Donnerstag, 23. März 1978

Sowjetunion - Psychiatrie als Strafmedizin im Serbskij-Institut - (Teil 1)














stern, Hamburg
23. März 1978
aufgezeichnet
von Erich Follath
und Reimar Oltmanns

Zuerst sagt Dr. Jouri Novikov, wollte er nur untertauchen und dachte gar nicht daran, über seine Erlebnisse zu berichten: Zu groß war seine Angst vor der Rache des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Doch je länger Novikov im Westen lebte, desto klarer wurde ihm, dass er nicht schweigen durfte. Er war der erste führende Psychiater, dem - im Juli letzten Jahres - die Flucht aus der Sowjetunion gelangt. Als die STERN-Reporter Erich Follath und Reimar Oltmanns den Flüchtling trafen, berichtete Novikov nur stockend von seinen Erlebnissen. Es folgen monatelang Gespräche, bei denen sich Autoren und Flüchtling näherkamen. So ent-standen 60 Stunden Tonprotokoll. Heute arbeitet Novikov als Psychiater in der Bundesrepublik. Sein Bericht ist ein Dokument, das Zweifel beseitigt: Moskau wird künftig nicht mehr leugnen können, dass die Psychiatrie in der Sowjetunion - vornehmlich in den siebziger Jahren - als Strafmedizin wurde. - Zeitdokumente, Zeitzeugen, Zeitgeschichte




Plötzlich tat er mir leid, Georgij Wassiljewitsch Morosow war der Mann, dem ich fast meine Karriere verdankte. "Nun trink noch einem mit", sagte Morosow, schenkte mir eine Teetasse armenischen Kognak ein und setzte sich auf den Platz neben mich im Zugabteil. "Jouri, wenn du so weitermachst, kannst du eines Tages mein Nachfolger werden."

Professor Georgij Wassiljewitsch Morosow ist der einflussreichste Psychiater in der Sowjetunion (gegründet 1921, aufgelöst 1991). Er konnte nicht wissen, dass ich ihn wenige Tage später bitter enttäuschen und mich in den Westen absetzen werde - und zwar für immer.

PARTEI-ELITE MIT SONDERAUSWEIS

Es war am 15. Juni 1977, als meine Flucht begann. Der Nachtexpress von Moskau nach Helsinki war pünktlich um 22.20 Uhr vom Gleis 5 des Leningrader Bahnhofs ausgelaufen (seit 1991 Sankt Petersburg). Morosow und ich sollten die Sowjetunion auf dem Psychiatrie Kongress in der finnischen Hauptstadt Helsinki vertreten.
Thema: Selbstmord und Verbeugungsmaßnahmen. Es war meine erste Reise in ein Land außerhalb des Ostblocks.

Selten hatte ich Morosow so gut gelaunt gesehen. Aus seinem kleinen brauen Koffer holte er ein mt Bindfaden verschnürtes Fresspaket, klappte den Tisch des Zugabteils hoch und lud mich zum Abendessen ein. Morosow hatte sich vor der Abfahrt mit Delikatessen eingedeckt, die normale Sowjetbürger nie zu sehen kriegen, geschweige denn zu kaufen: Kavier vom Kaspischen Meer, frische Orangen aus Marokko und Schweizer Schokolade. Morosow hatte wieder in einem der Läden eingekauft, in denen nur Partei-Elite mit Sonderausweis bedient wird.

Je leerer die Flasche wurde, desto mehr ging Morosow aus sich heraus und plauderte mit mir über Krankheitsgeschichten, die in der sachlichen Alltagsatmosphäre des Serbskij-Instituts tabu sind. Dieses Moskauer Institut für Gerichtspsychiatrie hat Regimekritiker Wladimir Bukowski, Pjotr Grigorenko, Leoinid Pljuschtsch und Viktor Fainberg auf ihren Geisteszustand untersucht - und für verrückt erklärt. Seit zwanzig Jahren leitet Professor Morosow dieses Hospital, in den letzten zwei Jahren war ich einer seiner sechs Abteilungsleiter.

"POLITISCHE WAHN-IDEEN"

Der Dissident Wladimir Bukowski, der im Dezember 1976 in der Schweiz gegen den in Chile eingesperrten KP-Chef Luis Corvalan ausgetauscht wurde, hatte über ein Jahrzehnt in Arbeitslagern und Irrenhäusern zugebracht. Schon 1963 lieferte der KGB ihn in das Serbskij-Institut ein. "Bukowskis Untersuchung", sagte Morosow, "hat nur 25 Sekunden gedauert. Erfahrene Psychiater sehen doch sofort, was mit so einem los ist. Schleichende Schizophrenie, die nur in einer geschlossenen Spezial-klinik behandelt werden kann. Die Gesellschaft muss vor Leuten mit politischen Wahnideen geschützt werden."

"Acht Jahre später haben sie ihn doch wieder für gesund erklärt", warf ich ein. Morosow erwiderte: "Ja schon. Wir wollten nach der Kritik im Westen keinen weiteren Ärger mehr haben. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass Bukowski schizophren ist."

PROTOTYP DER SOWJET-GESELLSCHAFT

Als ich meinen Chef so daherreden hörte, konnte ich nicht mehr verstehen, wieso ich meine berufliche Laufbahn an seiner Seite gesucht hatte. Morosow war ein Mann, der die Geschäfte der Partei besorgt. Ein Prototyp der Sowjetgesellschaft: konser-vativer Kammgarnanzug, blau gepunktete Krawatte, akkurat zurückgekämmtes Haar. Er ist ein Mann, der sich immer anpasst, der Abweichungen nicht duldet. Lange Haare, Jeans-Anzüge und Begeisterung für Rock-Musik sind für den russischen Chefpsychiater deutliche Hinweise auf krankhaftes Verhalten.

Das gilt erst recht für politische Ideen, die von der offiziellen Parteilinie abweichen. "Paranoide Reformvorstellungen", "krankhafte Überschätzung der eigenen Person", "Unfähigkeit, sich in die Gesellschaft einzufügen" - das sind die klassischen Symp-tome, die das Serbskij-Institut bei politisch Andersdenkenden feststellt, und sie
damit für Jahre, manchmal sogar für Jahrzehnte hinter den Mauern psychiatrischer Sonderkliniken verschwinden lässt. Eine Wissenschaft, deren wichtigste Aufgabe vor allem darin bestehen sollte, seelisch Kranke wieder in die Gesellschaft zurückzu-führen, wird in der UdSSR dazu missbraucht, gesunde Menschen von der Gesellschaft zu isolieren - nur, weil diese Menschen den Machthabern unbequem sind.

VOM CIA FINANZIERT

Georgij Wassiljewitsch Morosow kann sich nicht vorstellen, dass es in der Sowjet-union etwas zu reformieren gibt. Für ihn werden Dissidenten von den westlichen Geheimdiensten gesteuert. Sein Paradebeispiel ist der Historiker Andrej Amalrik, den Moskau im Jahre 1976 in den Westen abschob. "Der war noch keine vier Wochen in Holland, da fuhr er schon einen Wagen und fing an, sich ein Haus zu bauen. Das war doch der Dank des amerikanischen Geheimdienstes CIA", sagte Morosow.

VOM KGB FASZINIERT

Geheimdienste faszinieren den Chefpsychiater. Jeder Arzt im Serbskij-Institut weiß, dass Morosow bei politisch heiklen Fällen seine Anweisungen direkt vom Komitee für Staatssicherheit (KGB) bekommt. Er kennt KGB-Chef Jurij Andropow (1914-1984) persönlich und geht in der Zentrale am Dserschinskij-Platz ein und aus. Er kann sich berechtigte Hoffnungen machen, bald zum Gesundheitsminister der Sowjetunion aufzusteigen.

Und dennoch: Eine Spur von Unsicherheit konnte selbst Morosow nie verbergen. Sein Misstrauen ist chronisch. Nach drei Stunden Zugfahrt beugte er sich auf einmal vor und fragte mich ganz unvermittelt: "Jetzt kannst du es ja ruhig zugeben, Jouri, Du hast doch für die Staatssicherheit Berichte über mich abliefert. Du warst auf mich angesetzt!"

Ich sah es ihm an: Noch im selben Moment, in der er seine Befürchtung aussprach, wollt er sie gerne wieder zurücknehmen. Einen Augenblick hatte er offensichtlich die Kontrolle über sich verloren. Aber jetzt war wieder da, der Polizist, der in ihm sitzt und pfeift. Schnell wechselten wir das Thema. Um zwei Uhr morgens war die Kognak-Flasche leer. Müde und abgespannt ging ich in mein Schlafwagenabteil.

KEIN DISSIDENT

Auf der engen Liege wälzte ich mich stundenlang hin und her. Immer wieder schossen mir die Gedanken durch den Kopf. Ich bin kein Dissident. Ich bin kein Kämpfer. Aber ich habe ein Recht auf eine eigene Meinung. Ich habe es satt, linien-treu zu sein.

Jahrelang versuchte ich, ein guter Arzt zu sein. Aus der Politik wollte ich mich raus-halten. Und doch hat es mich immer wieder eingeholt. Schon 1961, ich war gerade 18 Jahre alt, wollte der KGB aus mir einen Spitzel machen. Kaum dachte ich, sie hätten es wieder aufgegeben, waren sie wieder da. Je erfolgreicher ich wurde, desto wichtiger wurde ich für sie, desto penetranter hefteten sie sich an meine Fersen und redeten auf mich ein. Und dann sollte ich auch noch Kollegen ausspionieren.

KOLLEGEN AUSSPIONIEREN

Es war im Dezember 1975. In Moskau tagte der internationale Kongress für Psychiatrie und Neurologie. Ich hatte den Auftrag, den prominenten Psychiater Kalle Achte zu betreuen. Kurz vorher rief mich ein KGB-Offizier namens Boris an und befahl mir, ich müsse jede Äußerung von Professor Achte notieren und ihn in privaten Gesprächen aushorchen. Sinn des Kontaktes: Der KGB erwartete, so erklärte mir Boris, von Professor Achte eine positive Stellungnahme zur sowjetischen Psychiatrie. In einem "Prawda"-Interview sollte der international anerkannte Professor den russischen Ärzten ihre hohe Qualifikation und ihre absolute Integrität bescheinigen. Denn im Westen werde zu viel davon geredet, dass russische Psychiater Dissidenten in Irrenhäuser einsperrten.

Ich erklärte, ich würde mein Bestes tun. Doch versprechen könne ich nichts. Als KGB-Agent Boris mich zum Rapport bestellte, log ich ihm vor, ich hätte trotz aller Bemühungen Achte nicht dazu bringen können, irgend etwas von Belang zu äußern.

LENINGRAD - HEIMATSTADT

Gegen fünf Uhr muss ich in meinem Schlafwagen dann doch eingeschlafen sein. Ein Ruck riss mich hoch. Bremsen quietschten, Dampf zischte. Verstört zog ich den Fenstervorhang zur Seite und sah, wie der Zug im Leningrader Hauptbahnhof zum Halten kam. Leningrad ist meine Heimatstadt, hier bin ich geboren, hier wuchs ich auf. Und mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich dieses miefige Monstrum von einem Bahnhof nun zum letzten Mal sah. Ich kann nicht sagen, ob mir der Abschied schwerfiel oder nicht. Ich war weder optimistisch noch traurig. Ich war einfach leer.

PSYCHIATER-KONGRESS IN HELSINKI

Nach achtzehn Stunden Bahnfahrt erreichten wir Helsinki. Ich war erstaunt, dass man uns privat untergebracht hatte; Morosow und ich schliefen beide bei einem finnischen Kollegen, der uns in sein Haus mit Sauna, mehreren Bädern und Terrassen eingeladen hatte. Den Luxus genoss ich, aber für meinen Fluchtplan war das alles andere als vorteilhaft. Ich war praktisch Tag und Nacht unter Morosows Kontrolle.

Meine Flucht hatte ich für den letzten Kongresstag vorgesehen. Ich durfte niemanden misstrauisch machen und musste meinem Chef das Gefühl vermitteln, dass ich mich in den acht Kongresstagen nicht nur für die Vorträge und Diskussionen, sondern auch für die Sehenswürdigkeiten Helsinkis interessierte. Nur so war es möglich, die entscheidenden Stunden meiner Flucht vorzubereiten. Denn am 23. Juni 1977 musste ich mich von der sowjetischen Delegation entfernen können, ohne dass Morosow gleich Verdacht schöpfte und die Polizei informierte. Was ich brauchte, waren drei Stunden Vorsprung.

HAFENKNEIPE - BACHKANTATE

Deshalb setzte ich mich schon gleich am ersten Kongresstag für drei Stunden ab. Ich schlenderte durch die Stadt, trank in einer Hafenkneipe zwei Bier und ging in eine katholische Kirche. Sie war völlig leer. Ein Organist spielte eine Bach-Kantate. Pünktlich, wie ich es angekündigt hatte, meldete ich mich bei Morosow zurück.

Der Kongress selbst lief vor meinen Augen ab wie ein Film. Ich ertappte mich dabei, wie ich mit Schweizer und österreichischen Kollegen über die Zuwachsraten bei Selbstmorden in Europa diskutierte und anschließend gar nicht mehr wusste, was ich gesagt habe.

Der Schlusstag sollte der Höhepunkt der internationalen Tagung sein. Die Finnen luden für 20 Uhr zu einem Abschlussbankett ein. Morosow legte großen Wert auf meine Anwesenheit, ich sollte für ihn dolmetschen. Ich versprach es ihm. Es war gegen 17 Uhr, als ich mich von Morosow zu meinem gewohnten Stadtbummel verabschiedete.

FLUCHT NACH SCHWEDEN

Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zum Hotel "Intercontinental", wo ich an der Bar den Mann traf, den ich noch nie vorher gesehen hatte, dessen Namen ich nicht wusste und der mich in die Freiheit bringen sollte. Er chauffierte mich zum Hafen, wo die Fähre nach Schweden schon wartete. Einzelheiten meiner Flucht werde ich hier nicht preisgeben. Ich möchte den Fluchtweg nicht verraten, und ich will meine Helfer nicht gefährden.

Vier Jahre hatte ich auf diesen entscheidenden Moment hingearbeitet. Bis zur letzten Sekunde zitterte ich: Klappt es oder klappt es nicht? Muss ich für fünfzehn Jahre ins Arbeitslager nach Sibirien oder kann ich ein neues Leben im Westen beginnen? Denn eines war mir klar, wenn die finnische Polizei mich erwischte, würde sie mich an die Sowjetunion ausliefern. Erst als ich mit meinem Fluchthelfer auf hoher See war, kam ich zur Ruhe.

Es gab keinen Menschen, den ich in der Sowjetunion von meiner Flucht informiert hatte. Galina, meine zweite Frau, von der ich in Moskau getrennt lebte, ahnte nichts. Auch meine Eltern nicht. Sicherlich würde der KGB sie ausfragen. Aber sie haben nichts zu befürchten. Denn schon seit meinem achtzehnten Lebensjahr habe ich kaum noch Kontakt zu meiner Mutter und zu meinem Vater.

VON DER UKRAINE BIS USBEKISTAN

Meine Eltern hatten sich früh auseinandergelebt. Seit 1951 waren sie oft Tausende von Kilometern getrennt. Eine unvorsichtige Bemerkung meines Vaters während einer Parteiveranstaltung -"Wie oft sollen wir denn noch den Genossen Stalin loben?" - gab den Ausschlag für die Zerrüttung meiner Familie. Mein Vater, ein Neurologe, wurde gegen seinen Willen als Militärarzt zur Roten Armee verpflichtet. Meine Mutter zog es vor, in Leningrad zu bleiben und dort als Psychotherapeutin zu arbeiten. Ich wäre gern bei meiner Mutter geblieben, aber mein Vater ließ das nicht zu. Er nahm mich mit von einem Dienstort zum anderen, von der Ukraine bis Usbekistan, von der Krim bis zu den Karpaten.

Für mich war es immer ganz selbstverständlich, dass ich Arzt werden wollte wie mein Vater. "In diesem Beruf kannst du noch am meisten tun für die Menschen und hast die größte Chance, dich aus der Politik herauszuhalten", sagte er mir, als ich 1960 mit siebzehn Jahren mein Abitur bestand. Mit Elan stürzte ich mich ins Medizinstudium.

AUSWENDIGLERNEN VON LENIN-SPRÜCHEN


Die Vorlesungen machten mir großen Spaß. Ich konnte nur nicht verstehen, warum ich ein Sechstel meiner Studienzeit mit Dingen zubringen musste, die so gar nichts mit Medizin zu tun haben - den politischen Seminaren. Das Nachbeten von Partei-tags-Beschlüssen, das stupide Auswendiglernen von Leninsprüchen ging mir auf die Nerven. Und frühzeitig widerten mich Kommilitonen an, die ihre mangelnden Fach-kenntnisse durch Übereifer in den politischen Schulungskursen wettzumachen suchten. Aber mit Lenin allein werden sie in den Krankenhäusern nicht weit kommen - dort steht der Patient im Mittelpunkt nicht die Partei. Dachte ich.

Wie naiv ich doch war! Während meines Medizinstudiums hatte ich begonnen, mich besonders für Psychiatrie zu interessieren. Nach dem achten Semester - das war 1965 - meldete ich mich deshalb zu einem fachbezogenen Praktikum. Ein Tag als Hospi-tant im Leningrader Krankenhaus Nr. 3, Abteilung Psychiatrie, zerstörte in mir jede Illusion.

SCHRECKEN DER ZAREN-ZEIT

Das Krankenhaus erinnerte an die Schrecken der Zaren-Zeit, wie ich sie in Büchern kennengelernt hatte. Die psychiatrische Abteilung war in einer baufälligen Baracke untergebracht. Der Boden war morsch und voller Schimmel. Die schrottreife Zentral-heizung funktionierte fast nie. Regen tropfte in die Krankenzimmer. Die Tapete war abgeblättert.

Auf den schmalen Fluren schlichen geisterhaft blasse Figuren umher, aus den Zimmern gellten Schreie. In der Holzbaracke gab es mehr Patienten als Betten. Auf zwei zusammengeschobenen Lagern lagen drei, manchmal vier Kranke. Einige wanden sich vor Qualen, andere, mit Psychopharmaka vollgepumpt, starrten teil-nahmslos an die Decke. Alle trugen verwaschene und ausgefranste Anstaltspyjamas.

Den Einheitsbrei aus Kartoffeln und Steckrüben konnte man nur mit Ekel essen. Das wussten auch die Verwandten der Patienten, die einmal in der Woche kommen und Verpflegung mitbringen durften. Doch was nutzte das schon? Meistens klauten Krankenschwestern die mitgebrachten Eier, Tomaten und Kuchenstücke. Als ich so einen Diebstahl zum ersten Mal sah, schrie ich die Krankenschwester an: "Sie sind wohl verrückt, das können Sie doch nicht machen!"

"Was wollen Sie denn", antwortete sie barsch, "der Alte verreckt doch sowieso!"

SCHLECHTE AUSBILDUNG

Wenn ich diese Abgebrühtheit der Schwestern auch nicht verstanden habe, so stieg ich doch schnell dahinter, woher sie kam: schlechte Ausbildung, miserable Be-zahlung. Die meisten werden nicht länger angelernt als drei Monate, keine verdient mehr als 150 Mark im Monat.

Und warum sollten die Krankenschwestern auch eine höhere Berufsethik haben als meine Kollegen, die Ärzte? Als Praktikant musste ich den Psychiatern der Klinik zwölf Wochen lang über die Schultern schauen, sollte ich von ihnen lernen. Ich sah kranke Alkoholiker mit zittrigen Händen und glasigen Augen, Ärzte, die nicht mehr in der Lage waren, ihre Pflicht zu tun.

Der Stationsarzt, bei dem ich lernen sollte, war bis zwei Uhr mittags nie auffindbar. Erst später erzählten mir Kollegen, dass er seine Nächte regelmäßig durchsoff und morgens seinen Wodka-Rausch im Behandlungszimmer ausschlief. Der Mann war kein Einzelfall. Fast auf jeder Station gab es Ärzte, die schlimme Alkoholiker waren.

ZU TODE GESOFFEN

Aber der schlimmste war der Chefarzt - ein tragischer Fall. Dr. Sergej Trofimowitsch Babanow ist an den Lebensumständen der Sowjetgesellschaft zerbrochen. Jahrelang hatte er einen einsamen Kampf gegen die Bürokratie geführt, hatte versucht, mehr Geld, mehr Medikamente, mehr Betten für sein Hospital herauszuschlagen. Am Ende stand Resignation, die er im Alkohol ertränkte. Später erfuhr ich, dass Sergej
Trofimowitsch an Leberzirrhose gestorben war.

Das Bedürfnis, den Kater am Morgen nach einem Gelage in neuem Wodka zu er-tränken, saufen bis zur Bewusstlosigkeit, das ist eine fatale Erscheinungsform der sowjetischen Gesellschaft. Einer der Gründe dafür: Viele Menschen können den Widerspruch zwischen den euphorischen Versprechungen der Partei und ihrem trostlosen Alltag nicht verkraften.

Ich konnte es auch nicht. Die erste Chance, aus dem System auszubrechen, kam früher als ich es erwartet hatte. Auf einem Studentenfest in Leningrad lernte ich Ende 1961 eine Kommilitonin aus der DDR kennen. Sie hiess Edda Schneider und studierte ebenfalls Medizin. Sie gehörte zu einer Gruppe von hundert Austauschstudenten. Bereits damals sprach ich ganz gut deutsch. Schon in der Schulzeit war Deutsch meine erste Fremdsprache.

"RUSSKIJE SWINJI"

Edda und ich waren ein ungewöhnliches Paar. Denn normalerweise gab es zwischen den sowjetischen und ostdeutschen Studenten kaum Kontakte. Die jungen Deutschen, meist Kinder hoher Parteifunktionäre, bekamen nicht nur ein Stipen-dium aus Moskau, sondern oft von zu Hause auch noch ein üppiges Taschengeld. Von Anfang an isolierten sie sich von uns, schauten auf uns herab und nannten uns Russkije swinji", also russische Schweine. Die Folge waren unkontrollierte Aggressionen, natürlich rächten sich die Leningrader Studenten. Als einige meiner Kommilitonen volltrunken waren, stürmten sie das Studentenheim, wo die Deutschen wohnten, und schlugen sie zusammen. "Ihr seid alle Faschisten", brüllten sie.

DDR-STUDENTEN AUSGEWIESEN

Meine Liebe zu Edda und meine deutschen Sprachkenntnisse sind dem Beauftragten des sowjetischen Geheimdienstes an der Universität nicht verborgen geblieben. Eines Tages sprach mich ein Mann an, den ich vom Sehen kannte, und den ich für einen Verwaltungsbeamten gehalten hatte. Er forderte mich auf, für den KGB detaillierte Berichte über die Lebensgewohnheiten und die politischen Ansichten der DDR-Studenten zusammenzustellen.

Ich sagte zwar zu, die Augen offenzuhalten, lieferte aber keine Zeile. Der KGB muss andere Spitzel gefunden haben, die mehr erzählten : Ende 1961 wurde etwa ein Viertel der DDR-Studenten wegen "politischer Unzuverlässigkeit" aus der Sowjet-union ausgewiesen.

SCHWIEGERMUTTER STASI-CHEFIN

Edda und ich gingen freiwillig; allerdings erst fünf Jahre später. Nachdem wir unsere Staatsexamen - ich mit Auszeichnung - bestanden hatten, heirateten wir in Lenin-grad. Einen Tag nach unserer Hochzeit fuhren wir nach Ostberlin, wo uns meine Schwiegereltern mit einem funkelnagelneuen "Wartburg" abholten und uns nach Schwerin brachten. Das Haus meiner Schwiegereltern in der Richard-Wagner-Straße 36, in dem auch wir wohnen sollten, erinnerte mich an die typischen Funktions-Gettos in der Sowjetunion. Es lag draußen vor der Stadt, kleine Vorgärten lockerten die Einheits-Architektur der Reihenhäuser auf, vor jeder Tür parkte en Auto: Hier wohnten die Hundertprozentigen.

Meine Schwiegermutter leitete die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staats-sicherheit in Schwerin, auch mein Schwiegervater war ein Kaderfunktionär. An unserem ersten gemeinsamen Abend in der DDR sahen wir einen Westsender; ich glaube, es war das Erste Programm. "Schau dir diese Desinformation an", sagte die Schwiegermutter, "wir müssen auf der Hut sein. West-Agenten lauern überall."

VORZEIGE-RUSSE AUS DER "STASI-STRASSE"

Bald merkte ich, wie Schneiders ihr politisches Ansehen in der Stadt mit einem russischen Schwiegersohn aufpolieren wollten - ich was ihr Vorzeige-Russe für Partei und Partys. Das passte mir gar nicht.

Im Städtischen Krankenhaus, wo mir meine Schwiegermutter eine Stelle als Assistenzarzt verschafft hatte, gefiel es mir dagegen sehr gut. Alles war sauber, es gab genügend Medikamente, im Gegensatz zur Leningrader Klinik waren die Ärzte hier bei der Sache. Und die Kollegen redeten mit mir offen und freundschaftlich - bis sie merkten, zu welcher Familie ich gezogen war. Die Richard-Wagner-Straße war für sie keine feine Adresse, sondern schlicht die "Stasi-Straße". Es brauchte Monate, bis ich diese Barriere abbauen konnte und mich mit einigen Kollegen anfreundete.

Recht schnell fiel mir auf, dass auch die Menschen in der DDR genauso ein Doppelleben führen wie die Menschen in der Sowjetunion. Tagsüber redete ich mit meinen Freunden im Krankenhaus über den Lebensstandard der Bundesrepublik und über Fluchtmöglichkeiten in den Westen, abends musste ich mir die Phrasen meiner Schwiegereltern über die "unzerbrechliche deutsch-sowjetische Freund-schaft" anhören. Daran ging meine Ehe kaputt. Denn meine Frau bestand darauf, dass wir mindestens jeden zweiten Abend im Familienkreis verbrachten. Wir ließen uns scheiden.

SCHLUSS IN SCHWERIN

Nach zehn Monaten war für mich Schluss in Schwerin. Ich hatte schon die Koffer gepackt, als ich ein lukratives Angebot von meinen Landsleuten bekam. Der Chef des KGB in Schwerin bot mir eine Stelle als Arzt in Rostock an, wo ich mich einem Agentennetz anschließen sollte. Bei erfolgreicher Arbeit stellte er mir eine KGB-Karriere in Aussicht. Ich lehnte dankend ab und ging nach Leningrad zurück. Dort arbeitete ich wieder im Krankenhaus und absolvierte meine Facharzt-Ausbildung als Psychiater.

Ich steckte in einer Krise. Ich fühlte mich als "Isgoj", als ein Verstoßener, ein Produkt der sowjetischen Gesellschaft zwar, aber als einer, der für diese Gesellschaft immer ein Außenseiter geblieben ist.

UNTERGRUND-THEATER

Dann tat ich etwas, was in der UdSSR normalerweise undenkbar ist: Ich versuchte, einen zweiten Beruf zu erlernen. Ich begann an der Theaterschule in Leningrad Regie zu studieren. Meinen Job im Krankenhaus behielt ich bei. Von meinen Künstlerfreunden bekam ich häufig Tipps, wo Schauspieler nachts in Privat-wohnungen aufführten - manchmal Beckett und Ionesco, manchmal Saltykow-Schtschedrin und Gribojedow, die verfemten russischen Satiriker aus dem 19. Jahrhundert. Ich schrieb Gedichte und versuchte mich an einem Theaterstück mit dem Arbeitstitel "Depressionen".

Aber dann begriff ich, dass das Theater kein Ausweg für mich war. Da waren keine ernst gemeinten politischen Gespräche, keine Ideen, wie man etwas verändern könnte: Die Theaterleute fotografieren die Wirklichkeit nur ab. Abermals stürzte ich mich auf die medizinische Fachliteratur, verbrachte auch die Wochenenden in Bibliotheken und bereitete mich auf eine Hochschullaufbahn vor. An der Universität hoffte ich, noch den größten Freiheitsspielraum zu finden. Damals, 1970, lernte ich auch Galina kennen, eine junge Französisch-Lehrerin aus Moskau. Sie bestärkte mich in meinen Plänen.

KRANKHEITSBILDER FÄLSCHEN

Galina, die bald meine zweite Frau wurde, war dabei, als ich auf der Geburtstagsfeier eines Freundes jenen Oberarzt kennenlernte, der mich bald darauf zum Serbskij-Institut nach Moskau brachte. Damals wusste ich noch nicht, dass die Abteilung 4 dieses Institut nur dafür da ist, gesunde Menschen durch ärztliche Diagnosen zu Wahnsinnigen zu stempeln. Und ich konnte nicht ahnen, dass mich der KGB eines Tages würde zwingen wollen, selbst Krankheitsbilder zu fälschen, und dass gerade ich dazu ausgewählt werden sollte, den Westen über diese Manipulation zu täuschen.










































































Mittwoch, 1. Februar 1978

Tendenzwende der Foltermethoden


"psychologie heute", Weinheim
1. Februar 1998
von Gustav Keller













"Die Würde des Menschen - Folter in unserer Zeit" ist die in Buchform erweiterte stern-Serie "Folter '77". Es wird ein Überblick geboten über Folter-Staaten, Folter-Institutionen, Folterfälle, Foltermethoden und zuletzt wird der Versuch unter-nommen, die Psyche des Folterers und seine Motivationen zu beleuchten. Im An-schluss an diese Kapitel befindet sich eine Dokumentation über die Folterstaaten verschiedener ideologischer Provenienz, gegliedert nach Gesichtspunkten "Machthaber" und Art der jeweils ausgeübten "Repressionen".

GRÖSSTE VERBREITUNG

Man kann annehmen, dass die Serie und dieses Buch mehr Menschen erreichen wird als alle zum Thema "Folter" im deutschsprachigen Raum bisher verbreiteten Publi-kationen. Die Streubreite und die publikatorische Macht des Massenmediums stern werden dies zuwege bringen. Im Interesse der Menschenrechtsbewegung ist dies von Nutzen. Denn der Kampf um die Würde des Menschen darf nicht allein getragen werden von amnesty international und seinen Mitgliedern. Die ist eine weltweite Kampagne gegen die Folter braucht eine intensive Medien- und Mundpublizistik.

GEHORSAMSDRUCK

In die Positivliste dieser Rezension gehört auch der Kommunikationsmodus: die ständige Begleitung der einzelnen Folterberichte mit visuellem, zumeist dokumen-tarischen Material. Dies ist geeignet, dem Durchschnittsleser das authentisch zu kommunizieren, was er in Worten allein für wenig glaubhaft halten würde, solche Bilder induzieren Hinwendung, Mitleid, Abscheu, Solidarität. Es sind Konkretionen, die den Leser an die primäre Wirklichkeit der "Folter 77" heranführen.

Sie sind das notwendige Pendant zu Milgrams Folterexperimenten, weil sie demonstrieren, wie in der künstlichen Laborsituation verifizierte Folterbereitschaft unter Gehorsamsdruck der Staatsautorität in konkretes und brutales Folterhandeln umschlägt.

PLATZ IN LEHRBÜCHERN

Solche Darstellungen müssten in jenen Psychologiebüchern abgedruckt werden, die oft seitenlang Aggressionstheorien behandeln, die real existierende Aggression aber hinter die Fassade der Abstraktionen verbannen. Ihren Platz sollten sie auch erhalten in Lehrbücher des politischen Unterrichts, um zu verhindern, dass der Begriff "Menschenrechte" nachdem Sprachgebrauch vieler Politiker zum Wortfetischismus degeneriert ist, seine Korrespondenz mit der Realität verliert.

Dass die Folterungen unserer Zeit nicht gelegentliches Regredieren auf archaische Stufen des zwischenmenschlichen Verhaltens sind, haben die Autoren klar zum Ausdruck gebracht. Die objektive und exemplarische Auswahl der Folterstaaten zeigt, wie international und systemübergreifend die Unterdrückung der Menschenrechte praktiziert wird: "Wer eine andere Meinung hat als die Obrigkeit, lebt in Ost und West, Nord und Süd gefährlich" (Seite 14). Man muss konstatieren, dass die Verwirklichung und Garantierung der Grundrechte des Menschen letztlich nicht davon abhängen, ob die Wirtschaftsverfassung des betreffenden Staates sozialistischen oder kapitalistischen Inhalts ist.

FALLBERICHTE

Die Anschaulichkeit dieses Buches ist nicht nur das Ergebnis gekonnter Visualisierung, sondern hängt auch zusammen mit an der Biografie der Folteropfer orientieren Fallberichten. An den zaglreichen Individualfällen kann der Leser leidens nachvollziehen, wie Würde und Integrität der gefolterten Subjekte schrittweise reprimiert und demontiert werden.

Dieses Art des Berichtens ist richtig, solange sie auf die Darstellung der Folteropfer beschränkt bleibt. Falsch ist sie dann, wenn die Folterer Gegenstand der Betrachtung werden. Das Buch fokussiert die Suche nach Beweggründen des Foltern bisweilen zu stark auf Personen wie Pinochet, Amin, Fleury oder Mielke. Hier fällt es dem Leser schwer, zu erkennen, dass der Folterer kein genuiner Sadist ist, sondern Soziali-sationsprodukt autoritärer Ideologen und Institutionen.

PSYCHISCHE FOLTER

Was in diesem Buch ebenfalls zu kurz kommt, ist der detaillierte Hinweis auf die Tendenzwende der Foltermethoden. Obwohl die Einzelfälle des öfteren auf die Anwendung der Psychofolter hindeuten, enthält die Aufreihung der gängigsten Foltermethoden der siebziger Jahre (Seite 257 ff.) keine einzige rein psychische Foltertechnik. Und dies, obwohl auf Seite 256 geschrieben steht: "Die Perfektionierung tiefenpsychologischer Folter ist heute schon eine eigenständige Wissenschaft."

Der letzte Kritikpunkt bezieht sich auf die mangelnde Beschreibung der Langzeiteffekte physischer und psychischer Folterungen. Hierzu hätte man aus der Fülle psychopathologischer Langzeitstudien eindrucksvolle Beispiele aussuchen können. Das Zitat von Jean Amery: "Wer der Folter erlag, kann in dieser Welt nicht mehr heimisch werden" wäre somit fundiert worden.

BUCH MIT WIRKUNG

Alles in allem, das Buch wird seine Wirkung zeitigen, indem es dem Leser beibringt, was Neo-Inquisition ist und wie sie mit der Würde des Menschen umspringt. Zu bezweifeln ist, ob seine Wirkung so weit geht, dass der Durchschnittsleser zum Beispiel einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien als Protest gegen die dort praktizierenden Menschenrechtsverletzungen billigen würde.



Freitag, 21. Oktober 1977

Ostblock: Wo das Leben damals schwer und das Sterben leicht war















































































Alexander Dubcek (*27.11.1921+7.11.1992) Leitfigur des "Prager Frühlings" mit Vaclav Havel (*1936+2011) Präsident der CSSR 1989-1992 - Präsident der Tschechischen Republik 1993-2003 - auf einer Podiumsdiskussion im Jahre 1968


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Panzer der Warschauer Pakt-Staaten zerschlugen 1968 den Prager Frühling. - Doch die Forderung nach Menschenrechten ist nicht tot zu kriegen. In der CSSR unterschrieben über 600 Bürger die Freiheitsdeklaration "Charta '77". Das Regime weiß nur eine Antwort: Verhaftung, Dauerverhöre, Studien- und Berufsverbote. In Polen geht die Polizei immer brutaler gegen Abweichler und Bürgerrechtler vor. Arbeiter wurden gefoltert, Studenten fanden auf mysteriöse Weise den Tod. In Rumänien sind die Behörden dem Beispiel der Sowjetunion gefolgt. Regimekritiker werden in vier psychiatrischen Kliniken eingeliefert.

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stern-Buch, Hamburg
"Die Würde des Menschen"
21. Oktober 1977
von Reimar Oltmanns
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Sie profitieren davon, dass es die Sowjetunion gibt und deren Vasallenstaat DDR. Wer an Jugoslawien oder Rumänien, an die Tschechoslowakei oder Polen die gleichen Maßstäbe legt wie an die DDR oder die Sowjetunion, wird die Zustände in diesen kommunistischen Randstaaten vergleichsweise erträglich finden. Und sie profitieren noch von einem anderen Bonus: Das "blockfreie" Jugoslawien, das 1948 mit Moskau brach und im letzten Jahrzehnt zum Traumziel von Millionen bundesdeutscher Touristen wurde, hat es verstanden, sich nach außen den Anstrich westlicher Lebensart zu geben. Rumäniens Staatspräsident Nicolae Ceausescu (1967-1989 - *1918+1989) täuscht über seine innenpolitische Unterdrückung mit Gesten außenpolitischer Elastizität hinweg, etwa indem er 1968 den Einmarsch der Sowjetunion in die CSSR verurteilte.

ERINNERUNG AN PRAGER FRÜHLING
Die Erinnerung an den Prager Frühling wiederum, das Wissen um die Existenz vieler prominenter, wenn auch entmachteter tschechoslowakischer Reformkommunisten trübt vielerorts den Blick für die heute herrschenden Missstände in der CSSR. Polen schließlich, dessen Unbotmäßigkeit gegenüber Russland geschichts-notorisch ist, entzog sich einer klaren Beurteilung seiner innenpolitischen Repression durch eine Wechselbad-Politik - auf die brutale Unterdrückung der Arbeitsunruhen in Radom, Plock und Ursus im Sommer 1976 folgte die stillschweigende Entlassung fast aller zum Teil zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Demonstranten.

ROTE RELATIVITÄTS-THEORIE

Der Grad der Unterdrückung in diesen Randstaaten ist verschieden. Milovan Djilas (*1911+1995), nach dem Krieg als Vizepräsident in Jugoslawien engster Mitarbeiter von Marschall Josip Broz Tito (*1892+1980), inzwischen als Jugoslawiens bedeutender Oppositioneller, aus der Partei ausgestoßen und selbst für neun Jahre wegen seiner politischen Überzeugung eingekerkert, urteilt: "In Jugoslawien ist es schlechter als in Polen, es ist besser als in der Tschechoslowakei. Und noch ist es besser als in der Sowjetunion - aber nicht viel besser."- Rote Relativitäts-Theorie.

TITOS GEFANGENE
Milovan Djilas beziffert die Zahlen der in jugoslawischen Gefängnissen eingesperrten politischen Häftlingen mit "rund 600". Die Zahl ist umstritten. Belgrad selbst hat offiziell 500 politische Häftlinge zugegeben. Die Gefangenen-Hilfsorganisation amnesty international schätzt, dass 1000 bis 1500 politische Gefangene inhaftiert seien. Zwei jugoslawische Intellektuelle, die selbst einsaßen, Mirko Vidovic (*1940) und Bruno Busic (*1939+1978) - beide sind Kroaten - wissen von sogar 3000 politischen Gefangenen.

Die Frage ist wohl, wen man alles unter der Rubrik "politischer Gefangene" einordnet, ob dazu auch all jene zu kurzfristigen Haftstrafen Verurteilten gehören, denen "Verbreitung von beunruhigenden und unwahren Informationen" oder "Beleidigung von staatlichen Institutionen" zur Last gelegt wird. Und insbesondere; ob dazu im Viel-Völkerstaat Jugoslawien (1918/1929-2003/2006) auch jene zählen, deren Opposition gegen Tito nicht ideologischen Motiven entspringt, sondern nationalistische Wurzeln hat. Die Grenzen sind da fließend. Zudem sind viele politische Urteile als Kriminalurteile kaschiert.

TRENNLINIE: SPRACHE, RELIGION
Nach wie vor sieht Belgrad die Trennlinien der einzelnen Bundesstaaten, Sprachen und Religionen als die möglichen Bruchstellen, wenn es einmal die Denkmalsfigur des jetzt 85jährigen Josip Broz Tito nicht mehr gibt. Das gegenwärtige Jugoslawien umfasst die einstigen Untertanen der Habsburger Doppelmonarchie, Slowenen und Kroaten, die von Österreichern seit dem russisch-türkischen Krieg 1877/78 besetzt gehaltenen Gebiete Bosnien und Herzegowina, das einstige Königreich Serbien, Montenegro und schließlich das stets umkämpfte Mazedonien. Insbesondere Kroaten und Serben - die einen katholisch, die anderen Anhänger der orthodoxen Ostkirche - haben sich gegenseitig das Leben schwer - und das Sterben leicht gemacht. Die selbstbewussten Kroaten, die sich für Österreich-Ungarn über Jahrhunderte als Soldaten auf allen Schlachtfeldern Europas schlugen und in ihrem Selbstverständnis so etwas wie ein Vorposten des Abendlandes waren, konnten es 1918, beim Zerfall der Donau-Monarchie und der Gründung Jugoslawiens nicht verwinden im neuen Staat den groß-serbischen Zentralisten in Belgrad, die bis ins 19. Jahrhundert Untertanen des osmanischen Reiches waren, das Regieren überlassen zu müssen. Und sie lehnten sich dagegen auf.

TERROR-AKTE, MORDANSCHLÄGE
Die noch heute wegen verschiedener Terrorakte, Mordanschläge oder Flugzeugentführungen berühmt-berüchtigte kroatische Ustascha-Bewegung (1929-1945), eine extrem nationalistische, faschistische Verschwörer-Organisation, entstand schon zehn Jahre nach der Staatsgründung. Sie wurde 1929 ins Leben gerufen. - Ein Jahr vorher war der Begründer der gemäßigten "Kroatischen Bauernpartei" Stjepan Radic (*1871+1928) im Belgrader Parlament von einem montegrinischen Abgeordneten mit der Pistole erschossen worden.

STUNDE DER RACHE
Die Stunde der Rache kam für die Ustascha 1941, als Hitler und Mussolini Jugoslawien besetzten und die Macht in Kroatien dieser Terror-Organisation übertrugen. Die mit den Nazis verbündeten Ustascha verübten an den Serben ein bestialisches Massaker.

Als 1945 mit dem Sieg von Titos Partisanen ein neues, kommunistisches Jugoslawien entstand, ging das Schlachten und Foltern weiter. Diesmal waren die Kroaten die Opfer. Die Engländer lieferten den jugoslawischen Kommunisten rund 300.000 Kroaten aus - Soldaten und Zivilisten, die sich ihnen ergeben hatten. 200.000 von ihnen wurden ermordet. So war der Zweite Weltkrieg in Kroatien zugleich ein Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Ustascha, zwischen serbischen und kroatischen Nationalisten. Wobei der Kommunistenführer Tito selbst gebürtiger Kroate ist.

"ZAGREBER FRÜHLING"
Mit der Parole "Brüderlichkeit und Einheit" versuchte Marschall Tito nach 1945 einen Neubeginn im föderalistisch gegliederten Jugoslawien. Das ging bis Mitte der sechziger Jahre gut. Als dann in Jugoslawien ein Liberalisierungsprozess auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet einsetzte - so wurde der verhasste Geheimdienstchef Aleksandar Rankovic (*1909+1983) entlassen, der selbst Tito abhören liess - tauchten die alten Konflikte in neuem Gewand auf. Die kroatische KP-Führung in Zagreb forderte größere regionale Rechte und klagte den Belgrader Zentralismus an. In den Jahren 1970 und 1971 erreichten Versuche, sich von Belgrad zu lösen, ihren Höhepunkt. Kroatische Studenten forderten eine eigene kroatische Armee, eine eigene kroatische Vertretung in den Vereinten Nationen. Der "Zagreber Frühling" war jedoch rasch zu Ende. Tito setzte kurzerhand die Zagreber KP-Führung wegen "kroatischen Nationalismus" ab. Ihre exponierten Anhänger wanderten in Haftanstalten. Sie machen noch heute eine Vielzahl der politischen Gefangenen in Jugoslawien aus.

STAATSFEINDE
Zu jenen "Unruhestiftern" gesellen sich tatsächliche oder auch vermeintliche Staatsfeinde: pro-sowjetische Untergrundkämpfer und Alt-Stalinisten (die so genannten "Konformisten"), albanische Separatisten, Utascha-Terroristen, Priester, Professoren, unbequeme Literaten und schließlich der prominenteste jugoslawische politische Internierte, Mihajlo Mihajlov ( *1934+2010), Professor an der Philosophischen Fakultät in Zadar. Mihajlov gilt als ein unbestechlicher Analytiker, als Einzelgänger und Unbeugsamer zugleich. Dieser Schriftsteller, ein Jugoslawe russischer Abstammung, ist weitgehend ein Opfer des komplizierten russisch-jugoslawischen Verhältnisses geworden. Er sitzt über Jahre in dem von der Sowjetunion abgefallenen Jugoslawien im Zuchthaus, weil er in der ausländischen Presse Kritik an der inneren Verfassung - ausgerechnet der Sowjetunion übte.

GEHEIMPOLIZEI UdBa
Es gehört zu den jugoslawischen Besonderheiten, dass der Rechtsweg gegen politisch motiviertes Unrecht nicht immer aussichtslos ist, ungeachtet jener Maßregel, die Marschall Tito am 24. Dezember 1971 erliess: "Die Richter dürfen sich nicht wie der Blinde an seinem Stock an die Gesetze halten, sondern sie müssen das Problem auch politisch sehen." Dieser jugoslawischen Eigenart ist zu verdanken, dass in den Akten des Kreisgerichts von Zagreb festgehalten ist, wie die Geheimpolizei UdBa mit ihren Opfern umspringt. Der Jurist Vice Vukojvic (*1936) , 39 Jahre alt, schon als Schüler wegen "kroatischen Nationalismus" ausgeschlossen, als Student wegen Teilnahme an Demonstrationen verhaftet, reichte 1967 eine Klageschrift "Gegen die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawiens - Sozialistische Republik Kroatien" ein. Darin forderte er einen Schadenersatz von 67.000 neuen Dinar wegen Misshandlungen durch jugoslawische Geheimpolizisten. Seine einzelnen Behauptungen, mit deren er die Klage begründete, wurden in der Beweisaufnahme bestätigt. Vukojevic gewann den Prozess (als das Urteil 1972 gefällt wurde, saß er allerdings schon wieder im Gefängnis, diesmal - nach der Zerschlagung des "Kroatischen Frühlings" - wegen "feindlicher Propaganda").
VERHAFTET - GEKIDNAPPT

In seiner Klageschrift schildert Vukojevic zunächst seine Festnahme: Wie er auf dem Heimweg einer Kinoveranstaltung von drei Männern in einen Pkw gezerrt wurde; wie man ihn auf den Boden des Wagens warf und mit einer Decke zudeckte; wie auf seinen Protest gegen diese Verhaftung ihm offen geantwortet wurde, er sei nicht verhaftet, sondern "gekidnappt" worden. Später, in einem Gefängnis, sei er gefesselt und geschlagen worden, weil er seinen Peinigern nicht das gewünschte Geständnis über seine Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation liefern konnte. Dann, einige Tage später, kam es zur nächsten Stufe der Behandlung: "Mir wurden die Arme am Rücken gefesselt und ich wurde an der Decke aufgehängt. Ich hing so mehrere Stunden lang, während man mich mit einem nassen Handtuch würgte, am ganzen Körper schlug, an meinen Haaren zerrte."

Diese Art Behandlung wurde an mehreren Tagen fortgeführt. Mit gefühllosen Armen und eiternden Wunden an den Handgelenken, hervorgerufen durch die Fesseln, blieb Vukojevic schließlich am Boden liegen. Er formulierte später in seiner Klageschrift: "Meine Peiniger wiederholten damals, dass sie mich 'legalisieren' würden, falls ich ein Protokoll mit einem Geständnis unterschriebe. Wenn nicht, sollte ich liquidiert werden." Legalisiert werden bedeutete, in der Sprache der Geheimdienstler, dass ihr Opfer dann gesetzlich verhaftet und in eine geordnete Untersuchungshaft kommen würde. Für Vukojevic war es erst nach 30 Tagen soweit. Zeit-Brüche, Umbrüche alter, überlebter Gesellschafts-Ordnungen: Im Jahre 1999 avancierte Vice Vukojevic zum Richter des kroatischen Verfassungsgerichts.

ALBTRAUM: RUMÄNIEN
Die Aussagen des Juristen Vukojevic sind kein Einzelfall. Gleichwohl ist in Jugoslawien vor seinem Zerfall (2003/2006) die Folter nicht wie in vielen anderen Ländern ein systematisch angewandtes Mittel zur physischen oder psychischen Vernichtung politischer Gegner. In einem Report über die Situation in dem Tito-Staat kam der amerikanische Senat zu dem Schluss: "Es gibt dennoch Berichte, dass politische Häftlinge von der Polizei geschlagen werden. Insbesondere wird in dieser Senats-Expertise moniert, dass die jugoslawische Regierung bei politischen Prozessen auf die Rechtssprechung Einfluss nimmt.

Nicht immer müssen volle Gefängnisse der Maßstab für den Grad der Unterdrückung sein. Im Rumänien des siebziger Jahrzehnts im vergangenen Jahrhundert gabt es, so schätzten es westliche Diplomaten in Bukarest, höchstens rund 500 politische Gefangene. Als der amerikanische Senat gleichzeitig mit seinem Bericht über Jugoslawien auch an den Zuständen in Rumänien Kritik übte, erliess der rumänische Staatsrat eine Amnestie. Viele inhaftierte Politische bekamen ihre Freiheit zurück, unter ihnen der rumänische Schriftsteller Paul Goma (*1935), der führende Kopf einer rumänischen Bürgerrechts-Bewegung. Öffentlich hatte er die Bukarester Behörden beschuldigt, Oppositionelle nach dem Beispiel der Sowjetunion in psychiatrische Kliniken zu sperren. Paul Goma sagte, im Land gäbe es vier derartige Hospitäler, darunter in der Hauptstadt die Krankenhäuser Balancea und Coula. Um die Glaubwürdigkeit seiner Angaben zu unterstreichen, nannte Goma mehrere Namen von Oppositionellen, die als "Patienten" in diesen psychiatrischen Kliniken festgehalten würden.

"KÖNIGSPALAST": CEAUSESCU
Ehe Goma dann selber interniert wurde, hatte er noch in einem offenen Brief an den rumänischen Staatspräsidenten Nicolae Ceausescu (1967-1989 - *1918+1989) geschrieben, Rumanien respektiere weder die eigene Verfassung, noch die durch internationale Abkommen eingegangenen Verpflichtungen über die Gewährung der grundlegenden Menschenrechte. Wörtlich hieß es in dem an Cheausescu - als Adresse war "Königspalast" angegeben: "In diesem Land gibt es nur zwei Menschen, die die Geheimpolizei nicht fürchten: Sie und ich."

Noch schärfer wurde Goma in einem Brief an den tschechoslowakischen Schriftsteller Pavel Kohout (*1928), einem der markanten Wortführer des Prager Frühlings, der im Jahre 1979 ausgebügert wurde und seit 1980 österreichischer Staatsbürger ist. Goma erklärte sich beizeiten solidarisch mit den Unterzeichnern der Prager Menschenrechts-Deklaration Charta 77. In diesem Brief schrieb Goma, in Rumänien gäbe es "20 Millionen politische Gefangene in Zivil", er sprach von der "rumänischen Besetzung Rumänien" und schloss seine Soldaritätsadresse: "Wir leben alle unter dem gleichen Druck. Der gleiche Verlust der elementaren Rechte, die gleiche Missachtung des Menschen, die gleichen Lügen. Überall Armut, wirtschaftliches Chaos, Demagogie, Unsicherheit, Terror."

MINDERHEIT: BANATER SCHWABEN
Zu denen, die am meisten unter den von Goma geschilderten Zustände zu leiden haben, zählt die 400.000 Personen umfassende deutsche Minderheit. Die Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, die aus dem Gebiet zwischen Mosel, Maas und Niederrhein stammen und vor rund 800 Jahren das Land urbar gemacht und besiedelt haben, wollen in immer größerer Zahl dem innenpolitischen Repressionsklima den Rücken kehren. Erst recht, seit die Integrationspolitik der rumänischen Kommunistischen Partei bewusst eine Rumänisierung der "mitwohnenden" Deutschen und damit eine schleichende Demontage deutscher Einrichtungen in Rumänien betrieb, nehmen die Anträge auf Ausreise allmählich das Format einer Massenauswanderung an. 50.000 Deutschstämmige haben das Land bereits seit der kommunistischen Machtübernahme 1948 verlassen. Jetzt hat Ceausescu die Genehmigung zur Auswanderung zurückgeschraubt. Erhielten 1974 noch 8.400 Rumänen-Deutsche die Erlaubnis zum Umzug in die Bundesrepublik, so waren es 1975 nur noch 5.000, 1976 nur noch 3.500. "Conducator" (Führer) Ceaucescu begründete das lapidar: "In einem Jahr fliesst im Fluss weniger Wasser, im anderen Jahr wieder etwas mehr."

VERLUST DES ABREITSPLATZES
Mit der Drohung des Verlustes des Arbeitsplatzes werden die auswanderungswilligen Rumänien-Deutschen eingeschüchtert. So verloren Ende 1976 zum Beispiel mehr als 150 Lehrer und Lehrerinnen deutschsprachiger Schulen ihre Stellung, als sie einen Antrag auf Ausreise gestellt hatten. Die rumänischen Behörden begründeten die Entlassung damit, die Pädagogen hätten sich mit diesem Ausreiseantrag ideologisch für die Erziehung der Jugend diskreditiert.

Derartige Repressalien gehören auch zum Repertoire der kommunistischen Machthaber in der Tschechoslowakei. Oppositionelle werden mit Berufsverbot belegt, ihre Kinder werden daran gehindert, Gymnasien oder Hochschulen zu besuchen. Das war so nach der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968, als das von den Sowjets eingesetzte Husak-Regime die Kommunistische Partei von den Reform-Kommunisten "säuberte". (Gustav Husak [*1913+1991] war von 1975 bis 1998 Staatspräsident der Tschechoslowakei). Derlei Einschüchterungen griffen gleichsam 1977, als die Unterzeichner der Menschenrechts-"Charta 77" von den Prager Machthabern wegen "volksfeindlicher Handlungen" verfolgt wurden. Eine Zahl verdeutlicht das Ausmass dieser Drangsalierung. Das Mitglied im Präsidium der Kommunistischen Partei der CSSR, Vasil Bilak (*1917), gab in einem Interview bekannt, dass bei der Parteieinigung nach 1968 insgesamt 165.00o Männer und Frauen von ihrem Arbeitsplatz entfernt wurden.

WISSENSCHAFTLER ALS HILFSARBEITER
Einst weltbekannte Politiker oder international renommierte Wissenschaftler mussten als Hilfsarbeiter ihren Unterhalt verdienen oder sie fanden überhaupt keine Beschäftigung. Der ehemalige Parteichef Alexander Dubcek (*1921+1992) ist heute Gärtner in Bratislava. Der Historiker Dr. Jan Tesar fand noch nicht einmal eine Beschäftigung als Nachtwächter. Der bekannte Philosoph Mila Machovec, früher Ordinarius an der Karls-Universität zu Prag, brachte sich mit Nachhilfestunden und Orgelspiel in einer evangelischen Gemeinde durch. Und nur ein Beispiel zur Sippenhaft, das stellvertretend für Hunderte steht: Der Historiker und ehemalige Rektor der Parteihochschule in Prag, Dr. Milan Hübl (*1927+1989) , er wurde zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteit, beklagte in einem Brief an österreichische Freunde, dass seine Kinder weder das Gymnasium noch die Hochschule besuchen dürfen. (Inzwischen ist Hübl nach Österreich emigriert.) Gerade diese Methoden waren es auch, die in der Charta 77 angeprangert wurden. Darin hieß es:

o "Zehntausende von Bürgern werde es "nur deshalb unmöglich gemacht in ihrem Fach zu arbeiten, weil sie Ansichten vertreten, die sich von den offiziellen Ansichten unterscheiden";

o das "Recht", Informationen und Gedanken aller Art ohne Rücksicht auf Grenzen zu ermitteln, anzunehmen und zu verbreiten", werde nicht nur außergerichtlich, sondern auch gerichtlich verfolgt, häufig unter dem Deckmantel krimineller Beschuldigungen;

0 das Innenministerium kontrolliere die Bürger "durch Abhören von Telefonen und Wohnunge, durch Kontrolle der Post, durch persönliche Überwachung, durch Hausdurchsuchung, durch Aufbau eines Netzes von Informanten aus den Reihen der Bevölkerung";

0 zahllose junge Menschen würden "nur wegen ihrer Ansichten oder sogar wegen der Ansichten ihrer Eltern nicht zum Studium zugelassen".

POLIZEI-SOZIALISMUS

Über 600 Bürger der CSSR haben inzwischen dieses Dokument unterzeichnet. Die Berechtigung dieser Anklagen sollten sie daraufhin am eigenen Leibe erfahren. Schon als einige prominente Tschechen am 6. Januar die Charta 77 als Petition der Prager Nationalversammlung überreichen wollten, wurden sie auf dem Weg dorthin festgenommen, ihr Manuskript konfisziert. Inzwischen füllen sich bereits wieder die Gefängnisse der CSSR mit "Abweichlern", gerade nachdem im Dezember 1976 die letzten promininenten Reformkommunisten der Dubcek-Ära aus der Haft entlassen worden waren.

Der neue Prager Polizei-Sozialismus hat inzwischen auch sein erstes Todesopfer gefunden. Zu den verhafteten Bürgerrechtlern gehörte neben dem Dichter Vaclàv Havel (*1936 - 1993-2003 Präsident der Tschechischen Republik) und dem Journalisten Jéri Lederer (*1922+1983) auch der 69jährige Universitätsprofessor Jan Patocka (*1907+1977). Unmittelbar vor seiner Festnahme im März 1977 war der bedeutende Philosoph noch vom holländischen Außenminister Max van der Stoel , der sich in Prag aufhielt, empfangen worden. Jan Patocka überlebte die Haft nicht. Nach einem zehnstündigen Dauerverhör musste der 69jährige mit Blaulicht in ein Krankenhaus gefahren werden. Dort starb er an den Folgen einer Gehirnblutung.

ZIELSCHEIBE WELTWEITER PROTESTE
Seither ist Partei- und Staatschef Husak Zielscheibe weltweiter Proteste. Das "Internationale Komitee zur Überstützung der Charta 77, dem auch die deutschen Schriftsteller Heinrich Böll (*1917+1985) und Günter Grass (*1927) angehören, bezeichneten den Tod des 69jährigen Philosphie-Professors als "politischen Mord". Patocka sei während der Haft "ständig von der Polizei gequält worden". Im Chor der Stimmen, die das Prager Regime verurteilten - Willy Brandt (*1913+1992)und Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky (*1911+1990), der Internationale Gewerkschaftsbund, die Außenminister Englands und Italiens - ist insbesondere die Stimme der französischen KP von Gewicht. In ihrer Zeitung Humanité schrieben die französischen Kommunisten: "Wir können keine Praktiken zulassen, zu denen es gehört, dass jede mit dem Sozialismus nicht im Einklang stehende Stimme zum Schweigen oder zur Unterdrückung verurteilt wird."

TERROR GEGEN ARBEITER-UNRUHEN
Immer brutaler und nachhaltiger wird der Polizeiterror gegen Abweichler wie Bürgerrechtler auch in Polen, jenem Land im sozialistischen Lager, das lange Jahre stolz darauf war, innenpolitische Kritiker nicht hinter Gittern mundtot zu machen. Ausgangspunkt der jene Unterdrückungswelle waren die Arbeiterunruhen im Sommer 1976 in Radom, Plock und Ursus. Zunächst nur ein lokal begrenzter Protest gegen neue, vom Parteichef Edward Gierek (*1913+2001) verkündete Preiserhöhungen, bekam der Konflikt bald eine politische Stossrichtung. Aus der Unzufriedenheit über ökonomische Missstände wurde ein Kampf um größere Freiheitsräume des Individuums, bei dem sich erstmals in Polen Arbeiter mit Studenten und Intellektuellen verbündeten. Allesamt trachteten beherzt danach, diese Art von polnischer "Diktatur des Proletariats" abzuschaffen. - Und um so härter schlug das kommunistische Regime zurück.

FOLTER-METHODEN DER MILIZ
Zahlreiche Zeugenaussagen und Dokumente belegen die Brutalität samt subtiler Foltermethoden der Miliz. In einem Brief an den Innenausschuss des Sejm, des Warschauer Parlaments, schrieb der Arbeiter Ireneusz Majewski aus Ursus, wie er und sein Bruder Marek eine Woche nach der Demonstration von Polizisten plötzlich aus ihrer Wohnung abgeholt wurden: "Wir wurden gefesselt und in Automobile verfrachtet. Als wir in dem Hof des Polizeikommandos in Ursus angelangt waren und das Auto verliessen, wurden uns die Fesseln gelöst. Dann befahl man uns, wir sollten uns in die Hofmitte begeben. Dort war ein Polizeispalier aufgestellt. Jeder Beamte trug einen Knüppel in der Hand. Ich sollte als erster losgehen. Mir war klar, was weiter geschehen würde. Ich wurde von unzähligen Knüppelschlägen getroffen und stolperte halb ohnmächtig in das Innere des Reviers. Meinem Bruder Marek widerfuhr dasselbe." Marek konnte nicht einmal um Gnade bitten. Ihm hatten während der Demonstrationen vor acht Tagen mit Gummiknüppeln bewaffnete "Zivilisten" den Kiefer zerschlagen, der nun in Halterungsschienen ruhte. Ireneusz, der durch die Schläge einen Herzinfarkt erlitt und ins Krankenhaus transportiert werden musste, forderte in seinem Brief an den Sejm - dem polnischen Parlament - die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission. Fehlanzeige.

SPIESSRUTENLAUFEN

Überdies - Menschenrechtsverletzungen hatten in Polen längst System. So schrieb der Arbeiter Stanislaw Adamski an den Generalprokurator der Volksrepublik Polen, dass er von Polizisten mit einem Taschenmesser kahl geschoren worden sei und dann ebenfalls über zwei Stunden auf der Treppe des Polizeigefängnisses von Radom Spießrutenlaufen musste: "Man sagte mir, das sei die 'Gesundheitsstraße', und dass sie mir 'helfen' wollten. Nach zwei Stunden haben sie mich bewusstlos in die Zelle geworfen."

ZU TODE GEPRÜGELT

Eines der erschütterndsten Dokumente dieser Ära ist der Beschwerdebrief, den die Witwe Janina Brozyna aus Radom an den Parlamentspräsidenten in Warschau richtete. Sie schreibt darin, wie ihr Mann, der 28jährige Arbeiter Jan Prozyn bei einer Racheaktion der Polizei zu Tode geprügelt wurde. Jan Prozyn war während der Unruhen nicht einmal in der Stadt gewesen, sondern hatte auswärts einen Urlaub verbracht. Als er von der Miliz abgeholt wurde und nicht mehr zurückkam, machte sich seine Frau auf die Suche. Niemand sagte ihr, was mit ihm geschehen war. Sie fand schließlich in einer Klinik von Radom seine Leiche, mit eingeschlagenem Schädel. Der Leichnam wurde dann in dem Dorf Jedlinsk in der Nähe von Radom begraben. Während der Beisetzung kontrollierte die Polizei von einem Hubschrauber aus die denkwürdige Beerdigungs-Zeremonie. Dann als der Sarg ins Grab gesenkt wurde, landete der Hubschrauber auf dem Friedhof, mehrere Zivilisten sprangen aus der Maschine und fotografierten die Trauergemeinde. Seitdem ist für Ortsfremde der Besuch des Friedhofs von Jedlinsk verboten.

Ihren Beschwerdebrief schliesst Janina Prozyn mit den Sätzen; "Man hat mich mit zwei kleinen Kinder von eineinhalb und fünf Jahren allein gelassen. Man hat meinen Mann auf grausame Weise umgebracht. Das war das Werk der Leute, die verpflichtet wären, sich um die Gerechtigkeit in der Volksrepublik zu kümmern."

KARDINAL WYSZYNSKI KLAGTE AN

Die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss wurde auch in einem Appell aufgegriffen, den 175 Intellektuelle im Januar 1977 an die Warschauer Parlaments-Abgeordneten schickten. In dem Schreiben hieß es, Arbeiter von Radom und Ursus hätten erschreckende Klagen über Schläge und Folterungen durch die Polizei geführt. "Es ist die bürgerliche und moralische Pflicht eines jeden ehrlichen Menschen, diese abscheulichen Praktiken zu brandmarken und ihnen mit allen möglichen Mitteln entgegenzuwirken. Folterung von Verhafteten darf nicht toleriert werden. In der Überzeugung, dass Ihr Handlungsspielraum, der sich aus Ihrer Kompetenz als Abgeordneter ergibt, wesentlich breiter ist, wenden wir uns an Sie mit dem Appell, sich im Sjem der Sache der geschlagenen und gefolterten Arbeiter anzunehmen."

Auch der Primas von Polen, Stefan Kardinal Wyszynski (*1901+1981) beschuldigte in einer Predigt in der Warschauer Kathedrale die Polizei der Brutaltät. Der Altkommunist und ehemalige Erziehungsminister Wladyslaw Bienkowski (+1906+1991) klagte in einem offenen Brief, dass Brutalitäten und Folter der Polizei die öffentliche Ordnung Polens bedroht.

GIEREK-REGIME

Indes: von den etwa 2500 in Radom und Ursus verhafteten Arbeitern sind inzwischen nur noch eine knappe Handvoll im Gefängnis. Parteichef Edward Gierek (1970-1980) hatte durch eine Amnestie die Freilassung der meisten Inhaftierten erwirkt. Nur diese Art von Amnestie war kein Signal eines ersehnten Kurswechsels, sondern lediglich eine kalkulierte Entlastungsaktion des bedrängten Gierek-Regimes. Das zeigt sich bald in neuen Schlägen gegen Oppositionelle. Eine neue Dimension der Gewalt. Nach dem Bekanntwerden der Lynchjustiz in Radom und Ursus hatten prominente Schauspieler, Schriftsteller, Grafiker und Priester ein "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" gegründet, das zunächst nur Geld für die mittellos lebenden Familien der damals inhaftierten Demonstranten organisierte (der im Kampf für Menschenrechte unermüdliche Literaturpreisträger Heinrich Böll spendete einen großen Teil seiner in Polen angelaufenen Tantiemen). Inzwischen ist das Komitee der Kristallisationspunkt einer polnischen Bürgerrechtsbewegung geworden. Mitte Mai 1977 wurden vier Mitglieder dieses Komitees festgenommen und unter Anklage gestellt. Sie wurden beschuldigt, Studenten aufzuwiegeln und "Verbindungen mit einer ausländischen Organisation zu haben, deren Ziel die Verletzung der politischen Interessen der Volksrepublik Polen ist".
VERHAFTUNG VOR DER BEERDIGUNG

Die Angeklagten - sie müssen mit Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren rechnen , wurden festgenommen, als sie gerade von Warschau aus nach Krakau zu einer Beerdigung fahren wollten. In Krakau wurde nämlich der 23jährige Philosophie-Student Stanislaw Pyjas (*1953+1977) zu Grabe getragen. Er hatte an der Krakauer Universität Unterschriften gesammelt, mit der Forderung des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" nach einer parlamentarischen Untersuchung der Vorgänge von Radom und Ursus. Mitte April 1977 teilte Stanislaw Pyjas dem Krakauer Staatsanwalt mit, er sei in anonymen Briefen mit dem Tod bedroht worden. In einem der Briefe hätte es geheißen: "Die Vertilgung solcher Leute auf jede mögliche Art ist zur Zeit die wichtigste Aufgabe." Achselzucken der Strafverfolger.

Zwei Wochen später war Stanislaw Pyjas tot. In einem Treppenhaus in der Krakauer Altstadt wurde er mit schweren Kopfverletzungen gefunden. Die Parteipresse stellte den plötzlichen Tod des Studenten als Unfall eines Betrunkenen dar: "Der junge Mann hatte 2,6 Promille Alkohol im Blut." Der amtliche Obduktionsbericht wurde zur Geheimsache erklärt. Es gibt Augenzeugen, die den Toten gesehen haben. Er hatte Verletzungen unter den Augen und einen zertrümmerten Kiefer - nach Ansicht von Ärzten typische Merkmale von schwersten Schlägen.







Donnerstag, 22. September 1977

Terrorismus - zerrissene Gestalten oder bleierne Zeiten im Herbst



























Der Mord an dem deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Oktober 1977 in der Nähe vom französischen Mulhouse durch die Terror-organisation RAF war der Höhepunkt der wohl schwerwiegendste Krise in der Nachkriegsgeschichte. Bedrückenden Ereignisse jener als "Deutscher Herbst" bezeichneten Monate, rückten zweifelhafte Rechtsanwälte in den Mittelpunkt. Rechtsvertreter, die daran erkennbar zerbrochen sind; zerrissene Gestalten. Der umstrittene RAF-Schleyer-Vermittler Advokat Denis Payot aus Genf verlor wegen zu hoher Honorar-forderungen an die Bonner Regierung sein Amt als Präsident der Schweizerischen Liga für Menschen-rechte; weitgehend seine Reputation. Sein deutscher Kollege Claus Croissant blieb nicht nur RAF-Sympathisant und RAF-Unterstützer, sondern war zudem Jahre später auch noch Agent des Ministeriums für Staatssicherheit (IM Thaler) tätig. In Frankreich, wo Croissant "politisches Asyl als Verfolgter" beantragt hatte, wurde er im November 1977 in deutsche Haft-anstalten abgeschoben. Es begannen Croissant-Jahre mit Gefängnissen, Geldstrafen, Berufsverbot. Den Kontakt zu seinen einstigen Freunden hatte er längst verloren. Er starb im 2002 in Berlin. - Momente aus dem Deutschen Herbst mit seinen Neben-Schauplätzen in Genf und Paris. - Wirre Zeiten in einer vom Terror entgeisterten Angst-Epoche.



stern, Hamburg
22. September 1977 / 02. Oktober 1977
von Reimar Oltmanns
und Michael Seufert

Als Klaus Croissant die Geschichte vom "verlorenen Sohn" erzählte, wusste er noch nicht, dass es vorerst sein letzter Auftritt war. Verfolgt von der bundes-deutschen "Barbaren-Polizei" , so tönte der Anwalt, sei er heimgekehrt nach Frankreich, in das Land seiner Väter. So wie die Burgunder und Hugenotten vor den Greifern des Sonnenkönigs Ludwig XIV. (1638-1717) hätten flüchten müssen, ergehe es nun ihm im 20. Jahrhundert. Nur: Der Unterdrücker sei heute nicht mehr der König, sondern der Kanzler am Rhein. Und die Gehilfen des Helmut Schmidt (1974-1982) seien die alten NS-Blockwarte, die schon "fünf Jahre nach dem Krieg die Köpfe erhoben und ihre Plätze wieder einnahmen". Das Deutschland der "Nazi-Väter", so Croissant, habe ihm keine "Freiheits-Garantien" mehr geben können. Deshalb könne er nur von Frankreich aus der Bonner Regierung den Kampf ansagen und den Verfolgten zur Seite stehen.

Croissants Gesprächspartner, der Pariser Journalist Charles Blanchard von der sozialistischen Tages-zeitung "Le Matin", war "tief beeindruckt", als er das Versteck des flüchtigen Anwalts in der Avenue Général Leclerc verließ. Blanchard konzedierte: "Er war mir sehr sympathisch. Wir hatten ein warmherziges Gespräch." Das war am vergangenen Freitag 16. September 1977 um 14 Uhr.

FESTNAHME IN PARIS

Bereits um 15.28 Uhr riegelten 80 Polizisten der 6. Territorial-Brigade den Häuserblock im 14. Pariser Stadtbezirk hermetisch ab. Scharfschützen postierten sich auf Dächern und in Hausfluren. Robert Cotté, seit 22 Jahren Hausmeister des Blocks 110, berichtet: "Ein Stoßtrupp eilte auf den Hinterhof. Einer sagte mir, ich solle schnell im Haus verschwinden, damit mir nichts passiert."

Die Polizisten pirschten sich vor bis an die letzte Tür auf dem Hinterhof. Mit entsicherten Pistolen stießen zwei Beamte dann die Tür auf. Auf dem düsteren Wohnungs-flur kam ihnen Klaus Croissant bereits entgegen. Er trug einen dunkelblauen Rollkragenpullover und eine hellblaue Hose. Mit den Worten "wir haben einen Haftbefehl gegen Sie", legten die Beamten ihm die Handschellen an.

LENIN UND CROISSANT IMSELBEN HAUS

Als Croissant über den Hinterhof abgeführt wurde, sah Hausmeister Cotté seinen Untermieter, den er bislang nur aus der Zeitung kannte, zum ersten Mal. Cotté: "Ich sitze fast den ganzen Tag am Fenster. Doch ich habe dort niemanden kommen oder gehen sehen." Er mag sich damit trösten, dass seine Vorgänger in der Concierge-Loge auch nicht scharfsichtiger waren. Denn kein Geringerer als Wladimir Iljitsch Lenin hatte 1912 hier im selben Haus in der jetzigen Avenue Général Leclerc heimlich und unerkannt seine Pamphlete gedruckt.

Im Santé-Gefängnis, das mit seinen 15 Meter hohen Mauern einer mittelalterlichen Trutzburg ähnelt, verlas Staatsanwalt Moyal dem "heimgekehrten Sohn" den internationalen Haftbefehl und das Auslieferungs-gesuchen der Bundesrepublik. Begründung: Komplizen-schaft mit einer kriminellen Vereinigung. Croissant, obwohl perfekt Französisch sprechend, hüllte sich in Schweigen.

POLITISCHES ASYL

Dafür soll jetzt sein Rechtsanwalt Roland Dumas (späterer Außenminister in den Jahren 1984-1986 und 1988-1993) die französische Linke mobilisieren. Dumas, ein Intimfreund des Sozialistenchef François Mitterrand (1916-1996) und seinerzeit als Justiz-minister einer Volksfront-Regierung im Gespräch, hatte bereits am 11. Juli 1977 erfolglos einen Asyl-Antrag seines Mandanten bei den Pariser Behörden gestellt. Roland Dumas: "Ich finde es völlig unstatthaft, einen ausländischen Rechtsanwalt festzunehmen, der um politisches Asyl in unserem Land gebeten hat."

Doch zu einer großen Polit-Affäre dürfte der Fall Croissant kaum ausreichen. Denn bevor die Linke sich formieren kann, wollen die französischen Behörden den verhafteten Advokaten schon in die Bundesrepublik abgeschoben haben.

EXKLUSIV-STORY IM UNTERGRUND

Dass die Pariser Polizei ihn überhaupt fand, verdankt sie dem Journalisten Charles Blanchard. Er wurde seit längerem beschattet. Als er jetzt die Exklusiv-Story im Untergrund suchte und Croissant die Selbstdarstellung in Sachen "Nazi Deutsch-land", legte Blanchard unfreiwillig die Spur. Hätte Croissant den Rat seines Vor-Vor-Mieters Lenin beherzigt, wäre ihm die Festnahme vielleicht noch für einige Zeit erspart geblieben. Lenin hatte im Exil formuliert: "Ein Revolu-tionär, der sich nicht anpassen kann. ist kein Revolu-tionär, sondern ein Schwätzer."

Aber ein Freund großer Worte war Klaus Croissant schon immer. In zahllosen Agitprop-Aktionen profilierte er sich zu einer Art PR-Manager der "Rote Armee Fraktion" (RAF). Für die Staatsanwaltschaft in Stuttgart gilt er zugleich als der Zuchtmeister aller Banden-mitglieder und Werber für den Terroristen-Nachwuchs. Und als ein Mann, der gefügig folgt, wenn RAF-Chef Andreas Baader (1943-1977) befiehlt.

JUNGGESELLE MIT GUTEN MANIEREN

Dabei begann dieser Dr. Klaus Croissant (1931-2002) seine Karriere genauso bürgerlich wie viele seiner Anarcho-Klienten. Sein nobles Büro im WMF-Haus an der Königstraße im Zentrum der Schwaben-Metropole war beliebter Treffpunkt der Stuttgarter Schickeria und vor allem trennungswilliger Damen. "Er macht so saubere Scheidungen, so ganz ohne schmutzige Wäsche", hieß es lobend. Ein braver Mann also, ein Junggeselle mit guten Manieren und Kunstverstand, ein gerngesehener Partygast und Feinschmecker.

Geboren wurde er am 24. Mai 1931 in der schwäbischen Provinz. Am Fuße der Schwäbischen Alb, in Kirch-heim / Teck bei Esslingen, besaß sein Vater Hermann eine Drogerie. Als der Vater 1954 starb, führte die Mutter das Geschäft weiter. Der brave Sohn Klaus machte 1951 sein Abitur an der "Oberschule für Jungen" in Kirchheim und studierte bis Ende 1955 Jura in Tübingen und Heidelberg.

DUBIOSE LEITFIGUREN

1961 - inzwischen 30 Jahre alt - ließ er sich in Stuttgart als Anwalt nieder; Croissant, der spätere Links-Anwalt", zählte damals noch Industrielle zu seinen Klienten. Er galt als Sympathisant der Freien Demokraten. Und nach dem Schwaben-Motto "Schaffe, schaffe, Häusle baue" kaufte er sich zwei Eigentumswohnungen in Stuttgart.

Zwei Kollegen brachten den eher theoretisierenden und zaudernden Schwaben vom Pfad der bürgerlichen Tugenden ab und auf die Seite jener, die den "revolu-tionären Kampf" auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Das eine große Vorbild war der Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler (1970 Gründungsmitglied der RAF, rechtskräftig verurteilter Rechtsextremist und Antisemit) - ein Mann, der als Staranwalt der APO zum Schrecken konservativer Richter wurde. Die zweite Leitfigur war sein Kollege Jörg Lang. Er überzeugte Croissant davon, dass in der Bundesrepublik der "blanke Faschismus" herrsche und der Kampf dagegen jedes Mittel rechtfertige. Später, als Sozius in der Stuttgarter Anwaltskanzlei organisierte Lang bundesweit die "Komitees gegen Folter", ehe er schließlich selbst in den Untergrund ging.

NACHRICHTENZENTRALE FÜR TERRORISTEN

Klaus Croissant hatte inzwischen seine Kanzlei von der Nobeladresse in eine Seitenstraße verlegt. Dieses Büro unterm Dach des Hauses Lange Straße 3 wurde nach Ansicht der Staatsschützer zur Schaltstelle und Nachrichtenzentrale für Terroristen. Von hier aus kurbelte Croissant auf Anweisung von Andreas Baader und Ulrike Meinhof (1934-1976) die Kampagnen gegen die "Isolationsfolter", "Gehirnwäsche" und "Mord an Holger Meins" an. Im April 1974, noch ehe der große BM-Prozess in Stuttgart-Stammheim überhaupt begonnen hatte, wurde Croissant wegen des Verdachts der "Unterstützung einer kriminellen Vereinigung" die Verteidigung für Andreas Baader entzogen.

Der Anwalt nahm daraufhin zwei neue Kollegen in seine Kanzlei auf - Arndt Müller und Armin Newerla. Doch auch sie gerieten schnell ins Visier der Staatsschützer. Newerla wurde im August 1977 verhaftet, Arndt Müller folgte einen Monat später in die Untersuchungshaft. Auch ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, eine kriminelle Vereinigung unterstützt zu haben.

DER "REISE-ANWALT"

Arndt Müller, 1942 in Leipzig geboren und seit 1975 Sozius von Croissant, gilt bei der Justiz als "Reise-Anwalt". Als ein Mann, der die RAF-Gefangenen nicht anwaltlich berät, sondern ausgestattet mit zahlreichen Untervollmachten die Häftlinge von Hamburg bis Stammheim besucht, mit Informationen versorgt und Befehle übermittelt. Vom Oktober 1975 bis zum Juni 1977 registrierten die Justizbehörden 517 Müller-Besuche bei RAF-Häftlingen. Seinen Rekord stellte er im Januar 1976 auf: 39 Besuche in 31 Tagen.

Argwöhnisch vermerkten die Fahnder vom Bundes-kriminalamt auch, dass Müller von Dezember 1976 bis April 1977 mindestens 15mal lange, unbe-wachte Gespräche in Stuttgart-Stammheim mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe führte. Zur gleichen Zeit besuchte er auch Siegfried Haag und Sabine Schmitz in ihren Gefängniszellen, die - so das BKA - die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback (1920-1977) und andere Terror-aktionen geplant und vorbereitet haben.

Einer anderen Reise Arndt Müllers maßen die Ermittler erst später Bedeutung bei - einer Fahrt via Saarbrücken nach Frankreich am 10. Januar 1977. Auf dem Bei-fahrersitz registrierten die Bundesgrenzschützer damals die 28jährige Brigitte Mohnhaupt. Inzwischen, nach dem Polizisten-Mord von Utrecht, ist sie die meist-gesuchte Frau in Holland. (1982 verhaftet, wegen neunfachen Mordes zu fünfmal lebenslänglich und 15 Jahren verurteilt. Nach 24 Jahren auf Bewährung im Jahre 2007 vorzeitig aus der Haft entlassen).

Sorgsam notierte des BKA auch die Verbindung steckbrieflich gesuchte Terroristen zur Croissant-Kanzlei. So betätigte sich Willy Peter Stoll, der als Helfer des mutmaßlichen Buback-Attentäters Günter Sonnenberg ( 1978 zu zwei Mal lebens-länglich verurteilt, 1992 vorzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassen) auf der Fahndungsliste steht im Februar 1975 als Briefträger für Croissant. In der Haft-anstalt Stammheim lieferte er einen Brief an Andreas Baader ab.

Und auch die vier Frauen, die im Zusammenhang mit der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto (1923-1977) in Oberursel /Taunus gesucht werden, waren vorher Helfer des Anwalts Croissant. - Angelika Speitel, Silke Maier-Witt, Sigrid Sternebeck und Susanne Albrecht tippten Briefe in der Stuttgarter Kanzlei, schnitten im Düssel-dorfer "Stockholm-Prozess" die Verhandlung auf Tonband mit oder trugen dem Chef im Gericht die Robe nach.

BEKENNER-BRIEF

Als ein weiteres Indiz für die Verstrickungen Croissants mit der Terroristenszene werten die Ermittler die Tat-sache, dass bei einer Durchsuchung der Kanzlei in der Langen Straße 3 im Juli 1977 der Original-Bekenner-brief der Buback-Mörder gefunden worden war.

Wenn Klaus Croissant von Frankreich nach Deutschland abgeschoben wird, erwartet ihn in Stuttgart eine 263 Seiten starke Anklageschrift wegen Unterstützung der RAF. So ganz neu ist diese Akte allerdings nicht. Ein Jahr lang hatte sie auf dem Tisch der 12. Großen Strafkammer des Stuttgarter Land-gerichts geschmort, ohne dass die Hauptverhandlung begann. Erst die spektakuläre Flucht des Angeklagten und die bestürzte Reaktion der Öffentlichkeit trieben die Richter zur Eile an.

ANSPRUCH AUF ACHTUNG

Dass Revolutionäre in Deutschland auf wenig Sympathie stoßen, hatte Croissant schon 1972 in einem Fernsehinterview beklagt: "Ich würde die Entscheidung desjenigen, der völlig mit dieser Gesellschaft gebrochen hat und sich zu einem bewaffneten Kampf entschlossen hat, anerkennen. Ich meine, dass auch derjenige, der sich als Revolutionär versteht, Anspruch auf Achtung hat. Und ich meine, dass es gerade daran in unserem Staat fehlt."

Wenn die Stuttgarter Richter ihm die Achtung versagen, erwartet Croissant eine Strafe bis zu fünf Jahren Haft.

NACHTS, WENN DER ANWALT VERSCHWINDET

Deutschland im Herbst des Jahres 1977.- Szenenwechsel, Ortswechsel, Milieusprünge, vom mondänen Paris ins streng calvinistisch geprägte Genf zum Schweizer Anwalt Denis Payot, dem Mittler zwischen Bonn und den RAF-Entführern des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer (1915-1977).

Mit der Hand streicht sich der 35jährige Denis Payot über die stacheligen Wangen: "Entschuldigen Sie bitte die Barstoppeln", sagt er eitel lächelnd, "aber ich bin sehr lange unterwegs gewesen." Die blonden Stoppeln des Denis Payot sind der sichtbare Nachweis seiner Aktivitäten und seines Einflusses im Entführungsfall Hanns-Martin Schleyer. Und mit dem Stoppeln wächst der Ruhm, den er sichtlich genießt.

SCHLÜSSELWORTE FÜR SCHLÜSSELFIGUREN

Über Nacht wurde der noch recht junge Anwalt, Präsident der Schweizer Liga für Menschenrechte, Sohn eines protestantischen Theologen aus der Genfer Oberschicht, zur Schlüsselfigur zwischen Bonner Krisenstab und den Schleyer-Entführern.

Wenn Payot frühmorgens in seiner geheimnisvollen Mission von irgendwoher - vermutlich Frankreich - nach Genf zurückkehrt, haben seine Mitarbeiter die internationale Presse schon durchforstet. Nach Ländern gegliedert, liegen die Artikel mit seinem Namen auf dem stumpfen Parkettboden: Payot und nochmals Payot. Sein Name ist nicht zu übersehen. Mit grünem Filzstift unterstrichen, hebt er sich bedeutungsvoll vom sonstigen Krisengerangel ab.

EITEL, KOKETT, WELTBERÜHMT

Als sei ihm das Zeitungsgequatsche egal, schlendert der Jungadvokat an der stattlichen Kollektion vorbei und macht vor einem englischen Spiegel halt. Nach dem Motto, "Spieglein, Spieglein an der Wand, was gibt es Neues im Land", riskiert einen Blick auf den übernächtigten jungen Rechtsanwalt, der auf so dramatische Art plötzlich weltberühmt wurde.

LÄCHERLICHKEITEN IM KRISENSTAB

Dabei fühlt sich Denis Payot nicht bloß als einfacher "Kontaktmann zwischen der deutschen Regierung und den Entführern." Ein "Vermittler in eigener Regie und Verantwortung" will er sein. Den Terroristen will er verdeutlicht haben, dass er die "Entführung missbilligt". Was Payot von der Rechtsordnung der Bundesrepublik hält, präzisiert er: "Dort würde ich zum Sympathisanten gezählt und von der Verteidigung der Terroristen ausgeschlossen, obwohl das eine völlig falsche Einstufung wäre." Mit der Bundesrepublik hat er sowieso nicht viel im Sinn: "Da herrscht ein schreckliches Klima", und über den Bonner Krisenstab im Kanzleramt könne er zu gegebener Zeit "einige Lächerlichkeiten publik machen, die die Blamage perfekt machten."

EINEN NAMEN MACHEN

Publizität ist das Schlüsselwort für die Schlüsselfigur Payot. Auch Bonn hat seinen Selbstdarstellungsdrang erkannt. Regierungssprecher Grünewald will ihn noch ein bisschen bei Ruhe halten, "so sehr er auch bestrebt ist, die Aufmerksamkeit auf sich zu richten". Das wird den Bonnern kaum gelingen. Denn Denis Payot - erst seit 18 Monaten Anwalt - will sich jetzt in Sachen Humanität einen internationalen Namen machen. Da nützt es wenig, wenn das Bundeskriminalamt ihn bittet, die Mit-teilungen geheim zu halten. Payot lässt alle Details an Schweizer Redaktionen durch-telefonieren. Ein Schweizer lasse sich nun mal nicht das Maul verbieten.

POSE EINES UNO-DIPLOMATEN

Als er an diesem Nachmittag seine Kanzlei am Boulevard Georges Favon betritt, hängt sich eine Traube von Journalisten an den kraushaarigen Juristen. In der Pose eines UNO-Diplomaten wimmelt er alle Fragen ab. Auf "Monsieur Payot" reagiert er erst gar nicht. Auf "Maître Payot" (Maître ist in französischsprachigen Ländern die respektvolle Anrede für Anwälte) ließ er einen Korrespondenten wissen, er werde um 19 Uhr eine "wichtige Erklärung" abgeben. Die Journalisten rasen zum Presse-zentrum der UNO zurück, telefonieren mit ihren Redaktionen. Denn zur selben Stunde tagt am Rhein der Große Krisenstab und ein neues Ultimatum läuft um 24 Uhr ab. Kurz vor 19 Uhr scharen sich 50 Korrespondenten vorm Fernschreiber. Erwartungsvoll wird die Meldung vom Ticker gerissen. "Maître Payot teilt mit, 'er werde weiter zur Verfügung stehen und dankt den Journalisten für ihre Arbeit' ".

MEISTER PAYOT DRÄNGT'S

Am nächsten Tag drängt es den Meister wiederum, in der Presse zu stehen. Gleich zwei Erklärungen sind geplant. Um 15 Uhr verurteilt er auf einer Pressekonferenz die Folter in Israel. "Maître Payot" habe sich zwar nicht vor Ort informieren können, sei aber von der Richtigkeit der Dokumente überzeugt. Um 17. 15 Uhr teilt er der Öffentlichkeit nichts Neues im Fall Schleyer mit. Die Meldung des nächsten Tages: "Vorwürfe Payots gegen Israel." - Payot bestätigt, Botschaften erhalten zu haben."

EIN LEBEN FÜR DIE ÖFFENTLICHKEIT

Eine Zeitung, die auf seinem Schreibtisch liegt, ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Das Schweizer Boulevard-Blatt "Tat" berichtete in großen Lettern: "Schmidt schnauzt Anwalt Payot an." Daneben zwei Fotos, die den Kanzler und den Jungjuristen mit einem Telefonhörer zeigen. Helmut Schmidt schaut ernst drein, Payot lächelt staatsmännisch. Danach gefragt, ob er mit dem Kanzler telefoniert und ob der ihm präzise sein Mandat erklärt habe, will Denis Payot nichts sagen. Sein Schweigen ist verständlich. Sonst könnte gar in der Schweiz der Eindruck entstehen, er sei für den Regierungschef der sozial-liberalen Koalition noch eine Nummer zu klein. So bleibt ihm die Schlagzeile.

FURCHT VOR FALSCHEN EINDRÜCKEN

Vor falschen Eindrücken hat sich der Manager für Menschenrechte schon immer gefürchtet. Vor allem dann, wenn ihm Kontakte zum Terroristenanwalt Klaus Croissant nachgesagt werden. Er kenne ihn persönlich gar nicht, bemerkte Payot lapidar. Dass Payot jedoch im Juli 1976 in Amsterdam eine von Croissant initiierte Erklärung zur "Abschaffung der Folter" in bundesdeutschen Gefängnissen unter-schrieben hat, verschweigt er geflissentlich. Dass Pfarrer Ensslin im April 1977 mit ihm zusammentraf, um die Anerkennung seiner Tochter als politische Gefangene zu erreichen, daran erinnert er sich heute nur noch dunkel. Dass Croissant in diesen Jahr bereits drei Mal bei ihm in Genf gewesen sein soll, ist ihm völlig neu.

Seine Deutschkenntnisse enden beim Begriff "Berufsverbot", den er allersdings so einwandfrei ausspricht, als stehe er wöchentlich vor einem deutschen Verwaltungs-gericht. Ihm, dem Denis Payot, gehe es bei der Schleyer-Entführung nur um den Menschen. "Mein Ziel ist es. das Leben von Hanns-Martin Schleyer unter allen Umständen zu retten. Auch wenn die Bundesrepublik in Bonn hart bleiben sollte."

Uns interessiert nicht, was Bonner Politiker für Staatsräson halten und ob sich in der Bundesrepublik die Krise zuspitzt", sagt Payots engster Berater, der Rechtsanwalt Philippe Preti. "Wenn die Deutschen das Problem mit Gewalt lösen wollen, werden wir wichtig Informationen durchsickern lassen. Die deutschen Behörden wüssten dann nicht mehr, was sie tun sollten."

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Nachtrag - Sechzehn Tage später - am 18. Oktober 1977 - wurde Hanns-Martin Schleyer durch drei Kopfschüsse ermordet und am darauffolgenden Tag im französischen Mulhouse im Kofferraum eines Audi 100 tot aufgefunden. Die Identität des Mörders wird von den Akteuren der Entführung bis dato unter Verschluss gehalten. Lediglich im "Spiegel" offenbarte Ex-RAF-Mitglied Peter-Jürgen Broock im September 2007, dass Rolf Heißler und Stefan Wisniewski die Täter seien.