Montag, 1. Mai 1989

"Nähe korrumpiert" Hofberichterstatter in der Hauptstadt























Ist der Hauptstadt-Journalismus aus Berlin tatsächlich wahrhaftiger, lebensnaher, kritischer - unabhängiger geworden als zu Zeiten des Treibhauses in Bonn mit seinen angepassten Artigkeiten? Oder macht immer noch die Lokalität die Nachricht, stimmt nunmehr der Ereignis-Charakter mit seinen Berliner Show-Effekten die Inhalte dieser Jahre ? - Der Journalist Reimar Oltmanns hat zwei Bücher über seine Erlebnisse als Korrespondent auf dem Parkett am Rhein geschrieben und dabei nichts und niemanden geschont. Johannes Nitschmann hat für die feder Oltmanns' Bücher gelesen und mit dem Autor gesprochen.


Die Feder, Stuttgart
5/1989


Als der Journalist Reimar Oltmanns Anfang der 70er Jahre als Korrespondent ins Bonner Stern-Büro kam, war er "zunächst überrascht darüber, wie vertraut-intim Politiker, Journalisten und Ministerialbeamte miteinander umgingen". Bald schon stellte er fest, dass "die Herren aufeinander einspielt waren". Für den Neuankömmling "roch dieses Ritual nach einem Komplott zwischen Mächtigen und Eingeweihten". Inzwischen hat Oltmanns die Nase voll. Seine Bücher, in denen der Autor am Beispiel der beiden Spitzenpolitiker Heiner Geißler (CDU) und Jürgen Möllemann (FDP) die Innenabläufe der Macht in der "Bonner Operetten-Republik" aufzeigen will, werden in der feinen Journalisten-Gesellschaft zumeist nur mit spitzen Fingern weitergereicht. Zwar werden die farbigen Sittengemälde über die "Inzuchtzirkel" in der Bundeshauptstadt von den Presseleuten begierig aufgesogen, nicht zuletzt, weil der umstrittene Autor unter der bewussten Inkaufnahme journalistischer Regelverletzungen (wie dem Durchbrechen der Vertraulichkeitsabsprachen) manches Tabu bricht und nicht an den vertrauten Sprachregelung der Partei-Kommuniqués entlang schreibt.

NESTBESCHMUTZER

Aber Oltmanns gilt unter vielen seiner Kollegen als "Nestbeschmutzer", seine Bonn-Bücher werden in den Medien mehr oder weniger totgeschwiegen. Die naserümpfende Empörung über den Autor richtet sich am Ende freilich gegen die Bonner Verhältnisse selbst - und ihre Hauptakteure, die Politiker, die Medienleute und die Mächtigen in Verlagen und Funkanstalten.

Allerdings sind Oltmanns Bonner Milieu-Studien bisweilen zu einem arg pauschalen Verriss über die Journalisten geraten: manch notwendige Differenzierung, an denen es diesen Reports zweifelsohne gebricht, ist offenbar durch den Blick zurück im Zorn verstellt worden. Und dennoch hat sich der Autor durchaus couragiert eines Themas angenommen, das für den eigenen Berufsstand offensichtlich keines ist.

DOPPELPASS-SPIEL IM HOFE DER MACHT

Das augenfällige Doppelpass-Spiel zwischen Politik und Presse in Bonn haben vor Oltmanns durchaus schon andere Insider problematisiert: "Exclusive Informa-tionen für Journalisten sind die vornehmste Art der Bestechung", hat der ehemalige Bonner Regierungssprecher Conny Ahlers (*1922+1980), selbst ein versierter Medienmann mit Blick auf seine Klientel gesagt. Für Armin Grünwald, stellv. Regierungssprecher der sozialliberalen Koalition, beruht die Symbiose zwischen dem Bonner Pressekorps und den Parteipolitikern auf "einem strengen Comment von Spielregeln, der dafür sorgt, dass jeder es mit Fleiß vermeidet, den anderen in die Pfanne zu hauen oder bloßzustellen."

Oltmanns hat nach eigenem Bekunden bei seinen Reports über die Innenansichten des Machtgeplänkels in der Bundeshauptstadt auf solche "Rücksichtnahmen gepfiffen". Respektlos rechnet er in seinem Buch über die "Möllemänner" ab und mit jener "Hundertschaft von Menschen, die sich in der quälenden Enge des Bonner Regierungsviertels drängt und sich mit auf ihren schnüffelnden Voyeurismus berufen darf".

'CASH IN DIE TÄSCH'

Originalton Oltmanns: "Derlei Journalisten, das öffentliche Interesse als Berufsethos vor sich hertragend, sind darauf geeicht, Freud und Leid mit aufgesetzter Anteilnahme anzubohren, weil natürlich in schwierigen Ausnahmesituationen oder lallendem Bar-Palaver persönliche Zugänge, gar subtile Abhängigkeiten sich anbahnen. Ganz nach dem Motto 'cash in die Täsch' sind es eben verschwommene, aber auch bar bezahlte Unterwürfigkeiten, die später die Möglichkeit schaffen, Fakten und Intrigen, Gerüchte und Denunziationen je nach Meinungsbefund, aber auch Publikumsdruck aus den Fraktionen und Ministerien abzurufen ... ... In keiner Hauptstadt der westlichen Welt arbeiten Politiker und Journalisten so versteckt eng, so vordergründig harmonisch zusammen wie in Bonn, das sich nicht umsonst als informationsfreudigste Hauptstadt empfiehlt. Kritisch, unabhängiger, manchmal auch schmerzlicher Journalismus, wird hier zum Fremdbegriff."

"UNGLAUBLICHE GESCHWÄTZIGKEIT"

Der ehemalige Regierungssprecher Grünwald will in der Bundeshauptstadt die Beobachtung gemacht haben, dass sich dort die Journalisten mit den Politikern "die geschnipselte Macht" teilen und dass sich aus diesem Geschnipsel die "unglaubliche Geschwätzigkeit" herleitet, "die die rheinische Kapitale vor allen Regierungssitzen der Welt auszeichnet." Die Selbstverleugnung vieler Journalisten liegt für Oltmanns darin, dass sie sich ein halbes Leben lang vorgaukelten, der "Innenansicht der Macht" tatsächlich teilhaftig zu sein.

ABFÜTTERN STETS AM BUFFET

In einem Beitrag für das Magazin Transatlantik hat sich der Bonner Hörfunk-korrespondent Peter Zudeick ("Ich habe mir damals geschworen, an dieser Kumpanei nicht teilzuhaben und musste bald feststellen, dass das nicht geht") den Kopf darüber zerbrochen, wie die auffällig vielen politischen Wahlverwandtschaften der Bonner Journalisten angebahnt werden. Sein Ergebnis: "Nähe korrumpiert." Dabei seien Einladungen oder die vielen vornehmen Essen und üppigen Buffets in der Bonner Polit-Gesellschaft gar nicht einmal das Problem: "Bonner Korrespon-denten verdienen in der Regel genug, um sich einen kommoden Lebenswandel selbst leisten zu können." Wenngleich Zudeick da manchmal schon Zweifel befallen: "Wenn man sieht, wie die Damen und Herren Kollegen wie die Schweine auf ein Buffet losstürzen, oder wenn man Heerscharen von Journalisten beobachtet, die man bei Pressekonferenzen und anderen Arbeitsterminen nie, beim unentgeltlichen Abfüttern aber ständig sieht. Auch die Reisen machen es nicht, die gelegentlich recht unverstellt nach Bestechung aussehen: hier drängen sich in der Regel immer dieselben um die Großkopfeten, werden zuweilen auch noch Berichterstattungs-Wohlverhalten ausgesiebt."

Zudeick hat die Erfahrung gemacht, dass, "wer die Kontaktpflege in Bonn intensiv betreibt", mittelfristig ein dichtes Netz von Bekanntschaften aufbauen könne, "die er mal eben anrufen kann, wenn er bestimmte Informationen braucht". Wer freilich übertreibe - und hier liegt nach Ansicht des Hörfunkkorrespondenten das eigentliche Dilemma werde "bald nichts anderes mehr um die Ohren haben" als diese berüchtigte "Umgebung", er werde schließlich "zur Distanz nicht mehr fähig sein."

DIE LOKALITÄT MACHT DIE NACHRICHT

Typisch wie Nachrichten in dem Treibhaus der Bundeshauptstadt gedeihen: "Bonner Vorkommnisse erhalten ihren Ereignischarakter nicht durch den Charakter des Ereignisses, sondern dadurch, dass sie in Bonn stattfinden. Die Lokalität macht die Nachricht, nicht der "Inhalt", urteilt Zudeick. "Die berühmten 'politischen Kreise', abends beim Schoppen in einer Landesvertretung. 'diplomatische Kreise' aus dem Auswärtigen Amt und dem diplomatischen Korps bei einem der unzähligen Cocktails in Botschaften oder Konsulaten, alle zusammen bei Ausstellungseröffnungen und Konzerten, die Parteien bei Veranstaltungen in ihren Zentralen, 'Regierungskreise' bei Kanzler- oder Ministerreisen im Flugzeug, im Hotel, im Bus, Stallwächterpartys, Sommerfeste, Oktoberfest, der Bundespresseball, die Weihnachtsfeste im früheren Postministerium, gern besucht wegen der Briefmarken, die es da umsonst gibt - wer will, kann unentwegt an der Bonner Symbiose zwischen Politik und Journaille teil-nehmen, die manch Außenstehenden an schiere Kumpanei erinnert."

KUMPANEI

Diese offenkundige Kumpanei zwischen Politikern und großen Teilen der Presse geht in der Bundeshauptstadt einher mit einem zunehmenden "Hinhalte-Journalismus", wie der Bonner Büroleiter des privatkommerziellen Radio Luxemburg, Geert Müller-Gerbes, jüngst in einem "Werkstattgespräch" der nordrhein-westfälischen CDU beklagte: "Man hält ein Mikrophon hin, in der sichereren Erwartung, irgendwas wird schon kommen." Nach Ansicht des Literatur-Papstes der Frankfurter Allge-meinen Zeitung (FAZ), Marcel Reich-Ranicki, haben die Fragen und Antworten bei den stereotypen Bonner Politiker-Interviews häufig kaum mehr etwas mitein-ander zu tun. Ein Meister dieser langweiligen Frage-und Antwortrituale sei Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP): "Wenn Sie fragen, 'Was halten Sie von den deutsch-sowjetischen Beziehungen?', antwortet Genscher ungeniert: 'Wir müssen in Ecuador folgendes tun ...' ".

MISERE SIND "GESPRÄCHSZIRKEL"

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU), sozusagen der Prototyp des "Tagesschau-Politikers", stellte sich bei dem Werkstattgespräch seiner Partei bei diesem Fragenkomplex ziemlich dumm und suchte die Ursachen für den Bonner Hinhalte-Journalismus mit grüblerischer Denkerstirn in der verkürzten Darstellungsform der Medien: "Sie können in Einsdreißig ein Problem nicht umfassend packen. Und die Leute merken's ja auch gar nicht, wenn man die Frage nicht trifft."

Und ob: "Die Leute merken's natürlich und fühlen sich verarscht", konterte der Düsseldorfer General-Intendant Volker Canaris. Darin liege schließlich einer der Gründe für die wachsende Politik- und Parteienverdrossenheit. "Die Politiker erwecken ja gerade den Eindruck, als wenn sie in Einsdreißig etwas Kompliziertes er-klären könnten." Stattdessen sonderten sie in den Interviews häufig nur Plattitüden an, "weil uns die Politiker ja nichts mitteilen, sondern nur den Eindruck erwecken wollen, das sie dies angeblich täten." Aber "da Schlimmste" dabei ist, sagt Canaris in der Düsseldorfer CDU-Werkstatt, "dass sich die Journalisten das auch noch gefallen lassen".

Eine Ursache für die Übelstände in der Bonn-Berichterstattung sehen ihre Kritiker auch in den berüchtigten Gesprächszirkeln, zu denen sich die Bonner Korres-pondenten, "meist artig nach Couleur sortiert" (Zudeick), zusammengeschlossen haben, um sich Politiker und andere Informanten aus dem öffentlichen Leben zu vertraulichen Hintergrundgesprächen einzuladen.

"Wer als Bonner Journalist 'in' sein will, der hat auf klare Verhaltensregeln zu achten, was und vor allem wie er sein Herrschaftswissen weitergeben darf", sagt Reimar Oltmanns, der darin "auch eine Form der Korruption" sieht. Durch die in diesen Gesprächskreisen verabredeten Vertraulichkeitsstufen eins, zwei und drei werde "nicht einmal ein Bruchteil der sogenannten Top-Informationen" öffentlich, behauptet Oltmanns.

Immerhin machen zum Beispiel die Spiegel-Redakteure diese Entmündigung nicht mit. "Wir gehen da bewusst nicht hin", sagt der Bonner Spiegel-Bürochef Dirk Koch: " Wir wollen uns nicht einbinden lassen, indem wir zusagen, dass wir nicht schreiben, was wir dort hören. Nicht selten wissen wir auch so, was dort erzählt wird." Koch kennt die Absicht und ist verstimmt: "Solche Zirkel werden zuweilen von Poli-tikern auch als Mittel genutzt, die Veröffentlichung heikler Informationen zu ver-hindern. Und das passt uns nicht."

Bonns neuer Informationsminister Hans Klein (CSU) ist mit den Medienleute in der Bundeshauptstadt denn auch ganz zufrieden: "Ich würde", sagte er zu seinem Amtsantritt, " an den Journalisten nicht viel ändern."

TOTAL TOTE HOSE ... ...

feder-Gespräch mit Reimar Oltmanns über das weithin zweifelhafte Zu-sammenspiel von Politik und Presse in Bonn.

feder: Kollege Oltmanns, in ihrem jüngsten Bonn-Report über die "Möllemänner" fällen Sie ein geradezu vernichtendes Urteil über die in der Bundeshauptstadt ar-beitenden Journalisten. "In keiner Hauptstadt der westlichen Welt", so schreiben Sie dort, "arbeiten Politiker und Journalisten so versteckt eng, so vordergründig harmonisch zusammen wie in diesem Bonn." Für das Bonner Pressekorps ist "kritischer, unabhängiger, manchmal auch schmerzlicher Journalismus" nach Ihren Beobachtungen "ein Fremdbegriff". Gibt es denn tatsächlich nur journalistische Jubel-perser und als Publizisten getarnte Parteipolizisten in der Bundeshauptstadt?

Oltmanns: Nach meinen Erfahrungen ist das leider so, bis auf wenige Ausnahmen, zu denen von der Medienprominenz beispielsweise die Spiegel-Redakteure Jürgen Leinemann und Hartmut Palmer und Gunter Hofmann von der Zeit sowie der für verschiedene Publikationen arbeitende Korrespondent Werner Perger gehören. Ein kritischer, ein unabhängiger Bonn-Journalismus ist nach meinen Beobachtungen vor allem deshalb nicht möglich, weil sich die Journalisten von den Parteien und Politikern weitgehend in dieser von der Außenwelt wohlbedacht abgeschirmten Käseglocke haben instrumentalisieren lassen. Nahezu jeder Bonner Korrespondent gehört mindestens einem dieser parteipolitisch eingefärbten Gesprächskreise an, in denen unter gewissen Vertraulichkeitsstufen - unter eins, unter zwei, unter drei - Herrschaftswissen vermittelt wird, über das entweder überhaupt nicht oder nur mit erheblichen Einschränkungen berichtet werden darf. So etwas macht lammfromm. Wer als Bonner Journalist "in" sein will, der hat auf klare Ver-haltensregeln zu achten, was und vor allem wie er sein Herrschaftswissen weitergeben darf. Nicht einmal ein Bruchteil der sogenannten Top-Informationen hat an die Öffentlichkeit zu kommen. Dies läuft zwar schon seit Jahrzehnten so. Es wird offenbar aber erst jetzt augenfällig in einer Zeit, wo der Glaubwürdigkeitsverlust der Politik weiter zunimmt und der Gestaltungsspielraum für die Bonner Politik immer enger wird. In solch einer Situation stellt man sich schon eher die Frage: Was wird da überhaupt noch vermittelt, was kommt da überhaupt noch rüber?

feder: Im Klartext kommen Sie doch zu dem Ergebnis, dass uns die Mehrheit der Bonner Korrespondenten nur mehr eine von den Parteien und Politikern geschönte Scheinwelt vermittelt.

Oltmanns: Das ist absolut so. Aus meiner Erfahrung als Bonner Korrespondent kann ich dies nur unterstreichen. Da geben Politiker den ihnen vertrauten Presse-leuten bis ins einzelne Sprachregelungen vor, da degeneriert Journalismus zu billiger PR-Arbeit. Das ist im Grunde genommen eine fiktionale Welt, die den Leuten draußen aus der Bundeshauptstadt vermittelt wird. Das geht damit los, wie stark der Mann ist, es geht fortlaufend um innerparteiliche Rankünen, taktisch-strategische Einschätzungen, um sogenannte dynamische Abläufe. Zum größten Teil ist das ohne jede inhaltliche Substanz, vieles ist eben Fassade. Total tote Hose, wenn man ein bisschen genauer hinguckt. Und das eigentliche Problem besteht darin: Wenn man sich in Bonn als Journalist diesen Spielregeln nicht unterwirft und da letztendlich - von ein paar Nuancen abgesehen - nicht mitpfeift, hat man es dort überlebensschwer. Unabhängiger, kritischer Journalismus - wie etwa nach Gangart des US-Aufklärungs-Journalismus - der ist halt in Bonn verpönt. Angepasste Artigkeiten werden honoriert.

feder: Aber die Spezies des knallharten Rechercheurs kann doch in Bonn nicht gänzlich ausgestorben sein?

Oltmanns: Natürlich würde ich das so pauschal nicht sagen. Aber die Zeiten haben sich inzwischen gewaltig geändert. In den siebziger Jahren, zu Zeiten der sozial-liberalen Koalition, gab es nach meinen Beobachtungen doch wesentlich mehr Journalisten in Bonn, die sich nicht mit einem Sektfrühstück abspeisen ließen, die sich nicht zufrieden gaben mit irgendwelchen banalen Quotes. Da wurde mehr real dates und real facts erfragt, da kam auch mehr zum Vorschein, in welch einem deformierten Treibhaus da Politik gemacht wird,dr wie die Menschen dort zu zerbrechen drohen. Dies hängt zum Teil auch mit der Pressepolitik zusammen, die von der amtierenden Bundesregierung und in der Bonner CDU-Zentrale gefahren wird. Jeder politische Korrespondent ist da inzwischen nach seiner politischen Gesäßgeografie taxiert.

feder: Sie gehen mit Ihren Thesen sogar so weit, zu behaupten, dass selbst die ver-meintlichen Enthüllungs-Geschichten zumeist nicht das Produkt einer knallharten Recherche sind, sondern oftmals auf Intrigen, Durchstechereien und dubiosen Doppelspielen innerhalb der Regierungszentralen, Ministerien und Parteien basieren.

Oltmanns: Das entspricht exakt den Tatsachen. Je intimer der Umgang ist zwischen Journalisten und Politiker, desto mehr wird da natürlich auch Kanonenfutter gegen andere Politiker geliefert,mit dem dann die adäquaten Bonner Skandale produziert werden. Die Journalisten in Bonn sind von den Politikern unglaublich abhängig, aber auch die Politiker von den Journalisten. Das ist eine pathologische Symbiose auf Gedeih und Verderb. Dabei ist dann nicht mehr primär interessant, was nach draußen geschrieben wird und für die Information der breiten Bevölkerung wichtig wäre, Nein, da geht es in erster Linie immer nur um taktische Rankünen und inner-parteiliche Machtkämpfe.

feder: Ist die von Ihnen wiederholt angesprochene Abhängigkeit zwischen Politikern und Journalisten eine Bonner Gesetzmäßigkeit sozusagen, also eher strukturell begründet, oder sind für die Anfälligkeiten der Macht eher individuelle Gründe ausschlaggebend?

Oltmanns: Ich würde schon sagen, dass man hier von einer strukturellen Abhängigkeit sprechen kann, weil dies ja in Bonn im Prinzip schon seit Jahrzehnten gang und gäbe ist; mal auffälliger, mal versteckter. Damit ich nicht missverstanden werde: Keiner hat etwas dagegen, wenn sich Journalisten mit Politikern gut ver-stehen und einen kritischen Meinungsaustausch pflegen. Die Abgängigkeit in Bonn haben meines Erachtens aber auch in der mangelnden personellen Fluktuation ihre Ursache: ein Personalaustausch findet da kaum mehr statt. Die Journalisten, die dort sind und überleben wollen, müssen sich auf dieses Spielchen schon einlassen.

feder: Und Spielverderber werden isoliert?

Oltmanns: Dies kommt immer sehr auf das Medium an, das sie vertreten. Einen Kollegen vom Spiegel beispielsweise kann da so schnell keiner etwas anhaben. Aber ein Korrespondent, der dort etwa für eher unbedeutende Provinzblätter schreibt, wird sofort stigmatisiert oder systematisch ausgegrenzt, wenn er die entsprechenden Spielregeln verletzt oder gegen fest gefügte Rituale verstößt - und zwar stigmatisiert im Kollegenkreise.

feder: Das funktioniert so etwa wie Selbstreinigung im negativen Sinne?

Oltmanns: Ja, durchaus. Es gibt dafür eine ganze Reihe von Beispielen, die ich mit Rücksicht auf die betroffenen Kollegen hier nicht namentlich erwähnen möchte.

feder: Wenn Ihre Beobachtungen der Bonner Szene denn einigermaßen zutreffend sind, dann hat das, was da in den Pressehäusern und Korrespondentenbüros abläuft, mit Journalismus im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, wie durchaus kritische Köpfe die in Ihrem Buch beschriebene "Selbstverleugnung" jahrelang mitmachen können und es kaum einmal Kollegen gibt, die versuchen, diese unseligen Info-Kartelle zu durchbrechen?

Oltmanns: Also, es hat da in der Vergangenheit schon immer wieder mal Leute gegeben, die versucht haben, dies zu durchbrechen - mit unterschiedlichem Erfolg. Ich will mich da nun nicht als jemand hinstellen, der diese Vorgänge als erster beschrieben hat. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, warum Leute das alles mitmachen. In meinen Augen sind dies in den meisten Fällen gebrochene Persönlichkeiten, die ihre ganze Kraft darauf verschwenden, dieser Fassadenkultur nachzulaufen ... ...

feder: Menschen, die erst im Bonner Polit-Alltag gebrochen werden?

Oltmanns: Ich finde schon. Die Affinität zur Macht, die sich dort von den Politikern auf die Journalisten überträgt, ist eine spezielle Bonner Gangart. Um von diesem Bonn überhaupt noch einigermaßen fasziniert zu sein, muss der entsprechende Journalist schon eine Affinität haben, Herrn Bundeskanzler im "Otto Lilienthal" interviewen zu dürfen oder in einem der Geprächskreise mit der Polit-Prominenz zu plaudern. Sinn dieser Übungen: Die Journalisten sollen einfach das Gefühl vermittelt bekommen, sie seien auch mächtig. Und dabei fängt die Korrumpierbarkeit an. Mir ist immer wieder aufgefallen, dass sich nur noch ganz wenige Kollegen selbstkritisch fragen, was eigentlich beim Leser, für den sie ja da sind, rüberkommt von ihrer Bonn-Berichterstattung. Das ist schon erschreckend, wenn Sie sehen, dass in den meisten Fällen nur das wiedergekäut wird, was von den Politikern an Sprachregelungen vorgegeben wird. Es ist ja nicht so, dass in diesen vertraulichen Gesprächszirkeln erklärt wird: "Darüber dürfen Sie nicht schreiben." Da wird ja auch ganz klar gesagt: Die und die Sprachregelung ist wichtig. Und dann sind eben alle Journalisten von den Parteien politisch klar ein- und zugeordnet. Ich habe bei meinen Recherchen über CDU-Generalsekretär Geißler ja die Journalisten-Liste gesehen, die da im Pressereferat auf dem Schreibtisch lag. Da stand drauf, wie die einzelnen Journalisten einzuschätzen sind, da waren spezielle Zeichen vermerkt, wie mit denen umzugehen ist.

feder: Ein Einzelfall?

Oltmanns: Nein, so etwas gibt es nach meiner Überzeugung in allen Bonner Parteizentralen.

feder: In Ihrem Geißler-Report "Der Intrigant" behaupten Sie, die Bonner CDU-Zentrale habe parteifromme Journalisten sogar in einem Computer auf ihre mögliche Verwendungsfähigkeit bei der Vergabe von lukrativen Stellen im Rundfunk abgespeichert.

Oltmanns: Dies habe ich am Beispiel des Kollegen Werner P. D'hein festgestellt, mit dem ich damals im Bonner stern-Büro zusammengearbeitet hatte. D'hein bekam seinerzeit permanent Angebote von der Union aus dem Bonner Konrad-Adenauer-Haus, wo ich die Sache dann auch recherchiert habe. Er wurde mehrfach gefragt, ob er nicht den und den Job annehmen wolle: er sei doch dafür bestens geeignet, und die Parteizentrale könne dies managen, sie habe schließlich Einfluss darauf, weil Stellen im rechtlich-öffentlichen Rundfunk nach dem Parteiproporz besetzt würden. Ich meine, wir haben hier zweierlei festzustellen: Das eine ist der Versuch der Parteizentralen, auch im privatwirtschaftlichen Bereich, die Journalisten in Bonn wohlfeil zu intrumentalisieren und ihnen zugleich eine Hoffähigkeit zu attestieren, sie also mit einer gewissen Bonität auszustatten. Auf der anderen sitzen da lammfromme Kommuniqué-Journalisten, die das schreiben, was ihnen von Parteien und amtlichen Stellen vorgegeben wird.

feder: Was steckt denn da für ein Selbstverständnis bei den einzelnen Bonn-Korrespondenten dahinter, wenn man ihnen diese Sachverhalte im kollegialen Gespräch erörtert?

Oltmanns: Dahinter steckt das unverständliche und zum Teil schon absurde Selbstverständnis, dieses parteitaktische Rankünen-Geschwätz unbedingt nach draußen tragen zu müssen. Da werden dann dauernd irgendwelche hypothetische Fragen zu parteiinternen Vorgängen und Machtgeplänkeln aufgeworfen, die draußen überhaupt niemanden interessieren. Sie wollen sich unentwegt an diesem Bonner Machtmonopoly beteiligen, weichen zugleich aber den wirklich wichtigen Fragestellungen aus. Schauen Sie doch mal, was für den Leser oder die Bevölkerung letztlich bei dieser Bonn-Berichterstattung herauskommt. Das ist Hofbericht-erstattung reinsten Wassers. Ich habe da in all den Jahren eine ganz interessante Beobachtung gemacht: Der kritische Journalismus, der in den Medien über Bonn - und die dortigen Gesetzesvorhaben beispielsweise - ja durchaus stattfindet, ist jeweils immer von den Zentralredaktion ausgegangen. Da kamen die Anstöße aus Hamburg, München oder Düsseldorf, aber nie aus Bonn selbst. Am Hofe des Palais Schaumburg geliebt zu werden und dort gut zu überleben, ist allemal wichtiger, als kritische und unbequeme Berichterstattung zu machen. Die Leute sehen sich ja schließlich Tag für Tag in diesem Bundes-Dorf wieder; auch das verbindet, schafft Abhängigkeiten.

feder: Welche Lock- oder Druckmittel haben Sie denn persönlich kennen gelernt, die etwa Politiker in Bonn anwenden, um sich Journalisten gefügig zu machen?

Oltmanns: Die Mittel sind da sehr subtil. Das Vertrauens- und Abhängigkeitsver-hältnis zwischen Politikern und Journalisten beruht in der Regel auf Gegenseitigkeit, es ist nahezu kameradschaftlich geprägt. Die Abgängigkeit besteht beispielsweise auch darin, dass Politiker oftmals sehr exakt und sehr gut Bescheid wissen, was in einzelnen Redaktionen abläuft und wie der Stellenwert eines bestimmten Themas oder Problems einzuschätzen ist. Der Journalist erzählt natürlich auch dem Politiker, qua Freundschaft, wie er bestimmte Vorgänge, oder beispielsweise auch Kollegen zu bewerten und einzuordnen hat. Das ist ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten. Mein Eindruck ist, dass die Journalisten in Bonn im Prinzip bestens informiert sind und über sehr, sehr viele Details genauestens Bescheid wissen, aber kaum etwas davon transportieren.

feder: Ihr Bonn-Report über die "Möllemänner" ist zugleich eine respektlose Abrechnung mit der Bonner Medien-Szene. Ist Ihnen die am Ende nicht doch viel zu pauschal und arg ungerecht geraten?

Oltmanns: Es handelt sich hier um eine Zustandsbeschreibung eines Journalismus, dem jede Courage und jedes politische Engagement abgeht. Ich habe hier versucht, einen dramatischen Funktionsverlust der Presse zu beschreiben, nämlich Politik transparent zu machen und couragiert einen politischen Standpunkt zu beziehen. Dies alles findet in Bonn kaum noch statt. Pauschal ist meine Darstellung über die Bonner Journaille insofern, als ich zwei Drittel dieser Kollegen tatsächlich als Hofberichterstatter einschätze, die an den vorgegebenen Sprachregelungen der Parteien entlangschreiben. Und sie ist auch deshalb pauschal, weil ich versucht habe, ganz generell die Bonner Verhältnisse zu beschreiben, und nicht etwa konkret den Kollegen XYZ vorzuführen und damit zu stigmatisieren.

feder: Wenn wir all Ihre Thesen folgen, dann dient der gesamte Bonner Informationsapparat am Ende doch in erster Linie der Befriedigung der persönlichen Eitelkeit und des Voyeurismus der einzelnen Journalisten, nicht der Transparenz und der Aufklärung der Öffentlichkeit.

Oltmanns: Zum Teil ist das so, ja. Das ist diese Korrumpierbarkeit, indem man Herrschaftswissen mitteilt und sich auf diese Art und Weise Medien einkauft.

feder: Kollege Oltmanns, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




























Dienstag, 14. März 1989

Der Bildungsminister und eine Überraschung - Als es Möllemann einmal zuviel wurde







vom 14. März 1989
von Helmut Herles

Jürgen Möllemann , einst Lehrer, dann Fallschirmjäger bei der Bundeswehr, seit April 1983 FDP-Landesvorsitzender von Nordrhein-Westfalen und in der zweiten Regierung Kohl Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, ist nicht nur für manche Überraschung gut, sondern hat auch Zivilcourage. Das bewies er vor kurzem in seiner Fernsehsendung des Westdeutschen Rundfunks namens ZAK, in der er mit einem "Überraschungsgast" überrumpelt worden war. Er tat etwas ganz und gar Unübliches: Er stand auf und ging. Die Regel ist, dass die Politiker zu vielen bösen Spielen eine gute Miene machen und still leiden. Nicht so Möllemann, den man in jener Sendung mit einem gewissen Reimar Oltmanns überrascht hatte. Dieser hat ein Buch geschrieben, das allerlei Herabsetzendes, vorwiegend über Möllemann enthält.

Zunächst hörte sich Möllemann geduldig die Sticheleien der Moderatorin an ("Ihnen geht ja ein bestimmter Ruf voraus: Keiner fragt, Möllemann antwortet"). Dann sagte die Moderatorin: "Sie wissen ja: zu einem modernen Gespräch gehört heute der Überraschungsgast." Möllemann: "Das ist ja ganz was Tolles." Moderatorin: "Ja, ja es ist was ganz Tolles, extra für Sie, eine Premiere, bitte kommen Sie rein! Das ist Reimar Oltmanns. Er ist Ihnen sicher gut bekannt, er hat en Buch über Sie geschrieben ... ... und sich heftig mit Ihnen auseinander-gesetzt. Es hat einen ganzen Band gefüllt." Was nun folgte, war eine böse Überraschung für Redaktion und Moderatorin. Möllemann sagte: "Jetzt haben wir die Überraschung für Sie: Jetzt gehe ich, ich möchte mich mit dem Herrn nicht an einen Tisch setzen. Auf Wiedersehen!"

Möllemann ließ die Geschichte nicht auf sich beruhen. Sofort nach der Sendung schrieb er Beschwerdebriefe an den WDR-Indendanten Nowottny, an den Vorsitzenden des Programmausschusses des Rundfunkrates, Oberkirchenrat Demmer, und an den Vorsitzenden des Rundfunkrates, den Landtagsabgeordneten Grätz. Er erinnerte an ähnlich "unsachliches oder unfaires Vorgehen" in der Sendung "Hier und heute" aus Bochum mit Norbert Blüm und dem nordrhein-westfälischen Innenminister Schnoor. Nun sei er in der Sendung ZAK "zum unfreiwilligen Objekt eines planvoll und systematisch angelegten Täuschungs- und Überrumpelungsmanöver gemacht worden".

Die Angesprochenen im Westdeutschen Rundfunk gaben dem Minister nicht recht. Indendant Nowottny schrieb zurück, die Redaktion habe den Minister vor der Sendung informiert, was ihn erwarte. Der stellvertretende Vorsitzende des Rundfunkrates, Pohl, teilte mit, dass nach der von Möllemann ebenfalls kritisierten Ruhrgebietssendung festgelegt worden sei, "dass die an solche Sendungen beteiligten Politiker vorzeitig über den Ablauf der Sendung sowie ihrer Gestaltung rechtzeitig unterrichtet werden". Ein "Überraschungsgast" werde vorher jedoch nicht genannt, "und das ist üblich". So sei es auch in der Sendung "Ich stelle mich" (des ZDF).

Möllemann gibt sich damit nicht zufrieden. Obwohl jener "schwarze Freitag" schon im Januar war, schrieb er am 8. März abermals an Friedrich Nowottny: "Ich muss noch einmal betonen: Weder das Wort Überraschungsgast ist in den zahlreichen Vorgesprächen gefallen." Auch ihm, Möllemann, gegenüber habe sich die Redaktion noch am Abend im Kölner Studio auffallend "bedeckt" gehalten. "Der verantwortliche Redakteur begrüßte mich nur kurz und verschwand sofort wieder unter Hinweis auf andere Verpflichtungen." - "Nur zögernd wurde mir überhaupt ein Blick auf den Sendeplan gewährt, auf dem ebenfalls nicht erkennbar war, dass außer mir ein weiterer Studiogast erscheinen würde - ein weiterer Beitrag zur Tarnung des in der Kulisse wartenden Herrn." Im Studio selbst habe es nur ein kurzes Vorgespräch mit der Moderatorin gegeben, die "en passent" davon gesprochen habe, dass es "nachher" noch eine "Überraschung" geben werde. "Wohlgemerkt: keine Rede von einem Überraschungsgast.

Möllemann sieht in dem Arrangement keine "wohlgemeinte Überraschung", sondern einen "Überraschungscoup". Nowottny solle sich der Sache noch einmal "besonders kritisch" annehmen und die Redaktion mit den "Ungereimtheiten und Widersprüchen ihres Vorgehens konfrontieren". Vielleicht ziehen die Politiker vor allem des Regierungslager, die besonders gern gepiesackt werden, daraus eine Konsequenz: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Eine Lektion wie die von Möllemann erteilte ist ebenfalls ein heilsamer Beitrag zur "Fernseh-Kultur".

Freitag, 30. September 1988

Dass der sich deutscher Politiker nennen darf ... Möllemann und Langzeitwirkungen




die tageszeitung, Berlin
vom 30.September 1988
von Johannes Nitschmann

Das Porträt eines gedankenlosen Opportunisten und Karrieristen. Ein Buch über den Bildungsminister. Bonn und seine Möllemänner.Ein "subjektives, radikales Buch" wollte er schreiben, das "auf Rücksichtnahmen pfeift" und die "Innenabläufe der Bonner Macht schonungslos zeigen will", sagt der ehemalige 'stern'-Korrespondent Reimar Oltmanns (39).

Oltmanns hat nicht zu viel versprochen. Gnadenlos beschreibt der freie Journalist in seinem beim Frankfurter Eichborn Verlag erschienenen Report "Möllemänner oder die oppportunistischen Liberalen" das Milieu einer abgeschotteten Gesellschaft:Bonn lebt nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, Wertmaßstäben und Ritualen. Hauptdarsteller des Oltmanns-Reports ist einer, "der für viele Karrieristen im Bonner Polit-Geschäft steht": Bundesbildungsminister Jürgen W. Möllemann (FDP).

IM BONNER MACHTGETTO

Jahrelang hat der Autor, so sagt er, Möllemann beobachtet, im Bonner Machtgetto, bei fast sämtlichen FDP-Parteitagen und auf Wahlkampftourneen. Dabei hat er mit dem FDP-Politiker geredet ("wobei ich mit seiner Einwilligung das Tonband mitlaufen ließ"), aber auch mit seinen Bonner Mitarbeitern im Abgeordneten-Büro und im Auswärtigen Amt, mit Ehefrau Carola, seinem Bruder Norbert und Freunden zahllose Gespräche geführt. Auf der Grundlage dieser Materialsammlung hat Oltmanns schließlich "das Porträt eines gnadenlosen Opportunisten" gezeichnet, "für den Politik ein Zielgruppengeschäft ist, das mit Showeinlagen garniert werden muss": Mit Möllemann wird hier der "verbogene Charakter" (Oltmanns) eines Politikertyps beschrieben, der exemplarisch ist für den Niedergang der FDP und den Niedergang der Politik. Journalistische Regelverletzungen nimmt Oltmanns in Kauf, etwa die Preisgabe vertraulicher Hintergrundgespräche, und so vermittelt er einen Eindruck davon, wie Minister, Generalsekretäre, Bürokraten und Meinungs-macher in der Bundeshauptstadt Politik machen; zum bei Saufgelagen in "Ossis Bar" im Bundeshaus, wo der Bundestagspräsident wohlweislich Fotografierverbot verordnet hat.

Neben Möllemann ist vor allem dessen persönlicher Referent Axel Hoffmann eine
ergiebige Quelle für den Autor gewesen. In den Äußerungen des Möllemann-Referenten wird jener Zynismus deutlich, mit dem in Bonn Politik betrieben wird:
"Bonn", sagt Hoffmann in einem der Tonbandprotokolle über seinen Chef und sich, "hat uns beide sowieso grundlegend verändert. Wir zeigen keine Gefühle mehr, wir sind ständig auf der Hut, deshalb unheimlich kontrolliert. Wir nehmen die Ereignisse hin, analysieren sie und stopfen sie schnell weg. Sonst wäre das hier kaum auszuhalten. Das liegt natürlich an dem überall hervorgebrachten Machtanspruch, an den ewigen Intrigen wie dem hehren Parteigewissen. Denn wenn ein FDP-Mann etwas werden will, vor allem im Bewusstsein der Leute draußen, dann geht das nur über eine sehr stark vom Bekannten- und Freundeskreis losgelösten Arbeit. Und dieser Mief wird immer noch intensiver, wenn wir sagen, wir sind nicht nur die liberale Partei, wir wollen auch noch liberale Karriere machen. So kommt es dann, dass die Kollegen vor allem die MdB-Weiber meinen, wir seien ein gefühlskaltes, taktierendes Team."

"OH, WIE ICH DIE ALTE HASSE"
Zu Frauen, insbesondere zu Politikerinnen, die er bisweilen abfällig als "Manikürmädchen" tituliere, habe Möllemann ein besonders gestörtes Verhältnis, schreibt Oltmanns. "Oh, wie ich die Alte hasse", donnert es heftig aus ihm heraus, als ich ihm im September 1982 in seinem Abgeordneten-Büro gegenübersaß. Helga Schuchardt war gemeint. "Eine ausgekochte, ausgelutschte Karrieristin, die die beleidigte Diva spielt", ordnete er Ingrid Matthäus-Maier ein, die ehemalige Listenplatz-Rivalin aus Münster.

Obwohl die weiblichen FDP-Abgeordneten von Möllemanns Ausfällen gegen die Frauen-Fraktion durchaus wissen, kuschen sie nach den Beobachtungen Oltmanns zumeist vor dem Karrieristen. Allein Hildegard Hamm-Brücher wird in dem Buch als eine zitiert, die Möllemann die Stirn bieten und ihn schon mal vor versammelter Fraktion annehmen: "Sie, Herr Möllemann. Sie sind eine tragische Figur wie einst die Herren Ihres Kalibers im Altertum. Sie geben Ihre innere Freiheit und Unabhängigkeit auf, um nur von Ihrem Genscher angekettet dabei zu sein, mitspielen zu dürfen. Offenbar merken Sie nicht einmal mehr, wie Sie sich für einen Dienstwagen instrumentalisieren lassen und der Rest an Menschlichkeit auch noch flöten geht."

Einen Möllemann, der sich am Telefon seines Abgeordneten-Büros bisweilen schon einmal mit "hier die Städtischen Bühnen" meldete, ficht solcherlei Kritik nicht an. Statt dessen philosophiert er in der Dorfkneipe seines Geburtsortes Appeldorn, einer kleinen Dorfgemeinschaft bei Kalkar am Niederrhein, lieber Pils kippend über seine steile Politkarriere: "Ja, ja, das war schon eine seltsam-satte Genugtuung. In deinem heimatlichen Dorf merkst du schnittpunktartig, dass aus dir eine Menge geworden ist, mit dem wohl keiner im entferntesten gerechnet hatte. Das macht mir Mut, das motiviert mich ungeheuer. Da habe ich mich auch kurzerhand überzeugt, mach weiter so, Jürgen, auch wenn die Politik knüppelhart ist."

MÖLLEMANNS STELLVERTRETER

Der Bundesbildungsminister nimmt die Politik freilich eher von der leichten Seite, selbst zum Ärgernis seines Getreuen Hoffmann. Den überkommt laut Oltmanns "manchmal auch ein Quäntchen Trübsal über seine stellvertretenden Möllemann-Existenz". "Da sitzt er nachts am Schreibtisch und listet die Argumente für ein neues Positionspapier der FDP auf. Morgens um acht Uhr ist er im Büro, sieht Möllemann. Was macht der? Er liest 'Bild'-Zeitung. Um elf Uhr geht's per Dienstwagen auf Reisen - in den Wahlkampf auf dem Lande. Ob in den Ortschaften oder auf den Autobahnen, Möllemann gibt keinen Laut von sich." "Ja, aber gut, was macht er denn die ganze Zeit, wenn er nicht schläft", werfe ich ein. Hoffmann: "Das habe ich doch schon gesagt. Er liest 'Bild'-Zeitung und den 'Bonner Express'. Öfter blättert er auch noch die Illustrierten durch. Erst wenn wir das Ortsschild passieren, guckt sich Möllemann noch kurz meine Zettelwirtschaft an, was er da nun eigentlich sagen will. Aber meistens fängt er sowieso mit Genscher seine Rede an. Und das kennt er auswendig."

Referent Hoffmann ist es schließlich, der für seinen Chef lauf Oltmanns seit über zwölf Jahren "die Honneurs inszeniert, Intrigen lanciert, Schuhe putzt, Steuererklärungen erledigt, auf dem Abgeordnetenstuhl Stallwache hält und natürlich auch - Jahr für Jahr die Winterreifen aufzieht".

"Der auf Public-Relations-Gags bedachte Politiker namens Möllemann ist ein untrüglicher Seismograf für die Wünsche der FDP-Zielgruppe: Karrieristen aller Art", so Oltmanns. Bei seinen Recherchen nach den "Möllemännern" hat er auch eine Reihe ehemals führende FDP-Politiker, wie etwa den Ex-Bundesinnenminister Werner Maihofer, befragt. Den schüttelt es bei dem Namen Möllemann heute noch:
"Dass sich ein unsäglicher Jahrmarktsjodler, der nur eine Show nach der anderen abzieht, sich deutscher Politiker nennen darf, es ist einfach unfassbar."

"MIESES MACHWERK"

Für Möllemann ist das jüngste Oltmanns-Buch ("Ich werde so etwas auf keinen Fall ganz lesen") nichts anderes als "ein von Lügen, freien Erfindungen und Gehässigkeiten strotzendes mieses Machwerk". Juristische Schritte erwägt Möllemann allerdings nicht. "Das würde diese Leute doch nur aufwerten." Möglich aber, dass der Eichborn Verlag bald die Gerichte anrufen wird: "Wenn der Möllemann weiter so tönt, werden wir uns das mit einer Klage ernsthaft überlegen", erklärte Eichborn-Sprecher Uwe Gruhle. Notfalls werde der Frankfurter Verlag bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung sämtliche Tonbandaufzeichnungen und Dokumente in Sachen Möllemann offenlegen - das aber fürchtet offensichtlich der Bundesbildungsminister.








Donnerstag, 1. September 1988

Politiker-Klasse unter sich - Sauf-Gelage in Ossis-Bar zu Bonn



















Die Bundeshaus- Bar als Wohnzimmer-Ersatz und mit der Whisky-Flasche "verheiratet": FDP-MdB Detlef Kleinert (1969-1998)







Als Mätresse von Bundeskanzler Willy Brandt (1969-1974) Jahre später auf sich aufmerksam gemacht: Heligine Boelesch-Ihlefeld

Von der Bundeshaus-Bar zu Bonn sich stets in die Nobelherberge Schloßhotel zu Kronberg chauffieren lassen: Der Industrielle und FDP-Bundestagsabgeordnete W. Alexander Menne (*1904+1993)



------------------------------------------------------
-------------
"Deutschland ist das einzige Land, wo Mangel an politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert." (Carl von Ossietzky in "Die Weltbühne" )

Nahezu 4,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig. Nahezu 40.000 Suchtkranke begleitet die Flasche in den Tod; Männer wie Frauen; Jahr für Jahr.


"Wahlen verändern nichts, sonst wären sie verboten" (Graffito in einem Bonner Fußgängertunnel)


PFLASTERSTRAND, Frankfurt a/M
WIENER, München
1. September 1988
von Reimar Oltmanns

Gelallt haben die Herren Politiker nicht nur einmal an Oswaldos Theke. So heißt der 44jährige italienische Barkeeper des Bundeshauses, den die Abgeordneten kurz "Ossi" rufen. Zur informellen, "zweckungebundenen Kontaktaufnahme" soll dieses Refugium mit seinen 60 Quadratmetern und 87 Cordsamtpolstern dienen. Nur zu verständlich, dass der Bundestagspräsident ein Fotografierverbot anordnete, dass das Tageslicht aus dem angrenzenden Restaurant dieser "Moon-light-Atmosphäre" aus VIP-Lounge und Nacht-Klub im diskreten Halbdunkel nichts anhaben kann, dass hier fast jede "MdB-Entjungferung" gebührend begossen wird - vor der Mittagspause.

"ENTJUNGFERT" ZWISCHEN 9 UND 11 UHR


Als "entjungfert" gilt ein Bonner Politiker, wenn er im Plenum der verwaisten Stühle seine erste Rede ablesen darf; das passiert meistens morgens zwischen 9 und 11 Uhr. Dort mufft's noch kalt und unnachahmlich nach Bohnerwachs samt Linoleum wie einst in den Bahnhofswartesälen der Adenauer-Jahre - und dieses Bundeshaus ist der größte Verladebahnhof dieser Republik.

Dafür vermittelt Ossis Bar jene behagliche Nestwärme, die schon am Morgen den anstehenden Tag vergessen lässt. Während die Newcomer ihre für den Wahlkreis gedachten Turnübungen im Parlament vorführen, kippt derweil vornehmlich die eingesessene liberale Bügelfalten-Kundschaft ihren gewohnten Pegel für den 16stündigen Arbeitsmythos in sich hinein. Jägermeister, Fernet Branca, Bier, Steinhäger; hin und wieder ein Quarkbrot, um die Leber zu entlasten. Dort gibt der in Hannover mit dem Alkohol verheiratete Detlef Kleinert die allseits akzeptierte Weisheit von sich: "Wenn man drin ist, dann kann man rausgucken" - als Morgenandacht sozusagen. Da hockt er am Telefon und gibt die ersten wichtigen Anweisungen seiner Sekretärin durch, um sogleich wieder zum Tagungsordnungspunkt "Früh-Witzchen"zurückzukommen. Kleinert hat seine Hand noch am Hörer und posaunt voller Lebensfreude in die verkaterte Runde, "die eine Hand am Telefon, die andere am Kitzler, das ist der deutsche Arbeiter- und Bauernsohn Karl-Eduard von Schnitzler" (*1918+2001).

ROSÉ WIE MINERALWASSER

Aber richtig zur Sache kommen die Volksvertreter und Pressekollegen mit ihren Assistentinnen wie den Journalisten-Damen erst am späten Nachmittag, wenn im Raumschiff-Bonn die gemeinsam erlebte Einsamkeit droht, wenn innere Spannungen wie äußerliche Gewichtigkeit ihren Seelenausgleich benötigen.

Dann breitet sich unter Ossis Klientel das intensive Gefühl aus, als seien sie alle in einem kleinen Verlies unter der Erde. Allenfalls eine namentliche Abstimmung im Plenum oder kurzfristig anberaumte Fraktionssitzungen könnten die ehrenwerte Ossi-Gesellschaft wieder an die Erdoberfläche spülen.

Klaus Altmann (*1933+2001), FDP-Korrespondent im Bonner Studio des Westdeutschen Rundfunks, schluckt seinen Rosé wie Mineralwasser und lamentiert zum wiederholten Male über die Kanzlerschaft Willy Brandts, seinen Wahlkampf-Sonderzug, der es ihm besonders angetan hat, und natürlich über "Willys nächtliche Damen-Besuche irgendwo bei Osnabrück auf dem Abstellgleis da". Nach dem sechsten Glas drängt Altmann zur Toilette. Auf dem Weg dorthin trifft er auf eine Besuchergruppe aus Oberhausen. Sie sucht offenkundig Bonn, das Bonn der Fernsehlegenden. Aber wo ist dieses Bundes-Bonn jetzt, hier inmitten des Bundeshauses? Rosé-Altmann blickt in ratlose Gesichter. Menschen, die nicht im leisesten ahnen können, dass ihnen ein Teil der Bonner Wirklichkeit mit glasigen Augen gegenübersteht - ein vom Alkohol gekrümmten Mattscheiben-Mann, der überdies mit seinem eckigen Gang größte Mühe hat, bei Ossi wieder sein Plätzchen einzunehmen.

MIT SEKRETÄRIN UNTERM SCHREIBTISCH


Auch ich trinke mein fünftes großes Bier und mische mich in Altmanns Tiraden ein: "Aber Herr Altmann, das wissen wir hier schon alle zu genau. Was wir nicht kennen, ist die Geschichte, wie Sie tagsüber im Abgeordnetenbüro des Herrn Dr. Menne (*1904+1993) mit seiner Sekretärin unterm Schreibtisch in flagranti von ihm erwischt worden sind. Das hat er mir zumindest so erzählt, seine Sekretärin musste schließlich ihre Sachen packen, bekam die Kündigung." Altmann: "Herr Kollege", wenn Sie noch solch einen Scherz vom Stapel lassen, habe ich allen Grund, mir gleich eine ganze Flasche von diesem Zeug zu bestellen, nicht wahr Ossi ?" - "Selbstverständlich Herr Altmann, es ist ja noch früh am Abend."

KLATSCH-REPORTERINNEN OHNE GRENZEN

Am Tresen plauscht derweil der Mainzer FDP-Staatssekretär Professor Rumpf in eitler Koketterie mit Bonns Klatsch-Kolumnistin Almut Hauenschild. Dabei reißt Frau Hauenschild , wie sie sich sibyllinisch entschuldigt, hier nur ihre "Schicht" ab. Früher, als sie noch in München klatschte, spürte sie die Haute-Volée im Bayerischen Hof auf; als Arbeitskollegen vom Reporter-Kollegen "Baby Schimmer-los" im Milieu der Schickeria sozusagen. Heute menschelt Frau Hauenschild mit den Wohlbeleibten aus Politik und Wirtschaft, um ihren Bonner Bauchladen als freie Journalistin bedienen zu können. Jedenfalls ist ihr die Schlagzeile des kommenden Tages schon gewiss: "Wo Detlef Kleinert zum Schiffversenken ruft." Eine ihrer Vorgängerinnen wurde zu Beginn der siebziger Jahre auch plötzlich ganz unvermittelt gerufen - aus dem Bundeskanzleramt im Palais Schaumburg des Willy Brandt. Gleichsam füllte Heli Ihlefeld-Bolesch Münchens Druckspalten mit vielerlei Nippes exklusiv aus dem Zentrum der Macht. War sie unter anderem nach eigenen öffentlichen Bekundungen in erster Linie doch die "Geliebte von Willy Brandt"; in erster Linie deshalb, weil da noch so mancher Minister oder auch mal ein Staatssekretär über ihre Bettkante hüpfen durften. Nur über Bars, ausgerechnet diese vermieften Bars, Hotelbetten oder gar Liegesitze in Staatskarossen - da konnte Heli sanft und introvertiert lächeln, "irgendwie fürs Fußvolk - genau wie Ossis abgestumpfte Tresen-Romantik", beschied sie und flüsterte in den Telefonhörer im Keller-Büro in der Dahlmannstraße. "Bin schon auf dem Weg." Irgendwie schon naheliegend und auch folgerichtig hat Frau Ihlefeld drei Jahrzehnte später von ihren Bonner Jahren Sittsames aus dem Nähkästchen geplaudet. Mitteilungsdrang. "Auf Augenhöhe" mit den Männern der Macht nannte sie ihre in Buchdeckel gepackten Spickzettel verblaßter Zyklen. Wenn es nur bei der Augenhöhe geblieben wäre - sie hätte sich mit ihrem Mätressen-Mythos, aber auch ihrer Familie daheim einen großen Gefallen getan.

Unterdessen steht an Ossis Bundeshaus-Bar Kleinerts Freund Helmut Herles von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" neben seinem Matador. Auch Herles zählt zum Schnaps-Klüngel, er wirkt auf mich, als verführe er nach dem Motto: Ich kriege die Gerüchte, und du bekommst bei nächster Gelegenheit in die FAZ.

KLEINE WELT AUF GROSSER BÜHNE

Herles, einst Berichterstatter beim Vatikan, klagt Kleinert sein Leid über den immensen Druck der Frankfurter Zentralredaktion, dass da die schreiberische Konkurrenz groß sei, dass er eben nicht alles so durchbekomme, wie sie es sich hier in der Bundeshaus-Bar so ausmalen. Nur fehlt dem baumlangen Kleinert nach diesem strapaziösen Arbeitstag zwischen Theke und Ausschusssitzungen einfach der Nerv. Er will "anständige Berichte" sehen und sonst gar nichts.

Herles antwortet seinem Kleinert, dass er ja oft über "menschliche Situationen" schreibe, damit diese von den großen Ereignissen hier in Bonn nicht zugeschüttet werden. Dass seine Politiker etwas mit der Macht zu tun haben, das erwähnte er häufig gar nicht mehr. Er, Herles, habe sich längst darauf verständigt, die kleine, oft mickrige Welt auf die große Bonner Bühne zu zimmern, wie ja schon Walter Boehlich (*1921+2006) über ihn in der Satire-Zeitschrift "Titanic" zu Recht geschrieben habe. Ja, ja, die kleine Welt als große Bühne." ... ... gespielt werden auf ihr vor allem Stücke, die niemanden, und schon gar nicht der staatstragenden FAZ, weh tun: Komödien, und wenn es hoch kommt, allenfalls Provinzpossen, beileibe keine Stücke von Mord und Gewalt und Verschwörung, keine Eifersuchtsdramen, keine Tragödien."

"Herr Herles", hat einmal ein Frankfurter Kollege zu ihm gesagt, "Sie sind doch ein Insider, Sie kennen Bonn doch wie ich meine Westentasche, Sie schreiben doch immer so hübsche Geschichten über die Bonner Zustände - und dabei sind Sie äußerst vorsichtig bedacht mit Ihren Formulierungen aus hätte und wäre, würde iund könnte ...".

Folglich widmet Kleinert seinen siebten Trinkspruch dem Nachrichtenmagazin "Spiegel", dessen Artikel ihn schon so manches Mal in Weißglut versetzten, die er als unflätig abtut. "Prost, Prost meine Herren, wer liest heutzutage noch den 'Spiegel', nicht einmal mehr Agnes Miegel." Trinkspruch Nummer acht: "Nun lasst uns noch einen verlöten, vielleicht gehen wir morgen schon flöten." Trinkspruch Nummer neun: "Ach, wie schon ist die Lütje Lage, sie rinnt so munter den Schlund herunter."

WOHLSTANDS-ELITE

Bemerkenswert dieses Trink-Szenario, dachte ich, und das manchmal auch schon zur Mittagszeit, während im Plenum die Gemüter sich in künstlicher Aufgeregtheit langweilen. Gerade jene FDP-Politiker-Klasse, die in der Öffentlichkeit gerne von der "leistungsorientierten Wohlstandselite" spricht, ähnelt in Ossis Bundeshaus-Bar einem Vertreter-Kegelverein aus einer x-beliebigen Vorstadt.

Den 55jährige Rechtsanwalt Detlef Kleinert kenne ich schon seit fast zwanzig Jahren. Damals, auf einer FDP-Wahlveranstaltung in Hannover, erlebte ich ihn zum letzten Mal. Es war eine gut besuchte Versammlung, in der die Liberalen ihre Klientel für die neue Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel gewinnen wollten. Neugierig waren die Leute, diskutieren wollten sie. Zumindest solange, bis Kleinert sich als Hauptreferent - direkt aus Bonn mit Verspätung kommend - auf den Weg machte.

SCHWANKEND AUFS PODIUM

Schwankend erklomm er das Podium. An die zwanzig Minuten redete er, "Witzchen" reißend, wahllos aus dem Stehgreif über sein Bonner Erlebnismilieu daher - allerdings darauf achtend, dass der Nachschub seiner Bier-Korn-Gedecke nicht versiegte. Mir blieb als lernwilligem jungen Mann ein Kleinert-Standard-Satz im Gedächtnis haften: "Liebe Freunde", verkündete er, "eines ist doch so klar wie der Korn. So oder so, ohne die FDP läuft gar nichts, ja gar nichts in diesem Land. Mit gutem Grund hat mich der Genscher gerade gefragt, ob ich nicht bei ihm Staatssekretär werden wollte."

ABKASSIEREN

Statt dessen lenkte Kleinert insgeheim sein Augenmerk darauf, wo und wie er ohne viel Arbeitsaufwand abkassieren kann. Ob nun im niedersächsischen Kasino-Krimi tatsächlich Roulette-Millionen in die Parteikassen geflossen sind - das werden wohl erst in mühseligen Verhandlungen die Gerichte klären können. Unstrittig hingegen ist, dass der FDP-Politiker Kleinert an der Spielbank Bentheim/Bad Zwischenahn eine Unterbeteiligung hält, die ihm rund zehn Prozent der Kasino-Erträge einbringt. Es sei schließlich "nicht ehrenrührig", sich an einem Unternehmen zu beteiligen, meinte Kleinert lapidar. Damals wiederholte Kleinert die ihm offenkundig bedeutungsvolle Genscher-Offerte gleich mehrere Male. Jedenfalls solange, bis das Publikum grölte und lachte. Nur eine ältere Frau, die am Rande des Saals mir gegenüber saß, murmelte vor sich hin: "Mein Gott, was ist aus ihm geworden." Als die Dame sichtlich bedrückt frühzeitig ging und sich kopfnickend von mir verabschiedete, wusste ich noch nicht, dass es Kleinerts Mutter war.

Gewiss, Detlef Kleinert ist kein Einzelfall in der alkoholisierten Bonner Operetten-Republik. Aber für ihn ist der Alkoholkonsum nun einmal kein Feierabendver-gnügen. Deshalb ist er auch nicht nur Volksvertreter. Tatsächlich zählt er längst zu den Schnaps-Lobbyisten im Bonner Parlament. Sie repräsentieren immerhin nahezu vier Millionen Menschen. Folglich kann in Ossis Bar sich alles nur um eines drehen - um Suff und Klatsch, Klatsch und Suff. Und dabei bleibt es einerlei, ob sich seine Kunden nun Politiker oder Journalisten nennen. "Ich kenne selbst begabte Kollegen", schrieb Leo Brawand, ehemalige Chef des Hamburger manager magazins, "die sich bis in die Psychiatrie getrunken haben."

GRENZÜBERSCHREITUNGEN

Doch scheinbare Ausnahmesituationen gestatten derlei Grenzüberschreitungen. Und Ossis Bar im Bundeshaus zu Bonn ist eine solche.

In der hintersten Bar-Ecke hat sich Hans-Jürgen Wischnewski (*1922+2005) gemütlich einge-richtet. Sein unverkennbar schwerer Seegang erlaubt es ihm nicht mehr, vorne an der Theke den Whisky zu kippen. Sichtlich angeödet schaut Helmut Schmidts früherer Staatsminister im Kanzleramt und SPD-Schatzmeister drein. "Alles weg, Referent weg, Auto weg, Fahrer weg", stammelt er vor sich hin. Langsam sackt Ben Wisch unter den Tisch.

Unverhofft, gleichwohl mit Gegröle willkommen geheißen, schaut auch noch Möllemann (*1945+2003) für einen "kurzen Drink" vorbei. Schnell die Situation erkennend, kann selbstverständlich auch er einen seiner Lieblingsjokes zum besten geben. Möllemann im Originalton: "Genscher und Möllemann fliegen mit der Bundesluftwaffe zum Staatsbesuch nach Gabun. Kurz vor der Landung in Libreville sagt Genscher zu Möllemann: ' Bitte stellen Sie sich darauf ein, hier ist nicht nur ein Affe Präsident, der heißt auch noch so, nämlich Bongo.' "

Aber es ist nicht so, dass Möllemann an Ossis Bar nur von exotisch-fernen Kontinenten zu berichten weiß. Auch sein zwar vertraut-loyales Verhältnis zum besagten Genscher sei keineswegs spannungsfrei, "Herr Kollege Wolfgramm, das können Sie mir ruhig abnehmen, wenn ich Ihnen das mit einem Beispiel verdeutlichen darf."

ZÄHNE GESCHLIFFEN

Erst kürzlich habe Genscher angerufen und ihn tatsächlich gefragt, ob er denn betrunken aus der Bundeshaus-Bar gekommen sei. "Nein , Herr Genscher, wirklich nicht, das können Sie mir ruhig glauben". hatte Möllemann geantwortet. Der Sachverhalt sei dieses Mal ganz, ja völlig anders. Er lasse sich gerade die Zähne schleifen und bekomme beim Zahnarzt laufend Spritzen. Deshalb könne er dann kaum sprechen. Darauf habe Genscher wirklich geantwortet: "Dann lassen Sie sich jeden Tag eine Spritze geben, solange ich im Urlaub bin."

Sigmund Freud hätte an diesem frischen Möllemann mit seinen fortwährenden Genscher-Geschichten seine wahre Freude gehabt, als er bemerkte: "Wir wissen, es besteht bei der Masse der Menschen ein starkes Bedürfnis nach Autorität, die man bewundern kann, der man sich beugt, von der man beherrscht, eventuell sogar misshandelt wird ...". Auf sich bezogen brachte Möllemann das einmal auf die einfaltige wie zutreffende Formel: "In Bonn regieren Zuckerbrot und Peitsche."

STAATSTHEATER POLITIK

Wie im Staatstheater haben sich die Kleinerts, Mölle-, Gatter- und Bangemänner an den Bar-Wänden mit ihren Fotos im Postkartenformat verewigt, als gelte es, beizeiten für ihr womöglich vorzeitiges Ableben Vorsorge zu treffen, sich ein sentimentales Denkmal zu setzen: "Für Ossis Gäste, stets das Beste", kritzelte Möllemann in großen Lettern unter sein Konterfei.




































































Freitag, 17. Juli 1987

Der Intrigant - vom Hofe der Bonner Operetten-Republik - Buchkritik


Karriere: Heiner Geißler ist Mitglied der CDU. Von 1977 bis 1989 war er der CDU-Generalsekretär. Er wurde nicht wieder für dieses Spitzenamt vorgeschlagen, nachdem es zwischen ihm und Parteichef Helmut Kohl erhebliche Differenzen über den CDU-Kurs gegeben hatte. Ende November 1999 räumte Heiner Geißler im Verlauf der CDU-Spendenaffäre ein, dass die Partei in der Ära Kohl ( 1982-1998) "schwarze Konten" geführt habe. Von 1994 bis 2002 war Heiner Geißler Mitglied im CDU-Bundesvorstand.
------------------------------------
Reimar Oltmanns
Der Intrigant
Eichborn Verlag, Frankfurt a/M
Ulrich Karger
17. Juli 1987
--------------------------------------------------
Diagnose: Suchtkrank. Ursache Politik - da bekommt mensch richtig Mitleid, was nur folgerichtig ist, denn wir, liebe Mitbürger/innen sind die Droge und reichen die Spritzen, die nach Gebrauch ausgeschwitzt und weggeworfen werden. Der "Fall" H.G. (der Name Heiner Geißler ist uns allen bekannt) gehört nach Reimar Oltmanns zu einer der Spitzen des seelisch-moralischen Eisgebirges auf dem Bonner Hochplateau. Dafür benennt der Autor Zeugen, u.a. Walter Jens: "Seine Doktorarbeit (H.G.'s) würde heute jeder Friedensbibliothek zur Ehre gereichen - und zugleich verdeutlichen, wie ein Mensch moralisch und intellektuell auf den Hund kommen kann".
PAZIFISMUS NACH AUSCHWITZ
Wer so argumentiert, dem geht es nicht um billige Kohlauer - bei diesem Thema allerdings selbst für nahezu neutrale Zitierer unvermeidlich - es geht um schlimmeres. H. G. war nicht immer 'Der Intrigant', der mal so nebenbei PR-schwanger von sich gibt, dass der Pazifismus nach Auschwitz geführt habe. Als Hinterbänkler plante er allen Ernstes ganz selbstlos die 'Daseinsfürsorge für alle'. Noch 1977 "eilte ihm selbst beim politischen Gegner eine respektable Reputation voraus. (...) Mehr als einmal fragte sich Willy Brandt bei der Lektüre Geißler'scher Reden, ob seine gesellschaftspolitischen Analysen, etwa über die Umwelt und Wachstum, nicht auch von Erhard Eppler (1968-1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit) hätten stammen können."
DEFORMATION UND TRAUER
Obwohl der Autor vermutlich nicht die CDU wählt, ist Trauer zu spüren. Trauer darüber, dass der Machtmechanismus in Bonn und anderswo so perfekt funktioniert und einen Mann wie Geißler in relativ kurzer Zeit so deformieren kann. Vielleicht hätte es noch deutlicher herausgearbeitet werden müssen, dass es sich bei dem ausführlich belegten Intrigenspiel innerhalb der CDU um ein - wenn auch markantes und plakatives Beispiel handelt, das nicht als exotisches Blümchen in Raum und Zeit steht. Da zitiert Oltmanns aus dem Vortrag 'Der Beruf zur Politik' von Max Weber (*1864+1920) im Jahre 1919 (!): Der Politiker ist 'stets in Gefahr, sowohl zum Schauspieler zu werden, wie die Folgen seines Tuns leichtzunehmen und nur nach dem 'Eindruck' zu fragen, den er macht.'
LESENSWERT
Allein schon deshalb ist das Buch lesenswert, weil uns Reimar Oltmanns mit der Beschreibung der banalen Wirklichkeit eines Politikers klarmacht, dass es für schwarzen Humor genügend Anlass gibt. Aber schwarzer Humor ist auch nur eine Form der Verdrängung.

Samstag, 28. Februar 1987

Aus deutschen Landen - Unbändige Aggressionen in Frankfurts City

Vorwärts, Bonn
vom 28. Februar 1987 SPIEGEL-BUCH, Hamburg
vom 02. September 1981 von Reimar Oltmanns Märkte geöffnet, neue Konsum-Tempel gebaut, riesige Büroflächen hochgezogen. Arme, Arbeitslose und Alte umgesiedelt - im Umland "versteckt". Bankfurt, Krankfurt, Zankfurt. Das CDU-Vermächtnis einer maroden Metropole; für Profite optimal, für Menschen seelenlos. Alle 23 Sekunden passiert ein Verbrechen. Jeden dritten Tag bringt sich ein Mensch um. Jeden Tag werden Frauen wehrlose Opfer einer Vergewaltigung. Hinter neureichen Fassaden nistet Wut, Verzweiflung, Hass. Frankfurt Ende der achtziger Jahre - das sind Ereignisse in einer durch Ohnmacht und Gewalt gekennzeichneten Wirklichkeit - Bilder einer deutschen Metropole. Vom Taunus betrachtet gleicht Frankfurt einer panoptischen Filmvision des kom- menden Jahrhunderts. Silhouetten liefern den Aufriss einer schnörkellosen Metropole der scharfen Spiegelglas-Kanten, die mehr Digitaluhren als Bäume, dem- nächst vielleicht auch mehr Brunnen als Parkflächen, mehr Grashalme als Arbeitsplätze kennt. In Spiegelglas verkleidete Wolkenkratzer überragen wahllos ein mausgraues Häuser-Gekrümel. An die drei Dutzend Beton-Bananen prägen die so genannte "städtebauliche Dominanz" für Versicherungen, Banken, Gewerkschaften, Konzerne - und natürlich fürs Fernsehen mit seinem 331 Meter hohen Turmschaft. An den ausgefransten Stadträndern haben sich wachstumsbesessene Industriegiganten festgebissen. Riesenkrebse, die Flüsse verseuchen, Wiesen vergiften und trickreich eine Schneise nach der anderen in die angrenzenden Wälder schlagen.
TEUERSTE METROPOLE EUROPAS Frankfurt am Main, das ist die Metropole für die Wirtschafts- und Finanzwelt in diesem Land, ein Banken- und Börsenimperium mit 338 Kreditinstituten. Über 600.000 Mitarbeiter im In- und Ausland lassen sich aus dieser Stadt steuern. Der Umsatz ihrer Produkte kletterte erst 1986 auf mehr als 50 Milliarden Mark. Frankfurt am Main - das ist auch der Verkehrsknotenpunkt der Republik. Allein der Flughafen: Über 235.000 Starts und Landungen, über 17 Millionen Menschen schnaufen jährlich über die computergesteuerten Verladerampen. Frankfurt am Main ist schließlich die teuerste Stadt in Europa. Einer Expertise des Europäischen Management-Zentrums zufolge muss ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 36 bis 72 Millionen Mark für den Unterhalt eines Verkaufsmanagers und dessen Büro in Frankfurt rund 231.000 Mark per anno aufwenden. Frankfurt am Main - das ist teuerste Stadt in Europa. Einer Expertise des Europäischen Management-Zentrums zufolge muss ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 36 bis 72 Millionen Mark für den Unterhalt eines Verkaufsmanagers und dessen Büro in Frankfurt rund 231.000 Mark per anno aufwenden.
STARS AND STRIPES
Frankfurt am Main - das ist aber auch der Kristallisationspunkt der ausgebufften Werbebranche zwischen Glanz und Glimmer, zwischen Empfindungen und Befindlichkeiten, zwischen Stars und Stripes - eben ein Warentextmarkt für Deutschland. Übersättigt und ausgelaugt ist er allemal, auf dem es aber stets neue Konsumgier und Kauflust zu entfachen gilt. Ob Marlboro, Camel oder West, ob Durchbruch oder Aufbruch, nicht weniger als 300 Werbeagenturen proben hier produktbezogene Enthemmungsstrategien.
BANKFURT - KRANKFURT
Tatsächlich sind Bankfurt, Zankfurt, Krankfurt längst zu Synonymen für Frankfurt geworden. Eine Stadt, die sich selber frisst, die Lebensräume ab gekappt und Nischen zuschüttet. Hier wurden schon Häuser besetzt, als noch nirgendwo von Hausbesetzungen die Rede war. Hier wurde demonstriert, spekuliert, kaputtgemacht, gewuchert, vergeudet, radikaler, brutaler, besinnungsloser als in irgendeiner vergleichbaren Stadt.
"HASTE WAS, BISTE WAS" Zum Dunstkreis der sattsam Arrivierten dieser Rhein-Main-Region zählen ihre exquisiten Klubs: Rotary Club, Union Club, Handelsclub, einflussbesessene Inzucht-vereinigungen. Eine vornehmlich konservative Welt ist das, die den Frankfurter Sparkassen-Werbeslogan aus den fünfziger Jahren zum Credo erhob. "Haste was, biste was." Einst Walter Wallmann (1977-1986) als Oberbürgermeister, dann Wolfram Brück (1986-1989) seit 1995 beinahe zwei Jahrzehnte die CDU-Kommunalpolitikerin Petra Roth finden in diesen diskreten Kapital-Klubs ihre fundamentale Stütze, seit sie mit einem Erdrutschsieg im Jahre 1977 die absolute Mehrheit im Stadtparlament gewonnen haben. Schon damals sagte sich erst zaghaft, dann immer vehementer der CDU-Staat dieser Tage an; stets auf der Suche nach Alternativen zu den Alternativen. GEGEN-MILIEU Denn früher, krasser, auch gewalttätiger als anders wo in Deutschland, Berlin ausgenommen, hatte sich hier ein aufgetan: Stadtindianer, Stadtguerillas, einfache RAF-Sympathisanten aus Folterkomitee und Roter Hilfe, Sponti und Grüne, Homos und Heteros, Frauengruppen und Gastarbeiterkinder, arbeitslose Mädchen und Jungen, heimatlose Mischlinge aus amerikanischen Kasernen, Rocker und Punks - eine kunterbunte Verweigerungs-Gesellschaft, die alles oder nichts ist, die kein einheitliches Gesicht hat, die ihre Vitalität aus eigenen und fremden Widersprüchen bezieht und sich nur in einem Punkt einig weiß: in der Negativ-Abgrenzung gegenüber der Wirklichkeit.
NEUROSEN-GMBH
Dieses Gegenkultur, von der bürgerlichen Welt oft als "Neurosen- und Exhibitionismus-GmbH" belächelt, arbeitet sich seit einem Jahrzehnt am Widerstrebenden ab. Ständig auf der Suche nach sich selbst, absprungbereit zu einer lang herbeigesehnten, neuen Identität. Frankfurt ist für die Spontis ihr Schauplatz, für den sie Hass und Verachtung empfinden, der sie zu Gegnern dieses Staates werden ließ, ohne den aber ihr Weltbild erst recht lädiert wäre. Eine Hassliebe, die keinen Stillstand kennt, immer neue Nahrung findet.
ZENTRALORGAN: PFLASTERSTRAND
So steht's im PflasterStrand (1976-1990), dem Zentralorgan der Spontis, geschrieben: " Frankfurt - eine erotische Stadt. In Berlin ist alles so halbseiden, selbst die Subkultur lebt von der Staatskrediten. In Hamburg gibt es mehr Häuser im englischen Stil, dafür sind die Leute stämmig und wetterfest. In Berlin machen die Punks das, was hier vor zehn Jahren die Anarchos gemacht haben. In Frankfurt weigern sich die Punks, das kaputtzumachen, was uns kaputtmacht. Sie machen lieber das kaputt, was sie kaputtmacht. Alle Leute fragen sich, was machen Hunderttausende in Poona, aber niemand fragt sich, was machen Fünfzigtausende in Höchst. München ist auch eine schöne Stadt, von Dachau aus gesehen.
ERNST BLOCHS UNGLEICHZEITIGKEIT Gewiss, Frankfurt ist nicht Deutschland und die Sponti-Szene auch die viel zitierte deutsche Jugend. Aber wenn Ernst Blochs (*1885+1977) These von der Ungleichzeitigkeit zutrifft, dann zwischen Frankfurt und dem Rest des Landes. Frankfurt, Mitte der achtziger Jahre ist eventuell die Bundesrepublik von übermorgen. Parallelen, die nicht augenscheinlich verlaufen, oft erst durch Zeitlupentempo im nachhinein greifbar werden. Tatsächlich ist Frankfurt eine Metropole, die Verwirrung stiftet, gedankliche Grenzüberschreitungen auslöst; eben eine Metropole der bewussten Missverständnis und unbewussten Genauigkeiten, Alles, was in Frankfurt passiert, ist missverständlich und genau. Schon allein deshalb wäre Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) die ehrlichere Hauptstadt für dieses Land gewesen. Ein Missverständnis ist schon die Außenausstattung der Stadt. Menschen wurden entwurzelt, an ihren Rand ausgebürgert und vom Beton verschluckt. Urbane Viertel mit alter Bausubstanz und Parks wurden achtlos dem Erdboden gleichgemacht. Beton entstand, Banken und Bonzen zogen dort ein.
LEBENSZIEL: PROFIT + SPEKULATION Genau sind dagegen Profite oder auch Spekulations-Gewinne an der Börse zu kalkulieren, scheinbar. Grund und Boden sind im Zentrum ausverkauft, bei Quadratmeterpreisen bis zu 14.000 Mark. Genau ist auch die Zahl derer, die eine Wohnung bitter benötigen: 20.500, wobei 1.000 Luxuswohnungen leer stehen. Genau ist die Zahl von 153 Häusern mit insgesamt 430 Wohnungen, die zuletzt den Bulldozern und Speku-lanten zum Opfer fielen. Genau sind auch die Manager, die in ihren klimatisierten Hochhäusern den Panorama-Blick ihr eigen nennen und die Stadt unter sich wissen. Kaum eine Dollar-Talfahrt ohne Intervention der Deutschen Bundesbank, kein Metallarbeiter-Streik ohne Eugen Loderer (1972-1983; *1920+1995) und später Franz Steinkühler (1989-1992) samt der Bank für Gemeinwirtschaft, keine Hoffnung auf sichere Arbeitsplätze im Norden und Süden des Landes, wenn Banken mit Sitz in Frankfurt, kränkelnde Unternehmen Kredite oder Bürgschaften entziehen.
DEUTSCHES MISSVERSTÄNDNIS - SPD
Ein deutsches Missverständnis ist auch die Sozialdemokratie in dieser Stadt, die programmatisch und emotional abgewirtschaftet hat. Eine Orts-SPD, weil links von der Bundespartei, trägt die Hauptverantwortung für Zockerprofite, City-Zerstörung und Mietwucher. Genau sind dafür Skandale und Affären, bis auf Heller und Pfennig, Euro und Cent. Millionen-Verluste der Hessischen Landesbank (Helaba) bei merkwürdigen Investitionen unter SPD-Aufsicht. Spenden-Geschichten, die in Wirklichkeit Schmiergelder waren.
POLIZISTEN: RAUS AUS DIESER STADT
Ein weiteres Frankfurter Missverständnis ist ferner, dass jeder vierte Polizeibeamte ein Versetzungsgesuch eingereicht hat. Vielen ist es egal, wohin, nur raus aus dieser Stadt. Genau waren und sind aber ihre paramilitärischen Aufmärsche und ihre Knüppelaktionen - gegen alles, was nach Demonstrant riecht und nach Hausbesetzer aussieht.
DER PSYCHIATER ALS "HAUS-FREUND" Missverständnisse über all die Jahre, das macht nervös, so viel Genauigkeit und Geschäftigkeit macht sarkastisch. Denn die viel zitierte Betroffenheit ist offenkundig nur eine winzige Nische, die noch bleibt, um sich in einem hoffnungsvollen Rest zurechtzufinden. Sie ist die Maxime der Spontis und Frankfurt ihre Hochburg. So wie es Daniel Cohn-Bendit, der Studentenführer vom 68er Pariser Pflaster von einst, meinte: "Beim Bau der Barrikaden wurden die Grundlagen für die Entstehung neuer emotionaler Beziehungen gelegt. Diese Barrikaden-Gemeinschaft verkörperte den großen Einbruch der Zukunft in die Gegenwart. Diese Nacht hat viele Psychiater arbeitslos gemacht."
WARTELISTEN: LUFTHANSA + FREUD
Es sind vornehmlich die Psychotherapeuten, die in Frankfurt einer ungeahnten Hochkonjunktur entgegensehen. Wie die Lufthansa legte auch das Sigmund-Freud-Institut (1960 gegründet, seit 1995 Forschungseinrichtung) eine allerdings auf Jahre währende Warteliste an. Hunderte von Menschen halten ihren Grundwiderspruch zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Bauch zusehends schwerer aus. Der Besuch beim Psychiater gerät zur all wöchentlichen Routine; zählt im Bildungsbürgertum und einer arbeitslosen akademischen Jugend zum gesellschaftsfähigen, ichbezogenen Gesprächsstoff dieser Jahre. VERFASSUNGSSCHUTZ
Das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt über die Spontis: "Die schwer überschaubare undogmatische links-extremistische Bewegung besteht nach wie vor aus zahlreichen meist kleinen Gruppen - oft nur lockere, kurzlebige Zusammenschlüsse ohne feste Mitgliedschaft und Programm - , die die bestehende soziale und politische Ordnung revolutionär beseitigen wollen. Sie lehnen die marxistisch-leninistische Konzeption ab und treten für Autonomie, Spontaneität und Selbstorganisation der 'Unterdrückten' ein, von denen sich einige deshalb auch ausdrücklich Spontan-Gruppen oder 'Spontis' nennen."
MARKETING-SPRÜCHE
Linksextremistisch, wenngleich undogmatisch im Sinne Lenins, trotzdem revolutionär, auch wenn es sich oft nur um kurzlebige, lockere Zusammenschlüsse handelt? Ein Sponti , der solche Verfassungsschutz-Weisheiten ernst nimmt, ist in Wirklichkeit kein Sponti. Selbst Revolution, dieses rote Wörtchen, ist heute stumpf geworden. Zumindest für den Autokonzern BMW, der mit ihr wirbt, um seine schnellen Renner unters Volk - auf die Autobahnen zu bringen.
LINKS-RECHTS-VOKABULAR
Sponti-Betroffenheit kennt ganz andere Varianten - sie ist für Außenstehende in der Tat schwer zu überschauen. Vor allem reicht das verschlissene politische Links-Rechts-Vokabular nicht mehr aus, um sie zu erfassen. Auf eine ideologische Größenordnung ist sie ohnehin nicht mehr zu bringen. Hinter der Sponti-Wahrnehmung verbirgt sich, wie es Heinz Stephan Herzkas in der Zeitschrift psychosozial formulierte, der neue "Empfindungsmensch". Er ist misstrauisch gegenüber Institutionen, organisierten Gruppen und durchgeplanten Aktionen. Seine Lebensphilosophie ist vielmehr von dem Grundgefühl getragen, "dass die Organisiertheit der Gesellschaft den eigenen Grundwerten zuwiderlaufen und auf ihn verstümmelnd wirke" (Herzka). So glauben die meisten Jugendlichen, den Grundwiderspruch zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Bauch nur in einem alternativen Lebenszusammenhang auflösen zu können. Ein Lebenszusammenhang, der die bürgerlichen Spielregeln außer Kraft setzt, in dem rationales Handeln nicht konträr zu den Gefühlen abläuft.
"VOLK OHNE TRAUM"
Der PflasterStrand berichtet in jenen Jahren vom "Volk ohne Traum" am Main und schreibt: "Der große Traum von 1968 ist ausgeträumt, der alte schreckliche Traum der Deutschen der 50er,ein Leben in Frieden und eigenem Häuschen, wird nostalgisch wieder aufgewärmt, erreicht uns auch, aber ist noch zu schwach, um wirksam zu werden. Unsere Armut ist, keine Träume zu haben. Dass wir damit wieder dem übrigen Volk näherstehen als noch vor Jahren, macht die Lage nicht erträglicher. Der gemeinsame Mangel stärkt nicht, er hetzt gegeneinander auf."
POMPÖS UND HOCHKARÄTIG
Frankfurt in diesen Tagen, Szenen aus dieser Stadt. Im Blumen geschmückten Dekor der Paulskirche, jenem historischen Gemäuer republikanischer Tradition, haben sich Manager, Minister, Stadtväter und Universitäts-Professoren eingefunden. Ein pompöser akademischer Festakt ist angesagt. Drei hochkarätigen Industriellen soll aus Dankbarkeit und Anerkennung die Ehrensenatorenwürde der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität verliehen werden. Unter den Geehrten: Rolf Sammet (*1920+1997), Präsident des Chemieverbandes und Vorstands-Vorsitzender der Hoechst AG. Gerade dieser multinationale Konzern hat es in jüngster Zeit verstanden, einen Umweltskandal nach dem anderen zu inszenieren. Und nach einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Rhein-Wasser-Werke gilt die Hoechst AG als der größte Wasserverschmutzer der Bundesrepublik. Mitte der 50er Jahre überschritt der Jahresumsatz des Konzerns erstmals eine Milliarde Mark. Ende der achtziger Jahre erreichte der Konzern mit über 170.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 46 Milliarden Mark. Im Jahre 1994 wurde der Frankfurter Chemiekonzern in die französische Holding Rhône-Poulenc zur Aventis S.A. überführt. Der Name Hoechst verschwand 2004 ganz aus der Öffentlichkeit.
VIVALDIS "CONCERTO GROSSO"
Im Festsaal der Paulskirche im achtziger Jahrzehnt jedenfalls intonierte das Kammerorchester der Musikhochschule für den Hoechst-Manager Rolf Sammet noch Vivaldis "Concerto grosso", draußen vor der Tür kreischten Polizei-Sirenen, rotierten Hubschrauber im Niedrigflug, fegten Wasserwerfer den Paulsplatz menschenleer. Etwa 300 Jugendliche waren dem Demonstrationaufruf des Allgemeinen Studentenausschusses (ASTA) der Universität gefolgt, um gegen die zu kürenden Ehrensenatoren zu protestieren. Auf ihre Transparente hatten sie in großen Lettern gepinselt: "Die Schweine von heute sind die Braten von morgen." - "Umweltschutz ist wichtiger als de Gewinne der Farbwerkbosse." - "Aus Liebe zu den Senatoren kauft Schweineschwänzchen und Schweineohren."
WASSERWERFER - REITERSTAFFELN
Von Sperrgittern und Wasserwerfern verbarrikadiert, von Polizeihundertschaften nebst Reiterstaffeln eingekreist, doziert im Kirchen-Interieur Uni-Ehrensenator Hartwig Kelm über die "schweigenden Mehrheiten" von Studierenden und Lehrenden, die sich aus der "Umklammerung von brutaler Gewalt und rücksichtsloser Missachtung demokratischer Gesetzmäßigkeiten" befreien wollen.
BANKIERS ORAKELN
Privatbankier Johann Philipp Freiheit von Bethmann (*1924+2007), der der hessischen CDU mit ihrem rechtslastigen Landeschef Alfred Dregger (*1920+2002) orakelt in seinem Festvortrag über die von Vertraueskrisen geschüttelten westlichen Demokratien. Ihm fehle es insbesondere an politischer Führung in diesem Land. Vor allem sei es aber "der alles regelnde Wohlfahrtsstaat, der als riesig umverteilende Sozialbehörde mehr und mehr den Charakter der beschützenden Herrschaft- und Ordnungseinrichtung verliere." Politik und Perspektive, Akkuratesse im Gesicht und am Zwirn - in Frankfurt kommt und geht ein Ehrensenator selten allein. Draußen auf dem Paulsplatz fliegen Eier, Farbbeutel, Jauchetücher, Schweineschwänze, Stinkbomben, verdrecktes Main-Wasser wird kübelweise ausgekippt. Und immer wieder stimmen Jugendliche ihr eigens für diesen Tag getextetes Liedchen an: "In einer Kirche sitzen zu Frankfurt am Main Leute, die nichts nützen, und lassen keinen rein. Sie schwingen große Reden von ihrem Bürgerglück und schmieden schon die Waffen der Giftmüll-Republik."
ZWEI WELTEN, ZWEI MILIEUS
Zwei Welten, zwei gegensätzliche Milieus knallen aufeinander, die einander nichts zu sagen haben, die sich gegenseitig abstoßen, die folglich kaum noch Berührungspunkte kennen, die sich im Grunde aber gegenseitig bedingen. Frankfurt in diesen Tagen, der achtziger Jahre, Szenen aus dieser Stadt. Wie an jedem Samstag schieben sich Menschentrauben über den Eisernen Steg, eine schmale Fußgängerbrücke, die über den Main führt. Am Sachsenhäuser Ufer ist Flohmarkt-Zeit. Ein Treffpunkt für Trödler und Gaukler, für professionelle Schausteller und Schüler, die Nippes und Comis anpreisen. Aber auch Alternativler aus den umgebenden Landkommunen haben da ihre makrobiotischen Stände, heimgepilgerte Poona-Jünglinge treten im Pulk auf und lassen den plötzlichen Exodus aus dem transzendentalen indischen Jenseits erahnen. Und dann gibt's noch die Punks, die Angehörige des sogenannten "Schwarzen Blocks". Ihr Äußeres: Lederklamotten, Stiefel und Sporen, Bürstenschnitt mit Ohrringen. Ihr Habitus: Sie trinken schon frühmorgens Bier wie Limo und geben einen dummen Spruch nach dem anderen zum Besten. "Kein Schwanz ist so hart wie das Leben" - "Auch Flöhe husten manchmal".
"ISOLATIONSFOLTER"
VON Flöhen und Hustinetten wollte jedenfalls keiner mehr etwas wissen, als an die 50 Jugendliche in der routinierten Manier einer Klebekolonne ihre Transparente und Plakate befestigten. "Wir lassen uns nicht einschüchtern", flattert es auf einmal vom Eisernen Steg. Ein durchgestrichenes 129a deutet an, dass es sich um die vom Staat unter Strafe gestellte Unterstützung einer terroristischen Vereinigung dreht. Auslöser für diese Aktion war eine bereits Wochen zurückliegende Demonstration gegen "Isolationsfolter" gewesen. Auf den Flugblättern heißt es nunmehr: "Das Kleben dieses Plakats wurde zum Anlass genommen, um gegen Jürgen D. und Miriam G. Haftbefehl zu erlassen ! In der Begründung des Ermittlungsrichters Kuhn (Bundesgerichtshof) steht: 'Die Forderung um Zusammenlegung von politischen Gefangenen stellt den Tatbestand der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung dar.' "
VISIERE RUNTER, KNÜPPEL GEZOGEN
Polizei rückt an, Visiere runtergeklappt, Knüppel gezogen, Wasserwerfer in der obligaten Lauerstellung. Ihrer Aufforderung, die Straße unverzüglich zu räumen, folgen nur schaulustige Passanten und verängstigte Trödler. Zurück blieben etwa 150 Demonstranten. Ein seltsames Gemisch aus Punks, RAF-Sympathisanten und Hausbesetzern baut sich da spontan gegen die Staatsmacht auf. Aus Müllkasten werden Barrikaden, aus Bierflaschen gefährliche Wurfgeschosse. Für die Wohlsituierten dieser Stadt erlebt der "Bürgerkrieg" eine Neuauflage. Ihr Leitspruch: "Das Maß der jetzt aber voll." Doch für die distanzlosen Jugendlichen ist ihre Straßenschlacht "ein Rodeo auf hessisch, ein High noon in Frankfurt". Denn "wir gehen hier kaputt, und du gehst mit", lautet ihre Maxime. Über vier Stunden dauert die Massenschlägerei. Knüppel um Knüppel, Flasche um Flasche. Die Folgen: kilometerlange Autostaus auf den breiten Ausfallstraßen nach Süden, Verkehrschaos in die City, krankenhausreife Polizisten, Landfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewelt, Körperverletzung etc. etc.
"RADIO ISNOGUD" (IS NIX GUT)
Frankfurt im Sommer 1981, Szenen aus dieser Stadt. Aus dem Radio scheppert der Sechzigerjahre-Evergreen des Schlagersängers Drafi Deutscher (*1946+2005 "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht ...". Auf dem UKW-Kanal 100 bis 104 meldet sich der 25-Watt-Sender "Radio Isnogud" (zu deutsch: is nix gut). Ein Sprecher verkündet: "Wir brauchen keine Konzession, und wir machen auch keine." Denn "Radio Isnogud" lebt und überlebt im Schatten der Frankfurter Hochhäuser. Pfeilschnelle Gestalten sausen über die Dachböden. Sie zerren Antennen und Kabel hinter sich her und senden, was das Zeug hält. Heimlich. Und dabei wird ihnen langsam klamm. "Radio Isnogud" trifft sich an verborgenen Orten und heckt flüsternd finstere Pläne aus. Die Peiler von Post und Polizei heften sich verstohlen an seine Fersen. Kurzum, alles wie im Krimi und "einfach zum Kotzen".
TUPAMAROS EINST IN URUGUAY
Jeden ersten und dritten Montag im Monat strahlt "Radio Isnogud" sein Programm aus, das sich nach einem bösen Comic-Wicht nennt. Terminhinweise für Demonstrationen, ob verboten oder genehmigt, Veranstaltungskalender aus dem Alternativen-Zentrum Batschkapp, dem Café Größenwahn oder aus "Inder-City", einer leerstehenden Eisenbahnhalle. Seit Monaten peilten Post und Polizei die Stadt nachdem ominösen Piratensender aus. Stets Fehlanzeige. Wie einst die Tupamaros (1963-1985) im fernen Uruguay, hatte nunmehr die "Isnogud-Intendanz" zu einem Geländespiel auf dem verwaisten Fabrik-Areal der Seifenfirma Mouson ("Die mit der Postkutsche") geladen, und alle kamen. Den Journalisten folgte die Polizei und ihr natürlich der grüne Peilwagen. Von den "Isnogud"-Leuten jedoch keine Spur, nur der Sender tönte irgendwo.
SCHWARZ-SENDER
Ganz im Stil einer hautnahen Kojak-Inszenierung hechelten Polizisten trotz offener Tore über den Zaun. Über eine Stunde gestikulieren, rätseln 15 Zivilbeamte und 3o Uniformierte, wo der Schwarzsender nun eigentlich steckt. Sie durchkämmen Hof und Häusertrümmer, latschen durch Pfützen und krabbeln unter Kellertreppen. Als nur noch der verrottete Fabrikturm übrigblieb, muss erst einmal die Feuerwehr um Amtshilfe gebeten werden. Schließlich fährt die Leiter aus, Beamte kletten hinauf, schlagen Scheiben ein. Mit Suchscheinwerfern geht's in die Räume. Für Radio "Isnogud" kein Grund, Funkstille einzulegen. "Our fantasy is your desaster", tönt es da. Eine Stunde später. Der Polizisten-Troß stapft die Feuerwehrleiter hinunter. Ein Beamter von der Spurensicherung bringt eine Angel mit, ein anderer eine Plastiktüte. Im Beutel: ein Kassettenrecorder, Transitoren und Spulen. Die "Isnogud"-Freaks waren längst ausgeflogen. Der Feierabend hatte seine Beamten wieder.
GEWÖHNUNG ANS UNGEWÖHNLICHE
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht solche oder ähnliche Vorfälle registriert werden, mal dramatisch, mal weniger spektakulär. Längst hat sich die breite Mehrheit daran gewöhnt. Es ist ein schleichender Gewöhnungsprozess ans Ungewöhnliche in dieser Stadt, der das ohnehin nicht stark verankerte Unrechtsbewusstsein trübt, gleichzeitig aber noch von den hohen Postulaten unantastbarer Freiheits- und Lebensrechte ausgeht - Paradoxien dieser Zeit.
SELBSTFINDUNG IM DICKICHT
Aber nicht die Gewalt, nicht die para-miliärischen Konfrontation mit dem Polizeiapparat ist ein erklärtes Sponti-Ziel. Vielmehr treffen Happing artige Proteste, künstlerische Clownerie und private Muße als Selbstfindung sein eigentliches Lebensgefühl. Doch nur wenige wussten um den schmalen Pfad, auf dem sie sich bewegten. Denn wann und wo lassen sich eindeutig die Grenzlinien ziehen, etwa zwischen kleinfamiliären Verhaltensweisen und tatsächlich neuen Formen des Miteinanders, wo endet die unterdrückende Grupppennorm, wo beginnt die befreiende Solidarität, wann hat jemand eine Neurose, wann sagt man, ja, endlich, das ist die neue Identität, wann ist die zu leistende Arbeit nicht entfremdet, sondern selbstbestimmt, inwieweit muss man sich noch kapitalistischen Marktzwänge unterordnen?
FLUCHTWEGE DER ACHTUNDSECHZIGER
Die Grenzen sind oft fließend. Lehrlinge, Schüler und Studenten, Arbeitslose, Freaks un freiwillige Aussteiger zogen Ende der siebziger Jahre den aus der Ferne endlos erscheinenden Fluchtweg entlang, den andere, meist aus der Achtundsechziger-Generation bereits vorausgegangen waren: ob nach Nepal, Poona oder zur Landkómmune in Niederbayerm bleibt dabei einerlei. Doch nun ist ein Umkehrtrend erkennbar. Vorsichtig ertasten sie sich die Rückkehr ins städtische Getto. "Ach", stöhnt Uwe Döhn nach leidvollen Wanderjahren stellvertretend für die Frankfurter Szene, "hätte diese Erde doch einen Notausgang! Doch wohin ich auch schau, sehe ich doch nichts als Ausweglosigkeit. Nichts geht mehr, die letzte Kugel rollt im Todesroulette der Zivilationm." Frankfurt galt ihnen früher nur noch als ein "Hundeklo", neuerdings ist von "Heimat" und "Lebensraum" die Rede.
VERWEIGERER-KULTUR
"Wer nicht kämpft geht unter, wer kämpft reibt sich auf " - dieses Sponti-Grunddilemma hat sich in all den Jahren nicht auflösen lassen. Gleichwohl ist der stille Rückzug aus der Wirklichkeit einer erneuten Abrechnung mit ihr gewichen. Darin mag einer der Gründe liegen, warum die Konfrontation zwischen dem Staat mit seiner strukturellen Gewalt und der Verweigerer-Kultur mit ihren ungesetzlichen Widerstand an Härte zunimmt, in den achtziger Jahren sogar brenzlig eskalieren wird.
AUSSTIEG AUS ALLEM
Was der neuen Jugendbewegung ihre übergreifende Dimension gibt ist die Tatsache, dass die Aussteiger-Philosophie weit ins Lager der so genannten politischen Mitte reicht. Ausstieg aus der Kernenergie, Ausstieg aus dem Konsum, Ausstieg aus der Wegwerf-Gesellschaft. Gerade das Rhein-Main-Ballungszentrum mit seiner kaputten Metropole Frankfurt hat die Schwelle von Wachstum und Vernichtung längst überschritten. Trotzdem jagen Staat und Wirtschaft atemberaubende Modernisierungsprozesse im beginnenden Zeitalter der Globalisierung hemmungsloser durch denn je. Sie zerstören natürliches Leben, um künstliches Lebeb zu schaffen, von dem keiner eine Vorahnung hat, wie es einmal tatsächlich aussehen dürfte.
WOHLSTAND UND WACHSTUM
Schnellstraßen, Hochhäuser, Abgase, Smogalarm, Trinkwasser, das teilweise ungenießbar ist, Flüsse, die zu Kloaken vergammeln. In den vergangene 30 Jahren wurden bereits 3.700 Hektsr Wald, das entspricht rund 6.000 Fußballplätzen, für Wachstum und Wohlstand abgholzt. Über drei Millionen Bäume sollen 1981 für die neue Startbahn des Flughafens gekappt werden - und im Jahre 2009 für eine weitere Land- und Startpiste wieder und wieder werden intakte Grünreseravate dem Erdboden gleich gemacht. Massiver Widerstand war und ist bereits angesagt: "Wir sind keine Hippies oder Landstreicher, sondern Menschen, die trotz Androhung von Knast und Prügel dem Staat trotzen", so steht's auf der Gemeinschafts-Pinwand. Rund um die Uhr kreist ein Wachdienst, mit Handys ausgestattet, ums Besetzer-Dorf.
KIRCHLICHER WIDERSTAND
Vorzeitige Schulabgänger, Studenten, Jugendliche, die nur gelegentlich jobben, Arbeitslose - das ist der Stamm der 40 Dauerbewohner. Hier dreht es sich kaum um alternative Lebensformen, auch nicht um die dienstbeflissene politische Feinabstimmung, hier wird Widerstand praktiziert. Pfarrer Wulf Boller aus dem Örtchen Walldorf ließ bei einer kleineren Holzfälleraktion vorsichtshalber schon einmal seine evangelischen Glocken bimmeln. "Wir handelten wie im Bauernkrieg", erklärte Pfarrer Boller, "ein kirchliches Zeichen in einer revolutionären Situation, in der alle gegen einen übermächtigen Gegner zusammenstehne müssen." Der 21jährige Alexander, eín ehemaliger Theologie-Student, hockt vor der provisorischen Holzkapelle, die für ökonomische Gottesdienste hergerichtet wurde. Er liest in dem Buch "Zärtlichkeit und Schmerz". Eine gelassene und zugleich doch sehr gespannte Atmosphäre durchdringt das Besetzerdorf, so, als ob es zwischen technologischen Fortschritt und der Rückbesinnung auf die Urwüchsigkeit, die Bewahrung der Lebenslust keine Zwischentöne mehr gäbe. - In Minuten-Abständen dröhnen überm Dorf im Tiefflug Jumbos und Airbusse aus anderen Kontinenten ihrer Landbahn entgegen.
HAUSPOSTILLE IM "CORPORATE DESIGN"
"Wussten Sie, dass Frankfurt menschlich gesehen heute Vorbild ist?" tönte es einst in der Hauspostille des Oberbürgermeisters Walter Wallmann - einer anheimelnden Informationsbroschüre mit feinstem "Corporate Design", ein Glanzpapier, das mit 230.000 Exemplaren den Weltstadt-Habitus herausposaunt. "Nirgendwo in Europa können Sie so gut Geschäfte machen wie in Frankfurt", empfahlen sich die Rathaus-Herren auf dem englisch-sprechenden Markt.
VERGANGENHEIT WIRD VERDRÄNGT Die zerrissenen, grau belegten Zustände von ehedem, die kaum zufälligen Parallelen mit den Kloaken von New York, Liverpool und Berlin, damals, als Frankfurt in der Beliebtheitsskala mit Wanne-Eickel konkurrierte - all das scheint ignorant verdrängte Vergangenheit. Der Schriftsteller Ernst Herhaus (Kapitulation, Aufgang eienr Krankheit, 1977) ein Chronist verflossener Tage, skizzierte "Frankfurt als ein Paradies und Canossa des Denkens, eine Symbiose aus Raubritterei, Schwerstarbeit und skrupelloser Theorie, berühmt durch den Ungehorsam und seinen Pessimismus, entschlossener als je zuvor, dem Rest seiner Zukunft abzutrotzen ...". Und Herhaus-Kollege Gerhard Zwerenz, der mit dem Rücken zur Stadt lebt, fürchtet, "dass auf die besinnungslose Ausbautätigkeit der sozialdemokratischen Stadt Frankfurt nun ein Rückschlag erfolgt, und dieser Rückschlag versucht, alte, überholte Strukturen wieder herzustellen. Wenn das gelingt, wird es sehr teuer werden, zweitens wird man damit Klassenstrukturen, die mit der demokratischen Grundordnung nicht übereinstimmen, auch restaurieren müssen. Davon abgesehen, fürchte ich, dass sich neue Konfliktfelder auftun, von denen die Baumeister des neuen restaurativen Frankfurts sich noch keine Vorstellung machen".
GELD NUR NOCH GELD-GIER "Nein, nein", sagt der Oberbürgermeister. "Ach, Sie können Ihren Notizblock einmal beiseite legen." Eine Stadt, in der die höchsten Umsätze, Gewinne und Steuererträge erwirtschaftet werden. Eine Stadt, die zur internationalen Drehscheibe für Waren und Güter avancierte. "Nein", erklärt Wolfram Brück, "die Stadt ist immer Kultur-träger gewesen, die Stadt ist Freiheit, die Stadt bedeutet Kultur, die Stadt ist westliche Zivilisation und Rationalität. Die Stadt heißt auch permanenter intellektueller Konflikt. Wer Stadt entwickeln wollte im Sinne von Disneyland, der irrt sich. Stadtluft macht frei, und hier in Deutschland steht Frankfurt in der allerersten Reihe der bürgerlichen Städte mit einer Freiheitsgewährung, die draußen auf dem Land nie hätte errungen werden können." 
AUFFÄLLIG LAUT "MENSCHELN" Harmoniebeseelte Künstlichkeit, verkrampfte Anstrengungen nach neudeutscher Wohligkeit prägen trotz solcher kalenderreifen Lippenbekenntnisse die Rathaus-Herren und ihre emsigen Plakat-Schausteller. Schließlich darf sich die Frankfurter Zeil berühmteste und umsatzkräftigste Einkaufsstraße der Republik nennen. Über 80.000 Passanten, mehr als eine Milliarde Umsatz jährlich - und das auf nur 600 Metern. Fast 700 Plantagen wurden auf den Beton der U-Bahn-Röhren gepflanzt, an ein künstliches Bewässerungssystem angeschlossen. Dazu Hunderte von Parkbänken aufgestellt, ein paar Brunnen und Pavillons mit surrealen Effekten hergerichtet: eben ein artifizieller und scheinbar doch richtiger Wald mitten in der Stadt der Türme und Banken, im Aktionsradius der Manager und Bonzen. BILDUNGS-BÜRGERLICHE AMBIENTE Vordergründig menschelt es auffällig laut in dieser Stadt. Gerade deshalb will sich ihr Oberbürgermeister künftig noch weitaus augenscheinlicher, weitaus "menschlicher" verausgaben, keimfrei und klug dazu. Frankfurt sei wieder "in", auch sein Renommée wüchse über die Stadtgrenzen hinaus, murmelt "Der Spiegel" gedanken-verloren. Das mag sicherlich fürs bildungsbürgerliche Ambiente und seine aufgemöbelten Großvillen am Museumsufer zutreffen. "Identifikationsbauten" heißen die umstrittenen Prestige-Projekte in der unverkennbaren Amtsdiktion. Über sechs Milliarden Mark pumpte die Verwaltung über Rücklagen und Kredite in Neubauten und Stadtsanierung. Allein die Alte Oper, dieser restaurierte Musen-Tempel früherer Epochen verschlang 200 Millionen Mark.
AGGRESSIONEN DER ANGST Tatsächlich zerfressen aber unbändige Aggressionen die so herausgeputzte Innen-stadt. Aggressionen der Angst, Aggressionen der gemeinsam erlebten Einsamkeit, der Isolierung, Aggressionen der Selbstbehauptung, Aggression der Triebe. Alle 23 Sekunden passiert ein Verbrechen. Jeden dritten Tag beendet ein Frankfurter freiwillig sein Leben. Ob nun Selbstmord oder Verkehrstod, ob äußere oder innere Aggression, die Grenzen sind fließend, längst nehmen sich die Zahlen nicht mehr viel. PISTOLEN ALS WEGBEGLEITER Immer häufiger wird die Schusswaffe zum unentbehrlichen Wegbegleiter. Schon in der City gelingen all monatlich zwei Morde. An die 25 Brandanschläge registriert die Feuerwehr in derselben Zeitspanne. Allein bei Rauschgiftdelikten klettert die Statistik auf 6,7 Fälle täglich. Gemeinhin teilt die Polizei Rauschgifttote nur noch unter fortlaufender Nummerierung mit. Halb resigniert, halb ohnmächtig spult sie ein Fahndungssonderprogramm nach dem anderen ab - immer mit der elegischen Gewissheit, "dass die Szene von uns nicht zu säuber ist", wie der Polizeipräsident bekennt.
ZERSTÖRUNGS-WUT Alle 24 Stunden werden in Frankfurt Frauen Opfer einer Vergewaltigung. Und jeder Schüler tobt seine Wut im Durchschnitt für 35 Mark an PC-Rechnern oder Projek-toren aus. Immerhin schlagen derlei Demolierungen im Stadt-Haushalt mit insge-samt 2,4 Millionen Mark zu Buche. Einmal stündlich, exakt 8.951 Mal im vorigen Jahr, reagieren sich irgendwelche Bürger irgendwo an Telefonzellen, Mülleimern, Wasserhäuschen oder Autos ab. Dabei handelt es sich nur um offizielles, meist frisiertes Zahlenmaterial. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher; sie übertrifft um ein Fünf- bis Zehnfaches die amtlichen Prozentsätze. Dieses Frankfurt steigerte binnen zehn Jahren seine Kriminalitätsrate um hundert Prozent und dieses Frankfurt steht vor allen anderen deutschen Großstädten einsam, beinahe unerreichbar an der Spitze. Und das, obwohl seine Einwohnerzahl nicht im entferntesten an Berlin, Hamburg oder München heranreicht.
ZEITGEIST IN POLIZEIBERICHTEN
Der Zeitgeist quetscht sich in die Polizeiberichte, die in ihrer unnachahmlichen Diktion zwar keinen Rauschgifttoten, kein Phantombild auslassen. Die Motive jugendlicher Selbstmörder indes bleiben in der Grauzone. So wird in Frankfurt am Main mit seinem geschmeidigen Wachstums-Konservatismus die Erosion verwaltet, werden Tote akkurat mitgeschrieben, Statistiken als Selbstzweck angereichert. Frankfurt in diesen Tagen - bedrückende Ereignisse, Befindlichkeiten in einer durch Aggressionen gekennzeichneten Wirklichkeit.
X-BELIEBIGE TATORTE
Tatort EINS: Dreieichstraße in Sachsenhausen. Mittagszeit. Die 14jährige Anita hat sich nach Schulschluss auf den Heimweg gemacht. Drei Mädchen, darunter Anitas Freundin Katrin, lauern ihr entgegen. Katrin ist nämlich empört über Anita. Sie hat angeblich die "Freundespflicht" verletzt, gar "Geheimnisse" über den Freund Edgar verraten.Deshalb sei nunmehr ein Denkzettel unumgänglich. VON BRENNENDEN ZIGARETTEN ... ...
Katrin und Kumpaninnen packen sich die arglos Anita. Zwei halten sie fest, die Dritte schlägt hemmungslos zu. Erst mit den Fäusten, dann mit Füssen, schließlich mit einem Stock. Selbst Anitas Weinen und Bibbern kann nicht verhindern, dass die drei ihr brennende Zigaretten in die Arme drücken und den Pullover versengen. "Wir verbrennen dir auch noch das Gesicht", soll Katrin in ihrem ungestillten Zorn der einstigen Freundin angedroht haben. Die fünf Mark, die Anita bei sich trug, musste sie rausrücken. Eine Dreiviertel Stunde dauerte für Anita die Qual auf der belebten Dreieichstraße zur Mittagszeit. Viele Passanten zogen ihres Weges - keine Reaktion. Für die erpressten fünf Mark kauften sich Katrin und Helferinnen übrigens eine Packung Zigaretten.
ALS KIND: 21.000 MORDE IM TV ERLEBT
Schließlich am späten Nachmittag, schnappte die Polizei die jungen Peinigerinnen. Die Kripo meint: Dieses seien die Resultate der Fernseh- und Videoerziehung. Die Boulevard-Zeitungen klotzten mit gewohnten Gewalt-Instinkt: Das sind die "Folter-Mädchen". Eine neues US-Untersuchung besagt: Das amerikanische Durchschnitts-kind sieht bis zu seinem 15. Lebensjahr die Totalvernichtung von 21.000 Menschen. Im Unterhaltungsprogramm flimmern alle dreizehn Minuten realistische Brutalität. im Kinderprogramm hingegen schon alle elf Minuten über die Mattscheibe.
JOHNNY CASH'S "THE STREETS OF LAREDO" Tatort zwei: Frankfurt-Sachsenhausen. In einer der typischen Kneipen geht die Post ab. Aus der Musikbox hämmert Johnny Cash's "The Streets of Laredo". An der Theke hängt der 41jährige Toni. Von Beruf eigentlich Arbeiter. Doch schon seit geraumer Zeit, wie insgesamt 32.000 Frankfurter, ohne Job, ohne Aufgabe, ohne Selbstbe-stätigung. Toni kippt Biere und Körner in sich hinein. Irgendwann, so gegen Mitternacht lallt er apathisch: "Ich hab' die Rosi umgebracht." Mehr bringt er nicht über seine Lippen, da der schwere Seegang ihn schon längst überwältigt hat.
ERWÜRGTE FRAU - MANN SCHÄFT DANEBEN
Dieser karge Satz reicht indes für seine Mitsäufer aus, die Polizei zu benachrichtigen. Als die Beamten in der Wohnung eintreffen, regt sich nichts. Sie müssen die Tür aufbrechen. Im Schlafzimmer finden die Männer des 8. Reviers die offensichtlich erwürgte Rosi. Daneben schläft Toni. Er hat zum Alkohol sich auch mit Schlaf-tabletten vollgepumpt. Über Jahre litt Toni an der als Bedrohung empfundenen Einsamkeit in dieser Stadt. Schneidend wie bedrückend empfand er sie. Aus diesem Grunde war er ja einen Monat zuvor mit Rosi zusammengezogen. Ein Neubeginn sozusagen. Doch die innere Aggressionen, der Alkohol hatten ihn schon schon längst hingerichtet, bis zur Besinnungslosigkeit mit ihm Fußball gespielt. Aber immer wieder schienen Toni Biere wie Körner ein probates Mittel, leichtfüßig die nagenden Depressionen mit der ersehnten Euphorie zu vertauschen. Er suchte eine Nähe, die er nicht kannte, die ihn zudem restlos überforderte. Der inneren Aggressionen folgte die äußere, dann wieder die innere - zu guter Letzt der Knast.
ARMUT - BETTELEIEN
Des Abends wagt sich die 70jährige Rentnerin Johanna Richter aus dem bürgerlichen Dornbusch-Viertel ohnehin nicht mehr auf die Straße. Aber sie traut sich wenigstens zur Mittagszeit auf die Zeil. Dort tätigt die rüstige Dame meist ihre Lebensmittel-einkäufe. Jedenfalls bis zu besagtem Freitag. Soeben will Johanna Richter zum Fleischerstand gehen, als ihr Timo, 16, und Harald,17, einen Handkantenschlag in Richtung Kniekehle versetzen. Johanna Richter stürzt zu Boden. Die beiden Jungen entreißen ihr die Tasche. Die Beute 6.000 Mark. Die Inflation in den zwanziger Jahren, die Geldabwertung nach dem Zweiten Weltkrieg haben Johanna Richter gegenüber den Banken unsäglich misstrauisch gemacht. Tragisch für die betagte Renterin, die auf diese Weise ihr gesamtes Bargeld verlor.
VOM WOHLSTAND AUSGESCHLOSSEN Timo und Harald - das sind Wohlstandskinder unserer Zeit, die der Wohlstand dieser Tage rigoros ausgeschlossen hat. Sie wuchsen in der Nordweststadt, also in Beton auf. Timo und Harald, zwei Jugendliche ohne Leerstelle, ohne Job, die ohne Selbstwertgefühl vor sich hinleben. Ihre Familien leiden unter arger Zerrüttung. Früher prügelte sie der Vater, damit sie nicht prügeln. Dann schlug sie die Mutter, damit ihnen die Schlägereien ein für allemal vergehen. Heute ist der Vater arbeitslos und Bierdosentrinker, Mutter laufend schwanger. An Streitereien mangelt es nie - nur am Geld. So zählen sie zu den 36.000 Sozialhilfeempfängern dieser Stadt, Menschen, die sich ihrer Not schämen und ihr Dasein an der Armutsschwelle fristen.
BEGOSSENE VORSTADT-KÖTER
Jugendliche,die seit ihrer Kindheit machen konnten, was sie wollten. Sie blieben doch die begossenen Vorstadt-Köter, eben Straßenkläffer, die keiner hören will und keiner ernst nimmt. Vom aggressiven Betteln in den U-Bahnschächten ("He Oma, mal ganz schnell fünf Mack rüber, sonst gibt's eins auf die Nuss") hatten beide genug, wegen der Kleckerbeträge und so. Deshalb spezialisiert sie sich kurz entschlossen auf die Handtaschen der Omis. Schließlich wollen Timo und Harald ihre Sehnsüchte nach Freiheit, Autobahn, Disco und Mädchen nicht vermasseln lassen, nicht nur mit einer lumpigen Mark dastehen, um abermals eine weitere Abfuhr zu riskieren. In Zahlen: Insgesamt zwei Drittel aller Raubüberfälle auf deutschen Straßen gehen auf die Gruppe der 16 bis 25jährigen.
HERREN DES IMPONIER-GEHABE
Tatort drei: Gutbürgerliches Milieu, Kneipen-Milieu im Westend zu Frankfurt am Main. Hier rekeln sich nach Dienstschluss die Herren des Imponiergehabes, der Rücksichtslosigkeit, die Männerwelt der Schwänze, umgarnt von Flanell nebst Yves Saint Laurent Rive Gauche. Wer hier als Marketing-Manager etwas verkaufen , Umsatz machen will - der muss sich Geltung verschaffen. Und Geltung kommt in dieser Gesellschaft nun einmal von der potenziellen Möglichkeit einer Vergeltung.
SELBSTBEHAUPTUNG: GEWALT-PROTZEREI
An einem der hinteren Tische mit trügerischen Kerzenlicht hocken Bernhard, Eddy und Werner. Allesamt sind sie schon etwas älteren Kalibers, Profis genannt. Der Arbeitstag ist längst passé, dennoch können sie von ihm nicht lassen. Ihr Bordmittel in den Jobs zu überleben, das heißt noch und nöcher Geldscheine zu ziehen, bedeutet aggressive Selbstbehauptung - und das Tag für Tag.Die spärlichen Stunden des Abends gelten sozusagen der seelischen Nachbereitung der als völlig normal empfundenen Gewaltprotzerei. Vielleicht eint die Drei auch eine Art Hass-Liebe. Sie konkurrieren heftig miteinander, können aber nicht ohne den anderen. Sonst breitete sich ja eine gefährliche Stille aus. Das bindet sie, das treibt Bernhard, Eddy und Werner in ihren stärkenden Männerbund.
KEINE WEICHSPÜLER
Bernhard hat vor zwei Wochen eine neue Sekretärin angeheuert, "ne frische", wie er glaubt. "Bald werde ich sie über den Tisch ziehen. Hab ihr ja schon bei der Ein-stellung gesagt, 3.500 brutto und einen Bums inklusive." Eddy will am nächsten Morgen seinem Texter "eins kräftig zwischen die Augen geben. You know, der Mann ist unfähig, der hat das Schreiben mit den Füssen gelernt, you know". Und Werner würde solche Pfeifen am liebsten sofort die Gehälter kürzen. Statt dessen "decke ich die jetzt so mit Arbeit ein, dass die auch am Wochenende ihre faulen Ärsche nicht pflanzen können. Wir sind doch keine Weichspüler, Mensch noch mal".
VORBILD: US-ARMEE KOREA-KRIEG
Aber nun reicht ja der Gesprächsstoff über die allgegenwärtige Agentur kaum für eine ganze Nacht. Und außerdem wollen die Drei sich hin und wieder über weniger brisante Themen streiten dürfen. Ihr zündender Funke ist dieses Mal die stramme Uniform. Eddy kämpfte für die US-Armee schon in Korea."Die Jungs waren einfach nicht hart genug." Bernhard steht auf den israelischen Geheimdienst: "Hoch-intelligent, stählerne Nerven." Der etwas jüngere Werner schwärmt von Mogadischu von der GSG9-Elitetruppe des Bundesgrenzschutzes: "Eine Präzisionsarbeit par exellence". Derlei Heroensprüche regen Hermann sichtlich an. Er hütet schon seit etwa zwei Stunden einsam die Aperitif-Bar. Mit der Bemerkung, dass er Kampfflieger der Bundesluftwaffe gewesen sei, bringt sich der kurz geschorene Hermann in die trinkfeste Runde ein. Hermann bedeutet, dies könne jeder Kenner schon daran sehen, "weil ich niemals mit den Wimpern zucke und dem Feind zuallererst in die Augen schaue." Die Uhr zeigt auf eins. Die erfolgreichen Herren wollen aufbrechen, aber noch hören sie sich einen Halbsatz von diesem Hermann neugierig an, nämlich den, "dass ich auch ein Killer war". Ein ganz gewöhnlicher Abend in einer Kneipe im Westend zu Frankfurt am Main.
DEUTSCHE VORURTEILE, RASEREIEN ... ...
Frankfurt-Ginnheim, die beschauliche Idylle der Klein-gärtner. Gartenzwerge, eingelassene Springbrunnen, Radieschen, Tulpen und Äppelwoi. Hier hat auch der 41jährige Bahner Heinz Schröder sein eingezäuntes Refugium. Hier will er vom Alltag abschalten, im ärmellosen Unterhemd Holzhacken, Laube streichen, Beete ziehen. Hier bei Schröder dominiert aber ebenfalls die deutsche Gründlichkeit, die deutsche Ordnung, die deutschen Vorurteile, die deutsche Raserei.
TÜRKEN - "RUNTER VOM ACKER" An diesem Sonntag erdreisten sich zwei Türken mit ihrer kleinen Tochter zu einem Spaziergang in der Nähe des Kleingarten-Vereins. Und statt des Feldweges erlauben sie sich gar, quer über den Acker zu laufen, der an Schröders beäugten Refugium angrenzt. So etwas mag Bahner Heinz Schröder nun gar nicht. Ganz nach dem Motto, im Hauptbahnhof so viele Türken und jetzt noch hier auf dem Acker. Zunächst schreit er nur: "Ihr Türken-Säue, runter vom Acker!" Als der eine daraufhin den Kopf schüttelt, der andere bloß lacht, holt Schröder ein etwa zwei Meter langes Kantholz, rennt hinter den nunmehr flüchtenden Türken her und drischt unentwegt auf sie ein.
VERSTÄRKUNG VON DEN NACHBARN Derweil holt Anneliese Romberger, die die Auseinandersetzung beobachtet hatte, von der Nachbar-Parzelle Verstärkung. Frau Romberger befürchtet nämlich, "der Herr Schröder kann das gegen die Kanaken nicht allein durchstehen". Stets hilfsbereit, wenn es sich im solche Fälle dreht, rennt der 47jährige Siegfried Osten los, macht flugs den Konflikt zu seiner ureigensten Angelegenheit. Nach circa siebzig Metern springt er den einen Türken direkt an. Der wiederum wehrt sich jetzt mit seinem Taschenmesser, stößt Siegfried Osten in den Bauch. Alltag in Frankfurt am Main.
OBEN UND UNTEN
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht solche oder ähnliche Vorfälle notiert werden. Längst hat sich die Mehrheit auch an die Street Gangs "Ducky Boys" und "Atomic Duke Kamerun", an Rauschgift, Waffenhandel , Zuhälterei gewöhnt. Von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, von der verantwortlichen Institutionen geflissentlich heruntergespielt, steht dieses schöne CDU-Frankfurt vor einer neuen Dimension der Brutalisierung. Statistiken waren selten ein zuverlässiger Gradmesser, den qualitativen, unterschwelligen Wandel zu erfassen. Den Wandel der Werte und Normen, die irreparable Zerklüftung in eine Oben- Unten-Gesellschaft.
FFM - EIN HOFFNUNGSLOSER FALL
Dieses Frankfurt - das ist ein hoffnungsloser Fall. Die alten Leute haben sich in den unwirtlichen Wohngettos versteckt, schlucken nicht selten ihre Todesangst in seelenlosen Altenheimen mit Aufmunterungsliedern wie "Gloria, Viktoria, Schnaps ist gut gegen Cholera" herunter. Sie wollen einfach nicht ins Stadtbild aus Profit, angestrengte Nettigkeit und hastiger Superlative passen. Anneliese Müller-Alt, eine 93jährige Dame, lebte 42 Jahre im selben Haus. Zwei neue Eigentümer verboten ihr über zwei Jahre, Wäsche zu waschen, Besucher zu empfangen. Sie rissen Leitungen heraus, sperrten der betagten Frau den Zugang zur Speisekammer. Dann hatten sie Anneliese Müller-Alt endlich in eines der Altenheime verfrachtet, in denen bekanntlich "eine erfüllte und mitgestaltete Lebensphase be-ginnt", und konnten endlich mit riesigen Profitmarge die Miet- in Eigentums-wohnungen umwandeln.
PUFFS UND BÜRGERTUM
In kürzester Zeit sollen nunmehr auch noch die 3.000 Nutten vertrieben werden, Bordell- und Pornobetriebe will die Stadt-Union zurückerobern, ein gutbürgerlicher Wohn- und Geschäftsbezirk soll entstehen. Das Bahnhofsviertel ist das letzte bizarre Relikt aus Frankfurts wilder Zeit - eben eine Bannmeile, innerhalb der sich die Extremen hautnah berühren: Puffs und Bürgertum, Religion und Kommerz, Deutsche und Exoten, Arme und Reiche, Gläubige und Ungläubige. Hier gibt es Massagesalons neben Asylantenheimen. Aussteiger residieren im selben Haus wie die Wohngemeinschaft der Callgirls. Pelzeinkäufer nisten neben den berüchtigten Umschlagplätzen für Heroin. Hier finden sich Moscheen in Hinter-häusern, indische Tempel in Garagen ind Koranschulen neben dem sogenannten Badehaus mit Sauna-Service -und das alles auf engstem Raum. Das Bahnhofsviertel ist ein verwegener, widersprüchlicher Bezirk. Vielleicht überhaupt das kunter-bunteste, irrste Stadtviertel Deutschlands - jedenfalls eine ungemeine Provokation für Stadtplaner konservativer Prägung.
WOHIN MIT DEN AUSLÄNDERN ?
Wohin mit den Prostituierten, wohin mit den Ausländern, die im Bahnhofsviertel siebzig Prozent der Bevölkerung ausmachen? Keiner weiß es genau, keiner will es genau wissen. Vielleicht ins unbehauste Gewerbegebiet am Osthafen, vielleicht an den Gleiskörper der Deutschen Bundesbahn, vielleicht nach Offenbach oder Hanau, Großgerau oder Dreieich. Achselzucken. Spätestens in zwei Jahren soll "das Herzstück der Stadt" puff-frei sein. Dann bliebe schließlich noch genügend Zeit, "in eindrucksvoller Weise die Organisationskraft der Stadt zu beweisen" und sich für die Olympischen Spiele im Jahre 2004 zu bewerben. Jedenfalls sind dafür bereits 250.000 Mark veranschlagt worden. "Frankfurt am Main - das ist ein hoffnungsloser Fall ... ... Den Frankfurtern ist nicht mehr zu helfen, allenfalls kann man Mitleid haben mit den Bewohnern einer so armseligen, vom Reichtum zerstörten Stadt", bemerkte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schon vor mehr als einem Jahrzehnt.