Sonntag, 31. Januar 2021
"RAUS MIT DEN DEUTSCHEN AUS UNSEREM LAND"
Gewidmet meiner Mutter Anna Marie Tallay geb. Pfeifervon Helga Möller-Tallay und Reimar Oltmanns
Freitag, 29. Januar 2021
Genossen-Schlacht scharfer Klingen: Noch hat Peter von Oertzen den Mut noch nicht verloren

Als der Politikwissenschafter Peter von Oertzen (*1924+2008) im Jahre 1970 zum Niedersächsischen Kultusminister gewählt wurde, fand er eine widerspenstige Bürokratie vor, in der CDU-Spitzenbeamte mit einschlä- giger Nazi-Vergangenheit als SS- und SA-Offiziere überwinterten. In zähen Kämpfen musste von Oertzen Schlüsselposition neu besetzen, wollte er mit seiner auf Chancen- gleichheit bedachten Schulpolitik,auch der Gründung zwei neuer Universitäten, nicht scheitern. Aufräumarbeiten statt Aufbruch. Diadochenkämpfe setzten dem demokratischen Sozialisten nahezu über ein halbes Jahrhundert zu. Sie vergifteten Umgangsformen, innerparteiliche Atmosphären, beschleunigten Denkverbote, endeten allzu oft im Freund-Feind-Raster. Aus dem Politikgestalter von Oertzen wurde in jener Reformära der siebziger Jahre nicht selten ein gehetzter Zeitgenosse.
Einst waren es in Hannover gewerkschaftsorientierte "Kanalarbeiter" um
Egon Franke (*1913+1995), die dem linken Gesellschaftstheoretiker und
Visionär Peter von Oertzen unversöhnlich gegenüberstanden;
Bildungsbürger versus Facharbeiter, Funktionär gegen Hochschullehrer,
Anpassung gegen Neubeginn . Bedrückende Jahre, die ihre Fortsetzung im
"Seeheimer Kreis" fanden. Ihre Maßgabe: "Ohne uns läuft nichts."
Partei-Vordenker von Oertzen verließ nach den Beschlüssen der "Agenda
2010" im Jahre 2004 resigniert die Sozialdemokratie. - Ämterge-
schachere mit Verschleißprozessen, das ent- sprach nicht seinem
Lebensprofil. Vier Jahre später starb Peter von Oertzen im Alter von 83
Jahren. Mit der SPD versöhnte er sich nicht mehr.
Frankfurter Rundschau
vom 15. Februar 1972
von Reimar Oltmanns
Als Peter von Oertzen im April 1970 Bundesminister Egon Franke auf dem Parteitag des 60.000 Mitglieder starken SPD-Bezirks Hannover entthronte und mit überwältigender Mehrheit zum neuen Bezirksvorsitzenden gewählt wurde, war dies mehr als eine normale Wachablösung. Die Wahl des Universitätsprofessors Peter von Oertzen, der sich durch kritische Gesellschaftsanalysen profiliert hatte, galt nicht nur als Stärkung des linken Flügels in der SPD. Die Niederlage Egon Frankes , Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen (1969-1982), signalisierte einen Strukturwandel in der hannoverschen Sozialdemokratie; einer Partei, die sich bisher den Vorwurf gefallen lassen musste, in ihr würde nur der Apparat diktieren - regieren. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb damals: "Franke galt geradezu als Schulbeispiel für eine auf unerschütterliche Hausmacht gegründete Karriere."
"KANALARBEITER-RIEGE"
Die fast zwanzigjährige "Franke-Ära", durch seine straff organisierte Kanalarbeiter-Riege ermöglicht, schien sich dem Ende zu nähern. In den Vordergrund trat ein Poli- tiker, der über Gesellschaftsreformen nicht nur in Sonn- tagsreden sprechen wollte. Peter von Oertzen erklärte kurz nach seiner Wahl: "Ich möchte nachweisen, dass das Festhalten an einem sozialistischen Programm nur dann einen Wert hat, wenn es sich in die kleine Münze des täglichen Erfolges umsetzen lässt."
Was in den Kreisen der Jungsozialisten als das Ende der "Franke-Ära" bezeichnet wurde, formulierte "Genosse Peter" im Hinblick auf die vor ihm liegende Arbeit etwas vorsichtiger: "Was ich verändern will, ist der Stil ..., in dem in dieser Partei gearbeitet wird." Da die Veränderung des Stils einer Partei nicht ohne ent- sprechende Reformen des Apparates zu bewerstelligen ist, tauchte unter den Delegierten immer wieder die Frage auf, wie von Oertzen "den in seiner Struktur verkrusteten und allmächtig regierenden Apparat", nach seinem Sitz "Odeonstraße" genannt, umzugestalten gedachte. Auf diese Frage wird er in aller Kürze eine Antwort geben müssen. Eine bescheidene Anzeige im "Vorwärts" deutet darauf hin. Die mäch- tigste Position im Parteiapparat ist neu zu besetzen. Die Diskussion um den Nachfolger des aus Altergründen ausscheidenen Bezirksgeschäftsführer Hans Striefler (*1907+1998) , gleichzeitig niedersächsischer Landtags- abgeordneter, stellte von Oertzen vor ein ernsthaftes Problem. Der Abgang Strieflers gibt ihm die Chance, diese Position mit einem Mann seines Vertrauens zu besetzen.
"LIEBE GOTT" ZU HANNOVER - EIN PARTEIFUNKTIONÄR
Wie wichtig die Funktion des Bezirksgeschäftsführers ist, lässt sich daran ablesen, dass Striefler auch die Arbeit des SPD-Landesausschusses koordiniert, dem bekanntlich die vier niedersächsischen Bezirke ange- hören. Eine einzigartige Machtposition: Denn die Kombination dieser Ämter, ergänzt durch ein enges Vertrauensverhältnis zu Egon Franke, dessen Statt- halter er in Hannover war, gaben Hans Striefler mehr Einfluss als jedem anderen niedersächsischen SPD-Politiker. Zwei Jahrzehnte bestimmte sein Wort wesentlich das Fortkommen oder Scheitern einer politischen Karriere. An Striefler, von Parteifreunden respektvoll der "liebe Gott" genannt, lief keine der wesentlichen Entscheidungen, etwa die Frage, wer Minister oder Staatssekretär werden soll, vorbei. Auch die Bundes-SPD berief ihn in einflussreiche Positionen. Zuletzt bastelte er mit dem Partei-Rechtsaußen Her- mann Schmitt-Vockenhausen (*1923+1979) an Vor- schlägen für die Novellierung des Parteiengesetzes.
VOM GEHEIMEN STAATSSEKRETÄR ZUM BEZIRKSFÜRSTEN
Trotz dieser Machtfülle gelang es Striefler nicht, die Abwahl "seines" Bezirksvorsitzenden Egon Franke durch Peter von Oertzen zu verhindern. Für die Franke-Gegner war schon damals klar, wen sie spätestens im Jahr 1972 auf Strieflers-Platz katapultieren wollten: Den in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung getretenen Klaus Wettig (Ehemann der SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeyer 1991-2007). Die "Kanalarbeiter" verzeihten es diesem diskreten Drahtzieher ihrer Demontage nicht , den politischen Niedergang Egon Frankes organisiert zu haben. - Unversöhnliche Diadochenkämpfe in Hinter- zimmern der Macht.
Die seit 1970 bekannte Wettig-Kandidatur ließ jedoch den Oertzen-Gegnern genügend Zeit, eine Front aufzu- bauen, Irritationen zu verbreiten, Zweifel zu schüren. Ihr einziges Ziel war es offenbar , die Konsolidierung Peter von Oertzens als Vorsitzender des mächtigen Bezirkes Hannover zu hintertreiben; den Parteiprogrammatiker auf dem nächsten Parteitag im Herbst abzuwählen. Folglich galt die Wahl des einflussreichen Geschäftsführers als erster Test für die Demontage des einstigen Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Verständlich, dass von Oertzen standhaft an seinem Zögling Wettig festhielt. Denn mit ihm sollte erstmals ein Funktionär modernen Zuschnitts in den altein- gesessenen Apparat einziehen, "der die sozialistischen Theorien mit der praktischen Arbeit zu verbinden weiß".
Frankfurter Rundschau
vom 15. Februar 1972
von Reimar Oltmanns
Als Peter von Oertzen im April 1970 Bundesminister Egon Franke auf dem Parteitag des 60.000 Mitglieder starken SPD-Bezirks Hannover entthronte und mit überwältigender Mehrheit zum neuen Bezirksvorsitzenden gewählt wurde, war dies mehr als eine normale Wachablösung. Die Wahl des Universitätsprofessors Peter von Oertzen, der sich durch kritische Gesellschaftsanalysen profiliert hatte, galt nicht nur als Stärkung des linken Flügels in der SPD. Die Niederlage Egon Frankes , Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen (1969-1982), signalisierte einen Strukturwandel in der hannoverschen Sozialdemokratie; einer Partei, die sich bisher den Vorwurf gefallen lassen musste, in ihr würde nur der Apparat diktieren - regieren. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb damals: "Franke galt geradezu als Schulbeispiel für eine auf unerschütterliche Hausmacht gegründete Karriere."
"KANALARBEITER-RIEGE"
Die fast zwanzigjährige "Franke-Ära", durch seine straff organisierte Kanalarbeiter-Riege ermöglicht, schien sich dem Ende zu nähern. In den Vordergrund trat ein Poli- tiker, der über Gesellschaftsreformen nicht nur in Sonn- tagsreden sprechen wollte. Peter von Oertzen erklärte kurz nach seiner Wahl: "Ich möchte nachweisen, dass das Festhalten an einem sozialistischen Programm nur dann einen Wert hat, wenn es sich in die kleine Münze des täglichen Erfolges umsetzen lässt."
Was in den Kreisen der Jungsozialisten als das Ende der "Franke-Ära" bezeichnet wurde, formulierte "Genosse Peter" im Hinblick auf die vor ihm liegende Arbeit etwas vorsichtiger: "Was ich verändern will, ist der Stil ..., in dem in dieser Partei gearbeitet wird." Da die Veränderung des Stils einer Partei nicht ohne ent- sprechende Reformen des Apparates zu bewerstelligen ist, tauchte unter den Delegierten immer wieder die Frage auf, wie von Oertzen "den in seiner Struktur verkrusteten und allmächtig regierenden Apparat", nach seinem Sitz "Odeonstraße" genannt, umzugestalten gedachte. Auf diese Frage wird er in aller Kürze eine Antwort geben müssen. Eine bescheidene Anzeige im "Vorwärts" deutet darauf hin. Die mäch- tigste Position im Parteiapparat ist neu zu besetzen. Die Diskussion um den Nachfolger des aus Altergründen ausscheidenen Bezirksgeschäftsführer Hans Striefler (*1907+1998) , gleichzeitig niedersächsischer Landtags- abgeordneter, stellte von Oertzen vor ein ernsthaftes Problem. Der Abgang Strieflers gibt ihm die Chance, diese Position mit einem Mann seines Vertrauens zu besetzen.
"LIEBE GOTT" ZU HANNOVER - EIN PARTEIFUNKTIONÄR
Wie wichtig die Funktion des Bezirksgeschäftsführers ist, lässt sich daran ablesen, dass Striefler auch die Arbeit des SPD-Landesausschusses koordiniert, dem bekanntlich die vier niedersächsischen Bezirke ange- hören. Eine einzigartige Machtposition: Denn die Kombination dieser Ämter, ergänzt durch ein enges Vertrauensverhältnis zu Egon Franke, dessen Statt- halter er in Hannover war, gaben Hans Striefler mehr Einfluss als jedem anderen niedersächsischen SPD-Politiker. Zwei Jahrzehnte bestimmte sein Wort wesentlich das Fortkommen oder Scheitern einer politischen Karriere. An Striefler, von Parteifreunden respektvoll der "liebe Gott" genannt, lief keine der wesentlichen Entscheidungen, etwa die Frage, wer Minister oder Staatssekretär werden soll, vorbei. Auch die Bundes-SPD berief ihn in einflussreiche Positionen. Zuletzt bastelte er mit dem Partei-Rechtsaußen Her- mann Schmitt-Vockenhausen (*1923+1979) an Vor- schlägen für die Novellierung des Parteiengesetzes.
VOM GEHEIMEN STAATSSEKRETÄR ZUM BEZIRKSFÜRSTEN
Trotz dieser Machtfülle gelang es Striefler nicht, die Abwahl "seines" Bezirksvorsitzenden Egon Franke durch Peter von Oertzen zu verhindern. Für die Franke-Gegner war schon damals klar, wen sie spätestens im Jahr 1972 auf Strieflers-Platz katapultieren wollten: Den in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung getretenen Klaus Wettig (Ehemann der SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeyer 1991-2007). Die "Kanalarbeiter" verzeihten es diesem diskreten Drahtzieher ihrer Demontage nicht , den politischen Niedergang Egon Frankes organisiert zu haben. - Unversöhnliche Diadochenkämpfe in Hinter- zimmern der Macht.
Die seit 1970 bekannte Wettig-Kandidatur ließ jedoch den Oertzen-Gegnern genügend Zeit, eine Front aufzu- bauen, Irritationen zu verbreiten, Zweifel zu schüren. Ihr einziges Ziel war es offenbar , die Konsolidierung Peter von Oertzens als Vorsitzender des mächtigen Bezirkes Hannover zu hintertreiben; den Parteiprogrammatiker auf dem nächsten Parteitag im Herbst abzuwählen. Folglich galt die Wahl des einflussreichen Geschäftsführers als erster Test für die Demontage des einstigen Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Verständlich, dass von Oertzen standhaft an seinem Zögling Wettig festhielt. Denn mit ihm sollte erstmals ein Funktionär modernen Zuschnitts in den altein- gesessenen Apparat einziehen, "der die sozialistischen Theorien mit der praktischen Arbeit zu verbinden weiß".
GRAUE EMINENZ
Der gelernte Schriftsetzer stieg während seines Studiums über die
Jungsozialisten in die Hierarchie der niedersächsischen SPD auf.
Als Peter von Oertzen Kultusminister wurde, holte er sich Klaus
Wettig ins Haus. In der Funktion eines "politischen Beraters" wuchs Wettig
in seiner zurückgenommenen Art sehr schnell in die Rolle eines
"geheimen Staatssekretärs" hinein. Keiner wusste im Ministerium Am
Schiffgraben zu Hannover, wo Wettig tagsüber überall war - alle flüstern
über ihn, fürchteten sich, den gestrengen Wettig-Blicken nicht standhalten
zu können. Mit derlei Legenden ausgestattet schien es nahezu
ausgeschlossen, dass die Kanalarbeiter ohne Murren dem Personalpaket
Oertzens zustimmten - Wettig war eine "graue Eminenz", führte viele
undurchsichtige Gespräche leise in Cafés, wusste einfach zu viel, war
ihnen unnahbar, daher zu gefährlich.
MACHT-GERANGEL BEIM SCHÜTZENFEST
Die SPD Hannover in diesem Jahr ist ein sympto- matisches , untrügerisches Beispiel dafür, wie kurzatmig politischer Einfluss sein kann, wie schnell Seiten ge- wechselt - neue unübersichtliche Machtpositionen ausgehoben werden. Inhalte, Sachprogramme spielen in seltensten Fällen eine zentrale Rolle;Parteileben als Selbstzweck. Um den viel zitierten "Marsch durch die Insitutionen mit dem Vorpreschen der Linken" jäh zu stoppen, meldete sich jedenfalls in Hannover ein neuer Bewerber, mit dem niemand gerechnet hatte. Ernst-Georg Hüper (*1923+1993) , MdL und Bezirksvor- standsmitglied, in Parteikreisen kurz als "Egon" ge- nannt. SPD-Fraktionsvorsitzender Helmut Kasimier konnte sich angesichts dieser verwirrenden Konstel- lation die Bemerkung nicht verkneifen: "Er hat sich wohl selbst zum Kandidaten ernannt." Hüper, ein Mann mit altem Partei-Stallgeruch, hatte die Fronten gewechselt, war plötzlich zum Oertzen-Gegner mutiert.
MANDATS-ZUSAGEN
Einfach deshalb, weil es die Jusos immer wieder kritisierten, wie "Egon" öffentliche Ämter sammelte wie andere Briefmarken. Ämterpatronage. Parteiverdruss, Vertrauensverlust. In früheren Jahren trat Hüper jeden- falls als Gegner der Kanalarbeitergewerkschaft auf. Nunmehr nach weiteren Mandatszusagen inklusive obligatorischer Diäten verbündete er sich mit dem alten SPD-Haudegen Egon Franke. Schauplatz der Geheimab- sprache: ein Bierzelt auf dem hannoverschen Schützen- fest. Volksfestcharakter als Sozialisationsbesteck. SPD-Karrieren der siebziger Jahre.
"BELASTENDES MATERIAL"
Seit jenem Zeitpunkt sammelt Egon Hüper "be- lastendes Material" gegen die SPD-Linken. Vornehm- liche Aufgabe sieht er darin, Partei-Ausschlussanträge gegen un-liebsame Jusos im Bezirksvorstand zu stellen. - Eben junge, aufmüpfige Leute, die uns bald noch als Lehrer auf die Pelle rücken, "verrückt machen werden", mutmaßte Hüper. Verständlich, dass der vielerorts grassierende Lehrermangel in Niedersachsen eine "Luftblase " sei. GEW-Lehrer veröffentlichten in ihrer Zeitung unter der Über-schrift Hyper-Worte einen Hüper-Bei- trag, den er im Haushaltsausschuss des Landtages kundtat: " Der ganze Lehrermangel ist nur künstlich aufgebauscht." Auf die SPD-Öffentlichkeitsarbeit ein- gehend, äußerte Hüper: "Erst müssen unsere Diäten-erhöhungen stimmig sein. Und jede Mark, die wir jetzt für dann für Propaganda ausgeben, ist wichtiger als neue Lehrerstellen. Die sind sowieso gegen uns."
Angesichts der sich abzeichnenden Polarisierung innerhalb der SPD schreckten einflussreiche Sozial- demokraten davor zurück, sich für den favorisierten Klaus Wettig zu entscheiden. Auf der Suche nach einem Mann des Ausgleichs tauchte ein neuer Name in der Diskussion auf: Braunschweigs Landtagsabgeordneter Jochen Stief. Seine Chancen, zum Bezirks- und Landes- geschäftsführer zu avancieren, sind in den letzten Wochen nur gestiegen, sondern inzwischen steht es für Ernst-Georg Hüper fest. "Stief wird unser neuer Mann sein." Zwar wird der Bezirksvorstand erst am 26. Februar 1972 über die Nachfolge von Hans Striefler entscheiden, doch die in Hannover in den letzten Wochen sehr ausgeprägten Mauscheleien haben bereits jetzt unverkennbar Signale gesetzt. Ganz nach dem Mehrheitsprinzip: Je graumäusiger, desto besser.
ÜBER DIE KLINGE SPRINGEN LASSEN
Peter von Oertzen hatte sich unterdessen im Restaurant Leine-Schlösschen mit seinem Widersacher "Egon" Hüper zu einem Vier-Augen-Gespräch getroffen, um wenigstens parteiinternen Diadochenkämpfe einzu- dämmen, das Postengeschiebe abzustecken. Fazit des Ämterschachers der SPD-Männer: Weder Hüper noch Wettig werden sich zur Wahl stellen. Damit haben von Oertzen und Gefolgsmann Wettig früher als erwartet den Rückzug angetreten. Hieß es zunächst, man lasse es auf eine Kraftprobe ankommen, so wollen Oertzen-Anhänger ihre erlittene Niederlage im Hinblick auf den kommenden Parteitag nicht noch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen lassen. Mit dem parlamen- tarischen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Helmut Rohde (1969-1974), lauert nämlich schon ein weiterer Kandidat auf den Oertzen-Posten. Für den rhetorisch versierten Redakteur scheint es ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, "ob wir ihn schon jetzt oder erst etwas später für die Klinge springen lassen wollen".
FRÜHES STERBEN DER GENOSSEN
Immerhin: Nachdem es den "Kanalarbeitern" nunmehr gelungen ist, den Vormarsch der von-Oertzen-Anhänger zu stoppen, mehren sich jedoch die Anzeichen, den SPD-Programm-Vordenker auf dem kommenden Parteitag noch einmal zu schonen. Galgenfrist. Nach ersten Anzeichen von Resignation scheint Peter von Oertzen zum Kampf entschlossen zu sein. Als der Politikwissenschaftler zum mächtigen Bezirksvorsitzenden in Hannover gewählt worden war, sagte er im Hinblick auf Ämtergeschachere, Ämterpatronage, Ämterhäufungen: "Was ich ändern will, ist der Stil, die Art des menschlichen, des oft hartherzigen Umgangs, mit dem in dieser Partei ohne Persektive gearbeitet wird". Er fügte hinzu: "Mir wird es nicht so ergehen wie Walter Möller, dass das Land mich aus dem Sattel kippt." (Walter Möller, Frankfurter Oberbürgermeister, starb im Alter von 51 Jahren 1971 während eines Gesprächs mit seinem erbitterten Widersacher Rudi Arndt - Herzinfarkt). Bei den Oertzen-Anhängern setzte mittlerweile die Ansicht durch, dass ein Bezirksvorsitzender von Oertzen ohne Apparat immer noch besser sei als ein neuer "Kanalarbeiterfürst" und mit Apparat. - Der Kampf um Vormacht, Vorgaben und Vorahnungen in der hannoverschen SPD mit ihrer Kanalarbeiter-Riege und einem linken Theortiker geht in die nächste Runde. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. - Das kann noch Jahre dauern. Schöne Aussichten.
MACHT-GERANGEL BEIM SCHÜTZENFEST
Die SPD Hannover in diesem Jahr ist ein sympto- matisches , untrügerisches Beispiel dafür, wie kurzatmig politischer Einfluss sein kann, wie schnell Seiten ge- wechselt - neue unübersichtliche Machtpositionen ausgehoben werden. Inhalte, Sachprogramme spielen in seltensten Fällen eine zentrale Rolle;Parteileben als Selbstzweck. Um den viel zitierten "Marsch durch die Insitutionen mit dem Vorpreschen der Linken" jäh zu stoppen, meldete sich jedenfalls in Hannover ein neuer Bewerber, mit dem niemand gerechnet hatte. Ernst-Georg Hüper (*1923+1993) , MdL und Bezirksvor- standsmitglied, in Parteikreisen kurz als "Egon" ge- nannt. SPD-Fraktionsvorsitzender Helmut Kasimier konnte sich angesichts dieser verwirrenden Konstel- lation die Bemerkung nicht verkneifen: "Er hat sich wohl selbst zum Kandidaten ernannt." Hüper, ein Mann mit altem Partei-Stallgeruch, hatte die Fronten gewechselt, war plötzlich zum Oertzen-Gegner mutiert.
MANDATS-ZUSAGEN
Einfach deshalb, weil es die Jusos immer wieder kritisierten, wie "Egon" öffentliche Ämter sammelte wie andere Briefmarken. Ämterpatronage. Parteiverdruss, Vertrauensverlust. In früheren Jahren trat Hüper jeden- falls als Gegner der Kanalarbeitergewerkschaft auf. Nunmehr nach weiteren Mandatszusagen inklusive obligatorischer Diäten verbündete er sich mit dem alten SPD-Haudegen Egon Franke. Schauplatz der Geheimab- sprache: ein Bierzelt auf dem hannoverschen Schützen- fest. Volksfestcharakter als Sozialisationsbesteck. SPD-Karrieren der siebziger Jahre.
"BELASTENDES MATERIAL"
Seit jenem Zeitpunkt sammelt Egon Hüper "be- lastendes Material" gegen die SPD-Linken. Vornehm- liche Aufgabe sieht er darin, Partei-Ausschlussanträge gegen un-liebsame Jusos im Bezirksvorstand zu stellen. - Eben junge, aufmüpfige Leute, die uns bald noch als Lehrer auf die Pelle rücken, "verrückt machen werden", mutmaßte Hüper. Verständlich, dass der vielerorts grassierende Lehrermangel in Niedersachsen eine "Luftblase " sei. GEW-Lehrer veröffentlichten in ihrer Zeitung unter der Über-schrift Hyper-Worte einen Hüper-Bei- trag, den er im Haushaltsausschuss des Landtages kundtat: " Der ganze Lehrermangel ist nur künstlich aufgebauscht." Auf die SPD-Öffentlichkeitsarbeit ein- gehend, äußerte Hüper: "Erst müssen unsere Diäten-erhöhungen stimmig sein. Und jede Mark, die wir jetzt für dann für Propaganda ausgeben, ist wichtiger als neue Lehrerstellen. Die sind sowieso gegen uns."
Angesichts der sich abzeichnenden Polarisierung innerhalb der SPD schreckten einflussreiche Sozial- demokraten davor zurück, sich für den favorisierten Klaus Wettig zu entscheiden. Auf der Suche nach einem Mann des Ausgleichs tauchte ein neuer Name in der Diskussion auf: Braunschweigs Landtagsabgeordneter Jochen Stief. Seine Chancen, zum Bezirks- und Landes- geschäftsführer zu avancieren, sind in den letzten Wochen nur gestiegen, sondern inzwischen steht es für Ernst-Georg Hüper fest. "Stief wird unser neuer Mann sein." Zwar wird der Bezirksvorstand erst am 26. Februar 1972 über die Nachfolge von Hans Striefler entscheiden, doch die in Hannover in den letzten Wochen sehr ausgeprägten Mauscheleien haben bereits jetzt unverkennbar Signale gesetzt. Ganz nach dem Mehrheitsprinzip: Je graumäusiger, desto besser.
ÜBER DIE KLINGE SPRINGEN LASSEN
Peter von Oertzen hatte sich unterdessen im Restaurant Leine-Schlösschen mit seinem Widersacher "Egon" Hüper zu einem Vier-Augen-Gespräch getroffen, um wenigstens parteiinternen Diadochenkämpfe einzu- dämmen, das Postengeschiebe abzustecken. Fazit des Ämterschachers der SPD-Männer: Weder Hüper noch Wettig werden sich zur Wahl stellen. Damit haben von Oertzen und Gefolgsmann Wettig früher als erwartet den Rückzug angetreten. Hieß es zunächst, man lasse es auf eine Kraftprobe ankommen, so wollen Oertzen-Anhänger ihre erlittene Niederlage im Hinblick auf den kommenden Parteitag nicht noch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen lassen. Mit dem parlamen- tarischen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Helmut Rohde (1969-1974), lauert nämlich schon ein weiterer Kandidat auf den Oertzen-Posten. Für den rhetorisch versierten Redakteur scheint es ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, "ob wir ihn schon jetzt oder erst etwas später für die Klinge springen lassen wollen".
FRÜHES STERBEN DER GENOSSEN
Immerhin: Nachdem es den "Kanalarbeitern" nunmehr gelungen ist, den Vormarsch der von-Oertzen-Anhänger zu stoppen, mehren sich jedoch die Anzeichen, den SPD-Programm-Vordenker auf dem kommenden Parteitag noch einmal zu schonen. Galgenfrist. Nach ersten Anzeichen von Resignation scheint Peter von Oertzen zum Kampf entschlossen zu sein. Als der Politikwissenschaftler zum mächtigen Bezirksvorsitzenden in Hannover gewählt worden war, sagte er im Hinblick auf Ämtergeschachere, Ämterpatronage, Ämterhäufungen: "Was ich ändern will, ist der Stil, die Art des menschlichen, des oft hartherzigen Umgangs, mit dem in dieser Partei ohne Persektive gearbeitet wird". Er fügte hinzu: "Mir wird es nicht so ergehen wie Walter Möller, dass das Land mich aus dem Sattel kippt." (Walter Möller, Frankfurter Oberbürgermeister, starb im Alter von 51 Jahren 1971 während eines Gesprächs mit seinem erbitterten Widersacher Rudi Arndt - Herzinfarkt). Bei den Oertzen-Anhängern setzte mittlerweile die Ansicht durch, dass ein Bezirksvorsitzender von Oertzen ohne Apparat immer noch besser sei als ein neuer "Kanalarbeiterfürst" und mit Apparat. - Der Kampf um Vormacht, Vorgaben und Vorahnungen in der hannoverschen SPD mit ihrer Kanalarbeiter-Riege und einem linken Theortiker geht in die nächste Runde. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. - Das kann noch Jahre dauern. Schöne Aussichten.
Labels:
D-SPD-Kämpfe
Standort:
Hannover, Deutschland
Dienstag, 14. April 2020
Gemütliche Bänke zur Besinnung am Ehrenmal in Hude
von Reimar Oltmanns mit Fotos von Helga Möller-Tallay
Hude/Nordfriesland. - An diesem Oster-Sonntag kennt das großflächige Ehrenmal für die Kriegstoten zu Hude in Nordfriesland drei Gestalten, die sich von Gedenkstein zu Gedenkstein andächtig fortbewegen. Bürgermeister Ulrich Kinner,66, zelebriert seinen Oster-Spazierung frei nach Goethe, den er sogleich ins "Nordfriesische" zu übersetzen versteht: "Vom Eise befreit sind Unkraut und Gräber, Sauberkeit ist unser Gesang. Der grausige Winter zog sich in die Felder zurück. Das hat für uns einen ganz anderen Klang."
Mit seinem Kollegen, dem Ortsvorsteher aus Süderhöft, Tewes Vogelsang,45, und ihrem Gemeinde-Arbeiter, dem gelernten Landschaftsgärtner Axel von Fehrn erneuerten sie die dicht bewachsene Treppe, ausgetretene Sandwege, schrubbten Namenssteine, pflanzten Stiefmütterchen, schmirgelten und strichen alte Bänke zu neuem Glanz, ließen Äste aus Jahrzehnte alten Bäumen sägen. Arbeitseinsatz mit Bürgermeistern in ihrer Freizeit. Ehrenamtlich. Ganz nach dem Motto: Acht Stunden sind kein Tag. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein."
An diesem Morgen wird die Zeit irgendwie zeitlos, auch der Augenblick, an dem das Zeitende meist unverhofft in die Gegenwart springt. Stille, Ruhe - welch ein Luxus, kein Geschrei, keine schnelllebigen Bewegungen, keine hastig verschluckten Halbsätze. Vielleicht ist es ein Quäntchen Selbstvergessenheit an den Innschriften der einst ohne Sinn und Verstand für Deutschland gefallenen Väter und Söhne aus diesen kleinen Dörfern. - Wehmut.
Die verspürt Axel von Fehrn jedenfalls, wenn er vor dem Gedenkstein seines in den letzten Kriegstagen in Ostpreußen von der Roten Armee erschossenen Onkels Ernst Hansen steht. - Schweigen.In einem leicht verlaufenden Bogen stehen 347 Gedenksteine mit den Namen der Soldaten aus zwei Weltkriegen. Sie ließen ihr Leben in Russland, Rumänien, Frankreich, Italien, Flandern, Ostpreußen, Norwegen. "Vergiss, mein Volk, die teuren Toten nicht und schmücke auch unsere Urne mit dem Eichenkranz", dichtete einst der unverbesserliche Lützower Theodor Körner (*1791+1813).
Für Süderhöfts Bürgermeister Tewes Vogelsang gehören Soldaten-Gedenkstätten zur deutschen Identität. Nachdenklich hinterfragt er sich allerdings, wo in absurden Kriegen die Ehre beginnt und die Ehre aufhört? Vogelsang: "Gedenkstätten sollten ein Ort der Besinnung, der Trauer und der Reflektion,auch der Erholung sein." Ulrich Kinner ergänzt: "Wir erleben die längste Friedenszeit in der neudeutschen Geschichte. Ehrengräber mahnen uns, das nicht zu vergessen!"
Mit seinem Kollegen, dem Ortsvorsteher aus Süderhöft, Tewes Vogelsang,45, und ihrem Gemeinde-Arbeiter, dem gelernten Landschaftsgärtner Axel von Fehrn erneuerten sie die dicht bewachsene Treppe, ausgetretene Sandwege, schrubbten Namenssteine, pflanzten Stiefmütterchen, schmirgelten und strichen alte Bänke zu neuem Glanz, ließen Äste aus Jahrzehnte alten Bäumen sägen. Arbeitseinsatz mit Bürgermeistern in ihrer Freizeit. Ehrenamtlich. Ganz nach dem Motto: Acht Stunden sind kein Tag. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein."
Die verspürt Axel von Fehrn jedenfalls, wenn er vor dem Gedenkstein seines in den letzten Kriegstagen in Ostpreußen von der Roten Armee erschossenen Onkels Ernst Hansen steht. - Schweigen.In einem leicht verlaufenden Bogen stehen 347 Gedenksteine mit den Namen der Soldaten aus zwei Weltkriegen. Sie ließen ihr Leben in Russland, Rumänien, Frankreich, Italien, Flandern, Ostpreußen, Norwegen. "Vergiss, mein Volk, die teuren Toten nicht und schmücke auch unsere Urne mit dem Eichenkranz", dichtete einst der unverbesserliche Lützower Theodor Körner (*1791+1813).
Für Süderhöfts Bürgermeister Tewes Vogelsang gehören Soldaten-Gedenkstätten zur deutschen Identität. Nachdenklich hinterfragt er sich allerdings, wo in absurden Kriegen die Ehre beginnt und die Ehre aufhört? Vogelsang: "Gedenkstätten sollten ein Ort der Besinnung, der Trauer und der Reflektion,auch der Erholung sein." Ulrich Kinner ergänzt: "Wir erleben die längste Friedenszeit in der neudeutschen Geschichte. Ehrengräber mahnen uns, das nicht zu vergessen!"
Sonntag, 23. Februar 2020
Donnerstag, 12. Dezember 2019
eine Odyssee auf den wilden Wohnungsmärkten
Sonntag, 7. Juli 2019
Mittwoch, 27. Juni 2018
Helga MöllerTallay/Reimar Oltmanns: Der Kater lässt das Mausen nicht. Wenn der Humor verhungert.
Schamlos geschrieben berührt dieser Roman Grenzen der Intimsphären und obszönen Einlassungen vieler Frauen. Er erzählt von einer biografischen Zeitenwende. Frauen-Gewalt, Verfügungsgewalt, feminine sexuelle Obsessionen. Max der Hauptakteur war stets unterwegs in fremden Betten. Er war ein Getriebener, gierig und sexbesessen. Unüberlegt ließ er sich auf zerstörerische Liebschaften ein. Er konnte es nicht lassen. In späteren Jahren sagte er sich: Es ist schon besser, wenn ich mich selbst erinnere als von anderen erinnert zu werden.
Der Kater lässt das Mausen nicht. Wenn der Humor verhungert. 362 Seiten, epubli Verlag Berlin 2018, ISBN: 978-3-746736-14-3Dienstag, 16. Februar 2016
Lutz Hachmeister: Der Hannover-Komplex. Der Aufstieg zum Machtzentrum der Bundesrepublik - ARD 2. Mai 2016
Umwege,schreibt die MEDIEN-KORRESPONDENZ, sind Denkwege. Etwas bigott kommt Reimar Oltmanns daher, der frühere Korrespondent der Zeitschrift STERN. Wo Oltmanns politisch analysiert, etwa Niedersachsen und Hannover als Kerngebiet der Deutsch-Nationalen beschreibt, ist er verlässlich; wo er sich jedoch über Schröders und Wulffs Ehe- und Liebesleben auslässt, wird es etwas klebrig-boulevardesk.
Vierzehn Abenteuer mit Pupsi Maus & Igel Ferdinand - aufgezeichnet und illustriert von Helga Möller-Tallay
In ihrer geheimen Welt erleben sie Abenteuer, spannende Erlebnisse, auch wilde Mutproben in der Luft und auf dem Wasser. Ihre Streifzüge gehen über Wiesen und durch Wälder. Aber auch auf dem Jahrmarkt an der Würstchenbude müssen sie Gefahren bestehen.Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Eine Freundschaft fürs Leben beginnt zwischen Igel Ferdinand + Pupsi Maus. - Sehr zu empfehlen diese Gutenacht-Lektüre.
epubli Verlag, Berlin, 94 Seiten, 62 Bilder
ISBN: 978-3-7375-9010-5
Freitag, 9. Mai 2014
Reimar Oltmanns "Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen". Bild-Band 1 (1969-1979) und Bild-Band 2 (1980-2010)

Der erste Band mit Bilddokumenten von 427 Seiten hilft Gedächtnislücken zu schließen. Nur ein präzises Erinnern lässt gesellschaftliche Stagnation, gedanklichen Stillstand - aber auch restaurative Abläufe in ihrer Kontinuität erkennen. Spuren in Manuskripten wie sorglos verschüttete Texte gilt es zu sichern, nicht nahezu alles einer teilnahmslosen Beliebigkeit zu überlassen. In diesem Buch erzählt Reimar Oltmanns von Menschen , Schicksalen, Ereignissen - von verloren gegangenen Illusionen. Diese edierte Reportage-Sammlung entführt Leser wie Leserinnen auf eine Weltreise - spannend, analytisch, einfühlsam. Es sind Beschreibungen aus einer längst verflossenen Epoche, aber in ihrer Aussagekraft immer noch aktuell.
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Reimar Oltmanns: Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen - Reportagen, Berichte, Porträts, Erzählungen zur Zeitgeschichte. Band 1 (1969-1979). Books-on-Demand, Norderstedt 2010, ISBN 9783842332942
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e-paper:
http://itunes.apple.com/de/book/kein-schoner-land-in-dieser/id445836980?mt=11
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Im zweiten Band mit zahlreichen Fotografien von 352 Seiten belichten Milieubeschreibungen aus vielen Ländern die Wirklichkeit. Sie zeigen Denkweisen, Gefühle und Handlungsstrategien einer vergangenen Ära. Ein Rückblick, der verdeutlicht, dass die Befindlichkeiten der Menschen, ihre Hoffnungen, Perspektiven und Verzagtheiten, ihre Rechtfertigungs- und Verdrängungsmechanismen intensiver waren als im darauffolgenden Jahrzehnt. - Reportagen biegen Realitäten nicht zurecht, lassen sich nicht in erwartete ideologische Grundraster zwängen, sprengen deren Rahmen. Die Reportage ist und bleibt die Königin der journalistischen Kunst.
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Reimar Oltmanns: Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen - Reportagen, Berichte, Porträts, Erzählungen zur Zeitgeschichte. Band 2 (1980-2010). Books-on-Demand, Norderstedt 2010, ISBN 9783842333130
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e-paper:
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"Die Zeit heilt Schmerzen und Streitigkeiten,
weil der Mensch sich ändert.
Weder der Beleidiger noch der Beleidigte
bleiben, was sie einmal waren."Blaise Pascal, katholischer Philosoph (*1623+1662)
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Milieubeschreibungen, Erzählungen und Berichte des Autors Reimar Oltmanns über die Mächtigen, Verbannten wie Ausgesperrten in vielen Ländern in ihren Epochen belichten die Wirklichkeit dieser Jahrzehnte. Sie zeigen eindrucksvoll verschiedene Denkweisen, Gefühle, Ohnmachtsmomente und einen unbändigen Freiheitswillen der beschriebenen Einzelschicksale überall auf der Welt.
Der Autor war als Reporter für verschiedenen deutsche Magazine an vielen Krisen- und auch Kriegsschauplätzen unterwegs. Seine Bücher machen nachdenklich. Oltmanns berichtet vorgeblich über Hunger, Umweltzerstörung, Kindesmisshandlungen, Folter im Namen der Terroristenjagd wie die systematische Durchleuchtung des einst unbescholtenen Bürgers. Schauplätze, gar Anlässe mögen sich verändert haben, Grundbedingungen des Überlebenskampfes schaffen vielerorts neue Aktualität.
Beide Bücher von Reimar Oltmanns umfassen ganze vierzig Jahre - und vier Jahrzehnte sind kein Tag. Leser wie Leserinnen werden unweigerlich über die anschaulichen Texte reflektieren, weil sie sich fragen, welche Fortschritte für die Würde des Menschen tatsächlich - in Sachen Demokratie , Menschenrechte, gegen Ausbeutung der Bevölkerung - gemacht worden sind. Es hat sich, das belegen die beiden Bände zweifelsfrei. wenig verändert. Hoffnung? Fehlanzeige.
Aber auch in Europa - vornehmlich in Deutschland - werden Oltmanns Reportagen zu einem Stück Geschichtsbegleitung, Geschichtsbeschreibungen. Die politische Routine in den Hauptstädten dieses Kontinents entpuppt sich zunehmend geschmeidiger, konturloser zu einer TV-Soap. Die Wirklichkeit (dies zeigen Oltmanns Texte über die Oben-und-Unten-Verhältnisse) in Deutschland hingegen - dort draußen in den Provinzen und Regionen - folgt längst ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, Lebensgefühlen und Erfordernissen. Es sind kaum wahrnehmbare Verzagtheiten von Menschen, die sprachlos am Wegesrand stehen - Menschen als Kostenfaktor.
Es sind Bücher, die politische Zusammenhänge verdeutlichen und emotional berühren. Wie schrieb der Autor: "Was wir wollten, was aus uns geworden ist." Für den Geschichtsunterricht sehr zu empfehlen.
Freitag, 5. Oktober 2012
Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (7)
von Gerrit Engelke, deutscher Arbeiterdichter, geboren 1890 in Hannover; gestorben 1918 bei Cambrai in Frankreich
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H E R B S T
Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.
Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.
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