich, auch "Frauen-Militanz" genannt. Noelle sagt: "Wenn Frauen in den Kampf eintreten, dann mit mehr Kraft und größeres Ausdauer als die Männer. Man braucht sich doch bloß die Gesellschaft heutzutage genau angucken. Das Sozialwohnungsamt von Belfort - zum Beispiel - hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass 32 Prozent der Mieter alleiner-ziehende Frauen sind. Bei den Männern hingegen waren es nur fünf Prozent. "Wenn Männer sich trennen, gehen sie zu einer anderen Frau oder wieder direkt zur Mutti zurück. So scheußlich ist das nun einmal. Alleine mit sich zu sein, das halten nur die wenigsten aus.

UNGEDULDIGER - MILITANTER

Wir Frauen sollten uns eingestehen", fährt Noelle fort, "dass wir ungeduldiger, ja militanter geworden sind, weil wir ständig berufstätig und alleinerziehend sind. Aber ob in der Fabrik oder während der Nacht-arbeit - diese Maloche war nicht nur Last, für mich blieb auch schon ein Stück Befreiung. Da kommst du endlich raus aus dieser verengten Welt zu Hause."

Doch diese industrielle Zeitalter dankt nun im Eiltempo ab. Und das nicht nur in Frankreich, sondern überall in alteingesessenen Fabrikregionen. Vorbei sind die Jahre des Überflusses. Überflüssig sind vornehmlich Frauen aus der sogenannten Leichtlohngruppen-Kategorie geworden. "Noch nie", räumt der gaullistische Innen-minister Charles Pasqua (1993-1995) ein, "ist die soziale Lage so angespannt wie heute seit dem Zweiten Welt- krieg."

ZUSTAND DER REBELLION

Für den Pariser Sozialwissenschaftler und zeitweiligen Präsidenten-Berater Emmanuel Todd zeigen in Frank- reich alle Meinungsumfragen "einen noch nie da gewesenen Zustand der Rebellion. Keine Frage, wir befinden uns in einer vorrevolutionären Situation. Denn es gibt die Fähigkeit des französischen Volkes bei schweren Regierungsfehlern, sich plötzlich gegen seine herrschende Klasse zu erheben." Momentaufnahmen in Zahlen: Das Chemie-Unternehmen Pechiney entlässt dreitausend, Peugeot 1.700, Renault 1.600, Moulinex 2.600, Rhône-Poulenc 400, Danone 300 und die Banken Zehntausende von Angestellten. Stempeln gehen alsbald auch 4.500 Bahner, 3.000 Postler, etwas gleich viele Lehrer. Nach gewerkschaftlichen Hochrechnungen sind davon 50 bis 70 Prozent Frauen. Im Schnitt ver- lieren jeden Monat in Frankreich 35.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Selbst die von Zweifelsfällen be- reinigte Erwerbslosenstatistik mit 12,5 Prozent (Deutsch- land 10 Prozent) oder 3,1 Millionen Arbeitslosen erreicht Rekordniveau.

Anders als noch in Deutschland öffnet sich in Frank- reich zudem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Gesellschaftliche Risse haben sich längst zu Gräben erweitert. Seit Mitte der achtziger Jahre werden "die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer", ermittelt die Pariser Statistik-Behörde. Der Lebensstandard der Franzosen, die jünger sind als 25, sank erstmals seit 1989 um 15 Prozent. Ein Viertel der Jugendlichen (Deutschland 8,5 Prozent) sind ohne Job.

OBERSCHICHT UND KLASSENKAMPF

Lediglich die französischen Oberschicht lässt es sich unbeirrt bessergehen. Folge-richtig verfügen zehn Prozent der Bevölkerung über 55 Prozent des National-vermögens der Republik. Frankreich in diesen Wochen - eine längst vergessen geglaubte Grundstimmung des Klassenkampfes aus den fünfziger Jahren erlebt eine Renaissance. Selbst die als gemäßigt wie regierungs-freundlich geltende Gewerkschaftsvorsitzende der CDFT, die 47jährige Lehrerin Nicole Notat, befürchtet mittlerweile, "dass die Republik sehr bald zur Hälfte aus lebenden Toten besteht". Ihre Kollegin, die Kommu-nistin Marie-George Buffet (Jugend- und Sport-ministerin 1997-2002) , rief auf dem "Fête de l'Huma-nité" in Paris vor 20.000 Frauen aus: "Wir Frauen werden nicht zulassen, dass Leiden, Verbitterung und Zukunftsangst unser Leben dominieren."

KEINE STREIKKASSEN

In Wirklichkeit hat auch der gewerkschaftliche Überlebenskampf längst begonnen, Da fürchtet vor-nehmlich, die noch etwa 600.000 Mitglieder starke CGT, gleichfalls als Opfer der Industriekrise allmählich abdanken zu müssen. In keinem anderen Industrieland ist der Organisationsgrad mit zehn Prozent - davon etwa drei Prozent Frauen - so niedrig wie in Frankreich. Und die Tendenz zeigt weiter abwärts. Außerdem verfügen die stark rivalisierenden Gewerkschaftsführer wie Louis Viannet (CGT), Marc Blondel (FO) oder Nicole Notat (CFDT) - anders als ihre deutschen Kollegen - über keine Streikkassen. Etwa 60 Prozent ihrer Mitglieder ver-dienen - umgerechnet - weniger als 1.150 Euro. Während des Streiks wird zuerst ein Überleben durch finanzielle Solidarität möglich. Spenden aus Sammlungen bei Demonstrationen oder auch Zuschüsse aus linken Rathäusern. In wohl keinem anderen europäischen Land ist es zudem legal, dass Unternehmen Mitarbeiter plötzlich entlassen, nur weil sie als ehrenamtliche Vertrauensleute tätig sind.

BETRIEBSRÄTE FLIEGEN RAUS

In Frankreich hingegen wurden allein im Jahr 1994 exakt 10.000 Vertrauensmänner und zudem 3.000 Vertrauensfrauen in die Arbeitslosigkeit geschickt. Ihr Vergehen: Mitglied einer Gewerkschaft zu sein. Auch Betriebsräte, die eigentlich Kündigungsschutz bean-spruchen können, geht es nicht viel besser. In Frank-reich kann das Arbeitsgericht ihren Rauswurf ge-nehmigen - so geschehen in vergangenen Jahr in 85 Prozent der Fälle. So ist es geradezu zwangsläufig, dass bei den Betriebsratswahlen (comités d'entreprises) Nicht-Gewerkschafter mit 30 Prozent die größte Gruppe der Arbeitnehmer bilden. Der Sozialforscher Dominique Labbé vom politischen Institut in Grenoble prophezeit in einer neuen Studie "quasi das Verschwinden der Gewerkschaften am Arbeitsplatz".

Am Tag der Konkurs-Verkündung im ostfranzösischen Montbéliard jedenfalls - Anfang April 1996 - fehlte von den gut bezahlten Managern der französischen "l'Epée"-Edel-Uhren auf dem Fabrikgelände jede Spur. Etwas mehr als drei Millionen Euro Schulden, einen Treu-händer und später den eiligst herbeizitierten Gerichts-vollzieher ließen die Herren zurück. Aber auch 40 Arbeiterinnen und eine Handvoll Männer. Allesamt hatten sie in den vergangenen Jahren bereits einen erheblichen Stellenabbau von 600 auf 64 Mitarbeiter hingenommen. "In dieser Tristesse blieb uns nur noch eines - und das hieß "Rebellion", bedeutet Noelle Grimme, "allerdings unter Frauen-Regie."

"ERSTNACHTS-RECHT" IN DER FABRIK

Es sollte die Zeit der 50jährigen parteilosen Betriebs-rätin Noelle Grimme werden - in der Region Franche Comté kurz unter dem Namen "la Pasionaria des pendulettes" bekannt. Nicht etwa deshalb, weil Noelle der legendären spanischen Bürgerkriegs-Kommunistin Dolores Gómez (1895 - 1989) sendungsbewusst nach-eiferte. Es war schon eher ihre Schlagfertigkeit, die Feuer auf dem besetzten Gelände entfachte. Exakt fünf Monate - Tage wie Nächte - besetzte Noelle mit 40 Kolleginnen die "L'´Epée"-Uhrenfabrik zu Montbéliard.

KLEINMUT

Immer dann, wenn Kleinmut aufkam, war es die Pasionaria, die Durchhalte-Motivationen ihrer Frauen erhöhte. Da erzählte Noelle, wie noch in den späten sechziger Jahren "die Patrons ihre Arbeiterinnen in der Fabrik je nach Belieben" zu vergewaltigen vermochten. Und keiner sagte irgendetwas. Alle waren mucks-mäuschenstill. "Droit de cuissage" (Erstnachtsrecht) hieß das auch nur knapp im gewöhnlichen Fabrik-Jargon. Die Frauen natürlich - die hatten zu schweigen, wollten sie ihre Arbeit und damit das Familienein- kommen nicht gefährden. Bis auf die Empfangs-Mademoiselle Edwige. Nachdem sie in der Garderobe begrabscht worden war, setzte sie sich am nächsten Morgen aus Protest splitter-nackt an die Fabrik-Rezeption.

Als der Junior-Chef - ihr Vergewaltiger - erstaunt her-beieilte, da haben Edwige und drei junge Arbeiterinnen ihn in den Fahrstuhl geschubst. Die Frauen haben dem Chef die Hose vom Leib gerissen. Und bei jedem Etagen-stopp gab es mit einem Knüppel fünf Schläge auf den blanken Hintern. Sechs Stockwerke hatte das Gebäude - und eine halbe Stunde blieb der Lift besetzt.

Wenn die Pasionaria ihren Mitstreiterinnen Martine, Mimi oder Pascale solche Geschichten aus dem Ar-beiterinnen-Leben am Fabriktor erzählte, konnte sie sich der Streiklust der Frauen sicher sein. "Nein, Noelle", bekundeten die Besetzerinnen da am Zaun, "hier gehen wir nicht freiwillig weg. Erst im Kampf treten Augenblicke auf, die uns im Alltag sonst fehlen: Solidarität, Schwesterlichkeit."

Fünf Monate verbrachten 40 Frauen in ihrer Fabrik. Sie arbeiteten tagsüber an ihren Penduletten, bewachten des Nachts das Gelände und träumten von einer Arbeiterinnen-Genossenschaft, die die "L'Epée"-Fabrik aufkauft.

POLIZISTEN MIT GRANATWERFERN

Bis eines Morgens im September Polizisten mit Granatwerfern in die Räume springen. Mit langen Stöcken schlagen sie auf alles ein - auf Möbel wie auf Frauenköpfe. Die Reaktion: Wut-Rufe abgeführter Arbeiterinnen und die Gewissheit: "Wir Frauen sind stärker als ihr Männer. Wir kämpfen für eine Idee, für
Gleichheit und Schwesterlichkeit."

-----------------------------------------------
POSTSCRIPTUM. - Sechs Wochen später nehmen Beschäftigte des Elektrokonzern JVG im lothringischen Longwy ihre japanischen und französischen Chefs für einen halben Tag gefangen. Sie wollten damit gegen eine Werkschließung n Villers-la-Montagne prote-stieren. Betriebsrätin Marie-Hélène Martin wies vor Journalistin auf "das mutige Beispiel der von Frauen besetzten Manufaktur L'Epée in Montbéliard hin." Und dann sagte sie: "Künftig werden in Frankreich nicht nur Streiks, sondern immer mehr Fabrikbesetzungen das Land in Atem halten."