Montag, 19. Mai 1980

"Keine normale Figur in der Hütte"

"Die Würde des Sponti ist unantastbar" - Die Frankfurter Batschkapp - ein Treppunkt für das andere Deutschland



Der Spiegel 21/1980
19. Mai 1980
von Reimar Oltmanns



"Okay, ich lebe halt heute und das ist für mich wichtig. Ich denke eben nicht an morgen und schon gar nicht an übermorgen, sonst würde mir schwindelig."
(Wölfchen aus der Batschkapp)

Es gelten nur Augenblicke !
(Tunix - Wandzeitung)

Es war mal wieder eine dieser Kaputtmacher-Nächte in der Batschkapp, dem Frankfurter Kulturzentrum e.V. - dort draußen am öden Vorstadtrand in Eschersheim, eingekeilt zwischen breiten Ausfallstraße, Eisenbahnschienen und Betonklötzen.

Nächte, die Wölfchen schon zu Hunderten erlebt hat, meistens hinterm Tresen, zwischen Export- und Pilskisten. Nächte, die im immer wieder endlos erscheinen und ihn stumpfsinnig aufwühlen. Acht bis zehn Stunden klebt die Szene oder das, was sich dafür hält, an seiner Theke.

Leute zwischen 15 und 20, die vor Kaputtheit so ziemlich alles in sich hinein-schlucken, was nach Alkohol riecht.

Typen aus Frankfurts City, aus umliegenden Kleinstädten und Dörfern aus dem Taunus. Sie kommen jedes Wochenende in die Batschkapp, um Bier, Zigaretten, Musik und Menschen zu konsumieren. Typen mit Hoffnung auf Nähe, mit Hoffnung auf Durchbruch.

Theo und Jochen "kontrollieren" Nähe und Durchbruch. Sie postieren sich von 20 bis 24 Uhr an den Eingang und kassieren von jedem zwei Mark Eintritt, wenn's nicht gerade ein Freund ist.

STADTINDIANER, STADTGUERILLAS

Durch ihre Schleuse drängt sich so ziemlich alles, was sich "das andere Deutschland" nennt: Stadtindianer, Stadtguerillas, einfache RAF-Sympathisanten aus Folter-komitee und Roter Hilfe, Spontis und Frauengruppen, Gastarbeiterkinder aus der Umgebung, arbeitslose Mädchen und Jungen , heimatlose Mischlinge aus amerika-nischen Garnisonstädten.

Um die 250 Leutchen dürfen laut Ordnungsamt die Batschkapp maximal bevölkern. Doch an den Samstag sind es 500 bis 600 Freaks, die den Schuppen füllen. Einen Schuppen, der wie sein Völkchen kein einheitlich geprägtes Gesicht hat, der eigent-lich alles und nichts ist. Auf keinen Fall aber ist die Batschkapp eine der üblichen, kommerziellen Discos, auch wenn die Kaputtmacher-Nächte Disco-Abende heißen.

Mit den anonymen und spontanen Vortänzern zum Beispiel aus Homburg oder Offenbach, auf der großräumigen Bühne erinnert der verstaubte Saal an die Kinder-zeiten des Rock 'n' Roll Mitte der fünfziger Jahre. Die langen Bänke könnten auch in de hessischen Äppelwoi-Liveschau "Zum blauen Bock" eine respektable Kulisse abgegeben.

Die Wände sind weiß getüncht worden, aber nur so weit, wie Fingerspitzen die Farbrollen trugen. Der Treck nach Gorleben mit seinen zahlreichen Etappen ist minutiös auf Kalk nachgepinselt, Konterfeis von Genossen, die wegen terroristischer Anschläge einsitzen.

"Wir werden euch rächen, der Kampf geht weiter" - in der Batschkapp zumindest mit Sprüchen, die Klo und Theke schmücken. Aber auch solche wie "Freiheit für Grönland" - "Die Würde des Sponti ist unantastbar" - "Sonnenschein oder Regen, wir sind dagegen".

NÄHE UND DURCHBRUCH

An den Disco-Abenden ist Nobby der wichtigste Mann. Er hockt abgeschirmt in einem Glaskasten, steuert die gleißenden Scheinwerferstrahlen, die mit ihren bunten Reflexen den zur Decke ziehenden Zigarettenqualm zerschneiden. Vor allem reguliert Nobby - jedenfalls versucht er's - Nähe und Durchbruch, soft und hart, wild und weich.

Und dann gibt es noch Bernhard, Karo und Moni. Sie arbeiten hauptsächlich in dieser Nacht im "Elfmeter", dem Vereinslokal, das eine Treppe unter der Batschkapp liegt und auch von der Maybachstraße direkt angelaufen werden kann.

Während in der Batschkapp die Freaks allmählich saunen, sitzen die Jugendlichen im Elfer locker auf ihrem Hocker, lesen ihren "Pflasterstrand", das Zentralorgan der Spontis, die "tageszeitung" aus Berlin oder auch den "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten".

Für die Batschkapp-Leute sind ihre Medien, die einst auf Flugblättern entstanden, inzwischen unentbehrlich geworden. Sie alle geben sich zutiefst davon überzeugt, dass ihre Alternativ-Periodika ehrlicher sind als die auflagenstarken Gazetten zwischen Hamburg und München, die noch dazu ihre Gedanken und ihre Gefühle ignorieren oder zuweilen kriminalisieren - je nach politischer Konjunktur.

VOM SEELENLOSEN VÖGELN

Edgar, ein 21jähriger Pädagogikstudent, erzählt seinem Freund Vieto in aller Ausführlichkeit von seiner Wohngemeinschaft (WG) in Sachsenhausen, die er vor zwei Wochen verlassen hat. Er hätte in den letzten Monaten immer stärker die Beobachtung gemacht, dass in gemischten WGs die Sexualität verdrängt werde. Die Mädchen würden mit ihrem Trip, weg vom "seelenlosen Vögeln", hin zur Zärtlichkeit, derart dominieren, dass er, Edgar, Frauen zusehends einseitiger als neutrale Instanz wahrnehme.

Edgar über sich: "Bin ich mit einer zusammen, denke ich mir schon von vornherein, die will mit mir sexuell nichts zu tun haben. Wenn das dann aber doch nicht stimmt, kriege ich nichts mehr geregelt. Ich komme bei Mädchen immer schnell ins Säuseln. Dann verhalte ich mich so, was ich unter Säuseln verstehe, und wäre am liebsten der Sensibelste aller Zeiten, schwanzlos, sexuell ungefährlich, nicht vorlaut, bescheiden und trotzdem nett. Ich steh' sozusagen unterm sensiblen Leistungsdruck."

Edgar jedenfalls hat für sich daraus die Konsequenz gezogen. Er flüchtete in eine Männer-WG, um den Psycho-Druck loszuwerden. Ein Kollektiv in allen Ehren, es gebe aber "in jeder Person Bereiche, in denen sie aus eigener Kraft und Anstrengung den Weg zur Weiterentwicklung auftun kann".

Grundsatzbetrachtungen über Sinn und Zweck eines Kollektivs provozieren Mike. Einmal kann Mike "das intellele Geseiere auf den Tod net leiden, zum anderen arbeitet und lebt er in einem Kollektiv. Mike ist ein Typ von der Arbeiterselbsthilfe (ASH) draußen in Bonames.

KOPF UND BAUCH

Vor ein paar Wochen hatte er Vieto bei einer Entrümpelungsaktion in Sachsen-hausen kennengelernt. Da packte und stapelte er gerade Sperrmüll und altes Geschirr auf seinen ASH-LKW.

Die ASH hat sich inzwischen zu einem relativ großen Alternativ-Unternehmen gemausert. Über 30 Leute, Frauen und Kinder, sind dort engagiert. Haushaltsauf-lösungen, Entrümpelungen, Transporte, An- und Verkauf von Antiquitäten, Aufar- beitung und Wiederherstellung alter Möbel in einer Holzwerkstatt und dann gibt es noch eine Druckerei.

Mike meint, Kopf und Bauch seien bei der ASH nicht mehr getrennt. Denken und Fühlen gehören eben zusammen - ob in der Freizeit oder bei der Arbeit. Und vor allem könne da keiner den Chef raushängen lassen. "Alle sind gleich, und das ist für uns total wichtig. Alle haben die gleichen Rechte und das gleiche Interesse bei den Diskussionen abends, wenn es darum geht, was anders werden muss oder soll."

KEINE LEHRE DURCHGEHALTEN

Mike, gerade 18 geworden, will mitreden und mitbestimmen und nicht nur mechanisch vor sich hinmalochen. In der "bürgerlichen" Gesellschaft hat er keine Lehre durchgehalten, auch sonst hat er laufend seine Jobs gewechselt.

"Wieso has du denn so schnell bei deiner zweiten Arbeitsstelle aufgehört, wo du nur zwei Monate geschafft hast", will Vieto wissen.

Mike: "Weil, da fing das so an, mit Überstunden. Man wusste, wenn man nicht wollte, konnte man gehen. Hat mir total nicht gefallen. Und das Klima überhaupt und so, warste als Arsch hingestellt, weil du eben neu angefangen hattest, hattest keinen Brief in der Tasche, keinen Gesellenbrief. Da hab' ich mir gedacht, nehm' ich lieber meine Papiere und geh'."

Vieto fragt weiter: "Aber soviel Kohle wirste doch bei der ASH auch nicht kriegen?"

Mike: "Um die Kohle geht's bei mir net. Guck mal, ich hab doch jetzt hier erst mal mein Essen, ich hab' alles, ich hab' auch Geld, aber ich kann hier zum Beispiel sagen, wenn mir das nicht passt, damit ich das los bin, kann ich sagen: Hört mal zu, das und das geht nicht, dann wird darüber diskutiert. Das kann man in'ner normalen Firma nicht. Bei der ASH ist Abwechselung drin. Fährst LKW, biste im Verkaufslager, kommst mit Leuten zusammen, die wollen was von dir, denen kannste entgegen-kommen."

Die meisten dieser Jugendlichen glaube, den Grundwiderspruch zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Bauch auflösen zu können. Ein Kollektiv, das die bürgerlichen Spielregeln außer Kraft setzt, in dem rationales Handeln nicht konträr zu den Gefühlen abläuft.

BATSCHKAPP - EINE MÜTZE

Auch die Batschkapp, das "Frankfurter Kulturzentrum e.V.", ist ein solches Kollektiv. Die Batschkapp gehört den Frankfurter Spontis, die nicht ohne Hintersinn diesen Namen wählten. Batschkapp nennen die Frankfurter im Volksmund eine Mütze, genauer gesagt ihre Schirmmütze. Unter dieser Mütze soll für alle Platz sein, die mit der etablierten Gesellschaft "wenig am Hut haben".

"Es soll versucht werden", so skizzierte das Batschkapp-Kollektiv Ende 1977 seine Konzeption, "ein Programm zu entwickeln und durchzuführen, das einerseits nicht-professionellen Kulturinitiativen Raum bietet und andererseits berechtigten Freiheitsbedürfnissen breiter Schichten Rechnung tragen will."

Die Tatsache, in einem Kollektiv zu arbeiten, heißt aber noch lange nicht, ein anderer oder neuer Mensch zu sein. Die Entscheidung, das Studium sausen zu lassen, Lehrstellen auszuschlagen, bedeutet keineswegs, sich selbst gefunden zu haben. Offen miteinander umzugehen, Gefühle zu äußern, solidarisch gemeinsam Sachen durchzusetzen, all das sind noch keine Garanten für Einvernehmlichkeit.

Hier prallen Wirklichkeit und Wunschvorstellung hart aufeinander. Hier wissen Wölfchen, Theo, Nobby und Moni manchmal nicht mehr, was an ihrer Arbeit eigentlich noch alternativ ist. Hier werden sie oft von Freaks in ein Rollenverständnis hineingedrängt, das ihnen zuwider ist.

KEINE BARMIXER, KEINE RAUSSCHMEISSER

Sie wollen keine Barmixer. keine Rausschmeißen und keine Garderoben-Mädchen sein. Sie sind keine Angestellten nach Tarifvertrag, mit einem Achtstundentag, Lohnsteuerkarte und Sozialversicherung. Sie verdienen keine Gelder, auch wenn das Bier wieder teurer wird. Trotzdem müssen sie sich anmotzen lassen, als seien sie Disco-Jobber, die aus dem Laden ihren kommerziellen Nutzen ziehen.

Für Wölfchen und Genossen ist es eben verdammt schwierig, den Leuten klarzu-machen, was ein Kollektiv ist, welche Lebensphilosophie sich dahinter verbirgt und was es bewirken will. Dass es dabei nicht um Profit geht, dass die Batschkapp-Typen hinterm Tresen, am Eingang und in der Küche beim Broteschmieren ein Stück alternativer Identität suchen, dass sie sich schon deshalb vom üblichen Glimmer-Konsum grundsätzlich unterscheiden.

Gerade an solchen Samstag wie diesem ist das Kollektiv mit den Nerven runter, restlos ausgelaugt. Wenn die Jungs, so gegen vier Uhr morgens, die letzten Bierleichen auf die Straße getragen haben, ist für sie noch lange kein Feierabend. Da kommen keine Putzfrauen, die den Laden für die nächste Nacht wieder herrichten.

Dann heißt es fürs Kollektiv sauber machen, Theke putzen, Klos schrubben, Kotze wegwischen. In den frühen Morgenstunden gleicht die Batschkapp einem ver-lassenen Schlachtfeld - Pappbecher und Zigarettenstummel bedecken den Boden, Bierflaschen wie Munitionshülsen, Qualm wie Kanonenschmauch.

ÜBER BLUMEN REDEN

"An und für sich würden wir lieber weiter über unsere Blumen reden, aber wir versacken hier in der Arbeit und Problemen", schrieb das Kollektiv schon wenige Monate nach der Batschkapp-Eröffnung Anfang 1978 im "Pflasterstrand", der "Zeitung für Frankfurt".

"Zu einer inhaltlichen Diskussion sind wir gar nicht mehr gekommen. Nach den Veranstaltungen haben wir erst festgestellt, ob sie gut oder schlecht waren. Und das drückte sich nur in positiven Ausflipps oder in totalem Frust aus."

Doch auch zwei Jahre später ist die Situation im Batschkapp-Kollektiv keine andere. Gereizt, missmutig, aufgerieben mit sich und den anderen ziemlich am Ende, trinkt das Kollektiv morgens um fünf Uhr noch ein Bier.

Jeder ist sich darüber im klaren, dass es nicht so weitergehen kann, jeder spürt, dass ihre Perspektive in kaum zwei Jahren zerronnen ist. Alle reden und schreien durcheinander, aber keiner weiß, wie sie sich aus ihrer Misere herauswinden können.
Nur eines ist unmissverständlich klar geworden. Mit acht Jugendlichen lässt sich die Batschkapp nicht mehr organisieren, das geht an die Substanz und bedroht das ganze Projekt.

Schon am Nachmittag müssen sie wieder antreten, Schnitzel braten, Bier rankarren, kaputte Stühle reparieren, für kommende Veranstaltungen neue Plakate kleben.

FRANKFURTER KINDER UNSERER ZEIT

Wölfchen, Theo, Jochen, Karo, Nobby, Bernhard und Moni, dieses Batschkapp-Kollektiv - sie sind nicht nur Kinder unserer Zeit, sie sind vor allem Frankfurter Kinder. Eine Stadt, die sie zu Gegnern dieses Staates werden ließ, eine Stadt, für die sie Hass und Verachtung empfinden, ohne die aber ihr Weltbild erst recht lädiert wäre - eine Art Hass-Liebe, die keinen Stillstand kennt, immer neue Nahrung und auch Märtyrer findet.

Wölfchens oder Theos Entwicklung, ihr einsamer Weg in die Sponti-Szene, wäre anders verlaufen, lebten sie nicht in Frankfurt. Vielleicht wären in anderen Städten, etwa München oder Stuttgart, aus ihnen Jusos oder Jung-Unionisten geworden.

Aber in Frankfurt? Eine Junge Union, die nicht mehr anzubieten hat als "Wir wollen, dass Alfred Dregger Bundeskanzler wird" - Dregger, der Biedermann aus dem katholischen Fulda, dem man in Sponti-Kreisen alles zutraut.

Auch die Jusos haben den Jugendlichen in dieser Stadt weitgehend ade gesagt. Sie verschanzten sich in all den Jahren immer mehr im SPD-Haus, mauschelten nur noch mit Berufspolitikern aus Bonn und Wiesbaden herum. Frankfurt Anfang der achtziger Jahre ist eventuell die Bundesrepublik von übermorgen.

Batschkapp-Abende im Spätsommer 1979: Elke ist fast jeden Tag hier, selbst wenn keine Disco läuft. Elke sagt von sich: "Ich bin sinnlos", und lacht dabei kess.

IN BETON GROSS GEWORDEN

Elke ist ein Nordweststadt-Kind, also in Beton praktisch groß geworden. Das wäre aber nur halb so schlimm, wenn sie etwas mit sich anzufangen wüsste. Seit zwei Jahren ist die 17jährige von der Hauptschule runter, zwei Jahre ohne Lehrstelle und ohne Job.

Sie hat es aufgegeben, sich noch irgendwo zu bewerben. Sinnlos. Eine Perspektive gleich Null, ein Selbstwertgefühl gleich Null, wenigstens eine Afro-Dauerwelle gleich neu. Mutter gab ihr die 70 Mark dafür.

Zu Hause, da draußen in der Nordweststadt, bei ihren Eltern, zwei jüngeren Brüdern und dem Dackel Stupsi, in der 75-Quadratmeter-Wohnung im sechsten Stock, geht ihr "alles so ziemlich auf den Keks".

Mit ihrem Vater, einem Elektriker, gibt es nur ein Thema: "Entweder findest du jetzt bald eine Lehrstelle, oder du kannst nur noch Putzfrau werden." Aber wer will schon mit 17 seine Zukunft aufs Putzen stützen.

SELBSTFINDUNG BEIM MAU-MAU

Die Jugendheime, die Elke so kennt, sind auch nicht gerade lustig. Das wäre etwas für 13- oder 14jährige Bubis, meint sie. Ewig wird Billard gestoßen, Baby-Fußball gebolzt, ab und zu Disco bei Dosenbier und Wurstbrötchen, ein arbeitsloser Sonderschüler als Thekentyp, Hansi heißt er.

Betreuer, die meist in ihrem "Mitarbeiterraum" sitzen, einen auf Selbstfindung machen oder Mau-Mau spielen. Die Räume kalt und ungemütlich, nur ein Dia vom Strand aus Palma de Mallorca schmückt die kahl-graue Wand.

Aber die Batschkapp, das ist für sie ganz was anderes. Schlägereien - okay, Rauschgift - okay. "Das gibt es in den städtischen Jugendheimen auch, das macht null Unterschied." In der Batschkapp ist mehr los, nicht alles nur auf "Meerschweinchen- höhe".

Elke würde gern den Tresen machen, würde gern mitarbeiten. Denn hier zu putzen, glaubt sie, das sei ein anderes Putzen als das, was ihr Vater ständig als Berufsziel im Auge hat.

Schon zweimal hat Elke bei Moni angefragt, wie es denn wäre mit der Mitarbeit und so. Moni war da sehr zurückhaltend. Denn die Batschkapp sei nicht irgendein Laden, sondern ein Kollektiv.

"Wir haben 'n Beziehung zu dem, was wir hier tun", soll Moni gesagt haben. Auch 'ne politische, weil das "die Alternative ist".

Na gut, dachte Elke. Was Alternatives, das wäre schon prima. Sie müsste einfach mal mit zuhören, wenn die über Beziehungen und Politik reden. Die Frauengruppe, die von Zeit zu Zeit in der Batschkapp tagte, war nichts für sie. Nicht etwa weil Elke die Mädchen blöd fand. "Die laberten so gestochen daher, da kriegte ich nichts gescheckt."

ROTE HILFE - ANGST VORM VERRECKEN

Anders bei der Roten Hilfe. Das war echt konkret, Knast und so. Haftbedingungen für politische Gefangene, die kaputtgehen, "mausetot" gemacht werden. Die Genossen, auch Rechtsanwälte wie der Willy, die es ja wissen müssen, sagten immer: "Wir müssen raus aus der Isolation, sonst verrecken wir auch noch."

Die Genossen von der Roten Hilfe empfahlen ihr zunächst einmal den "Pflasterstrand", den manche auch "Plastikstrand" schimpfen, weil er ihnen nicht kämpferisch genug ist.

Ihr erster Artikel, zu dem sich Elke quälend durchrang, beschäftigte sich mit der Todesursache von Ulrike Meinhof. Den Namen kannte sie ja schon von der Baader-Meinhof-Bande. Später erzählte sie der Moni, dass die Selbstmordgeschichte ziemlich komisch sei.

Moni ging auf Elkes Version nicht ein, hatte auch den Artikel nicht gelesen. Aber seither beurteilte das Kollektiv-Mädchen Elkes Entwicklung außerordentlich positiv. Sie hatte nach einer Beratung mit den Genossen auch keinerlei Einwände mehr, wenn Elke mal an der Theke aushalf.

Elke blühte auf, endlich eine Aufgabe, endlich hinterm Tresen. Nach kurzer Zeit kamen ihr auch die richtigen Sprüche über die Lippen. Motzte einer über das "scheißteure Bier", sagte sie: "Du hast wohl 'nen Vogel. Meinste, wir machen hier die Preise, meinste, dass wir hier Kohle verdienen?`Da hast wohl keine echte Beziehung zur Batschkapp. Wir sind hier nämlich 'n Kollektiv."

Willy, der Rechtsanwalt, der auch Tresendienst macht, meint: "Nach bürgerlichen Ansprüchen ist da kene einzige normale Figur in der Hütte drin."

AUS DEM AUSSTIEG - AUSSTEIGEN

Wölfchen hätte eigentlich Tresendienst. Aber er saß im Hof vor der Batschkapp und zählte die Züge, die nur zehn Meter von ihm entfernt in Richtung Köln rauschten. Er war fertig. Er war fertig, sah das Projekt als gescheitert an, er würde am liebsten aus dem Ausstieg wieder aussteigen. Dann fiele er aber, das war ihm unzweideutig klar, in ein tiefes Loch, in ein Nichts.

Es war eine Ferne zwischen der bürgerlichen Welt und der Alternative, die Wölfchen noch nie so konkret wie in diesem Moment empfunden hatte, die für ihn immerhin sechs Jahre seines 22jährigen Lebens ausmacht.

HÄUSERKAMPF - STEIN UM STEIN

Wölfchens Bruch mit dieser Gesellschaft passierte auf der Straße, genau im Kettenhofweg 51. Damals war er noch 16, noch Schüler, damals redete auch noch niemand von einer Alternative. Damals tobte im Westend der Häuserkampf, Stein um Stein, Knüppel um Knüppel.

Schon bei der ersten Demonstration führten Polizisten Wölfchen im Schwitzkasten ab. Wölfchen heute: "Ich hatte da überhaupt noch nicht durchgeblickt, Am Straßen-rand lieferten sich Zivile und Demonstranten eine blutige Schlägerei. Ich war so blöd und hab' versucht, mit den Zivilen zu diskutieren, weil ich dachte, das sind normale Passanten."

"Da hab' ich einen Kinnhaken kassiert und sechs Bullen packten mich, warfen mich in den Mannschaftswagen. Erst nach 24 Stunden war ich wieder frei. Da bin ich raus-gekommen, und es war um mich geschehen. Das letzte Portiönchen Vertrauen, das ich noch zum Staat hatte, war weg. Von da war ich bei jeder Demonstration, bei vielen Hausbesetzungen dabei."

SCHWELLENANGST ZUZUSCHLAGEN

Gemeinsame Kämpfte, das schließt die Reihen, macht unterschiedliche Auf-fassungen nebensächlich. Vor allem aber ist vielen eine zunächst unüberwindlich erscheinende Schwellenangst genommen: zuzuschlagen.

Eine Tatsache, die Wölfchen in der Batschkapp zugute kommt, wenn Rocker oder Besoffene Schlägereien inszenieren. Dann holt er einen alten Besenstiel unterm Tresen hervor und geht hemmungslos dazwischen.

Wölfchen befand sich am Ende des Häuserkampfes in einer brenzligen Phase. Er bestand zwar noch sein Abitur - das war dann aber auch alles.

"Damals habe ich mir geschworen", erinnert er sich, "nicht zu studieren, mich nicht noch einmal herumjagen zu lassen. Und eine Lehre kam für mich auch nicht in Frage, weil ich wusste, ich werd' nach einer Woche wieder rausgeschmissen. Ich bin keiner, der auf Kommando springt."

Trotzdem dachte er sehr lange übers Kommando nach, über Rote Armee Fraktion, Stadtguerilla, Rote Zellen.

Dass Wölfchen heute nicht auf den Fahndungsplakaten des Bundeskriminalamtes abgebildet ist, hat im wesentlichen zwei Gründe. Zum einen merkte er recht schnell den gravierenden Unterschied zwischen einem öffentlichen ausgetragenen Häuser- kampf, der ja sogar von Teilen der Bevölkerung mitgetragen wurde, und dem Leben der Stadtguerilla im Untergrund.

Er kannte noch ein paar Leute sehr genau. Er sah auch, wie sehr sie sich veränderten, "Ihr Alltag", sagt Wölfchen, "ist der totale Stress."

Zum anderen hatte es Mitte 1977 in der Frankfurter Sponti-Bewegung einen Knacks gegeben. Nach der Ermordung von Buback und Ponto sowie der Entführung von Schleyer war für die Mehrheit der Undogmatischen die Kriegsführung der Stadt-guerilla nicht mehr nachvollziehbar.

Denn das Prinzip der Roten Zellen, "sofort und überall den bewaffneten Kampf beginnen", artete für die Spontis in eine rein "militärische Konfrontation" mit der Staatsgewalt aus.

Wölfchen sagt: "Warum ich eigentlich ein Linker geworden bin, weiß ich gar nicht so recht. Ich habe nichts gelesen, noch nicht einmal ein kleines Bändchen vom alten Marx. Wenn wir aufdrehten, dann meist ohne großes Grundwissen."

"STRANDCAFÉ" BIS ZUM "GRÖSSENWAHN"

Befreiung erträumten sich viele von der Batschkapp - insbesondere ihr Kollektiv. Zumindest, als sie für den Schuppen, in dem früher die Diskothek "La Baya" hauste, den Zuschlag bekamen. Genau 40.000 Mark Abstand mussten gezahlt werden, und nochmals 100.000 Mark wurden reingesteckt, damit das Ordnungsamt nicht ständig mit der Schließung drohen konnte.

Eine ganz schöne Summe für Wölfchen, Theo, Karo, Moni und für das Kollektiv insgesamt - gesammelt oder geliehen in und von der Szene, zu der die Karl-Marx-Buchhandlung ebenso zählt wie das "Strandcafé", die Kneipe "Größenwahn" oder auch der "Pflasterstrand". Aber lang gehegte Erwartungen, die die Spontis mit ihrer Batschkapp verknüpften, rechtfertigten solch kostspielige Investitionen.

Zunächst gab es wohl keinen, der nicht von der Batschkapp schwärmte. Er wurde gehämmert und gemeißelt, geschreinert und geschrubbt. Das nicht nur wenige Wochen, sondern über ein Jahr.

Stützpfeiler mussten gezogen, Notbeleuchtungsanlagen installiert, Toiletten ausgebaut, Heizungskörper angebracht werden. Aus einer vermoderten Abstellhalle im Keller entstand ein ansehnlicher Übungssaal für Laienspiel, Folklore- und Musikergruppen.

Aber die Pläne gingen noch viel weiter. Eine Tischlerei sollte eingerichtet werden, eine Nähwerkstatt war geplant, Schülern, denen zu Hause wenig Platz und Ruhe blieb, bot das Kollektiv einen Extraraum an, um ungestört lernen zu können.

Es dauerte relativ lange, ehe das Kollektiv seine vom Publikum zugedachte Funktion begriff. Keiner wollte es nämlich zunächst so richtig wahrhaben, dass sie sich unversehens und ungewollt in die Rolle wiederfanden, die sie eigentlich schon der Vergangenheit zugeschrieben hatten.

Nämlich in der unergiebigen Rolle des permanenten Abarbeitens an Gesellschaft und Institutionen, wenn auch mit ungekehrten Vorzeichen. Nun war es nicht mehr der Häuserkampf, sondern die leidvollen Disco-Abende, die Kaputtmacher-Nächte, nur sie zählten bei den Freaks.

POLITSZENE VERSCHWAND IM NU

Beinahe vergessen schien der hoffnungsvolle Versuch, eine Gegenkultur zu gründen. Denn die Politszene, mit der das Kollektiv fest rechnete, verschwand leise, aber ganz plötzlich aus dem Blickfeld. Insbesondere an den Disco-Abenden, konnten sie schlecht über den "antimperialistischen Kampf" diskutierten.

Dann dominierte stets die Sozial-Szene, ein Heer von arbeitslosen Jugendlichen aus dem Frankfurter Norden, Typen mit Hoffnung auf Nähe, mit Hoffnung auf Durch-bruch, auch wenn es die Fäuste sind.

Wölfchen: "Wenn hier eine Gewaltnummer abläuft, sind wir oft machtlos. Denn wir haben mit den Bullen nichts zu tun, die sind gegen uns, auch in solchen Situationen. Wir müssen halt versuchen, uns gezielt zu wehren. Da liegen dann die Knüppel hinterm Tresen. Wenn wir selbst eine draufkriegen, haben wir halt Pech gehabt. Aber Schiss haben wir keinen."

Viele Spontis haben schon im Batschkapp-Kollektiv gearbeitet, viele sind auch schnell wieder ausgestiegen, weil sie Angst hatten. Nur Wölfchen und Theo sind praktisch von Anfang an dabei. Manchmal kriegen sie einen Koller, wollen alles hinschmeißen.

Doch am nächsten Abend stehen die beiden erneut an ihrem Platz. "Schließlich haben wir das Ding hier aufgebaut", erklärt Theo beinahe treuherzig, "Und 60.000 Mark Schulden müssen wir auch noch an die Szene zurückzahlen."

Wölfchen gesteht: "Okay, ich lebe halt heute, und das ist für mich wichtig. Ich denke eben nicht an morgen und schon gar nicht an übermorgen, sonst würde mir schwindelig."

















































































































































































Donnerstag, 8. Mai 1980

Reimar Oltmanns: Was aus dem Raster fällt ... Jugend in den achtziger Jahren - das Wunschbild der Medien in Deutschland (Teil III und Schluss)


























Die Jugend ist ein Sektor, der von Marktforschern bis zur Perfektion "betreut" wird. Bei dieser Erfassung fallen bestimmte Randgruppen aus dem Raster - auch wenn von ihnen Veränderungen ausgehen können. Das Erwachen ist dann in der Regel entsprechend.

Vorwärts, Bonn
08. Mai 1980

Die Begründung, warum sich "die jungen Leute" so fabelhaft entpuppen, liefern die Psychologen aus der Anzeigenabteilung: "Im Grunde hat nicht mehr stattgefunden als eine Verlagerung von einem Nest ins andere. Größere gesellschaftliche Ziele werden erst gar nicht angestrebt ... Sie wollen Geld verdienen, Geld, das ihnen, wie ihren Eltern, zu einem gesicherten Leben im vertrauten Rahmen verhelfen soll ..."

Die wirtschaftliche Größenordnung, um die es hierbei geht, hat die Industrie schon längst abgesteckt. Dass rigorose Bestreben der Konzerne, ihre Marktanteile an den jeweiligen Produkten ständig auszuweiten, jeden nur verfügbaren Cent aus dem Portemonnaie zu locken, führte dazu, dass der Zugriff auf die Jugendlichen einen Grad an Perfektion erreicht hat, der kaum noch ausbaufähig erscheint.

JUGEND ALS DAUER-KONSUMENT

Dabei sind es diesmal keine Systemkritiker, die die Vormachtstellung der Industrie auf dem Jugendsektor analytisch einordnen. Es sind die branchen-internen Wirtschaftsdienste, die selber mit politischen Argumenten hantieren. So schreibt Der Kontakter, ein Informationsblatt für Manager und Werbeleute: "Staaten der totalitären Gesellschaftsordnungen versuchen rechtzeitig, die Jugend voll auf ihre Seite zu ziehen. In Staaten der totalen marktwirtschaftlichen Ordnung versucht die Wirtschaft es rechtzeitig, die Jugend als Dauerkonsumenten zu gewinnen. So ist nun mal das Los des jungen Erdenbürgers."

Der Slogan lautet: Mit zielgruppen-orientierter Werbung in den "multimilliardenschweren Jugendmarkt". Der Kontakter gibt die Marschroute aus: "Denn höchstes Ziel jedes Anbieters muss es sein, ein Leben lang treuer Begleiter des Konsumenten zu werden ... Wenn wir uns auch daran gewöhnt haben, des Konsumterrors, der Massenverdummung und Manipulation verdächtigt zu werden - bei Kindern ist die Werbewelt in Ordnung. Weit mehr Jugendliche als Erwachsene finden, dass Werbung gut ist."

HANG ZU "HEIM UND HERD"

Die Abteilung Marktforschung des Zeitschriften-Konzern Gruner + Jahr kommt in einer vertraulichen Media-Analyse zu dem vielversprechenden Resultat: "Zum großen Nachfragepontenzial von 18 Milliarden Mark (9 Milliarden Euro) können die Zwölf- bis Vierzehnjährigen im Monat durchschnittlich Einnahmen von ca. 19 Mark, die 15- bis 17jährige von ca. 105 Mark und die 18- bis 21jährigen sogar 380 Mark beisteuern. Die Höhe des Gesparten liegt jedoch immerhin bei fünf Milliarden Mark."

Folglich wird die Zielgruppe Jugendliche über ihre statistische Bedeutung hinaus "vor allem für die nächsten fünf Jahre wichtig, um Marktpositionen für die achtziger Jahre zu sichern."

UNTERNEHMENS-HEKTIK

Der Hintergrund derartiger Unternehmenshektik: In der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren mit einer hohen Kaufkraft und in städtischen Gebieten ist seit Jahren eine Sättigung eingetreten, die Gewinne stagnieren. Zuwachs um des Zuwachses Willen ist nun mal die Wirtschaftsphilosophie. Dieser lässt sich aber nur noch durch Expansion im Kinder- und Jugendbereich holen. Und die Bedingungen dafür, so das Münchner Institut für Jugendforschung, seien äußerst günstig. Danach plätschert "die Jugend" vor sich hin, die "APO-Frondeure" und die "Kinder von Marx und Coca-Cola" hätten ausgedient. Gefragt sei vielmehr das schlichte Ja und Amen, zwar nicht in der Kirche, aber dafür zu Hause, in der Schule und im Betrieb.

Auch die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit verzeichnet einen beachtlichen Hang zu "Heim und Herd". Vornehmlich die jungen Mädchen seien lange nicht so emanzipiert, wie bisher vermutet. "Sie träumen kaum noch von Gleichberechtigung, sondern wollen lieber wieder Hausfrau und Mutter sein." Nicht Sex und Politik stünden an erster Stelle des Interesses. Nach Altmütterweise sei die Mode wieder Thema Nummer 1 - knöchellang und spitzenbewehrt. Dafür hätten sich nach der Münchener Jugenduntersuchung 42 Prozent der 16- bis 29jährigen ausgesprochen. Erst weit abgeschlagen auf den nächsten Plätzen folgen Erziehungsfragen (33 Prozent), Wohnungseinrichtung (30 Prozent), soziale Probleme (27 Prozent) und Politik (21 Prozent). Die Jugendlichen erhoffen sich ein Leben, "das dem chemisch-reinen Vorbild unserer Wohlstandsgesellschaft entspricht - sie orientieren ihre Karrierevorstellungen am guten Verdienst, denn Geld macht frei". Für die Unternehmen eine Aufforderung, nun die richtigen "strategischen Mittel" einzusetzen, "denn der junge Verbraucher befindet sich im Stadium, in dem er beeinflussbar ist."

JUGENDLICHE ABHÄNGIG MACHEN

Die richtigen strategischen Mittel einsetzen, Märkte erobern, psychologisch beeinflussen, Jugendliche unterschwellig abhängig machen - dafür ist die Werbung kompetent. Eine ihrer grundlegend neuen Erkenntnisse: Die Jugendlichen wollen "als ganz normale Menschen" behandelt werden. "Sie fordern Echtheit der dargestellten Situation und lehnen unnatürliche Posen ebenso rigoros ab wie eine überspannte Sprache."

Der offenkundige Versuch, ein möglichst konfliktfreies und gesellschaftskonformes Bild von den Jugendlichen zu entwerfen, kommt einer wohl kaum unbeabsichtigten Gleichschaltung nahe. Plattitüden wie "APO-Frondeure", "Kinder von Marx und Coca-Cola", die vielzitierte "Heim-und-Herd-Mentalität" zeigen nur allzu deutlich, mit welcher voreingenommenen Ignoranz hier angeblich "vorurteilsfrei" Zwischenbilanzen aufgemacht werden., die zu alledem noch Anspruch auf Repräsentativität erheben. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung meint zu Recht: "So beunruhigend die freilich oft selbstverständlich-banalen Ereignisse sind, so fragwürdig erscheint die quantifizierende Methode, auf Grund deren sie gewonnen sind. Wir bedürfen der Faktenkenntnis", schreibt das Blatt, "aber es ist ein Aberglaube unserer Zeit, dass 'facts and figures" als solche Aussagekraft besitzen.

POLITISCHE VERHALTENSWEISEN

Das tritt im selben Maße auf Forschungsinstitute zu, die von der Industrie unabhängig arbeiten. Über vier Jahre untersuchte der Hannoveraner Sozialwissenschaftler Walter Jaide politische Verhaltensweisen der Achtzehnjährigen. Als der Hochschullehrer seine gewiss seriöse empirische Studie publizierte, war sie bereits weitgehend von der Realität überholt und dürfte vornehmlich für Historiker oder Promotionsstipendiaten interessant sein. Jaide kam auch in seiner Beurteilung über einen gewissen "Schwebezustand" nicht hinaus. Er resümierte: "Somit bleibt dem Beobachter, teils respektabel, teils beklemmend, der Haupteindruck eines auffälligen 'Noch', einer Noch-Existenz der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen abseits von Resignation und Entfremdung, von Reaktion und Rebellion."

Ähnlich verhält es sich mit den Experten im Buch "Junge Leute von heute". Der Grundtenor: "Der Fortgang der Tradition geht ungestört seinen Gang." Das Prinzip: Der eine Jugendliche steht mit einem Bein in kochend heißem Wasser, der andere steckt seine Füße in die Gefriertruhe. Was dabei herauskommt, sind sozialwissenschaftliche Mittelwerte verflossener Jahre. Veränderungen, die oft von Minderheiten ausgehen, fallen aus dem Raster.

DISCO-FIEBER - TRAVOLTA-NÄCHTE

Eigentlich kann in Deutschland mit "dieser Jugend" jeder zufrieden sein. Politiker, die künftig kaum noch Demonstrationen befürchten müssten. Medien, die "Travolta-Nächte" in den Discos hochjubeln können. Unternehmer frohlocken über Konsumhunger und Leistungswillen. Statistiker, die die deutsche Jugend in Europa mit an der Spitze sehen.

Doch alle wissenschaftlichen Prognosen, alle herbeigeredeten Trends, die bisher über den Typ der einen oder anderen Generation aufgestellt worden sind, haben sich im nachhinein als "Eintagsfliegen" oder als rundweg falsch herausgestellt. Es gab weder die "skeptische Generation", die der Soziologe Helmut Schelsky (* 1912+1984) in der Nachkriegsgeneration sah, noch die "Generation der Unbefangenen" - eine Studie der Deutschen Shell, die eine unpolitische, konsumwütige und harmlose Jugend ausmachte. Im Jahre 1966 wurde die Shell-Untersuchung veröffentlicht, ein Jahr später brach die Studentenrevolte aus.

Aber auch die weitsichtigen Erwartungen aus der APO-Zeit erwiesen sich als nicht stichhaltig. Die "Kulturrevolution" blieb papieren. Der "lange Marsch durch die Institutionen" wurde ein kurzer Spaziergang. "Jugend im Zeitbruch" nannte der konservative Hochschullehrer Klaus Mehnert (*1906+1984) sein Buch, in dem er die Außerparlamentarische Opposition und deren gesellschaftlichen Einfluss kritisierte.

LANGZEIT-AUSWIRKUNGEN

Zwei Jahre nach Erscheinen korrigierte Mehnert ebenfalls etliche Kapitel, ließ andere ganz weg, weil er noch deutlichere "Langzeit-Auswirkungen" zu erkennen glaubte. Ende der siebziger Jahre - die Republik feierte gerade ihren 30. Geburtstag - war aus der einst "skeptischen", dann "unbefangenen" nunmehr "die überflüssige Generation" geworden. Traurige Kinder, durch Arbeitslosigkeit ausgestoßen durch Berufsverbote als Verfassungsfeinde stigmatisiert. Man sah verschlossene Gesichter, stumm und resignativ, abermals in den Konsum flüchtend und unpolitisch privatisierend.

Kein Chefkommentator oder Politstratege hätte jemals zu dem damaligen Zeitpunkt den Grünen, Bunten oder Alternativen eine Chance eingeräumt, auch nur in ein Parlament einzuziehen. Aber auf einmal waren sie da, und eine Jugend rückte in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, die schon seit Jahren aus der Gesellschaft ausgestiegen war. Aus winzigen Randgruppen in den Hinterhöfen der Großstädte und den abgelegenen Landkommunen, oft belächelt und verspottet, entwickelte sich eine neue Jugendbewegung; inzwischen ein ernst zu nehmender politischer Faktor, an dem die selbstgefälligen Bonner Parteien nicht mehr vorbeikommen.

So kommt es, dass in der 54 Seiten starken Jugendstudie der Werbeagentur McCann mit Sicherheit ein richtiger Satz steht: "Wahrscheinlich hat man sich zu keiner Zeit über den Zustand einer Gesellschaft so breit und öffentlich mit falschen Argumenten auseinandergesetzt wie heute. Das gilt insbesondere für die Bevölkerungsgruppe, die als 'die Jugend von heute' bezeichnet wird."














Montag, 5. Mai 1980

Zu Hause in einem fremden Land - Deutschland








Für Sie gelesen
am 5. Mai 1980


Anders als der ehemalige "stern"-Reporter Jörg Andrees Elten, der in eine obskure indische Heilslehre nach Poona geflüchtet ist, ist der ehemalige "stern"-Redakteur Reimar Oltmanns "ausgestiegen". In einem Vorwort zu seinem jüngst von ihm im Rowohlt-Verlag erschienenen Buch mit dem Titel "Du hast keine Chance, aber nutze sie - eine Jugend steigt aus" beschreibt er seine eigene Veränderung unter anderem so:

Über zehn Jahre saß ich in Zeitungsredaktionen ein. Damals, als ich anfing, glaubte ich noch an den Marsch durch die Institutionen, an die Offenheit eines kritischen Dialogs, an meine und die Lernfähigkeit anderer. Als ich dann aufhörte, besser gesagt ausstieg, war ich nicht resigniert. Vielmehr ging mit ständig ein Satz durch den Kopf, den ich später auch immer wieder von Jugendlichen hörte: "Das kann doch nicht alles gewesen sein."

JET-SET-JOURNALISMUS ADÉ

Nein, er war wirklich nicht alles, dieser Jet-set-Journalismus. Er hatte sicherlich einiges von dem, wie manche sich die "große Welt" vorstellen. Man flog zum Beispiel vom New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen in der ersten Klasse nach Frankfurt zurück, wo die Stewardessen Sekt-Cocktails reichen. Man nächtigte in Rom in der Villa Hassler, Zimmer mit Blick auf die Spanische Treppe, und ging abends im Pariser "La Coupole" auf Geschäftskosten essen.

Nein - dieser Jet-set-Journalismus ist ein künstliches Treibhaus und hat mit den Menschen und ihren wirklichen Problemen kaum noch etwas zu tun. Eine Portion Abgebrühtheit und Zynismus gehört schon dazu, um über Jahre all die Widersprüche unbeschadet durchzuhalten, die damit verbunden sind - einmal den Erdball aus der Leihwagenperspektive wahrzunehmen, zum anderen, wenigstens vordergründig noch eine Anteilnahme für die sozialen Deklassierungen und krassen Ungerechtig-keiten zu empfinden.

ANMACHEN, AUSQUETSCHEN, ABMELKEN

Mit den Artikeln, die ich schrieb, verhielt es sich so wie mit einem Lichtschalter, der an- und ausgeknipst wird. Die Menschen, denen ich unterwegs begegnete, wurden dabei zu Figuren, Leute zum "Anmachen", " Ausquetschen" und "Abmelken", mal auf die harte, mal auf die weiche Tour. Warum sie an die Öffentlichkeit gingen, ihr Leid, ihr Schicksal oder auch ihre Ängste schilderten - das war im Prinzip nebensächlich. Was zählte, war die Geschichte, die andere "vom Stuhl reißen" sollte, "Output" hieß das in der Redaktion, Zeile um Zeile, Story um Story.

FASSADENKULTUR DES NETTSEINS

Ich bin mir schon darüber im klaren, dass meine heutige selbstkritische Distanz zum Jet-set-Journalismus von manchen missverstanden werden muss. Nach dem Motto: ein Geläuteter kann es sich nicht verkneifen, mit seiner Vergangenheit zu renommieren. Aber diese Kritik nehme ich in Kauf, wenn es mir gelingt, an meinem Beispiel zu verdeutlichen, warum mich gerade die Aussteigergeneration interessiert. Das, was ich tagtäglich in meiner Berufswelt erlebte, ergeht anderen ebenso. Ob in Schulen, Betrieben und Universitäten - gemeint ist die allmähliche Enteignung von Gefühlen, von Denken und Sprache. Gemeint ist die Selbstentfremdung, die Fremdbestimmtheit, der sich keiner entziehen kann, der nur einigermaßen durchhalten will. Gemeint sind ferner die ewigen Herum-Finassierereien, die Artigkeiten, die da ausgetauscht werden, die Fassadenkultur des Nettseins, obwohl die meisten insgeheim wissen, mit welch einem geduckten Bewusstsein sie ans Tagwerk gehen.

Für dieses Buch benötigte ich jedenfalls kein Flugticket, keine credit cards und schon gar keine Visitenkarte. Was ich brauchte, war das Vertrauen junger Menschen, die ihrer Umwelt misstrauisch gegenüberstehen.

... ... Da stand ich nun in Berlin-Kreuzberg, ging von einer Kneipe zur anderen, versuchte mich hier und dort ... ... Mal hielt man mich für einen Spitzel, mal für einen üblen Journalisten, der nur ihr Leben verkaufen wolle. Und ich fragte mich immer ernsthafter, was in den vergangenen zehn Jahren in diesem Land eigentlich passiert sein muss, dass die Luft zwischen diesem Teil der Jugendlichen und der etablierten Gesellschaft stillsteht, dass vielerorts ein abgrundtiefes Misstrauen vorherrscht, dass die einfachste Art des alltäglichen Miteinanders unmöglich erscheint - nämlich das Gespräch.

ABGRUNDTIEFE RISSE

Viel hörte ich im Jahre 1979 von den traurigen Kindern dieser Republik oder von einer verlorenen Generation. Das mag vielleicht noch auf jene zutreffen, die sich von diesem Staat, seinen Politikern und Bürokraten etwas erhoffen. Die Aussteigergeneration hingegen ist nicht verloren, dieses Land hat vielmehr einen Großteil seiner Jugend verloren. Auch sind es keine Kinder von Traurigkeit. Junge Leute, die das Leben bejahen, die sich ihre Ideale nicht rauben und zerreden lassen wollen, sondern in ihrem kleinen Lebensbereich einer sinnentleerten und auf Konsum fixierten Gesellschaft eine Absage erteilen.

Nach meiner Rundreise durchs alternative Deutschland, die fast ein Jahr dauerte, schien mir die Bundesrepublik ein wenig fremder, kälter und unwirtlicher als vorher. Bonn, wo ich mich früher als Korrespondent zu Hause gefühlt habe, machte mich nur noch betroffen.

SCHÜLERBERGE - BUTTERBERGE - PAPIERBERGE

Bei vielen Gesprächspartnern hatte ich den Eindruck, dass sie überhaupt noch nicht erfasst haben, welche Dimension die Aussteigergeneration inzwischen erlangt hat; dass es ihnen eigentlich auch relativ egal ist, wenn Hunderttausende junger Leute mit den Füssen oder dem Kopf auswandern - Technokraten der Macht, herzlos und ohne Anteilnahme.

In keiner Stadt musste ich mich mit derart vielen Allgemeinplätzen vertraut machen wie in dieser. Da war von Modetrends, Randgruppen und Kommunisten die Rede, da wurden Schülerberge mit Butterbergen gleichgesetzt und als Ablage auf den Papierberg gestapelt, da wurde schließlich vom weißen Rauschen und larmoyanten Weltschmerz einer jungen Generation lamentiert. Ursache und Wirkung wurden in seltensten Fällen auseinandergehalten. Das ließen die Statistiken nicht zu, oder die Ministerialen hatten sich eine Denkpause verordnet. Wie nirgends sonst fand ih hier die These vom Staat im Staate, von zwei Kulturen, die sich einander nichts mehr zu sagen haben, grundlegend bestätigt. Irgendwie war ich hier zu Hause, aber irgendwie auch schon ein einem Land, das mir vielleicht schon immer fremd war oder fremd geworden ist.

Donnerstag, 1. Mai 1980

Reimar Oltmanns: " ... wo es im Leben langgeht " Jugend in den achtziger Jahren. Das Wunschbild der Medien (Teil II)


Die Erleichterung über die angeblich so stabile Jugend, wie sie von Demoskopen ermittelt und von den Massenmedien vermittelt wird, basiert auf besonders "selektivem" Wahrnehmungsvermögen. Die Beispiele sprechen für sich.

Vorwärts, Bonn
01. Mai 1980

Aber die "deutsche Jugend" wäre nicht die "deutsche Jugend", hätte sie nicht schon in früheren Jahren eine der althergebrachten Lebensweisheiten einsichtig erkannt. Dieses herauszufinden blieb allerdings dem Hamburger Kehrmann-Institut vorbehalten: So sind 75,8 Prozent der 15- bis 25jährigen der Meinung: "Jeder ist sich selbst der Nächste. Jeder muss sich im Leben durchsetzen." Wo sich jeder selbst der Nächste ist, wo Leistungswille als unveräußerliche Wertmaßstäbe dominieren, da ist es auch nur logisch, dass die "deutsche Jugend" nicht vor aktuellen "Engpässen" kapituliert.

Da mögen die Leute so viel unken, wie sie wollen. Bild am Sonntag behauptet lapidar: "74 Prozent kennen keine Schulangst." Die Schlagzeile: "Schulstress! Das ist doch übertrieben!" Wenn es schon mit dem Schulstress nicht stimmt, dann kann es mit dem Numerus clausus auch nicht weit her sein. Die Welt resümiert gelassen: "Nur 19 Prozent wollen für seine Abschaffung demonstrieren, 32 Prozent würden sich ihnen vielleicht anschließen, 46 Prozent jedoch nicht." Ähnlich verhält es sich auch mit der Angst vor Arbeitslosigkeit. Das Kehrmann-Institut ergründete: Nur 6,1 Prozent der Jugendlichen haben große Angst, 24,6 Prozent fürchten sich zwar davor, ohne Job oder Ausbildung zu sein, aber 42,9 Prozent sind auch in dieser Hinsicht sorglos.

JUGEND NACH MASS ... ...

All diese Zahlen lassen nach vorherrschender Interpretation nur die Aussage zu - eine Jugend nach Maß, eine Bilderbuch-Jugend. Keimfrei, klug, karrierebewusst. Was tatsächlich bei derartigen Untersuchungen zum Vorschein kommt, ist mehr als fragwürdig, Ein angeblicher Prototyp, den es nur auf dem Papier gibt, wird in prozentualen Größenordnungen vorgeführt. Der aus irgendwelchen Häufigkeitsberechnungen resultierende "Mittelwert" macht die Jugend aus, mit Daten und Fakten scheinbar für jedermann nachzuprüfen. Ein zweifelhaftes Unternehmen, das kaum brauchbare Ansätze liefert, auch nur teilweise die tiefgreifenden Veränderungen und den nachfolgenden Stimmungswandel zu erfassen.

... ... UND ALS SOLCHE IST NICHT GEFRAGT

Aber die Demoskopen entdeckten noch eine ganz andere Jugend. Die Generation der "lov's in the air", die Nischen für Gefühl, Romantik und Unwiderstehlichkeit; untersucht auf dem Niveau solcher Schlagergrößen wie Roy Black (*1943+1991) oder Heino, selbst wenn sich die Stars heute Maffei oder Travolta nennen. Gemeint ist ebenfalls die Vermarktung von Emotion und Kitsch in den abgesteckten Bahnen. In diesem Demoskopen-Metier gibt's natürlich kein "Herzflimmern" zwischen Mutter und Sohn, kein "Messer im Kopf" und erst recht kein "Deutschland im Herbst" (Spielfilm über den RAF-Terrorismus, 1978). Alles ganz anders, dozieren Umfrageexperten und wühlen in ihrem Zahlenwust schon wieder nach Prozenten, als seien sie der Weisheit letzter Schluss. "Von einer romantischen Hochzeit träumen sogar 77,4 Prozent der Mädchen und 57,4 Prozent der Jungen". errechneten die Kehrmann-Leute.

Am Image einer Jugend polieren, in der sich jeder wiederfinden kann - die Schallplatten-LP-Produzenten, die "take offs" der Werbeagenturen, die Textilbranche - am allerwenigsten aber die Jugendlichen selber.

PSEUDO-MILIEU - JETSET-ÄRA

Um die geht es auch nicht primär, obwohl dieser Eindruck vordergründig aufrechterhalten wird. Das Pseudo-Milieu der Stars, des Disco-Glimmers, der Jetset-Ära, der permanenten Suggestionen, das Unerreichbare erreichbar erscheinen zu lassen, ist eine alte Erfindung der Wettbewerbswirtschaft. Zum einen spielt dabei die Kaufkraft der Jugendlichen eine Rolle, zum anderen - und das ist wesentlicher - fungieren sie als Vehikel der Wachstumsgesellschaft. Deren Grundkoordinaten - Dynamik, Frische, Erfolg, Status und Zukunft - müssen mit neuen Impulsen in eine oft schon gesättigte, ausgelaugte und ermattete Erwachsenenwelt eingespeichert werden.

Der Gießener Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst Eberhard Richter schrieb im Jahre 1979 in seinem Buch "Der Gotteskomplex": "Die Menschen richten sich so her, wie die Wirtschaft ihre Ware ausstattet: gefällig, attraktiv, zum Gebrauch ermunternd ... Das rücksichtslose System der Wettbewerbswirtschaft fragt nicht mehr danach, wie es in den Menschen innen aussieht. Wichtig ist nur, ob sie brauchbar sind, was man mit ihnen machen kann. Gut verwertbar ist aber nur, wer fit ist. Also muss man immerfort fit sein oder zumindest sich so geben, als wenn man es wäre."

"MIDLIFE-CHRISIS"

In diesem Aktionsradius bewegt sich mehrheitlich die Berichterstattung der Massenmedien; von einigen positiven Rundfunksendungen und Reportagen einmal abgesehen: Artikel, die spezifische Jugendprobleme aus der Perspektive der Sechzehnjährigen darstellen, bleiben Mangelware. Nachholfbedarf. Der Faktor Jugend
wird als Image-Produkt für den Leser gehandelt. Er muss für jeden herbeigeredeten modernistischen Trend herhalten. Es ist ein folgenschwerer Trugschluss, anzunehmen, die Jugend als solche sei gefragt. Sie soll vielmehr die künstliche Interaktionsspirale zwischen ausgedachten, künstlich erzeugten Bedürfnissen und abgeschlafften, ermatteten Vierzigern in der "Midlife-crisis" in Gang halten. Das allein macht die Jugendlichen als Promotor für den Wirtschaftskreislauf unentbehrlich.

MONOPOL ÜBER JUGENDDATEN

Nur so ist es auch verständlich, warum die Großkonzerne beinahe ein Monopol über sämtliche Jugenddaten besitzen, warum hauptsächlich sie die demoskopischen Institute befragen, warum ihre Fakten, die vorher fein säuberlich sortiert und zensiert werden, weitgehend die öffentliche Diskussion beherrschen. Es ist eine traurige Tatsache, dass das Bonner Jugend- und Familienministerium als Grundlagenmaterial nicht viel mehr anzubieten hat als die Jugendstudie '76 der Werbeagentur McCann.

Dass ein großer Teil junger Leute aus dieser Gesellschaft ausgestiegen ist oder in naher Zukunft wegkippt, dass die Selbstmordrate exorbitant in die Höhe schnellt, das Ausmaß der Drogenabhängigkeit - das alles wird von den maßgeblichen Kräften hartnäckig ignoriert. Täten sie es nicht, müssten sich manche Politiker, Chefredakteure und Manager öffentlich eingestehen, in welch labilem Zustand sich die Bundesrepblik Deutschland befindet. So laboriert man oberflächlich an Symptomen herum und lässt die Ursachen weitgehend außer acht. Statt dessen wird die Fassadenkultur aufrecht erhalten, man spricht vom "sozialen Mief", wenn es um Benachteiligung geht und stempelt Aussteiger zu Versagern, die es halt nicht gepackt haben, sich durchzusetzen. So einfach ist das. Horst Eberhard Richter bemerkt dazu:
"Wer sich aus dem Party-Rummel zurückzieht und sich mehr in sich selbst vertieft, hat Mühe , nicht in schlechten Ruf zu geraten. Die Flucht in den geselligen Betrieb ist das sozial Erwünschte. Die introvertierte Beschäftigung mit den eigenen Problemen wird als die eigentliche Flucht umgedeutet und missbilligt. Denn sie verunsichert die anderen, welche ihr Verleugnungssystem attackiert sehen. Die Verweigerung des Mitspielens wird nur dann verziehen, wenn man hört, dass der Betreffende zum Psychiater geht."

DAVID BOWIE + MARLON BRANDO

Wie in dieser Gesellschaft mitgespielt werden soll, belegen die Massenmedien tagtäglich aufs neue. Typische Kostproben, die durch x-beliebige Beispiele immerfort ergänzt werden könnten: " ... Im Pöseldorfer 'Nach Acht' geht's erst richtig los. Hier ist man nicht alternativ, sondern attraktiv. Und trinkt nicht Bier, sondern Bourbon oder Gin-Tonic. Man quatscht nicht, man plaudert. Angestrebt wird die Synthese von David Bowie und Marlon Brando. Hier wirken die Kräuterjungen wie Fossile aus der Vorzeit. Man trägt knielang und morbide - aber mit Stil." (stern)

" In den winterlichen Straßen der großen Städte eilen junge Männer in Jeansmänteln zu ihren Rendezvous - in der Hand eine einzelne Rose. Die jungen Mädchen nehmen sie lächelnd in Empfang und sind stolz, dabei gesehen zu werden. Bekenntnis zur Zärtlichkeit - ein neues Bewusstsein. In den Aufgängen der Volkshochschule stauen sich nach Feierabend Schlangen junger Amateurmusiker, die mit ihren Kontrabässen und Tellos in die Musikzimmer drängen. 'Schubert, Brahms und Hadyn'. sagt der Musikdozent. 'sind bei den jungen Leuten beliebt wie früher die Beatles!' ... Sabine Köhn, Schülerin am Hamburger Helene-Lange-Gymnasium, ist bildhübsch. Ein Mädchen wie von David Hamilton fotografiert, mit seidig glänzenden braunen Haaren und einer zierlichen Figur. Sie sitzt im knappen blaßrose Chiffonkleid, das weit um ihre Beine schwingt, in einem Lokal. Es ist das sorglose Lachen der Jugend." (Hörzu)

OPPORTUNISTEN UND ANGEPASSTEN

Solch eine Jugend ist die willkommende und hofierte. Sie setzt die ökonomischen Gesetzmäßigkeit nicht außer Kraft, rüttelt an keinem politischen Fundament, stellt keinerlei lästige Fragen. Ja, meint Quick, "bei allem Respekt" vor den Schriftstellern Heinrich Böll (*1917+1985) und Günter Grass - aber in der Einschätzung der Jugendlichen haben sie sich geirrt. Heinrich Böll befürchtete: "Wir sehen eine Generation von Eingeschüchterten, Opportunisten und Angepassten groß werden." Günter Grass registrierte eine Jugend, die "kritiklose Anpassung an bestehende Verhältnisse als staatsbürgerliche Tugend" erscheinen lässt. - "Und eines ist ja wohl gewiss: Diese jungen Menschen haben unser Vertrauen verdient ..." kommentierte der Chefreporter der Bild am Sonntag, Jürgen Bungert, seine Serie. Schließlich hatte er sich nicht nur von Meinungsumfragen, sondern auch "vor Ort" überzeugen lassen: "Wir saßen in einem Lokal, aßen Steaks, tranken Bier und diskutierten. Es war eine jener Diskussionen, an die man sich gern wieder erinnert ... Sechzehnjährige, die klare Vorstellungen davon hatten, wo es im Leben langgeht ..."













Donnerstag, 24. April 1980

Keimfrei, klug und Karriere bewusst - Jugend '80 das Wunschbild der Medien ( I) Von Reimar Oltmanns




Die demoskopische Erfassung der "wahren Jugend" führt in den Medien immer wieder zu erstaunlichen Formen der Erleichterung. Die Gegenanalyse" des Autors als Vorabdruck.


Vorwärts, Bonn
24. April 1980
Wenn es in Deutschland um die "Jugend" geht, so scheint es, ist der Zugriff der Apparate perfekt, ist der Zufall ausgeschaltet. Eine ganze Industrie hat sich aufgetan, um auch nur die kleinsten Verschiebungen oder Veränderungen zu erfassen. Die Parteien interessieren sich für Jungwähler, die Großkonzerne für Absatzchancen. Die Massenblätter unterschiedlichster Couleur präsentieren in Schlagzeilen und Serien "ihre Jugend", wie sie "wirklich" denkt, was sie "eigentlich" will und wohin sie "tatsächlich" tendiert.

Noch in keinem Jahrzehnt ist so viel Rummel um eine Jugend veranstaltet worden wie in den siebziger Jahren. Aber in keiner Zeitspanne wurde mit demoskopischen Daten auch derart an Jugendlichen vorbeigeschrieben wie in dieser. Die Schlagzeilen sind fast austauschbar, nur die Jahreszahlen hinterm Apostroph variieren. "Generation ohne Illusion. So ist die deutsche Jugend wirklich". läutete Bild am Sonntag eine Serie ein. "Jugend '76" nannte der stern seinen Report, Quick titelte "Jugendliche heute: So leben, denken und lieben sie". Hörzu glaubte gar: "Jugend '77 - Der Schein trügt". Quick schrieb die Druckspalten über die "Jugend '79" voll. Der stern fand die "Idole '79" und befragte junge Deutsche: "Was ist Glück?" Die Antwort: "ohne Moos nichts los." Die Welt war "auf der Suche nach dem kleinen Glück". Neun Monate später entdeckte die Tageszeitung in einer sechsteiligen Serie "Die jungen Realisten". Und die Bravo hatte den originellen Einfall vom "Disco-Gewitter '79 - Der Boden bebt, bunte Blitze zucken".

ALLE SUCHEN DIE VORZEIGE-JUGEND
Bravos Blitz-und-Boden-Geschichten sind professionelle Routine. All diese Massenmedien, die zusammen an die 40 Millionen Menschen erreichen (alte Bundesrepublik 61 Millionen Einwohner). entdeckten "die Jugend" erst nach der 68er Studentenrevolte. Die außerparlamentarische Opposition hatte mit ihren Diskussionen, Demonstrationen und Straßenschlachten das scheinbar so festgefügte Wertsystem in diesem Land zumindest zeitweilig erschüttert. Der damals in der Bevölkerung ausgelöste Schock wirkt auch heute noch nachhaltig und wird mit jeder Terrorismus-Debatte aktualisiert. Seither hat die publizistische Ausschlachtung "der Jugend" ihr eigenes Gewicht bekommen. Jungen und Mädchen, die während der APO-Zeit erst zehn oder zwölf Jahre alt waren, werden kritisch nach dem gängigen Polit-Raster auf ihr Ideologieverständnis und ihre potenzielle Bereitschaft zur Rebellion abgeklopft. Ein Polit-Raster, mit Hilfe dessen man glaubt, präzise zwischen Systemveränderern und einer staatstragenden Jugend unterscheiden zu können glaubt.

CHANCE DER PUBLICITY
Gesucht wird eine Jugend, die in der Tradition der Erwachsenen steht, die mit ihren Aussagen sämtliche Normen einer in Wirklichkeit tief verunsicherten Gesellschaft bestätigen soll. Diese Vorzeige-Jugend soll nach außen den überzeugenden Anschein erwecken, dass die deutsche Leistungs- und Verwertungsgemeinschaft sauber und intakt funktioniert. Demoskopische Fragestellungen, die mit ihren Resultaten einen ganz anderen Schluss zulassen, werden erst gar nicht in Auftrag gegeben oder durch offenkundige Falschinterpretationen heruntergespielt. Ganz davon abgesehen, dass es "die Jugend" so wenig gibt wie "die Menschheit", wird mit dieser abgegriffenen Formel jede neue Meinungsumfrage als "Überraschung", "Bombe" oder "Erstaunliches" verkauft. Wissenschaftler, die ihre Chance der Publicity nutzen, fungieren als seriöses Alibi und werden in den Massenblättern als unerreichbare Größe des Zeitgeschehens stilisiert.

AUS HIPPIES WURDEN PAPPIS


"Früher schwärmten die Jugendlichen für Willy Brandt (*1913+1992), heute schwärmen sie allenfalls für John Travolta", berichtet Die Welt. Ein Dreivierteljahr danach schreibt die Zeitung: "Irgendwo zwischen Dutschke und Travolta wurden die jungen Realisten geboren." - "Realisten", die nach einer Studie des Jugendwerks der Deutschen Shell die bestehende Wirtschaftsordnung bejahen. Die Welt zitiert: "Auf drei Anhänger kommt nur ein Gegner der Marktwirtschaft, die vor allem bevorzugt wird, 'weil der einzelne mehr Freiheit hat ...'."

Das Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung eruierte: vom Jahrgang 1959 seien nur sechs Prozent der Jugendlichen "unzufrieden". Ergo können sich 94 Prozent glücklich und selig schätzen. Bild am Sonntag brachte über das Emnid-Institut in Erfahrung, dass die Jugend der Staatsform in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs so ablehnend gegenüberstehe wie immer angenommen. Insgesamt 60 Prozent haben an ihr nur "einiges auszusetzen". - "Die Jugend '76 driftet nicht nach rechts oder links. Sie sucht den Weg nach oben ... Aus Hippies wurden Pappis. Underground und Gegenkultur haben ihren Betrieb aus Personalmangel eingestellt", ist die wesentliche Erkenntnis des stern, der sich in seinem Artikel ebenfalls auf das Bielefelder Emnid-Institut beruft.

"GUMMIBAUM IST VORBILD"

Grotesk wird es, wenn sich die Medien mit Hilfe der Demoskopen daranmachen, die Idole der jungen Generation herauszufinden. Bild am Sonntag fragt nach Vorbildern, und ein Mädchen namens Nicole aus München antwortet: "Mein Gummibaum ist mein Vorbild. Er besitzt alle meine Ideale: Ausdauer, Bedürfnislosigkeit, Zurückhaltung und Sauberkeit." Oder der 15jährige Thomas Schott, Hauptschüler aus Bargteheide in Schleswig-Holstein, sagt: "Die Riesen sind meine Vorbilder , weil ich so klein bin - 1,52 Meter." Das Blatt kommt zu dem grundlegenden Ergebnis: "Wir haben diesem Report den Titel gegeben: Jugend ohne Illusion. In der Tat - die jungen Leute sind realistischer, nüchterner, emotionsloser, illusionsloser als vergangene Generationen. Aber es ist auch eine Generation ohne Vorbilder wie Kennedy. Ohne Idole wie James Dean. Sogar Elvis Presly, Mao und Che Guevara sind von den T-Shirts verschwunden. Aber auch die Beatles sind für die Jugend heute 'Schnee von gestern'."

GROSSE NATIONALE ERLEICHTERUNG
Für Bild am Sonntag waren wieder die Emnid-Leute mit ihren repräsentativen Stichproben auf Achse. Ganz anders agierte dagegen das Institut Allensbach. Es ging für den stern auf die Straße und fand, was Emnid offensichtlich nicht suchen sollte oder wollte: die "Idole" dieser Generation. Nämlich John F. Kennedy, Albert Schweitzer, Udo Lindenberg und Sepp Maier. Sie rangieren auf den ersten Plätzen.

Noch fündiger wurde das Hamburger Sample-Institut, das für Die Welt Städte und Dörfer abklapperte. "Früher schwärmten die Jugendlichen für Willy Brandt, heute schwärmen sie allenfalls für John Travolta", hatte die konservative Tageszeitung eingangs kategorisch festgestellt. Doch nach Travolta (*1954, US-Sänger und Schauspieler) fragte niemand. Nein, Konrad Adenauer ist der Spitzenreiter unter den ausgekorenen "Idolen" des Jahres 1979; gefolgt von Helmut Schmidt, John F. Kennedy, Walter Scheel, Franz-Joseph Strauß, Willy Brandt, Theodor Heuss, Martin Luther King, Jimmy Carter, Helmut Kohl, Kurt Schumacher, Ludwig Erhard, Golda Meir, Tito, Karl Carstens und Che Guevara.

Die Münchner Illustrierte Quick (eingestellt 1992) ortete unter den Jugendlichen ganz andere Favoriten; natürlich nicht allein, sondern mit dem Hamburger Kehrmann-Institut für Marktforschung im Hintergrund. Da liest es sich dann so: "Ihre Vorbilder sind nicht etwa Größen aus dem Showgeschäft, der Wirtschaft oder der Politik (die schon gar nicht); ihre Vorbilder sind heute wieder - die Eltern." Diese demoskopische Neuigkeit war für die Nachrichtenagentur ddp Grund genug, eine Eil-Meldung für die ihr angeschlossenen Zeitungen zu verbreiten. "27,5 Prozent der Söhne und 32,7 Prozent der Töchter halten ihr Verhältnis zum Vater für 'ausgezeichnet'. Und 53,8 Prozent der Söhne und 47,7 Prozent der Töchter finden, dass sie eine 'gute Beziehung' zum Vater haben. Noch besser schneiden die Mütter in der Bewertung ihrer Sprößlinge ab."

GENERATION OHNE FEHL UND TADEL
Überhaupt handelt es sich bei den Jugendlichen um eine Generation ohne Fehl und Tadel. Von Resignation, wie so oft vermeldet wird, keine Spur, von Apathie und Orientierungsschwäche können danach nur "soziale Versager" sprechen. Hier lebt, glaubt man den publizistischen Versionen, eine dynamische Generation: achtet ihre Eltern, manchmal frech, sonst eher staatsloyal, leistungsbewusst und menthol-frisch. Mit einer solchen Jugend können eigentlich sämtliche Institutionen und politischen Parteien zufrieden sein - vornehmlich aber die Unternehmer.

Die Werbeagentur H.K. McCann mbH ermittelte nämlich, was in den Vorstandsetagen die Manager schon nicht mehr für möglich hielten: den ungebrochenen Leistungsdrang der "jungen Leute von heute". Quick jubelte dann auch prompt: "Der Leistungsgedanke ist bei vielen ausgeprägt. 75 Prozent sagen: 'Man muss sich ranhalten, sonst wird man überholt.' 72 Prozent meinen außerdem: ' Um voranzukommen, muss man Einschränkungen im Privatleben hinnehmen.'" Auch das Jugendwerk der Deutschen Shell konstatierte, dass 62,1 Prozent "diesen Leistungsdruck ausdrücklich bejahen." Geradezu emphatisch feierte Hörzu hochgehaltene deutsche Tugenden, die das Emind-Institut im Auftrag des Mineralölkonzerns Shell herausdemoskopierte. "... Deutschlands Söhne und Töchter entschieden sich zu 88 Prozent für die 'Bejahung des Leistungsprinzips' und immerhin zu 78 Prozent für die 'absolute Treue'. Es ist also nichts mit dem Märchen von einer faulen, oberflächlichen, unmoralischen Jugend", triumphierte das Millionen-Blatt.

RESPEKT VOR AUTORITÄTEN

Ganz im Gegenteil: Die Leute von Sample aus Hamburg widmeten sich einer besonders delikaten Frage, "nach der Autorität, und wenn ja, welche?" Schließlich könne "nach den leidvollen Erfahrungen der jüngeren Geschichte" nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden. Insgesamt würden 54 Prozent der Jugendlichen die Autorität eines anderen respektieren, "wenn ich ihn menschlich besonders schätze". 46 Prozent akzeptieren Autorität, "wenn sie mir geistig überlegen ist." Und 42 Prozent der Jungen, dazu 32 Prozent der Mädchen, achten ihren Vorgesetzten als uneingeschränkte Autorität.