Samstag, 4. August 1984

"Voilà , das ist Monsieur Möllemann" - Sein und Schein deutscher Politik-Elite
































Er passte sich an. Er verhielt sich servil nach oben. Und er redete schnodderig über die Kleinen hinweg. Er stand früh auf und trat forsch auf. Er war pausenlos aktiv, ohne sich um Inhalte zu kümmern. Er stand für viele deutsche Karrieristen im Politikgeschäft. Rasant verlief sein Aufstieg nach oben; Bun-destagsabgeordneter, Staatsminister im Auswärtigen Amt, Bildungs- und Wirtschafts-minister, Vizekanzler der Republik etc. etc. Eine politische Bilderbuch-Karriere, die im Jahre 2003 mit einem Fallschirmtodessprung jäh endete. Hintergründe waren undurch-sichtige Finanzgeschäfte, Verdacht auf Steuerhinterziehungen, Hausdurchsuch-ungen, Parteiausschluss aus der FDP. Der Name Möllemann geriet zu jener Zeit zu einem Synonym verbogener Charaktere in der Politik, die die Grenzen zwischen Legalität und Kriminalität überschritten hatten. - Der menschliche Sumpf und Tragödien deutscher Machteliten. Am 5. Juni 2003 stürzte sich Jürgen W. Möllemann mit einem Fallschirm in den Tod. Kurz zuvor hatte des Parlament seine Immunität aufgehoben. Seinen Erben hinterließ Möllemann drei Millionen Euro Schulden. Er wurde auf dem Zentralfriedhof im westfälischen Münster bestattet.

DER SPIEGEL, Hamburg
vom 4. August 1984
Nr. 39/ 1984
von Reimar Oltmanns

An diesem Morgen greift Jürgen W. Möllemann etwas fahrig zum Radiowecker, der ihn exakt zehn Minuten vor den 6-Uhr-Nachrichten in die Wirklichkeit der Agentur-Meldungen aus aller Welt, der Bonn-Mel-dungen, der Möllemann-Meldungen zurückholt. Seine Hand gleitet über das Bettregal, auf dem die geladene Politiker-Pistole liegt, zum Radioknopf. Er dreht lauf auf.

An diesem Tag vermelden die 6-Uhr-Nachrichten nichts Spektakuläres. Aber das ist es gerade, was Möllemann antreibt. Er wittert seine "Marktlücke", boxt sich konse-quent in die Frühmagazine, "wo die doch zu Tagesbe-ginn eine unheimliche Faktennot haben und deshalb gerade die Geschichten aus Amerika bringen - wegen der Zeitverschiebung, versteht sich".

Im Bademantel hastet er zum Telefon, wählt die Bonner Nummer 23 20 98. Für die Redakteure der Nachrich-tenagentur ddp zählen die morgendlichen Möllemann-Anrufe schon zur Routine. Der Deutsche Depeschen Dienst gehört zu den kleineren Agenturen in der Bundes-hauptstadt. Für Möllemann ist "dieser Laden besonders fleißig, weil er natürlich schwächer ist".

... ... WIEDER WAS AUF DER PFANNE

"Hier Möllemann, guten Morgen Herr Schmidt, ich habe wieder was auf der Pfanne, was ihr gleich raus-jagen könnt. Sieht ja sonst ziemlich mau aus." Da bitte dann der Herr Schmidt um etwas Geduld, er schreibe gleich alles mit. Eine halbe Stunde später läuft alles über den Ticker.

Das macht dem Politiker Möllemann Spaß, "denn man merkt, es geht. Da liegen doch die Politiker noch faul im Bett, dann muss ich schnell für die FDP eine Stellung-nahme abgegeben, aber nicht 08/15. Meine Kollegen machen um sieben Uhr das Radio an, und schon hören sie wieder den Möllemann. Und die Partei sagt, Mensch, da hast du ja schon wieder. Da sag' ich, Mensch, was hab' ich denn gesagt? Da merke ich, die Leute hören Nachrichten".

In der Fraktion ist er auch schon kritisiert worden, weil er morgens um sieben zum dritten Mal in drei Tagen über den Sender lief. Da hat sich der Lambsdorff (Bundeswirtschaftsminister 1977-1984; FDP-Chef 1988-1993) zu Wort gemeldet und Möllemann verteidigt. Er finde es unmöglich, dass die Kollegen, die zu faul seien, einmal früh aufzustehen, den kritisierten, der fleißig arbeite, sich pressemäßig vernünftig verhalte. "Na gut", sagt Möllemann, "vielleicht habe ich manchmal auch zu dick gebuttert."

VERSUCHSBALLON GESTARTET

So hat Möllemann schon in manchen Interviews einen Versuchsballon gestartet. Da erklärte er, noch in der sozialliberalen Regierungszeit, er sei dafür, Hans-Dietrich Genscher (Bundesaußenminister 1974-1992) zum Bundeskanzler zu machen. Denn die CDU hätte doch ihren Helmut. Nur Helmut zu heißen, reiche für den Kohl (1982-1998) im Kanzleramt auf Dauer sicher-lich nicht aus.

"Diese Meldung lief bombig, überall. Da hat Genscher mich hinterher angerufen und meinte, ich sollte doch nicht zu dick buttern, das würde uns nur in arge Schwu-litäten bringen. Ich erwiderte, aber Herr Genscher, hören Sie mal, das war doch nur ein Vorschlag, ein diskussionswürdiges Denkmodell. Was die Journalisten daraus machen, dafür kann ich doch nicht. Nun ja, schließlich habe ich die Sache nicht weiter verfolgt."

Wirbel zu entfachen, mit "Highlights" in aller Munde zu sein, das verschafft ihm lang ersehnte Anerkennung, das ist ihm allemal wichtiger als Kärrnerarbeit; ganz im Sinne des stoischen Philosophen Epiktet, den er für sich reklamiert: "Nicht die Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmen das Zusammenleben."

Und Meinungen hat er viele. Mal eben das Ende der sozialliberalen Ära in den Stenoblock diktieren, den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin (*1913+1992) einen "Kriegsverbrecher" nennen, den Einmarsch sowjetischer Truppen in Polen "binnen zweier Wochen" prophezeien, von der Gefahr "eines neuen Weltkrieges" reden.

UM DEN HALBEN GLOBUS

Innerhalb von vierzehn Tagen jettet er um den halben Globus. Mal eben nach New York zum UNO-General-sekretär, einen Abstecher nach Washington zum US-Ver-teidungsminister Caspar Weinberger (*1917+2006). Vom Pentagon direkt zu Fidel Castro (Regierungschef 1959-2006) nach Havanna, dann weiter nach Amman zu König Hussein (*1935+1999).

Auf dem Rückflug nach Bonn-Wahn baut er auch noch eine Unterredung mit dem libyschen Staatschef Muam-mar el-Gaddafi in Tripolis ein, der prompt Möllemanns Einladung zum Besuch der Bundesrepublik akzeptiert.

"Ein stärkeres Engagement bringt mehr Erfahrungen, mehr Bekanntschaften, mehr Wirkungsmöglichkeiten", erklärt er, "und ein bisschen muss man gewiss auf dem Klavier spielen können. Das ist ein ganz merkwürdiger Mechanismus. In dem Moment, wo ich mit PLO-Chef Jassir Arafat (*1929+2004) geredet hatte, habe ich gesagt, jetzt will ich mit Gaddafi sprechen. Da hat er gesagt, da soll der Möllemann mal kommen."

EIN ABENTEUER

Oder Castro, oder die amerikanische Regierung, das ergibt sich nacheinander. "Im Grunde genommen ist das wirklich ein Abenteuer. Die ganze protokollarische Be-handlung, dass da also der Staatschef von Südkorea sowie Sambia draußen warten mussten, bis ich meine Gespräche beendet hatte. Die arabischen Gastgeber entschuldigten die Termin-Verzögerung höflich mit der Bemerkung, 'voilà, das ist Monsieur Möllemann aus der République fédérale d'Allemagne'. Das macht einem Spaß, das motiviert ungeheuer."

An diesem Morgen gibt er dem "Frieden" eine Nach-richtenchance - eine Meldung, mit der er den Grünen den Wind aus den Segeln nehmen will. Einfach deshalb, weil er mit der Standardformel von "Effizienz und knall-harten Fakten", den Dreisprengkopfmittelstrecken-raketen, Anti-Raketen-Raketen, Trident 2, SS 20, Pershing 2, ICBM-Rakten, Luft-Luft-Raketen, operativ-taktischen Raketen in den öffentlichen Diskussionen nicht mehr ankommt. "Möllemanns Vorschlag für Zone ohne Kern-waffen", lautet nunmehr seine Schlagzeile.

Dabei handelt es sich um eine uralte FDP-Idee, die bereits Mitte der sechziger Jahre zur Parteiprogram-matik gehörte. Aber Möllemann weiß, wie man Nach-richten verhökert, wie man verstaubte, in der Sache längst überholte FDP-Propaganda als "brandneu" ser-viert, "wo doch die Politik ohnehin von Wiederholungen lebt."

"CAROLA - DER TAG BEGINNT"

Um acht Uhr sitzt er mit seiner Frau Carola Möllemann-Appelhoff, einer Lehrerin und FDP-Rathaus-Politikerin in Münster, am Frühstückstisch, als seine "Auffassung über eine atomwaffenfreie Zone im Geltungsbereich der KSZE-Schlussakte von Helsinki" aus dem Radio dröhnt. In solchen Glücksminuten kann er sich gar nicht beruhi-gen, er klopft sich triumphierend auf den durchtrainier-ten Schenkel. "Carola", sagt er da, " der Tag beginnt. Bin wirklich gespannt, was der Dicke dazu meint."

Die Ansichten des "Dicken", wie Möllemann seinen Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher nennt, durchdringen sein Seelenleben. Dieser Genscher be-stimmt Höhen und Tiefen, bewirkt Euphorie oder Motivationsabfall. Ihm hat er sich unmerklich ver-schrieben, dem Ziehvater verdankt er so ziemlich alles, was aus ihm in Bonn geworden ist.

WO EIN GRAF DEN "ONKEL" SPIELTE ... ...

Ohne Genscher wäre Möllemann ein Hinterbänkler geblieben. Genscher brachte ihn über den Proporz-anspruch ins Fernsehen, schickte ihn auf Erkundungs-fahrt um den Globus, ohne Genscher hätte Möllemann nie und nimmer in die Vermittlung von Arabien-Geschäften einsteigen können.

Mit Genscher im Hintergrund schafft er das Entree, avancierte zum jüngsten Staatsminister der Regierung Kohl, zum Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen FDP. Und über Genscher knüpfte Möllemann seine Bande zu Lambsdorff, die immer dichter, immer menschlicher gediehen, bis er im Grafen "so etwas wie einen Onkel" ausmachte; zu dritt betrieben sie die Bonner Wende.

UND GENSCHER ZUM ZIEH-PAPA WURDE ... ...

Einfach außergewöhnlich, fast übermenschlich um-werfend, muss dieser Genscher auf ihn wirken, eine von Außenstehenden bislang nicht erkannte faszinierende Persönlichkeit, die ihn selbst in den späten Abendstun-den in "Kuhlmanns Eck" , der Stammkneipe in Münster, als charismatisches, väterliches Über-Ich beschäftigt: Möllemanns profane wie distanzlose Elogen auf den Meister geraten zu langatmigen Selbstgesprächen.

Nach misslungenen Veranstaltungen hat er sich in seiner ziemlich einseitigen Bindung oft gefragt: "Was würde wohl Genscher dazu sagen?" Und überhaupt hat doch auch Genscher angedeutet, "dass Vorsicht geboten sei vor den fanatischen, verbiesterten, verkrampften Gesichtern aus der Friedensecke".

"Schon wenn die von ihren Ängsten lamentieren", fährt Möllemann fort, "kommt es in mir übel hoch. Als hätten wir etwa keine Ängste. Die hatte ich gewaltig im Flug-zeug beim ersten Fallschirmsprung. Auch noch als ich im Wahlkampf für die Partei vom Himmel geplumpst bin. Immer wieder habe ich den inneren Schweinehund überwunden."

ERDKUGEL TANZEN LASSEN

Mit der leise gemeinten Bemerkung, "erst am letzten Sonntag hat Genscher bei uns zu Hause wieder ange-rufen", erhöht Möllemann unter seinen Zuhörern gern die abgeschlaffte Aufmerksamkeit. Natürlich will einer unverzüglich wissen, was Hans-Dietrich Genscher denn so wollte: "Eigentlich gar nichts. Der klingelt immer mal durch, wenn er am Wochenende Langeweile hat und vom Telefon nicht lassen kann. Diesmal musste er die Namen der Personen raten, die sich gerade im Zimmer aufhielten. Das war selbstverständlich die ganze Familie einschließlich der Schwiegereltern. Dann hat doch die freche Maike zu ihm noch gesagt. 'Du bist im Fernsehen immer so ein Lachsack, manchmal und so.' So etwas hört der Genscher sehr gern, das bringt ihm halt Spaß."

Es ist ja auch nicht so, dass Genscher "nur bei uns anruft", verrät Möllemann, "Carola und ich fahren auch schon mal zu ihm nach Hause, da in Bonn-Pech.

"Außer Lambsdorff und Mischnick kommen da nur sehr wenigen von der Partei aufs Grundstück. Da sitzen wir munter mit ihm und seiner Barbara am Swimming-pool, knabbern Salzstangen, trinken Campari. Des öfteren sind Genscher und ich richtig magnetisiert, da lassen wir zwischen uns nur so die Erdkugel tanzen. - Das ist schon befriedigend, da weiß ich dann auch, wofür ich das alles so mache. Da merkst du dann urplötzlich, dass der mit dir turnt, dich auch nicht im Regen stehen lassen will, wenn es heikel wird. Das gibt mir natürlich die Möglichkeit, in der Fraktion ganz schön selbstbewusst aufzutreten."

"So, Freunde, sage ich dann, die Sache sieht völlig an-ders aus, da geht's lang. Fragt nicht lange, vergeudet die kostbare Zeit nicht, ich weiß es ganz genau, das habe ich alles mit den zuständigen Stellen überprüft. In Wirk-lichkeit weiß jeder von den Kollegen, dass ich Genschers Libero bin."

ESS-STÖRUNGEN IN DER EINBAHNSTRASSE

Nur wenn Genscher seinen Möllemann "zusammen-scheißt", ihn mit Nichtachtung straft, dann zweifelt Möllemann, ob er auf Dauer in der Politik bleiben soll, zieht sich sein Magen zusammen, Essstörungen plagen ihn.

"Herr Genscher", reagiert er dann, "hören Sie mal zu, das können Sie mit mir wirklich nicht machen. Dann guckt der mich sibyllinisch an und erklärt, wir müssen nüchtern rekapitulieren. Dann sage ich, Herr Genscher, Loyalität und Solidarität ist keine Einbahn-, sondern eine Zweibahnstraße."

"Er hat mich ja mehrfach im Regen stehen lassen. Zum Beispiel als ich für die Einführung der Neutronenbombe in der Öffentlichkeit eingetreten bin, wo wir uns doch zuvor sorgfältig bis ins Detail abgestimmt haben. Als die heftigen Proteste kamen, distanzierte er sich einfach. Dies führte dazu, dass ich erklärte, Herr Genscher, so geht das nicht mehr. Entweder wir ziehen das künftig gemeinsam durch, dann müssen wir Risiko-Sharing machen."

"Das ist eine Situation, in der es nicht darum geht, dass er als Außenminister eine öffentliche Erklärung abgibt, hiermit identifiziere ich mich, aber es darf auch nicht das Gegenteil der Fall sein, wo doch jeder weiß, was gespielt wird. Auch mit dem Kabinettsposten als Staats-minister im Auswärtigen Amt war das ja so eine Sache. Den hatte er mir schon zur Bundestagswahl 1980 zugesagt."

DREI JAHRE AUF EIN MINISTERAMT GEWARTET

Drei Jahre hat Möllemann auf eine Berufung in ein Staatsamt gewartet. "Ganze 36 Monate", sagt er, "das ist eine verdammt lange Zeit, das haut rein" - dieses Aus-harren, diese Ungeduld, diese Unsicherheit, dieses Ausgeliefertsein. "Mensch, da merkte ich auf einmal, wie ich zusehends dünnhäutiger, sensibler wurde, Mensch, Möllemann, verdeutlichte ich mir, reiß dich zusammen, das darfst du auf keinen Fall zeigen, das zieht erst recht nicht."

Aber was er auch anpackte, wo immer er Luft holend herumdüste, der alles entschei- dende Genscher-Satz galoppierte nah und dennoch uneinholbar vor ihm her: "Möllemann, wir müssen jetzt was tun. Bei nächster Gelegenheit kommen Sie in die Regierung rein, das verspreche ich Ihnen."

"Ja, ja, da habe ich mich riesig gefreut. Der Möllemann wird was", sagt Möllemann, und er ist ja auch was geworden.

In Kuhlmanns Kneipe, wenn die Uhr die Zwölf über-rundet, zieht er gern Bilanz. Das geht so lange, bis Axel Hoffmann, der Referent, den Euro-Piep auf den Tisch legt - diesen schmalen, einem Funkgerät ähnelnden Apparat den Hoffmann dann mahnend aus der Jackett-Tasche holt, um anzudeuten, Möllemann möge zum Schluss kommen.

MIT EURO-PIEP AUF ACHSE

Ansonsten funktioniert der Euro-Piep als das I-Tüpfel-chen eines ausgeklügelten Informationssystems. Ob auf ihren wahlkämpfenden Tourneen durch die Provinz, in den Flugzeugen oder nachts in den Hotels, der Euro-Piep sorgt für die Gewissheit, dass ihnen nichts Wesent-liches entgehen kann.

Der Kanal eins ist dem Bonner Büro reserviert, der zweite gilt Möllemanns Ehefrau Carola, der dritte seinen Public Relations treibenden Geschäftspartner in München, und die vierte Linie bleibt Genscher für den Fall vorbehalten, dass "der mal anbeißt".

Immer, wenn es piept und rot aufleuchtet, wissen die beiden, dass irgendwo "der Hammer geschwungen wird". Dann rast einer zum nächstliegenden Telefon. Und immer sind es dieselben hastigen, halb verschluck-ten Wörter, die in den Hörer sausen. "Was ist los, was ist passiert, na was denn schon?"


Meist kehrt er dann enttäuscht zurück, weil die aufge-regte Erwartung sich so gar nicht der Bonner Banalität fügen mag. Da erklärte eben nur ein "FDP-Zausel aus Baden-Württemberg, es geht doch nicht an, dass uns jeder Furz, den Herr Möllemann lässt, als besonders wohlriechend verkauft wird, bloß weil er ein Vertrauter unseres Parteivorsitzenden Genscher ist". Da hat er seiner Sekretärin lediglich geantwortet: "Frau Perlewitz, beruhigen Sie sich. Das hat keine Eile. Dem gebe ich nächste Woche eins zwischen die Augen."


AUFSTEIGER-SEHNSÜCHTE

Mit 27 Jahren ist er nach Bonn gekommen, ins Zentrum seiner Aufsteiger-Sehn-süchte. "Achten Sie mal auf den", empfahl die "Bild"-Zeitung ihrem Millionen-Publikum schon, als sich Möllemann noch am MdB-Telefon mit dem Spruch "Hier die Städtischen Bühnen" zu erkennen gab.

Popularität, das hat er schnell begriffen, hebt den Marktwert. Früh verknüpfen sich konkrete Assozi-ationen mit Bonn - der Ort von Angebot und Nachfrage, ein Börsen-platz, auf dem Politiker ihre Aktien makeln.

Möllemanns Management als Imageträger, die Wähler-stimme als Kundenauftrag, für die es zudem fünf Mark gibt, das Parteiprogramm als konjunkturbedingte Produkt-palette. die F.D.P. mit ihren drei exklusiven Punkten als erlesene Großstadt-Boutique für den gehobenen, finanzkräftigen Mittelstand und noch für einige darüber.


AUS DER CDU AUSGETRETEN

Er kann sich unumwunden eingestehen, dass seine FDP-Mitgliedschaft nicht mehr als eine von Tantiemen bestimmte Firmenzugehörigkeit bedeutet, etwa "die bei Opel oder VW"; dass er im Jahre 1969 mit Beginn der sozialliberalen Ära aus der CDU nach siebenjähriger Verbundenheit austrat, weil keine Partei in der Bundes-republik "Risiko und Chance so gerecht verteilt wie die FDP".

Da können noch "wirkliche Blitzkarrieren gestartet werden", vergewisserte er sich damals vorsichtshalber, und er brauchte auch Themen, an denen er sich empor-hangeln konnte.

Die Bildungspolitik, der er im Bundestag vier Jahre gewissenhaft nachging, das zählebige Gezeter um Hochschulrahmengesetz, die fussligen Bafög-Regel-ungen, Bund-Länder-Kommission, Kultusminister-konferenz, all die ermattende Kleinarbeit versprach seinem Ego bald keine Reizschwelle, keine neugierig aufgenommene Selbstentfaltung mehr.

PLO-REVOLVER-MÄNNER


Folglich hat ihn sein marktlückengeprüftes Bewusstsein zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) gebracht, intuitiv den Trend kommender Jahre im Bauch, dazu noch ein Novum für ihn und natürlich für seine FDP. In der VIP-Lounge des Beiruter Flughafens empfingen ihn PLO-Revolver-Männer wie einen Staatsgast.

In einer als tollkühn erlebten Zickzackfahrt ging es durch verwirrende Gassen, vorbei an aufgetürmten Straßenbarrieren, Plätzen und ausgebrannten Autos. In der Rue Université Arabe 155 sicherten Jugendliche mit ihren Kalaschnikows das Portal, "Ja, ja, spannend, wahnsinnig spannend ist das da, Schmauch und Rauch am Horizont."

Im vierten Stock, in einer konspirativen Wohnung, residierte sein Gesprächspartner im Kampfanzug mit umgeschnalltem 9-mm-Colt und blank polierten Patronen im Gurt. Gläserne Nippes-Fische auf den Regalen, Brokatdeckchen, zierlich vergoldete Stühle und dann ein höchstens 16jähriger Jung im grünen Military-Look, der für ihn die Seven-Up-Limonadenflasche mit dem Griff seiner Maschinenpistole öffnete.

Exakte 87 Minuten dauerte die vorsichtig abtastende Unterhaltung, die bei Schummerlicht ablief, weil es keinen Strom gab in der Stadt. 87 Minuten, das weiß er noch hundertprozentig. Er hatte seine Uhr gestellt, wie einst bei den Pfadfindern, mit denen er Madagaskar besingend auf Erkundungsfahrt war.

GEHEIMPLAN ... ...

Keineswegs nur die oft gefällige Medien in der kleinen Bundesrepublik, sondern Welt weit raunte die Presse über einen acht Punkte umfassenden Geheimplan zur Befriedung der Nahost-Region unter Einbeziehung des Selbstbestimmungsrechts der Palästinensern sowie ihrer staatlichen Souveränität. Ein streng vertrauliches Papier, das Möllemann in stiller Abstimmung mit der Bonner Vertretung Arafat übergeben haben soll.

Natürlich lag im Köfferchen kein ernst zu nehmendes Dossier, wie stets war es eine wahllos gebündelte Zettelwirtschaft. Ein Übersetzungsfehler hatte die westliche Allianz erschreckt. Und Möllemann war Opfer seiner Knüller-Prophetie geworden, die im Beiruter Hotel "Napoléon" ein deutscher Journalist allzu genau genommen hatte.

Für den Möllemann-unerfahrenen Berichterstatter im Libanon sind Bonner Bugwellen-Usancen auch nicht von vornherein zu durchschauen. Vor allem, wenn da einer anreist, der sich zwischen Trümmerbesichti-gungen aus der Jeep-Perspektive und Friseurbesuchen in Hintergrundgesprächen an der Hotel-Bar als "Gen-schers Minenhund" andient.

Nach Rückkehr sah Möllemann sein jähes politisches Ende, den Abgrund seiner Karriere vor sich. Keiner aus der Fraktion, keiner in der Partei, der auch nur ansatz-weise auf die misslichen Begleitumstände verwies. Alle-samt ließen sie ihn dort stehen, wo er schon immer stand - in Genschers Vorzimmer, gestikulierend und sich hektisch anbiedernd, obwohl ihm dort nach dem Bei-ruter Abenteuer kein kesser Spruch mehr unter dem Schnäuzer herausflutschen wollte.

Allenfalls sein Selbstmitleid streichelte ihn noch in einer Sprache, die sonst so gar nicht zu seiner verkarsteten Diktion passte, insbesondere dann, wenn er über schwächere Kollegen herfiel.

HÄME VON BEIRUT

"Unbarmherzig die Beschimpfungen und Drohungen von allen Seiten Tag und Nacht, grausam dieses Sperr-feuer, die alles durchbohrende Häme, Beirut sei kein geeignetes Übungsgelände der Bundeswehr-Reserve, Genscher, ich erkannte ihn nicht wieder, so stinkmies schiss er mich zusammen. Ich dachte, das packe ich nicht mehr. Jetzt geben sie mir milde lächelnd den Genickschuss. So etwas habe ich vorher noch nicht erlebt."

Nach Beirut sagte er: "Ich will nicht mehr nach Appel-dorn. Meine Brüder wollen auch nicht mehr nach Appel-dorn." Jener kleinen Dorfgemeinschaft bei Kalkar am Niederrhein, in der er seine weniger begüterte Kindheit ertrug, die erste Ehe mit einer umsorgenden Verkäuferin einging.

"DER JÜRGEN AUS DER GROSSEN POLITIK"

Dort, wo er sich im Besitz der frisch erworbenen Ab-geordneten-Immunität mit einem funkelnagelneuen Audi unaufgefordert zeigte, Lichthupenimpulse die er-hoffte Anerkennung aus dem örtlichen Seelenleben herleuchteten: "Das ist doch der Jürgen aus der großen Politik."

Er sagte: "Ich will nicht mehr nach Beckum, dieses läppische Beckum", wo er für kurze Zeit als Lehrer arbeitete. Und das "bei einem reaktionären Rektor", der ihn öfter als einen "Dünnbrettbohrer" zu entlarven suche, "so unverschämt war dieser Kerl".

Erinnerungen an Appeldorn und Beckum lähmen ihn. Diese Vergangenheit hat er überwunden: Staatsminister im Auswärtigen Amt - in dieser Position erst kann er sich in der äußeren Darstellung so akzeptieren, wie es der Logik seiner Gefühle entspricht.

Immer wieder lugt Möllemann begierig und staunend auf die Insignien Bonner Staatsmacht. Irgendwo kann er es immer noch nicht richtig fassen, bricht aus ihm ein unsicheres, unbeholfenes Lachen heraus. Irgendwie ist er sich in solchen intensiven Momenten selber unheim-lich, dass seine Lebensmaxime so rasch Wirklichkeit wurde. "Irgendwas mache ich mal, dann komme ich ganz groß raus."

Und das ausgerechnet im Auswärtigen Amt, in einem großflächigen, mit Velour-teppichen ausgelegten Büro, das einer schnörkellosen Hotel-Suite ähnelt, "ganz dicht beim Dicken", den er ja fernsehwirksam an der Seite des Bundeskanzlers vertreten soll.

GOBELIN, SATIN, DIE COCKTAILS

"Mensch, Jürgen", sagt er sich da zu sich. Die Bundes-luftwaffe, der 280er Dienst-Mercedes mit Fahrer und Autotelefon. mal eben durch Münsters City, zwei Persön-liche Referenten, zwei Sekretärinnen, die Sicherheits-beamten, die Empfänge in der Godesberger Redoute, Gobelin, Satin, die Cocktails bei den Saudis, Akkura-tesse in Gesicht und Zwirn, "mit Carola bei Frau Bundes-präsident zum Teetrinken". Das überwältigt den Mann aus Appeldorn: "Das ist schon ein wenig wie Weihnach-ten und Pfingsten auf einen Tag." So hatte seine erste Amtshandlung darin bestanden, erst einmal diese Bon-ner Kinofassade den Schwiegereltern und den Kegel-brüdern vorzuführen. Und alle staunten. Nur einen Besucher wollte der Staatsminister nicht so recht verknusen. Seinen um fünf Jahre jüngeren Bruder Norbert, der aus Berlin angereist war.


EINMAL MIT DEM BRUDER REDEN

Norbert, ein Lehrer, der in Kreuzberg das alternative Tischlerhandwerk ausübt, sucht schon seit Jahren in der Vergangenheit nach seiner Identität.

Wenigstens einmal wollte er mit Bruder Jürgen reden, richtig reden, wo sie doch beim Tode ihrer Mutter sprachlos, schnurstraks nach der Beerdigung aus-einandergelaufen sind.

Er wollte seinen Bruder fragen, warum er, der Junge aus der Sattlerfamilie, sich eigentlich derart auf die Bil-dungsbürger fixiere. Er wollte ihn fragen, ob der Bruder denn nicht merke, dass eine krasse Trennung von Per-sönlichkeit und Staatsfunktion ihn allmählich, aber systematisch verbiege, hinrichte.

Das alles wollte der Nobert Möllemann aus der Berliner Gegenkultur mit seinem großen Bruder einmal offen bereden. Deshalb war er nach Bonn gekommen, um ein Stück Vergangenheit aufzuarbeiten, mit den eigenen Enttäuschungen wie Unfertigkeiten umgehen zu können. Doch Nobert, der sich so viel vorgenommen hatte, brachte keinen zusammenhängenden Satz über die Lippen. Beide saßen sich stumm im Restaurant des Bundestages gegenüber.

Es war ein nasskalter Herbstabend, der Bruder reiste vorzeitig ab. Jürgen W. Möllemann zieht sich auf sein Appartement zurück. Noch vor dem Einschlafen konzipiert er die Pressemeldung 127 im fortlaufenden Jahr, schreibt eine Notiz für seine Sekretärin Frau Walter. "Bitte die Einschaltquote meiner letzten Fernsehsendung beim WDR feststellen."




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POSTSCRIPTUM. - 23 Jahre später - am 5. Juni 2003 - stürzte sich Jürgen W. Möllemann auf dem Übungsgelände Marl-Leomühle mit seinem Fallschirm in den Tod. Weniger als eine halbe Stunden zuvor hatte der Deutsche Bundestag zwecks Strafverfolgung Mölle-manns Immunität aufgehoben. Daraufhin durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft Möllemann-Geschäftsräume wie auch seinen privaten Bungalow. Der am 9. Juli 2003 vorlegte Abschlussbericht der Staatsanwalt über die Todesursache Möllemanns, schloss ein Fremd-verschulden aus. Im Dezember 2oo4 wurde ein Insolvenzverfahren über seinen Nachlass eröffnet. - Die Akte Jürgen Wilhelm Möllemann ist damit geschlossen.












































































Montag, 2. Mai 1983

" Engagiert und ernsthaft, spielerisch und experimentell " - Die Wirtschaft der alternativen Szene






Während die offizielle Wirtschaft in der Krise steckt, blüht und boomt die Wirtschaft im Untergrund: Noch nie wurde in Deutschland so viel schwarz gearbeitet, gehandelt und verbucht, auf betrügerische Weise oder hart am Rande der Legalität finanziert und transferiert. im Do-it-yourself-Verfahren und oder Nachbarschaftshilfe erarbeitet oder in Selbsthilfegruppen organisiert. Würden all diese ökonomischen Tätigkeiten steuerlich erfasst, gäbe es weder Haushaltsdefizite noch Nullwachstum.
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Spiegel-Buch, Hamburg
2. Mai 1983
von Reimar Oltmanns
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Die Konzern-Philosophie steht nirgendwo geschrieben. Gleichwohl hat sie sich jeder Unternehmens-Angehörige nachhaltig eingeprägt. "Soyez réalistes, exigez l'impossible" - seid realistisch, fordert das Unmögliche. Ein vierstöckiges Backsteingebäude erinnert an die Fabrikarchitektur der Gründerjahre, weiß übertünchte Anbauten an den hastigen Bauboom der Nachkriegszeit. Nur der Firmenvorplatz liefert einen Hinweis auf die achtziger Jahre. Autotrauben aus allen Teilen der Republik wühlen den Sandboden auf, schwere Lastkraftwagen schieben sich aneinander vorbei.
DÖRFLICHE FACHWERK-IDYLLE
Vor drei Jahren hat sich der Konzern, die "Allgemeine Sortiments- und Handelsgesellschaft", im Urselbachtal niedergelassen, umgeben von Wiesen und Wäldern, eingekeilt zwischen Ackerzäunen und dörflicher Fachwerkidylle. Lediglich die an der Peripherie des Firmengeländes verlaufene Autobahn sichert den schnellen Zugriff nach Frankfurt am Main - jener Wirtschafts- und Bankenmetropole, ohne die der steile Aufstieg des Handelskonzerns undenkbar gewesen wäre.
SCHATTEN-ÖKONOMIE
Die Historie des Unternehmens ist die klassische Entstehungsgeschichte bundesdeutscher Schattenökonomie. Was mit Schwarzarbeit in einem Frankfurter Hinterhof begann, mündete in die bürgerliche Rechtsform einer GmbH. Den Anfang machte eineFünf-Mann-Truppe mit Maler- und Renovierungsarbeiten in Frankfurter Großbürger-Wohnungen. Mit unversteuerten Geldern (Slogan von damals: "Cash in die Täsch") wurden klapprige VW-Busse sowie Tüv-überfällige Laster aufgekauft und in nächtlicher Heimarbeit wieder zusammengeflickt. In der zweiten Phase kamen auf diese Weise Transporte, Umzüge, Entrümpelungen zustande.
"LEARNING BY DOING"
Im dritten Abschnitt spezialisierte sich das Team auf den An- und Verkauf von Gebrauchtmöbeln. Nach dem Motto "learning by doing" begann nunmehr der Aufbau einer Werkstatt zur Möbelrestaurierung. Eine moderne Druckerei, die bis zum DIN-A2-Format das Rhein-Main-Gebiet mit Anzeigenblättern, aber auch PR-Broschüren versorgt, schuf das zweite Standbein. Daraus entwickelte sich die Planung eines Cafés und schließlich die Idee eines angeschlossenen Restaurants - eine Art Kommunikationszentrum für Theater-, Informations- und Diskussionsveranstaltungen.
NEUE WACHTSTUMS-NISCHEN
Inzwischen bewegt die "Allgemeine Sortiments- und Handelsgesellschaft" Millionenbeträge. Entgegen einem depressiv ausgerichtetem Konjunkturbarometer sowie wirtschaftlichen Struktureinbrüchen erschließt sich die Handelskette unvermutete Wachstumsnischen. Trotz Hochzinspolitik konnte sie sich im Jahre 1981 etwa ihr 25.000 Quadratmeter großes Firmenareal für 2,2 Millionen Mark kaufen. Trotz mannigfacher Unternehmenspleiten baute sie in den angrenzenden Orten Bad Homburg und Kirdorf weitere Produktionsstätten auf, investierte in Maschinen und Fuhrpark. Trotz Einstellungsstopp vielerorts engagierte sie unentwegt neue Mitarbeiter.
EXPANSIVE ZUKUNFTS-VISIONEN
Ob Gesellschafter, Manager oder Angestellte - manchmal ungläubig, zuweilen euphorisch sehen sich die Betreiber der "Allgemeinen Sortiments- und Handelsgesellschaft" mit ihrem Ertragssegen konfrontiert. Ein Overhead-Projektor wirft im Konferenzsaal expansive Zukunfts-Visionen auf die Leinwand. Und immer wieder zirkuliert im Konzern der eine, scheinbar alles erklärende Satz: "Wir befinden einfach in einem wahnsinnigen Investitions-Rausch."
ARBEITER-SELBSTHILFE (ASH)
Natürlich ist die "Allgemeine Sortiments- und Handelsgesellschaft mbH" kein bundesdeutscher Konzern im herkömmlichen Sinne, hielte er einem Bilanzsummenvergleich mit de kleinsten unter den großen Unternehmen erst gar nicht stand. Denn hinter der "Allgemeinen Sortiments- und Handelsgesellschaft mbH" verbirgt sich tatsächlich die "Arbeiterselbsthilfe (ASH) - ein selbstverwalteter Betrieb aus dem alternativen Deutschland.
FAKTEN, FAKTEN ... ...
Unter der westdeutschen Gegenwirtschaft freilich nimmt die "Arbeiterselbsthilfe" eine Art Konzernstellung ein. Und das nicht nur, weil die 40 ASH-Mitarbeiter einen für Alternative traumhaften Umsatz von jährlich 1,2 Millionen Mark erreichen. Auch ihr Außenverhältnis passt sich nahtlos in die juristischen Normen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ein. So werden Gebäude nebst Grundstücken nach allen Regeln fiskalischer Kniffe von einem "Verein zur Selbsthilfe", der gemeinnützig und damit steuerbegünstigt ist, mit monatlichen Raten erworben. Das Sortimentgeschäft dagegen betreibt die im Handelsregister beim Amtsgericht eingetragene GmbH. Steuerberater und Rechtsanwälte stehen helfend zur Seite, wenn es darum geht, gegenüber der Renten- und Sozialversicherung ein fingiertes über Monatseinkommen in Höhe von 1.200 Mark netto pro Mitarbeiter anzumelden, wenn es ferner darum geht, ASH-Angestellte zu , um auf diesem Wege Arbeitslosengelder zu kassieren, obwohl in Wirklichkeit keiner um seinen alternativen Job bangen muss.
RESERVAT FÜR UTOPISTEN
Im Innenverhältnis hingegen gibt es keine unternehmerischen Finessen, wird keinerlei Hierarchie zwischen nach außen deklarierten Gesellschaftern, Managern und Angestellten geduldet. Vielmehr sieht sich die ASH, wie sie von sich sagt, als ein "Reservat für Sensible und Utopisten". Für alteingesessene Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern im Rhein-Main-Gebiet indes verkörpert die ASH "den Zoo des Kapitalismus" schlechthin. Was heißt, dort draußen im Urselbachtal dominieren keine Chefs, keine Meister, keine Vorarbeiter. Folglich zählt sich auch niemand zum Fußvolk der Nachgesetzten. Alle fühlen sich gleichberechtigt und gleichverantwortlich für Investitionen, Etatumschichtungen, Einstellungen oder Entlassungen.
NEUE FORMEN DES MITEINANDERS
Realistisch zu sein, das Unmögliche zu fordern, diese allgegenwärtige ASH-Unternehmensmaxime zieht nur vordergründig auf Absatzmärkte, die es zu erobern gilt. In ihrer Tiefenschärfe reflektiert sie eine fundamentale Abkehr von der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft - sowohl sozio-kulturell als auch ökonomisch. Sie gilt dem Versuch, neue Inhalte und Formen des menschlichen Miteinanders zu ertasten, um aus dieser andersgearteten Interessenlage heraus die wirtschaftlichen Bedürfnisse selbst zu bestimmen.
ENTFREMDUNG DURCH SACHZWÄNGE
Wer keine Vorgesetzten und Nachgesetzten akzeptiert, setzt auf Einsicht und Eigenverantwortung. Wer die Aufteilung zwischen Kopf und Handarbeit aufzuheben trachtet, sucht der unweigerlichen Entfremdung durch Sachzwänge sowie Expertokratie zu entgehen. Wer ferner den täglichen Betriebsablauf so organisiert, dass jeder nach einem ausgetüftelten Rotationsprinzip alle anfallenden Aufgaben zu erledigen hat, glaubt an eine egalitäre, auf gleichem Wissen beruhende Ausgangsposition, die erst gemeinsames Engagement ermöglicht. Und wer außerdem die oft strikte Trennung zwischen Arbeitsbereich und Privatsphäre einebnet, will sein rationales Handeln mit seiner nicht selten widerstrebenden seelischen Befindlichkeit in Einklang bringen.
GEHÄLTER OHNE BEDEUTUNG
Nur so ist es zu erklären, warum die nach außen deklarierten ASH-Gehälter nach innen keinerlei Bedeutung haben. Da nimmt sich halt ein jeder, was er braucht. Und das ist gemeinhin nicht sonderlich viel. Denn das Wesensmerkmal der Alternativen ist ihr Eid auf den Arbeitsfaktor Idealismus, der sich nun mal nicht in eine finanziell greifbare Größenordnung umrechnen lässt.
"LIEBES-ENTZUG" DER GRUPPE
Herkömmliche, meist arbeitsrechtlich festgeschriebene Ver- und Gebote sind außer Kraft gesetzt, Strafen oder Sanktionen untereinander verpönt. Begriffe wie Disziplinierungsmaßnahmen scheinen Formulierungen aus einem fremden Kulturkreis zu sein. Allenfalls der ab und zu fällige "Liebesentzug" der Gruppe zum einzelnen, der mitunter in eine zeitweilige Isolation führen kann, soll "Fehlverhalten" im ASH-Unternehmen korrigieren helfen.
STÄDTISCHE GETTOS
Die alternative Bewegung, die Mitte der siebziger Jahre in den städtischen Gettos von Berlin und Frankfurt ihren Ausgangspunkt nahm, hat in der Bundesrepublik längst einen volkswirtschaftlichen Stellenwert erklommen. Gewiss sind es wohl kaum die bis zum gängigen Klischee vermarkteten lila Latzhosen oder der inzwischen allseits obligate Hirsebrei, der den Alternativen eine ernstzunehmende ökonomische Stellung zu wies.
SCHREINER-BETRIEBE - FRAUEN-KNEIPEN
Wohl aber Schreinerbetriebe und Frauenkneipen, Anwaltskollektive, alternative Drogenberatung und Psycho-Therapie-Gruppen, der alternative Weinhandel ebenso wie die Öko-Druckerei, die Naturkostläden und Bio-Bauernhöfe auf dem Lande, die Keramik-Werkstatt, die Trödel-Shops und die Second-hand-Boutique, die Textil- oder Töpferläden, die Buchhandlungen, Kinos, Galerien, Theater, Zeitungen, Magazine der auch die Selbstfindungsgruppen.
HEIMATRECHT
Mittlerweile hat die alternative Szene in jeder westdeutschen Großstadt ihr Heimatrecht angemeldet. Eine kunterbunte Gegengesellschaft, die sich nicht damit begnügt, Fahrräder zu reparieren und zu bemalen oder Wolle zu spinnen, die gleichfalls HiFi-Anlagen baut, mit Video-Geräten, Computer hantiert, Windräder konstruiert, mit Sonnenkollektoren und Elektronikrechnern umzugehen weiß.
KAPUTTE PARASITEN
Die anfängliche Verachtung, die den Aussteigern aus der Wohlstandsecke allzu oft emotional entgegenschlug, das Vorurteil, sei seien die kaputten Parasiten der Republik, ist inzwischen einer behutsameren Betrachtungsweise gewichen. Immerhin arbeiten und leben zwischen 80.000 und 130.000 vornehmlich junge Leute in 12.000 bis 15.000 Projekten - und das bundesweit. Auf etwa 400.000 Menschen wird die Zahl deren geschätzt, die Alternativgruppen unterstützen - sei es durch Geld, durch sporadische Mitarbeit oder auch nur als Kunden.
LIEBÄUGELN MIT ANDEREM LEBEN
Nach einer demoskopischen Untersuchung des Marplan-Instituts stehen fast 20 Prozent der Bundesbürger zwischen 14 und 45 Jahren dem alternativen Leben höchst aufgeschlossen gegenüber. Das heißt, etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland liebäugeln mit grün gefärbten Lebensformen - weniger konsumieren, Umwelt schützen, gesund leben, handwerklich arbeiten, mehr Muße, mehr Sinnlichkeit in einer durch zunehmender menschlicher Kälte entäußerten Welt.
RASANTER SOZIALER WANDEL
Dessen ungeachtet bewegt sich ein Großteil der alternativen Ökonomie in einer "Grauzone des Erwerbsverhaltens". Ihre effektiven Leistungen finden kaum Niederschlag im Bruttosozialprodukt. Zum einen sprengt die alternative Ökonomie das bisher eingespielte Schema von Erwerbs- und Nichterwerbsrollen in der Gesellschaft. Ihr individueller Zuschnitt sowie ihre Eigendefinition von Arbeit und Leben setzen ein qualitativ verändertes Berufs- und Arbeitsmarktverhalten voraus - ein weitreichender, bisher kaum abschätzbarer wirtschaftlicher und sozialer Wandel, den aber weder die Erwerbstätigen- noch die Arbeitslosenstatistik hinreichend berücksichtigen. Aussteiger oder Verweigerer fallen aus dem staatlichen Erfassungsraster heraus. Amtliche Erhebungen sind daher ein untaugliches Mittel, Grauzonen des alternativen Erwerbsverhaltens auszuleuchten. Sie lassen keinerlei Aufschlüsse sowie zukunftweisende Interpretationen zu, sie verschließen sich mit ihrer teils starren, teils überholten Erfassungskriterien einem bislang unbekannten Phänomen - der alternativen Wirtschaft.
WEDER STEUERN NOCH SOZIALABGABEN
Zum anderen entzieht sich die alternative Ökonomie selbst der offiziellen Wertschöpfung, weil die meisten ihrer Betriebe weder Steuern noch Sozialabgaben abführen wollen. Selbst kontrollierbare Absatzmärkte liefern kaum vergleichbare Ansatzpunkte, zufällige Stichproben schlagen meistens fehl. Denn für alternative Erzeugnisse oder Dienstleistungen gibt der Markt in der Regel eine Marktpreise her. Finanzwissenschaftler, wie Klaus Gretschmann von der Universität Köln, haben aus diesem Grund die alternative Ökonomie im Bereich der Schattenwirtschaft angesiedelt, jenem informellen Sektor, in dem traditionell die Schwarzarbeit blüht und gedeiht.
SCHWARZ-ARBEIT
Doch schon in ihren Kernpunkten unterscheidet sich die alternative Ökonomie von der Steuer hinterziehenden Schwarzarbeit, geht ihre Wirtschafts- und Lebensphilosophie von gänzlich anderen Grundsätze aus. Alternative Projekte sind gemeinwirtschaftlich ausgerichtet, orientieren sich ausschließlich an neuen Bedürfnissen und dem tatsächlichen Gebrauchswert. Der hohe perönliche Einsatz und der Arbeitsfaktor Idealismus gleichen konkursträchtige Betriebskalkulationen aus- So betrachtet, zeigt die alternative Wirtschaft ein Mehr an moralischer Legitimation als der Steuer abführende Normalbetrieb. Ihr unveräußerliches Kennzeichen ist ferner Arbeitszufriedenheit statt Profitinteresse. Ihre Güter und Dienstleistungen verdrängten kaum andere, da sie den etablierten Wirtschaftskreislauf nur selten erreichen, sondern sich ihre Zielgruppen in den städtischen Gettos des alternativen Deutschlands suchen.
NEUN ALTERNATIV-GEBOTE
So unterschiedlich die Beweggründe fürs alternative Wirtschaften sein mögen, so heterogen die Zielvorstellungen von Bunten oder Grünen sind, so diffus und laienhaft für Außenstehende sich ihre Betriebe auch ausnehmen - dennoch haben sich im Laufe der Jahre neun Alternativ-Gebote herauskristallisiert, die als unumstößlich gelten:
0 Jeder Betrieb wird selbstverwaltet. Chefs und Hierarchie sind abgeschafft. Jedem Mitarbeiter sind sämtliche Informationen zugänglich. Alle Unternehmens-Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.
0 Jeder macht jeden Job. Spezialisierungen gibt es nicht, weil sie zur Entfremdung gegenüber der Arbeit und zum heimlichen Ausbau etwaige Machtpositionen beitragen.
0 Konkurrenz untereinander und zu den anderen Alternativprojekten finden nicht statt.
0 Alle bekommen den gleichen Lohn, oder es werden überhaupt keine Gelder verteilt. Jeder nimmt sich nur soviel aus der Betriebskasse, wie er tatsächlich braucht.
0 Kapital darf allerhöchtens ein Mittel zum Zweck sein, niemals darf seine Vermehrng zum Selbstzweck geraten. Privates Eigentum an Produktionsmitteln ist ausgeschlossen. Der Betrieb gehört allen, die am Projekt beteiligt sind. Wer ausscheidet, wird nicht ausgezahlt.
0 Konsum und Luxus werden generell auf das Nötigste und ebenfalls Sinnvolle beschränkt.
0 Nur nützliche, das heißt ökologisch saubere Produkte werden hergestellt, und nur sozial sinnvolle Dienste werden angeboten.
0 Die Trennung von Arbeit und privatem Leben wird aufgehoben. Der Betrieb dient nicht nur zum Lebensunterhalt, sondern soll gleichzeitig soziale Sicherheit und Geborgenheit vermitteln.
MIT KOPF UND BAUCH AUSGEWANDERT
Jugendliche, die sich im Sinne Erich Fromms von einer Welt abwenden, "die sich um Sachen und um das Besitzen von Sachen dreht", die deshalb mit Kopf und Bauch ausgewandert sind - und das im eigenen Land -, diese Jugendlichen zählen in den seltensten Fällen zu den Begüterten dieser Republik. Aussteiger verfügen über keine gutgefüllten Bankkonten, kennen keine dehnbaren Dispositionskredite oder zinsgünstige Existenzgründungs-Darlehen. Ihr ständiger Wegbegleiter in den alternativen Lebenszusammenhang heißt vielmehr Kapitalmangel. Ein Dasein, das täglich aufs neue durch Unterkonsum und Selbstausbeutung gemeistert werden muss.
HUNGERSCHWELLE IM EXISTENZ-KAMPF
Für die Arbeiterselbsthilfe, dort draußen im Urselbachtal, vor den Toren Frankfurts, gehört das Leben an der Hungerschwelle inzwischen zur Unternehmens-Geschichte. Es war ein dorniger Existenzkampf, über den die Anteilseigner der "Allgemeinen Sortiments- und Handelsgesellschaft" heute gern mit einem Quäntchen Genugtuung berichtet. Michael, Stefan, Roswitha hocken am runden Nußbaumtisch im weitläufig ausgebauten ASH-Café. Roswitha sagt: "Zwei Jahre sind wir über Hinterhöfe und Schrottplätze gezogen. Es gab nur Billig-Bier und jeden zweiten Tag Spaghetti. Nur wenn es uns einigermaßen ging, leerten wir gemeinsam eine Zwei-Liter-Flasche von Aldi aus.
DEPRIMIERENDE DRECKLÖCHER
Michael erzählt: "Natürlich hatten wir kein Geld. Und wo kein Kapital ist, da bleiben halt nur die Schrottplätze. Aber es waren deprimierende Drecklöcher. Im Winter haben wir uns in einer schimmelfeuchten Baracke alle in einem Umkreis von zwei bis drei Metern um einen Kohleofen gedrängt. Wir guckten durch ein vergittertes Fenster auf die Schrottberge und sahen nicht einmal dort eine Perspektive für uns, weil hier schon Neubauten angesagt waren." Stefan ergänzt: "Wir zogen in die leerstehende Fabona-Fabrik um. Dort hatte der Wind jeden Schlupfwinkel ausgemacht. Mit zehn Mann wohnten wir in einem durch Gipswände notdürftig hergerichteten Zimmer. Vor der großen Tür begann gleich unser Möbelverkaufsraum. Auf der Suche nach passenden Möbeln standen die Kunden plötzlich vor unseren Matratzen."
80 STUNDEN MALOCHE IN DER WOCHE
Roswitha meint: "Ein Albtraum war das damals. Über achtzig Stunden malochten wir in der Woche.Wir renovierten, tapezierten, restaurierten, nachts schrieben wir die Verkaufs-Flugblätter und Zeitungsannoncen. Morgens bibberten wir überreizt den ersten Kunden entgegen. Und das alles für einen Stundenlohn von maximal 30 Pfennig. Einige sind dann vom Ausstieg wieder ausgestiegen. Die haben sich gesagt: Aber für die meisten gab es nur eine Alternative: weitermachen oder untergehen. Zurück ins normale Lebe? Nein Danke."
"KEINE MACHT FÜR NIEMAND"
So harrten Michael, Stefan, Roswitha und Co. Jahr um Jahr in ihren Verliesen aus, bis sie endlich ihre Marktlücke fanden und sich zu einer bürgerlichen GmbH durchgenagt hatten. Ihre gemeinsame und immer wieder ins Gedächtnis zurückbeorderte Erfahrung aus den siebziger Jahren half ihnen dabei. Es waren jene Zeiten, in denen in Frankfurt die Häuserkämpfe zu para-militärischen Auseinandersetzungen entglitten, in denen der Spruch "keine Macht für niemand" die Entfremdung artikulierte, die zwischen Staat und Jugendlichen oft in Zehntelsekunden entstehen konnte und heute in der alternativen Szene fortlebt.
WIRTSCHAFTLICHE EIGENDYMNAMIK
Der damals vollzogene Bruch ließ noch keine volkswirtschaftliche Eigendynamik erahnen, wurde zunächst erst einmal gar nicht zur Kenntnis genommen. Anfang der achtziger Jahre hingegen existiert bundesweit eine Wirtschaft, die ihre eigenen Maßstäbe in sich trägt. So sind alternative Betriebe in erster Linie für Grüne, Bunte, Heteros, Homos, Ökos und Sparökonomen da. Fast 65 Prozent aller Unternehmen werkeln fürs eigene Milieu. Die übrigen 30 Prozent zählen zu den reinen Eigenarbeits-Projekten, die sich auf Therapie- und Frauengruppen oder Stadtteil-Zentren konzentrieren.
SELBSTVERWIRKLICHUNG
Eine alternative Bewegung, deren wichtigstes Ziel die Selbstverwirklichung oder auch die neue Sinnlichkeit ist, sieht natürlich kaum ihr Primat darin, irgendeine Ware herzustellen und diese im bürgerlich-kapitalitischen Sinne an den Mann oder auch die Frau zu bringen. Der Berliner Politologe Joseph Huber recherchierte, dass nur zwölf Prozent im engeren Sinne produktiv tätig sind - in der Landwirtschaft und im Handwerk. Ganze neun Prozent der Szene engagieren sich in Handel und Verkehr, 18 Prozent widmen sich ausschließlich der politischen Arbeit. Den Löwenanteil von 60 Prozent machen Buchläden, Kinos, Galerien, Theater, pädagogische Einrichtungen, Zeitschrift und Publikationen aus.
ALTERNATIVE PRESSE
Die alternative Presse - meist Stadtteilzeitungen oder Flugschriften - begreift sich als Gegenöffentlichkeit für unterbliebene, oft auch zu kurz gekommene Nachrichten in den professionellen Medien. Ihr Wesensmerkmal ist Spontaneität und Betroffenheit. Die Trennung von Machern und Konsumenten ist größenteils aufgehoben. Schon 1976 kamen nach einer Bestandsaufnahme des Bonner Familienministeriums 100 alternative Publikationen auf dem Markt. Zwei Jahre später schlossen sich die zwölf größten alternativen Stadtillustrierten zur "Szene-Programm-Presse" zusammen und erreichten seither eine Gesamtauflage von über 200.000 Exemplaren. Bereits 1980 zählte das alternative Deutschland über 240 Zeitungen. Gegenwärtig addiert sich die Gesamtauflage auf mehr auf 1,6 Millionen Exemplare monatlich.
GEGEN-ÖFFENTLICHKEIT
An der Spitze der Gegen-Öffentlichkeit rangieren die beiden Frauen-Zeitschriftgen Emma (Auflage: 130.000) und Courage (70.000), gefolgt von Zitty, Berlin (45.000), Szene, (Hamburg (40.000), Oxmox , Hamburg (42.000), tageszeitung, Berlin (15.000), Pflasterstrand, Frankfurt (15.000), Auftritt, Frankfurt (25.000), Stadtrevue, Köln (22,00), Hamburger Rundschau (18.000), Blatt, München (15.000) und dem Plärrer aus Nürnberg mit 10.000 Exemplaren.
TRUGSCHLÜSSE
Die oft verbreitete Ansicht, der Ausstieg aus der bundesdeutschen Gesellschaft ziehe sogleich eine radikale Abkopplung vom eingespielten Wirtschaftsgefüge nach sich, ist ein Trugschluss. Betriebswirtschaftlich gesehen, können zahlreiche Projekte nur überleben, weil ihnen Zuschüsse aus dem etablierten Wirtschaftskreislauf sicher sind. Nur etwa 40 Prozent der Einnahmen in den alternativen Projekten stammen aus eigenständig erwirtschafteten Erlösen, an die 60 Prozent rekrutieren sich überwiegend aus Zuschüssen von Kirche und Staat. Oder sie fließen aus Eigensubventionen wie etwa abgezwackten Privateinkommen, Solidaritätsspenden, Fördervereinen und so weiter.
VOM BAFÖG BIS SOZIALHILFE
Folglich sind alternative Betriebe gegenwärtig auch kaum imstande, ihre Leute zu ernähren. In der Hälfte der Projekte beziehen alle Mitarbeiter ihre Überlebensgelder von Ehepartnern, Eltern, Freunden, oder sie kassieren Sozialleistungen wie BAFöG, Wohn-, Arbeitslosen- und Sozialhilfe - im moderenen Hochdeutsch Hartz IV genannt. Weitere 30 Prozent der Unternehmen können nur einem Teil ihrer Mitglieder ein kleines Salär auszahlen. Lediglich 20 Prozent der alternativen Projekte erwirtschaften für alle Mitarbeiter ein regelmäßig abrufbares Gehalt: Monatliche Vergütungen, die sich zwischen 500 und 1.000 Mark, in den seltensten Fällen um die 1.500 Mark bewegen. Und die auch oft nur deshalb diese Größenordnung erreichen, weil Steuern, Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge erst gar nicht abgeführt werden.
BANK OHNE ZINSEN
Im Herbst 1978 gründeten Alternativen und ihre Sympathisanten in Berlin das "Netzwerk Selbsthilfe e. V." In der Praxis bewährt sich dieser eingetragene Verein als eine Bank ohne Zinsen. Er vergibt nach Maßgabe seines Kreditausschusses Darlehen und Zuschüsse an unterkapitalisierte Projekte, "die
0 demokratische Selbstverwaltung praktizieren
0 nicht auf indiviuellen Profit ausgerichtet sind;
0 modellhaft alternatives Lebens- und Arbeitsformen erproben beziehungsweise
emanzipatorischen oder aufklärerischen Charakter haben;
0 mit ähnlichen Projekten kooperieren statt konkurrieren;
0 personell und organisatorisch Kontinuität und längerfristig wirtschaftliche Tragfähigkeit gewährleisten".
RASENDES SPARSCHWEIN
Mitglied des Netzwerkes kann jeder werden, der bereit ist, monatlich einen Spendenbetrag zu zeichnen. Ihr Erkennungszeichen, ein rasendes Sparschwein, hat auf diese Weise schon über vier Millionen Mark verschluckt und in mehr als 100 Alternativ-Betrieben bundesweit wieder ausgespuckt. Ob beim Unabhängigen Jugendzentrum in Hannover, im Bremer Frauenhaus, bei der Frankfurter Arbeiterselbsthilfe oder in der Berliner "Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk" - die Bank ohne Zinsen planiert für die oft idealistischen Lebensziele zumindest ein Stück es Weges und sorgt dafür, dass sich Alternative nicht nur um sich selbst, sondern auch um Ausländer und Behinderte, Drogenabhängige und Trebegänger kümmern können.
KRISE DES WACHSTUMS
Dass in der Bundesrepublik innerhalb eines knappen Jahrzehnts eine im wahrsten Sinne des Wortes alternative Wirtschaft entstand und dass diese Gruppierung, die wegen ihrer vielschichtigen Struktur wohl besser als "Szene" bezeichnet wird, immer noch wächst, bringt nicht zuletzt mit Krise des Wirtschafts-Wachstums zusammen. Denn die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums sind zugleich Grenzen des Sozialstaats. Der vor allem in den siebziger Jahren vertretene Staatsanspruch, für den Bürger alles regeln und lenken zu wollen, wird künftig schon aus finanziellen Gründen nicht mehr einzulösen sein. Die atemberaubenden technologischen Innovationsschübe, auf den Weltmärkten, insbesondere in den Bereiche Mikroelektronik und Informationstechnologie, drücken in diesem Jahrzehnt den Arbeitsfaktor Mensch immer stetiger und unausweichlicher aus dem Wettbewerb heraus.
ARBEITSLOSE ÜBER ARBEITSLOSE
Dem technischen Wandel und der damit verbundenen Rationalisierung fielen schon Anfang der siebziger Jahre jährlich drei Prozent aller Arbeitsplätze zum Opfer. Vertrauliche Gutachten der Industriegewerkschaft Metall gehen bereits davon aus, dass dieses Land Ende der achtziger Jahre sechs Millionen arbeitslose Menschen beherbergen dürfte.
FORTSCHRITTS-GLAUBE
Während die Mehrzahl der etablierten Politiker noch immer glaubt, die negativen Folgen des technischen Fortschritts und der Wirtschaftskrise mit den konventionellen Wachstumsrezepten kurieren zu können, fehlt es der Alternativbewegung an Motivation, diesen mitzutragen. Kaum einer weiß, welche Fundamente die pathetisch hochgepriesene Zukunft noch hat. Unübersehbar dagegen ist, wie Wälder vernichtet, Städte zubetoniert, Flüss und Luft verseucht werden oder Kernkraftwerke mit ihren uneinschätzbaren Risiken entstehen - und das alles nur um des Wachtums willen. Die geradezu trotzigen Anstrengungen, durch einen erneuten wirtschaftlichen Boom wieder eine Dekade des Wohlstands und damit der sozialen Versorgung erreichen zu können, lassen geflissentlich außer acht, dass gerade dieses Wachstum den emotionalen und psychischen Grundbedürfnissn der Alternativszene diametral entgegensteht.
BÜRGERLICHER ZERFALL
Für die alternative Schattenwirtschaft kommentierte der Frankfurter Pflasterstrand, das Zentralorgan der Spontis, die eklatanten Einbrüche der bürgerlichen Wirtschaft so: "Diese Krise ist keine Flaute, sie hat Substanz. Die Überflussgesellschaft ist realisiert, und in ihrer Realisierungf steckt ihr Zerfall. Liest man die Wirtschaftsseiten der Zeitungen genau, kommt eine simple Botschaft heraus: Ökonomisches Wachstum gibt es immer dann, wenn bei breiten Schichten Mangel und Bedürfnis herrschen. In einem Zeitalter, in dem 98 Prozent einen Kühlschrank und jeder zweite ein Auto besitzt, stagnieren die Märkte: Mehr Konsum mit anderen Produkten, Kapitalisierung des Dienstleistungsgewerbes, Verkabelung, Digialisierung der TV-Kanäle - all dies wird den ökonomischen Verfall bremsen, aufhalten vielleicht, aber irgendwann ist selbst das hungrigste Schwein einmal satt . . . Eine Alternative dazu müsste, ebenso wie die Krise selbst, mehr Sustanz besitzen, auf einen völlig anderen Umgang mit Zeit, Geld, Arbeit und Konsum hinarbeiten, die notwendige Stagnation des Wachstums umverteilen."
EPOCHE KULTURELLER VERÄNDERUNGEN
Zu ähnlichen Ergebnissen wie der von Daniel Cohn-Bendit herausgegebene Pflasterstrand (1976-1990) kam der von Alternativen viel gelesene Franzose Alain Touraine seines Zeichens ein Industriesoziologe des sozialen Wandels Mitte der siebziger Jahre. Er schrieb: "Wir leben in einer Zwischenzeit, in der sich kulturelle Veränderungen und gesellschaftliche Konflikte so sehr vermische, dass sie sich nicht voneinander trennen lassen", textete Touraine in seinem Buch "Jenseits der Krise" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1976). Gemeint ist damit ein schleichender Strukturumbruch in den westlichen Arbeitsgesellschaften, der sich erst allmählich und nur über veränderte Werteinstellungen in der Praxis durchzusetzen vermag. Touraine benennt fünf aufeinanderfolgende Entwicklungsphasen des Übergangs von der Industriegesellschaft in die nachindustrielle Gesellschaft: Soziale Krise, kulturelle Krise, kultureller Wandel, sozialer Wandel, politische Auseinandersetzung.
AUSEINANDERBRECHEN
Er prophezeite ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft in große technokratische Einheiten auf der einen Seite und eine Bewegung der Verweigerung und Gewalt auf der anderen. Die neuen, klassenunabhängigen, gesellschaftlichen Strömungen, so Touraine, müssten zum Gegenangriff übergehen, um die Herrschaft über die Entwicklungskräfte zu übernehmen. Ihr Ziel sei die Wiederherstellung sozialer Beziehungen, der Bestand einer Gesellschaft, die sich als Netz kommunikativer Beziehungen und nicht mehr als Energie verbrauchende Maschine definiere. Touraine: "Wollen wir aus der Krise herauskommen, so müssen wir lernen, die neuen Ufer, auf die wir zusteuern, die Imperien, die sich herausbilden, und die Kräfte, die ihnen im Kampf entgegentreten können, ins Auge zu fassen."
AVANTGARDE
Ob bewusst oder unbeachsichtigt, ob aus eigener unternehmerischer Kraft oder mit Hilfe der angeschlagenen kapitalistischen Wirtschaft - in die Rolle einer soziol-ökonomischen Avantgarde ist die alternative Bewegung bereits hineingewachsen. Beinahe unmerklich und für viele noch immer nicht erkennbar, hat sie die Grenzen überschritten, die gemeinhin das Wirtschaftliche vom Kulturellen, den Gelderwerb von der Selbstverwirklichung trennen. Die althergebrachte These, die Bedeutung schattenökonomischer Betriebsamkeit nehme besonders in Depressionszeiten zu, ist sicher richtig. Aber sie reicht nicht mehr aus, die Existenz der Alternativ-Bewegung zu erklären. Denn sie verkürzt die Alternativ-Wirtschaft auf eine mehr oder minder saisonale Erscheinungsform, die sich bei entsprechender Konjunktur auch wieder eindämmen liesse. Was der alternativen Schattenwirtschaft dagegen ihre Dimension gibt, ist die Tatsache, dass sie schon heute volkswirtschaftlich und sozialpolitisch bedeutende Felder besetzt und mit ihren facettenreichen Wesensmerkmalen neu gestalten dürfte.
ÖFFENTLICHE AUFGABEN FÜR AUSSTEIGER
Einen deutlichen Hinweis darauf lieferte eine Untersuchung des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin. Anhand von 64 Berliner Alternativ-Projekten wiesen Wissenschaftler nach, welche öffentlichen Aufgaben die so genannte Aussteiger-Generation in eigener Regie bereits übernommen hat und weitsichtig lösen will. Auszüge aus der Stellungnahme:
0 Beschäftigungspolitisch schaffen Alternativprojekte Arbeitsplätze. Allein in Berlin haben sie aus eigener Kraft mindestens 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze neu eingerichtet. Es ist allgemein bekannt, dass Großunternehmn trotz aller Riesensubentionen in den letzten zehn Jahren keinen Arbeitslosen von der Straße geholt haben. Der Zuwachs an Arbeitsplätzen kommt heute ausschließlich von Klein und Mittelbetrieben sowie von Dienstleistungsprojekten. Dies gilt für alle westlichen Industrieländer.
0 Wirtschaftspolitisch tragen Alternativ-Projekte dazu bei, die durch Konzentration und Monopolisierung schwer beschädigte Struktur von Kleinbetrieben wieder aufzubauen. Kleinbetriebe und Einrichtungen vor Ort sind das A und O einer lebensnahen Versorgung der Bevölkerung.
0 Stadtpolitisch helfen Alternativ-Projekte damit, mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Sie sind überwiegend stadtteil- und nachbeschaftsbezogen. Sie sind ein Stück praktizierte Stadtteil- und Gemeinde-Entwicklung.
0 Jugendpolitisch sind Alternativ-Projekte weit wirksamer als vergleichbare staatliche Einrichtungen. Die Einbindung in lebendige Arbeits- und Lebenszusammenhänge erfolgt in Alternativ-Projekten eben tatsächlich und ist keine aufepfropfte instituionelle Kontrolle.
0 Sozialpolitisch sind Alternativ-Projekte Kosten sparend und in der Methode wegweisend. An Sozialarbeiterschulen werden sie nicht umsonst als eine Möglichkeit "präventiver Sozialarbeit" betrachtet. Sie entlasten Arbeitsmarkt und Sozialhaushalt gleichermaßen, indem sie Menschen auffangen, die anderenfalls als sozial Benachteiligte den Sozialstaat in Anspruch nehmen müssten. Darüber hinaus schaffen die Projekte für ihre Mitglieder Einkommen, erübrigen teure Gebäu-, Einrichtungs-, Betriebs- und Personalkosten und ersparen Arbeitslosen- und Sozialgelder.
STEUERGELDER FLIESSEN
Folgerichtig beantragen die 64 Alternativprojekte einen finanziellen Zuschuss vom Berliner Senat. Mit zunächst 20 Millionen Mark sollen weitere 500 neue Arbeitsplätze eingerichtet werden. Schon in naher Zukunft würden jährlich etwa 40 bis 50 Millionen Mark benötigt, weil nur "die echte Hilfe zur Selbsthilfe" den Menschen Arbeitsplatz orientierte Perspektiven vermitteln könne. Zu dem von Aussteigern und Verweigerern bisher ungewohnten Ansinnen, ihre Arbeit mit der Unterstützung von Steuergeldern auszubauen, machte der Berliner Hochschullehrer Peter Grottian den Parlamentariern folgende Rechnung auf. "Wenn Arbeitsmarkt-Programme von 960 Milionen Mark lächerliche 1.517 Arbeitsplätze gebracht haben und die laut Helmut Schmidt (Bundeskanzler 1974-1982) investiertenm 55 Milliarden Mark bei angeblich 900.000 erhaltenen oder neu geschaffenen Arbeitsplätzen pro Arbeitsplatz 55.000 Mark an Steuergeldern gekostet haben, wird die Frage erlaubt sein, wie viele selbstorganisierte Arbeitsplätze in kollektiven Alternativbetrieben mit diesem Geld hätten geschaffen werden können."
ALTERNATIVE SCHATTEN-ÖKONIOMIE
Das langsame Eindringen der Alternativ-Bewegungen in die etablierten sozialen Versorgungssysteme und in de offiziellen Wirtschaftskreisläufe bestätigt die Theorie des Sozialwissenschaftlers Gerd Vonderach. Der Oldenburger Hochschullehrer entwickelte die inzwischen weithin anerkannte These, dass sich die alternative Schatten-Ökonomie "eine neue Art von Selbständigkeit" abzeichnet. Sie sei Resultat eines krisenhaften Strukturumbruchs und werde vor allem von jungen Menschen als Ausweg aus erschwerten Berufskarrieren und als Alternative zu den vorherrschenden Arbeitsrollen angestrebt. Ausgangspunkt und Wertorientierung der neuen Selbständigen, so Gerd Vonderach, unterschieden sich von den Selbständigen bishertiger Art. Denn, so seine Analyse, die meisten neuen Selbständigen fänden weder durch ererbten Besitz oder familiäre Tradition noch in professioneller Weise zur selbständigen Existenz. Ihre Arbeit sei einerseits für sie ökonomisch notwendig, andererseits aber Ausdruck ihres Versuchs, selbstbestimmte und unentfremdete Arbeits- und Lebensformen zu entwickeln. Vonderach: "Der neue Selbständige ist einerseits engagiert und ernsthaft, andererseits spielerisch und experimentell. "So kennt er für seinen Job im Vergleich zur bürgerlichen Gesellschaft nur eine geringe Professionalisierung, in den seltensten Fällen eine diplomierte Qualifikation für seinen Beruf. Gleichwohl kann er auf ein meist überdurchschnittliches Schul- und Ausbildungsniveau verweisen. Berufliche Fertigkeiten lernt er erst bei der Arbeit.
KULTURELLE ENTFALTUNG
Eigenschaften dieser Art lassen wohl kaum auf eine Sorte Mensch schließen. Die teilweise ganz vollzogene Abwendung von den erwerbswirtschaftlich-bürokratischen Arbeitsformen und -inhalten ebnet vielmehr im alltägliche Leben die Chance zur Selbstverwirklichung und zur Sinnvermittlung. So glaubt Vonderach, dass de oder Selbständigkeit "als eine praktische Dominanz des kulturellen Selbstentfaltungsanspruchs über die Effiktivitätsprinzipien der vorherrschenden beruf-wirtschaftlichen Sphäre" verstanden werden sollte.
ZWEIGETEILTES WIRTSCHAFTS-SYSTEM
Dennoch zwingt chronische Unterkapitalisierung und schwache Konkurrenz-Situation viele neue Selbständige zu Kompromissen zwischen ihren Ansprüchen und der wirtschaftlichen Realität. So fließen die Grenzen vom informellen Schattensektor zum formellen Absatzmarkt nahtlos ineinander über - ein ökonomisches Spektrum, das von Eigen- und Gemeinschaftsarbeit bis hin zur Geld- und Erwerbswirtschaft reicht. Dessen ungeachtet sind die Weichen in Richtung eines zweigeteilten Wirtschaftssystems in Deutschand längst gestellt . Die alternative Schattenwirtschaft bildet den Ausgangspunkt.
DEZENTRALE PRDUKTION
Sie verkörpert schon heute einen Gegenbereich der dezentralen Produktion und Versorgung, der sich von der zentralen Großtechnologie und Bürokratie abhebt. Für Jugendliche, die offiziell arbeitslos sind, ohne je gearbeitet zu haben, ist er zumindest zeitweilig eine Art Auffangbecken. Für ältere Menschen, die aus dem Berufsleben ausgesiebt worden sind, könnte die alternative Schattenwirtschaft ein Übergangsstadium bis ur Pensionierung sein. Ganz im Sinne eines abgewandelten Zitats von Emile Durkheim (französischer Soziologe, Ethnologe *1858+1917 ), der schon 1895 notierte: "Wäre es auch richtig, dass wir gegenwärtig unser Glück in einer industriellen Zivilisation suchen, so ist es keineswegs gewiss, dass wir es später nicht anderwärts suchen werden."