Donnerstag, 11. August 1977

Irgendwo in Afrika - Massenmorde unter schwarzen Diktatoren



























































stern, Hamburg
11. August 1977
von Reimar Oltmanns


Überall Tote, mit Macheten zugerichtete Menschen - Präsidenten-Garden als Killer-kommandos, der Mob plündert, vergewaltigt, foltert im Busch. Leichen, Tierkadaver. Kaum einer will da noch flüchtigen Blickes rasch unterscheiden. Verwesungsgestank. Keiner kann, keiner mag mehr zählen. Nur weg hier, nur raus aus diesen Blut getränkten Staaten dieses geschundenen Kontinents - fliehen. Aber nur wohin unter Afrikas weitflächigen Diktatoren-Kartell. Hunderttausend, Fünf-hunderttausend, eine Million blindwütig ermordeter Menschen ? - Willkür-Opfer am Victoria-See in Ost-Afrika. Es waren meist vom Westen hofierte und üppig ausstaffierten Schlächter vergangener 


Jahrzehnte. Spaniens Macías von Äquatorial Guinea, Englands gehätschelter Idi Amin aus Uganda oder Frankreichs feudaler Statthalter Bokassa I. von der Zentralafrikanischen Republik. - Randnotizen aus einer längst eingemotteten, verdrängten Epoche. Albträume, die im Zimbabwe des Tyrannen Robert Mugabe im Jahre 2008 nach nahezu 30 Jahren eine bedrückende Aktualität erfahren.

Für die westliche Welt ist er eher ein Clown als ein ernst zu nehmender Staatsmann. Ugandas Dr. h.c. Idi Amin Dada, Generalstabschef und Präsident auf Lebenszeit (*1928+2003). - Mal bietet er den Engländern Bananen an, um ihre Wirtschaftskrise zu überwinden. Mal wünscht er dem "lieben Bruder" Richard Nixon (*1913+1994) schnelle Genesung vom Watergate-Skandal. Seine 31 Kinder stellt er der ugandischen Bevölkerung mit dem Hinweis vor: "General Amin ist ein guter Scharfschütze." Und weil dem wirklich so sein soll, kündigt gleich weitere Geburten an: "Diesmal ist es möglich, dass unter den Müttern Amerikanerinnen sind."
ALLMACHT-FANTASIEN
Wenn Idi Amin (Gewaltherrscher 1971-1979) nicht laut zu Elefanten und Krokodilen spricht, wenn er nicht mit zwei Panzern, einem Hubschrauber und einer Handvoll Soldaten die Eroberung der Golan-Höhen spielt, dann jagt er mit seiner Triller-Pfeife den deutschen Botschafter Richard Ellerkmann (1974-1977) im knielangen Sportdress über die Aschenbahn des Stadions von Kam-pala und biegt sich vor Lachen über den schweißgebadeten Diplomaten, der auf gute Beziehungen zum Diktator und Menschenschlächter größten Wert legt.
IMMER GUT FÜR EINEN HIT
Idi Amin Dada ist immer gut für einen Hit, der Schlag-zeilen macht. Er ist ein Neger, der dem Stereotyp mancher Europäer entspricht. Ein Zwei-Meter-Mann, der 120 Kilo auf die Waage bringt und dessen kurze Nase sich von seinem großen, kugelrunden Kopf kaum hervorhebt. Idi, "Stimme Afrikas", lässt andere Staats-männer auf dem schwarzen Kontinent neben sich verblassen.
DRITTE KAISER DER WELT
So den Führer der Zentralafrikanischen Republik Jean-Bédel Bokassa (*1921+1996). Seit Dezember 1976 hat die Welt neben dem japanischen Tenno und dem Schah Resa Pahlewi einen dritten Kaiser: Bokassa I. Er musste erst vor kurzem seinen Rock verlängern lassen, weil er die vielen Orden, die er sich selbst verliehen hatte, nicht mehr anstecken konnte. Das Protokoll am Kaiserlichen Hof zu Bangui ist streng und mit dem Zarentum im 17. Jahrhundert zu vergleichen. Niemand darf der Majestät näher kommen als sechs Meter. Wenn bei einer Audienz der Kaiser etwas fragt oder sagt, hat der "durch die Allerhöchste Gegenwart Geehrte" zu sagen: "Ja, Euere Kaiserliche Majestät." Eine Krone aus Gold und Hunderten kostbarer Edelsteine, ein Reichsapfel, ein prunkvolles Zepter sowie einen Zwei-Zentner-Thron ließ Bokassa I. in Paris und Antwerpen für seine Kaiser-Krönung anfertigen.
MACÍAS BILDER - MACÍAS BÜCHER
In Äquatorial-Guinea hat sich Präsident Francisco Macías Nguema (*1924+1979) zwar weder einen Dok-torhut noch eine Krone aufsetzen lassen, dafür gibt die einzige Bibliothek des Landes nur Bücher von und über Macías heraus. Die amtliche Anrede, "einziges Wunder von Äquatorial-Guinea", muss von jedem strikt einge-halten werden, der zum Präsidenten vorgelassen wird. In den Schulen und Kirchen hängen, leicht nach oben versetzt, Macías-Bilder neben Kruzifixen. Und das Glaubensbekenntnis der Nation lautet: "Gott schuf Äquatorial-Guinea nach dem Willen von Papa Macías."
"WITZFIGUREN" EINER EPOCHE
Idi Amin, Bokassa I. und Macías mögen für Euro-päer "Witzfiguren" sein. Doch ihre Namen sind Synonyme für die schrecklichsten Massenmorde auf diesem Erdteil in der zweiten Hälfte des 20. Jahr-hunderts. In Uganda, "der Perle in Afrikas Krone" (Nationalhymne) , sind nach Schätzungen der Internationalen Juristen-Kommission und amnesty international seit 1971 - er putschte gegen Präsident Apollo Milton Obote ( *1924+2005) - zwischen 100.000 und 500.000 Menschen ums Leben gekommen. Die internationalen Gremien sind in Amins Reich auf Mut-maßungen angewiesen, weil Hitler-Verehrer Amin im Gegensatz zu seinem Idol auf preußische Buch-führungen keinen Wert legt und Statistiken verbot.
EHRENDENKMAL FÜR HITLER
Der Londoner "Guardian" hat als erste Zeitung einen Vergleich zwischen Adolf Hitler und Idi Amin gezogen. In einer Karikatur fragt Amin den Führer des Tausend-jährigen Reiches: "Ich habe die Minderheiten verfolgt, die Juden verurteilt und eine Nacht der langen Messer veranstaltet. Haben Sie eine Idee, wo ich meinen Bunker bauen könnte?" Idi Amin, der in seinen "Träumen so oft mit Gott Zwiesprache hält", hatte selbst eine Idee. Über Radio Uganda ließ der Diktator die Nachricht ver-breiten, er wolle Hitler ein Ehrendenkmal bauen lassen, das er persönlich einweihen werde. An UN-General-sekretär Kurt Waldheim (*1918+2007, Mitglied des NS-Studentenbundes und des SA-Reitenkorps) telegrafierte er gar: "Hitler hat zu Recht sechs Millionen Juden bei lebendigen Leib mit Gas verheizt, denn die Juden handeln gegen die Interessen der Völker."
HETZE , POGROME
Pogromstimmung im Sportstadion zu Kampala. Es ist der 16. Februar 1977. Idi Amins "State Research Bureau" - Staatsuntersuchungsbüro - hat wieder einmal eine Verschwörung gegen den Staatspräsidenten aufge-deckt. Diesmal sind es der Erzbischof Janani Luwum sowie die Minister Oboth Ofumbi und Oryema, die einen Staatsstreich geplant haben sollen. Sie sind ins Stadion gebracht worden, um vor der Öffentlichkeit als Verschwörer abgestempelt zu werden. Auf der Ehren-tribüne sitzt das diplomatische Korps der Ostblock-staaten, die Botschafter Italiens, Frankreichs und der Bundesrepublik. In der Arena stehen dreitausend Soldaten Gewehr bei Fuß. General Mustapha Adriki, Vizepräsident Ugandas, heizt die Masse auf: "Diese Männer haben mit den Feinden Feldmarschall Dr. Amins konspiriert. Was sollen wir mit ihnen tun?"
"BRINGT SIE UM"
"Bringt sie um!" brüllen die Soldaten. Sie stoßen rhythmisch die Fäuste in die Luft und rufen immer wieder: "Bringt sie um, Tod den Verrätern!" Die Botschafter applaudieren dem Diktator, als Amin ans Mikrofon tritt: "Mein Volk, ihr seid im Recht. Wir können diese Verräter aber nicht sofort umlegen. Sie sollen einen fairen Prozess haben." Wieder dezentes Klatschen von der Diplomaten-Bank. Charles Harrison, vom britischen Fernsehen BBC, konnte als einziger aus-ländischer Journalist diese Szene beobachten. Er sagte später: "Amin wollte den Botschaftern dokumentieren, dass er einer der Harmlosesten in der Armee ist. Ohne seine Autorität hätten die Soldaten die Gefangenen an Ort und Stelle zerrissen."
LETZTE STUNDEN DES ERZBISCHOFS
Doch was nutzte es. - Vier Stunden nach dem makabren Massenauftritt waren der Bischof und die beiden Minister tot. Die letzten Stunden des anglikanischen Erz-bischofs sind inzwischen durch Augenzeugenberichte und Indiskretionen ugandischer Regierungsbeamter aufgeklärt. Luwum wurde vom Stadion erst in das internationale Konferenzgebäude von Kampala - gleichzeitig die Residenz der Sicherheitsdienste - gebracht. Gefesselt fuhren ihn Sicherheitsoffiziere dann in Amins Ausweichquartier, die Nakasero Lodge bei Kampala. Dort warteten auf ihn, Amin, sein Stellvertreter Mustapha Adriki und sieben weitere Offiziere. Die besorgte Tageszeitung "Uhuru" (Freiheit), die allerdings im Nachbarland Tansania erscheint, schilderte in grosser Aufmachung: "Bischof Luwum wurde ins Zimmer gestoßen. Amin verlangte von ihm eine Unterschrift unter ein vorbereitetes Dokument, dass er, Luwum, in die Vorbereitungen zum Sturz Amins ver-wickelt gewesen sei. Luwum bestritt die Anschuldi-gungen und verweigerte die Unterschrift. Amin forderte Luwum auf, niederzuknien und ihm um Verzeihung zu bitten. Als sich der Bischof beharrlich weigerte, befahl Amin sechs Soldaten ins Zimmer.
NILPFERDPEITSCHEN ... ...
Sie nahmen dem Seelsorger die Fesseln ab, warfen ihn zu Boden und rissen ihm die Kleidung vom Körper. Dann schlugen ihn zwei Soldaten auf Anordnung Amins mit Nilpferd-peitschen zusammen. Der Bischof begann zu beten, was Amin noch mehr in Wut brachte. Er trat ihn, schlug ihn. Schrie: 'Unterschreib!' Aber der Bischof unterschrieb nicht. Amin: 'Ich habe den Bischof und die Missionare schon einmal gewarnt. Jetzt wird Gott sie strafen, weil sie ungehorsam sind.' "
RADIO UGANDA BERICHTET
Die Nachrichtensendung von Radio Uganda - es war halb acht abends - unterbrach die Sitzung. Der Sprecher verlas abermals die Meldung, dass der Bischof und die Minister verhaftet worden seien. Amin befahl, das Radio abzustellen. Dann spielte er Gott. Die Journalisten vom "Uhuru" schilderten: "Er zog die Pistole und schoss zwei Mal auf den Bischof, in die linke Brust. Luwum war sofort tot. Seine Leiche wurde auf einen Polizei-Landrover gelegt. Kurz darauf kam ein zweiter Land-rover mit den Leichen der beiden Minister. Niemand durfte bis zum nächsten Morgen darüber reden." Die Frühnach-richten von Radio Uganda verbreiteten die Version vom "Unfalltod". Die Gefangenen hätten während ihres Transports fliehen wollen. Dabei sei der Wagen ins Schleudern geraten und habe sich über-schlagen.
MACHTHUNGRIG UND VERRÜCKT
Im Ausland glaubte es keiner. In einem Gedächt-nisgottesdienst für den ermordeten Luwum sagte der kenianische Bischof Lawi Imathiu in der überfüllten Allerheiligen-Kathedrale in Nairobi: "Es ist die Ironie, dass die 'Organisation der Afrikanischen Einheit' (OAU) und die Kirche von Afrika die weißen Regimes im südlichen Afrika verurteilen und gegenüber den Söhnen und Töchtern Afrikas blind sind, die unter macht-hungrigen Verrückten und solche Leuten leiden, die Unschuldigen nach dem Leben trachten." Kenias Staatspräsident Jomo Kenyatta (*1893+1978 ) hatte Amin schon früher als "einen Idioten" und Sambias erster Regierungschef Kenneth David Kaunda als "einen Verrückten" bezeichnet.
NACHRICHTENSPERRE FÜRS AUSLAND
Die internationale Proteste von US-Senatoren, englischen Unterhaus-Abgeordneten und schwedischen Ministern beantwortete Amin lapidar: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst." Gleichzeitig verhängte der Diktator eine Nachrichtensperre fürs Ausland, um "die Gräuelmärchen und Lügengeschichten zu stoppen, die von Journalisten erfunden werden", erklärte Amin.
ÜBERRESTE VON MENSCHEN
Nach der Ermordung des Bischofs reiste der Reporter Karl Robert Pfeffer (*1941+1979) durch Uganda: "An diesem Mittag fahren wir nicht weit - wir lassen das Gefängnis von Kampala hinter uns und auch die Kadettenschule, wo Amins Wachmannschaften gedrillt und auf ihn und den Islam eingeschworen werden. Etwa fünfzehn Kilometer vom Stadtkern Kampalas entfernt liegt die Ortschaft Nagulu. Bei Nagulu gibt es kleine Wälder, sumpfige Ausläufer des Victoria-Sees und sehr viel Elefantengras. Als wir auf der Hauptstraße nach Jinja hinter Nagulu anhalten, steht an mehreren Stellen eine hohe Rauchsäule über dem Sumpf - angeblich wird das Gras abgebrannt, und das ist alltäglich in Uganda. Aber mein Freund weiß etwas: Wir gehen zu diesem Wäldchen und tun so, als wollten wir unsere Notdurft verrichten.
Zuerst sehe ich nur die Vögel, Bussarde und andere afrikanische Fleischfresser, die abseits der Flammen kreisen, sich niederlassen, nach einer Weile wieder aufsteigen. Dann rieche ich es: süßlich, nicht sehr aufdringlich, aber eindeutig. Und dann sehe ich zwischen den Bäumen und abgebrannten Grasbüscheln etwa ein Dutzend leblose Formen, die kaum noch als die Überreste von Menschen zu erkennen sind."
TURBINEN VON LEICHEN BLOCKIERT
Wir nicht in den Sümpfen verendet, findet den Tod im Victoria-Nil, der durch einen Staudamm gesperrt wird. Alle paar Monate bleiben die Turbinen stehen - blockiert von Leichen, die der Nil anschwemmt. Eines haben die wehrlosen Opfer gemeinsam. Im berüchtigten Makindy-Gefängnis oder in der Naguruz-Kaserne richten Amins Untertanen ihre Gefangenen bis zur Unkenntlichkeit hin. - So bestialisch und brutal, wie man es sich kaum vorstellen kann.
ERSCHOSSEN - ERSCHLAGEN
Idi-Land - ein Terror-Land. Gleich als er im Jahre 1971 die Macht übernahm, rottete er seine Gegner aus. Armee-Einheiten erschossen und erschlugen Leute auf offener Straße. Auf Lastwagen wurden die Leichen ab-transportiert. In Gefängnishöfen hoben Soldaten Massengräber aus. Heute durchkämmen Amins zehn Überfall-Kommandos (Assasination squards) die kleinen Städte und Provinzen, Wohnviertel und Geschäftsgegenden. Unliebsame Kleinbauern werden von Felder, Frauen mit ihren Kindern aus Hütten geholt, weil sie einem Stamm angehören, den der Diktator zum Staatsfeind erklärt hat. Auch Angestellte in Büros und Soldaten in Kasernen werden nicht verschont. Sie alle kennen ihren Bestimmungsort, wenn sie in die Last-wagen mit dem Autokennzeichen "UUU-171" oder einer anderen x-beliebigen dreistelligen Nummer gezerrt werden. Die Naguru-Kaserne.
ENDSTATION - NAGURU-KASERNE
Wer dort hingebracht wird, hat keine Überlebenschance mehr. Aus Uganda geflohene Geschäftsleute und zahl-reiche Minister, die selbst um ihr Leben fürchteten, gaben vor der Internationalen Juristen-Kommission in Genf Amins Todes- und Folterpraktiken zu Protokoll: Die Opfer haben sich in einer Reihe aufzustellen. Der erste Gefangene wird gezwungen, sich hinzulegen. Der nächste muss mit einem Vorschlaghammer den Kopf des Vordermannes zerschmettern. Dann ist er selbst dran. - "Hinlegen - zerschlagen - hingelegen", lauten die Kommandos der Soldaten. Bis nur noch einer übrig-bleibt. Der wird erschossen. Wenn Amins Soldaten selbst Hand anlegen, bevorzugen sie das langsame Töten (slow killing). Zuerst wird in die Arme, Beine oder in die Brust geschossen. Der Geschwundene soll sich zu Tode bluten. Einen Gnadenschuss gibt es nicht. Dem Opfer reißen Soldaten Fleischstücke aus dem Körper. Manchmal roh, meist aber über einem offenen Feuer gebraten, zwingen die Schergen es, sein eigenes Fleisch aufzuessen; bis es durch Sepsis oder Verbluten stirbt.
ZERHACKEN, ZERSCHNEIDEN, ZERMARTERN
Exekutionskommandos erschießen jeweils 25 Menschen auf den Kasernenhöfen. Anschließend werden ebenfalls 25 Gefangene aus den Zellen geholt und müssen die Köpfe der Leichen zerhacken, zerschneiden, zermartern. Zum Schluss haben sie sich in die Blut-lachen zu legen. Zu den Ugandern, die ermordet wurden, zählen Richter und Ärzte, Abgeordnete und Minister, Lehrer und der frühere Botschafter Ugandas in Deutschland, George W. M. Kamba (1969-1971), aber auch zwei Amerikaner, Nicolas Stroh und Robert Siedle. Sie wollten etwas über die Massaker erfahren und kamen dabei selbst ums Leben.
KROKODILE IM KAFU-FLUSS
Die amerikanische Zeitung "Chicago Tribune" be-richtete von einem Häftling, der entlassen wurde nach Kenia flüchten konnte: "Die Wachen kamen jeden Mor-gen, um einige Häftlinge auszuwählen, die getötet werden sollten. Sie gaben den Gefangenen Vorschlag-hämmer und Messer und befahlen, die zuvor ausge-suchten Häftlinge zu töten. Sie sagten uns, sie hätten keine Munition. Deshalb sollten wir das machen. Ich tötete drei ehemalige Polizisten. Ich stieß ihnen ein Messer ins Herz, damit sie schneller starben. Ich machte es mit der rechten Hand, während ich mit meiner linken ihr Gesicht bedeckte. Ich konnte ihnen dabei nicht in die Augen sehen ... Eines Tages wurden wir zum Kafu-Fluss gebracht, der nördlich von Kampala liegt. Wir wurden zusammengebunden und aufgefordert, in den mit Kro-kodilen verseuchten Fluss zu springen. Als wir uns weigerten, trieben uns die Wachen mit ihren Bajonetten in den Fluss. Dann waren die Schreie zu hören, als die Krokodile den Gefangenen Arme und Beine abbissen. Ich hatte Gott sei Dank Glück."
ACHOLI- UND LANGI-STAMM
Selbst seine eigenen Soldaten, Polizisten und Justiz-beamten lässt Amin rücksichtslos umbringen. Ende Februar 1977 wurden im militärischen Ausbildungs-lager Kabamba etwa fünftausend Menschen erschossen. Sie alle waren Angehörige der Acholi- und der Langi-Stämme, die mit etwa einer Millionen Menschen ein Zehntel der Elf-Millionen-Bevölkerung stellen. Amin, der zu den Moslems (600.000) zählt, behauptet, diese beiden Stämme bereiten heimlich die Rückkehr seines Vorgängers Apollo Milton Obote (Präsident Ugandas 1966-1971 und 1980-1984, *1924 +2005) vor. der heute iim Exil in Tansania lebt.
ÄRMLICHE BAUERN
Sein Blutvergießen ist jedoch nicht nur auf die Religionszugehörigkeit zurückzu-führen. Sie hat einen weiteren Hintergrund. Amin, der wahrscheinlich 1925 - keiner kennt sein genaues Geburtsdatum - im Dorf Kokobo im Distrikt West-Nil als Sohn ärmlicher Bauern geboren wurde, gehört zum Stamm der Kakwa, einer Untergruppierung des Nubier-Stammes aus dem Sudan, die die Engländer 1892 als Söldner mit ins Land brachten, um das heutige Uganda zu kolonalisieren. Dem Kakwa-Stamm eilte schon damals unter den Völkern Afrikas der Ruf voraus, die blutigsten Kämpfer des Kontinents zu sein. Bei den Ureinwohnern sind sie bis heute gefürchtet und verhasst. Der britische Major Iain Grahame, unter ihm diente Amin als Feld-webel, sagt heute über die Rekrutierung der Schwarzen: "Wir haben nicht auf die Intelligenz geachtet, sondern darauf, dass sie groß und stark waren, draufschlagen konnten und Schnelligkeit besaßen." Idi Amin hatte alles.
KAUM LESEN, KAUM SCHREIBEN
Von 1951 bis 196o war er sogar Ugandas Boxmeister im Schwergewicht. Grahame weiter: "Dass Amin einmal die Macht übernehmen würde, das wäre mir damals selbst im Traum nicht einge-fallen. Darauf ist er auch von uns nicht vorbereitet worden. Er hat keine Re-gierungserfahrung, keine Ahnung von Diplomatie oder Wirtschaft. Er kann kaum lesen, geschweige schreiben. Für ihn haben schriftlichen Arbeiten keine Bedeutung, Wenn Amin regiert, dann macht er das mündlich. Bis spät in die Nacht hinein führt er Telefongespräche mit seinen Leuten in Moskau, Nairobi, Washington und Kapstadt. Er telefoniert mit der ganzen Welt und fragt: Was ist los. Am nächsten Morgen, wenn alles noch ziemlich schläfrig in die Büros kommen, hat Amin sich entschlossen, Erklärungen zu diesem oder jenem Problem abzugeben. Von zehn Stellungnahmen sind neun unverständlich - auch für seine Minister. Zur Diskussion sagt er dann, habe er keine Zeit. Er müsse Politik machen und da zählen nur die Fakten."
KOLONIALHERREN UND IHRE SÖHNE
Die Kolonialherren von einst hatten ihre Kinder in die Unabhängigkeit entlassen. Die Parallele in ihrer per-sönlichen Entwicklung und in ihren Diktaturen ist kein Zufall. Ugandas Idi Amin und Bokassas Zentralafrika-nisches Kaiserreich. Amin kämpfte als einfacher Soldat in der britischen Kolonialarmee in Burma. Während des Mau-Mau-Aufstandes von 1953 bis 1957 in Kenia brannte er Dörfer nieder, ließ Frauen und Kinder an die Wand stellen - plünderte. Die Engländer, die von seinen Übergriffen wussten, dankten es ihm dennoch. Vom Feldwebel schaffte er als erster farbiger Soldat den Sprung ins Offizierscorps. Er wurde Hauptmann, schnell Major und noch schneller Oberst, nachdem die Briten Uganda verlassen hatten.
BOKASSA - KINDERSOLDAT DER FRANZOSEN
Jean-Bédel Bokassa (*1921 +1996) exerzierte schon mit sechzehn Jahren für die französische Armee. Diese hatte zehn Jahre vorher seinen Vater erschossen. Die Familie musste zusehen. Am Anfang des Jahrhunderts schockten die Franzosen mit ihren Sklaven-Massakern in den Niederungen am Ubangi-Fluss die Weltöffentlich-keit. Bokassas Mutter nahm sich nach dem Tod ihres Mannes das Leben. Vollwaise Jean-Bédel machte Frank-reich zu seinem Ersatzvaterland. Für die Franzosen kämpfte er zuerst gegen die Deutschen, dann in Vietnam und in Algerien. In 23 Dienstjahren brachte er es zum höchst dekotierten schwarzen Soldaten in der franzö-sischen Armee. Neunundsiebzig Orden, meist Tapfer-keitsauszeichnung vorm Feind, schmückten schon damals seine Brust. Als Ubangi-Schari 1960 unabhängig wurde, avancierte Bokassa zum Armeechef. Sechs Jahre später putschte er gegen seinen Vetter David Dacko (*1930+2003). Seither zeigt er seiner 2,5 Millionen-Bevölkerung, was er in sienen Feldzügen gelernt hat: Mord, Folter, Terror.
PETIT MARÉCHAL
Der "petit maréchal", wie Bokassa herzhaft von den Franzosen genannt wird, machte erstmals im Jahre 1972 von sich reden. An der Spitze von Kabinett und Generalstab ging er mittags ins Zentralgefängnis von Bangui, um den Dieben des Landes eine Lektion zu erteilen. Seine Soldaten hatten schon alle Vorbe-reitungen getroffen. In Zweierreihen kauerten vier Dutzende Diebe auf dem Gefängnishof. Der Präsident trat auf auf und befahl: "Pro Mann ein Dieb." Die Solda-ten schlugen auf die Diebe ein. Drei fielen tot um. Die Überlebenden wurden gefesselt auf den Marktplatz getrieben. Fünf Stunden mussten sie dort in glühender Sonne zur Abschreckung ausharren. Gleichzeitig verfügt der Staatschef: Künftig soll allen Dieben das linke Ohr abge-schnitten werden, im Wiederholungfall auch das rechte. Beim dritten Mal wird die Hand abgehackt. Am nächsten Tag lebte von den Geschundenen keiner mehr. Über Rundfunk teilte Bokassa mit: "Diese Diebe sind alle ums Leben gekommen. Wir haben ihnen die mensch-liche Würde entzogen."
UN-GENERALSEKRETÄR - "EIN ZUHÄLTER"
Als UN-Generalsekretär Kurt Waldheim (1986-1992; *1918+2007) Bokassas Grausamkeit öffentlich tadelte, bekam das Kaiser vor seinen Minister einen Tobsucht-anfall: "Dieser Ausbeuter und Zuhälter soll doch das Maul halten." Das müssen sonst nur seine Minister. Zwei Drittel haben während seiner Amtszeit mindestens einmal im Gefängnis gesessen. Denn der "Patriarch mit dem Rohrstock", so das Nachrichten-Magazin "Jeune Afrique" duldet keine Nachlässigkeiten. Wer sich ihm dennoch widersetzt, dem ergeht es so wie dem früheren Polizeipräsidenten Jean-Baptiste Mounoumbaye. Zur Folterung hatte der Diktator die ganze Familie zwangs-geladen. Erst wurden dem Polizeichef die Augen aus den Höhen gerissen, dann die Arme und schließlich die Beine gebrochen, bevor eine Gewehrsalve dem grau-samen Spiel ein Ende bereitete. Seinen früheren Freund und Putschgenossen Oberst Alexendre Benza schnitt Bokassa persönlich mit einem Rasiermesser Mono-gramme in den Oberkörper. Soldaten mussten Banza dann das Rückgrat brechen und durch die Straßen schleifen.
ALLE MINISTER TOT - "MAUSETOT"
Ähnlich ergeht es den Ministern oder Militärs in Äquatorial-Guinea. Von den Ministern, die 1968 das Kabinett bildeten, lebt heute keiner mehr. Zwei Drittel aller Mitglieder der Nationalversammlung sind Säuber-ungen zum Opfer gefallen. Präsident Francisco Macías Nguema (1968-1979; *1924+1979) diente den Spaniern als mittlerer Kolonialbeamter, bevor er 1968 zur Staats-führung auserkoren wurde. Seinen Außenminister Atan-sio Nkongo zwang er mit vorgehaltener Pistole, aus dem Fenster zu springen. Seinen Erziehungsminister Ochaga erschlugen Wachposten im Gefängnis von Bata. Von den 400.000 Einwohnern sind ein Viertel nach Nigeria geflüchtet. Aus Angst vor Tod und Brutalität. 40.000 Intellektuelle hat Macías während seiner Diktatur um-legen lassen. "Diese sind Afrikas größtes Problem. Sie verseuchen unser Klima mit fremder Kultur", erklärte der Präsident.
GLADIATORENKÄMPFE DER GEFANGENEN
Der Kaufmann Pablo Elias aus Madrid berichtete im Jahre 1976 nach seiner Flucht aus dem Gefängnis über Folterpraktiken der Macías-Soldaten: "Am ersten Tag stand ich bis zum Hals in fauligem Wasser. Danach wurde ich in ein Kellerloch gepfercht und bekam mit einem Rutenbündel immer wieder Schläge. Die Wächter ließen die Gefangenen zu Gladiatorenkämpfe antreten. Sie mussten mit Keulen so lange aufeinander ein-dreschen, bis einer tot umfiel." - Massenexekution: 300 sogenannte Regimegegner wurden auf einer Lichtung im Busch 1975 zusammengetrieben. Unter ihnen waren neun Parlamentarier, 78 Regierungsbeamte, 21 Häupt-linge, 21 Offiziere und 31 Geschäftsleute. Die Komman-dos liefen immer in der gleichen Monotonie ab:
"Abgeordnete raustreten!" befahl der Erschießungs-offizier. "Legt an! Feuer!" Die Politiker fielen um. "Häuptlinge raustreten!"- "Legt an! Feuer!" Eine Leichengruppe mehr.
AFRIKA - EIN SPIELBALL
Ob Idi Amin, Bokassa I. oder Macías - ihre Schrek-kensdiktaturen waren nur möglich, weil die Kolonial-Herren im 19. Jahrhundert unabhängig von Volks- und Stammeszugehörigkeit künstliche Grenzen schufen und die Stämme gegeneinander ausspielten. Auch weil Afrika über Jahrzehnte ein Spielball der Hegemonial-mächte zwischen Ost und West war, und zu einer Art preiswerter Rohstoffquelle multi-nationaler Konzerne geworden ist. Gewiss, die Länder Afrikas verfügen über nahezu unerschöpfliche Energie-Reservate; ihre Ein-wohner hingegen darben an der Hungergrenze, obwohl Milliarden Dollar in die Staaten flossen. Eine struk-turelle, dauerhafte Besserung ist nicht in Sicht. Chancen-los. Ihre Volkswirtschaften sind bekanntlich schon mehr als einmal zusammengebrochen. Über Macías Äquatorial Gunia sichert sich die Sowjetunion und neuerdings auch China ihren mili-tärischen Nachschub für ganz Westafrika. Der Hafen San Carlos für die Container-Schiffe, der frisch betonierte Airport für die Tupolews. Ihre militärische Materialschlacht im Krieg um Angola wäre sonst kaum möglich gewesen. Neuer-dings schickt Macías, der sein Land von der Außenwelt sonst abgeriegelt hält - kein Student darf im Ausland studieren -, seine Soldaten zur Ausbildung nach Moskau.
"PAPA IST TOT"
Kaiser Bokassa I., er weinte noch, als Charles de Gaulle (*1890+1970) starb ("Papa ist tot, Papa ist tot"), will seit zwei Jahren mit jeder ideologischen Macht paktieren, die ihm - er verbraucht 35 Prozent des Staatshaushalts für private Zwecke - und seinem bankrotten Land Geld bietet. Bokassa: "Jetzt bin ich bereit, jeden willkommen zu heißen, ob er Europäer, Chinese, Russe, Afrikaner oder Amerikaner ist." Die Chinesen ließen sich dies nicht zwei Mal sagen.
LA FRANCE - "VOLK VON SCHWULEN "
Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing (1974-1981) war dann doch wieder der erste Besucher, nachdem Bokassa einige Wochen zuvor die Franzosen als ein "Volk von Schwulen und Ganoven" herabgewür-digt hatte. Auf dem Flughafen von Bangui gab's 44 Küsse und Lobeshymnen auf den Diktator. Giscard d'Estaing über Bokassa: "Frankreichs bester Freund in Afrika." Eine 20-Millionen-Dollar-Kredit hatte der Franzose im Reisegepäck.
MIG-JÄGER FÜR AFRIKA
Ugandas Staatschef Idi Amin, dem der Westen auf Grund seiner Allmachtsträume, Unberechenbarkeit und Finanznot keine schweren Waffen mehr ins Land schickt, ließ sich die von den Israelis beim Entebbe-Angriff zerstörten russischen MIG-Jäger durch Libyens Revolutionsführers Oberst Muammar al-Gaddafi ersetzen. Seit Paul VI. (*1897+1978) "den größten Führer Afrikas" (Amin) nicht mehr zur Privat-Audienz empfängt und auch die von ihm so geliebte Queen Elizabeth ihm die Einreise zu der Commonwealth-Konferenz nach London nicht mehr ermöglicht, hat er den letzten britischen Diplomaten außer Landes gejagt. Seither sind die Russen mit fünfhundert Militärberaters in Kampala, und die Palästinenser, die seine neue Leibgarde bilden, weil er den einheimischen Soldaten nicht mehr traut, besser im Geschäft denn je. Und Ghaddifis 50-Millionen Mark für Waffen und Munition hat der General schon gut angelegt. Die NATO-Schnell-feuergewehre, mit denen er seine Soldaten noch zum sechsten Jahrestag der Machtübernahme paradieren ließ, sollen abgeschafft werden. Amins Tagesbefehl lautet: "Schafft mir die Kalaschnikow an."
CARRERA-BAHN AUS PARIS, WHISKY AUS LONDON
Zum Westen unterhält Amin zur Zeit nur privaten Kontakt. Aus Paris ließ er sich eine Carrera-Bahn schicken, mit der er in seiner Freizeit spielen will. Und aus London kommt alle vier Wochen Whisky-Nachschub. Dafür schickt Idi Amin eine Boeing 707 der "Uganda Airlines" an die Themse. Seine Marke: Johnnie Walker black label, denn die trank schon sein britischer Major Iain Grahame.
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POSTSCRIPTUM. - In einem von Idi Amin im Oktober 1978 begonnenden Krieg gegen Tansania, (Operation Magurugur) kam es im April 1979 zu einer militärischen Gegenoffensive. Tansanische Truppen nahmen gemeinsam mit Exil-Ugandern im April 1979 die Hauptstadt Kampala ein. Amin musste fliehen; zunächst nach Libyen, sodann in den Irak. Schiesslich gewährte im die saudi-arabische Regierung Asyl unter der Bedingung, dass er sich nicht mehr politisch betätige und zum Islam konvertiere. In der Stadt Dschidda lebte Idi Amin in einer Regierungsvilla bis zu seinem Tod. Er starb am 16. August 2003 nach längerer Zeit im Koma an Bluthochdruck und Nieren-versagen. Nach Schätzungen von Menschenrechts-organisationen kamen während seiner achtjährigen Gewaltherrschaft in Uganda zwischen 100.000 und 500.000 Menschen ums Leben. Für seine Verbrechen an der Menschheit hatte sich Idi Amin vor keinem Richter, vor keinem internationalen Gerichtshof der Menschenrechte zu verantworten.
Jean-Bédel Bokassas Tyrannei endete im April 1979. Seinerzeit ließ er noch Schüler- und Studentenunruhen in seinem Land mit Hilfe von regulären Truppen aus Zaire niederschlagen. Zahlreiche Jugendliche wurden inhaftiert, weil sie gegen das Tragen der staatlich ver-ordneten Schuluniformen protestiert hatten. In Bokassas Gefängnissen folterten und mordeten zu dieser Zeit seine Schergen über 100 Kinder. Ent-scheidend war, dass Bokassas Schutzpatron Frank-reich sich von seinem Schützling distanzierte, ihn nicht mehr finanziell unterstützte und zum Umsturz freigab. So gelang dem ehemalige Präsident David Dacko die Machtübernahme, während sich der Gewalt-herrscher zu einem Staatsbesuch in Lybien aufhielt. Das Kaiser-reich wurde abgeschafft, die Republik wieder herstellt. Am 26. Dezember 1980 wurde Bokassa in Abwesenheit wegen Mordes, Folter, Korruption und Kanni-balismus zum Tode verurteilt. Unterdessen lebte Bokassa im Schloss Hardicourt westlich von Paris mit zehn seiner 55 Kinder und einer Freundin. Seine 18 Ehefrauen hatte er in seinem Kaiserreich zurück-lassen müssen. Vom französischen Staat erhielt Bokassa als ehemaliger französischer Hauptmann nach 23 Dienstjahren eine Pension von etwa 1.000 Euro. Am 23. Oktober 1986 kehrte Bokassa wieder in die Zentralafrikanische Republik zurück, abermals inhaftiert und am 12.Juni 1987 erneut zum Tode verurteilt. Der Richterspruch blieb auch dieses Mal nur von kurzer Dauer, wurde am 29. Februar 1988 in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt und löste sich letztendlich im Rahmen der Generalamnestie des Präsidenten André Koingba (1981-1993 ) in Wohl-gefallen auf. Jean Bédel Bokassa starb im Alter von 75 Jahren am 3. November 1996 in Bangui an einem Herzinfarkt. Er hinterließ 17 Frauen mit etwa 54 Kindern.
Franciso Macías Nguema wurde am 3. August 1979 durch seinen Neffen gestürzt. Er galt neben Jean-Bédel Bokassa und Idi Amin als der grausamste Diktator Afrikas.Wegen seines Kampfes gegen Intellektuelle wurde er auch mit Kambodschas Millionen-Schlächter Pol-Pot (*1928+1997 ) verglichen.Die Zahl der Todes-opfer seiner Schreckensherrschaft beläuft sich zwischen 10.000 und 50.000. Mehr als hunderttausend Menschen befanden sich auf der Flucht. Ein Gericht sprach ihn des Völkermords, Menschenrechtsverletzungen für schuldig und verurteilte ihn zum Tode. Die Hinrichtung wurde am 29. September 1979 durch marok-kanische Soldaten vollstreckt.
Afrikas Schreckensdiktaturen haben im Laufe der Jahrzehnte ihr Hauptaugenmerk, ihre Schwerpunkte verlagert, gleichwohl ungebrochene Kontinuitäten, brachiale Missachtungen des Völkerrechts nicht ver-loren. Immer noch und und wieder immer dominieren Ängste, Todesängste, Ängste vor Folter Vernichtung, Ausrottung. - Irrationalismen dieser Jahre, Horrorbilder aus dem 21. Jahrhundert. Mit Robert Mugabe seit 1987 Präsident von Simbabwe tritt dieses Mal ein in England ausgebildeter Aka-demiker in die Fußstapfen blutüberströmter Profile. Menschenrechtsver-letzungen, Torturen, Verschleppungen begleiten seine Macht, die er seit dem Jahre 1980 ausübt. Das Abschlachten, auch Vertreibungen weißer Landbesitzern durch soge-nannte zum Hass aufgestachelte "Veteranen" geht auf sein Geheiß zurück. Hungersnot, Wirtschaftskrise, Hyperinflation, Tausende ermorderter Menschen - und "Wählerstimmen", die er seit Jahrzehnten zu seinen Gunsten zu falschen ver-steht. - Wahlbetrug. Der eigentliche Sieger zur Präsidentenwahl hieß anno 2008 Morgan Tsvangirai. - Dieser mutige Mann hatte im Jahre 2007 Mugabe-Folter am eigenen Leid erfahren, hat Angst um sich, noch größere Furcht auch um seine Anhänger; vor Folter in Kasernen, Misshand-lungen auf offener Straße, Massenvergewaltigungen oppositoneller Frauen in Stadien, auf Plätzen - vor gezielten Todesschüssen.
Wie sagte noch Südafrikas Erzbischof Desmond Tutu: Mugabe ist die "Karikatur eines afrikanischen Diktators" - Posthum sind Amin, Bokassa und Macías in diesem blutgetränkten Zimbabwe nah - in Harare hautnah.

Donnerstag, 4. August 1977

Chile: Folter-General Augusto José Ramón Pinochet























stern,
Hamburg
04. August 1977
von Reimar Oltmanns


Er regierte Chile als selbsternannter "Präsident auf Lebenszeit" über 17 Jahre, ohne jemals gewählt worden zu sein. Er starb im Jahre 2001 im Alter von 91 Jahren, ohne sich jemals für seine systematischen Menschenrechts-verletzungen - Verbrechen an der Menschheit - verantworten zu müssen. Leichen pflasterten seinen Weg, Tausende von Folteropfern säumen Chiles Friedhöfe. - Massenver-haftungen, Hunderte verschwundener Studenten, Lehrerinnen, Gewerkschafter - irgendwo in Wäldern unkenntlich verscharrt. Konzentrationslager vielerorts, Fußballstation als Verlies, Polizeistation als schalldichte Folterstätten - die kritische Intelligenz des Landes in Massengräbern oder auf der Flucht. Über eine Million Menschen mussten während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) emigrieren. Erst mit Beginn der neunziger Jahre begann in Santiago mühsam die Re-Demokratisierung. Rückschau gegen das Vergessen auf Chiles Schreckens-Epoche. Die Aufarbeitung jener Horrorjahre hat erst nach mittlerweile zwei Jahrzehnten quälend begonnen. Spurensuche.

Der 61jährige Augusto Pinochet Ugarte, Oberkommandierender des Heeres. Juntachef und Staatspräsident der Republik Chile seit 1974 liebt die europäische Wehrmachtsglorie der dreißiger Jahre. Von hoher Tellermütze bis zum glitzernden Gold auf den Kragenspiegeln, vom Hackenknallen auf den Kasernenhöfen bis zur Marschmusik im Wohnzimmer nach Feierabend kopiert er längst Vergangenes für den aktuellen Hausgebrauch in Chile. Das Militär, sagt der Diktator, musste den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (*1908+1973) stürzen, "weil Chile sein traditionelles Lächeln verloren hatte".

PUTSCH OHNE BEISPIEL
Ein Putsch, in diesem Jahrhundert, auf dem südamerikanischen Kontinent ohne Beispiel, der zwischen 15.000 bis 20.000 Menschenleben auslöschte. "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit die Demokratie fortbesteht", erklärte der General einen Monat nach seiner Machtübernahme am 11. Oktober 1973. - Massenexekutionen, die unerbittliche Jagd auf all jene Chilenen, "die in der Sowjetunion ihr eigentliches Vaterland haben" (Pinochet), seien notwendig und unvermeidlich gewesen. Für ihn ist Chile heute ein Land, "in dem die Leute frei und glücklich sind". Auch die seit vier Jahren verhängte nächtliche Ausgangssperre ist für Pinochet nur positiv: "Vater kommt früh nach Haus und Mutter ist glücklich."
BÜRGER-IDYLLE AUF ENGLISCHEM RASEN
Pinochet demonstriert die neue Bürgeridylle Chiles bei sich zu Hause. In der Hollywoodschaukel, die auf dem englischen Rasen vor der Villa steht, posiert Vater Augusto im hemdsärmeligen Dress neben Mutter Dona Lucia im sommerlichen Seidenkostüm. Chilenische Reporter der Junta frommen Wochenzeitschrift "Que Pasa" sind zu Besuch. Gemeinsam wollen General und Journalisten an seinem Image basteln, es zu einem fürsorglichen Familienpatriarchen aufpolieren. Die Militärdiktatur sitzt fest im Satteln, deshalb soll der blutrünstige Soldat aus dem Bewusstsein der Leute verschwinden. Eine identitätsstiftende Vaterfigur für das Zehn-Millionen-Volk wird aufgebaut. Pinochet rückt näher an seine Frau und legt den linken Arm um ihre Schulter. Dann schaut er freundlich, erstaunlich milde in die Ferne. Der Fotograf drückt auf den Auslöser und hat die Familienharmonie im Kasten; eine Glückseligkeit, die die Marxisten der Bevölkerung vorenthielten.
ALLENDES WITWE
Der General weiß auch warum. Er erinnert sich auf einmal an die Witwe des toten Salvador Allende: "Da reist sie nun durch die Welt, die Frau Hortensia, redet schlecht über uns und spielt die tragische Rolle der traurigen Witwe. Einer vereinsamten Frau, wo doch aber jeder hier im Land bestens weiß, dass Allende sich zu Lebzeiten nicht einmal an sie erinnerte und mit dieser - wie heißt sie noch - ach ja, mit dieser Margarita Contreras zusammenlebte."
SITTENVERFALL
Sozialistischer Sittenverfall gestern, konservatives, soldatisches Eheglück dieser Putsch-Jahre. Beides präsentieren Chiles Medien ihren Lesern in Wort und Bild. Salvador Allende mit schief-verzerrtem Gesicht in den Armen seiner Geliebten, Pinochet treuherzig wie brav neben seiner Ehefrau in der Hollywoodschaukel. Keimfrei, katholisch und klug: besser hätten die Nazis ihre Familienpropaganda auch nicht aufziehen können. "Wir haben doch sechs Enkelkinder, fünf Jungs und ein Mädchen", verrät Pinochet der chilenischen Öffentlichkeit. "Nein Alterchen", es sind sieben, du hast Rodriguito vergessen", unterbricht Dona Lucia. "Ah, ja noch ein Baby, Rodrigo", verbessert sich der Präsident. "Na ja", meint Dona Lucia, "die anderen sind doch Teufelchen, der Kleine noch nicht." Der General gibt zu, dass Rodrigo sein Günstling ist. "Die anderen sind mit irgendwie gleichgültig." Dona Lucia unterbricht wieder: "Um Gottes willen, Augusto, gleichgültig?"
GEHEIME PAPST-DEMARCHE
Die "spitzfindigen" Reporter fanden bei den Pinochets heraus, dass die Familie sonntags das "heilige Mittagessen" gemeinsam einnimmt. Seine drei Töchter und die beiden Söhne, die ihren Vater "Pate" nennen, sitzen dann auch am Tisch. Vorher war die Familie beim Gottesdienst. Dona Lucia: "Ich glaube, wir kennen alle Kirchen in Santiago." Was die gläubigen Pinochets der Bevölkerung verschweigen, ist eine geheime Demarche von Papst Paul VI. (1897-1978) aus Rom. Der katho-lische Oberhirte hatte Pinochet die Exkommunizierung angedroht, falls er die Menschenrechte in seinem Land weiterhin missachte. Das war Anfang 1976. Damals saßen noch an die 6.000 politische Gefangenen in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Wenige Monate später ließ er 302 Häftlinge frei. Sein Kommentar: "Eine großzügige Geste. Ich bin nämlich ein Christ."
"STINKENDE TAUGENICHTSE"
Internationalen Proteste, Chile gehöre zu den Klassikern der Folterstaaten, wollen die Pinochets nicht wahrhaben. Dona Lucia: "Viele Besucher haben die paar stinkenden Taugenichtse im Gefängnis gesehen, wie wohlgenährt, gesund und strahlend sie aussehen. Aber kaum haben sie Chile wieder verlassen, reden sie von
Folter und anderem Unsinn." Ihr Mann, so gibt sie vor, wolle nichts anderes als "das Land voranbringen". Jetzt ergreift er selbst wieder das Wort. Wenn Pinochet die Pro-vinz bereist, und er ist ständig auf Achse, "zeigen die Leute mir offen ihre Zuneigung. ' Hoffentlich werden Sie nicht müde', rufen sie mir zu", sagt der General mit Stolz. Er sagt es jedem, der es hören will. Sein zweites Thema sind die loyalen Chilenen im Ausland, die nach einer Geschäftsreise nach Santiago zurückkehren. Sie berichten ihm über die sogenannte "Vox populi" - Volkes Stimme. Ob der Taxifahrer am Flug-hafen "Charles de Gaulle in Paris oder der am Münchner Hauptbahnhof: Die Junta-Chilenen hören für ihren Putsch-Präsidenten immer nur einen Satz heraus: "Was wir hier brauchen, ist ein Pinochet."
SPANIENS FRANCO - EIN VORBILD
Die Schar der Ja-Sager haben Pinochet seine "internationale Popularität" inzwischen eingeredet, dass ihm ein Platz in der Weltgeschichte gewissermaßen sicher scheint. Pinochet über sich und sein missionarisches Sendungsbewusstsein: "Für die Marx- und Lenin-Verschwörer aus Moskau war es ein harter Schlag, dass sich Chile vom Kommunismus befreien konnte. Die Bevölkerung sieht mich als eine Hoffnung. Sie sehen mich als den Führer." Wenn das Wort Führer fällt, ist ein neuer Begriff dieser Ära nicht fern - "Pinochetismus" . Der Diktator ließ ihn beizeiten ausstreuen, um sich als alleinige Erbe des "Franquismus" zu empfehlen. Pinochet, der Franco Südamerikas - Pinochet, der vom spanischen Generalis-simus Franco noch kurz vor seinem Tod mit dem höchsten spanischen Militärorden in Friedenszeiten ausgezeichnet worden ist, übernimmt mehr und mehr auch die ideologischen und politischen Strukturen, eben Grundmuster, Herrschaftsallüren; oft alltägliche Allüren des Caudillo. So verfügt er bereits über einen Geheimdienst, die DINA, die ihm direkt untersteht, und setzte nach Franco-Vorbild einen "Staatsrat aus achtundzwanzig Honoratioren" ein, die ihn beraten sollen.
PINOCHETISMUS
Pinochetismus in Südamerika heißt in den eigenen Worten des Generals. "Menschen müssen gefoltert werden, weil die Sicherheit des Staates es erfordert." Oder: "Ich mache sie aus, dann greife ich sie an und wenn ich kann ich kann, zerstöre ich sie." Pinochetismus als faschistische Diktatur läuft darauf hinaus: "Ich werde sterben, mein Nachfolger auch, aber Wahlen wird es nicht geben." Und Pinochetismus lehrt die Armee heute: "Soldaten sind gefährlicher als Polizisten, weil ihr Beruf das Töten ist."
LEUTNANT MIT 21 JAHREN
So und nicht anders hat Augusto Pinochet sein "Handwerk" gelernt. Im Jahre 1915 in Valparaiso geboren, avancierte er schon mit 21 Jahren zum Leutnant der Armee. Bis zum Allende-Sturz 1973 trat Pinochet nach der Tradition der chilenischen Streitkräfte politisch nicht in Erscheinung. Er war Berufssoldat, der durch"Energie und Disziplin" schneller Karriere machte als manch anderer seines Offiziersjahrganges, sagten Mitschüler über ihn aus. Er schrieb über die Geografien Chiles, Argentiniens, Boliviens und Perus, die während seiner Ära zur Pflichtlektüre an den Schulen des Landes gehörten.
US-DRILL GEGEN "SUBVERSION"
Als Pinochet Militärattaché der chilenischen Botschaft in Washington wurde, fiel er Anfang der sechziger den Amerikanern auf. Die US-Armee lud ihn seither regelmäßig in ihr Ausbildungscamp "Fort Gulick" in die Panamakanal-Zone ein. ( am 31. Dezember 1999 wurde das US-Gebiet entlang des Kanals sowie alle US-ameri-kanischen Militärbasen offiziell an Panama übergeben.) "Fort Gulick" war keine x-beliebige Kaserne. Auf einem Areal von 66.208 Hektar, das sind die Hälfte des Landes der einstigen Panama-Kanalzone, bildete die 8. Gruppe der US-Special-Forces die Offiziere Lateinamerikas im Kampf gegen "Subversion" in ihren Ländern aus. Die Disziplinen: Dschungelkrieg, Ranger-Drill und Anti-Guerilla-Taktik. Auch die militärische Gegenspionage von Staatsstreichen standen auf dem Lehrplan.
FILIALE: PENTAGON
Castros Kuba-Eroberung im Jahre 1959 und Che Guevaras Untergrundkrieg in Bolivien 1968 ließen die US-Regierung fürchten, Südamerika könne nach und nach kommunistisch infiltriert werden. So bezeichnet die französische Tageszeitung "Le Monde" die Panama-Zone heute als eine "Filiale des Pentagon" in Washington. Und die "New York Times" berichtet: Von den 30.000 Absolventen des "Fort Gulick", das für die Lateinamerikaner "Excuela de las Americas" heißt, sind heute in Südamerika insgesamt 170 Regierungschefs, Minister, Oberbefehlshaber, Stabschefs oder Direktoren der Geheimdienste. Naheliegend, dass die USA nach Bekundungen ihres damaligen Außenministers Henry Kissinger gleichsam spätestens seit 1970 den Sturz Salvador Allendes durch massive Militärhilfe angestrebt haben - ein internationalen Handels- und Kreditembargo gegen Chile federführend durchsetzten.
PERFEKTER STAATSSTREICH
General Augusto Pinochet Ugarte trug sich im Jahre 1965 zum ersten Mal in die Teilnehmerliste von "Fort Gulick" ein. 1968 zum zweiten Mal und 1972 zum letzten Mal. Als er ein Jahr später gegen Salvador Allende putschte, waren ihm sicherlich noch Lehrprogramme wie Übungen der 8. Gruppe der Special-Forces im Gedächtnis präsent. Sie waren gedacht als Gebrauchsanweisungen gegen "linke" Putschisten, doch lieferten gleichzeitig das Rezept für den perfekten rechten Staatsstreich.
Instruction 1/57: "Die ganze Weisheit beim Staatsstreich besteht darin, dass er einen plötzlichen, entschlossenen Schlag ins Herz der Regierung darstellt, einen Dolchstoß, der gleich beim ersten Stoß bis zum Heft eindringt ...".
Instruction 9/57: "Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Weg, dieses Ziel zu erreichen, als durch ein oder zwei geschickte Mörder ...".
Instruction 37/57: "Das allgemeine Ziel der Angriffsperiode ist es, durch plötzliche Gewaltanwendung den gesamten Teil des Staatsapparates, der wirksamen Wider-stand leisten könnte, kopflos zu machen und in Verwirrung zu bringen ... Die Nachrichtenverbindungen der Regierung müssen unterbrochen werden. In dieser Hinsicht sollten die Aufständischen äußerst rücksichtslos sein."
Instruction 49/57: "Wenn der Staatsstreich gelingt, wird eine Zeit kommen, wo die Anhänger der alten Regierung nur noch an Flucht denken ... Wenn das Rückgrat des Widerstands gebrochen ist, werden die Fliehenden ein leichtes Ziel bieten. Je schneller die Truppen die Fluchtwege kontrollieren können, desto reicher wird wahrscheinlich die Ernte sein. Auch hier ist die Verfolgung wie in herkömmlichen Kriegen die Krone des Sieges...".
Instruction 54/57: "Zumindest in der Vergangenheit wurden den technischen Einzelheiten des Staatsstreiches zu wenig militärische Erwägungen gewidmet. Es ist vielleicht natürlich, dass der Staatsstreich kein Studienobjekt an den meisten Offiziersschulen war ... In vieler Hinsicht erscheint diese Vernachlässigung als unangebracht, denn es ist möglich, dass der Staatsstreich in den militärischen Überlegungen der Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird."
IN VIER STUNDEN - WAR ALLES VORBEI
Pinochets Coup, der heute pathetisch die "Revolution vom 11. September" genannt wird, war meisterlich durchdacht. Nach vier Stunden war alles vorbei. Salvador Allendes Präsidentschaft (1970-1973) war mit seinem Versuch gescheitert, auf demokratische Wege eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren. Allende hatte gegen eine Bourgeoisie gekämpft, die nicht bereit war, von ihrem Reichtum etwas abzugeben, die vielmehr um ihre sattsamen Pfründe fürchtete. Allendes Wirtschaftspolitik sah ihre vordringliche Aufgabe in einer entschädigungslosen Verstaatlichung der Bodenschätze - speziell Kupferbergbau -, die Enteignung von ausländischen Großunternehmen, auch der Banken und eine Agrarreform, bei der 20.000 Quadratkilometer Fläche von Großgrundbesitzern an Bauern und Kollektive übergeben wurden. Verbessert hatte sich durch Allende nämlich zunächst sehr schnell die wirtschaftliche Lage der Arbeiter und der Unterschicht. Löhne wuchsen um 30 bis 6o Prozent, Preise für Grundnahrungsmittel und Mieten wurden eingefroren, jedes Kind bekam Schuhe und täglich ein Liter Gratismilch in der Schule; Kindersterblichkeit sank um 20 Prozent, Arbeitslosigkeit um 8,8 Prozent. Mit seiner anfänglich erfolgreichen Sozialpolitik folgte Allende sowohl sozialistischen Idealen der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als auch einer südamerikanischen Tradition "populistischer" Nachfragepolitik. Doch allesamt wurde Allendes sozialistisches Chile mittels glasklarer US-Handels- und Kreditembargos vom Tisch gefegt, in den Abgrund getrieben; Privatinvestitionen sanken, Gelder ins Ausland transferiert.
WIRTSCHAFT VORM RUIN
Die Wirtschaft des Landes stand folglich vor dem Ruin, abhängig vom amerika-nischen Kapital, das Chile wegen der Verstaatlichung einiger wichtiger US-Unter-nehmen boykottierte. Schwere Wirtschaftskrisen samt Streiks durchschüttelten das Land, Rationierungen und hohe Inflationen bis zu 600 Prozent bestimmten den Krisen geschüttelten Alltag. Der US-Geheimdienst CIA hatte bereits zu diesem Zeitpunkt vorsorglich acht Millionen Dollar zur "Destabilisierung der Volks-frontregierung" ins Land gepumpt. Schmiergelder, die Militärs, Kongressabge-ordnete, streikende Fuhrunternehmer sowie radikale Linke und Rechte kassierten. - Am Ende des Traums nach einer gerechteren Gesellschaft blieb die Erosion eines systematisch in den Ruin aufgetriebenen Volkes. - Ob nun Selbstmord oder Mord eines unbeugsamen Salvador Allendes im Präsidentenpalast am 11. September 1973 in Santiago de Chile - keiner kann die tödlichen Ereignisse mit Gewissheit belegen.
"WAS GEHT VOR, AUGUSTO?"
Als die Hauptstadt Santiago am Rande des Bürgerkriegs stand, glaubte Allende immer noch, sich auf Pinochet verlassen zu können. Schließlich ist Pinochet unter Allendes Regentschaft zum Divisionsgeneral, zum Befehlshaber der in Santiago stationierten Zweiten Armee und Oberkommandierender des Heeres ernannt wurden. Immer wieder rief Allende ihn an und fragte: "Was geht vor Augusto?" Der General beruhigte seinen Präsidenten: "Ich werde bis zum Ende loyal zur Regierung stehen", ver-sicherte er.
BRUTUS
In Wirklichkeit war Pinochet längst zum Brutus geworden. Die blutigen Putschpläne waren schon mit den Oberbefehlshabern der Teilstreitkräfte abgesprochen worden, Sie lagerten bei Pinochet in der Schublade. Den letzten Anstoß zum Umsturz sollen Pinochet jedoch die Frauen der betuchten groß- und mittelbürgerlichen Schichten gegeben haben, die auf ihn auch noch zu Zeit seiner Präsidenten-Diktatur einen beträchtlichen Einfluss ausübten. Ihre Kochtopf-Demonstrationen in Santiago gegen stets höhere Lebensmittelpreise, und die ständigen Sticheleien gegen seiner eigenen Ehefrau Dona Lucia beim morgendlichen Frühstück zu Hause, "Augusto, du bist doch Soldat und kein Feigling", beschleunigten offensichtlich Allendes Ende.
PINOCHETS DANKESBRIEF
Knapp zwei Monate nach dem Putsch von Santiago kam in "Fort Gulick" in der noch durch US-Militärs besetzen Panama-Kanalzone ein Brief aus Santiago an, der über Jahrzehnte den Ehrenflur schmückte, in dem jedes Mitgliedsland durch seine Nationalflagge vertreten war. "Wir bitten Sie, die Dankbarkeit der chilenischen Armee entgegenzunehmen, der ich meine aufrichtigen Glückwünsche für die berufliche Ausbildung, die in diesem Institut erteilt wird, hinzufüge." Der Brief trägt das Datum vom 6. November 1973 und ist unterzeichnet von Augusto Pinochet.
ZWEI GESICHTER
Pinochet und seine zwei Gesichter. Als US-Präsident Jimmy Carter (1977-1981) im Wahlkampf der republikanischen Ford/Kissinger-Regierung (1974-1977) den Vorwurf machte, "den gewählten Allende gestürzt zu haben, um einer Militärdiktatur Platz zu machen", konterte der General in einem Telegramm an Carter: Er sei "durch falsch oder verstümmelte Informationen beeinflusst worden, die auf der Propaganda marxistischer Parteien basieren." Carter solle doch nach Chile kommen und an Ort und Stelle die Materialen einsehen. Jimmy Carter fuhr bekanntlich nicht, dafür amerikanische Journalisten, die der Diktator im 22. Stock von Diego Portales empfing.
LANDKNECHTS-JOVIALITÄT
Sein Arbeitszimmer, ein sachlich-kühler Raum, kennt nur einen Schmuck: einen goldglänzenden Säbel. Die Gespräche beginnt Pinochet immer mit derselben Litanei. Eigentlich rede er überhaupt nicht mit ausländischen Journalisten. "Man wird Ihr Interview doch nur publizieren", witzelt er verbissen, "wenn Sie schreiben, an Pinochets Händen klebt Blut. Kein Mensch wird Ihnen glauben, dass ich ein normaler und ruhiger Mensch bin, der sogar lachen kann."
Seine Landknechtsjovialität offenbart, was ihm selbst seine engsten Freunde bescheinigen. Er ist kein Mann der brillanten Intelligenz, vielmehr ein Haudegen, der sich durch Diensteifer, Beharrlichkeit und Härte nach oben geboxt hat. Dazu kommt eine Portion dreister Bauernschläue, mit der er seine Gegner allzu oft auszutricksen versucht. Eine amerikanische Reporterin von NBC: "Aber ich habe die Leiche eines politischen Gefangenen mit eigenen Augen gesehen." - "Was sahen Sie, Einschüsse, Folterspuren?" fragte Pinochet mürrisch. "Ich sah blutige Wunden am ganzen Leib, zerschlagene Schläfen." Pinochet reagiert sachkundig: "Autounfall", sagt er. "Ein typisches Beispiel, wie jene zwei Terroristen, die vor ein paar Tagen einer Streife ausrissen. Ihr Wagen überschlug sich dabei. Manchmal versuchen die Herren sich freizuschießen, sogar mit Handgranaten. Auch auf unserer Seite, Madame, gibt es Opfer. Aber vielleicht ist der Mann, den Sie sahen, auch auf eine ganz gewöhnliche Weise verunglückt, und seine kommunistischen Angehörigen benutzen dies, um uns eins auszuwischen. Große, geschickte Lügner, die Kommunisten. Vor ein paar Tagen hat ein Arbeiter ein kleines Mädchen geschändet und verbreitet, die Polizei habe das getan. Wir holten ihn ab, und er gestand die Wahrheit. Was Ihre Presse nicht daran hindert, uns als perverse Verbrecher zu verleumden."
FOLTERLAGER TEJAS VERDES
Ein anderer Reporter: "Der Mapacho-Fluss und die Gewässer der südlichen Provinzen von Cantía und Valdiria spülen täglich entsetzlich zugerichtete Leichen an die Uferböschungen." Pinochet: "Diese Menschen sind nicht durch Soldaten getötet worden. Extremisten haben Schwerverletzte in den Fluß geworfen, weil sie sie nicht hätten pflegen können."
Die Folterlager in Tejas Verdes in Fuerte Borgono, in Talcahuano, in der Academia de Guerra Aérea, die Torturzentren in der Villa Grimaldi, in Tres Alamos , in der Calle José Domingo Canas oder in der Calles Londres 42, existieren für Augusto Pinochet gar nicht. Er tut so, als würde er es auch Hitler abnehmen, nichts von Auschwitz gewusst zu haben.
ISOLIERHAFT, ELEKTROSCHOCKS
Die Isolierhaft, der Schlafentzug, die Prügel, die Vergewaltigung, das Ausreißen der Fingernägel, die Behandlung mit Drogen, die Elektroschocks, die Papageienschaukel - für Augusto Pinochet sind es "Greuelmärchen, die aus Moskau kommen".
Der Bericht der UNO-Menschenrechtskommission, die 150 Zeugen in Genf, Paris, New York und Caracas vernahm, der Report der Internationalen Juristen-Kommission, die in Chile über Hunderten von Schicksalen minutiös nachging, die Nachforschungen der Internationalen Arbeitsorganisation, die das Regime für den Tod von 119 Gewerkschafter verantwortlich macht - die Materialsammlung der kirchlichen Vicaría de Solidaridad in Santiago, die Statistiken des Lutherischen Weltbundes (50.000 Ermordete seit dem Putsch) und von amnesty international (130.000 Menschen wurden seit 1973 für kürzere oder längere Zeit interniert, 1.500 Chilenen sind spurlos verschwunden, wahrscheinlich tot) - 4.000 noch in Haft. Pinochet begegnet den Anklagen mit kaltschnäuziger Ignoranz.
HOCHFINANZ AN PINOCHETS SEITE
Er weiß sich bei seiner Politik der Unterstützung der internationalen Hochfinanz sicher. Seit dem Umsturz sind die Militärjunta insgesamt 2.5 Milliarden Dollar zugeflossen: Von Finanzorganisationen, ausländischen Privatbanken, Verkäufer-kredite und staatliche Hilfen insbesondere von den USA, Brasilien und Argentinien. Bis ins Jahr 1980 werden der Diktatur weiterhin 500.000 Dollar jährlich gewährt; als Finanzspritze weiterer Repressionen sozusagen. Selbst die Volksrepublik China pumpte 125 Millionen Mark in eine Kugellagefabrik. Im April 1977 war auch ein deutscher Großbankier Hermann Josef Abs (1901-1994) zu Gast. Die chilenische Zeitung "El Mer curio" berichtete: "Herr Abs, einer der einflussreichsten europä-ischen Bankiers, erklärte, er sei auf Grund der Zuneigung zu Chile gekommen, die er für unser Land verspüre, wo er zum ersten Mal vor fünfzig Jahren als Student gewesen sei. Andererseits stehe das Institut, dessen Ehrenpräsident er ist, an der Spitze eines Bankenkonsortiums, das sich anschickt, der Corporacion del Cobre einen Kredit über hundert Millionen Dollar zu gewähren. Die Deutsche Bank hatte kürzlich der chilenischen Zentralbank einen Kredit über 50 Millionen Mark für den Kauf von Kapitalgütern eingeräumt." - Am Nachmittag konferierten, wie sollte es auch anders sein, Bankier Abs und Folter-General Pinochet im Gebäude Diego Portales. Der Diktator zum Bankier: "Unter den Nationen der Welt gibt es keine, der sich das chilenische Volk näher fühlt als den Deutschen."
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Nachtrag - Ende September 1998 reiste Pinochet als Senator nach Großbritannien. Dort ließ er sich seinen kranken Rücken behandeln und traf sich mit der britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher (1979-1990), die er während des Falkland-Krieges unterstützt hatte. Aufgrund eines spanischen Haftbefehls wegen Völkermord, Staatsterrorismus und Folter wurde Pinochet in England verhaftet - unter Arrest gestellt. Dem folgte ein monatelanges, fortwährendes juristisches, aber auch machtpolitisches Tauziehen zwischen England, Spanien und Chile. Ausgerechnet die chilenische Regierung unter Eduardo Frey setzte sich für seine Freilassung ein. Ihre Gründe waren sein hohen Alter und sein offenkundig schlechter Gesundheitszu-stand. Dieser offiziellen Version schloss sich gleichfalls die USA an. In Washington wurden nämlich weitere Enthüllungen und Verwicklungen der Vereinigten Staaten in die Menschenrechtsverletzungen, Verschleppungen unter Pinochets Herrschaft befürchtet. - Pinochet indes kehrte unter Beifall seiner Anhänger im Jahre 2000 nach Chile zurück. Bis zu seinem Tod stand er in Chiles Hauptstadt unter "Hausarrest". - Zu einer gerichtlichen Aufarbeitungen und Aburteilung jener Herrschaftsjahre mit Tausenden von Opfern kam es nicht mehr. Verpasste Chancen auf Versöhnung, auf Aussöhnung in dieser zerrissenen Nation.
FRIEDLICHER WANDEL
Im März 2006 wurde die Sozialistin Verónica Michelle Bachelet Jeria zur neuen Präsidentin gewählt (2006-2010). Die Kinderärztin floh während der Pinochet-Zeit über Aus-tralien in die DDR. Ihr Vater, ein Allende-Anhänger, der Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, war derart grausam von Pinochet-Schergen gefoltert worden, dass er wenig später verstarb. Michelle Bachelet floh über Australien in die DDR, wo sie Germa-nistik und Medizin studierte. Im Jahr 1979 - noch unter dem Pinochet-Regime - kehrte sie nach Chile zurück. Trotz Jahrzehnte, die mittlerweile seit dem Ende des Pinochet-Regime vergangen sind, spricht Michelle Bachelet noch lange nicht davon, den Schergen oder Schlächtern von ehedem als Geste eines Neuanfang, die Hand zu reichen. Michelle Bachelet kann es wie vielen anderen Leidensgenossen allenfalls um eine "Wiederbegnung " (reencuentro) mit Menschen in einem Land gehen, in dem die Wunden offenkundig mühsamer verheilen können als vielleicht anderswo. Michelle Bachelelts Nachfolger, der konservative Politiker und Multi- Millionär Sebastián Pinera, trat sein Amt am 11. März 2010 in Santiago de Chile an.

Mittwoch, 22. Juni 1977

Lettland: Unter roten Zaren von einst - Millionen Häftlinge in Tausenden von Lagern verbannt






















stern, Hamburg
vom 22. Juni 1977
von Erich Follath und
Reimar Oltmanns

Die Szene hätte sich an der Klagemauer in Jerusalem abspielen können: Juden, die im Dritten Reich von Nazis verfolgt wurden, singen alte hebräische Lieder und tanzen im Halbkreis. Ein Rabbi, um den sich eine Menschentraube gebildet hat, fordert an Ort und Stelle ein Mahnmal, das an die Gräueltaten der Nazis erinnern soll.

Doch diese Juden , die sich hier versammelt haben, leben nicht in Jerusalem, ihre Zwangsheimat ist die lettische Hauptstadt Riga, und in Riga ist eine De-monstration nationaler Minderheiten verboten. Polizisten sprengen die friedliche Veranstaltung. Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes KGB foto-grafieren die Teilnehmer. Einer von ihnen ist der 55jährige Jacob Raskin. Als der Ingenieur versucht, Polizisten von der Verhaftung des Rabbi abzuhalten, ruft ihm ein Mann zu: "Das werden Sie noch bereuen!"

VERBOTENE DEVISEN

Am nächsten Tag trifft Raskin zufällig einen lang-jährigen Freund in der Kaleju-Straße. Der bittet ihn, da er in Eile sei, doch ein paar Bücher, die er bei sich habe, in die Staatsbibliothek zu bringen. Kaum hat Raskin die Büchertasche in der Hand, treten zwei Männer auf ihn zu. Sie weisen sich als Offi-ziere des "Komitees für Staatssicherheit" aus. In der Tasche, die durchsucht wird, befinden sich 3.000 US-Dollar - in der Sowjet-union verbotene Devisen. Das Urteil für den arglosen Raskin: drei Jahre Arbeitslager ohne Bewährung.

UMERZIEHUNG

Das Arbeitslager OZ 78/7, in dem Raskin interniert wird, liegt zwölf Kilometer östlich von Riga. Es ist eines von rund 1.000 KZs, die sich die Sowjetführung leistet, um ihre Häftlinge "umzuerziehen" - so heißt das offiziell. Im Lager OZ 78/7 trifft Raskin auf den 44jährigen Olafs Bruvers. Der Taxifahrer hatte es gewagt, mit seinen Fahrgästen über Glaubensfreiheit und Menschenrechte zu diskutieren. Das Urteil gegen ihn: sechs Monate ohne Bewährung.

GEFANGENEN-FRIEDHOF

Raskin und Bruvers leben heute im Westen. Ihren Freund Wassilij Ediger ließen sie zurück; auf dem Gefangenen-Friedhof von Riga. Das einzige, das heute an ihn er- innert, ist eine quadratische Grabtafel aus Holz, auf der seine Häftlingsnummer 1214/13 eingeritzt worden ist. Er starb im Herbst 1975 an "Herzversagen". So jedenfalls teilte es die Lagerleitung der Familie mit.

UNTER-ERNÄHRUNG


Tatsächlich litt Ediger an chronischer Unterernährung. Die Steineschlepperei in der Baubrigade hatte er nicht mehr durchgehalten. Ausreichendes Essen gab es nicht, ein Arzt war nicht zur Stelle, als der Ausgemergelte zusammenbrach. Wenige Stunden später war er tot.

Drei Schicksal von 1,2 Millionen. So viele Häftlinge sind in der Sowjetunion unter unwürdigen Bedingungen eingekerkert. Nach Berichten der amerikanischen Regierung , die mit den Recherchen der Gefangenen-Hilfsorganisation amnesty international überein-stimmen, sind davon mehr als 10.000 politische Häftlinge. Ihr einziges "Verbrechen": Sie glauben und denken anders, als es die Partei befiehlt.

ENTSPANNUNGS-FEINDE

Politische Gefangene, die nach ihrer Haft in den Westen ausreisen durften und ihre Augenzeugen-Berichte veröffentlichten, werden in der Sowjetunion als "Lügner und Entspannungsfeinde" diffamiert. Die sowjetische Führung - ob früher Nikita Chruschtschow (1894-1971) oder später Leonid Breschnew (1906-1982) behauptet aber: "In der Sowjetunion gibt es keine politischen Gefangenen."

Auch als im Dezember 1975 ein unter größten Gefahren gedrehter Amateurfilm vom Arbeitslager OZ 78/7 bei Riga im französischen Fernsehen ORTF gesendet wurde und der stern (Nr. 1/1976) die Bilddokumente ver-öffentlichte, erklärte die Sowjetführung: "Der Film ist eine Fälschung." Dieses Dementi nahmen den Moskauer Kommunisten damals nicht einmal ihre französischen Parteigenossen ab. KPF-Chef Georges Marschais (1920-1997) ging bewusst auf Kollisionskurs mit Moskau, als er feststellte: "Diese Tatsachen können dem Sozialismus Schaden zu fügen."

NEUE FILMDOKUMENTE

Wie recht Georg Marschais hat, beweisen neue Film-dokumente, die der stern als erste westliche Zeitschrift veröffentlicht. Sie zeigen das Lager von Riga ein Jahr danach. Wieder gelang es unbekannten Amateur-filmern, sich unter Lebensgefahr an das Lager OZ 78/7 heranzuschleichen und den Alltag der Gefangenen im Bild festzu-halten. Der 16-mm-Streifen wurde von Freunden in den Westen ge-schmuggelt. Der Film beweist: OZ 78/7 ist in den letzten zwölf Monaten zu einem perfekten Konzentrationslager ausgebaut worden.

RHETORIK

Und das in jener Zeit, in der sich die sowjetische Re-gierung auf dem internationalen Parkett mit Ent-spannungs-Rhetorik zu profilieren sucht. Rechtzeitig zur zweiten "Konferenz für Sicherheit und Zusammen-arbeit in Europa (KSZE)", die am 15. Juni 1977 in Belgrad begonnen hat, präsentierte die KPdSU-Spitze der Weltöffentlichkeit eine neue, "liberale" Verfassung, Sie garantiert dem 225-Millionen-Volk - auf dem Papier - die klassischen Bürgerrechte: Recht auf freie Meinungsäußerung, Demonstrationsfreiheit, Glaubensfreiheit und "Unantastbarkeit im Briefverkehr und bei Telefongesprächen".

AUFGUSS DER STALIN-VERFASSUNG

In Wirklichkeit sind die als Jahrhundertwerk gefeierte Gesetzestexte ein Aufguss der Stalin-Verfassung von 1936, die ebenfalls Freiheiten versprach. Doch auch heute wie damals, gilt: "Die Ausübung dieser Rechte und Freiheiten durch die Bürger darf die Interessen der Gesellschaft und des Staates ... nicht verletzten." Und nur die Partei bestimmt, wer "die Interessen der Gesellschaft" verletzt. Und das Strafrecht ermächtigt den Staatsapparat, politische und religiöse Dissidenten zu verhaften und abzuurteilen.

Die sowjetische Verfassungswirklichkeit, die Regime-Gegner in den Untergrund zwingt und Dissidenten an der Ausreise hindert, widerspricht eindeutig der Schluss-akte der ersten KSZE-Tagung in Helsinki. Bei der Unterzeichnung im August 1975 hatte Parteichef Leonid Breschnew (1964-1982) zugesagt, den "freien Austausch von Gedanken in Informationen und Meinungen" zwischen der UdSSR und den westlichen Staaten zu verwirklichen. Amerikanische Kritik, Moskau sei "weit unter den Abmachungen von Helsinki geblieben" und wende die Menschenrechte "willkürlich" an, wies der KP-Chef stets entrüstet und mit der Begründung von sich, in der Sowjetunion gebe es keine Straflager, sondern nur "Erziehungskolonien".

"ERZIEHUNGSKOLONIEN"

Der Tag der 1.500 Häftlinge in der "Erziehungskolonie" Riga OZ 78/7 beginnt, so bekunden ehemalige Insassen, um 5.30 Uhr. Die Strafgefangenen müssen zum Zähl-Appell aus ihren Baracke heraustreten. An den Türen gibt es jeden Morgen ein Gedränge. Die Unterkünfte sind hoffnungslos überbelegt. Mehr als 50 Mann hausen jeweils in einem Schlafraum, der für zwölf bestimmt ist.

Auch im Essens-Saal ist der Platz knapp. Die zwei Tassen wässriger Hafersuppe schlürfen die meisten im Stehen hastig herunter. Die Wachposten , die Maschinenpistolen über der Schulter, treiben zur Eile. Die Armee-Lastwagen warten. Es ist sieben Uhr. Der Menschentransport beginnt.

ABGERICHTETE HUNDE

Langsam schieben sich die Laster, auf denen jeweils 50 Gefangene zusammengepfercht hocken, bewacht von abgerichteten Hunden, durch den Haupteingang des Lagers. Vorbei an Militärposten mit Maschinenpistolen im Anschlag, vorbei an Stacheldrahtverhauen und den neuen hohen Holzzäunen. Durch Stadtbezirke Rigas geht es über die "Krustpils lela", zu deutsch "Kreuzburg-straße", hinaus nach "Incukalna", einem Fabrikgelände mit Sägewerk und Holzlager.

Ob im heißen Sommer oder im bitterkalten Winter, für die Verbannten von Riga gibt es keinen Unterschied. Sie müssen neun Stunden pro Tag im Freien schuften - dazwischen liegen knappe 15 Minuten Pause. Die Sträflinge haben nur ein Ziel: die hohen Arbeitsnormen einzuhalten. Darüber wacht ein Soldat mit Stoppuhr und Notizbuch.

KNOCHENARBEIT

Für die Knochenarbeit bekommen die Gefangenen 50 Kopeken pro Tag. Das sind nicht einmal zwei Mark. Von diesen zwei Mark werden 1,60 Mark für das Essen abgezogen.

Moskaus Parteifunktionäre planen die Arbeit der Gefangenen in ihren Wirtschaftsprogrammen fest ein. Gäbe es sie nicht, würden in Riga die supermo-derne "Popow-Elektrofabrik", das neue Brotkombinat und die Wasserversorgungsanlage nicht stehen. Die sowjetische Zeitung "Kasachstanskaja Prawda": "Die von Gefangenen verrichtete Arbeit ist Schwerarbeit, und die Produktionsnormen sind maximal. Eine Arbeits-kolonne ist kein Erholungsheim. Hier muss gearbeitet werden. Im Schweiße des Angesichts."

MARX UND LENIN-TEXTE AUSWENDIG

Um 17 Uhr sollen die Laster zurück ins Lager. Schon eine halbe Stunde später beginnt der politische Unterricht. Unteroffiziere lesen aus den Werken von Marx und Lenin, lassen Texte aufsagen und klopfen immer wieder die politische Gesinnung ab. Kommt die Rede auf die Menschenrechte, dann fallen Sprüche, wie sie der Bewacher Ljubajew vor Häftlingen äußerte: "Menschenrechte? Das ist etwas für Neger!"

Wer sich nicht parteifromm verhält, muss mit harten Strafen rechnen. Familienbesuche, ohnehin nur alle sechs Monate erlaubt, werden gestrichen. Die Essensrationen, durchschnittlich 1.800, manchmal sogar nur 1.300 Kalorien pro Tag, werden um die Hälfte gekürzt - zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Nach allgemeingültiger Ansicht benötigt ein körperlich schwer arbeitender Mensch weit über 3.000 Kalorien.

ZU SAUL IN DIE SPEZIALKLINIK

Wer im Lager aufmuckt, kommt zu Saul in die "Spezial-klinik". Schon sein Name sorgt im Lager für Angst und Schrecken. Denn "Saul mit den Sechs-Unzen-Boxhand-schuhen", wie er wegen seiner Lieblings-Werkzeuge Lager-intern genannt wird, kann die Geschundenen körperlich so quälen, dass keine sichtbaren Spuren zurück-bleiben. Bei der Umerziehung "ist jede beliebige Maßnahme und Methode der pädagogischen Einfluss-nahme einzusetzen" - so steht es in de 1972 verfassten Erläuterungen der sowjetischen Gesetzgebung.

SCHWERE ARBEITSUNFÄLLE

Das Arbeitslager OZ 87/7 ist berühmt für seine "Feldscher". So werden in der Sowjetunion jene Hilfskräfte genannt, die ohne jede medizinische Ausbildung an kranken Gefangenen herumdoktern. Oft sind die "Feldscher" selbst Gefangene, die, weil es kein geschultes ärztliches Personal gibt, Sprechstunden abhalten. Dabei wäre gerade in Riga Mediziner dringend nötig, denn fast täglich passieren im Sägewerk "Incukalna" schwere Arbeitsunfälle. Die Männer arbeiten ohne den geringsten Sicherheitsschutz: keine Helme, keine Handschuhe, keine Schutzbrillen.

Die Einwohner von Riga wissen von alldem gar nichts. Kontakte zwischen der lettischen Bevölkerung und den Lagerinsassen weiß der Staatsapparat zu verhindern. Er setzt als Wärter nämlich Angehörige sowjetischer Nationalitäten ein, die nicht Lettisch sprechen können und oft auch nicht Russisch. Die Auswahl des Wach-personals hat Methode: In Riga tun Mongolen ind Tscherkessen Dienst. Dafür dient Wachpersonal aus Riga im sibirischen Wladiwostok.

JAHRE DANACH - ALBTRÄUME

Nur Offiziere des KGB können mit den Gefangenen sprechen. KGB-Chef in Riga ist Oberstleutnant Berzins, ein 48jähriger Mann mit stahlblauen Augen und einem pausbäckigen Gesicht. Er beschäftigt sich mit besonders gravierenden "politischen Fällen". Eine Zutat seiner Verhör-Methodik: "Reden Sie, solange wir Ihnen dazu noch Gelegenheit geben! Sonst werden Sie eines Tages froh sein, überhaupt noch sprechen zu können." Manche Häftlinge aus Riga haben noch Jahre nach ihrer Entlassung Albträume an Oberstleutnant Berzins.

Der sowjetische Fortschritt zu höherem "Ruhm und Ehre der Arbeiterklasse" ist nicht aufzuhalten - auch nicht im Arbeitslager OZ 78/7 von Riga. Zierten letztes Jahr noch Bäume und Sträucher den Weg zum Lager, so haben heute Bulldozer die Sicht freigeräumt. Damit haben die Wachen die Lagerumgebung unter totaler Kontrolle. Die Lastwagen sind neuerdings mit zwölf Millimeter dicken Stahlplatten abgedichtet, um den Menschentransport vor den Augen Neugieriger zu verheimlichen.

VARIANTE DES "FORTSCHRITTS"

Letzte Variante des technischen Fortschritts - eine haushohe stabile Holzwand, zugleich Barrikade, versperrt den Gefangenen jeden Blick in die Außenwelt. Riga im Sommer des Jahres 1977. OZ 78/7 ist eines der fünf Arbeitslager der Stadt - und es ist trotz allem noch das humanste. Die Gefangenen in den anderen Lagern müssen noch härter arbeiten, dürfen noch weniger schlafen, bekommen nur eine Schachtel Zigaretten pro Woche. Besuch dürfen sie nie empfangen. Und da es sich um "Lager der verschärften Kategorie" handelt, ist an Entlassung nicht zu denken.