Donnerstag, 1. März 1990

Kohl Jahre - Kohls Wahlkampf-Karten

Die permanente Wiederholung einer Erfolgs- meldung ist die Voraussetzung für den Erfolg. - Wenn Themen und Dramaturgie entscheiden, haben Kohl & Co. Bundestagswahlen in den neunziger Jahren stets schon im voraus ge- wonnen.


Männer Vogue, München
vom 1. März 1990
von Reimar Oltmanns

Zweifelsohne gehört er zu den verschlagensten Kulissenschiebern auf der Bühne der Bonner Operettenrepublik. Dabei sieht sich Peter Radunski,51, ganz dezent in der stählernen Rolle eines Politingenieurs: eines Technikers eben, der es versteht, die Volkspartei CDU vorübergehend zum größten Dienstleistungsunternehmen in der Republik zu trimmen. "Ich halte es mit Faust: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", sagt sibyllinisch der wetterfühlige Politverkäufer. Als Bundesgeschäftsführer der CDU führt er vom 14. Stock des Konrad-Adenauer-Hauses, der Parteizentrale, für seinen Markenartikel CDU Werberegie. Nicht umsonst hat Radunski lange Zeit in Amerika zugebracht und dort mit seinen Fischaugen die staatstragenden Show-elemente der Wahlkampfszenarien studiert - nun wird kopiert. "Ob weiche Pampers-Windeln oder widerborstige Politik", hat er gelernt, "eines haben beide gemeinsam: Sie müssen appetitlich verkauft werden. Da beißt die Maus keinen Faden ab." Und im gleichen Atemzug zitiert er den früheren Ex-Präsidenten Richard Nixon mit einem Satz , den er seinen CDU-Mitgliedern als Überlebensmaxime stets aufs neue einhämmert: "Die Öffentlichkeit kauft Namen und Gesichter - keine Partei-programme, und ein Kandidat für ein öffentliches Amt muss fast auf die gleiche Weise in den Handel gebracht werden wie ein anderes Produkt." New politics nennen die Amerikaner ihre Wahlkampfmixtur aus kommerziellen Werbemaßnahmen, Kandidatenshow und Medienspektakel. Wahrhaft perfektioniert hat diese Art der Politverkäufe der Ex-Präsidentendarsteller Ronald Reagan.

MÄTZCHEN UND KINKERLITZCHEN

Peter Radunski - in den "wilden 68er Jahren" Politologe - hat sich in nunmehr zehn Jahren zu einem ausgebufften CDU-Werbemanager entwickelt, einem Macher im Hintergrund, der es versteht, Mätzchen und Kinkerlitzchen nachhaltig ins (Unter)-Bewusstsein des Wahlvolkes zu rücken. Über derlei Wahlkampfführung hat Radunski sogar schon ein Buch geschrieben, das mittlerweile den Ruf eines wissenschaftliches Standardwerkes hat. Radunski und seine Mannen aus der industriellen Top-Werbung besitzen Routine darin, CDU-Figuren generalstabsmäßig auf ihrem Schachbrett in Aktion treten zu lassen. Dass sich bei alldem die politische Reklame in den letzten Jahrzehnten ganz systematisch der Markenartikelwerbung angeglichen und ihren Platz zwischen Blendax-Anti-Belag und Sano gefunden hat, versteht sich sozusagen von selbst. Landtagswahl nach Landtagswahl rattert in den ersten Monaten der Neunziger Jahrzehnts durch die Republik wie dazumal die Lochstreifen durch die Fernschreiber. Und der "größte Hammer", so Radunski, der kommt, wenn die Menschen draußen im Lande den Bundestag neu zusammensetzen. Dann muss Werbung greifen.

EIN LAND WIRD NEU VERMESSEN

Nur, so will es scheinen, auf nichts, was bisher Erfolg garantierte, können sich Deutschlands Wahlmanager in Zukunft verlassen. Unberechenbarkeit heißt der Reizbegriff dieser Monate - quer durch alle Parteizentralen. Stärker denn je befindet sich die Bundesrepublik in einer Phase, in der Lebensumstände, Gefühle, aber auch die Inhalte neu vermessen werden. Kein Meinungsforscher, nicht einmal die engste Kanzler-Vertraute, Elisabeth Noelle-Neumann aus Allensbach, kann mit seriöser Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob nicht das über Jahre in sich intakte Parteigefüge einen argen Knacks bekommen wird, ob sich künftig nicht vielleicht sogar sechs politische Gruppierungen im Parlament um den pathetisch hochgepriesenen Konsens aller Demokraten balgen werden.

Klar ist allein, dass die Stammwählerschaft der etablierten Parteien dahinschmilzt, Man legt sich nicht mehr fest.

Noch Ende der sechziger Jahre votierten neun von zehn Deutschen unverrückbar für eine Partei. Heute hingegen gehören beispielsweise nur noch dreißig Prozent der Unionswähler zu jener sicheren Klientel, die im Zweifel auch einen aufgestellten Pappkarton mit dem Aufkleber CDU wählen würde. Exakt 70 Prozent fallen dagegen unter die Kategorie "unsichere Kantonisten". Für die anderen Parteien dürfte in etwa dasselbe gelten. Es gibt also ein beträchtliches Potenzial an Wählern, die "tendenziell anfällig für Abwerbeversuche" - positiv ausgedrückt: offen für Anwerbeversuche - sind. Gebraucht wird daher eine super Wahlstrategie.

MACHTHUNGER, BAUERNSCHLÄUE

Folglich suchte die CDU-Spitzengruppe mit monotoner Beharrlichkeit nach einem zentralen Wahlkampfthema, das den Menschen unter die Haut gehen sollte. Seit Kohls Regentschaft hängt man in Bonn der machiavellistischen Gesetzmäßigkeit an, die da lautet: "Wer die Ideen hat und auch die richtigen Begriffe wählt, hat auch die Macht über das Denken der Menschen." Ursprünglich dachte man an den Begriff der "Ökosozialen Marktwirtschaft" unter dem Motto "Neu denken für Wirtschaft und Umwelt".

Als Parteimanager Radunski in jener Zeit der "wahlstrategischen Ungewissheit" eines Tages wieder ins Palais Schaumburg zitiert wurde, konnte er freilich nicht ahnen, dass Kohl , der begabte Wahldramaturg, das ursprüngliche Thema verworfen und "einen genialen Einfall" geboren hatte. Kohl lachte breit und aasig wie selten. Die sonst unstet flackernden Augen lagen ruhig im fleischigen Pokerface, die Gesichtszüge waren zufrieden entspannt. Als Kohl das von ihm selbst kreierte Wahlkampfthema erläuterte: die BRD-DDR-Konföderation. Während er sprach, zeichnete sich Machthunger, Bauernschläue, Dickfelligkeit und unverbindlichen Betroffenheit auf seinem Gesicht ab. Radunski entschied, das seien all die Eigenschaften, aus denen Kanzler dieser Tage gestrickt werden. Und begeistert stimmte er zu: "Herr Bundeskanzler, das ist eine wahnsinnig zündende Idee, genau die, die uns fehlte. Damit werden wir die Wahlen gewinnen, und die anderen Parteien laufen uns hoffnungslos hinterher."

ENKEL ADENAUERS

Natürlich dachte Kohl gar nicht daran, sein Wahlkampfthema mit den westlichen Verbündeten abzustimmen, es sich gar von dem profilsüchtigen Koalitionspartner FDP wegnehmen zu lassen. Dass das korrupt-heruntergewirtschaftete SED-Regime in der DDR unfreiwillig die Munition dazu liefern würde, lag für Kohl in der Natur der Geschichte. Ergo trug der CDU-Parteivorsitzende in seiner Eigenschaft als 6. Kanzler der Republik sein ureigenstes Wahlkampfthema ohne jegliche parteifremde Absprache der Öffentlichkeit vor - exklusiv im Bundestag. Selbst das international distanzierte Geraune konnte ihn wenig irritieren. Radunski unbeeindruckt: "Wir haben hier eine Wahlschlacht zu bestehen und nicht die da in London, Moskau oder sonst wo."

Wahlkampf bedeutet Namen mit unverwechselbaren Themen zu besetzen. Selbst die neue DDR-Führung sei ja von der Kohlschen Konföderation angetan. Radunski erkennt: "Kohl ist ja doch irgendwie der Enkel Adenauers."

MARKEN-IDENTITÄT DEUTSCHLAND

Zumindest in einem hat er die Kontinuität sicher gewahrt. Bei der letzten
Bundestagswahl hieß es schon mit nationalem CDU-Zungenschlag in den Landen: "Weiter so, Deutschland." Nunmehr dürften sich auf den CDU-Plakaten die Deutschen in zwei Staaten aus Ost und West schon "ein Volk" nennen. Verständlich, dass die Union die Meinungsführerschaft der "Markenidentität Deutschland" für sich allein reklamiert und den Sozialdemokraten wieder einmal den Geruch der vaterlandslosen Gesellen anhängen will. "Deutsche sollen ihre Identität nicht verleugnen", verlautbarte es in Flugblattlettern in der niedersächsischen CDU. Es gehe wirklich nicht an, dass "die Frage der deutschen Einheit tabuisiert wird". tönte es aus deutschen wahlkämpfenden Landen. Und Helmut Kohl ist fortwährend als Hauptredner mit dabei. Der CDU-Zentrale drohte er schon jetzt an, er gedenke in diesem Wahlkampf 187 Einsätze zu fahren.

Zur erlesenen Wahlkampfdramaturgie zählt, dass er - zumindest nach außen - seine Frau Hannelore an seiner Seite weiß. Radunski schwärmerisch: "Die kommt sehr gut an. Sie zu Hause zu lassen hieße, einen Trumpf zu verschenken - und das gerade in diesen frauenbewegten Zeiten. Wir müssen mitnehmen, was zu holen ist - auch an den rechten Rändern."

IN DEN USA GELERNT

Dessen ungeachtet ist Peter Radunski ein Mann des Frontalangriffs, der sich erst beruflich erfolgreich fühlt, "wenn es richtig rappelt im Karton". Was in den USA seit Jahren gang und gäbe ist, feiert hier seine aberwitzige Fortsetzung. In Hundertausenden von Wohnungen werden die Telefone bimmeln. Bis in die Wohnzimmer hinein geht's zur Sache - für die CDU. Ob Massenbriefe, weit über 700.000 Wahlplakate, Broschüren, Anzeigen, Kino- und Fernsehspots, die Mobilisierung möglichst aller Mitglieder - zwei Dinge stehen jetzt schon fest: Der Wahlkampf der Neunziger dürfte um 100 Millionen Mark teurer werden als der letzte, der an die 200 Millionen Mark verschlungen hat. Und fünf Mark gibt es bekanntlich pro Wählerstimme aus dem Steuersäckel. Der Bundesbürger wird quasi selbst seine Parteimüllcontainer mit Wahlmaterial überhäufen.

VERNICHTUNG VON RESSOURCEN

Gegenüber der CDU mit dem modernsten Wahlkampf-Top-Management nehmen sich SPD und Grüne wie eine spesenverklärte Laienschauspielerschar aus - weit und breit kein Thema, das als Stimmungsmacher, Stimmenfänger von Bedeutung sein könnte. Radunski frohlockt: "Wenn es nach der Schlagkraft unserer Apparate ginge, hätten wir schon vor dem Anpfiff haushoch gewonnen."

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger nannte schon vor mehreren Jahren diese Materialschlachten "eine Vernichtung von Ressourcen, die prinzipiell uferlos isr, weil sich das Nichts beliebig vermehren läßt."











Donnerstag, 1. Februar 1990

Pinguine von der Bannmeile



























Eine Große Koalition reagiert seit Jahrzehnten diese Republik: das Bündnis der Modemuffel, die Schäbigkeit zum Prinzip erklärt haben


Männer Vogue, München
vom 2. Januar 1990
von Reimar Oltmanns

Freitag, 12 Uhr: Für die Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestag beginnt jetzt der Großeinsatz. Die Abgeordneten steigen in glänzende BMW- und Mercedes-Limousinen, es geht nämlich zurück in den heimatlichen Wahlkreis. Die obligate Ausgeh-Uniform der Herren MdB's und Ministerialbeamten duldet seit Jahrzehnten nur gedecktes Grau oder Dunkelblau, Streifenkrawatten und weiße, allenfalls noch zartblaue Hemden. Allesamt schreiben die skrupelfreien Dynamiker zu Bonn anscheinend dieser Kluft eine beruhigende Wirkung zu.

IN LETZTER SAUBERER BLUSE

Abgekämpft, oft in der letzten sauberen Bluse, die Hosen selten noch bügelfrisch, fährt die Politikerkarawane ab zu Heim und Herd. Nicht wenigen ist anzumerken, dass sie sich während der Sitzungswoche nicht einmal die Haare gewaschen haben: Fett hängen die Strähnen ins Gesicht. Mancher Abgeordnetenschuh lässt erahnen, wie flüchtig da vor lauter Zeitnot mit einem Socken drübergezogen wurde - Nachkriegsdeutschland lässt grüßen.

"Grausam und lieblos", so befindet Antje Vollmer, Fraktionssprecherin der Grünen, schon allein die äußere Erscheinungsform vieler ihrer MdB-Gefährten. "Ohne die Frauen zu Hause würden doch viele arg verwahrlosen." Kollegin Waltraud Schoppe konstatiert knapp: "Bleierne Mittelmäßigkeit." Und Annemarie Renger (*1919+2008) ,Vizepräsidentin wie Grande Dame des Hohen Hauses, beklagt sich im trauten Kreis bitter: "Ich habe selten so schlecht angezogene Männer auf einem Haufen gesehen wie im Plenum des Deutschen Bundestages: zu kurze Hosen, unmodische Sakkos - sie sehen scheußlich aus!" So appellierte Berlins Familiensenatorin Anne Klein denn auch an die Volksvertreter, die ihr Graue-Mäuse-Dasein zum Bekleidungs-Prinzip erhoben haben: "Raus aus dem engen Grau, rein in mehr Farbe und Lockerheit. Vor allen Dingen aber, bitte, keine Mode oben ohne."

SCHÄBIGKEIT ZUM KULT STILISIERT

Lediglich der ausgemusterte CSU-Haudegen Richard Stücklen (*1916+2002), einst wohlbeleibter Bundestagsabgeordneter, bot solch herber Kritik wenigstens halbherzig Paroli: "Nur nicht auffallen. Wichtiger ist , wie es drinnen ausschaut." Es blieb dem EU-Kommissar und früheren Wirtschaftminister Martin Bangemann vorbehalten, aus der Schäbigkeit seiner Kleidung einen koketten Kult zu machen. Auf seine ausgelatschten Schuhe angesprochen, sagte er: "Wir sind sowieso bald alle museumsreif."

In der Tat: Die Anachronismen beginnen im Bundes-Bonn bereits bei scheinbaren Vordergründigkeiten. Die Bediensteten des Bundestages stehen noch heute wie dazumal im Frack so akkurat wie bedeutungsschwer Spalier. Die Herren MdB's lümmeln sich derweile im ausgesessenen Neckermann-Verschnitt - nicht selten Horoskop lesend - auf den Abgeordnetenbänken. Nur hin und wieder raunt ein "Hört, hört", durch den leer gefegten Saal.

ARGWÖHNISCHE MODE-MUFFEL

Wohl achtzig Prozent der Bundestagsabgeordneten würden nicht einmal mehr als Kundenberater bei der Provinz-Volksbank Birstein eine Anstellung finden. Weil ihre Kleidung selbst nach dortigem Maßstab nicht geschmackvoll ist - und schon gar nicht berufsadäquat: Ist sie doch alle andere als vertrauenserweckend. Diese Ausgeh-Uniform erinnern sehr an vergilbte Überbleibsel aus den siebziger Jahren. Insofern dominiert schon sehr lange eine Große Koalition diese Republik: ein stillschweigendes Bündnis argwöhnischer Modemuffel. Zwar weiß seit Gottfried Keller (*1819+1890) jedes Kind, dass Kleider Leute machen, doch in der Bundeshauptstadt Bonn gilt diese Erkenntnis nichts.

NIEMANDSLAND

Wohl niemand erwartet von der Politikerklasse am Rhein modische Extravaganzen à la Pariser Prêt-à-porter-Kollektionen, gar einen avantgardistischen Minderheiten-Zwirn oder großbürgerliche Aufgeblasenheit. Zwischen den Extremen Avantgarde und Ignoranz liegt allerdings ein in der Bundeshauptstadt bislang arg vernachlässigtes Niemandsland. So mancher Spitzenpolitiker würde zweifellos gewinnen, wenn er sich zum Auftakt der neunziger Jahre zur Abwechselung einmal von einem zeitgemäßen Herrenausstatter einkleiden ließe. Ob CSU-Finanzminister Theo Waigel, der heimliche Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine oder der SPD-Neuling Otto Schily - sie hätten, mit einem guten Stylisten im Hintergrund, zumindest eines gemeinsam: Mit neuem Outfit würden sie in Bonn selbst in einer unpolitischen Epoche kameraluchsend Furore machen und könnten sich ihre Statements für kommende dürftigere Zeiten aufheben.

"Mode", schreibt der baden-württembergische CDU-Landtagsvizepräsident Gerd Weng, "gilt als ein wesentliches Regelungs- und Ausdrucksmittel des gesellschaftlich lebenden Menschen, und wer wäre dies mehr als der Volksvertreter?" Wie wahr. Das ändert freilich wenig an der Tatsache, dass für Herrn Herbert Piedboeuf, Geschäftsführer Deutschen Instituts für Herrenmode, "die Politiker in Bonn beschissen gekleidet sind". Platz eins seiner Namensliste teilen sich Kanzler Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Gerhard Stoltenberg (*1928+2001).

Als unlängst Kohl in einer Meinungsumfrage las, dass jeder dritte Bundesbürger glaubt, gutes Aussehen trage zum Erfolg der Politik bei, ließ er ausnahmsweise einmal Profis sein Erscheinungsbild stylen. Auf Bitten von Freunden erarbeitete eine Frankfurter Werbeagentur ein Konzept, mit dem das Kanzler-Image durch andere Kleidung erheblich verbessert werden könnte. Kernstück des Vorschlagpakets: Kohl möge doch statt der ermüdenden Einreiher zuweilen in flotte Zweireiher steigen. Kohl lehnte brüsk ab.

NICHTS INSPIRIERENDES DRAN

Und das, wo sich im Laufe der achtziger Jahre das Erscheinungsbild und damit auch das Selbstverständnis des Mannes radikal gewandelt haben. Noch ist diese Ver- änderung in Bonn nicht mal als zaghafter Trend sichtbar, doch Herbert Piedboeuf ist siegesgewiss: "Mode gewinnt für Männer zunehmend an Bedeutung. Zwar lassen sich noch 60 Prozent die Garderobe von der Partnerin aussuchen, dennoch kann von modischer Inkompetenz der Männer weiß Gott keine Rede mehr sein." Um so mehr bringt die Kohl-Ignoranz, typisch für die erbärmliche Bonner Modekultur, die deutschen Erfolgsfunktionäre in Rage. Modemacher Wolfgang Joop weist es folglich weit von sich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie Kohl dem Wahlvolk appetitlich zu servieren sei. Joop gelangweilt: "Ich finde, da ist nichts Inspirierendes dran. Diese großen, glänzenden Mistkäfer-Jacken - wenn man schon so gewölbt aussieht, sollte man das nicht auch noch polieren. Ich weiß auch nicht, wer ihn anzieht, aber der Mann gehört in den Tower."

JACK LANG IN PARIS

In Frankreich und Italien ist es für einen gestandenen Politiker gerade zu eine Selbstverständlichkeit, herausragend angezogen zu sein. Schließlich ist Mode Kultur und die Kultur ein zentrales Anliegen europäischer Identität. Bestes Beispiel: Jack Lang, der französische Minister für Kultur. Erfolgreich unternahm er den Versuch, die künstliche Trennung von Kunst und Design aufzuheben. Lang umgarnte die Modeleute, lud sie in den Elysée-Palast, dekorierte sie mit Orden der Ehrenlegion. Und Lang scheute sich keineswegs, ihre Mode zu tragen. Geschmeidig gekleidet, ging er seinem Politikerjob nach, hin und wieder im dunkel-grauen Anzug von Thierry Mugler, dessen Nähte - analog zur Architektur des Centre Pompidou - außen unverkennbar war.

GENSCHER IN BONN

Aber immerhin gibt es einen kleinen Fortschritt im Bonner Bundesdorf zu verzeichnen. Früher, Anfang der siebziger Jahre, als Hans-Dietrich Genscher noch Innenminister war, schlief er oft nachts in voller Montur in seinem Arbeitszimmer ein. Tags darauf präsentierte er sich in zerknittertem Tuch. Genscher zu Männer Vogue: "Ja, ja, so war das damals. Aber es ist längst Vergangenheit. Heute kommt das nicht mehr vor. Ich habe nämlich mehrere Anzüge in Reserve."

































Mittwoch, 10. Januar 1990

Schonungslose Sicht der BRD-Dinge




Oberösterreichische Nachrichten,
Linz
10. Januar 1990






Der Journalist Reimar Oltmanns tingelte mehr als ein Jahrzehnt durch die BRD mit offenen Ohren und Augen und mit dem Notizblock in der Hand. Schonungslose Reportagen beeindruckender Brisanz versammeln sich nun in einem Taschenbuch, das man kaum aus der Hand legen kann, ohne es in einem Zug durchgelesen zu haben.

Freitag, 1. Dezember 1989

Der Propaganda-Minister




























Die stählerne Karriere des Wolf Feller oder Wie sich das CSU-Parteibuch beim Bayerischen Rundfunk (BR)auszahlt. Über dreißig Jahre hat Wolf Feller dort verbracht. Er gab sich immer so, als sei er dort aufgewachsen. "Das Fernsehen ist zum Teil kaputt gemacht worden durch die Fellers und Lojewskis", urteilte der damalige ZDF-Chefredakreur Klaus Bresser.




MÄNNER VOGUE, München
1. Dezember 1989
von Reimar Oltmanns

Wäre Hörigkeit ein Begriff für gesellschaftliche Anerkennung, hätte ihn Wolf Feller, Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks, längst für sich reklamiert. Ohnehin lässt der CSU-Sheriff, der sich auf dem Bildschirm gelegentlich wie Jerry Lewis ausnimmt, keine Milchkanne am Wegrand stehen, um sich als allwissender Fernsehmacher zu verkaufen - Feller als "Vitalo", Feller als "kampferprobter Durchblicker" oder Feller als einer, der weiß, wo "der Braten liegt".

FELLER - WIE EIN PFERD AUF DIE SPOREN

Verständlich, dass für den 59jährigen Parteisoldaten der BR "der liberalste Sender der Bundesrepublik" ist. Um Lippenbekenntnisse war er nie verlegen: "Ich bin stolz darauf, im Gegensatz zu so vielen anderen in meiner Branche keine opportunistischen Metamorphosen durchgemacht zu haben." Dabei reicht als Strafandrohung der CSU-Zensoren schon wohldosierter Liebesentzug. um ihren Wolf auf Parteilinie samt Sprachregelung einzuschwören. Manchmal, so wissen Kenner der "bayerischen Verhältnisse" zu berichten, werde von der CSU-Parteizentrale direkt bei Feller angeklingelt und ein gesondertes Fernsehteam zur Entgegennahme eines "parteiamtlichen Statements mit Kommentar" bestellt. Dann mault Feller zwar zuweilen - "mich laust der Affe"-, aber auf "Direktiven der Partei- und Staatsspitze reagiert er, so der "Spiegel", "wie ein Pferd auf die Sporen".

VOM TUTTI-GEIGER ZUM DIRIGENTEN

Über dreißig Jahre hat Feller bislang beim BR verbracht. Er gibt sich in seinem Büro so, als sei er dort aufgewachsen. "Ich habe in diesem Klangkörper angefangen als Tutti-Geiger, war dann Solist und schließlich Dirigent. Vom Fahrer bis zum Hauptabteilungsleiter kenne ich alle." Der journalistische Werdegang dieses Mannes gerinnt zum klassischen Beleg scheinbarer Potenz, die in immer neuen Hörigkeiten, in auswegloser Selbstverleugnung mündet. Beharrlich managt er ein Vierecksver-
hältnis - seinen Lebensinhalt: Propaganda, Taktik, Strategie, Macht. Ein typisches Beispiel lieferte die Bundestagswahl 1987, als es "dem übereifrigen Wolf" (CSU-Parteijargon) vorbehalten blieb, den angetrunkenen Franz Josef Strauß vor die Kamera zu locken. Feller: "Herr Ministerpräsident, die Frage, ob Sie nach Bonn gehen, weiß ich ohnehin, dass Sie bejahen werde. Sie werden nämlich nach Bonn fliegen und die Koalitionsverhandlungen führen. Die andere Frage erspar' ich mir, denn zuerst werden Sachprobleme gelöst und dann erst Personalprobleme." Strauß: "Richtig, Richtig !" Feller: "Vielen Dank, Herr Ministerpräsident!"

SCHMERZFREIE SALZSÄURE

Fellers Haut verschorfte rapide, "um schmerzfrei Salzsäure aushalten zu können. "Non mi frega niente" - Das juckt mich nicht - gehört zu seinen Standardfloskeln im Sender. Rom hat auf ihn spürbar Eindruck gemacht, zumal er seine italienischen Sprachkenntnisse derart zu verfeinern verstand, dass er nun eine Pizza selber bestellen kann. Bekanntlich übte sich Feller Anfang der achtziger Jahre als Italien-Korrespondent der ARD. Damals residierte er im Palazzo Torlonia und scharte römische Prominenz um seinen mit Delikatessen beladenen Tisch.

OPFER: FRANCA MAGNANI

"Selbstsüchtig, eitel und unkollegial", ist das Kollegenurteil über ihn. So pflastern Leichen seinen Weg. Bekanntestes Opfer wurde die Journalistin Franca Magnani, die er durch tägliche Stichelein (zu Neudeutsch: mobbing) dazu brachte, das Handtuch zu schmeißen. Feller stolz: "Die durfte Däumchen drehen und viel Zeitung lesen." Einst zählten die Magnani-Reportagen zu den ARD-Glanzstücken. Aber wie bemerkte schon ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser: "Das Fernsehen ist zum Teil kaputtgemacht worden durch die Fellers und Lojewskis."













Mittwoch, 1. November 1989

Intriganten-Stadel - Willys Enkel

























Beinhart und mit Intrigen gespickt gehen die von Willy Brandt geadelten SPD- Nachwuchsmänner zur Sache, wenn es um ihre Politik-Karriere im Glanz der Öffentlichkeit geht. Dabei ist dem Macht-Menschen Gerhard Schröder jede Taktik recht, wenn er für sich einen Platzvorteil in Richtung Kanzleramt ausrechnen kann - mal prolo, mal echt öko, mal echt regierungsamtlich. Aber am liebsten erzählt der Kanzler in spe die Geschichte seiner Herkunft: "Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Hilfsarbeiter, ich weiß, wo der Braten liegt." Für ihn mittlerweile auf dem Servierteller seiner vierter Ehe. So hastig rast die Zeit.


MÄNNER VOGUE, München
vom 1. November 1989
von Reimar Oltmanns

Die Karriere-Philosophie steht nirgendwo geschrieben. Gleichwohl hat sie sich ein jeder aus der frischen SPD-Garde der neunziger Jahre eingeprägt - unausgesprochen. "Soyez réalistes, exigez l'impossible" - seid realistisch, fordert das Unmögliche. Mit derartigen selbst gehäkelten Weisheiten gerieren sich die Spitzengenossen nach außen mit Inbrunst als Hoffnungsträger der Republik.

Es war Willy Brandt, der Mitte der 70er Jahre die jetzige SPD-Garde der damals überraschten Öffentlichkeit als "seine Enkel" präsentierte. In weiser Voraussicht sagte er schon damals: "Das sind meine politischen Erben. Auf diese Enkel kann die SPD, kann dieses Land getrost bauen." Folgerichtig gestatten sich die Willy-Enkel auf dem dornigen Weg zur Bonner Macht keinerlei Atempause.

YUPPIE MIT "BILD"-ZEITUNG

Selbstinszenierung ist Trumpf. Ganz nach dem Motto "Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater verdingte sich als Hilfsarbeiter. Ich weiß, wo der Braten liegt", entäußert sich Gerhard Fritz Kurt Schröder, 45, seines Zeichens SPD-Oppositionsführer im Landtag zu Hannover, bis hinters Komma, um endlich Ernst Albrecht als Ministerpräsidenten zu kippen. Dabei ist Schröder unverkennbar der Yuppie im sozialistischen Enkelsalon. Erfolgsbesessen lässt der Rechtsanwalt des zweiten Bildungsweges, der das dritte Mal verheiratet ist, in der Boulevard- und Bildpresse einen Knüller nach dem anderen los. Schließlich wollen "die Leute was zu lesen haben und wissen, dass es mich auch noch gibt", möllemännert er daher in der Bonner Yuppie-Kneipe "Mierscheid".

Denn so bizarr, wie seine politische Karriere über die Jusos verlief, so berechnend setzt er meist mit "Betroffenheitsfloskeln" ein Mosaiksteinchen aufs andere, wenn es ums erbibberte Amt des Ministerpräsidenten in Niedersachsen geht. Seine Erfolgstaktik ist es, dass Gerhard Schröder seine Taktik offen als Taktik erläutert - eben mal "echt öko" - mal "echt prolo" oder auch mal "echt regierungsamtlich".

WILD WIE DER KLEINE NAPOLEON

Weitaus stimmiger intoniert sich da schon "Oskar mit der Blechtrommel". Tatsächlich verkörpert Saarlands Ministerpräsident Oskar Lafontaine, 46, geradezu "idealtypische Eigenschaften", um zur Nummer eins der SPD werden zu können. Er dürfte wohl der nächste Spitzenkandidat für die Wahl 1990 sein. Vorsorglich streckt Lafontaine schon jetzt seíne gezielten Fühler zu den Grünen aus, um vielleicht als der erste rot-grüne Kanzler in die Geschichte einzugehen. Mit Willy Brandts Enkelstab ausgerüstet, strotzt der katholische Arbeitersohn aus dem ärmliche Saarlouis folglich vor Selbstbewusstsein. Mal schreibt er wortgewaltige Bücher, mal parliert e in Talkshows breit lachend um sich, mal zerreißen sich Boulevardblätter hingebungsvoll ihre Mäuler über seine Frauengeschichten - mal verlässt seine Gesundheitsministerin Brunhilde Peter weinend den Kabinettssaal, "weil der Oskar wieder wild den kleinen Napoléon spielt."

ZWEITSCHÖNSTER POLITIKER

Regelrecht hausbacken nimmt sich dagegen Björn Engholm, 50, aus. Und das, obwohl er als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nach einer Meinungsumfrage der Wickert-Institute als zweitschönster Politiker des Landes eingestuft wird. Den ersten Platz belegt unangefochten Richard von Weizsäcker. Ganz nach Engholms durchlebter Forderung, zu den eigentlichen Wurzeln zurückzukehren , kann er auch nach der Barschel-Affäre mit seiner Glaubwürdigkeit einstweilen wuchern - einstweilen. Trotz verlockender Angebote zieht es den einstigen Schriftsetzer wie Bundesbildungsminister nicht abermals nach Bonn zurück. Ihn schreckt dieses "unsinnliche Treibhaus" am Rhein. Zweifellos ist der kokette Vater zweier Töchter der anschmiegsamste Repräsentant der modernen SPD.

KLEINE-LEUTE-MILIEU

Den unerwartesten Senkrechtstart des Jahres 1989 unter den Sozis schaffte freilich ein Außenseiter. Zur Verblüffung einflussreicher Wahlstrategen wurde der knallharte Walter Momper, 44, auf Anhieb Berlins Regierender. Unversehens geriet "Schlitzohr Mompi" mit der Knollnase, wurstigen Fingern nebst Ellenbogen (Eltern waren Köche, er wurde Politologe) bundesweit zur Symbolfigur des "Kleine-Leute-Milieus". Kurzum: Sein Stallgeruch stimmt. Dass er jemals Regierungschef würde, hat ihm in der Tat niemand zugetraut. Selbst SPD-Chef Hans-Jochen Vogel, der mit Momper heimlich Fernseh-Interviews übte, war da "mehr als skeptisch".

JUNGE MIT DER MUNDHARMONIKA

Großes Kopfzerbrechen haben die eigens beizeiten von der Partei angeheuerten Werbe- und PR-Agenturen, wie sie Hans Eichel, 47, Oberbürgermeister von Kassel, als Spitzenkandidaten 1991 in Hessen verkaufen sollen. Der altlinke Programmatiker soll gegen Walter Wallmann um das Amt des Ministerpräsidenten kämpfen. Fortwährend Sorgen bereitet Eichel fast schon niedlich-harmlose Farblosigkeit - bis hin zur allseits grauen Funktionärskrawatte. Die höchsten Sympathiewerte bekam Eichel noch, als er mutig den "Jungen mit der Mundharmonika" spielte. In den neunziger Jahren soll Biedermann Eichel als "rosaroter Panther mit grünem Schwanz", so der SPD-Parteitag, das Hauptaugenmerk auf sich lenken.

POLIT-THEATER

Fernab der Heimat - nämlich der Wahl-Wirklichkeit - sonnt sich der Edelenkel dieser Republik, Freimut Duve, 53, SPD-Bundestagsabgeordneter und geschasster rororo-aktuell-Herausgeber, vereint nach eigenem Bekunden in einer Person. Dafür spricht schon seine "locker gefönte Schriftstellermähne", mit der er in Bonn unentwegt die Aufmerksamkeit besonders der Journalisten sucht. Trotz aufgesetzter Krisen-Theatralik (Duve: "Wir müssen fürwahr die Republik verteidigen") kämpft Duve auf den Hinterbänken des Bundestages gegen den drohenden Abstieg in die schmerzhafte Bedeutungslosigkeit. Denn allmählich setzt sich auch in der SPD die unangenehme Erkenntnis durch, "dass der Duve vor lauter Betroffenheit nicht laufen kann" - vornehmlich dann, wenn der Edelenkel Duve den französischen Kulturattaché beim Staatsempfang in der Godesberger Redoute mit "How do you do I'm Duve from Western Germany" begrüßt.

ENKEL NOCH MIT NEUNZIG

Rudolf Schöfberger, 54, Landesvorsitzender der bayerischen SPD, hadert auch mit sich über verflossene Zeiten. Wehmut überkommt den einstigen Briefträger und späteren promovierten Juristen, wenn er sich seines früheren Enkeldaseins erinnert. Damals, in den siebziger Jahren, genoss er seine Rolle als "Bürgerschreck", er verjagte Parteichef Hans-Jochen Vogel als Oberbürgermeister aus München, wollte gar das "imperative Mandat" zur Pflicht machen. Die Jahre als Bundestagsabgeordneter in Bonn haben den "wilden Rudi" sanfter gestimmt. Nur den Schnupftabak weiß er noch als treuen Weggefährten an seiner Seite. Die größte Bestrafung wäre es für ihn, aus der Enkelliste herauszukippen, denn "ein Enkel von Willy Brandt will ich auch mit 90 Jahren sein."

AUF ORGEL TRETEN - KARRIERE MACHEN

Im Grunde genommen hält es auch die SPD-Enkelpartei lieber mit Repräsentanten, die den "Otto-Normalverbraucher" darstellen. Zumindest muss die Partei in Rheinland-Pfalz nicht argwöhnen. Mit Enkel Rudolf Scharping, 42, erkor sie einen Spitzenmann für die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, der nahezu sämtliche SPD-Eigenschaften auf sich vereint. Ganz nach dem Motto: "Gestern Parteifunktionär, morgen Parteifunktionär", hat Scharping eine klassische, für die SPD typische Parteiensozialisation hinter sich. Alles, was Scharping auch in seinem Leben anpackte - stets war es für die allgegenwärtige Partei. Der Vater dreier Töchter ist ein bemerkenswertes SPD-Produkt für die neunziger Jahre. Folglich geht Scharping, mit seinem Spitznamen "Genosse Scharfsinn" ausgestattet, schon zwei Jahre vor den Wahlen los und verteilt Ohr flüsternd Ministerposten. Rudolf Scharping zu Ex-MdB
Hans Wallow: "Du wirst bei mir ganz sicher Minister, Hans!" Wallow: "Toll, Rudolf, aber bitte Bundesratsminister. Denn auf dieser Orgel kann ich richtig treten." Das ist Karriereplanung im Jahre 1989. Die Enkel starten durch. Wie sagte doch einst Björn Engholm; "Ich weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich weiß, dass ich ankommen werde." - Wirklich?





















Donnerstag, 21. September 1989

Politik-Darsteller: Verborgene Sehnsüchte nach Identifikation mit den Mächtigen dieser Republik








Windmachen zu Lande und zu Luft, Sitzfleisch kultivieren zum Überdruss, Smoking-Auftritte in erlesenen Gesellschaften - nichts ist erfolgreicher als der Erfolg
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Keine normale Figur
in der Hütte
Athenäum Verlag
Frankfurt am Main
21. September 1989
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von Reimar Oltmanns
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"Parteifunktionäre und Berufspolitiker", urteilt der US-amerikanische Soziologe Gerhard Lenski in seinem 1966 erschienenen Buch "Macht und Privileg", "zeichnen sich durch eine einzigartige Qualität aus, als eine innerhalb von zwei Klassensystemen gleichzeitig." Der Klasse Politiker-Hauptstadt-Klasse und der Parteiklasse draußen in den Regionen. Reisen in deutsche Provinzen, wie an diesem Abend nach Landau n der Südpfalz versöhnen Bundesminister (1982-1985) und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler (1977-1989) gelegentlich. Hier wird ihm unweigerlich bewusst, dass er sich doch auf Seiten der politischen, moralischen und historischen Wahrheit weiß. Eine unteilbare Wahrheit, die ihm einleuchtend erklärt, warum er geworden ist, der er ist.
BRAVO, BRAVO - HELAU, HELAU
Auf dem Vorplatz der Pfalzklinik Landeck driftet der Bundeswehr-Hubschrauber runter. Für die Insassen dieser psychiatrischen Heilanstalt ist die Landung eines solchen olivgrünen Vogels schon ein selten spannender Augenblick in ihrem durch Psychopharmaka dränierten Leben. Einige von ihnen säumen die notdürftig hergerichtete Absperrung. Sie rufen "Bravo, Bravo - "Helau, Helau" - "Hoch lebe der Minister" - "Gott schütze den Minister."
VERRÜCKTER EMPFANG
Der Minister krabbelt ein wenig benommen aus dem Helikopter, hält für einen Moment inne, schnuppert vor sich hin. "Ein verrückter Empfang, wer hat denn das hier organisiert", will er wissen. Hauptstadt Würde, Politiker-Würde sind gefragt.Winkend wendet er sich nun den Scheinwerfern der wartenden Autos zu. Die aufgeregten Neugierigen aus der Klinik stehen unbeholfen Spalier, hoffen in ihrem freundlichen Gejohle vielleicht auf ein "Grüß Gott" vom hohen Herren. Vergebens. Sie bleiben halt dort, wo sie hingehören, wo die Gesellschaft sie hingepackt hat - am Wegesrand. Aber möglicherweise waren es auch auch nur Begrüßungsreflexe an der Südlichen Weinstraße, die Heiner Geißler so unbeholfen dreinschauen ließen. Immerhin wedelt der Minister mit seinen dafür geübten Arm solange, bis er Kautzmann entdeckt, den örtlichen Parteifunktionär.
STABSFELDWEBEL ALS PARTEIFUNKTIONÄR
Kautzmann wirkt untersetzt-geschniegelt. Er könnte gut einen langgedienten Stabsfeldwebel der Bundeswehr abgeben, der sich nach seiner Entlassung "in die freie Wirtschaft" als Sektionschef der Eduscho-Kaffee-Filialen in Rheinland-Pfalz bewährt. Kautzmann entschied sich als "streitbarer Demokrat", freilich sorgsam planend, für die Partei-Demokratie, avancierte in Landau geschwind zum CDU-Geschäftsführer und Stadtrat, hechelte und mauschelte sich vor allem zielstrebig zur
"rechten Hand des Generalsekretärs" im Wahlkreis empor. Er verkörpert sozusagen den Prototyp einer Randpersönlichkeit. Ein Mensch, der seine Lebensmöglichkeit vornehmlich in einflussreiche Beziehungen sucht, daraus seine Stärke bezieht, mit dieser Geschaftlhuberei aber auch steht und fällt.
UNGEKRÖNTE KÖNIG VON LANDAU
Dabei ziert Kautzmann sich genant, wenn Frau Göbel ihn als "einen unbezahlbar-soliden Goldjungen" hätschelt. Seit er in Geißlers engstem Umkreis herumzirkelt, widerfuhr ihm ohnehin eine honorige Aufwertung, nämlich der "ungekrönte König von Landau" zu sein. Schon betrachtet er er "das ehrenvolle Amt des Oberbürgermeisters" als die nächste Stufe. Seine beiden Sekretärinnen halten ihn dagegen für "einen ausgemachten kleinbürgerlichen Arschkriecher", der in Geißlers Abwesenheit "die Mitarbeiter so zusammenscheißt, dass in der Nachbarschaft die Fenster zufliegen", notiere ich mir in meinem Bonner Tagebuch. Nur in Geißlers Beisein "zerfließt er vor devoter ManZierlichkeit und spielt den Anstands-Wauwau".
KUCHEN IM KLEINEN KREIS
Geißlers Eintauchen in Landau geht schon Wochen zuvor eine generalstabsmäßige CDU-Betriebsamkeit à la Kautzmann voraus. Wenn Bonn in Landau weilt, obliegt jeder Schritt Kautzmanns Regie; eine vom örtlichen Parteiapparat organisierte Fremdbestimmung. Er filtert Leute und Schauplätze argwöhnisch durch, ob sie tatsächlich für die Union in der Öffentlichkeit verdaulich sind. Beinahe jede Minute muss durchgeplant, auf Effizienz abgeklopft werden. Die so angebahnten "menschlichen Begebenheiten", etwa das sechste Bürgergespräch "Kuchen im kleinen Kreis", sind Teil der seit Jahren bewährten "Strategie der weichen Welle", befindet Kautzmann in der Pose eines Konzernmanagers. "Harte Konfrontationsgeschichten", fährt er wissend fort, "laufen hier nicht. Der Parlaments-Klamauk führt in Landau häufig zu der Rechenaufgabe: zehn Packen weniger neun Packen." Aber Kautzmann wäre nicht Kautzmann: ans Einpacken will er noch nicht einmal im Suff gedacht haben.
CDU-PAROLE: "TROCKEN BLEIBEN"
Apropos Suff - zumindest heute Abend sollen nach Kautzmanns Gelöbnis die Veranstaltungen trocken durchgezogen werden. Denn nicht jeder Geißler-Aufenthalt ist ja den Hackepetergesichtern gewidmet. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte Geißler beim Festkommers der uniformierten und mit Degen bewaffneten Burschenschaftler die Festrede in der Landauer Stadthalle gehalten. Unter dem Motto "Ehre, Freiheit, Vaterland" soffen sich Chargierte, die Abordnungen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Armee fürchterlich die Hucke voll.
"DEUTSCHLAND - WO LIEGT ES ?"
" Schwört bei dieser blanken Wehre, schwört ihr Brüder allzumal: Fleckenrein sei unsere Ehre, wie ein Schild von lichtem Strahl", grölte es durch die Reihen. Heiner Geißler stellte folglich in seiner Laudatio die knallige Frage: "Deutschland - wo liegt es?", um mit zurückgenommener Stimme auf Goethe und Schiller zu verweisen. "Wir kennen die Realität in Europa, aber wir erkennen sie deswegen nicht an", rief er dann von seinem Redeschwall fortgetragen gen Osten. Wenn Rhetorik des Generalsekretärs einmal der gutgemeinte Versuch war, mit Emotionen die technokratisch ausgelaugte Sprache zu erneuern, so hat sie in ihrer Wirkung längst die gesalbte Qualität apokalyptischer Wanderprediger übertroffen.
ENDZEIT-GEFÜHLE
Weltuntergangs-Stimmung, Endzeit-Gefühle, verstümmelte Seelen, eine Nation ohne geistig-politische Leitideen, ein depressives Jammertal diese Bundesrepublik etc, usw., usf., "wenn Deutschland nicht gottlob als einzige Hoffnung eine für Jahrzehnte straffgeführte CDU-Bundesregierung hätte".
"5. KOLONNE MOSKAUS"
Hätte Geißler doch nur hier die Sozialdemokraten "als fünfte, moskau-hörige Kolonne, als Spionage- und Sabotagetrupp der Kommunisten" geziehen, hätte er doch nur der "Volksfront-Friedensbewegung" erklärt, "dass der Pazifismus der 30er Jahre Auschwitz erst möglich gemacht" habe. Anderswo wurde ihm derlei übel genommen.
ANSTÄNDIGE DEUTSCHE
Hätte er doch nur hier seinen hochdekorierten Burschen, zum 734. Male Bert Brecht (*1998+1956) zitierend, auf die vaterlands- und geschichtslosen Sozi-Gesellen eingedroschen, ihnen ein "politisches Verbrechen" kurzerhand angehängt, von dem sich "die anständigen Deutschen" distanzieren müssen. "Wer die Wahrheit nicht weiß , ist ein Dummkopf. Wer die Wahrheit weiß und Lüge nennt, ist ein Verbrecher." Hätte er doch hier die angstvollen Gegner eines "Kriegs der Sterne", des SDI-Weltraumforschungs-Programms, als "unmoralisch" gebrandmarkt. Hätte er doch nur hier verdeutlicht, dass die Sozialdemokraten im Stil "der Nazis gegen die, Juden" Kampagnen gegen seine Union entfachen. Hätte der CDU-Generalsekretär doch nur hier ein "Schlagwort über die neue Armut" in der Bundesrepublik verloren und gesagt, dass dieses Gerede "der größte Schwindel" sei, "den wir in der Nachkriegszeit erlebt habe".
GRAUE EMINENZEN MIT SCHMISSEN
Hier , in der Landauer Stadthalle, bei den grauen Eminenzen mit Schmissen und ihren abgerichteten Jungvolk-Korporationen, wäre er mit seiner Betrachtungsweise stets passend platziert. Dieser enthemmte Geißler hätte ja nicht nur rühmlich "der Wahrheit eine Gasse geschlagen", als bibelfester Katholik hätte er sicherlich auch unmissverständlich zu verstehen gegeben, wie wichtig ihm das Alte Testament in der Bundespolitik geworden ist:"Auge um Auge, Zahn um Zahn."
MIT KARACHO AUF DIE BÄNKE
Die rechten Burschen jedenfalls wären mit Karacho auf die Bänke gestiegen; auf ihren Schultern, mit einem Spielmannszug vorneweg, wäre der Generalsekretär zum Rathausplatz getragen worden. Und dort hätte er dann seine Visionen von Harmonie, Vaterland und Partei aufsagen dürfen. "Kauert nicht in den bequemen Ecken des privaten Glücks oder der Resignation, sondern kommt und arbeitet mit am Aufbau einer freien und gerechteren Welt ... Wenn niemand mehr Kinder bekommt, hat unser Land keine Zukunft ... Nicht nur Gutes tun, sondern auch darüber reden". So marschierten die Burschen allein, artig und fromm, auch erst um Mitternacht, natürlich mit Fackeln und Trommeln, die drei Strophen der Nationalhymne wie selbstverständlich auf ihren Lippen. Bis zum frühen Morgen hallte das "Deutschland, Deutschland über alles", Bier verklärt durch Landaus Straßen.
"JUNGE MIT MUNDHARMONIKA"
Nein - heute soll sich nach Kautzmanns Drehbuch der Minister a.D. (1982-1985) "in ganz bescheidener Weise als rundum sympathischer, vernünftiger Kerl darstellen". Für solche Biedermann-Aktionen eignen sich die umliegenden Dörfer. Wenn Heiner Geißer "den Jungen mit der Mundharmonika" auflegt, liebäugelt er heftig mit vibrierender Anteilnahme. Die kann er im Örtchen Silz einheimsen, einer proper aufgeräumten Gemeinde mit Butzenscheiben und Fachwerkfassaden,wo wie ehedem Landleute tote Eulen an ihre Scheunen nageln. Verständlich, dass vom dörflichen Innenleben nur Spärliches nach draußen dringt, und die Weisheit, "dass mir der Hund der Liebste sei, sagst du oh Mensch sei Sünde, der Hund bleibt mir im Sturme treu, der Mensch nicht einmal im Winde", nach wie vor ihre Gültigkeit besitzt. Ansonsten verstehen sich die Leute hier seit jeher auf ein genügsames Leben in Dankbarkeit und Pflichterfüllung.
"UNSER STAAT" - "VATER STAAT"
So viel Staat, so viel Politiker-Prominenz, das macht in Silz eine Menge her. Überall CDU-Plakate: Dr. Heiner Geißler kommt. Bei aller Ferne, bei mancher Nörgelei, letztendlich ist es doch "unser Staat" - "der Vater Staat", der in der Geißler-Kautzmann-Karawane stattlich repräsentiert vor dem Kultursaal stoppt. Undurchsichtig lächelnd schreitet Geißler zu seinem Publikum. Der Raum ist brechend voll, Jung und Alt bunt gemischt, dazwischen gehobene Mittelstandstupfer. Da fällt es selbst einem tingelnden Polit-Profi auf Anhieb nicht so leicht, die Versammelten an Physiognomie und Kleiderordnung einwandfrei zu taxieren. Erst stürmischer Applaus, warmherzige Ovationen nehmen ihm den Anflug von Irritation. Und Kautzmanns Röntgenblick signalisiert unzweideutig, dass es menscheln darf.
MIT PISTOLE AUF DEM PODIUM
Da steht er nun, dieser großangekündigte Dr. Geißler, dieses Politik-Fernseh-Ereignis zu den Abendnachrichten schlechthin, aus der Hauptstadt eingeflogen, seinen Charme versprühend, seine Referentin Frau Göbel wie immer in der ersten Reihe sitzend, seinen Fahrer Riemann an der Eingangstür postiert, seine beiden Sicherheitsbeamten jeweils links und rechts mit abzugsbereiter Pistole hinter sich wissend, seinen Kautzmann mitten im Raum unter den Leuten diagonal im Visier. Er ist zweifelsfrei ein Chamäleon von besonderen demagogischen Qualitäten, ein Sophist, der spitzfindig "die Leit, auch was für Leit" einbalsamiert. Als Staatsmann "von denen da oben" reiste er an, als einer von ihnen, "der kleinen Leuten", will er wieder von hinnen ziehen. Der Duden definiert die Sophistikation als einen "reinen Vernunftschluss, der von etwas, was wir kennen, auf etwas anderes schließt,von dem wir keinen Begriff haben, dem wir aber trotzden objektive Realität zuschreiben."
ANTI-DEMOKRATISCHE RESSENTIMENTS
In den dreizehn Opppositionsjahren (1969-1982) der Union hatte Heiner Geißer wenig Skrupel, uralte antidemokratische Ressentiments, hohle Vorurteile, abgenutzte Klischees gegen "die Klasse da oben" mitzutragen, wo immer er auftrat, kräftig anzuheizen, sich quasi als Sprachrohr rechtschaffender Kleinbürger mit ihren angesparten Aktienpaketen von Veba bis VW coram publico zu empören: "Die Erblast sozialistischer Misswirtschaft" zuvörderst, "das Bonzentum im gewerkschaftseigenen Unternehmen Neue Heimat" hier, "Falschspieler der sozialliberalen Koalition" dort, aber auch "Sozialisten können wirklich nicht mit Geld umgehen, das haben sie doch längst bewiesen." All die speziell in einem gesonderten Mitarbeiter-Stab ausgetüftelten, unterminierenden Tiraden entsprachen den grobschlächtigen Instinkten derer, die sich als "kleine Leute" verschaukelt, von "den Großen" unentwegt ausgenommen fühlen, die ja angeblich allesamt permanent in die eigene Tasche wirtschaften.
PARTEI- UND STAATSVERDRUSS
Heiner Geißler war sich zu jener Zeit überhaupt nicht zu schade, die inzwischen lauthals beklagte Staats- und Partei-Verdrossenheit im Lande nachhaltig zu schüren. Obwohl zuvörderst seine CDU sowie die Schwester CSU im undurchsichtigen Sumpf von Steuerhinterziehungen, Schmiergeldern, ausländischer Briefkasten-Firmen tief drinstecken - und das keineswegs nur in der Milliarden-Affäre, aufgedeckt im Jahre 1980, um den Düsseldorfer Flick-Konzern.
EIN KANZLER, DER DIE HAND AUFHIELT
Schließlich war es doch kein anderer als sein Bundeskanzler Helmut Kohl (1982-1998), der vielversprechend-hingebungsvoll, seine Hand aufhielt, als der Flick-Konzern ihn bar mit insgesamt 260.000 Mark beglückte. Vielleicht mag Helmut Kohl in seiner "finanziellen Zuwendungsphase, diesem weiten, differenzierten Feld" und den damit verknüpften, knallharten Erwartungen irritiert an 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten Ronald Reagan (1981-1989; *1911+2004;) gedacht haben, über den er später einmal mit idealisiertem Unterton sagte: "Wenn er ja sagt, meint er ja. Wenn er nein sagt, meint er nein. So möchte ich auch sein." Seit die CDU/CSU die Regierungsverantwortung 1982 übernommen hat, kann Heiner Geißler natürlich diese Korruption suggerierende Grob-Schnitzerei nicht mehr ungestraft fortsetzen. Doch diffizil zu nuancieren, unter nach oben wie oben nach unten zu kehren, hat er ebenso fein raus wie das knallharte, kalkulierte Putzmachen.
MIT RAPUNZEL UND REBLAUS
Natürlich weiß ein Mann wie Geißler um verborgene Sehnsüchte nach Identifikation mit den Mächtigen dieser Republik. Sonst wäre der Aufschrei bei ihren Verfehlungen ganz gewiss nicht so groß. Natürlich kennt er die Vorbehalte gegen seine denunziatorischen Rammhämmer. Ihm ist aber vor klar, dass er im Silzer Kultursaal nur etwas bewegen kann wenn er der bodenständigen Verwachsenheit mit Rapunzel und Reblaus glaubwürdig huldigt. Also fühlt er sich in seinem Wahlkreis Menschen und Landschaft "so eng verbunden, dass für mich ein Stück zu Hause wahrhaftig wurde". Das habe auch der Bundeskanzler bemerkt, "bei dem ich gerade noch war, der mir wohl deshalb besonders aufdringlich auftrug, Ihnen seine besten Grüße und Wünsche zu übermitteln. Sie können sich vielleicht ausmalen, wie knochenhart die Regierungsgeschäfte heutzutage sind. Aber unser Bundeskanzler kneift nicht vor unserer Zukunft. Er sitzt auch keine Probleme aus, er stellt sich unerschrocken den Schicksalsfragen und arbeitet unerbittlich für eine Wende zum Besseren."
SPD-LEUTE ZUM FRÜHSTÜCK ESSEN
Schon aus diesem Grunde "gibt es Leute, die würden es am liebsten sehen, wenn ich jeden Morgen zwei SPD-Leute zum Frühstück verspeisen würde. Aber das kann ja nicht Sinn und Zweck der Politik sein. Die Politik hat schließlich den Menschen zu dienen. Den Menschen helfen zu leben", derart anspruchslos putzt er seinen Bekenntnis-Charakter heraus. Denn "eine Partei wie die CDU ist nicht dazu da, um die eigenen parteipolitischen Interessen in erster Linie im Auge zu behalten", heuchelt er ungesenkten Blickes von der Bonner Operetten-Republik (1949-1989).
THEATRALISCH GETRIMMT
"Arbeitslosigkeit ist mehr als eine statistische Größe, die Monat für Monat die Zahl derer anzeigt, die in einer Gesellschaft abseits mit ihren seelischen Belastungen stehen", trug der Minister Geißler (1982-1985) von einst, theatralisch auf bedächtig getrimmt seinem gläubig dreinschauenden Publikum vor. "Denn wir leben nun einmal in einem Land, in dem der Wert des einzelnen Menschen daran gemessen wird, was er ist und was er hat." - Basta.
MUTTER KOCHTE EINTOPF
"Haste was, biste was", sagten ja bereits die bundesdeutschen Sparkassen in den fünfziger Jahren. "Auch meine Eltern haben kein Geld gehabt. Wir waren keine reichen Leute". bringt Geißler sich tellerwaschend als Soziallegende in die Dorfgemeinschaft ein. Der Vater arbeitete als Landmesser in Rottweil, wurde von den Nazis sogar mehrere Male wegen seiner Kritik zwangsversetzt, Mutter kochte Eintopf für die ganze Woche, Erbsen, Linsen, Graupen, "Fünf Kinder waren wir am Tisch, trugen ohne Murren gegenseitig unsere Sachen auf."
SCHULDEN ÜBER SCHULDEN
Und heute? "Der Staat war vor kurzem noch bankrott. Irgendwann, wenn die Verschuldung so weitergegangen wäre, hätten wir eine Währungsreform bekommen. Und wer ist dann der Leidtragende? Das sind nicht die Leute,die Grundstücke und Häuser haben, sondern das sind doch Sie hier, wir alle miteinander, die Masse der kleinen Leute. Die Staatsverschuldung ist die unsozialste Politik, die es gibt, Wir haben über 300 Milliarden Mark Schulden, die müssen wir mit Zins und Zinseszins zurückbezahlen. Wer aber zahlt sie denn zurück? Doch nicht die Älteren in unserem Land. Nein, die junge Generation.
ÜBERN DURST GETRUNKEN
Wir trinken auf ihre Kosten einen kräftig über den Durst, schmeißen das Geld zum Fenster hinaus. Wir müssen sparen und nochmals sparen, wie wir es in den vergangenen Jahren schon erfolgreich gemacht haben. Machen wir endlich damit Schluss, engültig Schluss ... Nein", posaunt Heiner Geißler zum wiederholten Male seine Rede-Dramaturgie auslebend und wie aus dem Wahlkampf-Bilderbuch seinen Daumen Richtung Saaldecke streckend, "seien wir doch mal ehrlich zu uns selber. Die CDU fragt die Bürger in Wirklichkeit, ob sie tatsächlich die Kurpfuscher von gestern zu den Vertrauensärzten von morgen wählen wollen. Doch ganz gewiss nicht. Deshalb, weiter so Deutschland - stabile Preise, stabile Renten, mehr Arbeitsplätze. Das ist die CDU. Das ist unsere Zukunft und das alles in schwarz-rot-gold. Haben Sie gerade den Urschrei der sozialen Marktwirtschaft gehört?"
JOHLEN IM KULTUR-SAAL
Natürlich soll dieser imaginäre Parteien-Knall eine Richtungsentscheidung symbolisieren. "Die Grünen, diese Melonenpartei, außen grün, innen rot, sind sozusagen der politische Volkssturm der SPD, das letzte Aufgebot des Parteivorsitzenden Willy Brandt (1964-1987; *1913+1992) , um durch Wählertäuschung und Tricks an die Macht zu kommen." - Im Kultursaal johlen die Leute vor Begeisterung. So viel kostenlos-inszeniertes Polit-Entertainment, so viel kabarettreife, angestrengte Lockerheit, die da aus Bonn eingeflogen worden ist. Heienr Geißler schaut sich strahlen, lustvoll um, weil sein tausendfach eingeübtes Pathos, seine tausendste Wiederholung die Menschen nach wie vor von den Bänken holt. Auch Frau Heike Göbel klatscht im Dreier-Takt zum 1.500 Male. "Das hälste im Kopf nicht aus, wie er das immer wieder hinkriegt", sagt sie zum Fahrer Riemann. Fahrer Riemann zitiert brav den Chef: "Ein Politiker, der nicht reden kann, ist nur die halbe Miete wert." Da höre ich eine ältere Frau in den hinteren Reihen, die ein Verslein aufsagen will - vor Ergriffenheit versteht sich. Sie dringt im Getöse freilich kaum durch. Es ist die dritte Strophe des Kanzler-Kohl-Liedes, getextet vom Heimatsänger Gotthilf Fischer,dem Leiter des gleichnamigen Chores: "Nicht klagen, nicht verzagen, aufwärts schauen, Gott vertrauen, höre auf mit dem Weheklagen, denn du wirst dir selbst nur schaden."
STIMMUNGS-DEMOKRATIE
"Machen wir endlich Schluss, endgültig Schluss damit. Wir machen nämlich keine Stimmungspolitik, wir sind ja auch keine Stimmungsdemokratie", hatte Heiner Geißler in den Raum gedonnert. Über Schuldenabbau, über den Vorsorgungsstaat, über das satte Haben-Land Bundesrepublik sprach er nun. Keineswegs über unseren Erdball, mit jährlich über 1,6 Billiarden Mark militärischer Rüstung, der ein Atomwaffenarsenal beherbergt, das in seiner Sprengkraft 16 Milliarden Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT entspricht. Eine Welt, auf der das reichste Fünftel der Bevölkerung über 71 Prozent des Welteinkommens verfügt; ein Globus, auf dem 500 Millionen Menschen hungern, 600 Millionen Menschen ohne Arbeit sind und eine Milliarde in tiefster Armut leben - damit endgültig Schluss zu machen, auch den weiteren, abendteuerlichen Ausbau von Atomkraftwerken zu stoppen, das hatte Heiner Geißer in der Silzr Kulturhalle natürlich nicht gemeint.
MIT GOTT FÜR KERNKRAFT
Das atomare Desaster in der früheren Sowjetunion, denn "Tschernobyl" im Jahre 1986, eine der schwersten nuklearen Katastrophen überhaupt - das hatte Geißler in der Silzer Kulturhalle natürlich nicht gemeint. Denn dieser Reaktor sei nun mal ein "typisches Konstrukt der proletarischen Revolution" murmelt er beschwichtigend. Pastoral schließt er aus jenem Unglück die gläubige Erkenntnis: "Wer der Auffassung ist, mit dem Tod sei alles zu Ende, der kann halt mit dem so genannten Restrisiko naturgemäss weniger leben als derjenige, der diese irdische Existenz als eine vorläufige und gleichzeitig auf eine ganzheitlich unendliches Ziel ausgerichtet begreift." - Geißler-Stunden, CDU-Jahre.
RÜCKBESINNUNG AUF RELIGION
Heiner Geißler misstraut einer total transparenten, aufgeklärten Welt, in der die Menschen ihren rationalen Erkenntnissen folgen sollen. Ihm schwebt ein Dasein vor, in dem die Tugenden wie Anpassungsfähigkeit, Loyalität und Selbstdisziplin die Garanten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Dickicht des Sachzwang-Staates sind. Er fordert eine Rückbesinnung auf den Glauben an Gott, die Pluralität des Lebens, die Notwendigkeit von Autorität, Hierarchie, Ordnung, Stabilität, Führung und Elite. Praktisch Erlebtes steht gegen Gedachte oder Erwartetes, Sein gegen Sollen, Leben gegen System-Begriffe. "Unsere Werte beruhen nicht auf dem, was wir haben, sondern auf dem, woran wir glauben", postulierte Geißler schon in seiner Rede zum konstruktiven Misstrauensvotum gegen den sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt (1974-1982).
BEDINGTE WAHRHEITEN
Warum gutgläubig Zufriedene mit Problemen oder Verantwortlichkeiten überlasten, sie mit düsteren Stimmungen und Befindlichkeiten der Nation, Depression, Angst und Frustation unnötig konfrontieren? Wozu leistet sich ein Land wie Deutschland ihre leistungsfähigen Subsysteme aus Wirtschaft, Wissenschaft, Industrie, Recht und Verwaltung? Kann nicht "das Vertrauen der Bürger in die parlamentarische Demokratie neu gefestigt, unser Land aus der schwersten Wirtschafts- und Sozialkrise der Nachkriegszeit herausgeführt, die geistigen und moralischen Grundlagen unseres Zusammenlebens erneuert, unsere Jugend wieder Hoffnung für eine lebenswerte Zukunft" gegeben werden?
KONSERVATIVE GEGEN-REFORMATION
Geißler und seine Union als Hoffnungsträger einer staatswirtschaftlich- sowie sozialpolitischen Wende, einer konservativen Gegen-Reformation am Ende des auslaufenden 20. Jahrhunderts. Der Generalsekretär als intellektuelle Speerspitze eines neukonservativen Denkens, ein Geißler, der soch offensiv mit dem Volk gegen die ordnungswidersetzenden Weltverbesserer verbünden will. Nicht etwa die Weltwirtschaftskrise, die rasanten technologischen Strukurveränderungen, die Globlisierungen ausufernder Finanzmärkte, der Bruch mit eine unbegrenzten Wachstum, die leeren Kassen schlechthin sind nach Meinung des Sozialphilosophen Günter Rohrmoser (*1972+2008) , einst Hochschullehrer an der Universität Hohenheim und CSU-Sympathisant. "der letzte Grund unserer Misere, sondern die Tatsache, dass wir mit den überfüllten Kassen geistig und moralisch nicht zurechtgekommen sind".
"IDENTITÄT WIE EIN CHAMÄLEON"
Für den markanten Denker Rohrmoser ist "die Konstruktion einer geschichtslosen, in ihrer nationalen Identität verunsicherten und eines gemeinsamen Ethos sich selbst beraubenden Industriegesellschaft Bundesrepublik zusammengebrochen". Folglich befinden sich nach Rohrmosers Befund auch die traditionellen Parteien in einem Identitätsverlust oder verändern ihre Identität wie ein Chamäleon je nach der Richtung, in der der Zeitgeist zu wehen scheint". Und er sieht zudem die Gefahr, dass aus einem "taktischen, situationsbezogenen Opportunismus ein prinzipieller Opportunismus zu werden droht".
CDU/CSU: OFFENBARUNGS-EID
Auf die Union an der politischen Macht gemünzt, erlebe die CDU "die Stunde des Offenbarungs-Eids." Denn die wachsende Kritik an Helmut Kohl (CDU-Bundeskanzler 1982-1998) dürfe nicht die Einsicht vergessen lassen, "dass die CDU weitgehend Kohl ist, dass ihre Mentalität und ihre innere Verfassung sich in seiner Position widerspiegeln, er ist der Ausdruck einer gewissen Dumpfheit, Provinzialität und eines diffusen Populismus, der die Partei beherrscht ...".
UTOPISTEN DIESER JAHRE
Den Utopisten dieser Ära ist es faktisch zuzuschreiben, dass der Politik ihre Steuerungsfähigkeit verlorenging, die Integrationskraft der parlamentarschen Demokratie schwindet, dirhc die "widernatürliche Gleichmacherei" der Sozialstaat als Umverteilungsinstanz missbraucht wurde. Die Progessiven, allen voran die Sozialdemokratie, haben demnach abgewirtschaftet, weil sie den innigen Wunsch nach einem überschaubaren, verlässlichen, stabilen, berechenbaren Dasein ignorierten, sie die Begrenztheit des Fortschritts, die Rohstoff- und Ressourcen-Knappheit, die Stagnation der Industrie, die zunehmende Krisenanfälligkeit von Großorganisation in einer Welt freier Märkte nicht rechtzeitig erkannt haben.
FORTSCHRITT UND SEIN GEGENTEIL
So auch "die dramatischen Folgen des Umschlags des Fortschritts in sein Gegenteil und die Erfahrung, dass alle Versprechen, aus denen seine Dynamik gespeist wurde, sich als unerfüllbar herausstellen"; betonte der wortgewaltige Tendenz-Wenden-Prediger Günter Rohrmoser in seinem im Jahre 1983 veröffentlichten Buch "Die Krise der politischen Kultur". Er kündigte eine über Jahre währende Tendenzwende an, die tief "in die Verfassung und den Zustand des öffentlichen und privaten Lebens" eingreift, es nachhaltig verändert, "als es uns bewusst sein mag". "Heimat", "Kultur" oder auch "Nation" sind ihm Synonyme für eine gemeinsam erlebte, traute Welt, die jedem Hoffnung und Glauben beläßt, die monogame Ehe und Familie zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, den ersehnten sozialen Aufstieg zu meistern, sich überhaupt in der arbeitsteiligen, höchst undurchsichtigen Computer- und Roboter-Gesellschaft zurechtzufinden, der drohenen Vereinsamung, aber auch der Anonymität zu entrinnen.
ROSSKUR ZUM DURCHBRUCH
Um dieser Roßkur zum Durchbruch zu verhelfen und die Tendenzwende für Jahrzehnte durchgreifend voranzutreiben, müssen nach Günter Rohrmoser "die Mächte des Nihilismus und der Destruktion" gebannt werden, "bedarf es des Rückgriffs auf andere Reserven als die einer Moderne, deren Tag sich zu neigen beginnt. Geistige Wene ist die Wende zur Wirklichkeit, die Programmierung eines Lebens, das nach dem Entzug des süßen Giftes der Utopie sich fragte, wie Selbstentfaltung ihren Sinn behalten kann".
KONSERVATIVE KRISEN-THEORIEN
Tatsächlich beruhr die aus den USA importierte neo-konservative Krisentheorie auf zwei zentralen Eckpfeilern: zu viel Sozialstaat, zu viel Demokratie. So sei das Debakel in den westlichen Industrie-Nationen ausschließlich ihrer aufmerksamen Sozialfürsorg anzukreiden, die sich zu einer aufgelblähten Umverteilungs-Bürokratie entwickelt habe. Der New Yorker Sozialwissenschaftler Irving Kristol , einer der schärften Verfechter eines klassischen Untennehmer-Kapitalismus in den Vereinigten Staaten, ist davon überzeugt, dass die bisherige Politik, "die massive Eingrifffe des Staates in den Markt erlaubt, gegenüber Sitte und Moral jedoch absolute Laissez-faire erlaubt, für eine bizarre Umkehrung der Prioritäten" stünde. Anspruchsdenken, Versorgungsidylle, Gleichmacherei, staatliche Entmündigung, Verkümmerung bewährter Tugenden sie das Ergebnis. Des Menschen große Erwartung liege aber "in einem geistig und moralischen neubelebten Kapitalismus".
AUS GOLD WIRD GLÜCK
Nach dem erprobten Muster, schont die Reichen, sie machen aus Gold Güter und aus beiden irdisches Glück, entpuppt sich der Neokonservativismus in den achtziger Jahren als die ideologische Plattform, auf der eine Politik der Rückverteilung zugunsten der Besserverdienenden verwirklicht werden soll.

Dienstag, 1. August 1989

Aus den Augen, aus dem Sinn - Trümmerfrauen der neunziger Jahre


















Männer Vogue, München
8. August 1989
von Reimar Oltmanns



Die Polit-Dramaturgie der Selbstdarstellung zu jedem beliebigen Thema, hohle Versprech- ungen, telegene "Kalendersprüche" mit ihren einhergehenden Vertrauensbrüchen waren im Politikverhalten der einstigen Hauptstadt am Rhein alltäglich geworden. Seit dem ver- mehrt Frauen mit einem neuen feminine Bewusstsein in die Politik eingestiegen sind, kämpften diese zehn Politikerinnen um ihre Macht, Ansprüche und um eine feminine Gestaltungskraft. Im Bonner Milieu wurden sie zu den Trümmerfrauen der neunziger Jahren (in der Bildreihenfolge).

Renate Schmidt, 46, hat sich zu einer klassischen Hoffnungsträgerin der Sozialdemokratie gemausert. Die Witwe mit drei Kindern hat es notgedrungen lernen müssen, sich in der raubeinigen, zuweilen Bier lallenden Bonner Männerwelt ("Sie sehen besser aus, als Sie reden") durchzusetzen und ihre Identität dennoch zu wahren. Ein kontinuierlicher Überzeugungswandel bleibt nicht aus. Renate Schmidt: "Im Jahr hätte ich auf die Frage, 'Bist du Feministin?' mit Unverständnis und Abwehr reagiert, 1988 bin ich sauer, wenn ich von Feministinnen ausgegrenzt werde. 1968 war bei noch das Bedürfnis, Männern zu gefallen, vorherrschend, 1988 der Wunsch, als Frau gut zu sein und zu bestehen. Wir sind zwar die Leichtlohngruppe des Bundestages, aber leicht haben wir's deswegen nicht. Nur haben wir festgestellt, dass wir eine Macht sind."

Herta Däubler-Gmelin, 46, gelang es als erste Frau zur stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden aufzusteigen - und das, obwohl Hans-Jochen Vogel die "sehr kompetente und bienenfleißige Herta" da gar nicht haben wollte. Genossin Herta war hochschwanger, als sie 1972 in den Bundestag einzog und gemeinsam mit Willy Brandt mehr Demokratie wagen wollte. Selbstverständlich zählt Herta Däubler-Gmelin zu jener Frauen-Generation , der in der SPD nichts geschenkt wurde, die sich um Rede um Rede, Stimmzettel um Stimmzettel nach oben durchkämpfen musste. In der nächsten SPD-geführten Bundesregierung ist sie als Bundesjustizministerin vorgesehen. Vielleicht kann sie in dieser Eigenschaft einmal ihren langgehegten Tagtraum verwirklichen, "wenigstens einmal Jil Sander persönlich kennenzulernen. Auf ihr Parfum möchte ich schon heute nicht verzichten."

Ursula Maria Lehr, 59, ist ein Paradebeispiel dafür, wie unversöhnlich sich Wissenschaft und Politik gegenüberstehen. Der Heidelberger Psychologie-Professorin ist der plötzliche Umstieg von der Wissenschaft in die dumpfe Machart Bonner Politik missraten. Ein "Oh" und "Au" raunten die Herren im feinsten Nadelstreif beim Antritt in der Fraktion entgegen. Gelächter brach aus, als Frau Ministerin erklärte, dass sie über 600 wissenschaftliche Veröffentlichungen habe. Frau Lehr nach wenigen Wochen im Amt: "Ich muss ja nicht ewig Ministerin bleiben."

Gerda Hasselfeldt, 38, bringt alle Voraussetzungen mit, sich zum Bumerang der Frauenbewegung zu entpuppen. Als der Kanzler die CSU-Politikerin aus Regen im Bayerischen Wald zur Bundesministerin kürte, rühmte er: "Sie ist eine Frau, jung, Volkswirtin, Mutter von zwei Kindern." Ergo eine Repräsentantin der Gruppierungen, die der CDU/CSU als Wählerinnen scharenweise davonlaufen. Gerda Hasselfeldt zu ihrer atemberaubenden Polit-Karriere: "Ich war erst richtig baff, als mich der Kanzler nichts ahnend in sein Kabinett holte." Unter klassischer Politik verseht sie: "Zum richtigen Zeitpunkt tätig zu werden. Ein bisschen Ellenbogen braucht man schon als Frau. Und einen langen Atem."

Irmgard Adam-Schwaetzer, 47, pflasterte ihren Werdegang mit Frauenleichen. Die menschlich ruinöse wie wortbrüchige Wende ist mit dem Namen der promo-vierten Pharmazeutin aus Düren untrennbar verbunden. Früher als andere Frauen, die im politischen Geschäft um ihre Identität kämpfen mussten, hatte sie erkannt, dass die moralische Unbestechlichkeit in der FDP eine verblasste Tugend ist. Folglich erkaufte sich die gewiefte Dame ihren politischen Einfluss stets mit einem eloquent verbrämten Opportunismus. 1982 fungierte sie als Informationsbeschafferin für den damaligen Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher aus dem sogenannten feindlichen Frauenlager. Mit Hintergrundinformationen über die renitenten Schwestern und ihr Privatleben lieferte sie ihre Kolleginnen ans bereits aufgeklappte Messer. Die Partei dankte es ihr und ließ die visionslose Apothekerin Stufe um Stufe nach oben purzeln.

Anke Fuchs, 52, sie wird immer wieder gezielt als erste SPD-Kanzlerkandidatin ins Gespräch gebracht. Tatsache ist, dass Frau Fuchs zu den qualifiziertesten bundes-deutschen zählt und ihr selbst von den Damen der Union eine Führung im Kanzleramt "ohne weiteres " (Rita Süssmuth) zugetraut wird. Anke Fuchs ist eine Sozialdemokratin mit Stallgeruch, die in der Politik hauptsächlich durch zupackende Männer geprägt wurde und folglich zu theoriebeflissenen "Schickimicki-Sozialisten"nur schwerlich einen Zugang findet. Sie hält es lieber mit dem Vorschlag-hammer, "um die Genossen auf Trab zu bringen. Denn Ärger darf uns nicht abschrecken".

Cornelia Schmalz-Jakobsen, 55, hat einen typisch fraulichen Part über-nommen. Sie soll besonders darauf achten, dass die Liberalen keineswegs nur als eine profitable Tantiemenpartei der sozialen Kälte beim Wähler ankommen. Die frühere Berliner Familiensenatorin soll auch Nestwärme, Behaglichkeit und soziale Zulänglichkeit vor dem Publikum glaubhaft akzentuieren. Ganz nach der Infas-Weisheit: Lambsdorff fürs Grobe, Frau Schmalz-Jakobsen fürs Eingemachte. Parteichef Lambsdorff zu dieser in feministiaschen Zeitläuften notwendigen Arbeitsteilung: "Natürlich muss ich eine Frau nehmen, und ich möchte eine Dame." Die Dame Schmalz-Jakobsen darauf: "Ein Amt braucht man nicht zu behalten, aber die Selbstachtung, Herr Lambsdorff. Ich komme nach Bonn."

Rita Süssmuth, 52, ist die einzige Repräsentantin in der arg ramponierten Politikerklasse zu Bonn, die quer durch alle Schichten der Bevölkerung unein-geschränkt Vertrauen genießt. Ob als Familienministerin oder als Bundestags-präsidentin - Frau Süssmuth vermittelt den Menschen draußen im Lande ein neues Politikgefühl. Mit ihrem Engagement als zweite Frau des Staates kann Kohl beim Wähler wuchern. Aber er wird sich auf einiges gefasst machen müssen. Rita Süssmuth: "Wir Frauen werden schon hinreichend lästig werden."

Trude Unruh,64, Vorsitzende der aufsässigen Altenorganisation "Graue Panther",mag sich als parteilose Bundestagsabgeordnete in der Fraktion der Grünen mit ihrem erreichten Power-Zustand nicht zufriedengeben. Mit 30.000 Mitgliedern im Hintergrund probt "die unruhige Unruh" die Rebellion. Unruhs Ziel: Das allzu oft erschreckend armselig Dasein alter Leute, gar die Menschenrechtsverletzungen in Altenheimen, ins allgemeine Bewusstsein zu drücken, "Graue Panther sind für alle neuen Gedanken offen, wenn sie dazu beitragen, die Lebenssituation der alten Menschen zu verbessern."

Waltraud Schoppe, 47, fädelte erstmals ein vertrauliches Treffen verschiedener Frauen aus allen Bundestagsfraktionen im Bonner Presseclub ein. Das war mehr als ungewöhnlich, weil ansonsten die Herren MdB's nur "das fraktionsübergreifende Saufen gewöhnt sind" (Schoppe). Für die Gymnasiallehrerin Schoppe aus Bassum ist die Gewissheit, dass Veränderungen im Verhalten der Geschlechter untereinander hauptsächlich von Frauen ausgehen. Die Abgeordnete vor dem Bundestag: "Eine wirkliche Wende wäre es, wenn hier oben zum Beispiel ein Kanzler stehen und die Menschen darauf hinweisen würde, dass es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind und die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausschließen ..."