Donnerstag, 8. Mai 1980

Reimar Oltmanns: Was aus dem Raster fällt ... Jugend in den achtziger Jahren - das Wunschbild der Medien in Deutschland (Teil III und Schluss)


























Die Jugend ist ein Sektor, der von Marktforschern bis zur Perfektion "betreut" wird. Bei dieser Erfassung fallen bestimmte Randgruppen aus dem Raster - auch wenn von ihnen Veränderungen ausgehen können. Das Erwachen ist dann in der Regel entsprechend.

Vorwärts, Bonn
08. Mai 1980

Die Begründung, warum sich "die jungen Leute" so fabelhaft entpuppen, liefern die Psychologen aus der Anzeigenabteilung: "Im Grunde hat nicht mehr stattgefunden als eine Verlagerung von einem Nest ins andere. Größere gesellschaftliche Ziele werden erst gar nicht angestrebt ... Sie wollen Geld verdienen, Geld, das ihnen, wie ihren Eltern, zu einem gesicherten Leben im vertrauten Rahmen verhelfen soll ..."

Die wirtschaftliche Größenordnung, um die es hierbei geht, hat die Industrie schon längst abgesteckt. Dass rigorose Bestreben der Konzerne, ihre Marktanteile an den jeweiligen Produkten ständig auszuweiten, jeden nur verfügbaren Cent aus dem Portemonnaie zu locken, führte dazu, dass der Zugriff auf die Jugendlichen einen Grad an Perfektion erreicht hat, der kaum noch ausbaufähig erscheint.

JUGEND ALS DAUER-KONSUMENT

Dabei sind es diesmal keine Systemkritiker, die die Vormachtstellung der Industrie auf dem Jugendsektor analytisch einordnen. Es sind die branchen-internen Wirtschaftsdienste, die selber mit politischen Argumenten hantieren. So schreibt Der Kontakter, ein Informationsblatt für Manager und Werbeleute: "Staaten der totalitären Gesellschaftsordnungen versuchen rechtzeitig, die Jugend voll auf ihre Seite zu ziehen. In Staaten der totalen marktwirtschaftlichen Ordnung versucht die Wirtschaft es rechtzeitig, die Jugend als Dauerkonsumenten zu gewinnen. So ist nun mal das Los des jungen Erdenbürgers."

Der Slogan lautet: Mit zielgruppen-orientierter Werbung in den "multimilliardenschweren Jugendmarkt". Der Kontakter gibt die Marschroute aus: "Denn höchstes Ziel jedes Anbieters muss es sein, ein Leben lang treuer Begleiter des Konsumenten zu werden ... Wenn wir uns auch daran gewöhnt haben, des Konsumterrors, der Massenverdummung und Manipulation verdächtigt zu werden - bei Kindern ist die Werbewelt in Ordnung. Weit mehr Jugendliche als Erwachsene finden, dass Werbung gut ist."

HANG ZU "HEIM UND HERD"

Die Abteilung Marktforschung des Zeitschriften-Konzern Gruner + Jahr kommt in einer vertraulichen Media-Analyse zu dem vielversprechenden Resultat: "Zum großen Nachfragepontenzial von 18 Milliarden Mark (9 Milliarden Euro) können die Zwölf- bis Vierzehnjährigen im Monat durchschnittlich Einnahmen von ca. 19 Mark, die 15- bis 17jährige von ca. 105 Mark und die 18- bis 21jährigen sogar 380 Mark beisteuern. Die Höhe des Gesparten liegt jedoch immerhin bei fünf Milliarden Mark."

Folglich wird die Zielgruppe Jugendliche über ihre statistische Bedeutung hinaus "vor allem für die nächsten fünf Jahre wichtig, um Marktpositionen für die achtziger Jahre zu sichern."

UNTERNEHMENS-HEKTIK

Der Hintergrund derartiger Unternehmenshektik: In der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren mit einer hohen Kaufkraft und in städtischen Gebieten ist seit Jahren eine Sättigung eingetreten, die Gewinne stagnieren. Zuwachs um des Zuwachses Willen ist nun mal die Wirtschaftsphilosophie. Dieser lässt sich aber nur noch durch Expansion im Kinder- und Jugendbereich holen. Und die Bedingungen dafür, so das Münchner Institut für Jugendforschung, seien äußerst günstig. Danach plätschert "die Jugend" vor sich hin, die "APO-Frondeure" und die "Kinder von Marx und Coca-Cola" hätten ausgedient. Gefragt sei vielmehr das schlichte Ja und Amen, zwar nicht in der Kirche, aber dafür zu Hause, in der Schule und im Betrieb.

Auch die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit verzeichnet einen beachtlichen Hang zu "Heim und Herd". Vornehmlich die jungen Mädchen seien lange nicht so emanzipiert, wie bisher vermutet. "Sie träumen kaum noch von Gleichberechtigung, sondern wollen lieber wieder Hausfrau und Mutter sein." Nicht Sex und Politik stünden an erster Stelle des Interesses. Nach Altmütterweise sei die Mode wieder Thema Nummer 1 - knöchellang und spitzenbewehrt. Dafür hätten sich nach der Münchener Jugenduntersuchung 42 Prozent der 16- bis 29jährigen ausgesprochen. Erst weit abgeschlagen auf den nächsten Plätzen folgen Erziehungsfragen (33 Prozent), Wohnungseinrichtung (30 Prozent), soziale Probleme (27 Prozent) und Politik (21 Prozent). Die Jugendlichen erhoffen sich ein Leben, "das dem chemisch-reinen Vorbild unserer Wohlstandsgesellschaft entspricht - sie orientieren ihre Karrierevorstellungen am guten Verdienst, denn Geld macht frei". Für die Unternehmen eine Aufforderung, nun die richtigen "strategischen Mittel" einzusetzen, "denn der junge Verbraucher befindet sich im Stadium, in dem er beeinflussbar ist."

JUGENDLICHE ABHÄNGIG MACHEN

Die richtigen strategischen Mittel einsetzen, Märkte erobern, psychologisch beeinflussen, Jugendliche unterschwellig abhängig machen - dafür ist die Werbung kompetent. Eine ihrer grundlegend neuen Erkenntnisse: Die Jugendlichen wollen "als ganz normale Menschen" behandelt werden. "Sie fordern Echtheit der dargestellten Situation und lehnen unnatürliche Posen ebenso rigoros ab wie eine überspannte Sprache."

Der offenkundige Versuch, ein möglichst konfliktfreies und gesellschaftskonformes Bild von den Jugendlichen zu entwerfen, kommt einer wohl kaum unbeabsichtigten Gleichschaltung nahe. Plattitüden wie "APO-Frondeure", "Kinder von Marx und Coca-Cola", die vielzitierte "Heim-und-Herd-Mentalität" zeigen nur allzu deutlich, mit welcher voreingenommenen Ignoranz hier angeblich "vorurteilsfrei" Zwischenbilanzen aufgemacht werden., die zu alledem noch Anspruch auf Repräsentativität erheben. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung meint zu Recht: "So beunruhigend die freilich oft selbstverständlich-banalen Ereignisse sind, so fragwürdig erscheint die quantifizierende Methode, auf Grund deren sie gewonnen sind. Wir bedürfen der Faktenkenntnis", schreibt das Blatt, "aber es ist ein Aberglaube unserer Zeit, dass 'facts and figures" als solche Aussagekraft besitzen.

POLITISCHE VERHALTENSWEISEN

Das tritt im selben Maße auf Forschungsinstitute zu, die von der Industrie unabhängig arbeiten. Über vier Jahre untersuchte der Hannoveraner Sozialwissenschaftler Walter Jaide politische Verhaltensweisen der Achtzehnjährigen. Als der Hochschullehrer seine gewiss seriöse empirische Studie publizierte, war sie bereits weitgehend von der Realität überholt und dürfte vornehmlich für Historiker oder Promotionsstipendiaten interessant sein. Jaide kam auch in seiner Beurteilung über einen gewissen "Schwebezustand" nicht hinaus. Er resümierte: "Somit bleibt dem Beobachter, teils respektabel, teils beklemmend, der Haupteindruck eines auffälligen 'Noch', einer Noch-Existenz der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen abseits von Resignation und Entfremdung, von Reaktion und Rebellion."

Ähnlich verhält es sich mit den Experten im Buch "Junge Leute von heute". Der Grundtenor: "Der Fortgang der Tradition geht ungestört seinen Gang." Das Prinzip: Der eine Jugendliche steht mit einem Bein in kochend heißem Wasser, der andere steckt seine Füße in die Gefriertruhe. Was dabei herauskommt, sind sozialwissenschaftliche Mittelwerte verflossener Jahre. Veränderungen, die oft von Minderheiten ausgehen, fallen aus dem Raster.

DISCO-FIEBER - TRAVOLTA-NÄCHTE

Eigentlich kann in Deutschland mit "dieser Jugend" jeder zufrieden sein. Politiker, die künftig kaum noch Demonstrationen befürchten müssten. Medien, die "Travolta-Nächte" in den Discos hochjubeln können. Unternehmer frohlocken über Konsumhunger und Leistungswillen. Statistiker, die die deutsche Jugend in Europa mit an der Spitze sehen.

Doch alle wissenschaftlichen Prognosen, alle herbeigeredeten Trends, die bisher über den Typ der einen oder anderen Generation aufgestellt worden sind, haben sich im nachhinein als "Eintagsfliegen" oder als rundweg falsch herausgestellt. Es gab weder die "skeptische Generation", die der Soziologe Helmut Schelsky (* 1912+1984) in der Nachkriegsgeneration sah, noch die "Generation der Unbefangenen" - eine Studie der Deutschen Shell, die eine unpolitische, konsumwütige und harmlose Jugend ausmachte. Im Jahre 1966 wurde die Shell-Untersuchung veröffentlicht, ein Jahr später brach die Studentenrevolte aus.

Aber auch die weitsichtigen Erwartungen aus der APO-Zeit erwiesen sich als nicht stichhaltig. Die "Kulturrevolution" blieb papieren. Der "lange Marsch durch die Institutionen" wurde ein kurzer Spaziergang. "Jugend im Zeitbruch" nannte der konservative Hochschullehrer Klaus Mehnert (*1906+1984) sein Buch, in dem er die Außerparlamentarische Opposition und deren gesellschaftlichen Einfluss kritisierte.

LANGZEIT-AUSWIRKUNGEN

Zwei Jahre nach Erscheinen korrigierte Mehnert ebenfalls etliche Kapitel, ließ andere ganz weg, weil er noch deutlichere "Langzeit-Auswirkungen" zu erkennen glaubte. Ende der siebziger Jahre - die Republik feierte gerade ihren 30. Geburtstag - war aus der einst "skeptischen", dann "unbefangenen" nunmehr "die überflüssige Generation" geworden. Traurige Kinder, durch Arbeitslosigkeit ausgestoßen durch Berufsverbote als Verfassungsfeinde stigmatisiert. Man sah verschlossene Gesichter, stumm und resignativ, abermals in den Konsum flüchtend und unpolitisch privatisierend.

Kein Chefkommentator oder Politstratege hätte jemals zu dem damaligen Zeitpunkt den Grünen, Bunten oder Alternativen eine Chance eingeräumt, auch nur in ein Parlament einzuziehen. Aber auf einmal waren sie da, und eine Jugend rückte in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, die schon seit Jahren aus der Gesellschaft ausgestiegen war. Aus winzigen Randgruppen in den Hinterhöfen der Großstädte und den abgelegenen Landkommunen, oft belächelt und verspottet, entwickelte sich eine neue Jugendbewegung; inzwischen ein ernst zu nehmender politischer Faktor, an dem die selbstgefälligen Bonner Parteien nicht mehr vorbeikommen.

So kommt es, dass in der 54 Seiten starken Jugendstudie der Werbeagentur McCann mit Sicherheit ein richtiger Satz steht: "Wahrscheinlich hat man sich zu keiner Zeit über den Zustand einer Gesellschaft so breit und öffentlich mit falschen Argumenten auseinandergesetzt wie heute. Das gilt insbesondere für die Bevölkerungsgruppe, die als 'die Jugend von heute' bezeichnet wird."














Montag, 5. Mai 1980

Zu Hause in einem fremden Land - Deutschland








Für Sie gelesen
am 5. Mai 1980


Anders als der ehemalige "stern"-Reporter Jörg Andrees Elten, der in eine obskure indische Heilslehre nach Poona geflüchtet ist, ist der ehemalige "stern"-Redakteur Reimar Oltmanns "ausgestiegen". In einem Vorwort zu seinem jüngst von ihm im Rowohlt-Verlag erschienenen Buch mit dem Titel "Du hast keine Chance, aber nutze sie - eine Jugend steigt aus" beschreibt er seine eigene Veränderung unter anderem so:

Über zehn Jahre saß ich in Zeitungsredaktionen ein. Damals, als ich anfing, glaubte ich noch an den Marsch durch die Institutionen, an die Offenheit eines kritischen Dialogs, an meine und die Lernfähigkeit anderer. Als ich dann aufhörte, besser gesagt ausstieg, war ich nicht resigniert. Vielmehr ging mit ständig ein Satz durch den Kopf, den ich später auch immer wieder von Jugendlichen hörte: "Das kann doch nicht alles gewesen sein."

JET-SET-JOURNALISMUS ADÉ

Nein, er war wirklich nicht alles, dieser Jet-set-Journalismus. Er hatte sicherlich einiges von dem, wie manche sich die "große Welt" vorstellen. Man flog zum Beispiel vom New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen in der ersten Klasse nach Frankfurt zurück, wo die Stewardessen Sekt-Cocktails reichen. Man nächtigte in Rom in der Villa Hassler, Zimmer mit Blick auf die Spanische Treppe, und ging abends im Pariser "La Coupole" auf Geschäftskosten essen.

Nein - dieser Jet-set-Journalismus ist ein künstliches Treibhaus und hat mit den Menschen und ihren wirklichen Problemen kaum noch etwas zu tun. Eine Portion Abgebrühtheit und Zynismus gehört schon dazu, um über Jahre all die Widersprüche unbeschadet durchzuhalten, die damit verbunden sind - einmal den Erdball aus der Leihwagenperspektive wahrzunehmen, zum anderen, wenigstens vordergründig noch eine Anteilnahme für die sozialen Deklassierungen und krassen Ungerechtig-keiten zu empfinden.

ANMACHEN, AUSQUETSCHEN, ABMELKEN

Mit den Artikeln, die ich schrieb, verhielt es sich so wie mit einem Lichtschalter, der an- und ausgeknipst wird. Die Menschen, denen ich unterwegs begegnete, wurden dabei zu Figuren, Leute zum "Anmachen", " Ausquetschen" und "Abmelken", mal auf die harte, mal auf die weiche Tour. Warum sie an die Öffentlichkeit gingen, ihr Leid, ihr Schicksal oder auch ihre Ängste schilderten - das war im Prinzip nebensächlich. Was zählte, war die Geschichte, die andere "vom Stuhl reißen" sollte, "Output" hieß das in der Redaktion, Zeile um Zeile, Story um Story.

FASSADENKULTUR DES NETTSEINS

Ich bin mir schon darüber im klaren, dass meine heutige selbstkritische Distanz zum Jet-set-Journalismus von manchen missverstanden werden muss. Nach dem Motto: ein Geläuteter kann es sich nicht verkneifen, mit seiner Vergangenheit zu renommieren. Aber diese Kritik nehme ich in Kauf, wenn es mir gelingt, an meinem Beispiel zu verdeutlichen, warum mich gerade die Aussteigergeneration interessiert. Das, was ich tagtäglich in meiner Berufswelt erlebte, ergeht anderen ebenso. Ob in Schulen, Betrieben und Universitäten - gemeint ist die allmähliche Enteignung von Gefühlen, von Denken und Sprache. Gemeint ist die Selbstentfremdung, die Fremdbestimmtheit, der sich keiner entziehen kann, der nur einigermaßen durchhalten will. Gemeint sind ferner die ewigen Herum-Finassierereien, die Artigkeiten, die da ausgetauscht werden, die Fassadenkultur des Nettseins, obwohl die meisten insgeheim wissen, mit welch einem geduckten Bewusstsein sie ans Tagwerk gehen.

Für dieses Buch benötigte ich jedenfalls kein Flugticket, keine credit cards und schon gar keine Visitenkarte. Was ich brauchte, war das Vertrauen junger Menschen, die ihrer Umwelt misstrauisch gegenüberstehen.

... ... Da stand ich nun in Berlin-Kreuzberg, ging von einer Kneipe zur anderen, versuchte mich hier und dort ... ... Mal hielt man mich für einen Spitzel, mal für einen üblen Journalisten, der nur ihr Leben verkaufen wolle. Und ich fragte mich immer ernsthafter, was in den vergangenen zehn Jahren in diesem Land eigentlich passiert sein muss, dass die Luft zwischen diesem Teil der Jugendlichen und der etablierten Gesellschaft stillsteht, dass vielerorts ein abgrundtiefes Misstrauen vorherrscht, dass die einfachste Art des alltäglichen Miteinanders unmöglich erscheint - nämlich das Gespräch.

ABGRUNDTIEFE RISSE

Viel hörte ich im Jahre 1979 von den traurigen Kindern dieser Republik oder von einer verlorenen Generation. Das mag vielleicht noch auf jene zutreffen, die sich von diesem Staat, seinen Politikern und Bürokraten etwas erhoffen. Die Aussteigergeneration hingegen ist nicht verloren, dieses Land hat vielmehr einen Großteil seiner Jugend verloren. Auch sind es keine Kinder von Traurigkeit. Junge Leute, die das Leben bejahen, die sich ihre Ideale nicht rauben und zerreden lassen wollen, sondern in ihrem kleinen Lebensbereich einer sinnentleerten und auf Konsum fixierten Gesellschaft eine Absage erteilen.

Nach meiner Rundreise durchs alternative Deutschland, die fast ein Jahr dauerte, schien mir die Bundesrepublik ein wenig fremder, kälter und unwirtlicher als vorher. Bonn, wo ich mich früher als Korrespondent zu Hause gefühlt habe, machte mich nur noch betroffen.

SCHÜLERBERGE - BUTTERBERGE - PAPIERBERGE

Bei vielen Gesprächspartnern hatte ich den Eindruck, dass sie überhaupt noch nicht erfasst haben, welche Dimension die Aussteigergeneration inzwischen erlangt hat; dass es ihnen eigentlich auch relativ egal ist, wenn Hunderttausende junger Leute mit den Füssen oder dem Kopf auswandern - Technokraten der Macht, herzlos und ohne Anteilnahme.

In keiner Stadt musste ich mich mit derart vielen Allgemeinplätzen vertraut machen wie in dieser. Da war von Modetrends, Randgruppen und Kommunisten die Rede, da wurden Schülerberge mit Butterbergen gleichgesetzt und als Ablage auf den Papierberg gestapelt, da wurde schließlich vom weißen Rauschen und larmoyanten Weltschmerz einer jungen Generation lamentiert. Ursache und Wirkung wurden in seltensten Fällen auseinandergehalten. Das ließen die Statistiken nicht zu, oder die Ministerialen hatten sich eine Denkpause verordnet. Wie nirgends sonst fand ih hier die These vom Staat im Staate, von zwei Kulturen, die sich einander nichts mehr zu sagen haben, grundlegend bestätigt. Irgendwie war ich hier zu Hause, aber irgendwie auch schon ein einem Land, das mir vielleicht schon immer fremd war oder fremd geworden ist.

Donnerstag, 1. Mai 1980

Reimar Oltmanns: " ... wo es im Leben langgeht " Jugend in den achtziger Jahren. Das Wunschbild der Medien (Teil II)


Die Erleichterung über die angeblich so stabile Jugend, wie sie von Demoskopen ermittelt und von den Massenmedien vermittelt wird, basiert auf besonders "selektivem" Wahrnehmungsvermögen. Die Beispiele sprechen für sich.

Vorwärts, Bonn
01. Mai 1980

Aber die "deutsche Jugend" wäre nicht die "deutsche Jugend", hätte sie nicht schon in früheren Jahren eine der althergebrachten Lebensweisheiten einsichtig erkannt. Dieses herauszufinden blieb allerdings dem Hamburger Kehrmann-Institut vorbehalten: So sind 75,8 Prozent der 15- bis 25jährigen der Meinung: "Jeder ist sich selbst der Nächste. Jeder muss sich im Leben durchsetzen." Wo sich jeder selbst der Nächste ist, wo Leistungswille als unveräußerliche Wertmaßstäbe dominieren, da ist es auch nur logisch, dass die "deutsche Jugend" nicht vor aktuellen "Engpässen" kapituliert.

Da mögen die Leute so viel unken, wie sie wollen. Bild am Sonntag behauptet lapidar: "74 Prozent kennen keine Schulangst." Die Schlagzeile: "Schulstress! Das ist doch übertrieben!" Wenn es schon mit dem Schulstress nicht stimmt, dann kann es mit dem Numerus clausus auch nicht weit her sein. Die Welt resümiert gelassen: "Nur 19 Prozent wollen für seine Abschaffung demonstrieren, 32 Prozent würden sich ihnen vielleicht anschließen, 46 Prozent jedoch nicht." Ähnlich verhält es sich auch mit der Angst vor Arbeitslosigkeit. Das Kehrmann-Institut ergründete: Nur 6,1 Prozent der Jugendlichen haben große Angst, 24,6 Prozent fürchten sich zwar davor, ohne Job oder Ausbildung zu sein, aber 42,9 Prozent sind auch in dieser Hinsicht sorglos.

JUGEND NACH MASS ... ...

All diese Zahlen lassen nach vorherrschender Interpretation nur die Aussage zu - eine Jugend nach Maß, eine Bilderbuch-Jugend. Keimfrei, klug, karrierebewusst. Was tatsächlich bei derartigen Untersuchungen zum Vorschein kommt, ist mehr als fragwürdig, Ein angeblicher Prototyp, den es nur auf dem Papier gibt, wird in prozentualen Größenordnungen vorgeführt. Der aus irgendwelchen Häufigkeitsberechnungen resultierende "Mittelwert" macht die Jugend aus, mit Daten und Fakten scheinbar für jedermann nachzuprüfen. Ein zweifelhaftes Unternehmen, das kaum brauchbare Ansätze liefert, auch nur teilweise die tiefgreifenden Veränderungen und den nachfolgenden Stimmungswandel zu erfassen.

... ... UND ALS SOLCHE IST NICHT GEFRAGT

Aber die Demoskopen entdeckten noch eine ganz andere Jugend. Die Generation der "lov's in the air", die Nischen für Gefühl, Romantik und Unwiderstehlichkeit; untersucht auf dem Niveau solcher Schlagergrößen wie Roy Black (*1943+1991) oder Heino, selbst wenn sich die Stars heute Maffei oder Travolta nennen. Gemeint ist ebenfalls die Vermarktung von Emotion und Kitsch in den abgesteckten Bahnen. In diesem Demoskopen-Metier gibt's natürlich kein "Herzflimmern" zwischen Mutter und Sohn, kein "Messer im Kopf" und erst recht kein "Deutschland im Herbst" (Spielfilm über den RAF-Terrorismus, 1978). Alles ganz anders, dozieren Umfrageexperten und wühlen in ihrem Zahlenwust schon wieder nach Prozenten, als seien sie der Weisheit letzter Schluss. "Von einer romantischen Hochzeit träumen sogar 77,4 Prozent der Mädchen und 57,4 Prozent der Jungen". errechneten die Kehrmann-Leute.

Am Image einer Jugend polieren, in der sich jeder wiederfinden kann - die Schallplatten-LP-Produzenten, die "take offs" der Werbeagenturen, die Textilbranche - am allerwenigsten aber die Jugendlichen selber.

PSEUDO-MILIEU - JETSET-ÄRA

Um die geht es auch nicht primär, obwohl dieser Eindruck vordergründig aufrechterhalten wird. Das Pseudo-Milieu der Stars, des Disco-Glimmers, der Jetset-Ära, der permanenten Suggestionen, das Unerreichbare erreichbar erscheinen zu lassen, ist eine alte Erfindung der Wettbewerbswirtschaft. Zum einen spielt dabei die Kaufkraft der Jugendlichen eine Rolle, zum anderen - und das ist wesentlicher - fungieren sie als Vehikel der Wachstumsgesellschaft. Deren Grundkoordinaten - Dynamik, Frische, Erfolg, Status und Zukunft - müssen mit neuen Impulsen in eine oft schon gesättigte, ausgelaugte und ermattete Erwachsenenwelt eingespeichert werden.

Der Gießener Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst Eberhard Richter schrieb im Jahre 1979 in seinem Buch "Der Gotteskomplex": "Die Menschen richten sich so her, wie die Wirtschaft ihre Ware ausstattet: gefällig, attraktiv, zum Gebrauch ermunternd ... Das rücksichtslose System der Wettbewerbswirtschaft fragt nicht mehr danach, wie es in den Menschen innen aussieht. Wichtig ist nur, ob sie brauchbar sind, was man mit ihnen machen kann. Gut verwertbar ist aber nur, wer fit ist. Also muss man immerfort fit sein oder zumindest sich so geben, als wenn man es wäre."

"MIDLIFE-CHRISIS"

In diesem Aktionsradius bewegt sich mehrheitlich die Berichterstattung der Massenmedien; von einigen positiven Rundfunksendungen und Reportagen einmal abgesehen: Artikel, die spezifische Jugendprobleme aus der Perspektive der Sechzehnjährigen darstellen, bleiben Mangelware. Nachholfbedarf. Der Faktor Jugend
wird als Image-Produkt für den Leser gehandelt. Er muss für jeden herbeigeredeten modernistischen Trend herhalten. Es ist ein folgenschwerer Trugschluss, anzunehmen, die Jugend als solche sei gefragt. Sie soll vielmehr die künstliche Interaktionsspirale zwischen ausgedachten, künstlich erzeugten Bedürfnissen und abgeschlafften, ermatteten Vierzigern in der "Midlife-crisis" in Gang halten. Das allein macht die Jugendlichen als Promotor für den Wirtschaftskreislauf unentbehrlich.

MONOPOL ÜBER JUGENDDATEN

Nur so ist es auch verständlich, warum die Großkonzerne beinahe ein Monopol über sämtliche Jugenddaten besitzen, warum hauptsächlich sie die demoskopischen Institute befragen, warum ihre Fakten, die vorher fein säuberlich sortiert und zensiert werden, weitgehend die öffentliche Diskussion beherrschen. Es ist eine traurige Tatsache, dass das Bonner Jugend- und Familienministerium als Grundlagenmaterial nicht viel mehr anzubieten hat als die Jugendstudie '76 der Werbeagentur McCann.

Dass ein großer Teil junger Leute aus dieser Gesellschaft ausgestiegen ist oder in naher Zukunft wegkippt, dass die Selbstmordrate exorbitant in die Höhe schnellt, das Ausmaß der Drogenabhängigkeit - das alles wird von den maßgeblichen Kräften hartnäckig ignoriert. Täten sie es nicht, müssten sich manche Politiker, Chefredakteure und Manager öffentlich eingestehen, in welch labilem Zustand sich die Bundesrepblik Deutschland befindet. So laboriert man oberflächlich an Symptomen herum und lässt die Ursachen weitgehend außer acht. Statt dessen wird die Fassadenkultur aufrecht erhalten, man spricht vom "sozialen Mief", wenn es um Benachteiligung geht und stempelt Aussteiger zu Versagern, die es halt nicht gepackt haben, sich durchzusetzen. So einfach ist das. Horst Eberhard Richter bemerkt dazu:
"Wer sich aus dem Party-Rummel zurückzieht und sich mehr in sich selbst vertieft, hat Mühe , nicht in schlechten Ruf zu geraten. Die Flucht in den geselligen Betrieb ist das sozial Erwünschte. Die introvertierte Beschäftigung mit den eigenen Problemen wird als die eigentliche Flucht umgedeutet und missbilligt. Denn sie verunsichert die anderen, welche ihr Verleugnungssystem attackiert sehen. Die Verweigerung des Mitspielens wird nur dann verziehen, wenn man hört, dass der Betreffende zum Psychiater geht."

DAVID BOWIE + MARLON BRANDO

Wie in dieser Gesellschaft mitgespielt werden soll, belegen die Massenmedien tagtäglich aufs neue. Typische Kostproben, die durch x-beliebige Beispiele immerfort ergänzt werden könnten: " ... Im Pöseldorfer 'Nach Acht' geht's erst richtig los. Hier ist man nicht alternativ, sondern attraktiv. Und trinkt nicht Bier, sondern Bourbon oder Gin-Tonic. Man quatscht nicht, man plaudert. Angestrebt wird die Synthese von David Bowie und Marlon Brando. Hier wirken die Kräuterjungen wie Fossile aus der Vorzeit. Man trägt knielang und morbide - aber mit Stil." (stern)

" In den winterlichen Straßen der großen Städte eilen junge Männer in Jeansmänteln zu ihren Rendezvous - in der Hand eine einzelne Rose. Die jungen Mädchen nehmen sie lächelnd in Empfang und sind stolz, dabei gesehen zu werden. Bekenntnis zur Zärtlichkeit - ein neues Bewusstsein. In den Aufgängen der Volkshochschule stauen sich nach Feierabend Schlangen junger Amateurmusiker, die mit ihren Kontrabässen und Tellos in die Musikzimmer drängen. 'Schubert, Brahms und Hadyn'. sagt der Musikdozent. 'sind bei den jungen Leuten beliebt wie früher die Beatles!' ... Sabine Köhn, Schülerin am Hamburger Helene-Lange-Gymnasium, ist bildhübsch. Ein Mädchen wie von David Hamilton fotografiert, mit seidig glänzenden braunen Haaren und einer zierlichen Figur. Sie sitzt im knappen blaßrose Chiffonkleid, das weit um ihre Beine schwingt, in einem Lokal. Es ist das sorglose Lachen der Jugend." (Hörzu)

OPPORTUNISTEN UND ANGEPASSTEN

Solch eine Jugend ist die willkommende und hofierte. Sie setzt die ökonomischen Gesetzmäßigkeit nicht außer Kraft, rüttelt an keinem politischen Fundament, stellt keinerlei lästige Fragen. Ja, meint Quick, "bei allem Respekt" vor den Schriftstellern Heinrich Böll (*1917+1985) und Günter Grass - aber in der Einschätzung der Jugendlichen haben sie sich geirrt. Heinrich Böll befürchtete: "Wir sehen eine Generation von Eingeschüchterten, Opportunisten und Angepassten groß werden." Günter Grass registrierte eine Jugend, die "kritiklose Anpassung an bestehende Verhältnisse als staatsbürgerliche Tugend" erscheinen lässt. - "Und eines ist ja wohl gewiss: Diese jungen Menschen haben unser Vertrauen verdient ..." kommentierte der Chefreporter der Bild am Sonntag, Jürgen Bungert, seine Serie. Schließlich hatte er sich nicht nur von Meinungsumfragen, sondern auch "vor Ort" überzeugen lassen: "Wir saßen in einem Lokal, aßen Steaks, tranken Bier und diskutierten. Es war eine jener Diskussionen, an die man sich gern wieder erinnert ... Sechzehnjährige, die klare Vorstellungen davon hatten, wo es im Leben langgeht ..."













Donnerstag, 24. April 1980

Keimfrei, klug und Karriere bewusst - Jugend '80 das Wunschbild der Medien ( I) Von Reimar Oltmanns




Die demoskopische Erfassung der "wahren Jugend" führt in den Medien immer wieder zu erstaunlichen Formen der Erleichterung. Die Gegenanalyse" des Autors als Vorabdruck.


Vorwärts, Bonn
24. April 1980
Wenn es in Deutschland um die "Jugend" geht, so scheint es, ist der Zugriff der Apparate perfekt, ist der Zufall ausgeschaltet. Eine ganze Industrie hat sich aufgetan, um auch nur die kleinsten Verschiebungen oder Veränderungen zu erfassen. Die Parteien interessieren sich für Jungwähler, die Großkonzerne für Absatzchancen. Die Massenblätter unterschiedlichster Couleur präsentieren in Schlagzeilen und Serien "ihre Jugend", wie sie "wirklich" denkt, was sie "eigentlich" will und wohin sie "tatsächlich" tendiert.

Noch in keinem Jahrzehnt ist so viel Rummel um eine Jugend veranstaltet worden wie in den siebziger Jahren. Aber in keiner Zeitspanne wurde mit demoskopischen Daten auch derart an Jugendlichen vorbeigeschrieben wie in dieser. Die Schlagzeilen sind fast austauschbar, nur die Jahreszahlen hinterm Apostroph variieren. "Generation ohne Illusion. So ist die deutsche Jugend wirklich". läutete Bild am Sonntag eine Serie ein. "Jugend '76" nannte der stern seinen Report, Quick titelte "Jugendliche heute: So leben, denken und lieben sie". Hörzu glaubte gar: "Jugend '77 - Der Schein trügt". Quick schrieb die Druckspalten über die "Jugend '79" voll. Der stern fand die "Idole '79" und befragte junge Deutsche: "Was ist Glück?" Die Antwort: "ohne Moos nichts los." Die Welt war "auf der Suche nach dem kleinen Glück". Neun Monate später entdeckte die Tageszeitung in einer sechsteiligen Serie "Die jungen Realisten". Und die Bravo hatte den originellen Einfall vom "Disco-Gewitter '79 - Der Boden bebt, bunte Blitze zucken".

ALLE SUCHEN DIE VORZEIGE-JUGEND
Bravos Blitz-und-Boden-Geschichten sind professionelle Routine. All diese Massenmedien, die zusammen an die 40 Millionen Menschen erreichen (alte Bundesrepublik 61 Millionen Einwohner). entdeckten "die Jugend" erst nach der 68er Studentenrevolte. Die außerparlamentarische Opposition hatte mit ihren Diskussionen, Demonstrationen und Straßenschlachten das scheinbar so festgefügte Wertsystem in diesem Land zumindest zeitweilig erschüttert. Der damals in der Bevölkerung ausgelöste Schock wirkt auch heute noch nachhaltig und wird mit jeder Terrorismus-Debatte aktualisiert. Seither hat die publizistische Ausschlachtung "der Jugend" ihr eigenes Gewicht bekommen. Jungen und Mädchen, die während der APO-Zeit erst zehn oder zwölf Jahre alt waren, werden kritisch nach dem gängigen Polit-Raster auf ihr Ideologieverständnis und ihre potenzielle Bereitschaft zur Rebellion abgeklopft. Ein Polit-Raster, mit Hilfe dessen man glaubt, präzise zwischen Systemveränderern und einer staatstragenden Jugend unterscheiden zu können glaubt.

CHANCE DER PUBLICITY
Gesucht wird eine Jugend, die in der Tradition der Erwachsenen steht, die mit ihren Aussagen sämtliche Normen einer in Wirklichkeit tief verunsicherten Gesellschaft bestätigen soll. Diese Vorzeige-Jugend soll nach außen den überzeugenden Anschein erwecken, dass die deutsche Leistungs- und Verwertungsgemeinschaft sauber und intakt funktioniert. Demoskopische Fragestellungen, die mit ihren Resultaten einen ganz anderen Schluss zulassen, werden erst gar nicht in Auftrag gegeben oder durch offenkundige Falschinterpretationen heruntergespielt. Ganz davon abgesehen, dass es "die Jugend" so wenig gibt wie "die Menschheit", wird mit dieser abgegriffenen Formel jede neue Meinungsumfrage als "Überraschung", "Bombe" oder "Erstaunliches" verkauft. Wissenschaftler, die ihre Chance der Publicity nutzen, fungieren als seriöses Alibi und werden in den Massenblättern als unerreichbare Größe des Zeitgeschehens stilisiert.

AUS HIPPIES WURDEN PAPPIS


"Früher schwärmten die Jugendlichen für Willy Brandt (*1913+1992), heute schwärmen sie allenfalls für John Travolta", berichtet Die Welt. Ein Dreivierteljahr danach schreibt die Zeitung: "Irgendwo zwischen Dutschke und Travolta wurden die jungen Realisten geboren." - "Realisten", die nach einer Studie des Jugendwerks der Deutschen Shell die bestehende Wirtschaftsordnung bejahen. Die Welt zitiert: "Auf drei Anhänger kommt nur ein Gegner der Marktwirtschaft, die vor allem bevorzugt wird, 'weil der einzelne mehr Freiheit hat ...'."

Das Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung eruierte: vom Jahrgang 1959 seien nur sechs Prozent der Jugendlichen "unzufrieden". Ergo können sich 94 Prozent glücklich und selig schätzen. Bild am Sonntag brachte über das Emnid-Institut in Erfahrung, dass die Jugend der Staatsform in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs so ablehnend gegenüberstehe wie immer angenommen. Insgesamt 60 Prozent haben an ihr nur "einiges auszusetzen". - "Die Jugend '76 driftet nicht nach rechts oder links. Sie sucht den Weg nach oben ... Aus Hippies wurden Pappis. Underground und Gegenkultur haben ihren Betrieb aus Personalmangel eingestellt", ist die wesentliche Erkenntnis des stern, der sich in seinem Artikel ebenfalls auf das Bielefelder Emnid-Institut beruft.

"GUMMIBAUM IST VORBILD"

Grotesk wird es, wenn sich die Medien mit Hilfe der Demoskopen daranmachen, die Idole der jungen Generation herauszufinden. Bild am Sonntag fragt nach Vorbildern, und ein Mädchen namens Nicole aus München antwortet: "Mein Gummibaum ist mein Vorbild. Er besitzt alle meine Ideale: Ausdauer, Bedürfnislosigkeit, Zurückhaltung und Sauberkeit." Oder der 15jährige Thomas Schott, Hauptschüler aus Bargteheide in Schleswig-Holstein, sagt: "Die Riesen sind meine Vorbilder , weil ich so klein bin - 1,52 Meter." Das Blatt kommt zu dem grundlegenden Ergebnis: "Wir haben diesem Report den Titel gegeben: Jugend ohne Illusion. In der Tat - die jungen Leute sind realistischer, nüchterner, emotionsloser, illusionsloser als vergangene Generationen. Aber es ist auch eine Generation ohne Vorbilder wie Kennedy. Ohne Idole wie James Dean. Sogar Elvis Presly, Mao und Che Guevara sind von den T-Shirts verschwunden. Aber auch die Beatles sind für die Jugend heute 'Schnee von gestern'."

GROSSE NATIONALE ERLEICHTERUNG
Für Bild am Sonntag waren wieder die Emnid-Leute mit ihren repräsentativen Stichproben auf Achse. Ganz anders agierte dagegen das Institut Allensbach. Es ging für den stern auf die Straße und fand, was Emnid offensichtlich nicht suchen sollte oder wollte: die "Idole" dieser Generation. Nämlich John F. Kennedy, Albert Schweitzer, Udo Lindenberg und Sepp Maier. Sie rangieren auf den ersten Plätzen.

Noch fündiger wurde das Hamburger Sample-Institut, das für Die Welt Städte und Dörfer abklapperte. "Früher schwärmten die Jugendlichen für Willy Brandt, heute schwärmen sie allenfalls für John Travolta", hatte die konservative Tageszeitung eingangs kategorisch festgestellt. Doch nach Travolta (*1954, US-Sänger und Schauspieler) fragte niemand. Nein, Konrad Adenauer ist der Spitzenreiter unter den ausgekorenen "Idolen" des Jahres 1979; gefolgt von Helmut Schmidt, John F. Kennedy, Walter Scheel, Franz-Joseph Strauß, Willy Brandt, Theodor Heuss, Martin Luther King, Jimmy Carter, Helmut Kohl, Kurt Schumacher, Ludwig Erhard, Golda Meir, Tito, Karl Carstens und Che Guevara.

Die Münchner Illustrierte Quick (eingestellt 1992) ortete unter den Jugendlichen ganz andere Favoriten; natürlich nicht allein, sondern mit dem Hamburger Kehrmann-Institut für Marktforschung im Hintergrund. Da liest es sich dann so: "Ihre Vorbilder sind nicht etwa Größen aus dem Showgeschäft, der Wirtschaft oder der Politik (die schon gar nicht); ihre Vorbilder sind heute wieder - die Eltern." Diese demoskopische Neuigkeit war für die Nachrichtenagentur ddp Grund genug, eine Eil-Meldung für die ihr angeschlossenen Zeitungen zu verbreiten. "27,5 Prozent der Söhne und 32,7 Prozent der Töchter halten ihr Verhältnis zum Vater für 'ausgezeichnet'. Und 53,8 Prozent der Söhne und 47,7 Prozent der Töchter finden, dass sie eine 'gute Beziehung' zum Vater haben. Noch besser schneiden die Mütter in der Bewertung ihrer Sprößlinge ab."

GENERATION OHNE FEHL UND TADEL
Überhaupt handelt es sich bei den Jugendlichen um eine Generation ohne Fehl und Tadel. Von Resignation, wie so oft vermeldet wird, keine Spur, von Apathie und Orientierungsschwäche können danach nur "soziale Versager" sprechen. Hier lebt, glaubt man den publizistischen Versionen, eine dynamische Generation: achtet ihre Eltern, manchmal frech, sonst eher staatsloyal, leistungsbewusst und menthol-frisch. Mit einer solchen Jugend können eigentlich sämtliche Institutionen und politischen Parteien zufrieden sein - vornehmlich aber die Unternehmer.

Die Werbeagentur H.K. McCann mbH ermittelte nämlich, was in den Vorstandsetagen die Manager schon nicht mehr für möglich hielten: den ungebrochenen Leistungsdrang der "jungen Leute von heute". Quick jubelte dann auch prompt: "Der Leistungsgedanke ist bei vielen ausgeprägt. 75 Prozent sagen: 'Man muss sich ranhalten, sonst wird man überholt.' 72 Prozent meinen außerdem: ' Um voranzukommen, muss man Einschränkungen im Privatleben hinnehmen.'" Auch das Jugendwerk der Deutschen Shell konstatierte, dass 62,1 Prozent "diesen Leistungsdruck ausdrücklich bejahen." Geradezu emphatisch feierte Hörzu hochgehaltene deutsche Tugenden, die das Emind-Institut im Auftrag des Mineralölkonzerns Shell herausdemoskopierte. "... Deutschlands Söhne und Töchter entschieden sich zu 88 Prozent für die 'Bejahung des Leistungsprinzips' und immerhin zu 78 Prozent für die 'absolute Treue'. Es ist also nichts mit dem Märchen von einer faulen, oberflächlichen, unmoralischen Jugend", triumphierte das Millionen-Blatt.

RESPEKT VOR AUTORITÄTEN

Ganz im Gegenteil: Die Leute von Sample aus Hamburg widmeten sich einer besonders delikaten Frage, "nach der Autorität, und wenn ja, welche?" Schließlich könne "nach den leidvollen Erfahrungen der jüngeren Geschichte" nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden. Insgesamt würden 54 Prozent der Jugendlichen die Autorität eines anderen respektieren, "wenn ich ihn menschlich besonders schätze". 46 Prozent akzeptieren Autorität, "wenn sie mir geistig überlegen ist." Und 42 Prozent der Jungen, dazu 32 Prozent der Mädchen, achten ihren Vorgesetzten als uneingeschränkte Autorität.



















Mittwoch, 16. April 1980

Suche nach Nähe - Wie eine Gesellschaft ihre Kinder zu Frührentnern macht













































abgeschoben, verwahrt, vereinsamt, verwahrlost - Jugendfreizeitheim "Gelse" im Falkenhagener Feld zu Berlin


Metall-Magazin Nr. 8/80
Frankfurt a/M
am 16. April 1980
von Reimar Oltmanns

Rüdiger hat es sich ausgerechnet: 512mal schließt er während seiner Arbeitszeit mit 64 Einzelschlüssel Räume auf und wieder zu, öffnet mit dem Vierkantschlüssel verriegelte Toiletten - und das Tag für Tag von 2 Uhr mittags bis 10 Uhr abends, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Auch wenn seine athletische Gestalt auf manchen Angst einflößend wirken könne, so fürchtet Rüdiger sich doch seit Jahren insgeheim davor, "ein Messer oder eine Kugel in den Rücken zu bekommen". Seine "Wach- und Schließgesellschaft" hat ihn nämlich mit einem besonders delikaten Objekt betraut. Der 1.600 Quadratmeter große Neubau, in dem er seine Rundgänge macht, ist mit all den architektonischen Raffinessen der Neuzeit ausgestattet. Die Wände in der Halle, einst in grau, haben etwas von der früheren Kälte verloren. Realistische Maler pinselten überlebensgroße Menschen auf die Leerflächen, eben handfeste Menschen mit Charakterköpfen, konsequenten Blicken und stählernen Mienen. Im verqualmten Raum nebenan gibt's Limonade, Bier und kleine Snack's, aber nur "auf Selbstbedienung".

KEIN ZU HAUSE

Der Stallgeruch drängt sich dort unverwechselbar auf. Es riecht nach altem Bahnhof. In der Billard- und Kickerecke stehen Leute, die seit eh und je kein Zuhause mehr haben oder sich nur bei den rollenden Kugeln heimisch fühlen. Bierfahnen, südlicher Haschgestank, Schweiß, Parfüm, Toilettenmief, Zigarettenqualm - inein-ander übergehende Gerüche, die oft undefinierbar sind. Vor der Treppe zum ersten Stock liegen ein paar Leute auf dem Boden, die im Volksmund Penner genannt, die "Schließer" Rüdiger oft genug wegscheucht, die sich dennoch wieder einnisten, hartnäckig wie sie sind. In der ersten Etage gibt es Kinoprogramme, ein Teestübchen mit weichen Polstersesseln, Ruhe und Leseräume.

KINDER-FRÜHRENTNER

Schauplätze, die Rüdiger im Auge behalten muss. Wenn er seinen Neubau kurz nach 22 Uhr schließt, räumt er mit seinen Kollegen den gröbsten Dreck beiseite: leere Kornflaschen, Bierdosen in Hülle und Fülle, abgebissene und zertretene Brote, aber auch zerdepperte Waschbecken. Überbleibsel eines Tages, die Rüdiger nicht der Putzkolonne überlässt. Sie würde sich in den frühen Morgenstunden strikt weigern, in solch einem wüsten Chaos sauber zu machen. Tatsächlich verbirgt sich hinter Rüdigers Wach und Schließgesellschaft das Bezirksamt Spandau, hinter dem Neubau das Jugendfreizeitheim "Gelse" im Falkenhagener Feld; der Schließer Rüdiger fungiert als Heimleiter, und die Jugendlichen, die hier verkehren, sind schon längst auf ihrer Endstation angekommen.

Kinder unserer Zeit, dreizehn, fünfzehn oder auch achtzehn Jahre alt, die oft ein Frührentner-Dasein führen, noch ehe sie richtig erwachsen wurden; die tagtäglich darauf warten, dass mal irgend etwas Spannendes passiert, dass sie etwas von der großen Welt abgekommen und sei es nur ein Quäntchen Glanz und Glimmer. Sozialarbeiter dieser Tage, die den Mut verloren haben, die saft- und kraftlos in ihrem Mitarbeiterzimmer herumhängen und gelangweilt in Illustrierten blättern, die sich aufs Türen-Auf- und Zuschließen beschränken, die ihre "Leck-mich-am-Arsch-Mentalität" für jedermann ersichtlich vor sich hertragen und auf die "beschissene Welt schimpfen.

Dabei glaubt Rüdiger, 37 Jahre alt, gerade einer anderen "beschissenen Welt" entkommen zu sein, nämlich der eines Brauerei-Facharbeitern in der Fabrik. Über sechzehn Jahre hatte er dort gearbeitet, zum Schloss durfte er sogar Schichtführer nennen. "Ich habe die Schnauze restlos voll gehabt in dieser Mühle, ich war nur noch deprimiert, weil mir alles so aussichtslos erschien." Justament zu dieser Zeit suchte das Bezirksamt Berlin-Spandau, Abteilung Jugend und Gesundheit, Erzieher, die im neu erbauten Jugendfreizeitheim "Gelse" eine Aufgabe sehen. Ein Arbeitskollege brachte Rüdiger mit einem gewissen Alfons Brawand zusammen, der sich nicht daran störte, dass Rüdiger keine Ausbildung zum Sozialarbeiter durchlaufen hatte. "Das macht nichts", soll Brawand ganz loyal gesagt haben, "die holste berufsbe-gleitend nach." Rüdiger war merklich unsicher auf dem Amt und sagte artig: "Herr Brawand". Doch der duzte ihn gleich wie einen alten Kumpel. Ihm käme es insbe-sondere darauf an, Praktiker, wenn auch ohne Ausbildung, auf die neu geschaffenen Planstellen zu hieven. Von arbeitslosen Akademikern wolle man weniger etwas wissen, "Die sind links verdorben, hetzen nur die Jugendlichen auf und machen den Behörden unnötige Arbeit", hieß es lapidar. Dagegen passte ein Typ wie Rüdiger offenbar sehr gut ins selbst gezimmerte Stellenprofil.

PRESTIGE-OBJEKT

Rüdiger konnte nicht im entferntesten ahnen, warum das Amt ausgerechnet auf "Praktiker" baute. Er hatte nicht die leistete Vorstellung von dem, was in erwarten würde. Seine anfängliche Unsicherheit überspielte er stets damit, dass er sich mit einer "berufsbegleitenden Ausbildung" beruhigte. Auch verengte Rüdiger, vielleicht ungewollt, seinen Blick für gewissen Begleiterscheinungen, die ihn wahrscheinlich schon damals nachdenklicher hätten stimmen müssen. Doch er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit seiner Ablösung von der Fabrik, vom eingefahrenen Schichtdienst und nun dem plötzlichen Neubeginn als Sozialpädagoge sozusagen, dem Eltern ihre Kinder anvertrauten, abschoben, wenn auch nur stundenweise.

Denn so ein Jugendfreizeitheim eröffnet weitaus mehr Möglichkeiten, sowohl für die Jugendlichen als auch für ihre Betreuer, dachte Rüdiger, als er zum ersten Mal vor der Eröffnung staunend durch die brandneue "Gelse" schlenderte. Er merkte offenbar nicht, dass er die Einrichtung eher nach seiner eigenen Hobbylage begutachtete als nach der der Kinder, für die sie eigentlich mal gedacht war. Über 2,5 Millionen Mark hatte der Staat in dieses Prestigeobjekt investiert. Über 50.000 Mark kostete allein das Tonstudio, 40.000 Mark verschlang die Großküche, skandinavische Sessel - vergleichbar einem Hotel-Foyer - verschönerten die Lese- und Spielräume. Eine großflächige Bühne für Beatbands und Laienspielgruppen war vorhanden, es konnte Basketball, Volleyball und Tischtennis gespielt werden, Kicker und Billard gab's wie selbstverständlich. Theater- und Ballettgruppen, Sportvereine und Briefmarkensammler - sie alle sollten hier unterkommen. Es fehlte an nichts, alles schien bis ins Detail maßstabsgetreu durchgeplant und vorprogrammiert. Die zuständigen Ämter meinten, ganze Arbeit geleistet zu haben.

RABATZ BEI EINWEIHUNG

Die Spandauer Honoratioren aus Partei und Ämtern, Baufirmen mit ihren Ange-stellten, Architekten und notgedrungen auch die neuen Erzieher wollten ihr Jugendfreizeitheim im exklusiven Kreis in gebührender Form einweihen: quasi als Übergabeveranstaltung mit Bierfass, Sekt, Orangensaft und den obligaten kleinen Häppchen. Und natürlich hatte Brawand zuvor mit seinen Leuten kräftig die Hofberichterstattung in Funk und Lokalpresse angeleiert. So gab es unter den Jugendlichen im Falkenhagener Feld nur ein Thema: "Amtsärsche saufen und fressen sich im neuen Jugendfreizeitheim voll." Während Brawand vor dem erlauchten Halbrund das Bauwerk als ein Projekt "für die Welt von übermorgen" pries, luchsten die Jugendlichen draußen vor der Tür durch die Scheiben . Zwar hatte sich eigentlich keiner vorgenommen, Rabatz zu machen. Doch als sie die Herren in ihren feinen Anzügen vor sich sahen - auch Rüdiger zog seinen besten Zweireiher an -, da muss eine unbändige Wut in ihnen hochgekommen sein. Es mögen dreißig oder auch vierzig gewesen sein, die das Haus stürmten. Die feierliche Übergabever-anstaltung artete in eine schlimme Massenschlägerei aus. Keiner blieb verschont, auch Alfons Brawand musste Fausthiebe einstecken.

GLUCKLÖCHER IN BETON-HÖHLEN

Erstmals sah sich Rüdiger mit seiner Realität konfrontiert, die er bisher beiseite geschoben hatte. Erstmals überhaupt fragte er sich, woher die Jugendlichen kommen, die er fortan betreuen sollte. Und erstmals gingen seine Blicke ein wenig bewusster, ein wenig nachdenklicher über den Horizont des Jugendfreizeitheims hinaus. Was er sah, waren graue Betonhöhlen mit symmetrisch angeordneten Guck-löchern. Langsam und mit Hilfe anderer Kollegen aus dem benachbarten Klubhaus dämmerte es ihm, wo er tatsächlich gelandet was. In Spandau, einem der wichtigsten Neubaugebiete Westberlins - dort, wo sich Wohnsilos, Polizeischießplätze, Friedhöfe, Kleingärten und Müllhalden scheinbar friedlich miteinander vertragen.

Das Jugendfreizeitheim "Gelse" liegt am Rande des Falkenhagener Felds, einer räumlich zerrissenen Betonwüste mit mehr als 30.000 Menschen. Früher zogen hier Arbeiter und kleine Angestellte hinaus, die sich ihr Häuschen in der Idylle mühsam zusammengespart hatten. Auf den noch freien Plätzen mauerte in den sechziger Jahren der soziale Wohnungsbau seine Häuser hoch. Einheitliche Pläne lagen zu keiner Zeit vor, deshalb wurden Läden, Post, Kirchen, Schulen und Spielplätze auch irgendwo verstreut an die Peripherie verlagert. Nur soviel stand fest: alleinstehende Rentner sollten aus dem Stadtzentrum, wo sie Wohnungen blockierten, in dieser erdrückende Neubaugebiet verfrachtet werden. Für sie waren damals die eineinhalb-Zimmer-Appartements gedacht. Als die alten Leute dann nicht kamen, weil sie den sozialen Wohungsbau nicht bezahlen konnten und lieber in gewohnter Umgebung sterben wollten, da riss man kurzerhand die Zwischenwände ein und legte jeweils zwei Appartements zusammen. So entstanden Drei-Zimmerwohnungen. Vornehmlich in der Siegener Straße und im Spekteweg, gleich in der Nachbarschaft zum Jugendfreizeitheim. In den Blöcken 655, 656, 657 leben seither die kinderreichen Familien, nicht selten sechs bis acht Menschen in drei Zimmer zusammengepfercht.

Sie waren natürlich allesamt recht herzlich willkommen, als die "Gelse" einige Wochen nach dem Prügeldebakel fürs Publikum geöffnet wurde. Doch bevor die Girlanden stiegen, die Beatbands aufspielten und eigens dafür engagierte Ballett-tänzerinnen den Betonbau-Kinder ihre Akrobatik vorführten, hatte Alfons Brawand in doppelter Hinsicht Vorsorge getroffen. Nach dem ersten Reinfall konnte er sich schon aus optischen Gründen keinen weiteren Prestigeverlust mehr leisten. Drei Einsatzwagen der Polizei standen abrufbereit in der Nebenstraße, Brawand blieb mit ihnen über ein Sprechfunkgerät, das er bei sich trug, in ständigem Kontakt. Aber jene Jugendlichen, denen der etwaige Knüppeleinsatz galt, die waren zur offiziellen Einweihung erst gar nicht erschienen. Die hatte Brawand nämlich jeweils mit einem Zwanzigmarkschein zuvor bestochen. "Macht euch einen schönen Tag!", soll er ihnen gesagt haben. Darauf sind Dino, Liebel, Ito, Ristow, Becker, Kaiser, Hotte, Ricci und Accer abgezogen. "Ist das ein Angsthase, dieser Amtsarsch", feixten sie und zogen durch Spandaus Kneipen, Geld genug hatten sie ja.

PÄDAGOGIK UNERWÜNSCHT

Allmählich begriff Rüdiger auch, was Alfons Brawand wohl unter einem richtigen Praktiker verstand. Leute, die sich weniger von ideellen Zielsetzungen leiten lassen, die kaum Skrupel kennen, wenn es darum geht, ihren eigenen Erfolg und einen reibungslosen Ablauf zu sichern, die sich auch nicht groß um pädagogische Grund-sätze in einem Jugendheim kümmern. Sonst wäre Brawand ja nicht auf die Idee verfallen, Zwanzigmarkscheine auszuteilen, nur um der lieben Ruhe willen. Er hätte sich ebenso gut vor der Eröffnungsveranstaltung, an der ihm soviel lag, mit den renitenten Jugendlichen zusammensetzen und mit ihnen über ihre Vorstellungen sprechen können. Denn eines war doch ziemlich klar: Diese Jugendlichen wollten etwas, nur was, das wusste keiner. Rüdiger jedenfalls hatte sich fest vorgenommen, mit Dino und Co. Berührungspunkte zu finden. Doch er tat sich ungemein schwer.

NUR VORSTADT-KÖTER
Dino und Co., das waren 15 Leute zwischen 18 und 23 Jahren, die sich in einem Klub zusammengerottet hatten - "Trink-Dich-Frisch" nannten sie ihn. Jugendliche, die in ihrem Leben noch nie aus Spandau rausgekommen sind, die tagein, tagaus durch ihr Neubauviertel lungern. Die meisten stammen aus zerrütteten Familien. Vater arbeitslos und Alkoholiker, Mutter laufend schwanger, an Streitereien mangelt es nicht, nur am Geld. Die meisten sind seit ihrem Schulabgang arbeitslos. Jugendliche, die seit ihrer Kindheit machen konnten, was sie wollten - sie blieben doch die begossenen Vorstadt-Köter, eben Straßenkläffer, die keiner hören will und keiner ernst nimmt. Zärtlichkeit und Nähe haben sie nie kennen gelernt, Lehrstellen gab's auch keine, nur die ewige Langeweile und ein Nichtstun, das aggressiv macht. Und das Jahr für Jahr im grauen Beton mit seinen Schiffsluken und der quälenden Enge. Da holt sich dann ein jeder, was er braucht, sucht sich seine Nischen in einer Gesellschaft, die dichtgemacht hat, die keine Chancen eröffnet, die von solchen Jugendlichen einfach nichts wissen will und mit dem Begriff "Randgruppe" für sich ein beruhigendes Vokabular erfand. Setzt sich dieses Grundgefühl erst einmal fest - nutzlos zu sein, nicht gebraucht zu werden - , dann sind Raubzüge, Körperver-letzungen, Autodiebstähle eine der unweigerlichen Antworten - nicht aus Kriminalität, vielmehr aus Verzweiflung. Schließlich wollen Dino und Co. sich ihre Sehnsüchte, ihre Träume nach Freiheit, Autobahn, Disco und Mädchen nicht vermasseln, nicht zertreten lassen. Sie wollen nicht dastehen nur mit einer lumpigen Mark in der Hand und noch eine weitere Abfuhr riskieren. Sie sind zwar Frührentner,das heißt für sie aber noch lange nicht, den ganzen Tag am Fenster zu hocken und Mutter immer beim Staubsaugen zu helfen.

OHNE LEHRE, OHNE JOB - EINFACH GAR NICHTS

Unversehens geriet der zunächst unbeleckte Rüdiger in ein Dickicht sozialer Probleme, auf die er nicht vorbereitet war, aus denen es aber keinen Ausweg gab. Wie sollte er eine Lehrstelle besorgen, wie sollte er ihnen die Trinkerei, die Kokserei abgewöhnen? Gut, Verhütungsmittel für die Mädchen hätte er vielleicht organisieren können, und mit dem Jugendrichter sprach er ohnehin von Zeit zu Zeit. Rüdiger, der aus der strumpfsinnigen Fabrik geflohen, ausgestiegen war, der den Mief der Brauerei nicht mehr ertragen hatte und an einen sozialen Aufstieg glaubte, er sah sich plötzlich einer noch "beschisseneren Welt" gegenüber - Jugendlichen, die teilweise noch nicht einmal die Möglichkeit bekamen, am Fließband zu stehen und für die ein Disco-Abend das höchste der Gefühle wäre, wenn sie doch nur das nötige Geld hätten.

Aber die Kinder vom Falkenhagener Feld waren zum Teil schon über Jahre ohne Job, und von ihren Eltern kriegten sie auch nicht die ersehnten Groschen. Deshalb gingen sie in die "Gelse", auf der Suche nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Durchbruch. Da standen sie nun in dem bombastischen Neubau, der alles andere war als ein Jugendfreizeitheim. Vielleicht ein Offizierskasino, vielleicht ein Soldatenheim, so hygienisch und steril schlug schon das Äußere durch. Die skandinavischen Klubsessel, das Tonstudio und die Großraumküche für eine ganze Kompanie. Die "Gelse" war das traurige Resultat ehrgeiziger Reißbrett-Bürokraten, die über "jugend-pflegerische Aufgaben" lamentierten, aber insgeheim ihre Bedürfnisse nach Groß-mannssucht und Millionenetats verwirklicht sehen wollen.

"HOLT DIE BULLEN"

Schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung war von dem Glanz nichts mehr da. Wie sollte es auch? Jugendliche, die zu Hause nicht einmal ihr eigenes Zimmer hatten, die nie viel Spielzeug besaßen, die sich in der Konfliktbewältigung stets auf ihre Fäuste verließen - die mussten diesen Heimwohlstand einfach als eine ungeheure Provokation empfinden. Da verbarrikadierten sich nach 22 Uhr die "Trink-Dich-Frischler" im Klubraum. Das Heim sollte geschlossen werden, doch Dino und Co. wollten nicht gehen. Gutes Zureden quittierten sie mit lautem Gejohle. "Holt doch die Bullen", holt doch die Bullen, das ist unser Raum, das ist unser Raum ...". Sie schmissen den Kühlschrank und eine Kommode vom ersten Stock auf die Straße und flüchteten erst durchs Fenster, als Rüdiger mit dem Beil ein Loch in die Tür schlug, um mit dem Gartenschlauch das Zimmer unter Wasser zu setzen.

Nachbarn aus den gegenüberliegenden Einfamilienhäusern zogen gegen die übenden Beatbands zu Felde. Ein Lärmschutzwagen des Berliner Senats registrierte, dass die zulässige Lärmgrenze um vierzig Prozent überschritten sei. Das Bauamt hatte vergessen, in die Außenwand eine Schallisolierung einziehen zu lassen (Kostenpunkt: 40.000 Mark). Folglich durften fast zwei Jahre lang auch Musik-gruppen nicht mehr proben. Ohne großes Aufhebens kürzte das Bezirksamt Spandau für die geplanten Neigungsgruppen die finanziellen Mittel um zwanzig Prozent. Mit ganzen 750 Mark musste das Heim jährlich auskommen, wenn es sich Kleinmaterial besorgte. Die Illusion von einem intakt funktionierenden Jugendfreizeitheim wurde jäh zerstört.

MENSCHEN IN KÄFIGEN

In all den Jahren registrierte Rüdiger nicht ein einziges Mal auch nur einen aufmunternden Satz. Keine Äußerung, die Mut machte, kein Hinweis, der als Unterstützung oder Rückendeckung gewertet werden könnte, Dabei hätten sich doch gerade die Beamten einmal fragen lassen müssen, welchen Unsinn sie dort hingebaut haben, Menschen in Beton einzupassen und selbstgefällig von "übergeordneten jugendpflegerischen Aufgaben" zu philosophieren. Wie sollen sich Jugendliche in einem Heim wohlfühlen, in dem alles DIN-genormt zugeht; angefangen vom künstlichen Freizeitangebot - Kicker, Flipper, Billard - bis hin zur Schadensre-gulierung. Nach dem Motto: So, nun sind wir mal ein Stündchen artig. Eine solche antiquierte Konzeption musste von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.

Über eines sind sich alle im klaren. Man könnte die "Gelse" dichtmachen, es wäre kein herber Verlust, es gäbe wohl auch kaum jemanden, der ernsthaft protestieren würde, nicht einmal die verbliebenen Jugendlichen. Höchstens die Montagabende müssten sie dann aus ihrem Programm streichen. Montags kommt es schon vor, dass sich mal fünfzig oder sechzig Jugendliche für ein Weilchen in der "Gelse" aufhalten. Nicht etwa, weil etwas Besonderes abläuft, sondern weil in einem kalten, kalten Raum, Schallplatten, sogar neue CDs aufgelegt werden. "Disco" sagen alle dazu, eben Saturday-night-fever zum Wochenbeginn, wo doch für die meisten zwischen Sonn- und Werktagen ohnehin kein Unterschied besteht. Hotte fühlt sich für die Scheibe zuständig, als der DJ von der Gelse immerhin. Wenigstens einmal in der Woche sieht er, dass er gebraucht wird. Keiner kennt sich nämlich so gut mit der Anlage aus, keiner kann auch so gut Englisch wie Hotte.

"EINEN SATZ" - WOHIN ?

Kerstin hat sich schon des öfteren gefragt, woher Hotte eigentlich so gut Englisch kann. Hotte antwortete ihr die Frage natürlich: "Det ha ich ma selba bejebracht." Hotte ist der Bruder von Dino, dem Chef der "Trink-Dich-Frisch-Clique". Acht Kinder zählen sie zu Hause. Eine Dauerarbeit haben Dino und Hotte bis heute nicht gefunden. Eine Zeit lang fuhr Hotte Wäsche aus. Damals ging er noch mit Uschi, damals sparte er noch für eine Wohnungseinrichtung. Als die Reinigung dann Pleite machte, sein Chef über Nacht mit dem restlichen Geld nach Westdeutschland türmte, standen noch die letzten beiden Monatslöhne aus. Seinen Boss und sein Geld sah er nie wieder. Inzwischen ist sein Gespartes aufgebraucht, mit Uschi ist er fertig, und zu einer echten Arbeit hat er keine Lust mehr. "Selbst wenn die mir heute den besten Job anbieten", erklärt Hotte vom Discositz. Aber nun kann Hotte ja nicht sein ganzes Leben in der "Gelse", DJ spielen, Disco mimen, Starallüren mimen, wenigstens im Probelauf. "Nee,", sagt er, "vielleicht bis dreißig, irgendwann um diesen Dreh mache ich bestimmt einen richtig großen Satz." - Nur wohin, das weiß er noch nicht.






































Dienstag, 25. März 1980

Landkommune Fohrenbachhof - Ausgewandert in die Hoffnung
























You may say, I am a dreamer
But I am not the only one
I hope some day you 'll join us
And the world will live as one.
(John Lennon)

"Du hast keine Chance, aber nutze sie"
Rowohlt Verlag, Reinbek
vom 25. April 1980
von Reimar Oltmanns

Eigentlich ist Volker der Motor in der niederbayerischen Landkommune Fohren-bachhof. Da kann es nachts ruhig spät geworden sein, weil man neugierigen Städtern das alternative Leben auf dem Lande zu erklären versuchte, da können morgens die anderen sieben Mitbewohner noch schlafen, er melkt um sechs Uhr die beiden Ziegen Luna und Lolita. Aber auch sonst: Ganz gleich mit welcher Arbeit Volker gerade tagsüber beschäftigt ist, ob er Geschirr spült, im Garten Unkraut jätet oder an der Kreissäge steht, für einen Hofrundgang, der auch Stunden dauern kann, hat er immer Zeit. Ihm ist es einfach wichtig, um Jule seinen Arm zu legen, Irene zu küssen oder Hilde zu streicheln. Volker versteht sich auf Zärtlichkeit, auf die, wie er sagt, denn sie sei "nun mal unser größtes Kapital".

NEUE ZÄRTLICHKEIT

Mit Hilde verbindet Volker schon eine jahrelange, enge Freundschaft. Jonas haben sie ihren einjährigen Sohn genannt. Doch Hilde spricht wenig von Volkers Hauptan-liegen der neuen Zärtlichkeit. Ihr geht es mehr um Sinnlichkeit und Selbstbesinnung. Oft liegt sie auf ihrem Bett und lauscht per Stethoskop ihren Herztönen. Töne, die sie auch in der Natur wahrzunehmen glaubt. Hilde schwört auf autogenes Training und Selbstmassage. Nur so ließen sich körperliche und seelische Verkrampfungen langsam lösen, nur so wäre ein Neuanfang in ihrem Leben möglich geworden. Eine gelockerte Hilde, die mit Hammer und Nagel am Dachstuhl zimmert, Holz klein hackt, aber auch Stunde um Stunde mit ihrem Stethoskop in sich versunken am Weiher sitzt.

EINSAMKEIT

Erich dagegen trägt schwer an seinen eigenen Zweifeln, die er als Luxus deklariert. Er ist der Intellektuelle in der Kommune. "In der bürgerlichen Gesellschaft", erklärt Erich , "wird sich wohl keiner den Luxus erlauben, Skrupel zu haben." Auf dem Fohrenbachhof kann er es aber, meist ungestört, bisweilen auch selbstquälerisch. Theologische pder philosophische Fragestellungen halfen ihm dabei nicht ent-scheidend weiter. Erich meint, die Menschen mögen ihn nicht, sie wollen höchstens etwas von ihm. Deshalb kämen in ihm regelmäßig Berührungsängste hoch. Die kontrolliert er, indem er sich laufend einredet, er im Grunde sei es ja, der die Leute ablehnt - vor allem wegen ihrer graumäusigen Durchschnittlichkeit. Dies wäre in der Stadt schon so gewesen, dies sei nun auf dem Lande auch so. Erich spricht selten mehr als nur das Nötigste. Er ist ein Typ, der die reduzierte Sprache bevorzugt. Am liebsten sitzt er am Schreibtisch oder unter der Markise und liest Biografien, die verflossene Jahre nachzeichnen. Kaum etwas, was ihn aus seiner vordergründigen Ruhe brächte. Und wenn, dann verschließt sich Erich noch mehr und taucht für lange Spaziergänge in den angrenzenden Wäldern unter - allein natürlich.

LEBENSGEFÜHL - KÖRPERGEFÜHL

Erich bezeichnet Irene als seine Frau, auch wenn sie unverheiratet sind und die beiden die Ehe als "bürgerliches Privateigentum in einer Männergesellschaft" charakterisieren. "Aber was soll ich zu ihr sagen", fragt er ein wenig hilflos, "Geliebte, das passt , Freundin ist mir zu flach und Lebensgefährtin zu oberschichtig." Also ist Irene seine Frau in der Fohrenbachhof-Kommune, noch dazu, wo sie ebenfalls einen Sohn haben, der Jan gerufen wird. Irenes Betonung liegt auf dem Wörtchen Gefühl. "Mensch, guck mal", sprudelt es aus ihr heraus, "wir leben auf dem Land, das ist unheimlich schön. Wenn das Wetter prächtig ist, wir unter dem Birnbaum zusammensitzen und Wein trinken. Das alles nach einem Tag, an dem wir ein Dach abgedeckt oder Heu reingeholt haben. Dann stellt sich einfach ein Lebensgefühl und ein Körpergefühl her, das die vermieften Stadtexistenzen gar nicht kennen; sozusagen ein Extra, ein Bonus für uns." Irene scheut sich nicht vor pathetisch klingenden Vergleichen, um sich und ihre Gefühlsansprüche zu erklären. Sie will jemanden lieben und hassen. Ihm sagen können, dass er eine "alte Arschgeige" ist, dass er seinen "erbärmlichen Scheiß" alleine machen soll, dass er gegenwärtig mit ihr kaum rechnen darf, weil sie bitter enttäuscht sei. Sie will es ihm einfach sagen können, ohne ihn gleich zu verlieren und ihm "grundsätzlich ihre Zuneigung zu entziehen". Ein Verhalten, das in der Stadt die wenigsten tolerierten; nicht einmal die eigene Familie oder die Mitbewohner in Wohngemeinschaften, in denen Irene zeitweilig lebte.

NEBENSCHAUPLÄTZE

Dafür bietet die Stadt zu viele Nebenschauplätze, zu viel Ablenkung, zu viele Ersatz-Freundschaften, zu viele Verdrängungsmöglichkeiten. Auf dem Fohrenbachhof jedoch, in der niederbayerischen Einöde, sind extreme Gefühlssprünge erlaubt, selbst wenn es für den einen oder anderen schmerzlich ausgeht. Denn wen es hierher verschlägt, der muss schon ein Quantum an Entschlossenheit mitgebracht haben, das Alteingefahrene hinter sich zu lassen. Sein Anliegen, in aller Abgeschiedenheit zu leben, verträgt sich nicht mit dem üblichen Stadtverhalten. Es würde ihm auch gar nicht gelingen, City-Allüren auf dem Lande zu kopieren, Konflikte auszuweichen, sie in Alkohol zu ertränken oder sie vorteilheischend herunterzuspielen. Auf dem Fohrenbachhof kann keiner vor sich selbst und vor den anderen flüchten. Außer in der Gruppe gibt es keine zwischenmenschlichen Kontakte, nicht einmal ein Telefon. Außer dem Hof gibt es nichts, nur eine durchdringende Ruhe, die jeden zuschnürt, der mit ihr nicht umzugehen weiß.

NICHT BIZARR GENUG ... ...

Der Fohrenbachhof liegt tief im Niederbayerischen eingegraben, umgeben von großflächigen Feldern und dichten Wäldern, fernab von Bundesstraßen und Fabriken. Passau, die nächstliegende Stadt, haben manche einheimischen Bauern erst zwei- oder drei Mal in ihrem Leben gesehen. Der Hof war früher ein verlassenes, klappriges Gehöft mit zwei Hektar Land ohne Kanalisation und Elektrizität. Hätten ihn Erich, Irene, Hilde und Volker im Jahre 1975 nicht für 85.000 Mark aufgekauft, er wäre allmählich verfallen. Es war ein Konjunkturpreis zu jener Zeit, weil in der Alternativen-Bewegung viele Freaks ihr Stadt-Getto mit einem beschaulich anmutenden Bauernhof einzutauschen versuchten. Die Gegend lässt einen Neuankömmling ihre Verlassenheit spüren. Für Tourismus ist der Landstrich nicht bizarr genug, für Industrieansiedlungen sind die Anfahrtswege zu weit. Armut und Arbeitslosigkeit werden in Niederbayern noch mit dem sonntäglichen Amen beantwortet. Kaum ein Bauer könnte hier ohne Nebenverdienst über die Runden kommen. Ein Hof, der halbwegs rentabel bewirtschaftet wird, benötigt en Betriebs-kapital etwa zwischen 150.000 und 200.000 Mark. Ihn zu erwerben, würde mindestens 2.5 Millionen Mark erfordern.

SCHALLMAUER DURCHBROCHEN
Als Erich, Irene, Hilde und Volker mit ein paar Büchern und Klamotten auf ihren Fohrenbachhof zogen, konnten sie sich längst nicht mehr zur Jugend rechnen, obwohl sie es taten. Nur Irene steckte noch in den Zwanzigern, die anderen drei hatten bereits die Trau-keinem-über-dreißig-Schallmauer durchbrochen. Sie gehörten zu jenen, denen die Fähigkeit zur alltäglichen Anpassung den Lebensnerv zu rauben schien. Sie gaben Positionen auf, die ihnen ein gesichertes Einkommen und eine kalkulierbare Beamten-Laufbahn eröffnet hätten. Die Soziologen Erich, Hilde und Volker hatten über Jahre darauf hingearbeitet, einmal als Hochschul-lehrer Studenten auszubilden. Irene durchlief noch die Studienreferendarzeit. Sie wollte eigentlich Studienrätin werden. Aber je länger Irene sich auf ihre Beamten-laufbahn vorbereitete, desto mehr empfand sie das bürgerliche Leben als eine Not-gemeinschaft, die aber "richtig ihre Krallen nach mir ausstreckte. Immer war ich nur auf dem Prüfstand", sagt Irene. "Bei meinen Eltern musste ich gute Schulnoten nach Hause bringen, die Uni sollte ich möglichst mit einem Einser-Examen verlassen, um überhaupt noch die Chance einer Anstellung zu haben, im Referendariat versuchte mich dann der Staat zu testen, ob ich ein ordentlicher Mensch bin, ob ich ein gewissenhafter Beamter werde, ob ich auch akkurat angezogen bin, ob ich auch das Gefragte dezent aber unzweideutig in ihrem Sinne formulieren kann, ob ich in einwandfreien Verhältnissen lebe, ob ich ein dreckiges oder saubere Auto fahre."

LEISTUNGS-SCHINDEREI

Und dann er innere Zwiespalt: "Du stehst vor deinen Schülern, sollst sie auf Leistung trimmen, mit Zensuren massiv Druck ausüben, obwohl dir selbst die aberwitzige Leistungsschinderei zuwider ist."

Und dann die Ohnmacht: "Am schlimmsten waren nicht die Schülern, sondern ihre Eltern, mit denen du als fortschrittlicher Lehrer eigentlich zusammenarbeiten wolltest. Aber die kamen nur alle Naselang angelaufen, um zu hinterfragen: , . Machtest du es nicht, gönntest du den Schülern eine Atempause, schon musstest du dich vor dem Direktor verantworten. Wild gewordene Eltern hatten sich bei ihm beschwert. Sie hätten den Eindruck, ihr Sohn lerne zu wenig. Der Chef nickte ver-ständnisvoll, und du warst wieder unter einem beschissenen Rechtfertigungszwang."

BEVORMUNDUNG, ENTMÜNDIGUNG

Und dann die Konsequenz: "Als ich meine Entscheidung gefällt hatte, dass ich in eine Landkommune gehe, da fühlte ich mich unheimlich befreit. Es war ein Gefühl, dass mich die Institutionen mit ihrer ewigen Bevormundung und Entmündigung am Arsch lecken können, dass ich mich endlich nicht mehr unauffällig, opportunistisch und ekelhaft verhalten muss, um mich zu behaupten." Nur in einem Punkt plagte Irene anfänglich das schlechte Gewissen. Ihr Vater hatte sich als Postbote im Hannoverschen im wahrsten Sinne die Hacken abgelaufen, damit seine Tochter studieren kann und es in der Beamtenhierarchie, von der er immer sprach, ein wenig weiterbringt als er. Mit Irenes kärglichem Landleben und einem unehelichen Sohn dazu musste sie zwangsläufig die lang gehegten Hoffnungen ihres Vaters enttäuschen.

Allmählich reagierten die Eltern von Erich, Hilde und Volker. Hatte doch mit ihren Kindern alles wie am Schnürchen geklappt, gab es noch nicht einmal wie in anderen Familien einen plötzlichen Knall. der einen Bruch mit der Gesellschaft rechtfertigte, kein Berufsverbot, keinen Rausschmiss. Ganz im Gegenteil: Alles verlief gradlinig nd erwartungsgemäß. Der Ausstieg ihrer Kinder aus dem Beruf traf die Eltern deshalb um so unverhoffter und unvorbereiteter. Sie haben ihn bis heute nicht verarbeitet, er hat Narben hinterlassen.

MARCUSE-ZITATE AUF DEM ACKER

Bei Erich und Volker kam aber etwas anderes hinzu. Beide verstehen sich als Sozialisten mit dem einstigen Anspruch, die bundesdeutschen Gesellschafts-strukturen radikal zu verändern. Einen Anspruch, den sie als SDS-Mitglieder in Frankfurt mit in die APO-Bewegung einbrachten, aber zu keiner Zeit einlösen konnten. Das hat sie verhärtet und bitter gemacht. Erich und Volker zählen nämlich quasi zur Nachhut der "Frankfurter Schule". Ihnen gehen heute noch Adorno-, Horkheimer- und Marcuse-Zitate auf dem Acker spielerisch über die Lippen, so als würden sie den praktischen Nachweis für die Richtigkeit der Kritischen Theorie liefern wollen. Etwa die Marcuse-Überlegung: ein neues Verhältnis zur Natur sei ein zentrales Moment der "Umwertung aller Werte".

Ihr Auszug aufs Land beruht im wesentlichen auf zwei Eingeständnissen. Zum einen: "Kein sozialistischer Ansatz in den letzten Jahren ist in nennenswerterem Umfang über den zumeist intellektuellen Umkreis ihrer Schöpfer hinausgegangen", erklärt Erich. Zum anderen: Es war die Linke, die zwar stets von Massenpolitik und Massenbewegung, von Bewusstseinsprozessen und Proletariat redete, in Wirklich-keit aber in ihrem eigenen Theoriedunst erstickt, weil sie unfähig war, einen praktischen Bezug zu ihrer konkreten Utopie herzustellen, und deshalb kläglich scheiterte. Eine Linke, die dem elitären Irrglauben verfiel, allein mit Rationalität und Aufklärung sei die Hauptarbeit auf dem Wege zu einem "neuen Menschen" schon geleistet, und dabei Lebensgefühle und -zusammenhänge derer verschmähte, die sie eigentlich mit ihrer Politik erreichen wollte. Und eine Linke, die offenkundig nicht merkte, dass nicht sie die Institutionen, sondern die Institutionen sie verändert haben.

LINKE WIDERSPRÜCHE

Volker wollte nicht länger mit einem hohen politischen Anspruch durch die Mensa laufen, er hatte . Den Studenten etwas über egalitäre und soziale Bewegungen oder Selbstorganisationen zu erzählen, quasi einen auf Idealismus machen und tatsächlich sein ganzes Leben darauf auszurichten, nur in der Universitätshierachie hochzukommen. Und Erich spürte in den Lehrveranstaltungen seine Machtlosigkeit. Die Hochschule war für ihn kein Freiraum mehr, kein Ort der offenen, geistigen Auseinandersetzung, sie hatte für ihn die Gestalt eines Durchlauferhitzers. Immer mehr Studenten strömen in die Hochschulen, um in immer kürzerer Zeit mit irgendeiner Qualifikation abgefrühstückt zu werden. Eine regelrechte Verschulung von Vorlesungen hat sich eingeschlichen - ausgelöst durch Erlasslawinen der Kultusbürokratie. Die Universität als Lernfabrik, als Zuliefererbetrieb für gewisse theoretische Bedürfnisse in der Gesellschaft. Erich: "Okay, jedes Jahr ein Streik, bei dem nichts rauskommt, den man routinemäßig abhaken kann. Aber sonst rollt die politische Entwicklung der Anti-Kernkraft-, der Ökologie- und Alternativbewegungen über die Hochschulen hinweg. Ich sah keinen Sinn mehr darin, mich als aufgeklärter linker Mensch in diesem Beruf zu verschleißen, Soziologen zu produzieren, die dann irgendwann doch ein Arbeitslosendasein fristen. Dann lasse ich doch den ganzen Kathedersozialismus und versuche meinen eigenen Kram zu machen, indem ich meine Vorstellungen und Ideen wirklich umsetzen kann ...".

RÜCKZUG INS PRIVATE

Erich und Volkers Auslassungen sind von vielen städtischen Freunden missver-standen worden. Manche spotteten über ihren Rückzug ins Private, andere glaubten gar, ihr Verhalten sei gänzlich unpolitisch und nur durch resignative Anflüge erklärlich. Doch beides ist falsch. Wer sich lediglich zurückzieht, der kann auch wiederkommen. Erich, Irene, Hilde und Volker denken aber nicht im entferntesten daran, eines Tages wieder anzuknüpfen, wo sie 1975 aufhörten. Sie zogen sich nicht zurück, sie brachen endgültig mit dieser Gesellschaft. Ein Bruch, der irreparabel ist. Ihnen ist absolut klar, keiner wird in seinem alten Beruf jemals den Anschluss wieder finden können. Selbst wenn er es nach Jahren reuig wollte, der Staat würde seinen Beamtennachwuchs wohl zuallerletzt aus linksorientierten Landkommunen rekrutieren. Ihr Einschnitt bedeutet nicht nur den Endpunkt einer bürgerlichen Karriere. Sie haben sich ebenfalls vom viel gerühmten sozialen Netz in diesem Lande losgesagt.

GRUPPENNORMEN

Doch alle wussten um den schmalen Grad, auf dem sie sich bewegten. Und alle hatten auch ein wenig "Angst vor dem Sprung in den neuen Lebenszusammenhang". Denn wann und wo lassen sich eindeutig die Grenzlinien ziehen, etwa zwischen kleinfamiliären Verhaltensweisen und tatsächlich neuen Formen des Miteinanders, wo endet die unterdrückende Gruppennorm, wo beginnt die befreiende Solidarität, wann hat jemand eine Neurose und wann sagt man, ja endlich, das ist die neue Identität, wann ist die zu leistende Arbeit nicht entfremdet, sondern selbstbestimmt, inwieweit muss man sich noch kapitalistischen Marktzwängen unterordnen?

WALD- UND WIESENEXISTENZEN

Fragen, auf die alle Kommune-Mitglieder Antworten finden mussten, wollten sie sich nicht zu bloßen Wald- und Wiesenexistenzen degradieren, bei denen zwar kein Schuldirektor und keine Kultusbürokraten, sondern dafür Hofschrate das Sagen haben. Eines war allen so ziemlich klar. Ein Ausstieg verheißt noch lange keinen neuen Einstieg. Keiner wusste, ob sie nicht schon nach einem Jahre zerrüttet und zerstritten vor einem Scherbenhaufen stehen. Viel hatten sie von anderen Land-kommunen gehört, die sie auch teilweise besuchten - von deren Zerbrechlichkeit, von dem ständigen Kommen und Gehen, von den überspannten Erwartungen des Alles oder Nichts, von Landkommunen, die mehr ihren Zweck als Zwischenstation auf dem Weg ins transzendentale Indien erfüllten, von menschlichen Enttäuschungen, angesiedelt zwischen sexuellen Befreiungswünschen bei gleichzeitig tief verinner-lichtem Besitzdenken, manche kapitulierten auch vor der harten körperlichen Arbeit oder der Einsamkeit, andere klagten über den radikalen Konsumverzicht, Gebrauchsgüter, die in der Stadt so niedrig eingeschätzt wurden und nun auf einmal doch zu fehlen scheinen.

"PÄRCHEN-UNWESEN" ADE - FREIE LIEBE ÜBERALL

Erich, Irene, Hilde und Volker machten etwas Vernünftiges. Sie fuhren Monate durch die USA, klapperten eine Landkommune nach der anderen ab. Sie wollten lernen, Erfahrungen sammeln und Rückschlüsse ziehen, den immerhin gibt es seit Ende der sechziger Jahre an die 2.000 Landkommunen-Projekte in den Vereinigten Staaten. Sie sahen Kollektive , die in ihrer Rigidität und Radikalität nicht zu bremsen waren. "Der Kampf gegen die Scheiße in uns ist ein Teil des Aufbaus einer neuen Gesell-schaft", hieß es da. Und ihre eigene Scheiße bezog sich keineswegs nur auf äußere Begleiterscheinungen wie politische Unterdrückung oder Rassismus. Sie meinten damit vielmehr den persönlichen Besitz an Gebrauchs- und Konsumgütern, denen gleichfalls Liebe, Sexualität, eben die ganze Privatsphäre zugeordnet wurden. Als Idealzustand galt, wenn jedes Bedürfnis eines Kommunemitglieds, ob es ein Buch lesen will, einen Spaziergang macht oder sich einfach für eine gewisse Zeit zurückziehen möchte, durch Gruppendiskussion geregelt wird. Wer der Gruppe eine derart herausragende Vormachtstellung zuerkennt, der muss zwangsläufig jede Art von Zweier-Beziehung bekämpfen. Der muss natürlich Monogamie als störend empfinden, weil sich die jeweiligen Partner in erster Linie auf sich und nicht auf die Gruppe beziehen. Deshalb wurde in vielen Landkommunen auch folgerichtig das "Pärchen-Unwesen" zerschlagen, um für die anderen ohne Schuldgefühle offen zu sein - und zwar politisch, persönlich und sexuell.

VOLLGEKIFFT UND ABGEFÜLLT

Natürlich beobachteten die vier instabile Gruppen, die völlig ausgeflippt waren, denen jedes Selbstverständnis für alternative Lebensformen fehlte, obwohl sie in der Land-Szene herumhingen. Typen, die in Plastik-Hütten hausten, zwischen Auto-wracks und lebenslustigen Ratten, ohne Wasser und Strom. Herumstreunende Jugendliche aus den Großstädten, oft vollgekifft und abgefüllt, die sich in den Landkommunen auspennen und durchfressen konnten, bis sie irgendwann weiter-zogen. Mütter, die teilweise nicht wussten, von welchem Mann ihr Kind kam, aber mit ihrem zwölfjährigen Sohn den Beischlaf probierten, damit der Junge nicht unnötig unter dem Ödipus-Komplex zu leiden habe. Natürlich hab es auch Land-kommunen, die nach schwierigen Anläufen recht gut funktionierten und wo man glaubte, sich Stein für Stein seinen Lebensidealen zu nähern. Doch der Trip durch Kalifornien - das war schon ein bisschen das Ende eines Traums, einer abgehobenen Vision. Manches, was zunächst nach Befreiung aussah, erwies sich als ausgemachte Konfusion von tief verunsicherten Menschen, die die Zivilisation hingerichtet hat.

TRIST ODER TOT

Aber nun standen Erich, Irene, Hilde und Volker den ersten Tag im Spätsommer 1975 vor ihrem Traum, dem Fohrenbachhof im Niederbayerischen. Nur - da war nichts mehr von der kalifornischen Sonne und dem Easy-Rider-Gefühl übriggeblieben, kein pittoresker Blickwinkel, kein kontemplatives Moment. Denn es regnete unentwegt, der Lehmboden war glitschig aufgeweicht und die neue Landkommune watete im städtischen Gang über den Matsch-Hof. Junge Leute, die in ihrem Leben noch keine Mistgabel in der Hand gehalten hatten, die keine Schwielen kennen, lediglich ihren Schreibknubbel am rechten Mittelfinger, die standen nun da, an diesem nasskühlen Sommertag, und schauten ziemlich verzagt drein. Keine Wasserleitung funktionierte, von der Kanalisation ganz zu schweigen, Stromleitungen, die rausgerissen an nassen Wänden baumelten, in den Räumen roch es nach feuchtem Schimmel, wurmstichige Holzbohlen hier und dort , kurzum: alles wirkte trist und tot.

Vor allem bei Irene schlug der unbehagliche Neubeginn schnell auf die Psyche durch. Gut, sie alle wussten schon recht lange, was und wie viel noch gemacht werden musste - aber das waren doch bisher mehr oder weniger theoretische Überlegungen gewesen. Als Irene noch in der Stadt wohnte und des öfteren an den Fohrenbachhof dachte, da waren es die Butzenscheiben, der Birnbaum und ihr Töpferhandwerk, das sie recht bald erlernen wollte. Und je mehr sie sich über Kollegen, Eltern und Schüler ärgerte, desto schnuckeliger erschienen ihr die Butzenscheiben, desto üppiger sollte die Birnbaumernte ausfallen.

FEDAJINEN-TÜCHER - DIE DRITTE WELT

Irene spürte ihre Beklemmungen, ihre Verwirrungen. Sie fragte sich, ob die Idee mit der Natur nicht ein Hirngespinst gewesen sei. Die sogenannte Natur hatte sie nur durch die Sonntagsnachmittagsspaziergänge mit ihren Eltern kennengelernt, ein Promenadenlauf, den sie immer hasste, weil er sich so kleinbürgerlich artig und damit borniert ausnahm. Später hockte sie meist in verqualmten Buden und bierver-stunkenen Kneipen - das war die Studentenzeit. Man redete über Sein oder Nichtsein, über den französischen Existenzialismus und über die neue Linke; keine Natur-frische, sondern stumpfe Blässe, tief liegende Augenringe und die Nickelbrille waren und natürlich auch Gauloises und Roth Händle, die wie ein selbstverständliches Ritual auf dem Tisch lagen. Dann kam die Phase mit den Fedajinen-Tüchern, das wachgeküsste Bewusstsein für die Probleme der Dritten Welt. In ihrem Bekannten-kreis hatten die meisten solch ein Fedajinen-Tuch. Und wenn es abends mal kurz zum Griechen, Türken oder Libanesen essen gingen, da hatten sie alle ihre Tücher umgelegt. Sie begrüßten den Wirt und sein Personal ganz emphatisch, einfach stellvertretend für die Freiheitskämpfer im Nahen Osten oder auch nur als Sympathiebeweis für die südlichen Regionen. Irene jedenfalls empfand solche Abende besonders schön und schick. Aber hier, auf dem Fohrenbachhof, konnte sie nicht mehr schnell um die Ecke zum Libanesen. Da saß sie in der Küche und schaute auf diese ewig grüne Wiese. "Wenn sie doch mal eine andere Farbe hätte", dachte sie sich. Aber immer dieses gleichbleibende Grün. Sie überlegte, ob ihr Ausbruch aufs Land nicht doch nur eine Flucht sei, der Fohrenbachhof eine seelische Mülldeponie für Schutt und Schlacke, die sie aus der Stadt mitgebrachten. Oder ob die Natur nicht einfach ein Projektionsventil für verschwiegene Wünsche und Hoffnungen ist, die man sich in der Stadt untereinander nicht eingesteht, weil es zu sentimental klingt, wo doch selbst der Umzug auf einen heruntergekommenen Hof noch eine sozialistische Perspektive hat. Und die Natur? War es das, was sie suchte, glaubte sie hier ihre verschwiegenen Hoffnungen und Wünsche, die sie ja selbst nur vage oder flüchtig kannte, verwirklichen zu können? Sie bezweifelte es am ersten Tag, der kalt, nass und ungemütlich war.

IM NEUEN LEBENSZUSAMMENHANG ... ...

Für Hilde dagegen bot das heillose Durcheinander die einmalige Chance, neue Lebensbezüge herzustellen und alteingefahrene Strukturen auszuhebeln. Sie schaffte sich mühelos ins Chaos rein. Das Wort Lebenszusammenhang hatte bei allen eine zentrale Bedeutung. Da wurde nicht nur renoviert, sondern die Werkelei schuf einen neuen Lebenszusammenhang für die Landkommune. Erich sagt: "Wir spielen auf dem Fohrenbachhof nicht Bauer, wir arbeiten auch nicht mit den Bauern. Sondern wir produzieren bestimmte Sachen für uns, die wir früher nicht kannten. Wir produzieren nicht nur Bewusstsein, sondern mit diesem Bewusstsein ein kleines Stück gesellschaftliches Sein - freilich nur für uns, nicht für andere."

... ... MACHT JEDER ALLES

Es war Hilde, die irgendwo im Umkreis einen Boiler auftrieb, ihn anmontierte und einen Wasserhahn dranschweißte. So hieß der erste neue Lebenszusammenhang die Auflösung der traditionellen Rollen zwischen Männer und Frauen. Jeder machte alles, in einem Rotationsverfahren. das nach vier Jahren zu einer Selbstverständlich-keit geworden ist. Und die Maxime lautet: "Keine Arbeit sollte wertvoller sein als eine andere." Erich kann inzwischen fabelhaft abwaschen - und das dreimal am Tag. Volker versteht sich ausgezeichnet mit der Waschmaschine. Hilde pflanzt im Garten, Irene mistet den Stall aus. Tags darauf ist es umgekehrt. Die Landkommune will keine Spezialisierung aufkommen lassen. Jeder soll nachvollziehen können, was die jeweilige Arbeit des anderen bedeutet. Für einen Fremden wirkt das alles sehr un-organisiert. Mal ist einer im Garten, mal beim Dachdecken, mal beim Erdbeeren-Einmachen, dann mal wieder nicht. Doch diese undeutsche Arbeitsweise hat einen entscheidenden Vorteil. Keiner trägt allein die viel zitierte Verantwortung, womit er auf die anderen Druck ausüben und sie unterdrücken kann. Jedenfalls können Hierarchien so kaum entstehen, denn der gemeinsame Arbeitszusammenhang ver-bindet die Gruppe. Erich fiel die Umstellung besonders schwer. Theoretisch fand er es nur logisch, so und nicht anders vorzugehen. Aber in der Praxis sah das schon düsterer aus. Ihm schien nichts richtig voranzukommen. Er vermisste die ein bürgerliches Leben lang eingeübte Verbindlichkeit. Mal hilflos, mal wild entschlossen packte er mit an, jeden Tag an einer anderen Stelle. Doch das Bad, das ursprünglich schnell eingebaut werden sollte, war erst nach einem halben Jahr fertig. Es brauchte seine Zeit, bis sich Erich auch innerlich von seinen Effizienzvorstellungen und dem selbsterzeugten Termindruck lösen konnte.

EIGENLEBEN

In dieser Phase entfernte sich die Gruppe immer stärker von der Gesellschaft. Langsam entwickelten sie ihr Eigenleben, das von äußeren Einflüssen ziemlich unbehelligt bleibt. Zwar ist es nicht so, dass politische Ereignisse in den Metropolen oder auch anderswo nicht zu ihnen vordringen, dafür gibt es die Frankfurter Rundschau, aber sie haben kaum noch ihr Gewicht. Wenn um 20 Uhr die Tagesschau läuft, der Einmarsch russischer Truppen in Kabul die Aufmachermeldung ist, dann beschäftigt sich die Landkommune mit einem ihr näherliegenden Tagesereignis. Ihr Hahn hinkt, und die Hennen warten. "Ein neuer muss her", sagt Volker. "Das finde ich gemein. Drei Jahre hat er uns die Treue gehalten. Können wir ihn nicht leben lassen und in Pension schicken?" erwidert Irene.

MAX - DAS SCHWEIN

Die Kommune sitzt in ihrem Wohnzimmer an einem großen Tisch. Das Tagwerk ist vollbracht, der Feierabend angebrochen, und jeder weiß etwas zu erzählen aus der Welt des Hofes - und dazu benötigt keiner einen Fernseher oder ein Radio. Auf das allabendliche Schwätzchen legen sie besonders großen Wert, betont Hilde. Die Fohrenbach-These: Arbeit ist Freizeit, Freizeit ist Arbeit. So findet es keiner lästig, wenn am Hofabend des Verhältnis zum Schwein "problematisiert" wird. Das Schwein heißt nur Schwein - und das stimmt einige nachdenklich. Zur Kuh sagen sie Klara, zum Esel Nelle, zu den Schafen Luna, Lolita, zu den Ziegen Mimi und Mariechen. Und zum Schwein? Zwei Fraktionen taten sich zeitweise bei diesem Thema auf. Die eine sah im Schwein nur einen Fleischhaufen, der irgendwann mal pfannengerecht hergerichtet werden muss. Die andere sagte, diese Namenslücke sei ein bedenkliches Zeichen. Die Kommune müsse wirklich einmal ihr Verhältnis zu den Viechern überprüfen. Schließlich wolle man von Klara ja auch nur Milch und von Luna, Lolita auch nur Wolle. Okay, meinten jene, die das Schwein gern anonym lassen wollten. So wurde aus dem Schwein Max, und alle waren zufrieden.

SDS-MANN MIT WEIHNACHTSSCHMUCK

Freizeit soll aber auch ein Stück Besinnung sein - natürlich über sich selbst und vielleicht über sein Verhältnis zum Hof. Was zu Anfang keiner für möglich hielt und jeder weit von sich wies, ist inzwischen eingetreten, der SDS-Mann von einst, der mit Schriften hervortrat, "Die Revolution ist vorbei, wir haben gesiegt", schmückt Weihnachten seinen riesengroßen Tannenbaum, der bis unter die Decke reicht" und bestückt ihm mit "richtigen Kerzen". Um fünf Uhr nachmittags läutet Volker zur Bescherung, die Gruppe singt Weihnachtslieder, bevor er aus der Bibel Markus- und Matthäus-Passagen vorliest. Manchmal bevorzugt er auch russische Märchen, weil sie so gut zum Hof passen. Besonders "Das weiße Entchen", hat es ihm angetan. "Rituale sind wichtig", beteuert Volker, "weil das Leben, vor allem hier draußen auf dem Lande, sonst eine freudlose Geschichte wäre. Es hat halt langfristig keinen Sinn, überbrachte Formen des Bürgertums abstrakt zu negieren", sagt der Soziologe. Am Silvesterabend geht Volker jedenfalls auf den Hof knallern, an der Sonnenwende hüpft er mal kurz übers Lagerfeuer. Mit Knallfröschen hatte er das letzte Mal als Schulbub zu tun, die Bedeutung der Sonnenwende lernte er als Pfadfinder vor 15 Jahren kennen - damals, als sie auf ihren Zeltplätzen "Wir lagen vor Madagaskar und hatte die Pest an Bord" auf ihrer Mundorgel schmetterten.

SONNTAGS IST UNIFORMTAG

Apropos Feuer, zu ihm hat Volker eine besondere Affinität, wohl weniger zum Löschen, aber das gehört nun mal dazu. Er ist nämlich Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Ruhstorf. Die Gruppe war erstaunt , als sie von Volkers Feuerwehr-Engagement hörte. Volker meinte, das müsse man im "Nachbarschaftszusammen-hang" sehen. "Natürlich, sagten die anderen. "Wir können hilfsbereit und solidarisch sein. Das versteht sich von selbsr. Deshalb brauchst du nicht gleich so 'ne komische Uniform anzuziehen, die verdammte Ähnlichkeit mit der SS-Maskerade hat, nur der Totenkopf fehlt noch."

Oft ist sonntags für ihn der Uniform-Tag. Dann geht's im roten Ruhstorfer Feuerwehr-Bus zur Fahnenweihe nach Österreich oder querbeet durch die Nachbardörfer, hier ein Schlückchen, dort ein Männerwort. Doch Hohn und Spott vergingen recht bald. Vielleicht war Volkers Feuerwehr-Uniform genau das richtige, um die freiwillige Selbstisolation im Niederbayerischen wenigstens stundenweise zu durchbrechen, um überhaupt mal zu erfahren, was die Dorf-Insider im fernen Umkreis über die Landkommune tuschelten. Denn Anlässe gab es ja genug.

SCHLEYER-FAHNDUNG, GRUPPEN-SEX

Im Rahmen der Schleyer-Fahndung tauchten im Herbst 1977 unverhofft dreizehn mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten auf dem Hof auf. Sie durchsuchten sämliche Schränke und Schubläden, fotografierten sogar den Hof und Stall. Die Beamten verhielten sich zwar korrekt und der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer (*1915+1977) wurde bekanntlich auf dem Hof auch nicht gefunden, doch wilde und wüste Spekulationen machten die Runde. Einheimische Bauern, die sich regelmäßig in der Kneipe Göttlinger zum Weizenbier und Doppelkopfspiel treffen, äußerten ganz offen ihr Unbehagen. Die Polizei wäre nie und nimmer dort mit Maschinenpistolen im Anschlag hineingegangen, hieß es lapidar. Kommunisten und Anarchisten würden auf dem Fohrenbachhof hocken. Das seien alles verlauste Gestalten. In solch brenzligen Situationen war es schon wichtig, dass Volker über die Feuerwehr seine Außenkontakte sorgsam pflegte. Dass Kommandant Brüller am Stammtisch seinen Doppelkopf-Mitspielern widersprechen konnte. Und sich allmählich bei den Unwilligen die weniger spektakuläre Erkenntnis durchsetzte, den Fohrenbachhofern gehe es vielmehr darum, ob sie ihre Roggen- und Gerstenfelder mit Chemikalien oder mit ihrem Kompost düngen sollten. Diesen Stimmungswandel kann sich Volker als sein Verdienst anrechnen. So entpuppte sich ein weitaus harmlosere Thema zum Dauerbrenner, an dem sich auch der Pfarrer unauffällig beteiligt. Die unverheirateten Paare, die unehelichen Kinder, keiner will einen Trauschein oder den kirchlichen Segen. Wissen die Frauen überhaupt - von welchen Männern die Kinder abstammen? Machen die Gruppensex oder nicht? Das sind heute die Fragen, die die Gemüter immer aufs neue bewegen.

BIERVORRAT UND EIN KOMMANDANT

Es war ein bedeutsamer Tag in der jungen Fohrenbachhof-Geschichte, als im Sommer 1979 erstmals die Feuerwehrmannschaft plus Löschwagen auf dem alternativen Hof vorfuhr. Kommandant Brüller, im Zivilberuf Dachdecker, hatte kurzerhand eine Übung auf dem Fohrenbachhof angesagt. Irene kriegte sich gar nicht wieder ein, sie flitzte in die Diele, um den Biervorrat zu kontrollieren. "Wir müssen Bier holen", sagte sie in einem fort. Pit, ein ausgeflippter Lehrer, der gerade zu Besuch war, eilte in seinem schwarzen BMW zu Göttlinger und brachte gleich fünf Kisten mit. Keiner wusste so recht, wieviel die Feuerwehr wegschluckt. Aber nach Volkers Alkoholpegel zu urteilen, den er stets nach den Übungen hatte, schienen schon fünf Kisten arg knapp bemessen. Hilde, die ein wenig geschlafen hatte, kam verblüfft in die Küche: "Mensch, gut mal, die Feuerwehr ist da. Das hätte ich ja nicht gedacht." Selbst Erich, einer der ruhigsten, hoppelte etwas schneller über den Hof. "Bier reicht nicht, wir müssen auch Stullen anbieten", befand er. Die plötzliche Hektik schien verständlich. Letztlich ging es ja auch gar nicht ums Löschen, sondern einfach darum, dass die Kommune sich von den Einheimischen akzeptiert fühlte - quasi durch Kommandant Brüller und seine Mannen übermittelt.

RODEO AUF NIEDERBAYERISCH

Nun standen die Feuerwehrleute unten am Weiher und spritzten mit einem mords-atü Wasserfontänen auf die nahestehenden Bäume. Volker blieb auffällig in Brüllers Nähe, ein bisschen wie sein persönlicher Referent. Hilde, die ihn beobachtete, konnte mit seinem Verhalten wenig anfangen. "Merkwürdig", dachte sie, "in Frank-furt an der Uni, da hatte Volker mit seinen Vorgesetzten ständig Autoritätsprobleme. Aber wenn der Feuerwehr-Typ ihm etwas sagt, dann springt er." Die Übung dauerte keine halbe Stunde. Dafür zog sich die Biertrinkerei bis weit in die Nacht hinein. Und tatsächlich war es eine der milden und sternklaren Sommernächte unter dem Birnbaum, von denen die betonerfahrenen Städter schwärmen, wenn sie ans Landleben denken. Die Feuerwehr-Mannen und die Landkommune saßen im Kreis, Kommandant Brüller war ihr Mittelpunkt. Bierlallend erzählt er eine Schote nach der andern, auf niederbayerisch, versteht sich. Irene, Hilde und Erich lachten meist recht gequält, denn trotz vierjähriger Fohrenbach-Erfahrung verstanden sie den Kommandanten nicht. Volker, der am Lagerfeuer herumkokelte, hatte es da einfacher. Als der Kommandant "etwas Alternatives" sehen wollte, holte Volker den alternativen Esel Nelle aus dem Stall. Brüller glaubte ein Witzbold zu sein und setzte sich in seiner Feuerwehr-Montur auf Nelle. Nicht einmal seine Offiziersmütze nahm er ab. Erst ritt er gemächlich, ganz souverän, doch dann wurde Nelle zusehends schneller. Alles brüllte und Kommandant Brüller lag auf dem Acker ... ... Rodeo auf niederbayerisch.

HEIMTLOSE KINDER

Nur Ute missfiel die Zweckentfremdung ihrer Nelle. Ute musste lange drum kämpfen, bis sie in der Gruppe den Ankauf von Nelle durchgesetzt hatte. Sie verbindet ein ganz zärtliches, beinahe mütterliches Gefühl mit dem Esel. An Regentagen kann sie Stunden mit ihrer Nelle im Stall verbringen, Auf den ausgiebigen Spaziergängen ist Nelle ihr treuester Begleiter. Ute stieß erst später auf die Fohrenbach-Landkommune. Sie kommt aus Berlin, ihren Lehrerberuf hat sie ebenso aufgegeben wie ihren Mann. Nikolaus, ihren 15jährigen Sohn nahm sie allerdings mit auf den Hof. Er ist ein gebeutelter Junge, der wenig Fröhlichkeit verbreitet. Nikolaus würde lieber in der Stadt leben als zwischen Hühnern und Misthaufen. Aber was soll er machen? Keiner außer Ute will ihn für längere Zeit haben. So bleibt ihm nur der Fohrenbachhof. Ute, ein wenig rund und pummelig, lebt ins ich gekehrt, schweigsam und anspruchslos. Ganz selten kommt es vor, dass sie mal explodiert. Wenn, dann aber unüberhörbar -Tassen und Wurstsalat flogen schon aus dem Küchenfenster.

KEIN AUSSTIEG VOM AUSSTIEG

Vier Jahre Fohrenbachhof, das war für die Gruppe keine Spielerei. Das war überaus harte körperliche Arbeit, oft acht bis zehn Stunden am Tag, bei einem durchschnitt-lichen Stundenlohn von 1,90 Mark. Heute kann jeder ein Zimmer sein eigen nennen, die Felder werden pünktlich bestellt, die Ställe sind intakt, Kirschen und Erdbeeren füllen die Weckgläser, eine kleine Getreidemühle fürs Brotmachen wurde ange-schafft, eine Käsemolkerei ist im Entstehen, Fohrenbachhof-Kartoffeln sind inzwischen in der Frankfurter Sponti-Szene zum Begriff geworden. Aber was für Erich, Irene, Hilde und Volker noch viel wesentlicher ist, sie sind zusammenge-blieben, keiner stieg aus dem Ausstieg wieder aus. Ganz im Gegenteil: während in anderen Landkommunen die Fluktuation zum größten Problem wird, wächst der Fohrenbachhof um Leute, die auch bleiben möchten.

ALTE WERTE AUS DER LUKE GEFLOGEN

Vor zwei Jahren kamen John und Angela mit ihrer kleinen Tochter Rebecca. Benjamin, ihr jüngstes Kind, wurde ein Jahr später geboren. John bezeichnet den Fohrenbachhof als "die beste Landkomune", die er bisher erlebt hat. "Wir wollen hier unseren Weg zwischen bürgerlicher Anpassung und den neuen Heilslehren aus Poona suchen", erklärt John. Er muss es wissen. Denn John ist der typische Freak, unverbildet, welterfahren, launisch und putzmunter. Niederbayern hat John jedenfalls seine Handschrift schon aufgedrückt. In zwölf Landkommunen zog er Gemäuer hoch, baute Schornsteine und verputzte Wände, "Abends", sagt John, "da hab ich das Gefühl, dass ich was ganz Wertvolles für die Gemeinschaft getan habe, weil sich jeder über meine Mauern freut, und ich kriege so meine Selbstbestätigung." John ist Engländer und wuchs in Leeds auf. Als Schiffsfunker fuhr er Jahre zur See, Der Endpunkt für ihn war eine stürmische Nacht vor Island. Achtzehn Stunden hatte er schon gearbeitet, da sollte er auf Weisung des Kapitäns noch eine stotternde Maschine reparieren. Er hat es gemacht, hinter aber gekündigt. "Viele alte Werte sind in diesem Moment einfach aus der Luke geflogen. Ich habe mich gefragt, warum, was soll das?"

GETRAMPT, GESOFFEN, GEVÖGELT, GEDEALT

John holte seine gesparten 2.000 Pfund Sterling vom Konto und ist durch Europa bis nach Indien getrampt. Er hat gesoffen, LSD geschluckt, gedealt, gevögelt, gestohlen und seine Mundharmonika gespielt. John über seine Rauschgift-Phase: "Ich habe so viel erlebt. Dreckiges und auch Gutes in der Zeit. Das war eine totale Hirnwäsche, dass ich selber gemerkt habe, dass ich neue Werte in meinem Leben brauchte. Es war chaotisch, ich bin halb verrückt geworden im bürgerlichen Sinn. Da waren Zeiten, da wusste ich einfach nicht mehr, was richtig oder falsch war. Ich konnte nur schwer antworten, wenn mich jemand was fragte. Ich konnte nur sagen: "You know, do what you wanna do, man!" So war das.

DROGEN IN DEN ARSCH GESTECKT

In Italien saß John vier Monate wegen illegalen Drogenbesitzes im Knast, dann wurde er ohne Gerichtsverhandlung abgeschoben. Über Griechenland ging er in den Vorderen Orient. Ich wollte immer schon nach Afghanistan. In Istanbul habe ich einen deutschen Fixer getroffen. Wir sind zusammen durch die Türkei , durch den Iran bis nach Afghanistan getrampt. Ich war in Herat, das ist gleich die erste größere Stadt, wenn du rüberkommst. Solltest du dir ruhig merken. Ich war da aber ganz entsetzlich magenkrank mit hohem Fieber. Zwei Tage war ich schlimm beieinander. Ich konnte nicht schlafen, es war sehr heiß im August. Und zu meinem Freund habe ich gesagt, komm, gib mir einfach einen Schuss. Irgend etwas, was mich ein bisschen betäuben könnte. Weil ich Haschisch nicht mehr riechen konnte. Ich habe ihn beschwatzt, der wollte erst nicht. Na ja, dann doch. Und die Wirkung, die hat mir gut gefallen. Ich war immer an Drogen interessiert. Und da unter ist es optimal mit den Drogen. Ich hatte Geld und konnte in der Apotheke seelenruhig einkaufen. Fünf Monate später habe ich 2.000 Tabletten zurückgeschmuggelt, in einer kleinen metallenen Zigarrenkiste. An der Grenze habe ich die einfach in den Arsch gesteckt. Ungefähr die Hälfte konnte ich für prima Geld in Frankfurt und Darmstadt verkaufen."

KEIN GEFÜHL MEHR - JUNKEY-MENTALITÄT

Ein Schock-Erlebnis brachte John nach zwei Jahren Drogenkonsum allmählich von der Fixe runter: "In Amsterdam, wo ich immer eingekauft habe, war ich auf einem Hausboot, da war immer en Haufen Fixer. Eines Abends bin ich da hingegangen, und da kratzte vor meinen Augen einer ab. Die haben diskutiert, was sie mit ihm machen sollen. Da war kein Gefühl mehr, da war nichts mehr drin, nur eine eiskalte Junkey-Mentalität. So ein Arschloch, dachten die, warum muss er ausgerechnet hier abkratzen. Werfen wir ihn einfach in den Kanal. Polizei können wir jetzt nicht rufen, ist zuviel Stoff an Bord."

Nach dieser Uraufführung packte John Angst und Panik, mal selbst irgendwann abzunibbeln und ähnlich zu verrecken. Er flog von Amsterdam nach England zu seinen Eltern und ließ sich "trockenlegen", wie er es nennt. Er brauchte Monate - aber John schaffte es.

JOHN UND ANGELA

Zurück in Deutschland, lernte John in einer Münchner Wohngemeinschaft seine Angela kennen. Es waren bewegte Zeiten, und John dachte immer nur an das Heute, "weil morgen ein ganz anderer Tag beginnt". Denn nichts sei von Dauer, auch nicht die Zweier-Beziehungen. Angela, noch verheiratet, liebte zwar John, schlief aber noch mit ihrem Mann. Es fiel ihr unendlich schwer, sich total von ihm zu lösen. Das wiederum trieb John "fast zum Wahnsinn". Er ist ein Freak, den die Eifersucht ab und zu böse erwischt. Aber es ist ihm wohl zuzuschreiben, dass Angela eines Tages aus dem beziehungslosen Allerlei raus wollte und nur mit ihrem John aufs Land zog. Damals in der Stadt kam es keinem in den Sínn, auch nur einen Satz über Kinder zu verlieren, selbst in den sinnlichsten Momenten nicht. Auf dem Lande dagegen war der Wunsch auf einmal da, er wurde immer stärker und kommt auch nach zwei Kindern immer wieder.

John sagt, ohne die Kinder könne er heute nicht mehr sein. Wenn John am Sonntag zum Weizenbier-Frühschoppen zu Göttlinger geht, nimmt er seine kleine Rebecca, kurz Beckie genannt, natürlich mit. Sie sitzt dann auf seinem Schoß und schlabbert Eis, manchmal pinkelt sie ihrem Vater auch auf die Hose. "Das macht nichts", meint John, "das trocknet wieder". und wischt mit seinem Hemdsärmel die Eisreste von Beckies Schnute.

KEINE KOMPLEXE

Es gibt wohl keinen auf dem Hof, der John nicht mag. Das liegt aber nicht nur an seiner handwerklichen Begabung, die die Intellektuellen bewundern, oder an seinem exzellenten Hanfanbau, von dem alle genüsslich profitieren. Vielmehr hat John eine natürlich Art, mit sich und seinen Problemen umzugehen. Er hat keine Komplexe, während die anderen schon ihr Dasein manchmal als Komplex empfinden. So kann John ungeniert über seinen psychischen Schutt reden, den er noch nicht abgetragen hat. Eine Offenheit, um die ihn die übrigen insgeheim beneiden, weil sie nur unentwegt darüber theoretisieren, in Wirklichkeit aber sorgsam darauf achten, dass ihr "Müll" hermetisch verschlossen bleibt.

DOCH KEIN PRÜGELTYP

Johns größtes Problem ist es, wenn er aus irgendeinem nichtigen Anlass melodramatisch wird. Wenn Hof-Besucher sich zum Beispiel über die britischen Gewerkschaften lustig machen und bei solcher Gelegenheit auch noch schwer gebechert wird. Dann flippt John regelrecht weg. Nicht etwa, dass er sich mit den Besuchern anlegt und denen eine scheuert, "viel schlimmer", sagt John, "dann hau ich der Angela eins in die Fresse, dabei hat sie keinen Pieps gesagt. Blöd ist nur", fährt er fort, "die Angela ist kein Prügeltyp, die schlägt nicht zurück. Dann wären wir ja quitt. Aber Angela sagt nur, sie würde das nicht mehr lange aushalten. Gott sei Dank, schon ein halbes Jahr ist nichts mehr passiert."

EIN TRAUM - AUTARK ZU SEIN

John glaubt auch zu wissen, woher seine unkontrollierbaren Aggressionsschübe rühren. In gewissen Abständen wird John aus dem alternativen Lebenszusammen-hang herausgerissen. Das macht ihn missmutig und sauer. Entweder verdingt er sich in Fabriken am Fließband, fährt mit einem Fischkutter von Cuxhaven aus drei Monate zur See oder er ist mit Maurerkelle und Wasserwaage unterwegs. John muss Geld verdienen, sich als Arbeitskraft verkaufen. Trotz Weizenanbau, Tierhaltung und Kartoffelernte, trotz minimaler Ansprüche überhaupt - eines blieb für die Land-kommune bislang ein unerreichbarer Traum: völlig autark von der deutschen Wirklichkeit existieren zu können, den alternativen Lebenskontext strikt von der kapitalistischen Welt zu trennen.

Der Hof mit seinen zwei Hektar Anbaufläche ist zu klein, ihr landwirtschaftliches Programm gleicht einem Kolonialwarenladen. Während professionelle Bauern sich immer mehr mit der Elektronik befassen und nur noch die Monokultur ihr Überleben sichert, nimmt sich der Fohrenbachhof wie eine romantische Reminiszenz aus dem vergangenen Jahrhundert aus. Nun war es ja auch nicht das erklärte Ziel, Landwirtschaft unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betreiben. Sie soll eher die Selbstversorgung sichern. "Basisbedürfnisse", nennt Erich das, "ohne sich auf Geld- und Marktbeziehungen einlassen zu müssen."

GELDER REINBUTTERN

Er selbst weil allzu gut, dass seine Darstellung geschönt ist. Jeder muss monatlich 500 Mark in den Hof reinbuttern. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Gut, John geht jobben, Erwin, ein anderer Freak, bastelt griechischen Schmuck und zieht damit durch die Städte, Irene übersetzt nebenbei noch aus dem Englischen, die Kopfar-beiter Erich und Volker publizieren einiges über alternative Philosophien. Aber die anderen? Richtig, sie sind weiter denn je von jedweder Marktbeziehung entfernt. Doch waren sie gleichzeitig noch nie derart von einer anderen Institution abhängig, die bekanntlich Staat heißt: Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe erhalten jene, die ständig auf dem Fohrenbachhof leben. Ein Zustand, mit dem keiner zufrieden ist und der wohl auch kaum von Dauer sein dürfte. Ganz davon abgesehen, dass die ewigen Behördengänge, das Sich-Ausfragen-Lassen, sich und fremden Leuten Rechenschaft abzulegen, Beklemmungen hervorrufen, die alles andere als alternativ sind. "Was sollen wir machen", fragt Volker. "Wir haben uns in eine Gegend mit teurem Ackerland reingesetzt, wir haben selber viel zu wenig Land und mit unserem Projekt bald die Grenze erreicht."

Die ursprüngliche Idee, die Natur als Instrumentarium gegen den westdeutschen Kapitalismus und seine Abhängigkeiten einzusetzen, funktioniert auf dem Fohrenbachhof nur bedingt. Gut, es gäbe Möglichkeiten, dieses Dilemma zu verringern. Klein Fleisch mehr zu essen, Vegetarier zu werden. Tatsächlich haben viele Landkommunen Fleisch, Kaffee, Bier etc. abgesetzt, um ihre Haushaltskasse zu entlassen. Und auf Fleischkonsum zu verzichten, hätte noch einen weiteren Vorteil. Man würde mit dem Grundprinzip, das eigentlich auch ihres ist, - kein Leben zu töten, um selbst zu leben -, endlich übereinstimmen. Dennoch, die Diskussion darüber blieb widersprüchlich und halbherzig. Im Grunde genommen wollte keiner von seinem saftigen Schnitzel oder Steak lassen. Für John wäre so etwas unvorstellbar. Wenn er vom Bau komm und müsste mit einer Kartoffelsuppe und Kräutertee vorlieb nehmen! Schon ein Bier-Stopp würde John zu "grundsätzlichen Überlegungen" veranlassen.

GROSSE ERWARTUNGEN - LEISE ENTTÄUSCHUNGEN

Das alternative Leben auf dem Lande, die großen Erwartungen, die leisen Enttäuschungen - es wäre pure Illusion anzunehmen, dass Romantik heile Welt bedeutet, dass Genügsamkeit Grundwidersprüche aufhebt, dass Abgeschiedenheit von der Zivilisation gesellschaftliche Konflikte dieser Tage zudeckt. Sicherlich leben die Mitglieder der Fohrenbachhof-Kommune nicht mehr so fremdbestimmt, so perspektivlos, so dumpf vor sich hin wie viele andere in diesem Land. In der Tat, ein Stück Selbstverwirklichung. Aber auch die Fohrenbachhofer kämpfen mit ihren Ungereimtheiten, die sie manchmal bis ins Unerträgliche belasten. Eine solche Ungereimtheit kennzeichnet ihr Verhältnis zum Besitz. Eigentum im bürgerlichen Sinne wurde weitgehend abgeschafft.

INZEST-TABU ODER LUST AUFS BETT

Von den acht Leutchen könnte jeder im Grundbuch stehen, jeder hat eine Vollmacht über das gemeinsame Konto, auf das sie selber ihre 500 Mark einzahlen und ihre Erlöse aus den landwirtschaftlichen Produkten überweisen lassen. Besitz existierte eigentlich nur als Zweierbeziehung zwischen Irene und Erich, Hilde und Volker, Angela und John. Auch ihre Kinder kannten kein eigenes, sondern nur noch Gemeinschaftsspielzeug. Das bürgerliche Überbleibsel der festen Pärchen erklärt sich aus den teils miserablen, teils grotesken Erfahrungen, die andere Landkommunen mit ihrer Gruppenpromiskuität gemacht haben. Sie ist vielerorts der gefährlichste Sprengsatz, weil dabei immer irgend jemand auf der Strecke bleibt, der dann früher oder später das Weite sucht. Erich, Irene, Hilde und Volker schien aber das gemeinsame Projekt zu wichtig, als dass sie sich auf derlei possierliche Vabanque-Spielchen einlassen wollten. Deshalb verständigten sie sich zu Anfang allesamt auf ein sogenanntes Inzest-Tabu in ihrer Großfamilie. Das bedeutet: striktes Verbot für jeden, mit dem Partner des anderen ins Bett zu gehen. Wer das Fremde will, solle nach Frankfurt oder München fahren zu einem Mann oder einer Frau, die mit dem Hof nichts zu tun haben. Das ging auch vier Jahre gut, wenngleich Volker in den letzten zwölf Monaten zusehends häufiger ganz demonstrativ auf Wilhelm Reich verwies. Volkers Motto: "Lest Reich und handelt danach." Was soviel heißt: gerade in einer Landkommune, in einer Gruppe, die sich schon über Jahre kennt, gemeinsam arbeitet, gemeinsam Freizeit verbringt, sollte es doch möglich sein, sich auch in dieser Lust-Frage vom "kleinbürgerlichen Sumpf" zu befreien und damit angstfrei seine Gefühle, sein sexuelles Verlangen mit verschiedenen Partnern auszuleben. Das klingt fantastisch und ist es sicherlich auch, aber doch vor allem für jene, die genügend Ichstärke besitzen, um Verschmähung, Liebesentzug, Demütigung ertragen zu können und selbst bei der plastischen Vorstellung, "meine Hilde ist gerade zu Erwin ins Bett gekrochen", weiter in der guten Stube hocken zu bleiben und seelenruhig am alternativen Wein zu nippeln.

WILHELM REICH LESEN

Wer das kann, der sollte nicht nur Wilhelm Reich lesen, er sollte in der Tat auch danach handeln. Und es ist ja auch "verdammt schwer", befindet Irene, "nicht mal mit anderen nachts zusammen sein zu dürfen. Jeder denkt dran, keiner tut's. Du sitzt abends mit Volker unterm Birnbaum, Lagerfeuer und so. Erich ist schon lange im Bett, du verbringst da wahnsinnig schöne Stunden und dann trennen sich beider Wege. Das ist doch irgendwie bescheuert." Dabei hat Irene schon tagsüber Schwierigkeiten. Etwa, wenn sie mit Volker den Weidezaun repariert. Irene: "Komisch, wir haben uns plötzlich nicht mehr wie normal angeschaut. Das waren Blicke, die den anderen auszogen, sagenhaft -."

KARTOFFEL-TRANSPORT UND DIE FOLGEN

So sagenhaft war es dann doch wieder nicht, als Volker und Irene am Hofabend unter dem Tagungsordnungspunkt "Verschiedenes" der erstaunten Kommune berichteten, dass sie in Frankfurt, wohin sie der Kartoffeltransport führte, miteinander geschlafen hätten, ja, dass sie es nicht einmal bereuten, "weil es wirklich wahnsinnig lustvoll und schön gewesen ist." (Irene). Die Genossen in der Frankfurter Wohngemeinschaft hätte das ganz toll gefunden, prima, sollen die gesagt haben, dass so etwas bei euch möglich ist. Die Reaktion der Fohrenbach-Kommune hingegen war arg betreten. Erich kriegte zunächst keinen Ton raus und saß kauzig in seiner Ecke. Hilde bekam einen Heulkrampf, John meinte, "die haben einen echten Vogel", Pit, der Besucher, prophezeite, Volker werde sich hier auf Kosten anderer ein Dorf-Harem aufbauen. Volker verstieg sich in eine "Vorwärtsstrategie", wie er später zugab. "Ich habe der Irene ja schon zwei Mal angeboten, dass ich ihr das nächste Kind mache. Gut, das erste ist von Erich, das zweite kommt aber von mir." Und Irene bemerkte dann noch: "Ich finde es gar nicht witzig, wenn ich sehe, welche kleinbürgerlichen Gefühle sich bei euch wieder eingeschlichen haben." - High-noon auf dem Fohrenbachhof.

MEIN UND DEIN

Ausgerechnet zu jener Zeit, in der über den Zweier-Besitz radikaler nachgedacht wurde als je zuvor, als alle in sich gingen und überlegten, ob man an diesem "Besitzverhältnis" nicht doch etwas ändern müsse, um die Gruppe als Ganzes nicht zu gefährden, in dieser Phase wurde auf einer anderen Ebene der Besitzgedanke Mein und Dein wieder eingeführt. Die Kinder stritten sich laufend um die wenigen Spielsachen. Jedes wollte Besitz ergreifen. Hilde thematisierte das Problem: "Das sind Widersprüche", gesteht Hilde, "die wir hier auf dem Hof nicht mehr lösen. Vielleicht in einem größeren alternativen Zusammenhang, der für uns nur in Italien sein kann."

ALTES DORF IN ITALIEN

Vielleicht in zwei, vielleicht auch erst in fünf Jahren will die Landkommune nach Italien ziehen, möglichst mit einer noch größeren Gruppe ein altes Dorf aufkaufen. Volker erklärt: "Wenn wir noch mehr Kinder kriegen, wird der Fohrenbachhof wirklich zu klein, und in Italien wird dann auch keiner mehr auf die Sozialhilfe angewiesen sein, weil wir da mit Sicherheit genügend Land kaufen können." Aber eines steht unumstößlich fest: sie wollen erst auswandern, wenn sie gute Freaks gefunden haben, die ihren Hof im alternativen Sinn weiterführen. Zwei von ihnen könnten Heiner und Jochen sein. Zwei 17jährige Schüler aus Geesthacht. Sie kamen eines Tages mitten in der Schulzeit von Hamburg runtergetrampt. Heiner und Jochen hatten "die Schnauze gestrichen voll, von der Schule, von den Lehrern, von ihrem Elternhaus".

Aber ursprünglich wollten sie nur vierzehn Tage ausspannen. Daraus wurden sechs Wochen. Während ihre Klassenkameraden Tag für Tag büffelten, arbeitete Jochen an der Kettensäge, Heiner fuhr Trecker. Viel von der Zukunft erwarten die beiden ohnehin nicht. Das Abitur soll noch gemacht werden. Aber dann? Achselzucken. "Eine Landkommune", meint Jochen, "das ist schon eine gute Sache. Hier wirst du nicht ständig angeschissen, musst nicht laufend irgendeinen sinnlosen Kram erledigen, hier bringste echt deinen Kopf mit deinem Bauch zusammen." Und auf Zweier-Beziehungen angesprochen glaubt Heiner, "da braucht sich keiner große Sorgen zu machen, das lösen wir auf unsere Art."