Samstag, 22. November 1986

Schwarze Eminenz - Vom Diener zum Herren - Bonner Operetten-Repblik




Ein "eiskalter Heuchler" strebt zu neuen Gipfeln


Vorwärts, Bonn
22. Dezember 1986
von Jochen Loreck



CDU-Generalsekretär Heiner Geißler wagt sich in schwierigste Berg-Gelände. Im gelangt sogar der Aufstieg zum 6.010 Meter hohen Cotopaxi in Ecuador - dem höchsten tätigen Vulkan. Sein Motto: "Nur wer sich selbst imponiert, imponiert auch anderen." Dass Geißler in der Politik ebenfalls hoch hinaus will, ist die gemeinsame Erkenntnis seiner Freunde und Gegner.

Was halten Sie von Heiner Geißler? Der Journalist Reimar Oltmanns hat die Frage solchen Personen gestellt, die den CDU-Generalsekretär "hautnah" im bundes-deutschen erleben.

Drei Antworten hält Oltmanns für symptomatisch: "Was er sagt, ist ja gut und schön. Ich glaub ihm nur kein Wort." - "Der Mann ist für mich die Schmerzgrenze". - "So einen eiskalten Heuchler sieht man nicht oft im Leben."

Aus einer umfangreichen Materialsammlung über Geißler hat der ehemalige 'stern'-Reporter nun ein Buch mit dem Titel: "Der Intrigant" gemacht. Ende November 1986 wird "Der Intrigant" für zwanzig Mark im Buchhandel zu haben sein.

TREIBHAUS DER BEDEUTUNGSTRÄGER

Vier Jahre lang beobachtete Oltmanns aus der journalistischen Kammerdiener-Perspektive das republikanische Hofleben in Bonn: "das Treibhaus der pathologischen Bedeutungsträger", "das entsinnlichte Staatstheater", "diese von der Öffentlichkeit aus gutem Grund sorgsam versteckte Mätressen-Hochburg". Diagnose der Autors: Es gibt eine tiefe Entfremdung zwischen der Bonner Politiker-Kaste und den "Bürgern draußen im Lande".

Oltmanns: "Es war sicherlich kein Zufall, dass ich mich sehr schnell für den CDU-Generalsekretär interessierte. Immerhin ein konservativer Weltverbesserer mit sozialen Affinitäten. Ein Mann des CDU-Apparats, der einst angetreten war, nicht sich, sondern die Republik umzukrempeln."

Oltmanns vergleicht Geißler mit einer klassischen Theaterfigur - dem "Tartuffe" des französischen Komödien-Dichters Molière aus dem siebzehnten Jahrhundert. So wie Tartuffe durchtrieben und hintersinnig gegen seinen Förderer Orgon vorgeht, so verhält sich Geißler gegenüber Kohl: ein ungleiches Paar, bei dem der Diener immer mächtiger wird und seinen Herrn entmachten kann.

Der beharrliche Bonn-Beobachter Oltmanns spekuliert, dass Geißler als nächstes Ziel den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion anstrebt, also Alfred Dregger beiseite stößt. In einem weiteren Schritt könnte er dann Nachfolger von Helmut Kohl werden - als neuer Parteichef.

Bereits jetzt bezeichnet sich der CDU-Generalsekretär als "geschäftsführender Partei-vorsitzender". Dezent weist er daraufhin, dass er bei der Wiederwahl zum General-sekretär mehr Delegierten-Stimmen erhalten hat als Helmut Kohl bei seiner Be-stätigung im Amt des CDU-Chefs.

ENTRÜCKTES LEBEN

Noch im vergangenen Jahr apostrophierte "Der Spiegel" Geißler als "Kohls Kettenhund". Inzwischen mutmaßt auch das Hamburger Nachrichtenmagazin, der stets angriffslustige Begleiter könnte auf seinen eigenen Herren losgehen.

Die schwarze Eminenz der CDU residiert seit 1977 im Bonner Konrad-Adenauer-Haus. Von dort aus hetzt Geißler - von Termin zu Termin und gegen alles, was sich ihm politisch in den Weg stellt.

Es ist ein entrücktes Leben, das Geißler in Bonn führt. Im zehnten Stock des CDU-Hochhauses hat er sich eingebunkert. Schräg gegenüber wachen zwei Polizisten des Bundeskriminalamtes über seine Integrität - die körperliche.

VIERTAUSENDER ERKLOMMEN

Selbst im Urlaub sucht Geißler die Einsamkeit. Er hat alle Viertausender in den Alpen erklommen. Er unternimmt Ski-Hochtouren, versteht sich auf Eiswand-Besteigungen und Felskletterei. Ein Winterbiwak bei minus vierzig Grad am senk-rechten Hang reizt ihn mehr als jeder Bade-Urlaub.

In seinem Bonner Büro erinnert eine Foto-Wand, zwei mal zwei Meter groß, an seine Hochgebirgs-Extratouren.Die Bilder symbolisieren seinen Hang nach Größe. Das Organisations-Genie Geißler, das Propaganda-Genie Geißler, alles das ist nicht genug. Er will, urteilt Oltmanns, "auch noch als Reinhold Messner der CDU gesehen werden".

"SCHLAFVERLIES" IN CDU-ZENTRALE

Geißlers "Schlafverlies" beschreibt Oltmanns so: "Ein schmales, kärgliches Zimmer, eine Pritsche als Bett, Tisch und Stuhl, ein Spind als Schrank, eingebautes Klo, Dusche. Schnörkellose, triste Lebensumstände, diktiert von der gängigen Vor-stellung von Funktionalität und Effizienz. Das hat die Geißlerische Existenz nach-giebig geprägt, wohl mehr als seine legendären Abenteuer-Blenden aus der dolomitischen Bergwelt."

Mit "normalen" Menschen, mit dem deutschen Durchschnittsbürger kommt der konservative Machthaber kaum noch in Berührung. Das Leben im Bonner Hochsicherheitstrakt nimmt ihn vollends gefangen. Seine Frau Susanne mokiert sich über "Emanzen-Heiner". Einkaufen mag er nicht. Und kochen, kann er überhaupt nicht."

SYMPATHIEKURVEN

Im Blickwinkel des Heiner Geißler sind die Millionen Otto Normalverbraucher zu statistischen Ziffern geschrumpft. Was das deutsche Volk denkt und diskutiert, erfährt er aus den demoskopischen Erhebungen von Elisabeth Noelle-Neumann. Deren Analysen, das Auf- und Ab der Sympathiekurven, Diagramme und Zahlen studiert Geißler mit so viel Gründlichkeit wie andere die Bundesliga-Tabelle am Montag in der Zeitung.

Aus dem Hamburger Wahlergebnis filtert er heraus: eine Verfestigung der Streitmacht der Grünen, bei der FDP eine schlechte Moral der Truppe. Die Christ-demokraten erzielen Geländegewinne auf Kosten der Sozialdemokraten. Aber strategisch bedeutet das nicht viel: In einem neuen Drei-Parteien-System ohne FDP liegt nämlich die Mehrheitsbeschaffer-Rolle bei der SPD.

Der kriegswissenschaftlichen vorgehende Geißle hat als Beinahe-Pazifist begonnen. In seiner Doktorarbeit - 1960 eingereicht an der Juristischen Fakultät der Tübinger Universität - singt er das hohe Lied der Kriegsdienstverweigerung: Auch ein Ver-teidigungkrieg bedeute, dass der demokratische Staat Gewissensfreiheit und Menschenwürde nicht mehr sichern könne, weil er "selbst das schützende Gut angreift und verletzt". Dagegen Geißler am 15 Juni 1983 im Deutschen Bundestag. "Der Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht."

WENDIGE UND WINDIGE

Über das Wendige und Windige bei Geißler urteilt Oltmanns: "Seine Wandlungs-fähigkeit ist von einer selten-genialen Unbekümmertheit. Ausdruck seiner macht-fixierten Verbonnung."

Als Sozialminister von Rheinland-Pfalz (1967 bis 1977) startete er einen Aufsehen erregenden Angriff von links gegen die Regierung Helmut Schmidt. Knapp sechs Millionen, so rechnete er Ende 1975 vor, leben in Armut: Berufsanfänger, kinder-reiche Familien, Alte. - Geißler erfand die "neue soziale Frage".

Ab 1982 organisierte er am Bonner Kabinettstisch als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit die Umverteilung von unten nach oben. Verschlechterung für Alte, Kranke, Rentner, Arbeitslose.

Nachdem der "Sparkurs" bei den Landtagswahlen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen ein CDU-Desaster ausgelöst hatte, schwenkte Geißler wieder um: Plötzlich war wieder Geld da für notleidende Bauern, junge Mütter und die Trümmerfrauen.

Einst wetterte er gegen deutsche Waffenlieferungen für die Dritte Welt: "Sozial-demokraten und Freie Demokraten sind zu Parteien geworden der Rüstungsexporte geworden. Wir müssen hier wieder zu klaren Verhältnissen zurückfinden." Heute schweigt der scharfzüngige Partei-General zu diesem Thema, obwohl die Waffen-Ausführungen steigen.

PROPAGANDA-TECHNIK

Geißlers ausgefeilte Propaganda-Technik folgt historischen Vorformen. Dr. G. sagt: "Derjenige, der die Ideen hat und der auch die richtigen Begriffe wählt, hat die Macht auch über das Denken der Menschen."

Ein anderer Dr. G. - Hitlers Propandaminister Joseph Goebbels - sagte: "Was Propaganda ist, welche Macht sie darstellt, mit welchen Mitteln und Methoden sie betrieben wird, das wissen wir. Wir sind ihre Meister geworden."

SOZIALDEMOKRATEN ALS "MOSKAU-FRAKTION"

Der in Bonn amtierende Dr. G. knüpft an Feindbilder an, die der verblichene Dr. G. schon kräftig "gepflegt" hat: Sozialdemokraten als "Moskau-Fraktion", Sozial-demokraten als "fünfte Kolonne", Sozialdemokraten in einem Atemzug mit "Betrügern" und "unanständige Deutschen". Geißlers Propaganda-Technik ist also keineswegs originell.

Einst war er noch der uneigennützige Helfer seines Förderers Helmut Kohl. Die beiden kennen sich seit den frühen sechziger Jahren, als sie in der Jungen Union ihren politischen Aufstieg vorbereiteten. Kohl, seit 1959 Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz empfahl dem alternden und ahnungslosen Ministerpräsidenten Peter Altmeier das Multi-Talent Heiner Geißler als Sozialminister.

Fortan verfügte Jung-Helmut über einen Horch- und Vorposten am Mainzer Kabinettstisch. Schon zwei Jahre später war Altmeier mit Geißlers Hilfe aufs Altenteil abgeschoben. Kohl regierte im Land der Reben und Rüben.

Dankbar förderte fürderhin Kohl seinen Geißler. Nachdem 1973 Kohl Rainer Barzel aus dem CDU-Vorsitz verdrängt hatte, sollte Geißler neuer Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz werden. Doch der Kohl-Gehilfe unterlag gegen Bernhard Vogel.

Als der Oggersheimer vor zehn Jahren von Mainz nach Bonn ging, wollte er Geißler zum neuen Ministerpräsidenten küren lassen. Aber erneut zog Geißler gegen Vogel den kürzeren.

PARTEI-ZENTRALE : US-VORBILDER

Die Berufung zum CDU-Generalsekretär war als "Trostpflaster" für Geißler gedacht. Tatsächlich leitete sie die Emanzipation des Heiner Geißler vom Gönner ein.

Geißler knüpft im Konrad-Adenauer-Haus an die Konzepte seines Vorgängers Kurt Biedenkopf an: Ausbau des CDU-Hauptquartiers zu einer organisatorischen Kommandozentrale.

Die CDU wird wie eine moderner Konzern nach amerikanischen Vorbild geführt. Der faltenreiche Mann mit dem Spitzbuben-Lächeln orientiert sich an dem ameri-kanischen Soziologen Daniel Bell: "Politik ist in der heutigen Gesellschaft gleich be-deutend mit Management der Gesellschaftsstruktur."

Kühl kalkulierende Polit-Produktmanager suchen nach neuen Marktnischen für die Ware CDU, Semantiker arbeiten an einer kieselsteinglatten Sprache. Das Wort "Problem" ist durch "Herausforderung" zu ersetzen. Statt "Atomkraft" muss es "Kernenergie" heißen. Das Wort "Neutralität" ist positiv zu besetzt, deshalb ist stets "Neutralismus" zu verwenden.

Der Redakteur Peter Grafe bescheinigt Geißler in seinem Buch über die CDU, der Partei ein zukunftsorientiertes Image verpasst zu haben. Grafe: "Die CDU hat es sich zur Aufgabe gemacht, 'Zukunft zu gestalten' und 'Partei des Fortschritts' zu werden. Die Modernisierung ist kein Ergebnis von Forderungen der Parteibasis, sondern eher der Versuch, von oben Bewegung nach unten zu vermitteln."

NEUE BEGRIFFE - NEUE WÄHLER

Geißler analysiert, dass die CDU nicht mehr - wie noch zur Zeit Adenauers - über-wiegend von Frauen gewählt wird. Vor allem die jüngeren Frauen sind der C-Partei von der schwarzen Fahne gegangen.

Praktisch im Alleingang stülpt Geißler binnen Wochen der CDU eine neue Begrifflichkeiten über. Er propagiert die "neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau" und formt daraus die "Essener Leitsätze".

Zwar wird der Anteil der Frauen in der Bundestagsfraktion der CDU/CSU nach der Wahl nur ganz geringfügig ansteigen, aber was zählt, ist etwas anderes: Die Union erweckt den Anschein, es gut mit den Frauen zu meinen. Und dieser Anschein ist unendlich viel wichtiger als die Wirklichkeit, hat Geißler bei der Lektüre des mittelalterlichen Machttheoretikers Niccoló Machiavelli gelernt.

ENTCHRISTLICHUNG DER CDU

Geißler analysiert die schleichende Entchristlichung der CDU. Er sucht deshalb nach einem neuen ethischen Fundierung konservativer Politik. Das Zauberwort heißt Menschenrechte.

Publikumswirksam jettet Geißler im Juli 62.000 Flug-Kilometer um die Welt, besucht Süd-Koera, Chile und die Philippinen. Starke Worte findet er immer dann gegen regierungsamtliche Brutalität, wenn dies nicht dem Kurs der USA zuwider-läuft.

Geißler kritisiert Apartheid in Südafrika, Unterdrückung in Nicaragua. Er käme allerdings nie auf die Idee, sich öffentlich zur Folter in Mexiko oder der Türkei zu äußern. Hauptsache: Der Klingel-Begriff Menschenrechte führt die CDU ein paar neue Mitglieder aus der jungen Generation zu.

SCHWARZ-ROT-GOLDENES FÄHNCHEN

Geißler analysiert die Probleme der CDU am rechten Rand ihres Wählerspektrums. Wenn die "Republikaner" von Franz Schönhuber trotz rechtslastiger CSU bei den bayerischen Landtagswahlen auf drei Prozent kommen, wie mag da erst der reaktionäre Randbereich der CDU-Anhängerschaft gestimmt sein? Also lässt Geißler bei seiner Pressekonferenz in Bonn ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen auf den Tisch stellen.

In der CDU sucht sich die neue Rechtsaußen-Strömung einen Abzugskanal durch den Ruf nach Verschärfung des Schwangerschaftsabbruch-Paragraphen 218. Als dieser Konflikt beim Mainzer Parteitag aufflackert, ist Geißler sofort mit der Feuerpatsche zur Stelle: bloß kein Partei-Knatsch vor der Bundestagswahl am 25. Januar 1987.

In einem 'stern'-Interview tönte Geißler vor vier Jahren: "Wir haben nur dann eine echte Chance beim Wähler, wenn die Leute uns zwei Dinge abnehmen: Die CDU kann's mit den Gewerkschaften und mit den Russen."

Wäre das Geißler-Wort wahr, müsste die Union die Winterwahl verlieren. Auf jeden Fall zeigt das Zitat, dass der Generalsekretär ungeheuer variantenreich agitieren kann - je nach Meinungskonjunktur.

KEIN MANN DES KAPITALS

Im Gegensatz zu vielen seiner mächtigen Mitstreiter ist Geißler kein Mann des Kapitals. Kohl verdankt seine Karriere dem Pegulan-Chef Fritz Ries. Biedenkopf verdingte sich als Henkel-Mann. Albrecht wuchs an der Seite des Keks-Giganten Bahlsen. Stoltenberg diente bei Krupp. Dregger war Assistent beim Arbeitgeberver-band.

Dagegen Geißler: ein katholisches Kleinbürger-Kind aus der schwäbischen Kleinstadt Oberndorf am Neckar. Als 23jähriger Student ist Geißler in die CDU eingetreten: "Ich bin nicht mit dem Fallschirm in die CDU gekommen", sagt er selbst.

Aber hoch hinaus will er - getreu seinem Motto "Nur wer sich selbst imponiert, imponiert auch anderen."

Für die Bundestags-Wahlschlacht plant Geißler Gigantisches: über 20.ooo Versammlungen, sechs Millionen Hochglanzbroschüren, fünfzig gemietete Groß-hallen, die Zeitung Deutschland am Wochenende in einer Auflage von zwölf Millionen Exemplaren.

Wenn die Union siegt, wird es der Sieg von Heiner Geißler sein - nicht von Helmut Kohl.



Dienstag, 11. November 1986

Erinnerungen an die Bonner Republik - Verlust von Wirklichkeit im Machtgetto. Ein Mann namens Heiner Geißler






























Bonn am Rhein glich einer dunstigen Käseglocke unter der gewachsene Bindungen verkümmerten und ungezwungene Mitmenschlichkeit nahezu Ausnahmen waren. Die Politik-Szene von einst schien geprägt vom Überlebenskampf jedes
einzelnen: Ein Überleben mit Aktenzeichen im Fraktionszwang, mit Intrigen und Affären, mit Staatskarossen und Helikoptern, in Parteizentralen und Lobbyburgen, behütet von Staatssicherheits-beamten und Schützenpanzer
wagen, zwischen Stacheldrahtverhauen und Videokameras. Nichts kennzeichnet den Verlust von Wirklichkeit, die Deformation der eigenen Person deutlicher als das einstige schrille Politiker-Leben des CDU-Generalsekretärs und Bundesministers Dr. Heiner Geißler. Ein Mann, der von sich sagte, in Bonn sei er schmerzfrei geworden. Ein Jesuiten-Schüler, der ohne knallharte Konfrontation nicht mehr leben konnte. Diagnose: suchtkrank. Ursache: Bonn - bis zu jenem Tag des 10. Dezember 2003 jedenfalls, an dem die Parteizentrale - das "Konrad-Adenauer-Haus" - gesprengt wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war auch die Ära Geißler Vergangenheit.

Der Intrigant
oder Die Bonner Operetten-Republik
Eichborn-Verlag, Frankfurt a/M
11. November 1986
von Reimar Oltmanns


Das Konrad-Adenauer-Haus liegt an der Friedrich-Ebert-Allee, einer vierspurigen Ausfallstraße Richtung Bad Godesberg. Der schmucklose, zehnstöckige Beton- und Glaskasten grenzt an die britische Botschaft, vis-à-vis haben Polizeipräsident aber auch Sozialdemokraten ihre Bonner Heimstatt gefunden. Nachts wachen un-übersehbar die knallig roten, fast drei Meter hohen, über zwölf Meter breiten CDU-Leuchtbuchstaben auf dem Dach der Parteizentrale über die provinziell schlummernde Bundeshauptstadt Bonn. Nur der auf dem Steigenberger Hotel postierte, blau-illuminierte Mercedes-Stern signalisiert von Ferne eher einver-nehmliche Zweisamkeit.

WEIHNACHTSFEIER

Weihnachtsfeier im Bonner Konrad-Adenauer-Haus, der Parteizentrale der CDU. Lamettageschmückte Tannenbäume, ein von Steigenberger arrangiertes Büfett für knapp 20.000 Mark, schummrige Wohnzimmer-Beleuchtung, Akkuratesse in Gesicht und Zwirn.

An diesem Abend suchen Menschen die Nähe anderer, denen sie in der Hauptstadt sonst nicht nah sein dürfen. Durch die herausgeputzte Weitläufigkeit bundes-deutschen Aufsichtsratsinterieurs, einem holzgetäfelten Verschnitt aus Kunst und Knoll, dröhnt gedämpft der Stereo-Sound, "Yes Sir I can buggy". Im Arbeitszimmer des Herrn Dr. Kohl (CDU-Parteivorsitzender 1973-1998) tanz das Adenauer-Sekretariat mit der abgeordneten Sicherheit aus dem Bundeskriminalamt in die Nacht hinein.

Die meisten kennen sich schon recht lange, aber nur für den Dienstgebrauch. Dieser wird im Adenauer-Haus von Pietät und Takt diktiert. Keine hautengen Blue-Jeans, klein Blouson, allenfalls zart aufgetupftes Make-up mit blass bemalten Lippen. Vergilbte Benimm-Regu-larien kleinstädtischer Tanzschulen prägen unausge-sprochen Umgang und Beritt, unterscheiden feinsäuber-lich zwischen Empfindung und Empfindsamkeit, zwischen Schüchternheit und Verklemmtheit.

BARBUSIGE BALLETT-DAMEN

Dass auf dem Kieler CDU-Bundesparteitag 1979 barbusige, aus Paris eingeflogene Ballettdamen über die Bühne huschten, war für den Vorsitzenden ohnehin eine "Geschmacklosigkeit sondergleichen", die sich nicht wiederholen dürfe. Dafür halten es die Männer aus Präsidium und Parteibürokratie mit Walther von der Vogelweides "Lieder von der niederen Minne" - verdeckte Techtelmechtel mit "unebenbürtigen Mädchen".

AHNENGALERIE
Der scheinbar endlos lange, schmale Flur im zehnten Stockwerk des Konrad-Adenauer-Hauses ist das vertraute Bonn-Interieur des Dr. jur. Heinrich Geißler
( Jahrgang 1930, CDU-Generalsekretär von 1977 bis 1989, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit von 1982 bis 1985). Geißlers Milieu. Wenn die Fahrstuhltür sich beiseite schiebt, springt dem Ankömmling das stattlich-staatliche Konterfei des Parteivorsitzenden entgegen. Helmut Kohl milde lächelnd im bewährten Dialog mit der wissbegierigen Jugend. Auf dem mit gelben Teppich ausgelegten Flur und im Sitzungszimmer neben den überall präsenten Überwachungsmonitoren hat sich die Ahnengalerie der CDU-Kanzler samt ihrer Wahlplakate wie in einem Museum angesammelt. Konrad Adenauer (*1876+1967, Bundeskanzler 1949-1963), der "keine Experimente" wollte und mit seiner reduzierten Sprache den "Wir-sind-wieder-wer-Konsens" im Nachkriegs-Deutschland einläutete. Ludwig Erhard (*1897+1977, Bundeskanzler 1963-1966), der als "Mister Wirtschaftswunder" den aufbrechenden Widersprüchen einer schnell wachsenden Industrienation mit seiner "formierten Gesellschaft" zu begegnen glaubte. Und schließlich Kurt-Georg Kiesinger (*1904+1988, Bundeskanzler 1966-1969, der schöngeistige Übergangsregierende während der Großen Koalition in den sechziger Jahren.

SCHNÖRELLOSE, TRISTE LEBENSUMSTÄNDE

Heiner Geißlers Räumlichkeiten liegen exakt unter den knalligen CDU-Leuchtbuchstaben. Das U steht fürs Büro, zugleich auch sein Wohnzimmer mit Video, Fern-seher und CD-Spieler. Unterm D sind Sekretariat und Abstellraum für Kühlschrank, Gefrier-Box nebst Pressearchiv platziert. In dieser Aktenkammer isst der Generalsekretär mit Vorliebe zu Abend - und das immer hast, fast immer allein. Ihm ist es allemal angenehmer, sich vom Chinesen in Aluminium-Folien verpackte Platten servieren zu lassen, als sich in Bonner Restau-rants den nur zu bekannten Gesichtern zu nähern. Und unter dem C verbirgt sich sein winziges Schlafverlies. Ein schmales, kärgliches Zimmer, eine Pritsche als Bett, Tisch und Stuhl, ein Spind als Schrank, eingebautes Klo, Dusche. Schnörkellose, triste Lebensumstände, diktiert von der gängigen Vorstellung von Funktionalität und Effizienz. - Bonner Jahre. Junggesellen-Jahre.
RAUFBOLDE, DICKSCHÄDEL
Das einzige Private, das er sich genehmigte, ist eine zwei mal zwei Meter große Fotowand. Schwarz-weiße Bilder, halbmatt, zeigen ferne Gipfel. Es sind die Spitzen des österreichíschen Zillertals. Dort, wo die Geißlers ihre Vorfahren ausfindig gemacht haben, die als berüchtigte Raufbolde und Dickschädel um sich schlugen. Die Zillertal-Zinnen sollen einen direkten Hinweis auf die Gemütswallungen des Generalsekretärs liefern, "nur über den Wolken kann die Freiheit grenzenlos sein". Er präsentiert sich keineswegs nur in der Superrolle à la Henry Kissinger (US-Außenminister 1973-1977), er will darüber hinaus auch noch als Reinhold Messner der CDU gesehen werden. Verwegen, unwiderstehlich, unverwüstlich. Ein Image-Mann mit Image-Gesetzen, der das politische Gewerbe in unmittelbarer Nachbar-schaft schauspielernder Stuntmen ansiedelt, der sich ansonsten kontaktscheu in sich verkröche, sympathisierte das Publikum nicht nachweislich mit seiner Bergsteiger-Pose. Immerhin so beeindruckend nachhaltig, dass selbst die alternative tageszeitung in Berlin ihn ironisch zum "attraktivsten Mann der Politszene" kürte.

UNIONS-KASTELLAN IN DER MÖNCHSZELLE

Auf dem Flur schräg gegenüber wachen nächtens zwei Polizisten des Bundeskriminalamtes über die Unver-sehrtheit dieses Unions-Kastellans in der Mönchzelle. Augenscheinliche Parallelen zu dem früheren BKA-Präsidenten drängen sich auf. Horst Herold (1971-1981) reduzierte sich Privatleben ebenfalls auf Null. Er hatte sich in der Wiesbadener Elektronik-Zentrale nach jahrelanger Terroristenjagd systematisch zugemauert, von der Außenwelt hermetisch abgeschottet. Mit seiner Frau redete der ranghöchste Polizist der Republik nicht mehr, ließ sich schließlich scheiden. DISPOL-, PISA-, LISA, PIOS und der INPOL-Fahndungscomputer waren längst zu seinem alleinigen Bezugspunkt geworden, ein Gegenüber, über das er x-beliebig verfügen, mit dem er sich reibungslos verständigen konnte.

WER MACHT HAT, BRAUCHT KEINEN ORGASMUS

Meistens tief in der Nacht, wenn sich Dr. Geißler von der aufreibenden Tagesroutine entfernt weiß, arbeitet er "für unsere gemeinsame Zukunft, für eine Gesell-schaft mit menschlicherem Gesicht". Er braucht nicht viel Schlaf, er haßt ihn eigentlich. Will er doch seine kostbare Zeit effektiv nutzen, um Visionäres der Wirk-lichkeit ein Stückchen näher zu bringen. Für seine Politikaufrisse benötigt er keine Menschen, er verachtet sie insgeheim. Er liebt die abstrakte Planung. Die Gesellschaft mit empirischen Instrumentarien in Segmente zu zerlegen, weitsichtig Entscheidungsbedarf von morgen und übermorgen vorzubereiten, das fasziniert ihn ungemein - etwa beim Krankenhausbau.
VERTRACKTE RAUMKAPSEL

Schon seit 1977 macht Heiner Geißler aus Koffern Politik. Sich in Bonn für die angepeilte Jahrzehnte ein bisschen einzurichten, sich womöglich lebensfroh ein-zugestehen, dass diese Stadt keineswegs nur aus ver-qualmten Buden, Aktenböcken und flanellgarnierten Prestigefiguren besteht - solch naheliegende Gedanken rührten sich in ihm bisher nicht. Bonn sei nolens volens eine vertrackte Raumkapsel, in der viel schwadroniert werde, die geschwätzige Verlogenheit sich von der einen in die andere Alltagspathologie transferiere. Nein, beschied Geißler, dies sei nun wirklich nicht seine Um-gebung. Er wolle ja schließlich das neue Deutschland bauen, zukunftsweisende Perspektiven entwerfen. Deshalb könne ihn auch niemands zu den Cocktail-Empfängen locken, wo Gewichtiges und Nettes sich augenzwinkernd in seltener Noblesse mit ihren ewigen Déjà-vu-Erlebnissen therapieren.

VIERECKS-VERHÄLTNIS

Seine Welt, sein Milieu ist ein Betonkasten aus zehn Etagen - das Konrad-Adenauer-Haus. Dort - managt er mit monotoner Beharrlichkeit ein Vierecks-Verhältnis, seinen Lebensinhalt: Politik und nochmals Politik, Taktik und nochmals Taktik, Strategie und nochmals Strategie, Macht und nochmals Macht.

Überall surrt es auf Geißlers Etage zu Bonn.. Überall arbeiten die kleinen Reißwölfe vor sich hin. Im Kopier-raum neben der Kaffeeküche, in den Sekretariaten unter den Schreibtischen. Immer, wenn vertrauliche Informa-tionen übers Telefon den Leitungsstab erreichen, werden sie aufgeschrieben und unverzüglich den jeweiligen Adressaten ausgehändigt. Die speichern dann ihre exklusive Neuigkeit im Kopf, und der Reißwolf zerhackt das Papier. Spione vielleicht, Misstrauen überall.
160 PRESSE-ORDNERGleich neben seinem Schlafverlies stapeln sich über 160 vollgepfropfte Presseordner, die mir mir quasi cool nebenbei zeigt. Sie füllen seine Aktenschränke. Selbst für den CDU-Generalsekretär eine bemerkenswerte Anzahl. Von einem durchschnittlichen Parlamentarier erst gar nicht zu sprechen, der in vier Jahren im Bundes-hausarchiv etwa eine halbe Leitzmappe zusammenbringt. - Unausgesprochen und dennoch ausnahmslos machen sich am Gedruckten Leistungskriterien fest. - Geißler Gipfel.

Pressedokumentationen entpuppen sich Knall auf Fall als untrügerische Bonn-Seismografen. Sie zeigen Zugehörigkeit oder Außenseitertum an. Die Teilhabe an der Macht spiegelt sich in der Quantität angehäufter Zeitungsstapel und Agenturmeldungen wider.

Heiner Geißler hat kein Zuhause mehr. Freunde kann er auch keine benennen. Allesamt sind sie ihm entrückt. Schemenhaft blieben ein paar Namen in Erinnnerung - aus Schule, Studienzeit und Junger Union. Lang ist es her, zu lang für politische Charaktere seines Kalibers.
DIAGNOSE: SUCHTKRANKUnd heute? "Das lässt der Job nicht zu", murrt er knapp. Wenn, dann sind die pflegsam behandelten Bekannt-schaften allenfalls "politischer Natur". Seine alltäglichen Kontakte kappte er schon in jungen Jahren, damals, als er aufbrach, die politische Spitze zu erobern. Wäre er kein hochkarätiger CDU-Politiker, sondern ein medizinischer Fall der Drogenberatung in Bonn. Diagnose: suchtkrank. Ursache Politik in Bonn. Keine Frage, viele Symptome würden den Verdacht innerer Verwahrlosung erhärten.

CAMPING-SOZIALISTEN

Im ordentlichen Mainzer Vorort Gonsenheim lebt seine Familie - ist auch er dort polizeilich gemeldet. Von außen Eigenheim, von innen Villa mit acht Zimmern, Schaffellteppiche, Atrium, Goldfische im kleinen Teich. Für ihn gibt das Ambiente nichts her, ist Attrappe, die sich beziehungsarm aneinanderfügt. Schaublind-packung. Kein hospitalistischer Blick, sondern die Sichtweise des einstigen Familienministers, der auszog, den Deutschen wieder heimatfühlende Nestwärme, Geborgenheit und Familiensinn einzuschärfen, der gegen "die Camping-Sozialisten" unentwegt zu Felde zieht, "weil der Sozialismus entwurzelte Menschen braucht, damit er ihn manipulieren kann".

ENTFREMDET, VERFREMDET

Dabei ist es Heiner Geißler selber, der nach den Jahren in Bonn seiner Familie fremd geworden ist. Wo die Entfremdung begann, was der eigentliche Auslöser dafür war, wer will das im Nachhinein noch auseinanderhalten, zumal Politiker-Erfolge die Schatten überstrahlen und für lichte Momente vorsorglich eine Dunkelkammer reserviert ist. Entfremdung vollzieht sich ja meist unmerklich, achselzuckend, läßt in den seltensten Fällen ohnmächtige Aggressionen heraus-kommen. Jedenfalls wollte der "Bonn-Geißler" seine Familie aus dem "mörderischen Hauptstadt-Geschäft" unbedingt heraushalten, die Pressemeute von seiner Haustüre in Gonsenheim verscheuchen.
BERICHT AUS BONN
Vor dem kleinen Sitzungssaal im Konrad-Adenauer-Haus wartet ein Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks mit ihrem Berichterstatter Ernst-Dieter Lueg (*1930+2000) schon über eine halbe Stunde auf den CDU-Generalsekretär. Eingeschnürt vor stickiger Casino-Atmosphäre aus Gummibaum, Rundlampen und Bohnerwachsgeruch fläzen sich die Kamera- und Ton-männer in den Garnituren. Endlich. Ein Posten-steher öffnet die Türe. Heiner Geißler kurvt um die Ecke. Hektik und Gestik haben jedweden Zweifel weggefegt. Keine Frage, "zu Geißler drängt's, an Geißler hängt's". - "Wie viel Minuten", will er wissen. "Drei", ist die Ant-wort. "Um was geht es eigentlich noch?", fragt er nun. Stichwort: Kriegsdienstverweigerung. Kommando: Kamera läuft, Ton ab, Klappe. Nach drei Minuten und zwanzig Sekunden: "Hat ja prima hingehauen. Macht es gut Jungs, bis zum nächsten Mal". sagt er, weg ist er. An diesem Tag hatte schon früh morgens der Bayerische Rundfunk die Aufwartung im Ministerium gemacht. Ein Termin beim NDR steht noch aus. Und in Kürze wird Geißler als Winzer verkleidet mit Bauern aus der südlichen Pfalz frisch gekelterten Wein auf einem Bollerwagen zu Helmut Kohl ins Kanzleramt karren - selbstverständlich für den "Bericht aus Bonn" am Freitagabend.

FERNSEH-MATTSCHEIBEN

Fernseh-Mattscheiben sozialisierten Geißler zu einem Zeitgenossen des eingefrorenen Dauerlächelns. Sein nonverbales Repertoire meidet spontane, unkon-trollierte, intensive Affekte, da diese mitunter Nervo-sität, Zynismus, Kontaktschwäche, Unverbindlichkeit freilegten. Sein Gesichtsausdruck verrät kaum Auf-fallendes - außer dem gezielten Steuerung des ewigen Dauerlächelns. Langsam zieht Geißler sein Mundwinkel hoch, langsam rasten seine Lachfalten auf dem ge-wünschten Charmepegeln ein. Im Zeitlupentempo dreht er seine Mimik behutsam zurück. Ein Ausbund von Freundlichkeit, ein Vorbild möchte er in seiner Wunsch-vorstellung abgeben, Identifikationen glaubt er so auf sich zu vereinen.

Diese kraftzehrende, nach außen gerichtete Theatralik begräbt individuelle Bedürftigkeit, persönlliche Konturen zerfließen allmählich ins Unkenntliche. Das Magnetfeld allgegenwärtiger Sachlogik und politischer Zweckmäßigkeit geht einher mit der Abstraktion des Ichs. Unaufgefordert, beinahe beflissen unterdrückt da ein jeder seine persönliche menschliche Anteilnahme: elementare Lebensgefühle verdorren.

"LANGER EUGEN"
Auf dem Sportplatz Gronau am Rhein im Bonner Regierungsviertel gleich neben dem Abgeordneten-Hochhaus Langer Eugen wartet im Dunkel ein Bundes-wehr-Hubschrauber auf seinen Passagier. Von hier ist das Bundeshaus kaum mehr als einen Steinwurf entfernt, das Kanzleramt liegt unmittelbar dahinter. Es ist ein grauslig-diesiger, nasskalter Dezember-Abend. Böige Winde und anhaltende Regenfälle haben schon einige Tage zuvor den Rhein über die Ufer getrieben, die Promenade weitflächig überspült, die Bänke aus ihren Halterungen fortgerissen, Treibgut klatscht ans Gemäuer der Uferstraße. Auch der Fußballplatz, auf dem in freundlicher Jahreszeit Ex-Nationalspieler Wolfgang Overrath bierrunden Parlamentariern das Ballkullern lehrt, suppt unter lehmig aufgewühltem Wasser.
"GESINDEPFLEGE"
Nicht weit vom Anstoßpunkt steht der Helikopter. Die Piloten vom BMVg, wie das Bundesministerium für Verteidigung im Kürzel heißt, warten gelangweilt , Frau Dorothea Göbel, Geißlers treu ergebene Assistentin, bibbert dem Abflug entgegen. Die "Bundeswehr-Männer", sagt Frau Göbel, waren ausgesprochen hilfsbereit, verstauten flugs die Geißler'schen PR-Sektflaschen, die sie resolut über den triefenden Rasen geschleppt hatte. Die Bundeswehr ist für diesen Abend und für den nächsten Morgen geordert worden, weil nach dem Terminplan "Gesindepflege" auf dem Pro-gramm steht - Kurzvisite des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit und Generalsekretär der Christlich Demokratischen Union in seinem Wahlkreis 161, Landau, Südliche Weinstraße.
Ein Direktmandat, das Geißler schon 1980 im ersten Anlauf eroberte und seither bequem hält. Verein-barungsgemäß hatten auch die beiden Limousinen ihre Stellungen bezogen. Die aus dem Ministerium vor dem Kanzleramt, aus dem Heiner Geißler abgeholt werden soll, die aus dem Adenauer-Haus in der Pfalzklinik Landeck, wo Geißler landen soll.
Die Bonner "Schedule", was soviel wie Zeittafel bedeutet, ist mittlerweile durcheinander geraten; Geißler "taucht und taucht nicht auf - fährt und fährt nicht vor". Die Maschinerie steht still.
PANZERSPÄHWAGEN
Stille zieht auch durchs Regierungsviertel. Vom Langen Eugen schimmern nur vereinzelt Lichter aus Bürofenstern. Nur wenige Bundestagsabgeordnete harren noch in ihren Dienstzimmern. Sie haben eine sitzungs-freie Woche. Die Straßen menschenleer, hin und wieder ein paar Autos, Panzerspähwagen der Polizei. Irgendwo versteckt piepsen Sprechfunkgeräte des Objektschutzes. Scheinwerfer liefern die Silhouetten von Amtsgebäuden, hinter denen sich Kakteen oder Gummi-baumgewächse abwechseln und endlose Flure verbergen. Lediglich der Lange Eugen überragt dieses lieblos dahingestoppelte Häusergekrümel aus den Nachkriegsjahren - Bonn ein Provisorium.
Die Ruhe und die frische Brise am Rhein erinnern an ein ausgestorbenes Seebad zur Winterzeit. So mitten drin, so eng auf Tuchfühlung mit der politischen Macht, umgeben von ihrer dumpfen Alltäglichkeit, da sind die Mächtigen entrückter unnahbarer, austauschbarer denn je. Gleichbleibende Sterilität trocknet Gefühle aus, kappt Bezugspunkte, zermürbt Fantasie. In Frankfurt am Main, Hamburg, München, Berlin, in den Ballungszentren des Ruhrgebiets, dort, wo die Menschen sich in ihrer Widersprüchen an konkreten Widerständen wund reiben, dort sind die Mächtigen des Landes fassbar. Im eingeweckten Regierungsviertel, noch dazu aus der Hubschrauberperspektive vor dem Abflug, verlieren sich verlässliche Konturen in eine geordnete Unkenntlichkeit.
Der Generalsekretär konferiert mit seinem Helmut Kohl bereits seit mehreren Stunden; Gespräche, die nicht enden wollen ... ...
















Montag, 3. September 1984

Betrogene Betrüger - größte journalistische Gaunerstück aller Zeiten

Gerd Schulte-Hillen,
Verlagsmanager
(*1940): "Was teuer
ist, kann nur echt
sein." 4,65 Millionen

Euro für eine
Fälschung bezahlt.

Henri Nannen (*1913+1996)
war der Hans
Albers des Journalismus.
Ein Mann der
Legenden - der nicht nur
auf der Reeperbahn
; mit verbrannter
Erde sein Dasein bestritt.


Peter Koch (*1939+1989) liebte
Geld, schöne Frauen und schnelle
Autos. Als politischer Publizist
wollte er bedeutend werden. Dabei
hatte er Rasierklingen an den Ellen-
bogen. Es
reichte nur zur Fußnote
einer Stern- Skandal-Geschichte. Mit
1,5 Millionen Euro Abfindun
g nach
Hause geschickt. Koch starb an
Krebs in den USA.



Thomas Walde (*1940) war einer der
fundiertesten
Journalisten in Print-Medien.
Er promovierte über Geheimdienste.

Walde war präzis in Analysen, kenntnis-
reich sein Wissen. Im allgegenwärtigen
Illustrierten-Sog nach Sensationen verlor
er den Überblick hielt dem Druck nicht
mehr stand.Tragisch. Opfer des Hamburger
stern-Milieus.


Gerd Heidemann (*1931), ein Mann mit
Nazi-Affinitäten, Nazi-Liedern, Göring-
Maskeraden; Ehefrau mit adretter BDM-
Frisur. Wollte groß rauskommen, hoch
gepokert, viel Geld verdient, alles verloren.
In den Knast eingefahren. Vom Starreporter
zum Sozialfall.




Die sogenannten Hitler-Tagebücher und ihre Veröffentlichung in der Hamburger Illustrierten stern gilt als einer der größten Skandale in der Geschichte der deutschen Presse, als Parade-Beispiel für Scheckbuch-Journalismus. Der stern hatte für 4,65 Millionen Euro 62 Bände gefälschter Tagebücher erworben. Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz kündigte Chefredakteur Peter Koch (*1939+1989) an, "große Teile der deutschen Geschichte müssen umgeschrieben werden". Beschaffer Gerd Heidemann, ließ sich in Siegerpose zu einem "Victory"-Zeichen hinreißen. Welterfolg.

Gerd Heidemann (*1931) musste wegen Unterschlagung eine Haftstrafe von vier Jahren und acht Monaten antreten; lebt seither von Sozialhilfe. Konrad Kujau (*1938 + 2000) wurde durch seine Fälschung populär und gleichfalls wegen Betrugs mit vier Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug belegt. Aufgrund seiner Kehlkopf-Krebserkrankung verbüßte Kujau lediglich drei Jahre Haft. Er starb im Jahr 2000.

Chefredakteur Peter Koch trat von seinem Amt zurück - notgedrungenerweise. Er ließ sich für sein Tagebuch-Abenteuer mit einer stattlichen Abfindung in Höhe von 1,5 Millionen Euro belohnen. Als neuer Blattmacher im Springer-Verlag scheiterte Peter Koch mit seiner Illustrierten "Ja" abermals. Sie musste schon nach wenigen Ausgaben wegen mangelnder Auflage und wirtschaftlichen Misserfolges eingestellt werden. Er starb im Alter von 50 Jahren 1989 auf seinem Landsitz in Florida an Krebs.

Auch Thomas Walde hatte als Ressortleiter Zeitgeschichte den stern verlassen. Bis zu seiner Pensionierung verantwortete er das Hörfunk-Programm von Radio Hamburg. Dessen ungeachtet blieb er Zeit seines Lebens ein Gefangener der gefälschten Hitler-Tagebücher. Ob er wollte oder auch nicht - sie liessen ihn nicht mehr los. So gestand Thomas Walde vor dem Service-Club Round Table in der Potsdamer Strandbar freimütig: Dieser Skandal habe tatsächlich seine verdeckte Anziehungskraft nicht verloren, auch nach 25 Jahren nicht. "Ich muss immer wieder Auskunft über dieses Desaster geben, hätte ich es nicht getan, wäre ich daran zugrunde gegangen."

Auftritt, Rhein-Main-Illustrierte
Frankfurt a/M
vom 3. September 1984


von Reimar Oltmanns

und Georg Weissenberger (Dokumentation)


Es
war einer jener seltenen Sommertage, der die Gemüter ungeahnt vibrieren lässt. Im klinkerverputzten Hamburg, der Hochburg des Hochmuts, kriechen die Bürger aus ihren Burgen. Der Volkspark wimmelt voller euphorischer Menschen samt lebenslustiger Hunde. Auf der Außenalster ziehen Segelboote ihre beschaulichen Schleifen. Und in der Fabrik rockt Ulrich Klose, damals Regierungschef der Hansestadt (1974-1981), in Udo Lindenbergs Aufbruch-Stimmung hinein - ("Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt und sonst gar nichts").

ZÄHESTER SPÜRHUND

Nur am Ausschläger Elbdeich plätschert das Wochenende eher freudlos vor sich hin. Genauer gesagt auf der Carin II, einer Privatjacht, die dem stern-Journalisten Gerd Heidemann gehört. Heidemann, auch Gerdsche genannt, zählt allseits unbestritten zu den hochkarätigen Rechercheuren der Illustrierten - und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Eben der "hartnäckigste, raffinierteste Reporter Deutschlands, der zäheste Spürhund, der sich überhaupt denken lässt". Eben ein klassischer Karriere-Mann, der sich während seiner überaus langen Laufbahn nicht einmal eine Gegendarstellung, keine Klage, keinen Prozess einhandelte, wie der stern großspurig kundtat.

SCHIFFS-SALON

An diesem Wochenende anno 1978 hockt der stern-Star ein wenig gelangweilt in seinem Schiffssalon. Ihm missfällt jeder Stillstand, jede Minute, die Heidemann mit Heidemann zu konfrontieren droht. Er hasst erst recht jeden Urlaub, den er immer wieder irgendwie schon als eine "empfindliche Strafe" wahrnimmt, empfindet. Ferien zu machen, auszuspannen, das hieße ja, von der nahezu manischen, ureigensten Bessenheit, vom rasenden Fanatismus abzuschalten, sei es auch nur für ganze sechs Wochen. Wenn innere Ruhe als Bedrohung empfunden wird ... ...

FRAU HEIDEMANN IV.

Aus dem Bord-Kasettenrekorder scheppert stattdessen der Radetzky-Marsch. Heidemann, in der Prachtuniform des Reichmarschalls Hermann Göring (*1893+1946), wartet auf seinen Erbseneintopf. Das Ambiente um ihn herum: Göringsches Tafelsilber, Göringsche Aschenbecher. Selbst die Kissenbezüge stamme aus Görings Bademantel. In der Kombüse bekocht ihn Gina. Natürlich hat Gina wasserblaue Augen, ist groß wie blond; eine Frau, die an Lebensborn, ans Rassenglück erinnert; an jene vollends entgeisterten Arierinnen, die dem Führer ein Kind schenkten wollten und manchmal auch durften. Aber immerhin: alsbald darf Gina sich Frau Heidemann IV. nennen. Szenen wie aus Hollywood. Nur mit dem filigranen Unterschied, dass solch ein Kasperle-Theater auf einem Kahn zu Hamburg der siebziger Jahre nicht einer Kabarett-Aufführung, sondern der nachempfundenen Wirklichkeit entsprach.

SS-SCHERGEN ALS TRAUZEUGEN

Keine anderen als der ehemalige Waffen-SS-General und unbelehrbare Verteidiger der Reichskanzlei Wilhelm Monke (*1911+1977) wie auch der frühere Waffen-SS-General und Himmler-Intimus Karl Wolff (*1900+1984) werden in wenigen Wochen später die Heidemanns als Trauzeugen zum Standesamt eskortieren. Wolff, ein Nazi-Karrierist und ausgewiesener Scherge, der wegen Ermordung von 300.000 Juden zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Wolff , den Gerd Heidemann stets als "Wölfchen" liebkost; einfach, weil er doch so "ein netter Mann ist".

GÖRINGS KAJÜTE

Die "Carin II" - das war einmal Görings Schiff.- Die Paradejacht des Reichsmarschalls Hermann Göring (*1893+1946). Im Jahre 1937 bekam er es im Werte von 1,3 Millionen Reichs-Mark von der Automobilindustrie geschenkt. Im Jahre 1973 kaufte es Gerd Heidemann im ziemlich verrotteten Zustand einem Bonner Druckerei-Besitzer für immerhin 160.000 Mark ab. Zwischenzeitlich diente es unter dem Namen "Prince Charles" dem englischen Königshaus als Prominentenjacht. Die "Carin II" - sie wurde zu Heidemanns Refugium. Eine tief verwurzelte, emotionale Heimstatt, für die er sein Haus veräußerte, für die er sich bei der Deutschen Bank wegen immenser Renovierungskosten sogar um 300.000 Mark verschuldete (Kontonummer: 521.815.101).

PANZERDIVISION "HITLER-JUGEND"

Eine Affinität, die Heidemann geschickt mit Geschäftsinteressen oder "zeitgeschichtlichen Nachforschungen" zu kaschieren wusste, aber tatsächlich bereits im Jahre 1945 ihren Ausgangspunkt nahm. Damals war Gerd Heidemann gerade dreizehn Jahre alt, als die aus Holland zurückbeorderte Panzer-Division "Hitler-Jugend" in Dorfmark am Rande der Lüneburger Heide ihm das Zerlegen von MGs und Schießen beibrachte - Pimpf Heidemann mit "feucht-glänzenden Augen" zu den 17jährigen Waffen-SS-Männern aufblickte.

VERWIRRENDE VERIRRUNGEN

Auf
diesem Geisterboot schuf Gerd Heidemann sich nach all den verwirrenden Verirrungen eines Reporterlebens seine Wirklichkeit; die der Nazis ("Kamerad-weißt-du-noch"), die der Waffenhändler, Neofaschisten und Geheimdienst-Agenten. Allesamt gingen sie auf der "Carin II" liebend gern ein wie aus. Saufgelage, Weiber, Blutfahne, Fressplatten vom Hotel Intercontinental mit Lachs- und Kavierschnittchen samt Rehrücken-Filet . Dazu Nazi-Lieder, Göring-Maskerade, Görings Lokusschüssel und natürlich der lallende Eintrag ins Heidemann'sche Bordbuch. Der Starreporter auf Recherche, auf Rechnung des stern versteht sich.

STATTLICHE MÄNNER - STERN-MÄNNER

Auf diesem Kahn, der traumatisch minutiös jenes braune Despoten-Dasein aktualisiert, fand Heidemann endlich seinen ersehnten Platz, seine NS-beseelte Genugtuung oder Anerkennung, auch seine menschlichen Bezugspunkte. Gerd Heidemann war richtig angekommen, er konnte sich allmählich zu dem häuten, der er schon immer war. Ein autoritätshöriger, enthusiastischer Verehrer überlebensgroßer Männer, "hart wie Stahl" und mit eisenbeschlagenen Schuhabsätzen - hießen sie nun SS-Wolff, SS-Mohnke, Schlächter Barbie in Lyon, stern-Nannen oder stern-Koch. Wer auch immer von den drahtigen "Mustermännern" sein Gegenüber war. Heidemanns Hingabe bestand aus winselnder Abhängigkeit.

GRÖSSTER REPORTER ALLER ZEITEN

Mit den Hitler-Tagebüchern, dem bislang umfangreichsten Fälschungswerk der Geschichte, wollte Gerd Heidemann zum Gröraz, zum größten Reporter aller Zeiten werden. Neun Millionen Mark (4,65 Millionen €) blätterte der Verlag Gruner + Jahr für Konrad Kujaus Falsifikate hin, auf etwa 20 Millionen Mark beläuft sich der Gesamtverlust. Es war der letzte Versuch eines ausgebrannten Reporters, dem drohenden Rausschmiss mit einem "Bravourstück" doch noch die entscheidende Wende zu geben - der Weltöffentlichkeit nach konspirativer Vorarbeit eine Weltsensation zu präsentieren, den "größten Coup seit Watergate" (politische Vertrauens- und Verfassungskrise in den Vereinigten Staaten von 1972-1974).

VOM ELEKTRIKER ZUM JOURNALISTEN

Denn vor nichts zitterte der damals 49jährige Heidemann mehr als vom stern, der größten deutschen Illustrierten (Auflage: 1,49 Millionen) den Fußtritt zu kassieren. Schon längst hatte er nicht mehr die Leistungskraft früherer Jahre, Schulden plagten ihn, Pfändungsbescheide flatterten ins Haus. Das, was Heidemann darstellte oder hermachte, verdankte er ausschließlich seiner Illustrierten. Ihr verschrieb er sich, von ihr ließ er sich enteignen. Sie ermöglichte ihm den einzigartigen Aufstieg vom Elektriker zum Frist-Class-Jetset, sie machte ihn x-beliebig gefügig, bestimmte durchschlagend seine Höhen und Tiefen. Gerd Heidemann merkte nicht, dass dieser stern ihn hingerichtet hat, Stück um Stück mehr in den Wahnsinn trieb, seine nach außen präsentierte Glanz- und Glimmerexistenz nicht mehr als ein beklagenswerter Trümmerhaufen war.

GRENZGÄNGER MIT SCHECKBUCH

Die gefälschten Hitler-Tagebücher verletzen bekanntlich ja nicht nur das geschichtliche Bild der Deutschen samt ihrer Millionen-Opfer. Sie sind gleichfalls Ausdruck eines beispiellosen Grenzgänger- oder Scheckbuch-Journalismus, der die Fronten zwischen Reportern, V-Leuten und Agenten gefährlich verwischt, folgerichtig in Medien-Exzessen endet. Die Käuflichkeit von Nachrichten wie Informanten zählt seit zwanzig Jahren in den internen Redaktionsabläufen zur bewährten Praxis - und dies ausnahmslos, ob Spiegel, Focus, stern oder auch Bunte; vom Privatfernsehen um RTL bis hin zu SAT1 ganz zu schweigen.

AUFSCHNEIDEREI

Gewiss ohne Heidemanns "Beschaffung" hätte der stern Hitlers Tagebücher wohl kaum drucken können. Doch seine Lebens- wie Reporter-Geschichte ist ohne Henri Nannen so nicht denkbar und der stern ohne Nannen ebenfalls nicht. In Wirklichkeit sitzen vor dem Hamburger Landgericht neben Heidemann/Kujau die verantwortlichen Manager und Chefredakteure auf der Anklagebank. Es sind deutsche Spitzenverdiener der Extra-Klasse eines "maroden spätkapitalistischen Monsterunternehmens", die den Führer in der Öffentlichkeit wie eine Delikatesse servierten, schrieb Ex-Autor Erich Kuby (*1910+2005) in seinem Buch, "Der Stern und die Folgen". Ob hemmungslose, ungenierte Profitgier oder kaltschnäuzige, abgerichtete Knüller-Mentalität, "die wöchentliche Aufschneiderei bis eben hin zur Fälschung", bemerkt der einstige Nannen-Stellvertreter Manfred Bissinger, "sei der eigentliche Nährboden gewesen, in diesem Klima konnte Heidemann gedeihen."

HANS ALBERS DIESER EPOCHE

Dieser stern, der sich seinen Lesern mit einfühlsamen Sozialreportagen, mit Serien gegen Berufsverbote, Militarismus, Folter, Rüstungswahn empfiehlt, in diesem stern spielte Henri Nannen "das Schwein, um den stern zu retten" (Nannen über Nannen). Er beritt Frauen nach Lust und Laune; alle staunten, tuschelten und schauten weg. Er bürstete seine verängstigten Mitarbeiter menschenverächtlich ab, furzte in den Konferenzen herum, ließ seine Leute im Gestank schmunzelnd strammstehen. Er feuerte oder heuerte Redakteure von einer Minute zur anderen. Wer aufmuckte, widersprach - gegen den "Hans Albers des Journalismus"- der bekam in späteren Jahren nicht etwa den neureich als TV-event aufgemotzten "Henri-Nannen-Preis", sondern nicht selten Hausverbot - postwendend. Und wer gar zaghafte Schwäche zeigte, den beutelte er oft genüsslich bis zur Selbstaufgabe. Sie hießen Peter Heinke, Wolfgang Barthel oder auch Paul-Heinz Koesters - sie schieden alle - über kurz oder lang, Jahre hin, Jahre her - freiwillig nicht nur vom stern - aus ihrem Leben. Ein Redakteur um die 50 Jahre alt, flehte ihn weinend an, ihn doch wenigstens erst in einem Jahr zu feuern, wenn sein Sohn das Studium beendet habe. Fehlanzeige. Dieser "perfekte", "radikale Opportunist", wie Erich Kuby ihn charakterisierte, der sich bei Nannen immerhin 16 Jahre verdingte, prügelte sein Blatt mit Bauch und Geruchssinn zum einsamen Erfolg: zu acht Millionen Lesern wöchentlich.

HAIFISCH-BECKEN

Indes: Unter Nannens Ägide brodelte ein Klima, das in Kasernen oder Gefängnissen den zermürbenden Alltag durchdringt.

Eine luxuriöse Psycho-Folter, der sich kaum einer entziehen kann, der auch nur halbwegs in diesem Haifischbecken überleben will. Der einstige stern-Reporter Kai Hermann trat Chefredakteur Nannen jedenfalls vor Zorn im Jahre 1978 die Glastür ein, weil er sich der Auflage willen wieder einmal über eine Absprache hinweggesetzt hat und das Konterfei der Christiane F. ("Wir Kinder von Bahnhof Zoo") fast idenifizierbar auf den Titel pustete. Dem Triebtäter Nannen folgte der Kompanie-Feldwebel Peter Koch, der Mann "mit den Rasierklingen an den Ellenbogen".

GROßHANS-ARROGANTEN

Diese "deutschen Großhans-Arroganten" stapften gut gelaunt über Leichen. Was macht es da schon, wenn sich eine Redakteurin vor beruflicher Ohnmacht ihre Pulsadern aufritzt, quasi in letzter Minute gerettet wird? Ein Bonner Korrespondent sich aus dem Fenster stürzen will, weil er dem "Leistungsknüppel" nichts mehr entgegen zu setzen hatte, nunmehr als Bonner Frührentner sein Leben mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker meistert? Ein anderer, der den einjährigen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik regelrecht als "Befreiung" feiert; ein weiterer mit 40 Jahren ins Gras beißt, weil er dem Stress nicht mehr standhielt und sich zu Tode soff. Was macht es da schon, wenn der frühere stern-Reporter Karl-Robert Pfeffer in Beirut, Hans Bollinger und Wolfgang Stiens am Victoria-See in Uganda erschossen werden? Ihre Leichen geben zumindest soviel hier: eine hautnah erlebte Illustrierten-Story mit faktenreichem Betroffenheits-Habitus, von der Nannen schon längst geträumt hatte - im doppelseitigen Vierfarbformat versteht sich.

ERDBALL EIN PUFF

Für die stern-Oberen ist die Welt, ist jedermann käuflich, alles verfügbar, der ganze Erdball ein einziger Puff.; Spesen selbstverständlich qua Ersatzbeleg für "Übersetzungsskosten". Bekanntlich 9,34 Millionen für die Tagebücher, 100.000 Mark für die degoutante Serie über Marianne Bachmeier (*1950+1996 - sie hatte im Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschossen); ganze 80.000 Mark für den Kronzeugen gegen den KGB, 250.000 Mark für die Lebensgeschichte des Franz Beckenbauer, 125.000 Mark für Jimmy Carter (US-Präsident 1977-1981) usw. usf. Und einen Chefredakteur Peter Koch, der sich seine Tapeten fürs neue Haus im Villen-Vorort Övelgönne an der Hamburger Elbchaussee aus New York einfliegen lässt; ansonsten aber, auf die Erste-Klasse-Flüge als nicht standesgemäß pfeift. Stattdessen lieber wie einst der TV-Serienheld aus dem Soap Denver-Clan mit einem Lear-Jet andere Länder beglückt - und nicht nur diese. So mal eben nach Madrid (Kostenpunkt: 18.000 Mark), vier gestotterte, verhaspelte Fragen an den damaligen spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzalez (1982-1996) , dann zum Spanferkel-Menü, zwischendurch einen kleinen Fick. Schließlich wieder nach Hamburg in die Redaktion, um die "Faulenzer" zusammenzuscheißen, "weil der stern kein Mädchen-Pensionat, keine Invalidenstation und erst recht kein Sozialwerk ist".

NASE FÜR SCHWÄCHEN

Gerd Heidemann jedenfalls war die Anti-Figur zum Möchtegern-Reporter. In seinem meist blauen Anzug mit Tüchlein und dem ewigen Seminargesicht hätte er auch gut einen gestandenen Abteilungsleiter im Supermarkt an der Hamburger Alster abgeben können. Ein zurückhaltener Typ, leise, gleichmütig, bescheiden. Heidemanns Kapital: er hat eine ausgeprägte Nase für die Schwächen anderer. Sein Risiko: Wenn er sich voll mit seiner jeweiligen Rolle identifiziert. kann er nicht mehr auf Distanz gehen - weder zu seiner Maske noch zu dem Gesprächspartner. Die Gedankenwelt muss er sich erarbeiten. Denn er ist derjenige, der täuscht, manipuliert, reinlegt.

FÜRCHTERLICHES BESÄUFNIS

Zwei klassische Szenen aus dem Arsenal der stern-Recherche. Gemeinsam mit Thomas Walde, Ressortchef Zeitgeschichte, er promovierte über Nachrichtendienste, reist Heidemann zum angeblichen Fundort der Tagebücher nach Börnesdorf in der damaligen DDR. Dort war zu Kriegsschluss die Junker Ju 352 abgestürzt, die die vermeintlichen Aufzeichnungen Hitlers nach Berchtesgaden in Sicherheit schaffen sollten. Heidemann:

"Doktor Walde und ich flogen am 14. November 1980 nach West-Berlin, übernachteten im Hotel 'Schweizer Hof' und fuhren am nächsten Morgen vom Bahnhof Zoo mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichsstraße. In Ost-Berlin warteten bereits zwei Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf die stern-Leute. Der Tag schließt mit einem 'fürchterlichen Besäufnis'. Denn wir hatten zwei Flaschen Whisky mitgebracht." Als erster kippte ein Stasi-Mann um, donnerte mit dem Kopf an die Heizung. Heidemann weiter: "Doktor Walde und ich gingen dann noch einmal in die Hotelhalle. Inzwischen war Walde so voll, dass er Dummheiten machte. Er klappte seinen Kugelschreiber auf, in dem ein Namensstempel war, und drückte seine volle Adresse auf die Meldezettel und auf den Empfangstresen an der Rezeption. Die Sache war nicht ungefährlich - denn die MfS-Leute hatten uns gar nicht angemeldet."

KABALE UND HIEBE

Am nächsten Morgen mit dicken Kopf und ein paar Alka-Seltzer-Tabletten intus in Börnesdorf. Heidemann stellte sich dem Dorfbewohner Göbel als Neffe des Bruchpiloten Liebig vor. Um die Bewohner gesprächig zu machen, verteilte er westdeutschen Kaffee. Am Grab seines "Onkels" legt er bedächtig mit ernster Miene Blumen ans Kreuz.

Für Übervater Nannen ist Heidemann sein ausgemachter Lieblingsreporter, mit dem er sich duzt. Denn kaum einer wie Heidemann hat Nannens handwerklichen Rat so beherzigt: "Ein Reporter, der keine Frauen aufreißt, ist kein richtiger Reporter." Und Heidemann reist und reißt. Kaum kehrte er von seinen Ausflügen zurück, musste er dem grunzenden Nannen unverzüglich Bericht erstatten. Hier mit Etta Schiller gebumst, dabei sogar das Tonband laufen lassen. Frau Schiller trennte sich gerade vom damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller (*1911+1994, Bundesminister für Wirtschaft 1966-1973) zu Beginn der sozialliberalen Koalition im Jahre 1972. Etta Schiller war verzweifelt, suchte Halt. Heidemann lieferte Halt mit Tonband-Aufzeichnungen aus dem Bett. Schlagzeile im stern: "Kabale und Hiebe." Dort mit Edda Göring geschlafen, um das Mokkaservice vom Reichsfeldmarschall abzustauben. Immer schauspielerte Heidemann dieselbe Masche mit überhöflichem Getue. "Dürfen wir stören". - "Aber wir wollen Ihnen keine Umstände machen." - "Das ist aber sehr freundlich von Ihnen." - "Dürfen wir wieder vorbeischauen."

FREMDENLEGIONÄR

Nur auf fernen Kontinenten kehrt er den "Fremdenlegionär" heraus. stern-Reporter Peter-Hannes Lehmann, der am liebsten in englischen Militärhemden selbst oder gerade auch über die Redaktionsflure läuft, schildert ein Erlebnis mit seinem Kumpanen Gerd: "Als es in Guinea-Bissau plötzlich krachte, haben wir uns hinter einen Termitenhaufen geworfen. Es war kein Feind zu sehen. Nur ein wildes Geschieße. Während ich mich so flach wie möglich machte, fluchte Gerd: "Scheiße, hier gibt's ja nichts zu fotografieren, überhaupt kein Motiv" Dafür spätestens aber am Abend in Mombasa. Da holt Heidemann sich drei "Negerweiber" aufs Hotelzimmer, stellt sie unter die Dusche, hantiert mit dem Selbstauslöser. Ist es etwas Rassismus, vielleicht lästiger Hormon-Überschuss oder was treibt ihn immer wieder in derlei Abenteuer? Ab welchem Punkt wird journalistische Besessenheit krankenscheinpflichtig. Reporter Lehmann erwidert sibyllinisch: "Es gibt keine Zufälle, Gott hat die Türen, auch durch die du gehen musst, schon aufgetan. Ja, ja, mein Lebenstraum war immer, Journalist zu werden. Er ist Wirklichkeit geworden."

SS-EHRENDOLCH

Die stern-Redaktion, die im Verlag als arrogant gilt, arbeitete immerhin über dreißig Jahre mit Gerd Heidemann zusammen. "Immer, wenn es brenzlich wird ,muss Heidemann ran. Immer, wenn's ums Bescheißen geht." Heidemann hingegen ist nicht der einzige im stern, der Nazi-Trophäen sammelt. Einige Kollegen hatten schon vor ihm mit diesem einträglichen Geschäft begonnen. Stolz zeigt Heidemann ihnen seinen SS-Ehrendolch, wandert damit von Stockwerk zu Stockwerk.

TEUER UND ECHT

Dieser stern, der stets so viel Wind ins Land pustet, wenn er den Mächtigen der Republik angebliches Fehlverhalten nachweisen will, für diesen linksliberalen aufgeklärten stern ist der rechts gestrickte Heidemann "übergroß". Wo war die vermeintlich so selbstbewusste Reaktion, als nach der merkwürdigen ZDF-Fernsehsendung Peter Koch alle Skeptiker, veritable Historiker, die an der Echtheit der Hitler-Tagebücher arge Zweifel hegten, sie coram publico als Dummköpfe, Fälscher , Neider bezeichnete? Am nächsten Morgen saßen sie einträglich im Konferenzraum zusammen, jubelten ihrem Chef-Koch für die Meisterleistung zu. Endlich eine Sensation, endlich wieder in aller Munde. Ganz nach dem Motto: "Was so teuer ist, kann nur echt sein."

GELDGIER

Geldgier mit den eingegerbten Parvenü-Allüren hatten bei allen Beteiligten am Unternehmen "Grünes Gewölbe" jäh den Verstand ausgeschaltet. Heidemann wurde vorab 1,5 Millionen Mark zugesagt. Thomas Walde sollte mit 560.000 Mark beteiligt werden, Co-Autor Leo Pesch rechnete sich Extra-Gagen in Höhe von 280.000 Mark aus. Kritische Einwände, es könne doch gar nicht möglich sein, dass Hitler sich bei solch einem Konvolut seiner Aufzeichnungen (60 Bände) nicht einmal verschriebe, konterte Dr. Walde mit der Bemerkung: "Unser Führer verschreibt sich nicht."

BANANEN ODER MAGAZIN

Für die Konzernspitze war es ein sinnliches Erlebnis, ein Hitler-Tagebuch in den Händen zu halten. Ganz egal, was sie auch verhökert, Bananen, Autos oder ein Magazin, Geld muss es bringen. Auszug aus Bissingers Buch, Hitlers Stern-Stunde-Kujau, Heidemann und die Millionäre:

"Am 9. März 1981 bekam das Unternehmen Grünes Gewölbe einen neuen Mitwisser. Manfred Fischer (*1934+2002), damals Vorstandschef von Gruner + Jahr, fuhr zu einer Sitzung der Konzernzentrale nach Gütersloh. Dort traf er seinen Boss, den Inhaber, Noch-Vorstandsvorsitzenden und designierten Aufsichtsratsvorsitzenden von Bertelsmann, Reinhard Mohn (*1921+2009), Konzernumsatz: 6,04 Milliarden Mark jährlich. Der wollte Fischer an seinem sechzigsten Geburtstag am 29. Juni zu seinem Nachfolger machen. Fischer bat um ein Gespräch unter vier Augen.

SENSATION DES JAHRHUNDERTS

Das Sekretariat wurde angewiesen, keinen Besucher vorzulassen, dann zog Fischer Heidemanns Dossier aus der Aktentasche und legte es 'durchaus ein bisschen stolz' dem Bertelsmann-Boss vor. Mit dem Finger fuhr er über die Aussage von Hitlers Chefpilot Baur, in der von wichtigen verlorenen Dokumenten die Rede war. 'Die haben wir jetzt gefunden.' Fischer langte wieder in seine Tasche und legte mehrere Hitler-Tagebücher auf den Tisch. 'Das sind die Tagebücher. Hier sind sie.' Mohn nahm die Kladden in die Hand 'war fasziniert' und sagte: 'Ungeheuer Manfred!' Und dann fielen die Sätze, die später die Runde machten: "Das ist das unglaublichste Manuskript, das je meinen Schreibtusch passiert hat. Das ist die Sensation des Jahrhunderts. Es ist unglaublich, wenn es stimmt.' "

BLIND JEDE SUMME

Tatsächlich entsprach Heidemann mit seinen Geldforderungen wie auch seinem Auftreten präzis dem Befund, den sich die Herren aus dem provinziell angehauchten Gütersloh über einen Hamburger Journalisten gezimmert hatten. Gerd Heidemann erhält blind jede Summe , die er will. Als zum Beispiel am 27. Janaur 1981 die Banken schon geschlossen haben, Heidemann hingegen die erste Rate in Höhe von 200.000 Mark anfordert, muss Vorstandsmitglied Peter Kühsel die Summe am Spätschalter des Hamburger Flughafens lockermachen. In den folgenden Jahren kassiert Heidemann in regelmäßigen Abständen zwischen 200.000 bis 900.000 Mark. Über das Geld kann er quasi verfügen, wie er will, Rechenschaft fordert niemand von ihm.

MYTHOS VON DER ECHTHEIT

"Auch in den letzten Wochen vor dem Auffliegen der Fälschung". heißt es in der stern-internen Klug-Untersuchungskommission (benannt nach dem früheren Hochschullehrer und FDP-Politiker Ulrich Klug *1913+1993 ). "ist der Mythos von Echtheit der Tagebücher im Ressort Zeitgeschichte noch so stark, dass man sich sagt, selbst wenn Heidemann in psychiatrische Behandlung müsse, dann aber erst nach der Beschaffung der letzten fehlenden Stücke." Als die Hitler-Sondernummer in der stern-Grafik ausgelegt war, griff Gerd Heidemann feist zum Telefonhörer, wählte eine Nummer in Südamerika. Er tat so, als telefonierte er mit dem Hitler-Vertrauten Martin Bormann (*1900+1945) , der bereits nach stern-Recherchen nachweislich nicht mehr lebt. Heidemann: "Martin, wir haben zwölf Doppelseiten." Und Konrad Kujau erinnert sich an folgendes Erlebnis: "Plötzlich stand er auf, stützte seine Hände auf den Schreibtisch und fragte: "Konni glaubst du, Hitler ist im Himmel?..."

Nach einem Jahr Untersuchungshaft recherchierte Gerd Heidemann aus dem Gefängnis heraus jedenfalls eine völlig neue, unerwartete Spur. Die endgültige Story über den Ort, an dem Jesus Christus begraben wurde. Bislang hat Gruner + Jahr die Weltrechte noch nicht gekauft - noch nicht.