Dienstag, 8. März 2011

Frauen an der Macht - Protokolle einer Aufbruchsära - Gedanken zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages am 8. März 2011
































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Pressenet
7. März 2011
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Was bereits vor Jahrzehnten begann, brennt landauf, landab immer noch unter den Nägeln. Der Aufbruch von Frauen in die Politik, deren Ankunft und Bleiben am Hebel der Staatsmacht, als Führungskader in Chefetagen von Unternehmen, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit - nach wie vor in Deutschland eine Ausnahme. Dieses bereits vor 21 Jahren von dem Journalisten Reimar Oltmanns veröffentlichte Buch ist ein historischer Beleg dafür, wie dringend die Einführung der Frauenquote als Schlüssel zur gleichberechtigten Machtteilhabe geboten ist. Seit über zwei Jahrzehnten dümpelt der weibliche der weibliche Anteil an Parlamentssitzen im Deutschen Bundestag um die 30 Prozent plus minus null vor sich hin. - Blockaden.

Wer diesen Band heute liest, wird schnell verstehen, wie wenig sich in diesem Deutschland - dem Land der Männer - zugunsten für Politikerinnen, wohl aber auch für die Frauenbewegung insgesamt verändern ließ. Stillstand. Nach wie vor verdienen Frauen je Arbeitsstunde in Europa 15 Prozent, in Deutschland sogar 23 Prozent weniger als Männer. Und das, obwohl sie in der Schule und an der Universität besser abschneiden. Nach wie vor verstehen sich Politikerinnen in den Parlamenten Europas als mehr oder weniger geduldete Minderheit. - Eine Frauen-Minderheit, die in den Ländern die Bevölkerungs-Mehrheit stellt. Ein Anachronismus dieser Jahre.

Wer nach Gründen und Ursachen sucht, warum trotz ein in der Öffentlichkeit wachgeküsstes feminines Bewusstsein mit dominanter weiblicher TV-Präsenz an der sozialen Ausgangslage von Millionen von Frauen wenig ändern konnte (Leichtlohngruppen), wird folgerichtig den bedrückenden Zustand ableiten: in den eigentlichen Machtfragen für Frauen sind über Jahrzehnte trotz hehrer Lippenbekenntnisse Nebelkerzen geworfen worden.

Dieses Oltmanns-Buch, zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages an 8. März 2011 erneut gelesen, ist praktisch ein eindringliches Memorandum früherer Politikerinnen aller Parteien, den Pfad der Appelle, der Freiwilligkeit endlich zu beenden - ihren Machtanspruch rechtsverbindlich und europaweit zu erzwingen.

Fünf Frauen berichten von ihrem beschwerlichen, zum Teil auch entwürdigenden Einstieg, ihrem Werdegang und ihrem von Männer-Vorurteilen gepflasterten Leben in der Politik. Wenn man der früheren Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei (1976-1978), (*1919+1983), der Familienministerin Renate Schmidt (2002-2005), der Staatsministerin im Auswärtigen Amt Irmgard Adam-Schwaetzer (1987-1991), der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (1988-1998) und der Grünen-Politikerin Antje Vollmer (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages 1994-2005) Glauben schenken darf, so haben selbst Frauen, denen es gelang, hohe politische Ämter zu erringen, bei ihren Parteigenossen einen schweren Stand. Was sie wollten - und was aus ihnen geworden ist.

Nur ein präzises Erinnern lässt in seiner Tiefenschärfe die gesellschaftliche Dimension dieses deutschen Geschlechterkampfes erkennen. Deshalb ist dieser Band gerade für Männer aktuell sehr zu empfehlen, schildern zahlreiche authentische Textpassagen Frauen-Visionen, aber auch tatsächliche Frauen-Aufbrüche im Denken, Fühlen und Handeln. Nur waren und blieben es bislang Aufbrüche ohne Ankunft.

Es war der Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas, der von einer zunehmenden Entkoppelung von System und Lebenswelt sprach. Aus dem System der verwalteten Welt gliedere sich nicht nur die Lebenswelt aus; innerhalb dieses Systems erfolge zudem ein Substanzverlust des Politischen. In dieses Vakuum sind die Frauen mit einem neuen Politik-Verständnis vorgestoßen. Jede Frau, die Reimar Oltmanns in seinem Buch beschreibt bzw. zu Wort kommt, ist repräsentativ für einen politischen Abschnitt dieser Umbruch-Epoche. An ihren Schicksalen lässt sich dokumentieren, wie aussichtslos ihr Kampf zunächst erschien und welche Perspektiven er mit der Zeit - trotz aller Hindernisse - freigelegt hat. Perspektiven, die an Konturen gewinnen, wenn es gelingt, innere Abläufe, die das Tageslicht des Männer-Milieus mit Grund scheuen, nach außen zu kehren.

So berichtet beispielsweise die von Männern ins Abseits gejagte Marie Schlei: " ... die Ellenbogenpolitik der Männer dominiert. Darin sind die Kollegen stark. Aber solche Werte und Umgangsformen haben heutzutage auch in den Regierungsetagen nichts mehr zu suchen. Wir Frauen hingegen sind darin geübt, direkt und frei zu beschreiben, was wir fühlen, meinen, erfahren."

Reimar Oltmanns, der dieses Buch zusammenstellte und zu jeder persönlichen Stellungnahme der Frauen eine Einleitung schrieb, konstatiert: "Ihr blieb ... letztlich keine andere Wahl, als sich an die Bartheke zu setzen, wenn sie Aufmerksamkeit und Einfluss gewinnen wollte." Die Geschlechterklassifikation, die Reimar Oltmanns beklagt, beginnt schon dort, wo sie ansetzt, nämlich an dem Punkt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Eigenschaften und Interessen hätten. - Oltmanns geht davon aus, dass sich mit den Frauen ein neues Politikverständnis durchsetzt, dass "hierum der eigentliche Kampf zwischen routinierten Alleskönnern und den nachdenklichen Frauen" ginge.

Insofern ist dieses Buch eine Reise durch die alte Bundesrepublik, durch die virulenten politischen Möglichkeiten dieser Gesellschaft. Es geht letztlich um eine neue Politik, um ein neues Politik-Verständnis. Darum, dass Politik wieder zu einem breiten, gesellschaftlichen Anliegen wird und nicht zu einem Geschäft in der Grauzone verkommt. Vielleicht wird es auch einigen männlichen Leser das Umdenken lehren: das Ausbrechen aus einem Gedankengut, dessen Wurzel eher in der überalterten Vorstellung unserer Kultur zu suchen ist als in naturgegebenen Voraussetzungen. - Warte nicht auf bessere Zeiten ... ... schon zu lange ausgeharrt.

Samstag, 5. März 2011

Patricia Kaas - Ein Mythos kommt in die Jahre
















































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Pressenet
vom 5. März 2011
von Reimar Oltmanns
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Aufstieg und Krise der französischen Chansonnière Patricia Kaas / Als Aschenputtel im Pariser Schlager-Milieu begonnen / Lothringen, Lolita und Lili Marleen lassen grüßen / Weltweit Erfolge - "Ein Traum", der nicht enden soll / Der Blues als Liebesschwur zur geklonten Tiefkühl-Erotik dieser Epoche

Da steht sie nun wieder auf der Bühne - die weit über 40jährige Patricia Kaas, diese ewig scheinbar legendäre "Mademoiselle chante le Blues" vor 660 Bankern und Managern im obligaten Nadelstreif. Ein Jubiläum - die 150-Jahr-Feier der Crédit Suisse - in der Bankenmetropole in Zürich gilt es in der Stadthalle zu feiern. Und sie, ausgerechnet sie, die Französin Patricia Kaas, wurde dafür ausgewählt, mit betörenden Liedern älteren, ergrauten Herren der Schweizer Wirtschafts- und Politprominenz rockige Rhythmen und ein bisschen Sex-Appeal einzuhauchen.

Zerbrechlich sieht Patricia Kaas aus, knabenhaft wirkt sie im hautengen schwarzen Mini-Kleid, scheu schaut sie aus ihrem spitzen, aschfahlen Porzellan-Puppen-Gesicht, wenn da nur nicht ihre verruchte Stimme von gewaltigem Format wäre. Atemlose Stille begleitet sie, die Band schweigt, sie scheint mit dem Lied "Lili Marleen" allein zu sein; ein bisschen lasziv, ein wenig kindlich, sorglos und treuherzig allemal.

Wenn sie Edith Piaf "La vie en rose" ins Mikrophon flüstert, sind die langen Jahre verflogen, die vergangen sind zwischen gestern und heute. Nonstop singt Patricia Kaas da fast zwei Stunden lang aus ganzen Leibeskräften. Sie zittert, bebt, schreit, kokettiert, animiert, ziert sich, mimt Lolita und den Vamp, die Klagende, den Clown, die Verletzende. Und mit ihrem Chanson "Je te dis vous" liefert sie sich in ihrer intimen Zerbrechlichkeit aus. Seelenstriptease genannt.

Nichts - so will es scheinen - war für das Mädchen aus der Deutsch sprechenden Grenzregion einer kinderreichen Bergmannsfamilie in Lothringen erfolgreicher als der Erfolg. Sieben Mal wähnte sich Patricia Kaas bisher auf Welttournee. Allein bei ihrer letzten Erdumkreisung spielte sie zwischen Mai 2004 bis Oktober 2005 in insgesamt 175 Konzerten in 25 Ländern vor mehr als 750.000 Zuschauern. Ihren größten Erfolg hatte sie im Jahre 1993 mit ihrem dritten Album "Je te dis vous". Zweimal erhielt sie den World Music Award für die beste französische Künstlerin der Jahre 1991 und 1995. Patricia über ihr Erfolgsgeheimnis: "Meine Freunde sagen mir immer: Wenn du auf der Bühne stehst, bist du so charismatisch und stark, aber in manchen Momenten auch verspielt und kokett wie ein kleines Mädchen. Das ist jedoch keine Pose, die ich aufsetze. Ich habe eben eine verspielte, aber auch sentimentale Seite."

Da war nämlich die Armut - ein Aschenputtel-Dasein mit sechs Geschwistern; die Mutter, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit Tochter Patricia zum Vorsingen nach Paris fuhr und ihr immer wieder einflößte: "Du musst singen und kämpfen, mein Kind." So hockte sie schon als 13jährige Schülerin für ihre ersten Kaschemmen-Auftritte in der heimatlichen "Rumpelkammer" vor dem Badezimmerspiegel, zog sich rote Lidschatten über ihre Samtkatzenaugen; das Gesicht in Dietrich-Pose überlebensgroß in der Nahaufnahme Lili Marleen nachahmend.

Der Vorhang fällt. Seltsam knirscht es in solchen Momenten, wenn Patricia Kaas sich allein wähnt. Diese Kaas, die soeben mit Vehemenz unnachahmlich der Banken- und Finanzwelt eine Glitzer-Fassade präsentierte - diese Chanson-Sängerin Patricia Kaas gibt es in Wirklichkeit nicht mehr; ein Abziehbild verflossener Jahre. Krisen-Jahre. Trist schaut der "kleine Diamant" (Alain Delon) drein. Wenn es nach ihrem Songmanager Robin Millar in London gegangen wäre, sollte aus dem "Rohmaterial Patricia Kaas" ein Weltstar in englischer Sprache geschliffen werden. Der weltweit agierende Musikmacher hatte ihr schon verdeutlicht, dass sie einen Teil ihres französischen Publikums abgeschreiben müsse. "O.K", sagte sie da, "Freunde in meinem Alter habe ich sowieso keine gehabt. Dazu fehlte immer die Zeit. Ich hatte ja immer nur mit Menschen zu tun, die weitaus älter waren als ich." - Abschiedsstimmung.

Nur angekommen im anglophonen Entertainment dieser Jahre ist Patricia Kaas auch nicht. Misserfolge wie Flops endeten in Karriere-Knicken dieser einst so umschwärmten Französin mit ihrem unwiderstehlichen Temperament. Mitte der neunziger Jahre wurde das Album "Café noire", genannt "Black Coffee", aufgezeichnet. Dabei handelt es sich um ein 1995 in New York eigens für den amerikanischen Markt arrangiertes Werk mit englischen Texten. Es kam nie in den Handel. Mit ihrem Weggang aus Frankreich, ihrer Abkehr von der französischen Sprache, hatte sich Patricia Kaas zwischen zwei Sprachkulturen gesetzt. Heimatlos.

Patricia Kaas gesteht: "Mit meinem Aufbruch nach Amerika habe ich viele Freunde von früher verloren. Er hat mich ein bisschen einsam gemacht. Auch wenn ich neue, sympathische Menschen treffe, weiß man nie, ist es Patricia Kaas, die Sängerin, die sie ansprechen, oder bin ich wirklich ich, Patricia, gemeint?" Das wusste sie offenkundig auch nicht so recht, als sie im Pariser Edel-Restaurant "Le Meurice" mit dem Koch Yannick Alleno, dem Held des Herdfeuers, eine Amour foux abbrannte. Sie zog nach Zürich, wollte vor der "Schickimickisierung" flüchten. Um wenige Jahre später Schweizer Journalisten zu berichten, dass sie sich von ihrer "neuen Liebe", einem neureichen Schweizer Automobilhändler mit der Begründung getrennt habe: "Seine Eifersucht macht mich rasend." Liebesgeschichten über Liebesgeschichten, Enttäuschungen über Enttäuschungen. Und Patricia singt: "Männer, die vorrüberziehen, Mama" ("Les hommes qui passent. Maman").

Und heute? Eine kreative Pause hat sie sich verordnet, um sich und ihre neuen Lieder zu finden, an alte Erfolge anknüpfen zu können. Krisen-Momente. Sie sagt: "Mein Gott ja, all diese Frauen, die am Ende so alleine sind, furchtbar. Wenn man eine Frau ist, verlangt man vielleicht zu viel von sich selbst. Man muss immer hübsch sein, darf keine Falten haben oder müde ansschauen. Und dann noch einen Mann, der sagt, 'Gib alles für mich auf'. - Nein und nochmals nein. Das Glück kennt nur Minuten."

Nur die französischen Chansons der Patricia Kaas aus ihren frühen Jahren sind für sie ein Traum, den sie leben will, und der nicht enden soll. Nicht nur für sie.


Dienstag, 22. Februar 2011

Nachgelesen - neubewertet: Der Intrigant . Die Wandlungen von Heiner Geißler und seine Bonner Operetten-Republik. Vom Saulus zum Paulus























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Pressenet
22.Februar 2011
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Erinnerungen an die Bonner Republik - Parallelen zu Berlin? Erinnerungen an Politiker der siebziger und achtziger Jahre, die unnachahmlich dem Bonner Staat ihren Stempel aufdrückten. Der mittlerweile 80jährige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler (1982-1998) ein Meister für Totschlag-Dialoge. Seine Standards fügen sich kontinuierlich aus "Lügner, Umfaller, Falschspieler, Verbrecher, Täuschungsmanöver, Vernichtungsfeldzug, Racheakt, Anschlag auf die Verfassung, Rufmordkampagnen, Moskau-Fraktion und Staatsbankrott" zusammen.

Unter Geißlers Regie entstand im Jahre 1977 eine Broschüre, in der er viele linke und liberale Intellektuelle in Deutschland als "Sympathisanten des Terrors" beschuldigte. Als es im Jahre 1983 um die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa ging, machte Geißler in der Sozialdemokratie gar die "Fünfte Kolonne der anderen Seite" aus, womit der Warschauer Pakt gemeint war. - Brunnenvergiftungen.

Über ein halbes Jahr hatte der Autor Reimar Oltmanns Seit' an Seit' im Büro des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler im Bonner Konrad-Adenauer-Haus sein Arbeitszimmer. Langzeitbeobachtung des früheren rheinland-pfälzischen CDU-Sozialministers an den Schalthebeln der Bonner Macht. Geißler war ehedem als Hoffnungsträger ausgezogen. Am Rhein hingegen sozialisierten Fernseh-Mattscheiben diesen Mann zu einem Zeitgenossen des eingefrorenen Dauerlächelns, der sich flugs in der Rolle eines unnahbaren Scharfmachers wiederfand. Politik-Verdruss, Vertrauens-Verlust, Politik-Empörung kannten einen Namen: Heiner Geißler.

In jener Zeit fragte sich der frühere Bonner Korrespondent Reimar Oltmanns zusehends nachhaltiger, suchte nach Ursachen und Gründen, welcher Sinneswandel, welche Kopfwäsche im Bonner Treibhaus da mit Heiner Geißler stattgefunden haben mag. Wie konnte es passieren, dass aus einem Idealisten "seit Goebbels (*1897+1945) der schlimmste Hetzer in diesem Land" (laut SPD-Chef Willy Brandt, *1913+1992) wurde?

Für den Autor glich das Treibhaus Bonn - anders als Berlin - einer dunstigen Käseglocke, unter der gewachsene Bindungen verkümmerten und ungezwungene Mitmenschlichkeit austrocknete. Die Politiker-Szene war und ist geprägt vom Überlebenskampf jedes einzelnen. Ein Überleben mit Aktenzeichen im Fraktionszwang, mit Intrigen in Affären, mit Staatskarossen und Helikoptern, in Parteizentralen und Lobbyburgen, behütet von Sicherheitsbeamten und Schützenpanzerwagen, zwischen Stacheldrahtverhauen und Videokameras. - Freiheit in Deutschland.

Nichts kennzeichnet den Verlust an Wirklichkeit, die Deformation der eigenen Person, die Verschiebung politischer Wahrnehmungsebenen deutlicher als das Politiker-Beispiel Heiner Geißler. Ein Mann, der von sich sagte, in Bonn sei er schmerzfrei geworden. Ein Jesuitenschüler, der ohne knallharte Konfrontation nicht mehr leben konnte. Diagnose: Suchtkrank. Ursache: Politik in Bonn. Jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem die Parteizentrale - das "Konrad-Adenauer-Haus" - im Dezember 2003 gesprengt wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schien auch die Ära Geißler Vergangenheit.

Heiner Geißlers Räumlichkeiten lagen damals exakt unter den knalligen CDU-Leuchtbuchstaben. Sie geben Aufschluss für ein absonderliches Getto-Dasein. Das U steht fürs Büro, zugleich auch sein Wohnzimmer mit Video, Fernseher, CD-Spieler. Unter dem D sind Sekretariat und Abstellraum. Unter dem C verbirgt sich sein winziges Schlafverlies. Ein schmales, kärgliches Zimmer, eine Pritsche als Bett, Tisch und Stuhl, ein Spind als Schrank, eingebautes Klo, Dusche. Schnörkellose, triste Lebensumstände, diktiert von der gängigen Vorstellung von Funktionalität und Effizienz. - Bonner Jahre. Junggesellen-Jahre.

Praktisch hatte Heiner Geißler, offiziell wohnhaft damals in Mainz mit Frau und drei Söhnen, kein Zuhause mehr. Freunde konnte er auch keine benennen. Allesamt waren sie ihm entrückt. Schemenhaft blieben ein paar Namen in Erinnerung. Und heute? "Das lässt der Job nicht zu!, murrte er knapp. Die politischen Lebensumstände des Heiner G. sind vom Stoff, aus dem Romane entstehen, nur mit dem Unterschied, dass es hier die Wirklichkeit ist. Reimar Oltmanns zeichnet am Beispiel Heiner Geißler die Entwicklung von Charakteren im Machtgetto, die Außen- und Innenabläufe, die wohlpräparierten Rollenspiele und versteckten Hoffnungen - wohlfeile Verstellungstriebe in der Politik.

Erst ohne Ministeramt (Bundesfamilienminister 1982-1985), Parteifunktion (1989) und Parlamentsmandat (2002) leistete sich Heiner Geißler den "Luxus", zu den eigentlichen Wurzeln seiner politischen Identität zurückzufinden. Sehr oft war er mit öffentlichen Äußerungen auf Seiten von Minderheiten zu finden. Er trat der globalisierungskritischen Organisation Attac bei, weil Geißler das "Wirtschaftssystem für nicht konsensfähig und zutiefst undemokratisch" einstufte. Und er tat sich im November 2010 nach den gewalttätigen Straßenschlachten als Vermittler des Bahnprojekts Stuttgart 21 hervor. Ausgerechnet die Grünen hatten Dr. Heiner Geißler als umsichtigen Moderator ins Gespräch gebracht.

Dienstag, 15. Februar 2011

Bildungsmisere : TV-Kanäle voll, lesen null, schreiben null - Köpfe leer







































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Pressenet
15. Februar 2011
von Reimar Oltmanns
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Arbeitslosigkeit, Armut und Analphabetismus in Europa / Jeder fünfte Jugendliche kann weder schreiben noch lesen / Der neue Trend: Deutsch für Deutsche / Vier Millionen Analphabeten / Sprengsätze in bildungsfernen Milieus / Kleiner Mann was nun? / Schreib- und Leseschwächen in allen Gesellschaftsschichten ... ...

Deutschland in diesen Tagen. Der 46jährige Malergehilfe Ralf B.* aus Berlin-Kreuzberg ist ein Künstler - ein Überlebenskünstler. Tarnen wie Täuschen zählen seit jeher zu seinem Broterwerb. Möglichst niemand soll ihm auf die Schliche kommen, dass er des Lesens und Schreibens nicht fähig ist. Bankgeschäfte signiert die Ehefrau. Klassenarbeiten der beiden Kinder zeichnet sie gleichfalls ab. Selbst in der Stammkneipe macht er nur routinegeübt Kreuze auf den obligaten Bierdeckel. Überall dort, wo ein Kugelschreiber gebraucht wird, ist Ralf B. schon instinktiv "auf der Flucht"; ein von der Grundschulzeit antrainiertes Schutzverhalten. - Analphabeten in Deutschland.

Dabei schaut Familienvater Ralf ganz aufgeräumt und lebenslustig aus - riskiert er im Kollegenkreis auf Baustellen schon mal eine selbstbewusste Lippe. Kaum zu glauben, dass sich urplötzlich alles ganz schnell geändert hat: dass Ralf B. aus Berlin-Kreuzberg als Arbeitsloser im Nu zur neuen Unterschicht der unausgebildeten Analphabeten zugerechnet wird. "Unterschicht" - für dieses Wörtchen gab es in Deutschland über Jahre keine gezielte Verwendung. Nur in der Ära verschärften wirtschaftlichen Lebenskampfes mit sinkendem Realeinkommen, neuer Hartz-IV-Armut als Folge eines ungeahnten globalisierten Kapitalismus - in solch einer Epoche fallen Hilfsarbeiter durchs Raster der Jobvermittlungen in die beargwöhnte Unterschicht-Kategorie; Menschen wie Anstreicher Ralf, die mit ihrem Analphabetismus unverhofft in Ämtern auffallen, erst recht. - Chancenlos.

"Heute", konzediert Marion Döbert, Bildungs-Expertin beim Unesco-Institut Lernen, "können Sie noch so eine exzellente Putzfrau sein - wenn Sie nicht lesen können, dann ist Endstation. Das wichtigste Werkzeug etwa für den Lagerlisten ist längst nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer." Ergo fand sich auch der Berliner Anstreicher Ralf B. dort wieder, wohin er seit seiner Grundschulzeit "nie und nimmer wieder wollte" - auf der Schulbank. Damals hatte er nur schlechte Noten kassiert, "irjenwie durchjerutscht" und dann mit dem Pinsel in einem Malerbetrieb und auf dem Bau nicht weiter "ufjefallen". Naheliegend , dass Ralf B. noch nie ein Buch in der Hand hatte. Will er in einem Sonderprogramm der Volkshochschule wenigstens erreichen, die Preisschilder im Supermarkt richtig einzuordnen - Angst vor unbekannten Straßennamen oder auch Stationsschildern in den U-Bahnschächten hat der ohnehin. - Analphabeten-Leben.

In Deutschland und Europa hingegen grassiert der so genannte funktionale Analphabetismus. Hier liegt eine mangelnde Lese- und Schreibfähigkeit vor. Der Betreffende fragt sich hilflos in dieser schnelllebigen Welt der Laptops: "Kleiner Mann, was nun" - Verloren in einer Informationsgesellschaft verwirrender Buchstaben.

In Zahlen:

o Nach Berechnungen der EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou in Brüssel können in Europa 20 Prozent der Jugendlichen unter 15 Jahren nicht richtig lesen und schreiben.

o Weltweit sind 776 Millionen Menschen (ca. 16 Prozent der Weltbevölkerung Analphabeten; davon sind zwei Drittel Frauen.

o In Deutschland liegt die Rate von totalem Analphabetismus bei etwa einem Prozent; um die vier Millionen Menschen werden folglich dem funktionalen Analphabetismus zugeordnet.

Auf Europa bezogen können auf diesem Kontinent zudem an die 80 Millionen Erwachsene - ein Drittel des Arbeitskräftepotenzials - nur sehr wenig lesen und schreiben. EU-Zukunft-Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Ende des Jahrzehnts gerade der Anteil der Arbeitsplätze, die eine hohe Qualifikation erfordern, von gegenwärtig 29 Prozent auf Ende dieses Jahrzehnts auf 35 Prozent steigen dürfte. Auf Deutschland bezogen verlassen Jahr für Jahr etwa 80.000 junge Menschen ihre Schulen ohne Hauptschulabschluss. Das sind zirka zehn Prozent der Schulabgänger. Sie parken in Arbeitsämtern oder Qualifizierungsmaßnahmen, ohne eine reelle Aussicht einen Job zu bekommen. Ganz nach dem Prinzip: "Wer zu spät kommt, den straft das Leben."

Psychologen, Pädagogen und Gesellschaftskritiker machen für die Bildungsferne vieler Menschen unter anderem die ansozialisierte Verblödung des Fernsehens mit ihren Megathemen verantwortlich. Je dumpfer, je prolliger, je sprachlich einsilbiger - desto "erfolgreicher". Das Zapping, hastig, ruhelose Herumsuchen im televisionären Arsenal, ist zur zweiten Natur - zu einer Kulturinstanz der niederen Instinke schlechthin geworden. Vorbei sind die Zeiten der unterhaltenden Aufklärung, Fernseh-Dialoge als sprachliche Orientierung. Quotenfixierung ist nunmehr gefragt - Verblödung, Big Brothers, Zahnarzt-Witze, sprachliches Kauderwelsch als Mischmasch-Sprache aus vielen Ländern inbegriffen. Viele türkische Schulkinder sind mittlerweile weder in ihrer Muttersprache noch in Deutsch zu Hause.

Schulalltag: Ganze Silben werden zwischen Deutsch und Türkisch verschluckt, verschiedene Dialekte mit deutschen Phrasen vermengt. Entwicklungsrückstände, Erinnerungslücken. Schulalltag künftiger Analphabeten, die in ihrer Intelligenz niemanden nachstehen. Fremd in beiden Sprachen. Fremd im lebenden Land. Und das ausgerechnet in einer Ära, in der mithin weit über 80 TV-Programme qualitativ längst die Rolle der Leitfunktion als Schule der Nation - als unangefochtener Monopolist übernommen haben.

Wer die Analphabeten-Armut reduzieren möchte, muss mit dem Stopp der Ausdünnung und Abholzung der deutschen Sprache auf "cool, geil, super, echt," beginnen. Satzbildung, Wortschatz, Fantasie sind gefragt. Der frühere Direktor des Deutschen Historischen Museums und spätere Kultursenator in Berlin, Christoph Stölzl (2000-2001) warf nicht grundlos der öffentlich-rechtlichen TV-Bewusstseins-Industrie vor, "stillschweigend einen erzieherischen Konsens" aufgekündigt zu haben. Dabei verwies er auf den legendären Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Dieser äußerte sarkastisch: "Im Zweifel mache das Fernsehen die Klugen klüger und die Dummen dümmer." - Schöne Aussichten.

Immerhin: Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Alphabetisierung stellte die Bundesregierung für den Zeitrum 2008 bis 2012 insgesamt 30 Millionen Euro zur Verfügung. Von den vier Millionen deutschen Analphabeten sind derzeit lediglich 20.000 Menschen in Kursen der Volkshochschulen.: Deutsch für Deutsche in späten Jahren.

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*) Name geändert



Dienstag, 1. Februar 2011

Aus aktuellem Anlass - Im Antiquariat gestöbert: Möllemänner oder die opportunistischen Liberalen
























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Pressenet
1. Februar 2011
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Seit nahezu acht Jahren ist der Name Jürgen W. Möllemann (*1945+2003) in der FDP mit einem unausgesprochenen Tabu belegt. Zu unvorteilhaft scheint es der FDP-Spitze sich seiner zu erinnern - einem Politiker, der für die Liberalen beinahe über Jahrzehnte tagein, tagaus die Schlagzeilen großer Tageszeitungen füllte und als der "Hoffnungsträger" schlechthin den Menschen draußen im Land verkauft wurde. Außenminister Hans-Dietrich Genscher (1974-1992) über Möllemann: "Eine Bitte habe ich. Achten Sie mal auf den."

Bekanntlich stürzte sich der einstige liberale Senkrechtstarter Möllemann (Staats-, Bildungs- und Wirtschaftsminister in Bonn, NRW-Landeschef) mit einem Falschirm jäh in den Tod. Dabei hatte Jürgen W. Möllemann in seinen politischen Ausrichtungen vieles nicht viel anders gemacht als sein Erzrivale Guido Westerwelle (FDP-Bundesvorsitzender von 2001-2011).

Ihre politische Sozialisation verlief ziemlich stromlinienförmig. Ob Möllemann oder Westerwelle - sie passten sich bis zur Unkenntlichkeit an. Sie verhielten sich servil nach oben - Widerspruch war nicht gefragt. Aber eines hatten sie gemeinsam. Sie redeten recht schnodderig über die Kleinen hinweg, ihre Sorgen wie Probleme gingen ins linke Ohr rein und im rechten schnell wieder raus. Beide stehen früh und forsch auf, sortieren flugs politische Tages-Ereignisse, ohne sich sonderlich um Inhalte zu kümmern. Polit-Marketing - "wie war ich gestern in der Sendung" - ist gefragt.

Es waren erbitterte Macht- wie Diadochenkämpfe, die sich diese beiden Zöglinge des früheren FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher (1974-1992) lieferten. Um politische Lösungen pochender Sachverhalte, um Regierungskoalitionen oder auch gesellschaftspolitische Perspektiven ging es dabei nicht. Es war eine Dauerfehde der Eitelkeit, Machtbesessenheit. Nicht einmal oder zweimal, fortwährend über Jahre. Erbittert. Beispiellos.

Dem Autor Reimar Oltmanns, früher Parlamentsjournalist in Bonn und Politik-Redakteur in Hamburg, ging es in seinem Buch gar nicht darum, vereinzelte Karrieristen zu brandmarken - vorzuführen. Sein Buch "Möllemänner" war für ihn der Inbegriff einer morastigen, subalternen und korrupten politischen Kultur in diesem Land schlechthin. Und er verknüpfte mit der Veröffentlichung die Hoffnung, den Namen Möllemann als Synonym für opportunistische Karrieresucht zu begreifen. Ob Bonn oder Berlin - sein Anliegen ist aktueller denn je.

Richtig - es gab sie immer, diese Möllemänner, auch wenn sie heutzutage als Westerwelles deutsche Bussi-Gesellschaften mit austauschbaren Postulaten beglücken. Derzeit schmücken noch immer zu viele leere vollmundige Versprechungen, hehren Vertrauensbrüchen, Effekthaschereien und Showeinlagen das Polit-Entertainment dieser Tage. Politik zum Abgewöhnen. Sprechblasen-Marketing statt Ideengeschichte.

Ironisch betrachtet war und ist die FDP mit/ohne Möllemänner und Westerwelles schon immer eine Art "Spielbank des Parlamentarismus" gewesen. Vielleicht ist auch dies der Grund, warum die Grenzüberschreitungen zwischen Politik und Kriminalität in dieser FDP so bizarr nachvollziehbar verlaufen. Der Name Möllemann geriet in jener Zeit zu einem Synonym verbogener Charaktere in der Politik, die die Grenzen zwischen Legalität und Kriminialität überschritten hatten. Der Schreiber Reimar Oltmanns schildert prägnant den menschlichen Sumpf und Tragödien deutscher Machteliten. Zeitgeschichte. In keiner Partei in Deutschland indes füllen derart viele, Hunderte von Aktenordnern Kapital- oder auch Steuerdelikte wie in der FDP. Diagnose: bestechlich. - Möllemänner.

Es ist nicht ohne Pikanterie, dass sich nach Westerwelles Sturzflug in der Wählergunst im Jahre 2010/11 (von 15 auf durchschnittlich unter 5 Prozent) ausgerechnet der einstige Möllemann-Freund Wolfgang Kubicki (FDP-Landesvorsitzender von Schleswig-Holstein) zu Wort meldete. Kubicki servierte Westerwelle eine Generalabrechnung, geißelte die "Auflösung der Partei". Wörtlich: "Die Situation, in der wir uns befinden, erinnert mich fatal an die Spätphase der DDR. Die ist irgendwann implodiert. Auf einmal war sie nicht mehr da."

Genauso wie Jürgen W. Möllemann, der am 5. Juni 2003 vom Himmel plumpste und seinen Erben drei Millionen Euro Schulden hinterließ.

Montag, 24. Januar 2011

Beim nächsten Papst wird wirklich alles anders























































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Pressenet
24. Januar 2011
von Reimar Oltmanns
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Exodus aus Gotteshäusern / Hunderttausende wenden sich von der katholischen Kirche ab / Austritte in Europa auf Rekord-Niveau / Millionen Euro Verluste bei der Kirchensteuer / Rom verweigert sich dem sozialen Wandel / Priester-Mangel / Endzeitstimmung ... ...

Atmosphärisch weich erwärmt die westwärts gehende Sonne hoch geschossenes Kirchen-Gemäuer des welt-ältesten noch bestehenden Zisterzienser-Klosters in Österreich aus dem Jahre 1129. Der Blick genießt die Silhouette der romantischen Untermalung der barocken Basilika, die 15 Kilometer von Graz in einem Seitental der Mur bei Gratwein liegt. Fresken und das unnachahmliche Hochaltarbild signalisieren Exklusivität. Postkartenidylle, die Frühlingsgefühle, religiös angehauchte Touristengefühle aufkommen lassen. Stille. Mithin 17 Mönche widmen sich hier tagein, tagaus ihrem arbeitsamen und entsagungsreichen Lebensentwurf, der da lautet - "Gott zu suchen, Gott zu finden." Schweigen. Schwur auf die Bibel zum Stillschweigen.

Pater K. führt an diesem Nachmittag eine Besucher-Gruppe durch die ehrwürdige Abtgalerie. Lange verweilt der Mönch vor dem Porträt des legendären, lebenslustigen Kloster-Vorstehers Franz Rappold (1973-1986). "Bruder Paulus", wie er sich nannte, war ein "Urvieh von Mensch", den Zeitläufen in seinen Renaissance-Manieren, seiner Gestaltungskraft um mehrere Jahrzehnte voraus. Er liebte in seiner Jagdhütte fortwährend Frauen; Zölibat ade. Hemdsärmelig rekonstruierte und renovierte er baufälliges Klostergemäuer - bis es in der sorgsam bemalten Barockfassade zu Rein als Schmuckkästchen erstrahlte. Gelder ade. Mithin: Eine unverkennbare seltene Figur war dieser vitale Abt von Rein - jener selbst- und sendungsbewusste Bruder Paulus; will heißen: in der Bevölkerung beliebt, Kirchen voll, Kassen voll. Bis zu seinem Tode im Jahre 2000 verkörperte er - trotz aller Anfeindungen, Klagen und Anklagen das geschätzte Glanzstück einer modern gewordenen Kirche - fröhlich, volksnah, hilfsbereit.

Keine zehn Jahre später hingegen ist das Kloster Rein - somit gleichsam die katholische Kirche in Österreich und vielerorts in Europa - in ihre gefährlichste Identitätskrise geschliddert. Pater K. verweist auf den Schwur in der Bibel zum Stillschweigen. Traurig blickt er drein. Ein Leben lang kümmerte sich der Mönch selbstlos um gebrechliche Menschen in Krankenhäusern. Und nun? Auch er unter Generalverdacht? Auch er ein Sexbesessener? Leise sinniert er: "Die Bevölkerung kann mich mit Gelächter und Demütigungen doch nicht in Sippenhaft nehmen. Nur die Menschen wollen wissen, wie es überhaupt zu derlei vielen sexuellen Missbräuchen, Vergewaltigungen, Homosexualität, Brachialgewalt an Kindern, auch unter Priestern, kommen konnte." Achselzucken. Schweigen. Aus Rom nichts Neues.

Noch nie war die katholische Kirche in Europa so zerrissen, derart gelähmt, von Austritten bedroht wie zu Beginn dieses Jahrhunderts. Eine christliche Gemeinschaft verweigert sich der Wirklichkeit. - Nein zur Zärtlichkeit, nein zur Eheschließung, nein zur Empfängnisverhütung, nein zur Abtreibung, nein zur Sterbehilfe, nein zur Gentechnik, nein zur Priesterehe, nein zur Frauenordination.

Jahr für Jahr kehrt in Deutschland die Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt der katholischen Kirche den Rücken. Waren es im Jahr 1970 fast 70-tausend, so schnellte die Austrittszahl im Jahre 2009 auf über 123.000 nach oben. Im Nachbarland Österreich sorgt der Rekord-Abgang von mehr als 87.000 Gläubigen (ein plus von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr) im Jahre 2010 für ein ungeahntes Finanzdesaster. Immerhin gehen dem Klerus auf diese Weise Steuereinnahmen von knapp 10 Millionen Euro verloren.

Mittlerweile erschüttern massivste Austrittswellen seit dem Zweiten Weltkrieg die Grundfesten des Katholizismus in Europa. In Deutschland hat bereits seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle jeder vierte Katholik seinen Austritt erwogen. Eine Kirchen-interne Umfrage ergab, dass

0 18,3 Prozent der Gläubigen in Europa die Kirche nicht mehr modern genug ist,

0 21,6 Prozent in Deutschland und Österreich die Kirchenbeiträge zu hoch sind,

0 23,2 Prozent nahmen Anstoß, und

0 26,6 Prozent der katholischen Bevölkerung störten sich an den falschen Vorgaben aus Rom.

In Frankreich werden durchschnittlich drei Kirchen von einem Priester betreut. Fühlten sich vor 50 Jahren jährlich etwa 1.400 Männer zum Seelsorger berufen, so waren es im Jahre 2010 gerade eben noch 100 Theologen an der Zahl. "Die romantisch verklärten Gemeindepastoren", verdeutlicht der 63jährige Martin Froquet aus dem französischen Dorf Villié-Morgon in der Rhône-Alpes-Region, "sind verschwunden. Wir kämpfen ums Überleben. " Allein in jüngster Vergangenheit haben an die 10.000 Priester ihrer Kirche sang- und klanglos adieu gesagt.

Immerhin keimt im Reich der Katholiken ein Fünkchen Hoffnung. Der Vatikan will nicht mehr automatisch exkommunizieren lassen, wie das bisher routinegeübt üblich war. Jeder Einzelfall soll nunmehr persönlich überprüft werden. Mit dieser quantitativen schriftlichen Auflistung jener Beweggründe werden Bischöfe bis weit ins nächste Jahrtausend beschäftigt sein. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Dies wissen Kirchenvertraute ohnehin. "Die Skandale haben nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit dem Personal." Ganz nach dem Leitspruch vieler Jugendlicher auf dem Kirchentag zu Osnabrück: "Beim nächsten Papst wird alles anders."



Freitag, 7. Januar 2011

Die stille Revolution der Frauen in Frankreich - so nah und doch so fern
























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Pressenet
07. Januar 2011
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Manch eine Zeitgenössin oder auch kampferprobte Feministin wird es vielleicht noch als Provokation empfinden. Der Autor des Buches "Vive la française - Die stille Revolution der Frauen in Frankreich" ist ein Mann, ein deutscher Journalist. Über zwei Jahre reiste Reimar Oltmanns durch die französische Republik - war dem Leben der französischen Frau ihrer Stimmungslage, ihren Anforderungsprofilen, ihren Ansichten, aber auch ihren Ängsten und Diskriminierungen auf der Spur. Milieustudien, Mentalitäten, Hintergrund-Recherchen. Das Leben der Frauen in Frankreich - so nah und doch so fern.

Reimar Oltmanns beobachtete bei den Fischerinnen ihren aussichtslosen Existenzkampf gegen die Fangquoten samt Brüsseler EU-Bürokratie. Er verfolgte Soldatinnen bei den Vorbereitungen ihrer Militäreinsätze für den Balkan, sprach mit Ingenieurinnen in Kernkraftwerken über Ängste und potenziellen Gefahren eines Super-Gaus. Er hörte verzagten Bäuerinnen im Alpenvorland zu, die über Hofverluste wie Selbstwertverluste Klage führten - ein Landleben an der Armutsschwelle.

Oltmanns begleitete Pilotinnen der Air France auf ihren Kontinentalflügen. Frauen, die sich über Macho-Gebaren ihrer Kollegen kaum beruhigen konnten. Er notierte vehementen Missmut der einstigen première Dame der Republik im Élysée-Palast zu Paris über Frauenfeindlichkeit im französischen Politik-Milieu. Unterschiedlich sind die beschriebenen Lebenskreise, Ambiente, Atmosphäre, Alltagsbedingungen, Charaktere, Lebensschicksale.

Sicherlich - so genannte dramatische Frauengefechte, etwa wie in Deutschland, hat es im Land der Franzosen kaum gegeben. Ohne "Geschlechterkampf" erreichten es Französinnen eher leise, eher unauffällig, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstärkt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten wurden. Bewusstseins-Wandel.

Französinnen verzichten weder auf Kinder noch auf Karriere. Während sich in Deutschland Geburtenraten (mit 1,37 Kinder pro Frau im Jahre 2010) nur marginal verbesserten, bleiben sie in Frankreich(durchschnittlich zwei Kinder pro Frau) als europäischer Spitzenreiter konstant hoch. Folglich wollen nach aktuellen Umfragen 28 Prozent der deutschen Akademikerinnen überhaupt keine Kinder bekommen. Der Fortschritt kennt einen Namen: Kinderlos. In Frankreich hingegen verzichten "Les femmes (qui) marchent au super" weder auf Kinder noch auf Karriere. Sie wollen beides. Insgesamt verfügt die französische Republik über ein Frauenpotenzial von immerhin 27.000 Ingenieurinnen.

Während Deutschland noch immer auf flächendeckende Gesamtschulen wartet, wird in Frankreich alsbald ein Jubiläum zu feiern sein: So werden Ganztagsschulen mit ihren vorgeschalteten Kindergärten schon 100 Jahre alt - Mittagessen inbegriffen. Indes: In Frankreich können Frauen getrost ihrem Beruf nachgehen, Kinder bekommen und niemand macht ihnen ein schlechtes Gewissen.

Wohl keine Frau war wie die Französin in der Geschichte - Jahrhunderte lang bis hinein in die Gegenwart - Opfer so vieler Reminiszenzen, geistreicher Aphorismen, himmlischer Elogen. Wohl keiner Frau wurden in der Literatur oder auch Operette so übermenschliche Huldigungen, eine derartige Vergötterung zuteil - wie eben der Französin. Künstlerische Männer-Fantasien überdauerten auch die zerrissensten Epochen, und sie leben auch zu Beginn eines neuen Jahrtausends in all ihren Facetten in allen sozialen Schichten vehement fort. Männer-Vorurteile. Männer-Klischees.

Gleichwohl: In den letzten fünf Jahren haben Französinnen mehr in ihrem Land verändert als in den 25 Jahre zuvor. Sie rollen ihr Land von unten - von der Basis - auf. Längst diktiert eine erkennbar feminine Atmosphäre Umgang und Geschehen. Wie sagte noch die frühere SPD-Familienministerin Renate Schmidt (2002-2005): "Frankreich ist gegenüber Deutschland mit seiner Frauen- und Familienpolitik uns mindestens um 30 Jahre voraus."





Mittwoch, 1. Dezember 2010

Im Antiquariat entdeckt: Du hast keine Chance, aber nutze sie. Eine Jugend steigt aus.




























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Pressenet
01. Februar 2011
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Seit Jahrzehnten wird in der deutschen Öffentlichkeit ein und dieselbe Frage gestellt: "Was wird aus dieser Jugend? Meist erschöpft sich diese routinegeübte Aufmerksamkeit darin, sich Gedanken zu machen, wie sich "die Jugend" am besten den jeweiligen Wertvorstellungen und -maßstäben älterer Generationen anzupassen hat.

Als der Autor Reimar Oltmanns im Jahre 1980 seinen Bestseller "Du hast keine Chance, aber nutze sie. Eine Jugend steigt aus" schrieb, konnte der Journalist nicht ahnen, dass sein vom Filmregisseur Herbert Achternbusch entlehnter Buchtitel mehr als 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung zum festen deutschen Sprachgebrauch mutierte - sein Buch in Schilderungen wie Aussagekraft also nichts eingebüßt hat.

Im Gegenteil: Auch Politiker, wie Ex-Bundespräsident Horst Köhler (2004-2010) oder die einstigen Ministerpräsidenten Ole von Beust (2001-2010) oder Roland Koch (1999-2010), sind mittlerweile zu "Aussteigern" aus der Politik geworden, Und wo Aussteiger weilen sind Auswanderer nicht fern. Allein im Jahre 2009 sagten 145.000 Bundesbürger ihrem Heimatland adieu. Adieu Leistungsdruck. Adieu Jobsuche. Adieu Profitstreben als oberste Lebensmaxine. Adieu Deutschland. Vielen ist es nach demoskopischen Umfragen egal wohin - sie wollen nur raus aus diesem Land. Auch sie sind Aussteiger, mitunter Verweigerer, auf ihre Art.

Vom Ansatz her erinnert Oltmanns Buch an Siegfried Kracauers (*1889+1966) vor fast 90 Jahren entstandene Studie über "Die Angestellten". Auch Kracauer ging es - wie Oltmanns - ums Alltagsleben, auch ihm genügt es nicht, nur Oberflächenerscheinungen des Daseins zu erfassen.

Oltmanns berichtet von Gruppen und Cliquen, die nicht repräsentativ sind, auch gar nicht progressiv, berichtet von einer "harten Szene", die stolz macht und abhärtet, von emotionalen Chaos und von Fehlen des verfluchten Geldes. Fünf Stationen hat er - durch die Republik ziehend - miterlebt. Dabei schaute er weniger danach, was aus der Utopie dieser Leute geworden war, sondern sucht die verstehen, warum sie einen anderen Weg gegangen sind, was sie dort hält und was ihnen den Weg zurück verstellt.

Die Mittel seiner Schilderung sind ebenso ungewöhnlich wie es selten ist, dass einer ein Jahr lang für fünf Storys recherchiert. Reimar Oltmanns fragt Motive nach, das heißt: Gefühle bei Entschlüssen, Konstellationen, Ausweglosigkeiten. "Komm mit, sprach der Esel, etwas Besseres als der Tod werden wir überall finden.", zitiert Oltmanns ein Flugblatt. Daran dürfte sich 30 Jahre später wenig geändert haben.

Junge Leute, die jungen Generationen in Europa schlechthin, sind auf dem EU-Arbeitsmarkt die Krisenverlierer. Viele finden keine Lehrstelle und müssen bezahlte Praktika oder Zeitverträge hinnehmen. "Dieses Buch ist so etwas", schrieb die 'Stuttgarter Zeitung', "wie eine atemberaubende, bestürzende, hoffnungmachende Reisebeschreibung einer Republik mitten in unserer Republik. Eine Republik der Jungen. Das bedeutsamste Buch der letzten Jahre zum Thema Jugend."

Fazit: Reimar Oltmanns Berichte aus dem Jahre 1980 sind aktueller denn je.



Sonntag, 10. Oktober 2010

Reimar Oltmanns: Schöningen - meinestadt.de - Spurensuche















































 

Reimar Oltmanns besuchte das Schöninger Rathaus, um ein Exemplar der jüngsten Publikation zu überreichen. Empfangen wurde der Autor vom Ersten Stadtrat Peter Voß  und der Fachbereichsleiterin Claudia Gehlhar. Bild unten: Reimar Oltmanns trägt sich ins Goldene Buch ein; der Journalist auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt.


Braunschweiger Zeitung
Helmstedt 25. Juli 2009
RegJo-Magazin, Südniedersachsen
11/2009

Schöningen. - Vor kurzem ist das 680 Seiten starke Buch "Spurensuche auf verbrannter Erde -Reportagen, Berichte, Erzählungen zur Zeitgeschichte - Deutschland, Europa, Südamerika, Asien, Afrika (1969-2009) erschienen. Sein Autor ist der renommierte Journalist Reimar Oltmanns, der 1949 in Schöningen geboren wurde und hier den größten Teil seiner Kindheit verlebt hat; in Jahrzehnten des "Kalten Krieges" zwischen Ost und West unmittelbar am Zonenrand.


Regelmäßig besucht Reimar Oltmanns seine Heimatstadt. Er sagt: "Es ist mir immer wieder ein Bedürfnis , nach Schöningen zu kommen. Ich fühle mich hier emotional verwurzelt, hier wurde ich durch den damals unversöhnlichen Ost-West-Konfrontationen sehr früh politisiert, geprägt und sozialisiert. Jene Schöninger Ur-Erlebnisse trieben mich später immer wieder an viele durch Kriege und Krisen geschüttelte Knackpunkte unseres Daseins."

Denn Schöningen war für Oltmanns schon immer ein Seismograph deutscher Umbrüche, Abbrüche, Aufbrüche, Kriegsängste in vielen Jahrzehnten. Seinen letzten Aufenthalt nutzte der Autor für einen Besuch im Rathaus.Dort wurde er vom Ersten Stadtrat Peter Voß empfangen. In Anerkennung seines publizistischen Wirkens in großen Magazinen und gesellschaftskritischen Büchern trug sich Reimar Oltmanns, der seit zwei Jahrzehnten im Ausland lebt, ins Goldene Buch der Stadt Schöningen ein. Er wollte seine Unterschrift als Ausdruck seines unverbrüchlichen Zusammengehörigkeitsgefühls mit seiner Heimatstadt Schöningen verstanden wissen.

Oltmanns war es ein Anliegen, ein Exemplar seines neuen Buches für die Bücherei der Stadt zu übergeben. Er verarbeitet darin Reportagen, Berichte. Erzählungen zur Zeitgeschichte über Deutschland, Europa, Südamerika, Asien und Afrika über einen Zeitraum von 40 Jahren.

"Dieses Buch ist ein Rückblick, eine Rückbesinnung auf wichtige Epochen, die uns nachhaltig beeinflussten", erläuterte der Autor. In einigen Kapiteln spielt auch das Leben in Schöningen eine Rolle.

Viele Jahre lebt Reimar Oltmanns im Ausland. Er schrieb für den "Stern", "Die Zeit", den "Spiegel", "Frankfurter Rundschau", für französische und italienische Tageszeitungen.

In seinem jüngsten Werk finden sich Arbeiten aus 40 Jahren journalistischer Tätigkeit, die den heute in Graz lebenden Oltmanns rund um die Welt führten.

Begeistert von der Atmosphäre der Stadt. folgten der Autor und seine Ehefrau Irmgard interessiert den Ausführungen von Peter Voß. Der Erste Stadtrat berichtete unter anderem von den Problemen des Strukturwandels und der großen Chance, diesen zu gestalten. Wichtiger Baustein sei das in Schöningen entstehende Forschungs- und Erlebniszentrum zum Themenkomplex Schöninger Sperre, das für die kultur-touristische Erschließung der gesamten Region eine große Rolle spielt.

Ab sofort können Interessanten das Oltmanns-Buch in der Stadtbücherei am Brauhof 12 ausleihen (geöffnet Montag und Dienstag 10 bis 13 Uhr, am Dienstag auch 14 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 13, 14 bis 18 Uhr).
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Postskriptum - Heimat
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Ich habe erst im fünften Jahrzehnt meines Lebens im Ausland unverkennbar gespürt, dass meine tiefen Wurzeln, meine Lebenskraft in diesem Schöningen gedeihen konnten. Spätzündung. In meinen Zeitläufen zuvor - der APO-Jahre um 1968 - galten Begriffe wie "Heimat", "Südniedersachsen", "Deutschland", "Nation" als sehr suspekt, rückwärtsgewandt, eben als Gefühlsduselei. Allenfalls gestattete ich mir ein Zitat des ungarischen Schriftstellers György Konrad über das Verschwinden zu Lebzeiten: "In der Heimat vermisst dich niemand, in der Fremde erwartet dich niemand."
Reminiszenzen vergilbter Jahre
Als Reporter deutscher Magazine war ich viel in der Fremde auf allen fünf Kontinenten unterwegs, lebte schließlich in Italien, Frankreich und jetzt in Österreich. Aber Heimat ? Wohl keine. Es war Liedermacher Herbert Grönemeyer, der mich im Jahre 1999 meiner Heimat Schöningen näher brachte, indem er textete und sang: "Heimat ist ein Gefühl!" Indes: Meine Spurensuche nach der Heimat begann dort, wo gemeinhin das Leben aufhört - auf dem Todesacker dieses Ortes.
Schöninger Friedhof
Der Schöninger Friedhof ist die beschauliche anmutige Heimstatt verstorbener Frauen und Männer - sinnlos gefallener Soldaten vieler Länder. In den letzten Jahren wuchs in mir ein Bedürfnis, in den Sommermonaten immer wieder durch den Eingang jener scheinbar in sich ruhenden Friedhofskapelle Nähe wie Erinnerung zu längst vergessenen Menschen zu suchen. Meter um Meter näherte ich mich meiner Heimat, meiner Kindheit, meiner Jugend über die breite, altehrwürdige Friedhofs-Allee. Diese von hohen Bäumen dicht gesäumte Straße hatte sich in meinem Gedächtnis fest eingegraben. Schon als Kind in den fünfziger Jahren pflegte ich mit meiner Mutter dort das Grab meines Großvaters, dem Schöninger Färbermeister August Köhler; Jahrzehnte später seiner Ehefrau Gertrud Hoff . Der Schöninger Friedhof bedeutete für mich nicht nur Abschied oder Reminiszenzen an vergilbte, unwiederbringliche fast vergessene Jahre. Jene Grabstätten mit ihrer weichen, duldsamen Atmosphäre luden mich unverhofft ein zu einer unvermuteten Nähe längst verblichener Epochen. Heimat-Gefühl.
Toleranz und Solidarität
Ich erinnere mich an meinen ersten Klassenlehrer Grunwald in der Wallschule. Er war ein vom Krieg gezeichneter Pädagoge, der uns beibrachte, den anderen ausreden zu lassen. Toleranz war gefragt. Vor der großen Pause packte Grunwald das Frühstücksbrot aus. er verteilte tagein, tagaus Schnitten an seine hungernden Jungen wie Mädchen. Den Begriff 'Solidarität' kannten wir damals noch nicht. Ich lernte in Schöningen aber sehr schnell und nachhaltig für mein Leben: einer für alle, alle für einen. Heimat-Gefühl.
Kernstück - Bahnhof
Ich erinnere mich an den alten Schöninger Staatsbahnhof, ehedem ein Kernstück dieser Stadt. Seinerzeit knipste Bahner Hoffmeister (er spielte des Sonntags Fußball bei Schöningen 08, linker Außenverteidiger zu glanzvollen Zeiten) all die Fahrkarten in seinem Kontrollhäuschen. Als ich einmal von ihm als siebenjähriger Bub eine Fahrkarte nach Jerxheim entwerten ließ, war ich stolz wie Oskar. Das Erlebnis der Fahrt vom Bahnhof in Schöningen war für mich so feierlich wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Ich möchte Herbert Grönemeyer widersprechen. Heimat ist Schauplatz und Emotion in einem. Zuhause gibt es derlei viele, die Heimat nur eine: Schöningen.