Sonntag, 9. März 1997

Jedes dritte Krankenhausbett für einen Trunksüchtigen





































Jährlich füllen 60 Millionen Flaschen mit scharf-kräftig
en Anis-Schnaps die Regale in Frankreichs Supermärkten und Bars. Ob die Marken nun Ricard, 51, Pastis oder Casanis heißen, ist einerlei. Der tägliche Schluck zählt zum hoch-prozentigen Vergnügen - ein Leben von Rausch zu Rausch. Auch wenn offiziell abgeschafft, so versorgt sich die Landbevölker- ung seit Napoléon Gedenken mit steuerfrei 20 Liter Schnaps im Jahr aus mobilen Spiritus-Brennern. In französischen Provinzen rinnt Schnaps literweise durch die Kehlen. Jährlich stirbt eine größere Kleinstadt von 70.000 Menschen - Ursache: Alkoholmissbrauch


HESSISCHE / NIEDERSÄCHSICHE
ALLGEMEINE , Kassel
vom 9. März 1997
von Reimar Oltmanns

Es gibt triste Wintermonate in Frankreichs weitläufigen Landregionen, da können lediglich Schnapsbrenner Wochen um Wochen entlegenste Dorfplätze blockieren; als destilliertes Hoffnungströpfchen der Marke Eigen-gesöff sozusagen. Da wagt sich nämlich kein Boller-wagen oder gar ein Auto aus fernen Städten in den bäuerlichen Kreisverkehr alkoholischer Selbstversor-gung. Wehe dem - nichts geht da mehr. Winterzeit. Schnapsbrennzeit. Alkoholismus in Frankreich.

SPITZENREITER IN EUROPA

Exakt 20 Liter hochprozentige Schnaps stehen seit Napoléon über zwei Jahrhunderte jedem Bauern der Republik zu; steuerfrei versteht sich - noch. Seinerzeit sollte auch der Pöbel einen "kräftigen Schluck" abbe-kommen. Blieben ansonsten jene unliebsamen Alko-holexzesse der Republik in früheren Epochen doch stets dem Adel, dem Klerus und weitverbreitet einer vergnü-gungssüchtigen Bourgeoisie vorbehalten.

LEBENS-GEWOHNHEIT

Nunmehr sind es aktuelle Momente dieser Jahre, die den Alkoholspiegel von sieben Millionen Franzosen und Französinnen (exakt 18 Prozent der erwachsenen Be-völkerung) im Blut nicht absinken lassen. Gemeinsam mit Deutschland, in dem jährlich pro Kopf zwölf Liter reiner Alkohol geschluckt werden, haben die Franzosen (16 Liter pro Kopf und Jahr) ihre unangefochtene Spitzenposition im Jahr 1996 unter den Trinker-nationen Europas festigen können. Letztlich sind es wohl auch denkwürdige Augenblicke ermatteter franzö-sischer Lebensgewohnheiten, sich des Morgens erneut zu betrinken, um wenigstens vielleicht mit einem frischen Rotweinpegel der Geschichte der Ernüchterung zu entkommen. Und das in Frankreich, in dem der Wein zur aufbauenden Grundnahrung zählt, einem Land, in dem wie selbstverständlich ein Glas Rouge nach der Blutspende im Krankenhaus verabreicht wird.

"WER SÄUFT DENN HIER ?"

Zu selbstverständlich, noch dazu von Napoléon Bonaparte geschichtlich legitimiert, hat sich jedenfalls die Spiritus-Destille etwa im 120 Einwohner zählenden Örtchen Seillonnaz im französischen Alpenvorland an den Ausschank gemacht. Dörfliche Hochstimmung vielerorts, dicke Brummschädel später in den Höfen versteckt. Und irgendwie schon qua Amtes steht die Bürgermeisterin mit angewinkelten Armen wieder einmal vor einem üppigen Arsenal randvoll gefüllter Schnapsflaschen, der Reserve-Batterie kommender Monate. "Wer säuft hier denn schon wieder?, fragt 58jährige Madame Josette Payet gleich mehrere Male forsch-grinsend am mobilen Branntweinbrenner. Dieser Koloss mit seiner kräftigen Spiritus-Destille hat schon seit Tagen auf dem Schulhofvorplatz ihres Dorfes Seillonnaz Abfüllposition bezogen. - Und weiter geht's: Flasche um Flasche, Zuckerrübe um Zuckerrübe, aus der irgendwann und irgendwo fernab besorgter Blicke hochprozentiger, arg billiger Schnaps zu tropfen hat.

"POUSSE-CAFÉ"

Kenner des Alkoholumfeldes verschlüsseln aus gutem Grund ihren täglichen Umgang mit jenem hoch-prozentigen Fusel der Marke ländlicher Eigenbrennerei. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist in Frankreich längst eine Subkultur des Alkoholismus entstanden. So heißt der Landschnaps kurzum "la guole" oder auch "eau de vie" (Lebenswasser). Der Nachbar schimpft sich "pot" (Becher), und ein feuchtes Gelage wird mit "pousse-café" (dem Kaffee-Drücker) um-schrieben. Wer zu tief in die Flasche geguckt hat oder gar nicht mehr laufen kann, der gilt als "cuit" - abge-kocht.

ENDSTATION KRANKENHAUS

Die Männer dort droben an der Destille kennen derlei wiederkehrende anteilnehmende Aufsichts-Rhetrorik der Bürgermeisterin bis hin zum Überdruss. Folglich fällt ihre Antwort Jahr für Jahr lakonischer aus. "Im Prinzip saufen wir hier doch alle. Das wissen Sie doch zu genüge, Madame. Jahrein, jahraus machen wir den-selben Suff, wie schon zu allen Zeiten." - Alkohol-Geplänkel an der Destille im französischen Alpenvor-land. Im zuständigen Kreiskrankenhaus zu Belley ist bereits, wie überhaupt in der gesamten französischen Republik, jedes dritte Bett mit Quartalssäufern oder Wohlstandstrinkern belegt. Ursache: Leberzirrhosen, Delirien, Nephritis - vom Alkohol zerfressen. Endstation.

JÄHRLICH EINE KLEINSTADT

Irgendwie ist der Kumpane Alkohol , die Schnaps-Produktion schlechthin, ob im Alpenvorland, in nord- östlichen Départements, in der Bretagne aber auch in der Normandie, den labilsten Saufregionen der Repu- blik , quasi zur geheimen Kommandosache - zu einem Albtraum - verkommen. Jährlich stirbt in Frankreich eine größere Kleinstadt von 70.000 Menschen (in Deutschland sind es 40.000) an überhöhten wie regelmäßigen Schnapskonsum. Jährlich kosten Frank- reichs Trinker und Trinkerinnen die Kranken- kassen 1,33 Milliarden Euro. Ohne Schnapssucht jedenfalls gäbe es kein Defizit in der Sozialversicherung. Gleich- wohl verdient der Staat immerhin 5,3 Millionen Euro am Alkoholverbrauch mit einem Umsatz von 6,90 Milliarden Euro pro Jahr.

MACHTFAKTOR - WEINBRANDLOBBY

Tatsächlich müssten Frankreichs Lobby der Wein- bauern, Wirte, Schnapsbrenner und Likörfabrikanten vor jenen Schreckenszahlen und Schreckensereignissen in Sachen Alkoholproduktion und -schluckerei kleinlaut in sich gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist ein ein-flussreicher Machtfaktor, zählen doch ein Viertel aller Abgeordneten der Pariser Nationalversammlung zur Weinbrandlobby. Folglich erlebt Frankreich Alkohol-Offensiven um Alkohol-Offensiven als weltweit größter Spiritus-Produzent. Verkaufsregale in Supermärkten gilt es langfristig zu einer Art Schnaps-Revier-Bastion für Land und Leute auszubauen, quillen sie doch jetzt schon großflächig über, so und nicht anders lautet ihre Marketingstrategie. Bereits heute hängt jeder zehnte Arbeitsplatz in Frankreich vom Wein oder von Anis-Schnäpsen ab. Kokett warnen deshalb Likör-Fabri- kanten vor einer "trockene Nation", die den Broterwerb in der Alkoholindustrie durch zusehends höhere Steuern und zudem durch örtliche Trinkverbote - etwa in den Stadtzentren - zunichte macht.

RICARD-MYTHOS ZU MARSEILLE

In Marseille darf demzufolge der Schnaps-Fabrikant Georges Nectoux mit seinem "lebendigen Ricard Mythos" beherzt für das Trinkverhalten von morgen frohlocken. Mit seinen 1.400 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 420.000 Euro (Arbeitslosenquote in Frankreich 12.7 Prozent) genießt er am Mittelmeer ohnehin Narrenfreiheit - als Wohltäter sozusagen. Geschickt verknüpft die Werbedramaturgie seines Unternehmens gesellschaftliche "Verdruss-Menta- litäten" um Sehnsuchts-Augenblicke des alkoholisierten Aufsteiger-Rausches. Ganz nach der Vorahnung: "Après deux verres, tout s'accélère!" (Nach zwei Gläsern geht alles schneller).

Nunmehr - nach derlei durchschlagender Resonanz - soll für Anis-Schnäpse gar in fünfzehn Universitäts-städten das " Trinkverhalten der Jugend erforscht, neue Zielgruppen" an Ricard, Pastis, Pernod ausge- richtet werden. Allein Mitte der neunziger Jahre ver- kaufte die Schnaps-Firma in Frankreich 60 Millionen Flaschen; weitere zehn Millionen gingen ins Ausland - eben trotz Steuererhöhungen ein Umsatzplus von ganzen zehn Prozent.

PREMIX-EINSTIEG

Wie langfristig Frankreichs Jugend an den Alkohol- konsum zu binden ist, das macht die Marketing-Strategie der Premix-Einstiegs-Getränke (Gemisch aus Cola, Gin, Whisky, Rum oder Soda) deutlich. Auf der Jugend-Dose für nur zwei Euro ist jedenfalls dasselbe Markenzeichen wie für hochkarätige Whisky-Flaschen zu finden. "Zielgruppen enthemmender Wiederer-kennungswert" heißt das bei den Verkaufsstrategen lapidar. Zumindest wollen sich jene Premix-Dosen-Hersteller bei den Jugendlichen nicht beklagen. Fanden im Jahr 1996 doch ganze 2,2 Millionen Dosen ihre Abnehmer - das entspricht einer Steigerungsrate von 129 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eben Schüler, Lehrlinge, arbeitslose junge Frauen waren die Erst- trinker. Premix - der Klassiker als Einstiegsgesöff, der fröhliche Wegbereiter und preiswerte Begleiter von der Cola-Dose von nebenan hin zum knallharten Whisky. Ein Übergang auf dem langen Weg in die Wirren des Alkoholismus. Ganz sicher.

TABU-THEMA: SUFF IMMER WIEDER SUFF

Dessen ungeachtet wird in der Öffentlichkeit im Nach- barland Frankreich über den alltäglichen Zwang zum Suff, seinen seelischen Flurschäden und arg hohen medizinischen Folgekosten eher nur beiläufig ge- sprochen. Denn in der Republik des Weins und Anis- schnapses wird, wie in allen romanischen Ländern mit katholischer Dominanz, heimlich gebechert. Der Stationsarzt im Pariser Krankenhaus Amroise-Paré, Claude Got, verdeutlicht den Mentalitätsunterschied in Sachen Alkoholgenuss, etwa zwischen Deutschland und Frankreich: " Der alkoholische Sturzflug wie in deut- schen Kneipen, der ist in Frankreich verpönt. Bier- leichen sind eine germanische Suff-Variante, auch den lallenden Zecher gibt es bei uns so gut wie gar nicht. Alkohol ist ohnehin mit einem gesellschaftlichen Tabu-Bann belegt. Wir reden eher über den Krebs, wir reden über alle Krankheiten. Nur der Alkoholismus ist irgendwie tabu. Das macht den Kampf gegen das Saufen so ungemein schwer."

Tatsächlich verdichtet sich der jahrzehntelange Kampf gegen den Alkoholismus Frankreichs zu einer bedrük-kenden Chronologie der Niederlagen. Schließlich ist und bleibt es ein Land, in dem der Alkohol eine besondere Gemeinde hat. "Ein Leben wie Gott in Frankreich", das besagt schon hinlänglich ein festgezurrtes Klischee. Ein ordentliches Essen fängt nun mal mit einem Aperitif an, eine oder mehrere Flaschen Rot- wie Weißwein ist für den Genuss der Mahlzeiten zwingend. Und den würdi- gen Schlusspunkt setzt allemal das Digestif, die hundertprozentige Verdauungshilfe.

ALKOHOL-LOBBY

Daran konnte auch das sogenannte Evin-Gesetz mit seinen fortgeschriebenen Folgever- ordnungen gegen Tabak- und Alkoholsucht aus dem Jahre 1991 wenig ausrichten. In Wirklichkeit hatte keine französische Regierung je den Mut, einen Frontalangriff gegen die Alkohol-Lobby zu riskieren. Lediglich in den fünfziger Jahren wagte es der unverdrossene Premierminister Pierre Mendes France (*1907+1982) , sich demonstrativ mit einem Glas Milch als Mahnung fotografieren zu lassen. Nur ein Jahr blieb er im Amt. Seither verzeichnet das Protokoll Fehlanzeige, wenn es um den Sprengsatz des Landes, wenn es um die Volkskrankheit Alkohol geht. Lediglich die frühere Justizstaatssekretärin und spätere Frauenministerin (1978-1981), Monique Pelletier, geißelte öffentlich das Nichtstun verantwort- licher Politiker. Sie rechtfertigt sich: "Es war ungemein schwer etwas Wirksames auf die Beine zu stellen. Dreizehn Ministerien hatten etwas zu sagen. Jeder redete groß, fühlte sich kompetent und tat arg betroffen - in der Rhetorik zumindest. In Wirklichkeit passierte nichts. Zerstückelt sieht diese Politik zu, wie die Todesrate nach oben schnellt. Sie trägt die Verant- wortung für den Zusammenbruch, Abbruch vieler mit dem sozialen, familiären, beruflichen Bezug - mit ihrer Existenz. Das hat Tausenden von Menschen hier in Frankreich das Leben gekostet- Grausam, dieser Suff."

DÉPARTEMENT CALVADOS

"Verquere Zeiten", schimpft der Sozialarbeiter Yves-Marie Coulombier aus dem Département Calvados. Der einzige Bezirk Frankreichs, der bezeichnenderweise nach einem Schnaps benannt wurde. In diesem Département hat er bereits 25 Anti-Alkoholiker-Gruppen ge- gründet. Nur leidet Coulombier mit seinen neuen Abstinenzlern in Frankreich unter einer unvermuteten Art des Ausgeschlossenseins. "Nur solange eine Person trinkt, lässt man sie in Frieden, weil Wein, Champagner oder Whisky in allen Gesellschaftsschichten zum guten, netten Ton des Konfirmitätszwanges gehören. Sobald sie aber aufhört, muss sie die Rechnung dafür bezahlen. - Isolation von alten Bekannten, Freunden. Denn diese Zeche ist quasi ein lebendiger Vorwurf gegen den Wahnwitz dieser Jahre - Alkohol - heißt er. Wir müssen stark sein."












































Samstag, 11. Januar 1997

Paradies unendlicher Berglandschaften - Sprungbrett in die Klinik



















Wandel in Skigebieten. Nach Zeiten des Wachs- tums setzen viele Gemeinden auf die Familien. Kinder sind in Frankreichs Bergen besonders gut aufgehoben. Dennoch werden jährlich 90.000 deutsche Skifahrer Opfer eklatanter Pistenunfälle. Für viele Bretternarren ist das Ski-Risiko nur ein Teil ihres Lebensspiels. Lustangst vor dem Rutsch auf langen Ab- fahrten, Riesenabfahrten, Traumab-fahrten.

die tageszeitung, Berlin
vom 06. Januar 1996
und 11. Januar 1997

von Reimar Oltmanns

Erst tauchten sie nahezu unbemerkt vereinzelt auf - die Igludörfer, Schneerutsch- bahnen mit ihren Schlitten-hunden und zuweilen auch Kid-Discos als schmük-kendes Erlebnisszenario in Kinderträumen: dort droben in den abgelegenen, verschneiten französischen Ski-gebieten Savoyen, Hoch-Savoyen, Isère oder auch Drôme. Das war immerhin noch zu jener Zeit, als die alpinen Winterregionen mit über 800 Schnee-kanonen und ihren 420 Liften wie Seilbahnen samt 1.100 Pisten-kilometern mit Wucht und Wolllust am Wildwest-Image eines computergesteuerten Sportzirkus bastelte. - Lang ist's her.

Mittlerweile deuten die unzähligen gefütterten Anoraks, Kunststoffhosen mit Fersensteg und Pudelmützen an, dass in den französischen Alpen und Pyrenäen ein scheinbar neues Zeitalter begonnen hat - die Kinder, die "poussins" (Küken) sind da nicht etwas vereinzelt, sondern in überaus großer Schar.

SCHNEEFLOCKEN-EPOCHE

Vorbei sind die Jahrzehnte des hemmungslosen Wachstums - Zeiten, in denen bedenkenlos Skistationen aus der Retorte gestampft, Berge wegplaniert, Kinder als lästiges Mitbringsel allenfalls geduldet wurden. Trendwandel heißt nunmehr das allseits erlebte Passe-partout des familiären Müßiggangs. Denn Tempo und Rhythmus der Skiorte werden zusehends von einer kunterbunten Kindergeneration bestimmt, Dabei hat sich Frankreich gerade erst die "Schneeflockenepoche der Knirpse", die Ära der "flocons" begonnen. Schon warnt Michel Vion, technischer Direktor für den alpinen Skilauf beim französischen Nationalverband, vor einer dick aufgetragenen Kindermode als unverbrauchtes Antlitz einer neuerlichen Ski-Epoche des Familien-sinns: "Es ist doch absurd, ein achtjähriges Kind mit einem verkleinerten Outfit für Erwachsene als neuesten Trendsetgeschrei über die Pisten zu jagen. Rutschen wollen die im Schnee, nichts weiter."

Nach einer Untersuchung des ADAC sind Kinder im Winterurlaub jedenfalls "am besten in den Skigebieten Frankreichs aufgehoben". Während die Schweizer Konkurrenz sich neuerdings stetig bemüht, ihr Winter-image zu verjüngen, bieten die Franzosen bereits "die besten kindergerechten Übungshänge und spezielle Bébé-Clubs. - Und das praktisch kostenlos, wenn die Kids Lifte oder auch die Pisten in Begleitung ihrer Lehrer benutzen. Zudem bleiben Kinder nicht über Stunden sich selbst überlassen. Für ihre pädagogische Betreuung in Tagesstätten ist rund um die Uhr gesorgt.

QUICKLEBENDIGE KINDER-DÖRFER

Les Ménuires heißt etwa der Skiort in "La Vanoise" (im Dreitäler Eck). Hier gibt es zwei quicklebendige Kinder- dörfer, die von den Kleinen von drei Monaten bis zu sechs Jahren besucht werden können, während die Eltern die Abhänge herunterzischen. Zwei Dorfvereine mit ihrem Gütesiegel "2 Kids" bieten gar schon den Drei- bis Sechsjährigen eine spielerische Einführung in den alpinen Skilauf an.

Gesucht wird vornehmlich auch von den mittlerweile jährlich weit über dreihunderttausend deutschen Skiurlaubern in Frankreich das idyllische Dorf inmitten einer noch intakten Skilandschaft. Besonders im auto- freien Skiort Les Arcs gibt es an den Dreier- und Vierer-Sesselliften kein schneidiges Jet-Set-Getue, keine über-mäßigen Wartezeiten. Der fantastische Schnee ver- hindert zuverlässig vereiste oder abgeschrappte Pisten.

Gerade mit Kindern ist die meist weit angereiste Ur- lauberfamilie am besten im "Basiscamp" Les Arcs, 1.600 Meter über dem Meeresspiegel, aufgehoben. Hier weiche die eher raubeinige Gediegenheit der ewig fortdauernden "Fieberglasbretter-Diskussion" einer freund-lichen, familienbedachte Aufmerksamkeit. Irgendwie ist Les Arcs schon ein Platz zum Luftholen, Durchatmen, Fallenlassen; kein Stressgetue, kein Wichtigkeitsgebelle, leiser Familiensinn ist freundlich gefragt.

SCHNEEVERRÜCKTE NATION

Tatsächlich ist Frankreich schon eine durch und durch "schneeverrückte Nation". Jedes Jahr im Februar organisierten die Schulen der Republik "classes de neige".

Dann ziehen Grundschüler mit ihren Lehrern eine Woche lang in die Berge. Vormittags stehen die Kinder allesamt auf Skiern, nachmittags gibt es normale Schul-stunden. Und nahezu ist es zu Beginn des Skiferien-Unterrichts ein und dasselbe Rateritual dort droben in Frankreichs Bergen um Les Arcs. Da fragt der Lehrer Jean-Luc etwa seine Schüler: "In welchem Jahr holte Jean-Claude Killy eine Goldmedaille, und wann hattet ihr die ersten Knochenbrüche auf den Hängen?" - "Nein, niemals Monsieur".

SPRUNGBRETT INS KRANKENHAUS

Und dennoch ist Kapitän Laurent Thimothèe mit seinem Alouettes-III-Rettungs-hubschrauber im Dauereinsatz. Gerade überfliegt der erfahrene Pilot scharf geschnit-tene Schutthänge, die so aussehen wie Kohlehalden. Hier, in der Westwand der 4.208 Meter hohen Grandes Jorasses im Mont Blanc-Massiv, hat erst vor kurzem eine Eislawine acht Bergsteiger in den Tod mitge-rissen. "Das Risiko", bedeutet der 38jährige Rettungs-flieger von der französischen Gebirgsgendarmerie, "ist schließlich gerade hier in den Alpen ein bizarres Lebens-spiel, das da auf Skiern auch als Snowboard daher-kommt." Und Lawinen rasen überall dort zu Tale, wo Schnee in kahlen Steilhängen liegt - in den Pyrenäen, den Rocky Mountains, den Anden, im Kaukasus - und in den Alpen.

Gerade dort gibt es so viele Lawinen und so viel Ge-wöhnung daran, dass abgeklärte Talbewohner in der Niederfahrt der weißen Massen trotz aller Sorge zudem ein grandioses Naturschauspiel sehen. Durch Ro-dungen der Almen zu breiten Schneeboulevards liegt die Baumgrenze etwa dreihundert bis fünfhundert Meter niedriger als in früheren Jahren.

TRAUMABFAHRTEN

Dafür gibt es hier in den französischen Alpen immerhin sehr lange Abfahrten, Riesenabfahrten, Traumab-fahrten, die den üblichen Rahmen sprengen, die steil und einsam ihre Schleifen über scheinbar unberührte Tiefschneehänge ziehen. In sieben Tagen bekanntlich 600 Kilometer Abfahrten zu bewältigen, so heißt das vorzeigbare Ziel. Täglich an die sechs Stunden über Buckelpisten, Firnschneeflächen und platt-gewalzte Schneeautobahnen zu zischen: zweitausend Meter talwärts und im computergesteuerten Sportzirkus wieder hochliften.


LUSTANGST VOR DEM RUTSCH

Eben die Lustangst vor dem Rutsch, das Abbrechen des Schneebretts, dann die Vibration, der Boden gleitet unter den Füßen weg. Danach Aufruhr, Durcheinander-gewirbelt-Werden, schließlich Ruhe. Blutgefäße platzen unter der Haut. Er hört, gut geleitet durch gepressten Schnee, wie sich das Blut ins Gewebe in die Muskeln ergießt. Ab und zu mischt es sich mit einem Knarzen, wenn die Schneemassen im Lawinenkegel ein wenig nachrutschen. Der zunehmende Druck verschont keinen Körperteil. Nasen und Ohren sind verstopft. Die Augen-lider - unmöglich, sie zu öffnen. Der Mund ist halb mit Schnee gefüllt.

Es ist die Angst vor der Leere und Sinnlosigkeit schlecht-hin, die Angst vor dem Tod, Das ist der unausge-sprochene, aber allgegenwärtige Antrieb für den Kult des durchtrainierten, gebräunten Alpenkörpers, der uns beim Skifahren als Idealbild präsentiert wird.

Für derlei Szenarien stehen die Menschen oft auf dem Wege ins Hochgebirge tagelang im Stau, verbrauchen in der Kälte Unmengen Energie und Ausrüstungsmaterial , das ihnen eine beflissene Industrie bereitstellt: immer neue Bindungen, Fieberglasbretter, fesche Anzüge, Daunenwesten, gekrümmte Stöcke, Helme, Skibrillen ind Bommelmützen für kitzelige Lawinenmomente, Prickelgefühle.

OBEN AM BERG ... ...

Oben am Berg wurden für jene Touristenscharen die Hänge abgeholzt - und erodieren für immer. Das bisschen übrig gebliebene Tierwelt ist längst ver-scheucht. Die schönste, gediegene Landschaft gerät so zum Zirkus. Gewiss - aus der Distanz schaut sie schon majestätisch aus, die beschauliche Welt der Alpen. Da reiht sich Gipfel an Gipfel zum berauschenden Pano-rama. Im Jahre 1938 wurden im gesamten Alpenraum erst rund 50 Millionen touristische Übernachtungen gezählt, inzwischen sind es schon weit über 500 Millionen.

"Die Alpen -ein System unter Druck", betitelte die Genfer Weltnaturschutzunion (IUCN) ihre Studie. Das bedeutet: etwa 12.000 Seilbahnen und Lifte sowie 41.000 Abfahrtpisten mit einer Gesamtlänge von über 120.000 Kilometern zerhacken Landschaften, ruinieren die Umwelt. Und in den Tälern wird es ohnedies stets enger. Dort leben schon heute rund 11,2 Millionen Menschen eng zusammen.

SCHWERSTE VERLETZUNGEN

"In der vergangenen Saison",resümiert Alouettes-Kapitän Laurent Thimothée, "haben wir mit unseren Flügen über 1.150 Bergurlauber in die Heimat gejettet. Dabei hatten sie eins gemeinsam: schwerste Skiver-letzungen. Manchmal war auch ein Sarg mit dabei." Und die Zahl der Skifahrer, für die der Urlaubstag nicht an der Hotelbar, sondern im Krankenhaus endet - diese Anzahl steigt ständig. Vor allem Selbstüberschätzung, Imponiergehabe, Konditionsmangel und der Geschwin-digkeitsrausch abfahrtverrückter Skifahrer führen zu Unfällen. Die Alpen-Bilanz: viermal mehr Wirbelbrüche als noch vor fünf Jahren, dreimal mehr Hüft- und Beckenbrüche, 50 Prozent mehr Kapselverletzungen, 30 Prozent mehr anprallbedingte Kopfverletzungen, oft mit schweren Schädel-Hirn-Traumen. "Die Risikobereit-schaft", erläutert Kapitän Thimothée, "steigt enorm an. In über 80 Prozent der Unfälle sind die Skifahrer ohne Fremdverschulden gestürzt."

HOHE RECHNUNGEN

Eben noch strahlende Sonne und Spaß auf der Piste, dann verkantet, überdreht, Sturz, Spital - und wenn der Schmerz schon längst vergessen ist, die saftige Kranken-haus- und Transportrechnung. Den Statistiken zufolge müssen sich jeden Winter knapp zwei Prozent aller Wintersportler nach einem Skiunfall in ärztliche Be-handlung begeben. Über 90.000 deutsche Skifahrer werden jährlich Opfer eklatanter Pistenunfälle. An die 10.000 landen zur stationären Versorgung im Kranken-haus, über tausend Ski-Unfallopfer tragen bleibende gesundheitliche Schäden davon.

Für einen Oberschenkelhalsbruch in den französischen Bergen macht der Deutsche Skiverband folgende Rech-nung auf: Die Kosten der Bergung, etwa dreiwöchigem Krankenhausaufenthalt und Rücktransport, belaufen sich auf 24.500 Euro. Für knapp drei Viertel dieser Summe muss das Unfallopfer selbst aufkommen, da die gesetzliche Krankenkasse nur cirka 6.700 Euro erstattet.

KRITIKER DER BERGSPORT-INDUSTRIE

"Jeden Winter beweisen es die Alpen dem Menschen aufs neue, dass er nicht dazu konstruiert ist, auf zwei Brettern einen Berg hinunterzufahren", konstatiert Marielle Goitschel, einst frenetisch gefeierte Olympia-siegerin und Weltmeisterin aus dem Jahre 1968. Die heutige Skilehrerin und Direktorin der Schneeakademie von Val Thorens zähl zu den schärften Kritikerinnen der Bergsport-Industrie. "Wir alle rennen in der Winter-saison nur dem Geld hinterher", sagt sie. "Wir schielen auf die Kunden, ohne uns die Zeit zu nehmen, ihnen die Sicherheit zu erklären." Als Marielle Goitschel mir dieses Interview gab, konnte sie nicht ahnen, dass soeben in diesem Moment draußen en siebenjähriges Mädchen auf der Anfängerpiste von einem Schnee-Surfer tödlich niedergerissen wurde.


























Samstag, 7. Dezember 1996

In Provinzen der Republik:Pasionaria der Penduletten

























Soziale Auseinandersetzungen in Frankreich werden härter, die Schere zwischen arm und reich öffnet sich. Der Produktionsfaktor Mensch ist in Westeuropa im postindustriellen Zeitalter des Börsen orientierten Profits zu teuer, überflüssig geworden. Arbeit wandert in "Billig-Lohn-Länder" aus. Über fünf Monate lang besetzten Arbeiterinnen die in Konkurs geratene Uhrenfabrik "L'Epée" im ostfran-zösischen Montbéliard. Mit Betriebsrätin Noelle Grimme an der Spitze kämpften 40 Frauen für Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Vergeb-lich. Mit Knüppeln und Granatwerfern der Sonderpolizei CRS wurden die Fabrikbe-setzerinnen verdroschen - verjagt.


Frankfurter Rundschau
vom 7. Dezember 1996
von Reimar Oltmanns


"Mozart" heißt der kleine Penduletten-Musikkasten vor dem Betriebsrätin Noelle Grimme steht. Die klaren Noten klingen noch einmal durch den Ausstellungs-raum: Restposten. Konkursmasse. Um Madame Noelle herum zeugen Penduletten im Musikgehäuse, Reise- oder Offiziersuhren von der Geschichte der Manufak-tur "L'Epée", einer Uhrenfabrik, die im Vorwort Sainte Suzanne des ostfranzösischen Städtchens Montbéliard im Jahre 1839 gegründet worden ist.

RAFFINESSE UND PRESTIGE

Mit der Hand streicht Noelle behutsam über das glän-zende Messing. Zwischen Zeigefinger und Daumen greift die Betriebsrätin den Henkel und hält eine kleine Standuhr demonstrativ nach oben. "All diese Kunst-werke französischer Raffinesse und Prestige", verrät sie, "haben nicht nur die Größen dieser Welt von Sankt Petersburg über Washington und den Vatikan bis Peking geschmückt. Sie stammen zuallererst von fleißigen Frauenhänden."


EHRE EINER EPOCHE

Es sind meist Arbeiterinnen, die über 30 Jahre hier an der Werkbank für einen Mindestlohn von höchstens 900 Euro geschuftet haben. Diesen "L'Epée"-Frauen käme es sicherlich nie in den Sinn, mit solch einem Uhrwerk - Kaufpreis zwischen 900 und 18.000 Euro - ihr Wohn-zimmer verzieren zu wollen. Und doch kämpften sie um ihre Penduletten. Ihre Manufaktur ist weltweit die letzte gewesen, die alle Teile zur Herstellung der Penduletten handwerklich produziert hat. "L'Epée" - das war schließ-lich ihr Leben.

CGT-GEWERKSCHAFT

Genau 23 Jahre arbeitete Noelle Grimme in dieser Manufaktur. Sie kam zu "L'Epée", um sich "zu rühren", wie sie sagt; müde von einem Mann, den sie 15jährig geheiratet hatte. Er wollte nicht, dass Noelle einen Beruf ausübt. Zu Hause hatte sie sich um zwei Kinder zu kümmern - basta. Sie aber will leben, nach zwölf Jahren erstickender Zweisamkeit lässt sie sich scheiden. Zwei Wochen nach Ankunft in der Fabrik tritt sie in die größte Gewerkschaft CGT (Confédération générale du Travail) Frankreichs mit engen Beziehungen zur kom-munistischen Partei ein. Ein Jahr später wird Noelle zur Vertrauensfrau gewählt. Wenig später fungierte sie als Gewerkschaftssprecherin.


MALOCHE ALS BEFREIUNG

Es sind die Jahre einer neuen, ungewohnten Konflikt-front in Frankreich, auch "Frauen-Militanz" genannt. Noelle sagt: "Wenn Frauen in den Kampf eintreten, dann mit mehr Kraft und größeres Ausdauer als die Männer. Man braucht sich doch bloß die Gesellschaft heutzutage genau angucken. Das Sozialwohnungsamt von Belfort - zum Beispiel - hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass 32 Prozent der Mieter alleiner-ziehende Frauen sind. Bei den Männern hingegen waren es nur fünf Prozent. "Wenn Männer sich trennen, gehen sie zu einer anderen Frau oder wieder direkt zur Mutti zurück. So scheußlich ist das nun einmal. Alleine mit sich zu sein, das halten nur die wenigsten aus.

UNGEDULDIGER - MILITANTER

Wir Frauen sollten uns eingestehen", fährt Noelle fort, "dass wir ungeduldiger, ja militanter geworden sind, weil wir ständig berufstätig und alleinerziehend sind. Aber ob in der Fabrik oder während der Nacht-arbeit - diese Maloche war nicht nur Last, für mich blieb auch schon ein Stück Befreiung. Da kommst du endlich raus aus dieser verengten Welt zu Hause."

Doch diese industrielle Zeitalter dankt nun im Eiltempo ab. Und das nicht nur in Frankreich, sondern überall in alteingesessenen Fabrikregionen. Vorbei sind die Jahre des Überflusses. Überflüssig sind vornehmlich Frauen aus der sogenannten Leichtlohngruppen-Kategorie geworden. "Noch nie", räumt der gaullistische Innen-minister Charles Pasqua (1993-1995) ein, "ist die soziale Lage so angespannt wie heute seit dem Zweiten Welt- krieg."

ZUSTAND DER REBELLION

Für den Pariser Sozialwissenschaftler und zeitweiligen Präsidenten-Berater Emmanuel Todd zeigen in Frank- reich alle Meinungsumfragen "einen noch nie da gewesenen Zustand der Rebellion. Keine Frage, wir befinden uns in einer vorrevolutionären Situation. Denn es gibt die Fähigkeit des französischen Volkes bei schweren Regierungsfehlern, sich plötzlich gegen seine herrschende Klasse zu erheben." Momentaufnahmen in Zahlen: Das Chemie-Unternehmen Pechiney entlässt dreitausend, Peugeot 1.700, Renault 1.600, Moulinex 2.600, Rhône-Poulenc 400, Danone 300 und die Banken Zehntausende von Angestellten. Stempeln gehen alsbald auch 4.500 Bahner, 3.000 Postler, etwas gleich viele Lehrer. Nach gewerkschaftlichen Hochrechnungen sind davon 50 bis 70 Prozent Frauen. Im Schnitt ver- lieren jeden Monat in Frankreich 35.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Selbst die von Zweifelsfällen be- reinigte Erwerbslosenstatistik mit 12,5 Prozent (Deutsch- land 10 Prozent) oder 3,1 Millionen Arbeitslosen erreicht Rekordniveau.

Anders als noch in Deutschland öffnet sich in Frank- reich zudem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Gesellschaftliche Risse haben sich längst zu Gräben erweitert. Seit Mitte der achtziger Jahre werden "die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer", ermittelt die Pariser Statistik-Behörde. Der Lebensstandard der Franzosen, die jünger sind als 25, sank erstmals seit 1989 um 15 Prozent. Ein Viertel der Jugendlichen (Deutschland 8,5 Prozent) sind ohne Job.

OBERSCHICHT UND KLASSENKAMPF

Lediglich die französischen Oberschicht lässt es sich unbeirrt bessergehen. Folge-richtig verfügen zehn Prozent der Bevölkerung über 55 Prozent des National-vermögens der Republik. Frankreich in diesen Wochen - eine längst vergessen geglaubte Grundstimmung des Klassenkampfes aus den fünfziger Jahren erlebt eine Renaissance. Selbst die als gemäßigt wie regierungs-freundlich geltende Gewerkschaftsvorsitzende der CDFT, die 47jährige Lehrerin Nicole Notat, befürchtet mittlerweile, "dass die Republik sehr bald zur Hälfte aus lebenden Toten besteht". Ihre Kollegin, die Kommu-nistin Marie-George Buffet (Jugend- und Sport-ministerin 1997-2002) , rief auf dem "Fête de l'Huma-nité" in Paris vor 20.000 Frauen aus: "Wir Frauen werden nicht zulassen, dass Leiden, Verbitterung und Zukunftsangst unser Leben dominieren."

KEINE STREIKKASSEN

In Wirklichkeit hat auch der gewerkschaftliche Überlebenskampf längst begonnen, Da fürchtet vor-nehmlich, die noch etwa 600.000 Mitglieder starke CGT, gleichfalls als Opfer der Industriekrise allmählich abdanken zu müssen. In keinem anderen Industrieland ist der Organisationsgrad mit zehn Prozent - davon etwa drei Prozent Frauen - so niedrig wie in Frankreich. Und die Tendenz zeigt weiter abwärts. Außerdem verfügen die stark rivalisierenden Gewerkschaftsführer wie Louis Viannet (CGT), Marc Blondel (FO) oder Nicole Notat (CFDT) - anders als ihre deutschen Kollegen - über keine Streikkassen. Etwa 60 Prozent ihrer Mitglieder ver-dienen - umgerechnet - weniger als 1.150 Euro. Während des Streiks wird zuerst ein Überleben durch finanzielle Solidarität möglich. Spenden aus Sammlungen bei Demonstrationen oder auch Zuschüsse aus linken Rathäusern. In wohl keinem anderen europäischen Land ist es zudem legal, dass Unternehmen Mitarbeiter plötzlich entlassen, nur weil sie als ehrenamtliche Vertrauensleute tätig sind.

BETRIEBSRÄTE FLIEGEN RAUS

In Frankreich hingegen wurden allein im Jahr 1994 exakt 10.000 Vertrauensmänner und zudem 3.000 Vertrauensfrauen in die Arbeitslosigkeit geschickt. Ihr Vergehen: Mitglied einer Gewerkschaft zu sein. Auch Betriebsräte, die eigentlich Kündigungsschutz bean-spruchen können, geht es nicht viel besser. In Frank-reich kann das Arbeitsgericht ihren Rauswurf ge-nehmigen - so geschehen in vergangenen Jahr in 85 Prozent der Fälle. So ist es geradezu zwangsläufig, dass bei den Betriebsratswahlen (comités d'entreprises) Nicht-Gewerkschafter mit 30 Prozent die größte Gruppe der Arbeitnehmer bilden. Der Sozialforscher Dominique Labbé vom politischen Institut in Grenoble prophezeit in einer neuen Studie "quasi das Verschwinden der Gewerkschaften am Arbeitsplatz".

Am Tag der Konkurs-Verkündung im ostfranzösischen Montbéliard jedenfalls - Anfang April 1996 - fehlte von den gut bezahlten Managern der französischen "l'Epée"-Edel-Uhren auf dem Fabrikgelände jede Spur. Etwas mehr als drei Millionen Euro Schulden, einen Treu-händer und später den eiligst herbeizitierten Gerichts-vollzieher ließen die Herren zurück. Aber auch 40 Arbeiterinnen und eine Handvoll Männer. Allesamt hatten sie in den vergangenen Jahren bereits einen erheblichen Stellenabbau von 600 auf 64 Mitarbeiter hingenommen. "In dieser Tristesse blieb uns nur noch eines - und das hieß "Rebellion", bedeutet Noelle Grimme, "allerdings unter Frauen-Regie."

"ERSTNACHTS-RECHT" IN DER FABRIK

Es sollte die Zeit der 50jährigen parteilosen Betriebs-rätin Noelle Grimme werden - in der Region Franche Comté kurz unter dem Namen "la Pasionaria des pendulettes" bekannt. Nicht etwa deshalb, weil Noelle der legendären spanischen Bürgerkriegs-Kommunistin Dolores Gómez (1895 - 1989) sendungsbewusst nach-eiferte. Es war schon eher ihre Schlagfertigkeit, die Feuer auf dem besetzten Gelände entfachte. Exakt fünf Monate - Tage wie Nächte - besetzte Noelle mit 40 Kolleginnen die "L'´Epée"-Uhrenfabrik zu Montbéliard.

KLEINMUT

Immer dann, wenn Kleinmut aufkam, war es die Pasionaria, die Durchhalte-Motivationen ihrer Frauen erhöhte. Da erzählte Noelle, wie noch in den späten sechziger Jahren "die Patrons ihre Arbeiterinnen in der Fabrik je nach Belieben" zu vergewaltigen vermochten. Und keiner sagte irgendetwas. Alle waren mucks-mäuschenstill. "Droit de cuissage" (Erstnachtsrecht) hieß das auch nur knapp im gewöhnlichen Fabrik-Jargon. Die Frauen natürlich - die hatten zu schweigen, wollten sie ihre Arbeit und damit das Familienein- kommen nicht gefährden. Bis auf die Empfangs-Mademoiselle Edwige. Nachdem sie in der Garderobe begrabscht worden war, setzte sie sich am nächsten Morgen aus Protest splitter-nackt an die Fabrik-Rezeption.

Als der Junior-Chef - ihr Vergewaltiger - erstaunt her-beieilte, da haben Edwige und drei junge Arbeiterinnen ihn in den Fahrstuhl geschubst. Die Frauen haben dem Chef die Hose vom Leib gerissen. Und bei jedem Etagen-stopp gab es mit einem Knüppel fünf Schläge auf den blanken Hintern. Sechs Stockwerke hatte das Gebäude - und eine halbe Stunde blieb der Lift besetzt.

Wenn die Pasionaria ihren Mitstreiterinnen Martine, Mimi oder Pascale solche Geschichten aus dem Ar-beiterinnen-Leben am Fabriktor erzählte, konnte sie sich der Streiklust der Frauen sicher sein. "Nein, Noelle", bekundeten die Besetzerinnen da am Zaun, "hier gehen wir nicht freiwillig weg. Erst im Kampf treten Augenblicke auf, die uns im Alltag sonst fehlen: Solidarität, Schwesterlichkeit."

Fünf Monate verbrachten 40 Frauen in ihrer Fabrik. Sie arbeiteten tagsüber an ihren Penduletten, bewachten des Nachts das Gelände und träumten von einer Arbeiterinnen-Genossenschaft, die die "L'Epée"-Fabrik aufkauft.

POLIZISTEN MIT GRANATWERFERN

Bis eines Morgens im September Polizisten mit Granatwerfern in die Räume springen. Mit langen Stöcken schlagen sie auf alles ein - auf Möbel wie auf Frauenköpfe. Die Reaktion: Wut-Rufe abgeführter Arbeiterinnen und die Gewissheit: "Wir Frauen sind stärker als ihr Männer. Wir kämpfen für eine Idee, für
Gleichheit und Schwesterlichkeit."

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POSTSCRIPTUM. - Sechs Wochen später nehmen Beschäftigte des Elektrokonzern JVG im lothringischen Longwy ihre japanischen und französischen Chefs für einen halben Tag gefangen. Sie wollten damit gegen eine Werkschließung n Villers-la-Montagne prote-stieren. Betriebsrätin Marie-Hélène Martin wies vor Journalistin auf "das mutige Beispiel der von Frauen besetzten Manufaktur L'Epée in Montbéliard hin." Und dann sagte sie: "Künftig werden in Frankreich nicht nur Streiks, sondern immer mehr Fabrikbesetzungen das Land in Atem halten."































































Freitag, 25. Oktober 1996

Gefangenschaft: Gewalt von Vätern, Freiern, Wärtern ...




























































Das französische Gefängnis Fleury-Mérogis ist Europas größte Haftanstalt für Frauen. Ein restlos überfüllter Frauen-Knast mit Haft- revolten, Geiselnahmen, Ausbrüchen; ein SingSing aus Selbstverletzungen, Selbst-morden, Selbstverstümmelungen. Für Rausch- giftsüchtige und HIV-infizierte bedeutet Fleury-Mérogis Endstation - die letzte Bleibe vor ihrem Tod. Meist im Morgengrauen fährt der Bestattungsbus zu den Sammelgräbern des Städtchen Thiais. Friedhofsruhe im Voll- zug. Kein Politiker mahnt im Land der Men-schenrechte Reformen an. Mit "Landgraf-Werde-hart-Parolen" wird Frankreich unter Nicolas Sakorzy regiert. - Bleierne Zeiten.


TRIERISCHER VOLKSFREUND
vom 25. Oktober 1996
von Reimar Oltmanns


Es gab Zeiten, da fuhr der Bestattungsbus schon früh im Morgengrauen zum Sammelgrab der Frauen - genauer gesagt: Zum Friedhof des Städtchen Thiais, das südlich von Paris liegt. Dort hatte die Gefängnisleitung in Fleury-Mérogis, der größten französischen Frauenhaftanstalt in Europa, gleich auf Verdacht mehrere Sammelgrabab-schnitte der Nummer 104 bis 146 in den Reihen 22, 23, und 24 für seine Insassinnen reservieren lassen. Vor-sichtshalber, weil von Fleury-Mérogis ein merkwür-diger Sog auf in ganz Frankreich inhaftierte Frauen ausging - auch Selbstmordwelle genannt.
HÄRTER ALS DIE MÄNNERHAFT
Immerhin schnellten in Frankreich die Suizidfälle von 1979 bis 1995 in insgesamt 183 Strafanstalten mit 58.000 Häftlingen (etwa 4.500 Frauen) von jährlich 37 auf 107 Gefängnisselbstmorde in die Höhe. Und in Fleury-Mérogis reichte der Freitod von vier Frauen binnen weniger Tage aus, um eine Selbstmordketten-Reaktion in Haftanstalten von Rennes bis Marseille auszulösen.

"Die Haft der Frauen ist durch und durch härter als die der Männer", urteilt Anstaltsdirektor Bernard Cuguen vom Centre National d'Orientation in Fresnes, der na- tionalen Gefangenenverteilerstation. "Keiner will es wahrhaben", fährt Cuguen fort, "aber wir wissen es mittlerweile sehr genau. Frauen in Gefängnissen sind einsamer, von der Außenwelt isolierter, auch in ihrer Haft verlassener als Männer." Allein daraus ergebe sich schon eine ohnmächtige Angriffslust. SELBSTVERSTÜMMELUNGEN

Doch im Gegensatz zu den Männern sei die Aggressivität der Frauen nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst gerichtet; Selbstverletzungen, Selbstverstüm-melungen, Selbstmord. Die Psychologin Marie-Cécile Bourdy aus Fleury-Mérogis ergänzt: "Früher starb eine Anzahl von Frauen draußen, kurze Zeit nach Haftent-lassung. Häufig an einer Überdosis Heroin, was eigent-lich nur ein verfehlter Selbstmord war. Heute hingegen suchen sie schon lieber im Knast den Tod, weil die Haftbedingungen noch härter geworden sind, und die Zuflucht sich als Sackgasse erweist. Sie erleben Mo- mente tiefer Traurigkeit und Selbstzweifel. Dabei sind es im wesentlichen sehr junge Frauen. Einst hatten wir den Frauen-Selbstmord so gut wie nicht gekannt. Heute machen es die Frauen wie die Männer - sie erhängen sich in ihren Zellen. Und das meist nachts, ohne ein Wort zu hinterlassen. Ab zum Sammelgrab."
LETZTE BLEIBE VOR DEM TOD
Wenn es wieder einen Selbstmordversuch in Fleury-Mérogis gegeben hat, werden präventiv im Knast etwaige Suizidkandidatinnen aus ihren Zellen geholt und im Nachbartrakt nackt zwischen zwei Matratzen eingebunden - und das über Stunden. Erst dann darf der bereits vollzogene Selbstmord übers Radio öffentlich gemacht werden. So gesehen befinden sich die Gefäng-nisfrauen in einem permanenten Aufbruch, Umbruch, Umschluss - tagein, tagaus. Folglich ist in Frankreichs Frauenhaft Fleury-Mérogis so gut wie nichts intim. Alles unterliegt der Umzug signalisierenden Guckloch-Öffent- lichkeit. Angst heißt der unabänderlicher Wegbereiter und -begleiter in jenen entsagungsreichen Zeiten des Freiheitsentzugs.

VIER FRAUEN AUF ACHT QUADRATMETER

Dabei gehörte Frankreichs Frauengefängnis Fleury-Mérogis mit seinen dreitausend inhaftierten Frauen auf 2.400 Plätzen lange Zeit noch zu den halbwegs vorzeig-baren Haftanstalten des Landes. Ob kleine, aber gut gepflegte Zellen, ob Bibliotheken, Gesprächsräume oder auch die Krankenstation - vornehmlich in den siebziger Jahren ließ sich das Frauen-Gefängnis Fleury-Mérogis vorführen als Paradebeispiel eines auf Resozialisierung bedachten Frauenstrafvollzug. - Lang ist's her; ein Torso ist von allem geblieben. Heute heißt es: Kein Geld für einen gesellschaftsnahen Strafvollzug, kein Geld für eine leistungsgerechte Arbeitsentlohnung, auch keine finan- ziellen Mittel für Renten- und Krankenver-sicherung.

Dafür drei oder manchmal sogar vier Frauen, die in einer acht Quadratmeter großen Zelle zusammen hausen. Ein Frauen-Knast voller Drogen samt ihren Kurieren. Sind doch exakt 80 Prozent der Frauen rauschgiftsüchtig und gar 45 Prozent HIV-infiziert. Für viele Frauen ist der Gefängnisbau von Fleury-Mérogis Endstation - die letzte Bleibe vor dem Tod.
EINMAL FREIWILD - IMMER FREIWILD
"Uns reicht's", sagen sie da. "Wir essen nicht mehr, wir waschen uns nicht mehr, lasst uns in unseren Betten verrecken. Wir rühren uns nicht mehr von der Stelle, nehmen keinen Teller, keinen Becher mehr an." Ver-weigerung. Naheliegend , dass in diesem Vollzugs-milieu ein Kindheitsschock schon immer als neben-sächlich belächelt wurde, als unglaubwürdig, halt als nicht gerichtsverwertbar abgetan wird. Und das, obwohl sich etwa bei der Hälfte der Frauen in Fleury-Mérogis jenes traumatische Urerlebnis in ihren Ge- fühlsabläufen eingenistet hat - der sexuelle Miss- brauch vieler Töchter durch ihre Väter, die sexuelle Nötigung der weiblichen Häftlinge durch so manche Wärter. Junge Mädchen von Fleury-Mérogis, zwischen 13 und 20 Jahren alt, wissen von jenen Männer-Über- griffen in jenen Grauzonen - sie alle schweigen. Ge-wohnheitsrecht. Glaubwürdigkeit ist gefragt. Einmal kriminell, immer unglaubwürdig, heißt es. Erst verge- waltigen Väter ihre Töchter, Erzieher in Heimen folgen. So betrachtet bewahren dann einige französische Vollzugsbeamten in ihren meist eigens dafür flüchtig hergerichteten Zellenseparé lediglich eine unscheinbare Kontinuität männlicher Alltagszugriffen dieser Jahre. Einmal Freiwild, immer Freiwild.
ABSCHIEDSBRIEF AUS STUNDENHOTEL
Längst hat sich die französische Öffentlichkeit - von Berührungsängsten getragen augenzwinkernd darauf verständigt, einen explosiven Notstand notdürftig zu verwalten. Verantwortlich dafür sind insgesamt 18.000 schlecht bezahlte Vollzugsbeamte mit einem Durch-schnittsgehalt von monatlich mehr oder weniger von tausend Euro. Die Folge in diesen Jahren: Im ausge-grenzten Fleury-Mérogis haben zwei Wärter bis zu fünfhundert Frauen beim Rundgang zu beaufsichtigen. Mit 1,4 Prozent des Staatshaushalts, weniger als 3,5 Milliarden Euro ist die Justiz ohnehin am unteren Ende der Politikerinteressen angesiedelt.
SAMMELGRAB
Am Punkt 34,40 Meter im Sammelgrab des Friedhofs von Thiais wird an diesem Morgen die 24jährige Laurence verscharrt. Ein Mädchen, das wegen Diebstahl im Trakt D6 E, Zelle vier zum 25. Male eingesperrt worden war, diesmal drei Monate. Todesursache: Heroin. Gefunden wurde Laurence in einem der Stun-denhotels; ganz in der Nähe der Haftanstalt. Bei ihr lag noch ein verschmierter Zettel. Auf ihm stand: "Ich lächele und gehe fröhlich. Die Menschen sollen Laurence in guter Erinnerung behalten. Nicht wie eine Kranke, die hässlich, mager, unschön aussah, sondern wie eine Frau, der man Blumen wenigstens ans Grab mitbringt. Adieu."
ARBEITSLOSIGKEIT
Dabei hatte Laurence ihre Strafe schon verbüßt, sich - wieder in Freiheit - bei der Wiedereingliederungs-organisation ARAPEGE, beim Bewährungshelfer um Unterkunft und beim Arbeitsamt gar um einen Job als Verkäuferin bemüht. Doch wie immer widerfuhren ihr Absagen - Fehlanzeigen über Fehlanzeigen in diesen bedrückenden Jahren der Massenarbeitslosigkeit.

Vielleicht zählte Laurence in Fleury-Mérogis zu jenen Frauen, die im Knast letztendlich ihr Zuhause fanden. Meist, wenn Laurence wieder eingeliefert wurde, soll sie sich lauthals mit dem Hinweis getröstet haben: "Wenn man hier rauskommt - das ist das Schlimmste. Wir lernen hier nämlich nicht zu leben. Im Gegenteil. Wir lernen, uns suchtzerfressen an die Tabletten zu halten, auf die Post, auf das Essen, auf den Hofgang, auf die Kommandos zu warten. In der Freiheit bleibt mir nur der Straßenstrich. Für Bauch und Kiff reicht es alle- mal."
ISOLIERHAFT
Als Laurence aus der Haftanstalt entlassen wurde, brachte man ihre Zellennachbarin Joelle gleich für acht Tage in Isolierhaft. Sie hatte es gewagt, eine Wärterin als "unterversorgtes Arschloch" zu beschimpfen. Andere Häftlinge, wie beispielsweise Chantal, weigerten sich wiederholt, "ihr Aspirin"einzunehmen. Die Gefängnis-leitung hat das Recht, weibliche Häftlinge bis zu 45 Tage ohne rechtsstaatliche Kontrolle in eine spezielle Abteilung verfrachten zu lassen. Und Isolierhaft (le mitard) bedeutet in Fleury-Mérogis leere, durchnässte, abgedunkelte Zellen, ohne Decken, kein Besuch, keine Beschäftigung, kein Spaziergang, kein menschlicher Blickkontakt. - Essen wird unter der Tür durch-geschoben.
DURCHLAUF-ERHITZER
Joelle, 28 Jahre alt, ist wegen ihrer Taschenspielertricks hierher gekommen - immer wieder, immer länger. Mittlerweile riskiert sie gar schon einem kleinen Rück-blick. "Als ich hier ankam", erzählt Joelle, "bin ich fast durchgedreht. Ich habe nicht kapiert, was hier vor sich geht. Ich bin mit acht oder zehn jungen Mädchen zusammen gekommen, die sich alle kannten. Ich, so blöd wie ich war, hatte gedacht, dass sie wegen der gleichen Sache hier sind. Aber sie kannten sich allesamt aus Fleury-Mérogis. Ich habe erst hier verstanden, was das bedeutet, im Knast zu leben. Sie waren hochgradig rückfällig. Seit einem Jahr sehe ich sie weggehen und wiederkommen." - Fleury-Mérogis ein Durchlauf-erhitzer.
GRÖSSTER FRAUENKNAST
Fleury-Mérogis - das größte Frauengefängnis in Europa. Haftrevolten, Ausbrüche, Geiselnahmem überziehen ansonsten die französische Republik vielerorts: in Paris, Nancy, Dunkerque oder Nimes. Und immer wieder sind Polizeieinheiten oder gar Kompanien der französischen Armee in Aktion. Nur in Fleury-Mérogis herrscht Fried- hofsruhe. Kein Politiker verliert ein Wort über die Zu- stände im französischen Strafvollzug, mahnt gar Reformen an. Lediglich die Sprecherin der franzö-sischen Grünen, die Ärztin Dominique Voynet (Mini- sterin für Umwelt und Naturschutz 1997-2001), mag sich über die Innenausstattung französischer Gefäng- nisse erregen. Einzelkämpferin. "Entsetzliche Miss- stände", schimpft sie. "Die meisten Frauen in Fleury-Mérogis gehören nämlich nicht in den Knast, sondern ins Krankenhaus , in eine Langzeittherapie. Nein", fährt sie fort, "Frankreich ist dabei, seine Gefängnisse aus Kostengründen für Aids-Kranke als Warteschleifen auf dem Wege zum Tod umzufunktionieren."

Sonntag, 20. Oktober 1996

Folklore - Auf der Suche nach verlorenen Zeiten. Leere macht Angst.
























































Konservativ pocht der Zeitgeist zwis
chen Kalkül, Kitsch und Kommerz. Folklore-Gruppe prägen vielerorts Frankreichs Straßenbilder wie im mittelalterlichen Dorf Pèrouges. Großspektakel zur Taufe von Chlodwig in der Kathedrale zu Reims sollen die französische Identität mit der katholischen Kirche als "ältestete Tochter Roms" unzertrennbar dokumentieren.



Frankenpost, Hof
vom 20. Oktober 1996
von Reimar Oltmanns

Das kleine französische Dorf Pèrouges liegt irgendwo verschachtelt auf einem Hügel zwischen Lyon und Genf im Alpenvorland. Die gewundenen Gassen glänzen wie blankgewienert, die Butzenscheiben in den akkurat gestrichenen Patrizierhäusern spiegeln den Müßiggang auf dem unebenen Pflaster wider. Die Straßen haben mit ihren Vordächern und der Wasserrinne in der Mitte nostalgische Vorahnungen an eine längst verschüttete Zeit bewahrt. Nichts, so will es scheinen, kann Pérouges mit seinen 850 Einwohnern das mittelalterliche, malerische Antlitz - die Atmosphäre - nehmen.

Nur zur Weihnachtszeit verliert Pérouges sein inneres Gleichgewicht, weicht die Beschaulichkeit einer angestrengten Habachtstellung im festlichen Gewand. Und Pérouges ist überall in Frankreich - dort, wo zu Weihnachten über Stunden, zuweilen über Tage emsig geschmaust wird, das Festtagsessen der familiäre Höhepunkt schlechthin ist. So betrachtet gerät ein kleines, ansonsten wenig beachtetes mittelalterliches Dorf zum nationalen Mikrokosmos der Esskultur, des Wertewandels, der Rückbesinnung auf Herkunft und Tradition.

Vor dem alten mit Tannen geschmückten Backstein-Rathaus lauert schon frühmorgens Bürgermeister la Guy de la Chapelle. Soeben hat er gerade, wie an jeden Wochentag, seine Büroräume aufgeschlossen. Schließlich werden die Dorfkinder seit Jahrhunderten im Standesamt unterrichtet. Aber irgendwie nistet im Gesichtsausdruck des 54jährigen Bauern Unbehagen.

NESTWÄRME, HERKUNFT

Der Bürgermeister: "Es war für uns unvorstellbar, wieviel Nestwärme die Menschen suchen. Wir werden geradezu überrannt. Dabei sind wir jetzt schon über Jahre ausgebucht und müssen für Weihnachten Platz-karten vergeben." Filmreif schüttelt Guy de la Chapelle vor der Tür immer wieder sein schlohweißes Haupt. Er sieht nämlich sich und sein Pérouges zweckentfremdet. Muss er mit seinen Mannen eigens für Weihnachten das Mittelalter neu inszenieren, und steht zudem eine Essensinvasion bevor?

FROSCH-SCHENKEL, ENTEN-LEBER

Argwöhnisch beäugt der Bürgermeister, wie sich Tag für Tag Lieferantenwagen durch die engen Gassen quälen, um französische Edelprodukte wie Lachs, Austern, Gänse- und Entenleber, Pastete, Morchel-Pilze, Hum-mer, Artischocken, Froschschenkel, Rehkeule, Champagner samt erlesener Tischweine aus den fernen Metropolen anzuliefern - eben durchkomponierte, feinabgestimmte Gaumen-Delikatessen, der üppige Weihnachtsschmaus à la française schlechthin.

SCHWARZ-MARKT

Allein an den Festtagen werden landesweit an die 30.000 Tonnen Lachs verspeist. Aus gutem Grund observieren mittlere private Wachgesellschaften die aufgedehnten Austernbänke des berühmte Zuchtgebietes von Marennes-Oleron am französischen Atlantik. Gerade vor den Weihnachts- und Neujahrs-feiertagen steigt nämlich der nächtliche Diebstahl rasant an. Die Austern werden in "kleinen Mengen" von 200 bis 300 gestohlen und auf dem schwarzen "Weihnachtsmarkt" mit hohem Gewinn abgesetzt.

Noch wenige Tage vor dem Fest rattern Transit-Trans-porter mit Frischhalte-Containern durch Pèrouges. Sie liefern quasi in letzter Minute jene exquisiten Zutaten, die die Tageszeitung Le Monde erst kurz vor Festbeginn als gesellschaftlich "en vogue" erkor. Ergo hagelt es Nachbestellungen. Schließlich mag wohl keiner sich so recht mit dem Mahl gestriger Tage in der renommierten "Ostellerie du vieux´Pérouges" zeigen. Nur von den gut bekömmlichen,existenzgeplagten Bauern-Produkten aus heimischer Region wissen die Speisekarten freilich nichts zu berichten. - Fehlanzeige.

KELLNERINNEN MIT SPITZENHÄUBCHEN

Gewiss - Pérouges mit seiner gotischen Galerie hat sich längst zur diskreten Weihnachtsadresse des betuchten französischen Bürgertums aus dem Lyoner Dunstkreis empor empfohlen. Schon Wochen vor dem Fest dürfen Kellnerinnen in der historischen Ostellerie von Pérouges nur noch mit gestrengen Spitzenhäubchen ihre Gäste bedienen. Die Innenausstattung duldet lediglich go-tische Möbel und Tapisserien, Zinn und einen großen Kamin - heimelnde Gemütlichkeit ist gefragt. Vor dem alten Restaurant aus dem 13. Jahrhundert wacht eine uralte Linde aus den Revolutionszeiten majestätisch auf ihrem weiträumigen Vorplatz. Keine Fernsehantennen oder Stromleitungen stören den Blick zurück ins Mittel-alter. Am Heiligen Abend singen Folklore-Gruppen aus der Region in alten Trachten Weihnachtslieder vergangener Tage.

PRIESTER SPIELEN MITTELALTER

Enge Menschentrauben schieben sich um Mitternacht in feinem Zwirn betulich zur Messe. Auch Priester André Gondin spielt Mittelalter. "la France, la Grande Nation, ist immer die älteste Tochter der katholischen Kirche gewesen", verkündet er selbstgewiss von der Kanzel und fügt hinzu: "Geboren von christlicher Mutter, Vater unbekannt." Dieser Satz ist mittlerweile schon zur Legende von Pérouges geworden. Denn ein jeder weiß, dass Priester Godin ihn Jahr für Jahr als Auftakt zur Oblate wiederholt.

KIR VON DIJON

Weihnachtstage in Frankreich - Zweifelsohne pocht die französische Befindlichkeit wieder konservativ. Über 30 Millionen Menschen dürfen nach Hochrechnungen der Meinungsforschungsinstitute zum Jahresende wieder Gottesdienste besuchen oder sich als Glaubenstouristen in kurzweilige kirchliche Obhut begeben.Der Domherr Kir von Dijon - Erfinder des Aperitifs aus Weißwein und schwarzem Johannesbeerlikör - hatte bereits am 23. De-zember im Jahre 1951 auf dem Vorplatz Saint Benigue seiner Kirche die öffentliche Verbrennung des Weih-nachtsmannes als "Ketzer und Kinderlump" ange-ordnet. Einfach, weil er nach Maßgabe des Erzbischofs von Toulouse, Kardinal Saliège, eine Erfindung der Amerikaner, der Schlauen - somit der Jesus-Feinde sei.

Seither ist nach offizieller Lesart der Kirche Frankreich zumindest "weihnachtsmannfrei". Ein offenkundig dramatischer Umstand, der die Gemüter auch nach Jahren seiner Exekution nicht ruhen lässt. So mutmaßte das einstige Massenblatt "France Soir" in einer groß aufgemachten Schlagzeile: "Dijon erwartet die Aufer-stehung des Weihnachtsmannes." Und die vornehmere Tageszeitung "Le Monde" befand: "Es geht zu wie zu Zeiten des Religionskrieges."

FOLKLORE-FASSADEN

Jahre kommen - Jahrzehnte vergehen im Flug - ausnahmslos zur Weihnachtszeit sind es immer wieder Frankreichs Staatspräsidenten, die hinter Folklore-Fassaden Sein und Sinn auszumachen verstehen. Einst brachte François Mitterrand (1981-1995) die Gemüts-lage seines Landes auf den Satz: "Die Rebublik befindet sich in einem Zustand der Sehnsucht." Für seinen Nach-folger Jacques Chirac (1995-2007) ist gar die "franzö-sische Identität mit dem Katholizismus untrennbar verbunden".

KARDINÄLE UND KATHEDRALEN

Schon die Feierlichkeiten zu Reims um den identi-tätsstiftenden Chlodwig, den Begründer des großen Franken-Reiches, hatten in vergangener Zeit für allerhand wohl bedachten Wirbel gesorgt. Moment-aufnahmen aus dem Département Marne - neuerliche Chlodwig-Zeiten, Folklore-Zeiten : Ein Fahnen- und Flaggenmeer sowie schwitzende Menschenmassen säumen den breiten Pilgerpfad. Baseballkäppis, Kruzi-fixe und ständig surrende Videokameras allüberall, als gelte es im französischen Reims, dem gallischen Durocotorum, einen neuen Klerikalismus mit Kitsch und Kommerz fürs kommende Jahrtausend sendungs-bewusst wachzuküssen. Stunde um Stunde dröhnen Busse stadteinwärts, Touristenarmada campiert vor Kirchen und Verladebahnhöfen.

WELTKULTUR-ERBE

Entlang der Kathedrale zu Reims, der Krönungskirche der Könige von Frankreich, schmücken Zehntausende von Katholiken altehrwürdige Gassen und Kirchen-plätze. Anders als das vom Weltstadtfludium durch-zogene Paris konnte Reims so manches von seiner altertümlichen Eigenwilligkeit noch bewahren. Allein vier seiner historischen Bauwerke wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Schon seit Monaten gedenkt die Nation in zigfachen Ereignisjubiläen des Barbarenherrschers Clodwig I. (französisch Clovis); eines Königs, der mit Tücke und Grausamkeit das große Franken-Reich zimmerte. Chlodwigs Oberhoheit erstreckte sich bekanntlich im Jahr 507 über das gesamte Gebiet zwischen den Flüssen Loire, Garonne und Rhône mit Anschluss an die rhei-nischen Franken in den Städten Köln, Mainz und Trier. Zweifelsfrei hat er damit das Fundament des Abendlandes gelegt.

Dadurch, dass Frankreich von dem dominierenden Frankenstamm den Namen für sein Land übernahm, verewigte sich Chlodwig zudem seinen französischen Anteil an der Neuordnung des Kontinents. In Deutsch-land hingegen blieb die Kombination mit Stadt- oder Landschaftsbezeichnungen wie Frankfurt, Main-Franken oder die Fränkische Schweiz, Frankenwald und Ober-, Mittel- und Unterfranken ein unverbindliches Monogramm der Geografie. Seit 486 war Reims Chlodwigs Königssitz und später auch sein Sterbeort - somit eine Schatzkammer der nationalen Geschichte - auch seiner bis dato konservierten Gefühlswirren.

GEFÜHLSWIRREN NEUER ALLIANZEN

So und kaum anders machen sich französische Politiker konservativen Zuschnitts und die katholische Kirche des Landes dran, eine bisher nie dagewesene Allianz zu schmieden. Ein Chlodwig-Jubiläum von fünfzehn-hundert Jahren wird als Auftakt dazu benutzt, den neuerlichen Pakt zwischen dem französischen Staat und seinen Bischöfen zu zementieren.

Hintergrund dieses Kalküls: Die Neugaullisten um Staatspräsident Jacques Chirac zielen darauf ab, die französische Identität mit dem Katholizismus un-trennbar zu verknüpfen. Geht es schließlich doch darum, die laizistischen Fundamente des Landes zu neutralisieren, die revolutionär geprägte Geschichte der Republik in den Köpfen der Franzosen erkennbar an den Rand zu drängen.

CHLODWIGS EDELSEKT

Eine Millionen Euro stellte Frankreich für den 1500. Jahrestag zur Verfügung, ließ für das Großspektakel in Reims exakt hundert Wissenschaftler einfliegen. Und natürlich das Kommerzielle: in Reims, der Champagner-Stadt, sprudelte anlässlich der Feierlichkeiten Süffiges der Marke "Chlodwigs Edelsekt", und Chlodwigs Senf-gläser zieren manche Schaufenster der Altstadt.

Offenkundig so ganz vergessen ist jene nunmehr un- rühmliche Revolution der Franzosen von 1789. Schließ- lich war sie antiklerikal, weil die Kirche sich immer als enge Verbündete der mächtigen Monarchie empfohlen hatte. Schritt um Schritt beseitigte die Dritte Republik (1870 bis 1940) die letzten Bastionen der Kirche im Staat: 1882 entfiel der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen, und 1905 wurden Kirche und Staat getrennt. Die Kirche in Frankreich, wo sich über 80 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben bekennen, firmiert seither rechtlich als ein privater Verein.

AUFTRITTE DER RECHTSRADIKALEN

Allerdings: Unter dem Motto "Treiben wir den Papst-Besuch ab" (Avortons la venue du pape") riefen die größte Freimaurervereinigung "Grand Orient des France" und in Protestanten zum Papst-Boykott in Sachen Chlodwig auf. Ein Bündnis aus Linken, Grünen, Trotzkisten und Antirassisten - darunter die frühere Ministerin und derzeitige Bürgermeisterin von Lille, Martine Aubry, Tochter des langjährigen Spitzen-Europäers Jacques Delors. Allesamt wehren sie sich gegen die neuerlich verordnete "Geschichtsschreibung", die Chlodwigs Einstieg ins Taufbecken quasi als Gründungsakt des französischen Staates sieht.

IMMER WIEDER JEANNE D'ARC

Denn kein anderer als der rechtsradikale Präsident der Front National, Jean-Marie Le Pen, versteht es mit Geschick, für seine Kampagne gegen die "religiöse, kulturelle und moralische Unterwanderung" zu Felde zu ziehen, "die unser Land entchristianisiert" hat. Mit ähnlicher Diktion versucht Le Pen seit Jahren, die Nationalheilige Jeanne d'Arc zur sich zu reklamieren. Mittlerweile ist die Front National die drittstärkste politische Kraft des Landes - und kein Regierungs-politiker wagt es mittlerweile mehr, Le Pens Auftritt vor der Kathedrale in Reims zu verhindern. An den Vor-platzständen lagen neben religiösen Schriften auch verbotene Publikationen über "das jüdische Frankreich". Aber auch Postkarten zu Ehren der seinerzeit in Algerien agierenden OAS-Terroristen oder Aschenbecher mit der Pétain-Losung "Travail, Famille, Patrie" (Arbeit, Familie, Vaterland) waren zu haben - 1,50 Euro das Stück. Frankreich, das Land der alten, unvergessenen Kämpfer, La France ein Fahnenmeer.

Es war der vielzitierte Pariser Soziologe Alain Tour- raine, der jene üppigen Festzeremonien zu Reims zum Anlass nahm, auf die gesellschaftliche Zerrissenheit des Landes hinzuweisen. Er sagte: "Wir leben im politisch und sozial leeren Raum. Und Leere macht Angst." - Clodwig alias Clovis lässt grüssen.


































Donnerstag, 3. Oktober 1996

La femme est l'avenir du flic
























COURRIER INTERNATIONAL,
Paris
du 3. Octobre 1996
(extraits Frankfurter Rundschau)

par Reimar Oltmanns


Il aura attendre 1975 pour voir des femmes dans la police française, et encore plus longtemps pour qu'elles atteignent les étages de la direction. A l'époque, on lisait même dans une étude du gouvernement français que "la fonction policières est incompatible avec la femme."

Vingt ans après, changement de tableau. Dans le bureau 315 du Quai des Orfèvres - le siège parisien de la bri-gade criminelle -, une armoire abrite l'équipement d'une policière d'aujourd'hui: des jeans, un blouson, un pistolet, une radio, des menottes, des chaussures de sport. Une femme vêtue d'une jupe courte et d'un élé-gant chemisier est assise à sa table de travail.

En février dernier, elle a obtenu le poste le plus convoite des flics de la capitale. Depuis cette date, Martine Monteil, 46 ans, a 110 personnes sous ses ordres. Pour a première fois dans l'histoire de la police judiciaire française, une femme dirige la brigade criminelle, la fameuse "Crime".

Quand des gens irrités entrent dans son bureau, ils posent régulièrement la question d'un ton angois- sé: "Pardon, Madame, mais enfin, où se trouve le commissaire?" Et la femme policière de carrière, ennuyée, a dû y répondre un millier de fois: "Monsieur Maigret est maintenant une femme, et c'est moi." Martine Monteil fait partie de la deuxième promotion ouverte aux femmes de l'Ecole nationale superieure de police de Saint-Cyr-au-Mont-d'Or (69), qui forme les policières depuis 1975. Parmi ses anciennes camerades d'éciole, Mireille Ballestrazzi dirige aujourd'hui le SRPJ d'Ajaccio et Danielle Thierry s'occupe de la sécurité des vols d'Air France.

Quand elles étaient encore sur les bancs de leur écoles, les trois femmes sont tombées d'accord sur ce qu'elles feraient une fois leur formation terminée: "Quand nous serons en situation d'activité, nous bouleverserons la façon des voir les choses. Nous pourchasserons les violeurs dans toute de république, nous ne les laisserons transquilles que quand ils auront avoué.

Ce n'est qu'ainsi que l'on peut expliquer pourquoi le nombre de voils enregistrés en que l'on peux expliquer pourquoi le nombre de voils enregistrés en France officiellement aumenté de 12 %. Selon Martine Monteil, "grâce á la présence plus importante la force de signaler leur aggression, d'iden-tifier leur agresseur et de porter plainte".

Ahjourd'hui on recence quelque 31.000 femmes dans la police française , soit 15 % des effectifs (contre 7 % en Allemagne). "Les policières ont considérablement contribué à améliorer notre travail en ces temps de fracture sociale", estime Michel Richardot, directeur de 'Ecole nationale superièure de police. "Elles sont subtiles, moint autoritaires, même moins procéduières que les hommes. Aucune d'entre elles n'a été impliquée dans des bravures. Les femmes en uniforme peuvent rétablir la paix tant l'enceinte du commisariat que dans le quartier."





Samstag, 7. September 1996

Monsieur Maigret ist eine Frau in Paris




























Frankreich verfügt pro Einwohner über die meisten Sicherheitskräfte in Europa. Doch Polizistinnen wie Polizisten haben das Gefühl, von der Bevölkerung verachtet zu werden. Pistole in der Tasche - Stimmung auf Halb-mast, Übergriffe auf Revieren, hohe Selbst-mord- und Scheidungsraten, schlechte Moral, schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung - Überstunden. Jeder zweite Franzose hält die "femmes-flics nicht für richtige Frauen.


Frankfurter Rundschau
7. September 1996
von Reimar Oltmanns

Im Untergeschoss, einem früheren Kohlenkeller, be-finden sich die Privatquartiere des Polizei-Reviers von Montbéliard: einem 35.000 Einwohner zählenden Städt-chens nahe der Schweizer Grenze, etwa 80 Kilometer von Basel entfernt. Das Souterrain, auch "U-Boot" genannt, ist sehr gut besucht von den 170 Ordnungs-hütern und zehn Polizistinnen, die hier täglich ihrem Dienst nachgehen. Fensterlos reihen sich die Kantine neben Umkleideraum aneinander.

KEINE UNIFORM AUF DEM HEIMWEG

Wie vielerorts in Frankreich wagt es auch in Mont-béliard kein Ordnungshüter mehr, seine Uniform außer der Dienstzeit - etwa auf dem Heimweg - zu tragen. Der Polizeistatus schützt die Beamten keineswegs vor Aggres-sionen. Folglich herrscht vor den Spinden auf kleinstem Raum Hochbetrieb. Hauptwachtmeisterin Simone Cuvelier, 32, sagt: "Wir haben schon recht lange das Gefühl, bei der Bevölkerung unbeliebt zu sein und von staatlichen Institutionen verachtet zu werden." Ganz nach dem Überlebensmuster, Pistole in der Tasche, Stimmung auf Halbmast, versucht jeder, schnell in eine beliebtere, zivile Rolle zu schlüpfen - "nur raus aus den Polizei-Klamotten".

KEINE SOZIALARBEITERINNEN

Dafür sind um den großen Tisch in der Kantine die Sandwiches üppig, da das Essen hier sehr preiswert ist. Muss doch ein junger Polizist monatlich mit cirka 1.230 Euro auskommen. Gebrutzelt wird hier rund um die Uhr. Koch Laurent, ein Muskelprotz mit Schürze, unter-hält sich mit seiner Kollegin Hauptkommissarin Marie-Julia Aranda über die französischen Geiseln, die in Algerien entführt worden sind. "Wenn sie ermordet wären", erklärt der Küchenchef, "hätten wir zum Maschinengewehr gegriffen und wären auf die in Barbès losgesprungen." (Barbès ist ein Ausländerviertel in Paris und gilt als Synonym für Überfremdung.) Kommissarin Maria-Julia erwidert kühl: "Wenn alle gescheitert sind, die Politiker, die Arbeitgeber, die Erzieher, die Eltern, dann bricht alles auf uns ein." Und sie fragt: "Aber was können wir eigentlich tun gegenüber diesem Scheiß- haufen an Elend?


MASCHINENPISTOLEN ? - KEINE LÖSUNG

Mit der Maschinenpistole herumzufuchteln, das ist keine Lösung. Doch Sozialarbeiterinnen sind wir schließlich auch nicht." Kollegin Jacqueline, die zuhört, erhärtet die Identitätskrise der französischen Polizei. Sie bemerkt: "In einer zunehmend regelloseren Gesellschaft werden wir als Ordnungskräfte für nahezu alles verant-wortlich gemacht, und unser Ruf rutscht in den Keller. Dabei ist die Situation so erstarrt, dass es keinen Sinn macht, Fleiß oder sogar Verständnis zu zeigen. Vor-beugung, Abschreckung durch Anwesenheit. Dass ich nicht lache. Angst haben wir."

ÜBERGRIFFE, ÜBERLEBEN ... ...

Unerwartet, geradezu über Nacht, erfahren alte Fragen des Polizisten-Selbstverständnisses in Montbéliard und anderswo in der französischen Republik eine verschärfte Aktualität - auch als "Polizei-Krise" gebrandmarkt. Ob Jacqueline Simone oder Marie-Julia - gemeinsam mit 15.000 Kollegen machten sie sich in Sonderzügen zur Demonstration gen Paris auf. Auf ihren Transparenten stand ge-schrieben: "Schlechte Moral, schlechte Arbeits-bedingungen, schlechte Bezahlung - wir haben es satt" (Pas le moral, de mauvaises conditions de travail, mal payés; on en a marre). Tatsächlich steigen in kaum einem anderen Beruf so viele junge Männer und Frauen bereits während der Ausbildung wieder aus, drücken Krankheit, Tod und vorzeitige Aufgabe das "durch-schnittliche Dienstaustrittsalter" auf knapp 55 Jahre. In kaum einem anderen Beruf lassen sich die Menschen so häufig von ihrem Ehepartner scheiden. Kein anderer Beruf hat ein so negatives Image wie der der "flics" (Polizei).

NORD-AFRIKANER GEPRÜGELT

Da prügeln in den Kommissariaten um Marseille Beamte Nordafrikaner schon mal krankenhausreif. Da verabreden sich Polizeioffiziere zu bewaffneten Raub-zügen in der Innenstadt von Lyon. Da vergewaltigen Staatsbeamte Frauen sozusagen bei Verhören auf ihren Dienststellen in Paris oder Toulouse. Das sind gerichts-kundige Alltagsschilderungen illegaler Polizeigewalt im Nachbarland Frankreich Mitte der neunziger Jahre.


SELBSTMORD-GEFAHR

Zudem - in keinem anderen Beruf gibt es eine derartige Selbstmordgefährdung wie in dem des französischen Gendarmen. Laut offizieller Statistik des Waisenamtes der Polizei tötet sich in Frankreich alle neun Tage ein Uniformierter von eigener Hand. Neunzig Prozent der Beamten benutzten zum Selbstmord ihre Dienstpistole der Marke Nanurhin. Auffallend ist, dass es fast aus-schließlich Männer sind, die den Freitod wählen. Die Pariser Soziologin Frédérique Mezza-Bellet nennt in einer internen Suiziduntersuchung für das Innen-ministerium drei Gründe, warum immer mehr Polizisten Selbstmord begehen. Sie schreibt: "Die Arbeitsbe-dingungen sind dürftig. Sie ermöglichen kein stabiles Familienleben mehr. Aus der hohe Scheidungsquote resultieren extreme Überschuldungen. Vornehmlich bei Männern sind geistige Verschleißerscheinungen zu konstatieren, die zum finalen Todesschuss gegen sich selbst führen. Ständig dasselbe Elend oder dieselben tristen Zustände vor Augen zu haben, einen Alltag zwischen zwischen schnell wechselnder Angst und Routine, Gefahr und Langeweile zu erleben - das greift letzt endlich die psychische Konstitution an, schiebt gefühlsarme Reaktionen oder auch Selbstwerterlebnisse beiseite. In Wirklichkeit kann die Erinnerung an den mitverursachten gewaltsamen Tod eines Bürgers nur halbwegs unterdrückt, tatsächlich aber nie vergessen werden."

CHEF DER PARISER SITTENPOLIZEI - EINE FRAU

Dabei sind Frankreichs Politiker in ihrer Selbstdar-stellung prestigebewusst darauf bedacht, die innere Sicherheit zu einem prosperierenden Eckpfeiler franzö-sischer Politik ausgebaut zu haben. Tatsächlich verfügt die französische Republik pro Einwohner über die meisten Sicherheitskräfte in Europa. Die "Police Na- tional" kann auf 126.163 Beamter, die dem Verteidi-gungsministerium unterstehen, "Gendarmerie Na- tional" auf 80.000 Polizisten zurückgreifen. Hinzu kommen nach weitere 80.000 Hilfssheriffs privater Sicherheits-dienste. Allein in der Hauptstadt Paris sind ständig 20.000 Polizeibeamte im Einsatz. Und für besondere delikate Konflikte - Raub, Geiselnahme, Bombenan-schläge, Demonstrationen - stehen die 16.000 auf Straßenkampf trainierten Polizisten der "Compagnies républicaines de sécurité" (CRS) in über sechzig Einheiten - übers Land verteilt - bereit.

Für die Verbrechensbekämpfung vor Ort sowie für die Ausstattung der Polizei gibt der Staat von 1995 bis 1999 insgesamt etwa 3,05 Milliarden Euro aus. Mit weiteren 380.000 Euro sollen zudem viertausend neue Hilfs-polizisten bezahlt werden.

Nur Frauen als Polizistinnen, noch dazu in Führungs-etagen - die waren in Frankreich bis 1975 gar nicht vorgesehen. Bestätigte doch eine eigens in Auftrag gegebene Untersuchung der französischen Regierung zudem, "dass die Polizisten-Funktionen mit dem Frausein unvereinbar ist."


BRIGADE CRIMINELLE

Szenenwechsel - zwei Jahrzehnte später. Im Zimmer 315 am Quai des Orfèvres - dem Sitz der Brigade Criminelle - liegt im Schrank die Ausrüstung für eine Polizistin in diesen Tagen: Jeans, Jacke, Pistole, Funkgerät, Hand-schellen, Sportschuhe. Am Schreibtisch sitzt im kurzen Rock mit eleganter Bluse eine Frau, die im Jahre 1989 den härtesten Job der Hauptstadt-Gendarmen bekam. Seither ist die 46jährige Martine Monteil die Vorge- setzte von 110 Beamten. Zum ersten Mal in der franzö-sischen Kripo-Geschichte wurde eine Frau Chefin der Pariser Sittenpolizei und des Rauschgiftdezernats.

Auf dem Montmartre hat Martine Monteil es mit korsischen Zuhältern zu tun, mit Straßenmädchen am Place Pigalle, mit brasilianischen Transvestiten im Bois de Boulogne und mit verdeckter Kinderprostitution am Gare de Lyon. Wenn Martine Monteil von aufgeregten Menschen in ihrem Büro aufgesucht wird, lautet die angsterfüllte Frage meist: "Pardon Madame, wo ist eigentlich der Kommissar?" An die tausend Mal hat die Karriere-Polizistin gelangweilt geantwortet: "Monsieur Maigret ist nun mal eine Frau in Paris. Und die bin ich!"

LIEBESVIERTEL - MONMARTRE

Erste Hinweise auf eine feminine Berufsauffassung und auch auf qualitative Veränderungen in der Polizeiarbeit lieferte Martine Monteil schon als junge Kommissarin im 17. Arrondissement, dem undurchsichtigen Liebes-viertel unterhalb des Monmartre. Ein Serbe hatte drei Frauen vergewaltigt und erwürgt - immer in einer Tiefgarage. Nur die zweifelsfreien Beweise, um den Mann zu überführen, reichten nicht. Eine Nacht hat Martine Monteil dann mit dem Täter geredet, ihn systematisch verhört, ohne Notizblock und Aktenordner, ihm alle Einzelheiten beharrlich immer wieder vorgehalten - bis er mürbe wurde. Er gestand.

Ihr antiker Schreibtisch in der fünften Etage des Polizei-Hauptquartiers ist nahezu leer. "Akten brauche ich nicht, ich weiß die Einzelheiten auch so, schließlich habe ich Jura studiert und Examen gemacht. Da wird das Gedächtnis durchtrainiert", strahlt sie siegesgewiss.

VERGEWALTIGER DURCH DIE REPUBLIK JAGEN

Madame Martine zählte zum zweiten Frauen-Jahrgang auf der Polizeischule in Saint-Cyrau Mont d'Or, die seit 1975 auch Polizistinnen ausbildet. Es ist eine Frauen-Generation, die in Frankreich erst ganz allmählich, dann aber immer deutlicher Ermittlungsmaßstäbe verschob - hin zur kriminalistischen Frauen Wahr-nehmung Ihre einstige Mitschülerin Mireille Balle-strazzi leitet heute das Kripo-Regionalbüro im korsi- schen Ajaccio, und Danielle Thièry sorgt sich um die Flug-sicherheit bei der Air France. Als diese drei Frauen noch die Schulbank drückten, da haben sie sich auf eine weibliche Ausgangsposition verständigt, die es nunmehr im Polizieialltag umzusetzen gilt. "Wenn wir dort draußen irgendwo im Einsatz sind, wird es einen neuen Röntgenblick geben. Wir werden Vergewaltiger durch die ganze Republik jagen und erst mit einem Geständnis Ruhe geben."


FRAUEN-PRÄSENZ

Nur so ist es mittlerweile zu erklären, warum in Frank-reich die zu Protokoll gegebenen Vergewaltigungsfälle um zwölf Prozent gestiegen sind. Madame Martine bedeutet:"Durch die erstarkte Frauen-Präsenz in unseren Straßen trauen sich immer mehr Vergewalti-gungsopfer, das Verbrechen zu benennen und Straf-anzeige zu erstatten. Wir haben auch unseren Poli-zistinnen das Bewusstsein geschärft: Achtet auf diese Männer, auf ihre Bewegungen, auf ihre Blicke."

Mittlerweile verfügt Frankreich über 31.000 Poli-zistinnen. Das entspricht einer Quote von 15 Prozent. (In Deutschland beträgt der Frauenanteil cirka sieben Prozent).

"Die Polizistinnen sind natürlich keine Wundertiere", urteilt Michel Richardot, Direktor der Staatlichen Hochschule für Polizei in Saint-Cyr am Mont d'Or. "Aber sie haben unsere Arbeit qualitativ erheblich verbessert in diesen sozial zerrissenen Zeiten. Sie sind scharfsinnig, nicht so draufgängerisch, eben rechts-staatlicher als Männer. Keine Polizistin ist in einem der berüchtigten Gewaltskandale verwickelt. Frauen in Uniform können nachweislich vor allem eines - den öffentlichen Frieden in Polizei-Revieren oder auch im Stadtviertel wieder herstellen."