Donnerstag, 4. August 1977

Chile: Folter-General Augusto José Ramón Pinochet























stern,
Hamburg
04. August 1977
von Reimar Oltmanns


Er regierte Chile als selbsternannter "Präsident auf Lebenszeit" über 17 Jahre, ohne jemals gewählt worden zu sein. Er starb im Jahre 2001 im Alter von 91 Jahren, ohne sich jemals für seine systematischen Menschenrechts-verletzungen - Verbrechen an der Menschheit - verantworten zu müssen. Leichen pflasterten seinen Weg, Tausende von Folteropfern säumen Chiles Friedhöfe. - Massenver-haftungen, Hunderte verschwundener Studenten, Lehrerinnen, Gewerkschafter - irgendwo in Wäldern unkenntlich verscharrt. Konzentrationslager vielerorts, Fußballstation als Verlies, Polizeistation als schalldichte Folterstätten - die kritische Intelligenz des Landes in Massengräbern oder auf der Flucht. Über eine Million Menschen mussten während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) emigrieren. Erst mit Beginn der neunziger Jahre begann in Santiago mühsam die Re-Demokratisierung. Rückschau gegen das Vergessen auf Chiles Schreckens-Epoche. Die Aufarbeitung jener Horrorjahre hat erst nach mittlerweile zwei Jahrzehnten quälend begonnen. Spurensuche.

Der 61jährige Augusto Pinochet Ugarte, Oberkommandierender des Heeres. Juntachef und Staatspräsident der Republik Chile seit 1974 liebt die europäische Wehrmachtsglorie der dreißiger Jahre. Von hoher Tellermütze bis zum glitzernden Gold auf den Kragenspiegeln, vom Hackenknallen auf den Kasernenhöfen bis zur Marschmusik im Wohnzimmer nach Feierabend kopiert er längst Vergangenes für den aktuellen Hausgebrauch in Chile. Das Militär, sagt der Diktator, musste den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (*1908+1973) stürzen, "weil Chile sein traditionelles Lächeln verloren hatte".

PUTSCH OHNE BEISPIEL
Ein Putsch, in diesem Jahrhundert, auf dem südamerikanischen Kontinent ohne Beispiel, der zwischen 15.000 bis 20.000 Menschenleben auslöschte. "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit die Demokratie fortbesteht", erklärte der General einen Monat nach seiner Machtübernahme am 11. Oktober 1973. - Massenexekutionen, die unerbittliche Jagd auf all jene Chilenen, "die in der Sowjetunion ihr eigentliches Vaterland haben" (Pinochet), seien notwendig und unvermeidlich gewesen. Für ihn ist Chile heute ein Land, "in dem die Leute frei und glücklich sind". Auch die seit vier Jahren verhängte nächtliche Ausgangssperre ist für Pinochet nur positiv: "Vater kommt früh nach Haus und Mutter ist glücklich."
BÜRGER-IDYLLE AUF ENGLISCHEM RASEN
Pinochet demonstriert die neue Bürgeridylle Chiles bei sich zu Hause. In der Hollywoodschaukel, die auf dem englischen Rasen vor der Villa steht, posiert Vater Augusto im hemdsärmeligen Dress neben Mutter Dona Lucia im sommerlichen Seidenkostüm. Chilenische Reporter der Junta frommen Wochenzeitschrift "Que Pasa" sind zu Besuch. Gemeinsam wollen General und Journalisten an seinem Image basteln, es zu einem fürsorglichen Familienpatriarchen aufpolieren. Die Militärdiktatur sitzt fest im Satteln, deshalb soll der blutrünstige Soldat aus dem Bewusstsein der Leute verschwinden. Eine identitätsstiftende Vaterfigur für das Zehn-Millionen-Volk wird aufgebaut. Pinochet rückt näher an seine Frau und legt den linken Arm um ihre Schulter. Dann schaut er freundlich, erstaunlich milde in die Ferne. Der Fotograf drückt auf den Auslöser und hat die Familienharmonie im Kasten; eine Glückseligkeit, die die Marxisten der Bevölkerung vorenthielten.
ALLENDES WITWE
Der General weiß auch warum. Er erinnert sich auf einmal an die Witwe des toten Salvador Allende: "Da reist sie nun durch die Welt, die Frau Hortensia, redet schlecht über uns und spielt die tragische Rolle der traurigen Witwe. Einer vereinsamten Frau, wo doch aber jeder hier im Land bestens weiß, dass Allende sich zu Lebzeiten nicht einmal an sie erinnerte und mit dieser - wie heißt sie noch - ach ja, mit dieser Margarita Contreras zusammenlebte."
SITTENVERFALL
Sozialistischer Sittenverfall gestern, konservatives, soldatisches Eheglück dieser Putsch-Jahre. Beides präsentieren Chiles Medien ihren Lesern in Wort und Bild. Salvador Allende mit schief-verzerrtem Gesicht in den Armen seiner Geliebten, Pinochet treuherzig wie brav neben seiner Ehefrau in der Hollywoodschaukel. Keimfrei, katholisch und klug: besser hätten die Nazis ihre Familienpropaganda auch nicht aufziehen können. "Wir haben doch sechs Enkelkinder, fünf Jungs und ein Mädchen", verrät Pinochet der chilenischen Öffentlichkeit. "Nein Alterchen", es sind sieben, du hast Rodriguito vergessen", unterbricht Dona Lucia. "Ah, ja noch ein Baby, Rodrigo", verbessert sich der Präsident. "Na ja", meint Dona Lucia, "die anderen sind doch Teufelchen, der Kleine noch nicht." Der General gibt zu, dass Rodrigo sein Günstling ist. "Die anderen sind mit irgendwie gleichgültig." Dona Lucia unterbricht wieder: "Um Gottes willen, Augusto, gleichgültig?"
GEHEIME PAPST-DEMARCHE
Die "spitzfindigen" Reporter fanden bei den Pinochets heraus, dass die Familie sonntags das "heilige Mittagessen" gemeinsam einnimmt. Seine drei Töchter und die beiden Söhne, die ihren Vater "Pate" nennen, sitzen dann auch am Tisch. Vorher war die Familie beim Gottesdienst. Dona Lucia: "Ich glaube, wir kennen alle Kirchen in Santiago." Was die gläubigen Pinochets der Bevölkerung verschweigen, ist eine geheime Demarche von Papst Paul VI. (1897-1978) aus Rom. Der katho-lische Oberhirte hatte Pinochet die Exkommunizierung angedroht, falls er die Menschenrechte in seinem Land weiterhin missachte. Das war Anfang 1976. Damals saßen noch an die 6.000 politische Gefangenen in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Wenige Monate später ließ er 302 Häftlinge frei. Sein Kommentar: "Eine großzügige Geste. Ich bin nämlich ein Christ."
"STINKENDE TAUGENICHTSE"
Internationalen Proteste, Chile gehöre zu den Klassikern der Folterstaaten, wollen die Pinochets nicht wahrhaben. Dona Lucia: "Viele Besucher haben die paar stinkenden Taugenichtse im Gefängnis gesehen, wie wohlgenährt, gesund und strahlend sie aussehen. Aber kaum haben sie Chile wieder verlassen, reden sie von
Folter und anderem Unsinn." Ihr Mann, so gibt sie vor, wolle nichts anderes als "das Land voranbringen". Jetzt ergreift er selbst wieder das Wort. Wenn Pinochet die Pro-vinz bereist, und er ist ständig auf Achse, "zeigen die Leute mir offen ihre Zuneigung. ' Hoffentlich werden Sie nicht müde', rufen sie mir zu", sagt der General mit Stolz. Er sagt es jedem, der es hören will. Sein zweites Thema sind die loyalen Chilenen im Ausland, die nach einer Geschäftsreise nach Santiago zurückkehren. Sie berichten ihm über die sogenannte "Vox populi" - Volkes Stimme. Ob der Taxifahrer am Flug-hafen "Charles de Gaulle in Paris oder der am Münchner Hauptbahnhof: Die Junta-Chilenen hören für ihren Putsch-Präsidenten immer nur einen Satz heraus: "Was wir hier brauchen, ist ein Pinochet."
SPANIENS FRANCO - EIN VORBILD
Die Schar der Ja-Sager haben Pinochet seine "internationale Popularität" inzwischen eingeredet, dass ihm ein Platz in der Weltgeschichte gewissermaßen sicher scheint. Pinochet über sich und sein missionarisches Sendungsbewusstsein: "Für die Marx- und Lenin-Verschwörer aus Moskau war es ein harter Schlag, dass sich Chile vom Kommunismus befreien konnte. Die Bevölkerung sieht mich als eine Hoffnung. Sie sehen mich als den Führer." Wenn das Wort Führer fällt, ist ein neuer Begriff dieser Ära nicht fern - "Pinochetismus" . Der Diktator ließ ihn beizeiten ausstreuen, um sich als alleinige Erbe des "Franquismus" zu empfehlen. Pinochet, der Franco Südamerikas - Pinochet, der vom spanischen Generalis-simus Franco noch kurz vor seinem Tod mit dem höchsten spanischen Militärorden in Friedenszeiten ausgezeichnet worden ist, übernimmt mehr und mehr auch die ideologischen und politischen Strukturen, eben Grundmuster, Herrschaftsallüren; oft alltägliche Allüren des Caudillo. So verfügt er bereits über einen Geheimdienst, die DINA, die ihm direkt untersteht, und setzte nach Franco-Vorbild einen "Staatsrat aus achtundzwanzig Honoratioren" ein, die ihn beraten sollen.
PINOCHETISMUS
Pinochetismus in Südamerika heißt in den eigenen Worten des Generals. "Menschen müssen gefoltert werden, weil die Sicherheit des Staates es erfordert." Oder: "Ich mache sie aus, dann greife ich sie an und wenn ich kann ich kann, zerstöre ich sie." Pinochetismus als faschistische Diktatur läuft darauf hinaus: "Ich werde sterben, mein Nachfolger auch, aber Wahlen wird es nicht geben." Und Pinochetismus lehrt die Armee heute: "Soldaten sind gefährlicher als Polizisten, weil ihr Beruf das Töten ist."
LEUTNANT MIT 21 JAHREN
So und nicht anders hat Augusto Pinochet sein "Handwerk" gelernt. Im Jahre 1915 in Valparaiso geboren, avancierte er schon mit 21 Jahren zum Leutnant der Armee. Bis zum Allende-Sturz 1973 trat Pinochet nach der Tradition der chilenischen Streitkräfte politisch nicht in Erscheinung. Er war Berufssoldat, der durch"Energie und Disziplin" schneller Karriere machte als manch anderer seines Offiziersjahrganges, sagten Mitschüler über ihn aus. Er schrieb über die Geografien Chiles, Argentiniens, Boliviens und Perus, die während seiner Ära zur Pflichtlektüre an den Schulen des Landes gehörten.
US-DRILL GEGEN "SUBVERSION"
Als Pinochet Militärattaché der chilenischen Botschaft in Washington wurde, fiel er Anfang der sechziger den Amerikanern auf. Die US-Armee lud ihn seither regelmäßig in ihr Ausbildungscamp "Fort Gulick" in die Panamakanal-Zone ein. ( am 31. Dezember 1999 wurde das US-Gebiet entlang des Kanals sowie alle US-ameri-kanischen Militärbasen offiziell an Panama übergeben.) "Fort Gulick" war keine x-beliebige Kaserne. Auf einem Areal von 66.208 Hektar, das sind die Hälfte des Landes der einstigen Panama-Kanalzone, bildete die 8. Gruppe der US-Special-Forces die Offiziere Lateinamerikas im Kampf gegen "Subversion" in ihren Ländern aus. Die Disziplinen: Dschungelkrieg, Ranger-Drill und Anti-Guerilla-Taktik. Auch die militärische Gegenspionage von Staatsstreichen standen auf dem Lehrplan.
FILIALE: PENTAGON
Castros Kuba-Eroberung im Jahre 1959 und Che Guevaras Untergrundkrieg in Bolivien 1968 ließen die US-Regierung fürchten, Südamerika könne nach und nach kommunistisch infiltriert werden. So bezeichnet die französische Tageszeitung "Le Monde" die Panama-Zone heute als eine "Filiale des Pentagon" in Washington. Und die "New York Times" berichtet: Von den 30.000 Absolventen des "Fort Gulick", das für die Lateinamerikaner "Excuela de las Americas" heißt, sind heute in Südamerika insgesamt 170 Regierungschefs, Minister, Oberbefehlshaber, Stabschefs oder Direktoren der Geheimdienste. Naheliegend, dass die USA nach Bekundungen ihres damaligen Außenministers Henry Kissinger gleichsam spätestens seit 1970 den Sturz Salvador Allendes durch massive Militärhilfe angestrebt haben - ein internationalen Handels- und Kreditembargo gegen Chile federführend durchsetzten.
PERFEKTER STAATSSTREICH
General Augusto Pinochet Ugarte trug sich im Jahre 1965 zum ersten Mal in die Teilnehmerliste von "Fort Gulick" ein. 1968 zum zweiten Mal und 1972 zum letzten Mal. Als er ein Jahr später gegen Salvador Allende putschte, waren ihm sicherlich noch Lehrprogramme wie Übungen der 8. Gruppe der Special-Forces im Gedächtnis präsent. Sie waren gedacht als Gebrauchsanweisungen gegen "linke" Putschisten, doch lieferten gleichzeitig das Rezept für den perfekten rechten Staatsstreich.
Instruction 1/57: "Die ganze Weisheit beim Staatsstreich besteht darin, dass er einen plötzlichen, entschlossenen Schlag ins Herz der Regierung darstellt, einen Dolchstoß, der gleich beim ersten Stoß bis zum Heft eindringt ...".
Instruction 9/57: "Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Weg, dieses Ziel zu erreichen, als durch ein oder zwei geschickte Mörder ...".
Instruction 37/57: "Das allgemeine Ziel der Angriffsperiode ist es, durch plötzliche Gewaltanwendung den gesamten Teil des Staatsapparates, der wirksamen Wider-stand leisten könnte, kopflos zu machen und in Verwirrung zu bringen ... Die Nachrichtenverbindungen der Regierung müssen unterbrochen werden. In dieser Hinsicht sollten die Aufständischen äußerst rücksichtslos sein."
Instruction 49/57: "Wenn der Staatsstreich gelingt, wird eine Zeit kommen, wo die Anhänger der alten Regierung nur noch an Flucht denken ... Wenn das Rückgrat des Widerstands gebrochen ist, werden die Fliehenden ein leichtes Ziel bieten. Je schneller die Truppen die Fluchtwege kontrollieren können, desto reicher wird wahrscheinlich die Ernte sein. Auch hier ist die Verfolgung wie in herkömmlichen Kriegen die Krone des Sieges...".
Instruction 54/57: "Zumindest in der Vergangenheit wurden den technischen Einzelheiten des Staatsstreiches zu wenig militärische Erwägungen gewidmet. Es ist vielleicht natürlich, dass der Staatsstreich kein Studienobjekt an den meisten Offiziersschulen war ... In vieler Hinsicht erscheint diese Vernachlässigung als unangebracht, denn es ist möglich, dass der Staatsstreich in den militärischen Überlegungen der Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird."
IN VIER STUNDEN - WAR ALLES VORBEI
Pinochets Coup, der heute pathetisch die "Revolution vom 11. September" genannt wird, war meisterlich durchdacht. Nach vier Stunden war alles vorbei. Salvador Allendes Präsidentschaft (1970-1973) war mit seinem Versuch gescheitert, auf demokratische Wege eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren. Allende hatte gegen eine Bourgeoisie gekämpft, die nicht bereit war, von ihrem Reichtum etwas abzugeben, die vielmehr um ihre sattsamen Pfründe fürchtete. Allendes Wirtschaftspolitik sah ihre vordringliche Aufgabe in einer entschädigungslosen Verstaatlichung der Bodenschätze - speziell Kupferbergbau -, die Enteignung von ausländischen Großunternehmen, auch der Banken und eine Agrarreform, bei der 20.000 Quadratkilometer Fläche von Großgrundbesitzern an Bauern und Kollektive übergeben wurden. Verbessert hatte sich durch Allende nämlich zunächst sehr schnell die wirtschaftliche Lage der Arbeiter und der Unterschicht. Löhne wuchsen um 30 bis 6o Prozent, Preise für Grundnahrungsmittel und Mieten wurden eingefroren, jedes Kind bekam Schuhe und täglich ein Liter Gratismilch in der Schule; Kindersterblichkeit sank um 20 Prozent, Arbeitslosigkeit um 8,8 Prozent. Mit seiner anfänglich erfolgreichen Sozialpolitik folgte Allende sowohl sozialistischen Idealen der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als auch einer südamerikanischen Tradition "populistischer" Nachfragepolitik. Doch allesamt wurde Allendes sozialistisches Chile mittels glasklarer US-Handels- und Kreditembargos vom Tisch gefegt, in den Abgrund getrieben; Privatinvestitionen sanken, Gelder ins Ausland transferiert.
WIRTSCHAFT VORM RUIN
Die Wirtschaft des Landes stand folglich vor dem Ruin, abhängig vom amerika-nischen Kapital, das Chile wegen der Verstaatlichung einiger wichtiger US-Unter-nehmen boykottierte. Schwere Wirtschaftskrisen samt Streiks durchschüttelten das Land, Rationierungen und hohe Inflationen bis zu 600 Prozent bestimmten den Krisen geschüttelten Alltag. Der US-Geheimdienst CIA hatte bereits zu diesem Zeitpunkt vorsorglich acht Millionen Dollar zur "Destabilisierung der Volks-frontregierung" ins Land gepumpt. Schmiergelder, die Militärs, Kongressabge-ordnete, streikende Fuhrunternehmer sowie radikale Linke und Rechte kassierten. - Am Ende des Traums nach einer gerechteren Gesellschaft blieb die Erosion eines systematisch in den Ruin aufgetriebenen Volkes. - Ob nun Selbstmord oder Mord eines unbeugsamen Salvador Allendes im Präsidentenpalast am 11. September 1973 in Santiago de Chile - keiner kann die tödlichen Ereignisse mit Gewissheit belegen.
"WAS GEHT VOR, AUGUSTO?"
Als die Hauptstadt Santiago am Rande des Bürgerkriegs stand, glaubte Allende immer noch, sich auf Pinochet verlassen zu können. Schließlich ist Pinochet unter Allendes Regentschaft zum Divisionsgeneral, zum Befehlshaber der in Santiago stationierten Zweiten Armee und Oberkommandierender des Heeres ernannt wurden. Immer wieder rief Allende ihn an und fragte: "Was geht vor Augusto?" Der General beruhigte seinen Präsidenten: "Ich werde bis zum Ende loyal zur Regierung stehen", ver-sicherte er.
BRUTUS
In Wirklichkeit war Pinochet längst zum Brutus geworden. Die blutigen Putschpläne waren schon mit den Oberbefehlshabern der Teilstreitkräfte abgesprochen worden, Sie lagerten bei Pinochet in der Schublade. Den letzten Anstoß zum Umsturz sollen Pinochet jedoch die Frauen der betuchten groß- und mittelbürgerlichen Schichten gegeben haben, die auf ihn auch noch zu Zeit seiner Präsidenten-Diktatur einen beträchtlichen Einfluss ausübten. Ihre Kochtopf-Demonstrationen in Santiago gegen stets höhere Lebensmittelpreise, und die ständigen Sticheleien gegen seiner eigenen Ehefrau Dona Lucia beim morgendlichen Frühstück zu Hause, "Augusto, du bist doch Soldat und kein Feigling", beschleunigten offensichtlich Allendes Ende.
PINOCHETS DANKESBRIEF
Knapp zwei Monate nach dem Putsch von Santiago kam in "Fort Gulick" in der noch durch US-Militärs besetzen Panama-Kanalzone ein Brief aus Santiago an, der über Jahrzehnte den Ehrenflur schmückte, in dem jedes Mitgliedsland durch seine Nationalflagge vertreten war. "Wir bitten Sie, die Dankbarkeit der chilenischen Armee entgegenzunehmen, der ich meine aufrichtigen Glückwünsche für die berufliche Ausbildung, die in diesem Institut erteilt wird, hinzufüge." Der Brief trägt das Datum vom 6. November 1973 und ist unterzeichnet von Augusto Pinochet.
ZWEI GESICHTER
Pinochet und seine zwei Gesichter. Als US-Präsident Jimmy Carter (1977-1981) im Wahlkampf der republikanischen Ford/Kissinger-Regierung (1974-1977) den Vorwurf machte, "den gewählten Allende gestürzt zu haben, um einer Militärdiktatur Platz zu machen", konterte der General in einem Telegramm an Carter: Er sei "durch falsch oder verstümmelte Informationen beeinflusst worden, die auf der Propaganda marxistischer Parteien basieren." Carter solle doch nach Chile kommen und an Ort und Stelle die Materialen einsehen. Jimmy Carter fuhr bekanntlich nicht, dafür amerikanische Journalisten, die der Diktator im 22. Stock von Diego Portales empfing.
LANDKNECHTS-JOVIALITÄT
Sein Arbeitszimmer, ein sachlich-kühler Raum, kennt nur einen Schmuck: einen goldglänzenden Säbel. Die Gespräche beginnt Pinochet immer mit derselben Litanei. Eigentlich rede er überhaupt nicht mit ausländischen Journalisten. "Man wird Ihr Interview doch nur publizieren", witzelt er verbissen, "wenn Sie schreiben, an Pinochets Händen klebt Blut. Kein Mensch wird Ihnen glauben, dass ich ein normaler und ruhiger Mensch bin, der sogar lachen kann."
Seine Landknechtsjovialität offenbart, was ihm selbst seine engsten Freunde bescheinigen. Er ist kein Mann der brillanten Intelligenz, vielmehr ein Haudegen, der sich durch Diensteifer, Beharrlichkeit und Härte nach oben geboxt hat. Dazu kommt eine Portion dreister Bauernschläue, mit der er seine Gegner allzu oft auszutricksen versucht. Eine amerikanische Reporterin von NBC: "Aber ich habe die Leiche eines politischen Gefangenen mit eigenen Augen gesehen." - "Was sahen Sie, Einschüsse, Folterspuren?" fragte Pinochet mürrisch. "Ich sah blutige Wunden am ganzen Leib, zerschlagene Schläfen." Pinochet reagiert sachkundig: "Autounfall", sagt er. "Ein typisches Beispiel, wie jene zwei Terroristen, die vor ein paar Tagen einer Streife ausrissen. Ihr Wagen überschlug sich dabei. Manchmal versuchen die Herren sich freizuschießen, sogar mit Handgranaten. Auch auf unserer Seite, Madame, gibt es Opfer. Aber vielleicht ist der Mann, den Sie sahen, auch auf eine ganz gewöhnliche Weise verunglückt, und seine kommunistischen Angehörigen benutzen dies, um uns eins auszuwischen. Große, geschickte Lügner, die Kommunisten. Vor ein paar Tagen hat ein Arbeiter ein kleines Mädchen geschändet und verbreitet, die Polizei habe das getan. Wir holten ihn ab, und er gestand die Wahrheit. Was Ihre Presse nicht daran hindert, uns als perverse Verbrecher zu verleumden."
FOLTERLAGER TEJAS VERDES
Ein anderer Reporter: "Der Mapacho-Fluss und die Gewässer der südlichen Provinzen von Cantía und Valdiria spülen täglich entsetzlich zugerichtete Leichen an die Uferböschungen." Pinochet: "Diese Menschen sind nicht durch Soldaten getötet worden. Extremisten haben Schwerverletzte in den Fluß geworfen, weil sie sie nicht hätten pflegen können."
Die Folterlager in Tejas Verdes in Fuerte Borgono, in Talcahuano, in der Academia de Guerra Aérea, die Torturzentren in der Villa Grimaldi, in Tres Alamos , in der Calle José Domingo Canas oder in der Calles Londres 42, existieren für Augusto Pinochet gar nicht. Er tut so, als würde er es auch Hitler abnehmen, nichts von Auschwitz gewusst zu haben.
ISOLIERHAFT, ELEKTROSCHOCKS
Die Isolierhaft, der Schlafentzug, die Prügel, die Vergewaltigung, das Ausreißen der Fingernägel, die Behandlung mit Drogen, die Elektroschocks, die Papageienschaukel - für Augusto Pinochet sind es "Greuelmärchen, die aus Moskau kommen".
Der Bericht der UNO-Menschenrechtskommission, die 150 Zeugen in Genf, Paris, New York und Caracas vernahm, der Report der Internationalen Juristen-Kommission, die in Chile über Hunderten von Schicksalen minutiös nachging, die Nachforschungen der Internationalen Arbeitsorganisation, die das Regime für den Tod von 119 Gewerkschafter verantwortlich macht - die Materialsammlung der kirchlichen Vicaría de Solidaridad in Santiago, die Statistiken des Lutherischen Weltbundes (50.000 Ermordete seit dem Putsch) und von amnesty international (130.000 Menschen wurden seit 1973 für kürzere oder längere Zeit interniert, 1.500 Chilenen sind spurlos verschwunden, wahrscheinlich tot) - 4.000 noch in Haft. Pinochet begegnet den Anklagen mit kaltschnäuziger Ignoranz.
HOCHFINANZ AN PINOCHETS SEITE
Er weiß sich bei seiner Politik der Unterstützung der internationalen Hochfinanz sicher. Seit dem Umsturz sind die Militärjunta insgesamt 2.5 Milliarden Dollar zugeflossen: Von Finanzorganisationen, ausländischen Privatbanken, Verkäufer-kredite und staatliche Hilfen insbesondere von den USA, Brasilien und Argentinien. Bis ins Jahr 1980 werden der Diktatur weiterhin 500.000 Dollar jährlich gewährt; als Finanzspritze weiterer Repressionen sozusagen. Selbst die Volksrepublik China pumpte 125 Millionen Mark in eine Kugellagefabrik. Im April 1977 war auch ein deutscher Großbankier Hermann Josef Abs (1901-1994) zu Gast. Die chilenische Zeitung "El Mer curio" berichtete: "Herr Abs, einer der einflussreichsten europä-ischen Bankiers, erklärte, er sei auf Grund der Zuneigung zu Chile gekommen, die er für unser Land verspüre, wo er zum ersten Mal vor fünfzig Jahren als Student gewesen sei. Andererseits stehe das Institut, dessen Ehrenpräsident er ist, an der Spitze eines Bankenkonsortiums, das sich anschickt, der Corporacion del Cobre einen Kredit über hundert Millionen Dollar zu gewähren. Die Deutsche Bank hatte kürzlich der chilenischen Zentralbank einen Kredit über 50 Millionen Mark für den Kauf von Kapitalgütern eingeräumt." - Am Nachmittag konferierten, wie sollte es auch anders sein, Bankier Abs und Folter-General Pinochet im Gebäude Diego Portales. Der Diktator zum Bankier: "Unter den Nationen der Welt gibt es keine, der sich das chilenische Volk näher fühlt als den Deutschen."
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Nachtrag - Ende September 1998 reiste Pinochet als Senator nach Großbritannien. Dort ließ er sich seinen kranken Rücken behandeln und traf sich mit der britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher (1979-1990), die er während des Falkland-Krieges unterstützt hatte. Aufgrund eines spanischen Haftbefehls wegen Völkermord, Staatsterrorismus und Folter wurde Pinochet in England verhaftet - unter Arrest gestellt. Dem folgte ein monatelanges, fortwährendes juristisches, aber auch machtpolitisches Tauziehen zwischen England, Spanien und Chile. Ausgerechnet die chilenische Regierung unter Eduardo Frey setzte sich für seine Freilassung ein. Ihre Gründe waren sein hohen Alter und sein offenkundig schlechter Gesundheitszu-stand. Dieser offiziellen Version schloss sich gleichfalls die USA an. In Washington wurden nämlich weitere Enthüllungen und Verwicklungen der Vereinigten Staaten in die Menschenrechtsverletzungen, Verschleppungen unter Pinochets Herrschaft befürchtet. - Pinochet indes kehrte unter Beifall seiner Anhänger im Jahre 2000 nach Chile zurück. Bis zu seinem Tod stand er in Chiles Hauptstadt unter "Hausarrest". - Zu einer gerichtlichen Aufarbeitungen und Aburteilung jener Herrschaftsjahre mit Tausenden von Opfern kam es nicht mehr. Verpasste Chancen auf Versöhnung, auf Aussöhnung in dieser zerrissenen Nation.
FRIEDLICHER WANDEL
Im März 2006 wurde die Sozialistin Verónica Michelle Bachelet Jeria zur neuen Präsidentin gewählt (2006-2010). Die Kinderärztin floh während der Pinochet-Zeit über Aus-tralien in die DDR. Ihr Vater, ein Allende-Anhänger, der Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, war derart grausam von Pinochet-Schergen gefoltert worden, dass er wenig später verstarb. Michelle Bachelet floh über Australien in die DDR, wo sie Germa-nistik und Medizin studierte. Im Jahr 1979 - noch unter dem Pinochet-Regime - kehrte sie nach Chile zurück. Trotz Jahrzehnte, die mittlerweile seit dem Ende des Pinochet-Regime vergangen sind, spricht Michelle Bachelet noch lange nicht davon, den Schergen oder Schlächtern von ehedem als Geste eines Neuanfang, die Hand zu reichen. Michelle Bachelet kann es wie vielen anderen Leidensgenossen allenfalls um eine "Wiederbegnung " (reencuentro) mit Menschen in einem Land gehen, in dem die Wunden offenkundig mühsamer verheilen können als vielleicht anderswo. Michelle Bachelelts Nachfolger, der konservative Politiker und Multi- Millionär Sebastián Pinera, trat sein Amt am 11. März 2010 in Santiago de Chile an.

Mittwoch, 22. Juni 1977

Lettland: Unter roten Zaren von einst - Millionen Häftlinge in Tausenden von Lagern verbannt






















stern, Hamburg
vom 22. Juni 1977
von Erich Follath und
Reimar Oltmanns

Die Szene hätte sich an der Klagemauer in Jerusalem abspielen können: Juden, die im Dritten Reich von Nazis verfolgt wurden, singen alte hebräische Lieder und tanzen im Halbkreis. Ein Rabbi, um den sich eine Menschentraube gebildet hat, fordert an Ort und Stelle ein Mahnmal, das an die Gräueltaten der Nazis erinnern soll.

Doch diese Juden , die sich hier versammelt haben, leben nicht in Jerusalem, ihre Zwangsheimat ist die lettische Hauptstadt Riga, und in Riga ist eine De-monstration nationaler Minderheiten verboten. Polizisten sprengen die friedliche Veranstaltung. Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes KGB foto-grafieren die Teilnehmer. Einer von ihnen ist der 55jährige Jacob Raskin. Als der Ingenieur versucht, Polizisten von der Verhaftung des Rabbi abzuhalten, ruft ihm ein Mann zu: "Das werden Sie noch bereuen!"

VERBOTENE DEVISEN

Am nächsten Tag trifft Raskin zufällig einen lang-jährigen Freund in der Kaleju-Straße. Der bittet ihn, da er in Eile sei, doch ein paar Bücher, die er bei sich habe, in die Staatsbibliothek zu bringen. Kaum hat Raskin die Büchertasche in der Hand, treten zwei Männer auf ihn zu. Sie weisen sich als Offi-ziere des "Komitees für Staatssicherheit" aus. In der Tasche, die durchsucht wird, befinden sich 3.000 US-Dollar - in der Sowjet-union verbotene Devisen. Das Urteil für den arglosen Raskin: drei Jahre Arbeitslager ohne Bewährung.

UMERZIEHUNG

Das Arbeitslager OZ 78/7, in dem Raskin interniert wird, liegt zwölf Kilometer östlich von Riga. Es ist eines von rund 1.000 KZs, die sich die Sowjetführung leistet, um ihre Häftlinge "umzuerziehen" - so heißt das offiziell. Im Lager OZ 78/7 trifft Raskin auf den 44jährigen Olafs Bruvers. Der Taxifahrer hatte es gewagt, mit seinen Fahrgästen über Glaubensfreiheit und Menschenrechte zu diskutieren. Das Urteil gegen ihn: sechs Monate ohne Bewährung.

GEFANGENEN-FRIEDHOF

Raskin und Bruvers leben heute im Westen. Ihren Freund Wassilij Ediger ließen sie zurück; auf dem Gefangenen-Friedhof von Riga. Das einzige, das heute an ihn er- innert, ist eine quadratische Grabtafel aus Holz, auf der seine Häftlingsnummer 1214/13 eingeritzt worden ist. Er starb im Herbst 1975 an "Herzversagen". So jedenfalls teilte es die Lagerleitung der Familie mit.

UNTER-ERNÄHRUNG


Tatsächlich litt Ediger an chronischer Unterernährung. Die Steineschlepperei in der Baubrigade hatte er nicht mehr durchgehalten. Ausreichendes Essen gab es nicht, ein Arzt war nicht zur Stelle, als der Ausgemergelte zusammenbrach. Wenige Stunden später war er tot.

Drei Schicksal von 1,2 Millionen. So viele Häftlinge sind in der Sowjetunion unter unwürdigen Bedingungen eingekerkert. Nach Berichten der amerikanischen Regierung , die mit den Recherchen der Gefangenen-Hilfsorganisation amnesty international überein-stimmen, sind davon mehr als 10.000 politische Häftlinge. Ihr einziges "Verbrechen": Sie glauben und denken anders, als es die Partei befiehlt.

ENTSPANNUNGS-FEINDE

Politische Gefangene, die nach ihrer Haft in den Westen ausreisen durften und ihre Augenzeugen-Berichte veröffentlichten, werden in der Sowjetunion als "Lügner und Entspannungsfeinde" diffamiert. Die sowjetische Führung - ob früher Nikita Chruschtschow (1894-1971) oder später Leonid Breschnew (1906-1982) behauptet aber: "In der Sowjetunion gibt es keine politischen Gefangenen."

Auch als im Dezember 1975 ein unter größten Gefahren gedrehter Amateurfilm vom Arbeitslager OZ 78/7 bei Riga im französischen Fernsehen ORTF gesendet wurde und der stern (Nr. 1/1976) die Bilddokumente ver-öffentlichte, erklärte die Sowjetführung: "Der Film ist eine Fälschung." Dieses Dementi nahmen den Moskauer Kommunisten damals nicht einmal ihre französischen Parteigenossen ab. KPF-Chef Georges Marschais (1920-1997) ging bewusst auf Kollisionskurs mit Moskau, als er feststellte: "Diese Tatsachen können dem Sozialismus Schaden zu fügen."

NEUE FILMDOKUMENTE

Wie recht Georg Marschais hat, beweisen neue Film-dokumente, die der stern als erste westliche Zeitschrift veröffentlicht. Sie zeigen das Lager von Riga ein Jahr danach. Wieder gelang es unbekannten Amateur-filmern, sich unter Lebensgefahr an das Lager OZ 78/7 heranzuschleichen und den Alltag der Gefangenen im Bild festzu-halten. Der 16-mm-Streifen wurde von Freunden in den Westen ge-schmuggelt. Der Film beweist: OZ 78/7 ist in den letzten zwölf Monaten zu einem perfekten Konzentrationslager ausgebaut worden.

RHETORIK

Und das in jener Zeit, in der sich die sowjetische Re-gierung auf dem internationalen Parkett mit Ent-spannungs-Rhetorik zu profilieren sucht. Rechtzeitig zur zweiten "Konferenz für Sicherheit und Zusammen-arbeit in Europa (KSZE)", die am 15. Juni 1977 in Belgrad begonnen hat, präsentierte die KPdSU-Spitze der Weltöffentlichkeit eine neue, "liberale" Verfassung, Sie garantiert dem 225-Millionen-Volk - auf dem Papier - die klassischen Bürgerrechte: Recht auf freie Meinungsäußerung, Demonstrationsfreiheit, Glaubensfreiheit und "Unantastbarkeit im Briefverkehr und bei Telefongesprächen".

AUFGUSS DER STALIN-VERFASSUNG

In Wirklichkeit sind die als Jahrhundertwerk gefeierte Gesetzestexte ein Aufguss der Stalin-Verfassung von 1936, die ebenfalls Freiheiten versprach. Doch auch heute wie damals, gilt: "Die Ausübung dieser Rechte und Freiheiten durch die Bürger darf die Interessen der Gesellschaft und des Staates ... nicht verletzten." Und nur die Partei bestimmt, wer "die Interessen der Gesellschaft" verletzt. Und das Strafrecht ermächtigt den Staatsapparat, politische und religiöse Dissidenten zu verhaften und abzuurteilen.

Die sowjetische Verfassungswirklichkeit, die Regime-Gegner in den Untergrund zwingt und Dissidenten an der Ausreise hindert, widerspricht eindeutig der Schluss-akte der ersten KSZE-Tagung in Helsinki. Bei der Unterzeichnung im August 1975 hatte Parteichef Leonid Breschnew (1964-1982) zugesagt, den "freien Austausch von Gedanken in Informationen und Meinungen" zwischen der UdSSR und den westlichen Staaten zu verwirklichen. Amerikanische Kritik, Moskau sei "weit unter den Abmachungen von Helsinki geblieben" und wende die Menschenrechte "willkürlich" an, wies der KP-Chef stets entrüstet und mit der Begründung von sich, in der Sowjetunion gebe es keine Straflager, sondern nur "Erziehungskolonien".

"ERZIEHUNGSKOLONIEN"

Der Tag der 1.500 Häftlinge in der "Erziehungskolonie" Riga OZ 78/7 beginnt, so bekunden ehemalige Insassen, um 5.30 Uhr. Die Strafgefangenen müssen zum Zähl-Appell aus ihren Baracke heraustreten. An den Türen gibt es jeden Morgen ein Gedränge. Die Unterkünfte sind hoffnungslos überbelegt. Mehr als 50 Mann hausen jeweils in einem Schlafraum, der für zwölf bestimmt ist.

Auch im Essens-Saal ist der Platz knapp. Die zwei Tassen wässriger Hafersuppe schlürfen die meisten im Stehen hastig herunter. Die Wachposten , die Maschinenpistolen über der Schulter, treiben zur Eile. Die Armee-Lastwagen warten. Es ist sieben Uhr. Der Menschentransport beginnt.

ABGERICHTETE HUNDE

Langsam schieben sich die Laster, auf denen jeweils 50 Gefangene zusammengepfercht hocken, bewacht von abgerichteten Hunden, durch den Haupteingang des Lagers. Vorbei an Militärposten mit Maschinenpistolen im Anschlag, vorbei an Stacheldrahtverhauen und den neuen hohen Holzzäunen. Durch Stadtbezirke Rigas geht es über die "Krustpils lela", zu deutsch "Kreuzburg-straße", hinaus nach "Incukalna", einem Fabrikgelände mit Sägewerk und Holzlager.

Ob im heißen Sommer oder im bitterkalten Winter, für die Verbannten von Riga gibt es keinen Unterschied. Sie müssen neun Stunden pro Tag im Freien schuften - dazwischen liegen knappe 15 Minuten Pause. Die Sträflinge haben nur ein Ziel: die hohen Arbeitsnormen einzuhalten. Darüber wacht ein Soldat mit Stoppuhr und Notizbuch.

KNOCHENARBEIT

Für die Knochenarbeit bekommen die Gefangenen 50 Kopeken pro Tag. Das sind nicht einmal zwei Mark. Von diesen zwei Mark werden 1,60 Mark für das Essen abgezogen.

Moskaus Parteifunktionäre planen die Arbeit der Gefangenen in ihren Wirtschaftsprogrammen fest ein. Gäbe es sie nicht, würden in Riga die supermo-derne "Popow-Elektrofabrik", das neue Brotkombinat und die Wasserversorgungsanlage nicht stehen. Die sowjetische Zeitung "Kasachstanskaja Prawda": "Die von Gefangenen verrichtete Arbeit ist Schwerarbeit, und die Produktionsnormen sind maximal. Eine Arbeits-kolonne ist kein Erholungsheim. Hier muss gearbeitet werden. Im Schweiße des Angesichts."

MARX UND LENIN-TEXTE AUSWENDIG

Um 17 Uhr sollen die Laster zurück ins Lager. Schon eine halbe Stunde später beginnt der politische Unterricht. Unteroffiziere lesen aus den Werken von Marx und Lenin, lassen Texte aufsagen und klopfen immer wieder die politische Gesinnung ab. Kommt die Rede auf die Menschenrechte, dann fallen Sprüche, wie sie der Bewacher Ljubajew vor Häftlingen äußerte: "Menschenrechte? Das ist etwas für Neger!"

Wer sich nicht parteifromm verhält, muss mit harten Strafen rechnen. Familienbesuche, ohnehin nur alle sechs Monate erlaubt, werden gestrichen. Die Essensrationen, durchschnittlich 1.800, manchmal sogar nur 1.300 Kalorien pro Tag, werden um die Hälfte gekürzt - zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Nach allgemeingültiger Ansicht benötigt ein körperlich schwer arbeitender Mensch weit über 3.000 Kalorien.

ZU SAUL IN DIE SPEZIALKLINIK

Wer im Lager aufmuckt, kommt zu Saul in die "Spezial-klinik". Schon sein Name sorgt im Lager für Angst und Schrecken. Denn "Saul mit den Sechs-Unzen-Boxhand-schuhen", wie er wegen seiner Lieblings-Werkzeuge Lager-intern genannt wird, kann die Geschundenen körperlich so quälen, dass keine sichtbaren Spuren zurück-bleiben. Bei der Umerziehung "ist jede beliebige Maßnahme und Methode der pädagogischen Einfluss-nahme einzusetzen" - so steht es in de 1972 verfassten Erläuterungen der sowjetischen Gesetzgebung.

SCHWERE ARBEITSUNFÄLLE

Das Arbeitslager OZ 87/7 ist berühmt für seine "Feldscher". So werden in der Sowjetunion jene Hilfskräfte genannt, die ohne jede medizinische Ausbildung an kranken Gefangenen herumdoktern. Oft sind die "Feldscher" selbst Gefangene, die, weil es kein geschultes ärztliches Personal gibt, Sprechstunden abhalten. Dabei wäre gerade in Riga Mediziner dringend nötig, denn fast täglich passieren im Sägewerk "Incukalna" schwere Arbeitsunfälle. Die Männer arbeiten ohne den geringsten Sicherheitsschutz: keine Helme, keine Handschuhe, keine Schutzbrillen.

Die Einwohner von Riga wissen von alldem gar nichts. Kontakte zwischen der lettischen Bevölkerung und den Lagerinsassen weiß der Staatsapparat zu verhindern. Er setzt als Wärter nämlich Angehörige sowjetischer Nationalitäten ein, die nicht Lettisch sprechen können und oft auch nicht Russisch. Die Auswahl des Wach-personals hat Methode: In Riga tun Mongolen ind Tscherkessen Dienst. Dafür dient Wachpersonal aus Riga im sibirischen Wladiwostok.

JAHRE DANACH - ALBTRÄUME

Nur Offiziere des KGB können mit den Gefangenen sprechen. KGB-Chef in Riga ist Oberstleutnant Berzins, ein 48jähriger Mann mit stahlblauen Augen und einem pausbäckigen Gesicht. Er beschäftigt sich mit besonders gravierenden "politischen Fällen". Eine Zutat seiner Verhör-Methodik: "Reden Sie, solange wir Ihnen dazu noch Gelegenheit geben! Sonst werden Sie eines Tages froh sein, überhaupt noch sprechen zu können." Manche Häftlinge aus Riga haben noch Jahre nach ihrer Entlassung Albträume an Oberstleutnant Berzins.

Der sowjetische Fortschritt zu höherem "Ruhm und Ehre der Arbeiterklasse" ist nicht aufzuhalten - auch nicht im Arbeitslager OZ 78/7 von Riga. Zierten letztes Jahr noch Bäume und Sträucher den Weg zum Lager, so haben heute Bulldozer die Sicht freigeräumt. Damit haben die Wachen die Lagerumgebung unter totaler Kontrolle. Die Lastwagen sind neuerdings mit zwölf Millimeter dicken Stahlplatten abgedichtet, um den Menschentransport vor den Augen Neugieriger zu verheimlichen.

VARIANTE DES "FORTSCHRITTS"

Letzte Variante des technischen Fortschritts - eine haushohe stabile Holzwand, zugleich Barrikade, versperrt den Gefangenen jeden Blick in die Außenwelt. Riga im Sommer des Jahres 1977. OZ 78/7 ist eines der fünf Arbeitslager der Stadt - und es ist trotz allem noch das humanste. Die Gefangenen in den anderen Lagern müssen noch härter arbeiten, dürfen noch weniger schlafen, bekommen nur eine Schachtel Zigaretten pro Woche. Besuch dürfen sie nie empfangen. Und da es sich um "Lager der verschärften Kategorie" handelt, ist an Entlassung nicht zu denken.






































































Mittwoch, 8. Juni 1977

Folter in dieser Welt - Jeder kann der nächste sein











































































Brasiliens Chef-Folterer Sergio Fleury von der II. Armee als Kapitän verkleidet
auf dem Karneval in Sao Paulo; sein Torture-"Kollege" namens Ackerknecht aus Chile. Ob Polizisten China oder US-Soldaten im Irak im Jahr Zweitausend - allemal gilt ... ...

"Wer gefoltert wurde, kann in dieser Welt nicht mehr heimisch
werden"
Jean Améry, österreichischer Schriftsteller (*1912+1978)

stern, Hamburg
8. Juni 1977
von Reimar Oltmanns

Folter ist für den österreichischen Schriftsteller Jean Améry "das fürchterlichste Ereignis, das im Gedächtnis eines Menschen zurückbleibt", für den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre (*1905+1980 ) "der Striptease des Humanismus". Und für den deutschen Bundesminister Hans Matthöfer ( 1974-1982, *1925+2009 ) sind "die Machthaber, die Menschen foltern lassen, ehrlose Lumpen, schmutzig bis in den letzten Winkel ihrer verrotteten und verlausten Seelen."

FOLTER ALS STRAFVOLLZUG

Wäre Matthöfers Ansicht für die praktische Politik der sozial-liberalen Koalition in Bonn (1969-1982) maßgeb-lich, müsste die Bundesregierung zu mindestens 60 Staaten ihre diplomatischen Beziehungen abbrechen. Fakten der UNO-Menschenrechtskommission und der weltweiten Gefangenen-Hilfsorgsanisation amnesty international belegen, dass in 60 Ländern der Welt die Folter zum Strafvollzug gehört.

Nicht nur in Polizeistationen, Kasernen, Kranken-häusern und Gefängnissen auch in Prunkvillen einiger Staatspräsidenten überbieten sich Verhörer und Folterer gegenseitig, wehrlose Opfer Schmerzen zuzufügen. So in der Residenz des Diktators von Nicaragua, General Anastasio Somoza Debayle (1925-1980).

Noch nie mussten so viele Menschen Torturen ertragen wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Noch nie wurde die Folter zur Durchsetzung tagespolitischer Interessen der jeweiligen Machthaber so brutal eingesetzt wie in unserer Zeit.


ANLEITUNG ZUR MENSCHENHATZ

Folter bleibt keinem Zufall überlassen, sie hat System. Die Schreckensvision, man könnte der Nächste sein, ist ein innenpolitischer Ordnungsmechanismus, der in diktatorischen Ländern die rechtlose Bevölkerung nach Belieben willfährig macht und jedwede öffentliche Kritik - sei es nur an sozialen Missständen - im Keim erstickt. Die Anleitung zur Menschenhatz lieferte der französische Militärhistoriker Roger Trinquier ( 1908-1986) schon im Jahre 1961, als er die Folter in das System der modernen Kriegsführung einbezog: "Der Terrorist muss begreifen, dass er, wenn er gefangengenommen wird, nicht wie ein gewöhnlicher Verbrecher behandelt werden kann, noch wie ein Gefangener auf dem Schlachtfeld ..."

SUBKULTUR DES TERRORS

Folter hat sich zu einer weltweiten "Subkultur des Terrors" entwickelt, wie das amerikanische Nach-richtenmagazin "Time" schreibt, mit eigener Sprache, mit eigenen Ritualen, mit eigenen spiritistischen Sitzungen. So müssen die Geschundenen im persischen "Komitee-Gefängnis" genau wie im Verhör-zentrum der II. brasilianischen in Sao Paulo und in Chiles berüchtigter "Villa Grimaldi", die im Zentrum der Hauptstadt Santiago liegt, ihre Peiniger mit dem Titel "Doktor" ansprechen. Aus Hauptmann Orlando Manso Duràn (Chile), genannt "Paleface" (Bleichgesicht), wird Dr. Duràn. Aus dem Kriminalrat Sergio Fleury, Verbindungsmann zwischen dem brasiliani-schen Geheimdienst und den illegalen Todesschwadronen, die Oppositionelle verschleppen und töten, wird Dottore Fleury. Selbst die größte Zeitung des Landes, der "Estado Sao Paulo", tituliert ihn so vorsichtshalber voller Res-pekt. In den Folterräumen der II. brasilia-nischen Armee in Sao Paulo versucht man, Regime-kritiker unter Todesqualen den "subversiven Geist" auszutreiben - eine Art "geistiger Selbstreinigung", die den Teufelsaustreibungen religiöser Fanatiker ähnelt.

NEUNTE SYMPHONIE VON BEETHOVEN

Der Folterer suggeriert seinem Opfer, er, der Folterer sei eine "magische Gestalt" mit übernatürlichen Kräften. Nach stundenlangen Verhören mit Peitschenhieben und Elektroschocks unterbrochen, wird der Gedemütigte auf eine Eisenpritsche gelegt und gefesselt. Der Raum wird abgedunkelt. Jetzt beginnt der zweite Teil, Hypnose. Aus Lautsprechern, die im Verhörzimmer dafür instal-liert worden sind, ertönt in Intervallen rhythmische Soulmusik oder expressive Passagen aus der Fünften und der Neunte Symphonie von Beethoven. Im Stil eines Exorzisten macht sich der Scherge an die Arbeit. Er versetzt sein Gegenüber in einen Trancezustand. Darin soll das Opfer seine Schuld bekennen, mit Kommunisten und anderen Oppositionellen zusammenzuarbeiten und Namen sowie Adressen sogenannter Staatsfeinde verraten. Wenn diese Methode nichts hilft, werden wieder 120-Volt-Stromstöße durch den Körper gejagt, und nach einer Pause beginnt die Hypnose von vorn.

WUNSCHWELT DER PEINIGER

Folterer leben in einer Wunschwelt, in der sie negative Reizwörter, die sie an Brutalität und Sadismus erinnern müssten, zu positiven Begriffen ummünzen. Die "Villa Grimaldi" heißt für die chilenischen Menschenquä-ler "Villa des Gelächters" (Palacio de la Risa). Und in Persien, wo an die 100.000 politische Gefangene die Haftanstalten füllen, werden blutverschmierte Folter-kammern "Marschierer-Zimmer" genannt. Denn nach den Tortouren müssen die Geschundenen in der Zelle auf und ab gehen. Die Gefängnisärzte befürchten, ihre total erschöpften "Patienten" könnten an einem Kreislaufkollaps sterben, wenn sie sich nicht bewegen.
SPITZNAMEN DER SCHERGEN
Spitznamen sollen die wahre Identität der Folterknechte verbergen, die die meisten von ihnen nicht preisgeben wollen. "Der Lange" oder "Der Schnauzbart" spielen auf ihr Äußeres, "El Aleman" (Der Deutsche), "Cara de Culebra" (Schlangengesicht) oder "El Carnicero" (Der Schlächter) auf Brutalität und Sadismus an.
Folter waren für Briten Anthony Storr (1920-2001), einst renommierter Professor für klinische Psychiatrie in Oxford, Menschen, "die nicht primär boshaft und sadistisch sind". Doch ihr jahrzehntelanges Kasernen-leben - mit Drill, Gehorsam und eingebläuter Ideologie - haben aus einem durchschnittlichen Welt- ein gefähr-liches Feindbild entstehen lassen, bei den meisten ein Schwarz-Weiß-Muster, das nur Gut und Böse zulässt. Nur deshalb konnte sich der griechische Ex-General Stylianos Pattakos zu der Behauptung hinreißen lassen: "Kommunisten sind Bestien. Wir machen keinen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, nur zwischen Menschen und Bestien." Der Schauspielerin Melina Mercouri (1920-1994), die sich seinerzeit im Jahre 1967 entschieden gegen die folternde griechische Militärjunta stellte, entzog Pattakos in seiner Eigenschaft als Innenminister die griechische Staatsbürger-schaft. Melina Mercouri entgegnete: " Ich wurde als Griechin geboren und werde als Griechin sterben. Herr Pattakos wurde als Faschist geboren und wird als Faschist sterben."
QUALITÄT DES SCHRECKLICHEN
In den meisten Armee rangiert der Folterer am untersten Ende der Rangskala. Für den Verhörer ist er ein Lakai, der Informationen herauszuquälen hat. Das vorherrschende Leistungsprinzip. "welcher meiner Jungs foltert am besten", soll die Qualität des Schreck-lichen garantieren. Das ist ihre Umwelt - ihr Milieu -, in der junge Unteroffiziere die grausame Absurdität, Andersdenkenden Schmerzen und Demütigungen zuzufügen, als alltägliche Banalität empfinden. Anthony Storr: "Folterer sind hierarchisch denkende Menschen, die Befehle suchen und akzeptieren. Sie gehor-chen, ohne zu fragen." Ihr "Handwerk" ist ein Routine-Job, der harmlosere Berufe geradezu parodiert" ("Time"). Der amerikanische Missionar Fred Morris ist 17 Tage in der brasilianischen Hafenstadt Recife ge-foltert worden. Er berichtet: "Diese Leute kamen um neun Uhr morgens und gingen nachmittags um fünf. Der einzige Unterschied war, dass sie mit Folter ihr Geld verdienten. Ein gewisser Major Maja sagte vor der Tor-tur stets zu mir: "Ich bin ein Christ, der jeden Morgen in die Messe geht."
Eine Studie der Gefangenen-Hilfsorganisation amnesty international charakterisiert den Folter-Typ der sieb-ziger Jahre als jemanden, "der seine eigenen Konflikte und Fantasien durch die Vernichtung anderer auslebt." So hat die institutionelle Grausamkeit ihre unkontrol-lierbare Eigengesetzlichkeit, die Sadismus heißt.
MACHT ÜBER MENSCHEN
Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm (1900-1980) sieht im Sadis-mus "die Leidenschaft, absolute Macht über Menschen zu gewinnen." Sein amerikanischer Kollege Philipp P. Hallie: "Grausamkeit ist der Prozess der Zerstörung jener Verhaltensmuster, die für gewöhnlich die Lebens-form des Opfers bestimmen." Und Jean-Paul Sartre schreibt: "Man will den, der unter Folter nachgibt, nicht zum Sprechen zwingen, man drückt ihm einen Stempel auf: den des Unmenschen."
"Das darf nie wieder passieren", sagten im Jahre 1948 - nach Hitlers Konzentrationslagern - die 51 Unter-zeichner-Staaten der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen: "Niemand darf der Folterung, unmenschlichen oder erniedrigenden Strafen unter-worfen werden." Heute haben fast alle Staaten diese Erklärung unterschrieben.
FEIERLICHE LIPPEN-BEKENNTNISSE
Doch die feierlichen Lippenbekenntnisse sind so viel wert wie die voreilige Fest-stellung des französischen Romanciers Victor Hugo (1802-1885), der 1874 in Paris glaubte: "Die Folter hat immer aufgehört zu existieren." Hugos Optimismus entsprach dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, der durch Aufklärung, Vernunft und menschlichen Fortschritt geprägt war. Liberale und humanitäre Ideen des aufsteigenden Bürgertums gewannen auf die Gesetzgebung ihres Länder großen Einfluss.
SEIT 1740 SIND TORTUREN VERBOTEN
In Frankreich waren schon während der Revolution von 1789 die Menschenrechte und die Abschaffung der Fol-ter für immer proklamiert worden. Das französische Strafgesetz reihte den Folter in dieselbe Kategorie wie den Mörder, in dem es die Folter als Kapitalverbrechen qualifizierte. Und in Preußen gab Friedrich II. (1712-1786) dem Drängen deutscher Juristen nach: Bereits 1740 wurde Folter verboten. Dies galt jedoch nicht bei Mord, Hochverrat und Majestätsbeleidigung.
RÜCKBLICK AUF FOLTER-GESCHICHTE
Folter ist in der Geschichte der Völker des Westens all-gemein üblich gewesen; vor allem in Kriegszeiten und in Phasen sozialer Spannungen. Zwar untersagten die alten Griechen und Römer die Folter vor Bürgern, doch in Athen galt die Zeugenaussage eines Sklaven vor Ge-richt als nicht vertrauenswürdig, wenn sie nicht heraus-gefoltert worden war. Und im republikanischen Rom gerieten immer mehr freie Bürger in die Daumen- und Beinschrauben eines tyrannischen Willkür-Regimes. Die Folterung der frühen Christen wurde angewandt, um die Gläubigen zum Widerruf ihres Glaubens zu zwingen. Nachdem das Christentum über die Tempelkaiser obsiegt hatte (313 nach Christus), widersetzte sich die Kirche weitgehend der Folterpraxis.
Doch Ende des 11. Jahrhunderts erlebte die Folter ihre Renaissance. Die vergessen geglaubten römischen Gesetze de quaestionibus (Befragungen) wurden aus der Schublade geholt. Im 13. Jahrhundert stand die Folter im Ruf, den "Beweis aller Beweise" hervorzu-bringen. Die "Befragung" war in verschiedenen Stufen klassifiziert: den gewöhnlichen, außergewöhnlichen, vorbereitenden und einleitenden Grad. Justizbeamte, die auch als öffentliche Henker fungierten, verhörten ihre Opfer in speziellen Kammern. Sie saßen mitten unter den zahlreichen Foltergeräten, notierten sorgfältig die Zeitdauer, Gewichte und Maße der Torturen. Zum Schluss fertigten die Staatsdiener peinlich genau ein Protokoll des Geständnisses an.
KATHOLISCHE KIRCHE - EIN PATE DER GEWALT
Abweichende Lehrmeinungen (Häresie) vom Dogma der Römisch-Katholischen Kirche riefen auch den Klerus auf den Plan, sich an den grausamen Folterpraktiken zu beteiligen. Die Kirche argumentierte damit: Wenn schon der Staat seine gewöhn-lichen Verbrecher foltere, warum sollte dann das viel schwerere Vergehen der Häresie nur mit einer geistigen Strafe (Buße) belegt werden, wie es der Heilige Augustinus ( 354-430) ge-fordert hatte. Mit ihrem machtvollen Untersuchungs-instrument "Inquisitio" begann die berüchtigte Men-schenjagd im Mittelalter.
Papst Gregor IX. erklärte 1231 die Inquisition zu einer "päpstlichen Einrichtung" und bestellte Franzis-kaner- sowie Dominikaner-Mönche zu seinen Schergen. Sie folter-ten die sogenannten "Leugner" der römisch-katholischen Lehrmeinung, warfen die Verfolgten in Kerker oder schicken sie in den Feuertod. In Deutsch-land wurde die Inquisition 1484 auch auf das "Hexenwesen" ausgedehnt.
Folter galt im Alten Rom wie auch im 20. Jahrhundert als "legitime Verteidigung der souveränen Macht" gegen seine Widersacher, Folter sei nichts anderes als die direk-teste Form der Herrschaft eines Menschen über den anderen, die das eigentliche Wesen der Politik aus-mache.
WELTWEITES KARTELL - EFFEKTIV UND BRUTAL
Heute arbeitet das weltweite Folterkartell effektiver und brutaler denn je. Um in ihren Diktaturen Macht und Privilegien zu verteidigen, schieben Staaten wie Chile, Brasilien, Südafrika und der Iran das zweifelhafte philosophische Argument des "geringeren Übels zum höheren Wohl" vor, für das sich jüngst sogar Nieder-sachsens CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht (1976-1990) erwärmen konnte.
In seinem Buch "Der Staat - Idee und Wirklichkeit" hatte Albrecht dem Staat unter Umständen das Recht zugestanden, gegen das Verbot grausamer, unmensch-licher Behandlung und insbesondere der Folter zu ver-stoßen. Beispielsweise könne es sogar "sittlich ge-boten" sein, eine Information "durch Folter zu er-zwingen", sofern dies wirklich die einzige Möglichkeit wäre, ein namenloses Verbrechen zu ver-hindern". Nach heftiger Kritik von dem Schriftsteller Heinrich Böll (1917-1985) nahm Christdemokrat Albrecht seine Buchpassage zurück. Er wollte nicht mit den Folter-Ländern in einem Atemzug genannt werden.
WILLEN SCHNELL BRECHEN
Neue Technologien mit raffinierten Apparaten versetzen die Folterer heute in die Lage, den Willen eines Men-schen in wenigen Stunden zu brechen. Führend in der Entwicklung neuer Foltermethoden ist Brasilien. Export-schlager seines Landes ist die mörderische Papa-geienschaukel, mit der es in allen faschistischen Län-dern Furore machte. Nachdem vornehmlich in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fast der ganze südamerikanische Kontinent die brasilianischen Methoden kopiert hat, will auch der Iran seine mittel-alterliche Foltermethode - Flaschen in den After schieben, Gewichte an den Hoden hängen - abschaffen und statt dessen die Papageienschaukel einführen.
EUROPA MACHT TORTUREN SALONFÄHIG
Es waren die Europäer, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Folter wieder salonfähig machten. Die Portugiesen in ihrem damaligen Kolonialgebiet Angola, die Fran-zosen im algerischen Befreiungskrieg. Der französische Oberbefehlshaber General Jacques Massu (1908-2002) tönte damals: "Dosierte Elektroschocks degradieren keineswegs die Persönlichkeit." Die Amerikaner be-gannen in den fünfziger und sechziger Jahren ihre Foltererfahrungen aus den Korea- und Vietnamkriegen wissenschaftlich zu analysieren. Sie hatten zum Beispiel in Vietnam Gefangene monatelang, manchmal jahre-lang in sogenannte Tigerkäfige eingesperrt. Häftlinge wurden in Verliese gesperrt, in denen sie weder stehen noch sich bewegen konnten. Die Ergebnisse dieser Folteranalysen werden heute im kalifornischen Trainingslager Warner Springs für die eigenen Eliteeinheiten und im US-Ausbildungscamp "Fort Gullick" (bis 1984) in der damaligen Panama-Zone für die süd-amerikanischen Staaten ausgewertet. Nach Panama schickte Südamerika seinen Offiziersnach-wuchs. Chiles Diktator Augusto Pinochet (1973-1990 ) und Argen-tiniens Junta-Chef Jorge Videla (1976-1981) zählen zu den besten Schülern des US-Drills.
Aber auch vor Ort waren die US-Spezialisten noch vor einem Jahr aktiv. Sie fuhren zum Beispiel nach Rio de Janeiro, wo sie brasilianischen Armee-Offizieren Folter-ratschläge erteilten. Vietnam-Soldaten berichteten über Verhör- und Foltertech-niken, Filme und Diapositive illustrierten Quälpraktiken.
DDD-SCHEMA
Die Perfektionierung tiefen-psychologischer Folter ist heute schon eine eigenständige Wissenschaft. Das klassische Manipulationsschema "DDD" - Dependency, Debility, Dread (Abhängigkeit, Erschöpfung und Schrecken) - ist die gängigste Gebrauchsformel, nach der der Folterer seine Opfer unter Kontrolle bekommt.
DEM PEINIGER DANKBAR
Zunächst werden den Gefangenen Nahrungsmittel, Schlaf und jeder menschliche Kontakt entzogen. Die Folge: Der Peiniger wird in diesem anomalen Milieu zur einzigen Kontaktperson. Der Geschundene verliert jeden sozialen Bezug und seine Widerstandsfähigkeit. Für gelegentliche Ruhepausen, in denen der Folterer für kurze Zeit zum mitfühlenden Zuhörer wird, ist der Gefangene seinem Peiniger bald dankbar und fühlt sich ihm sogar verpflichtet. Gefälligkeiten ("Ich werde für dich tun, was ich kann") oder scheinbare Vergünsti-gungen (Zigaretten) bewirken schließlich die totale Abhängigkeit vom Folterer.
VERGEWALTIGER - SEXUALPATHOLOGE
Iranische Augenzeugen, die anonym bleiben wollen, schilderten amnesty inter-national eine Szene aus dem Ewin-Folterzentrum in Teheran. Ein jähriges Mädchen. das verhaftet worden war, weil zwei ihrer älteren Brüder, Studenten an der Teheraner Universität, am Schah-Regime Kritik geäußert hatten, sah ihre Eltern nach einem halben Jahr zum ersten Mal wieder. Die Tochter war einkassiert worden, um mehr Informa-tionen über ihre Eltern herauszubekommen. Als die Eltern im Besucher-raum im Ewin-Gefängnis ihre Jüngste in Begleitung iranischer Soldaten erblickten, der nicht von ihrer Seite wich, stellte die 13jährige ihn mit den Worten vor: "Das ist mein Vergewaltiger." Für die Wissenschaft ist es inzwischen unstreitig, dass sich viele Schergen während ihrer "Laufbahn" zu Sexual-Pathologen entwickeln.
TAUSEND ÄNGSTE
Zur Abhängigkeit vom Folterer kommen tausend Ängste dazu - Angst vorm Tod, Angst vor Schmerzen, Angst, nicht wieder herauszukommen, Angst vor Verkrüp-pelung und auch Angst vor der eigenen Unfähigkeit, den Verhöranforderungen nicht weiter gewachsen zu sein. Nach dem Motto: "Lass uns an die Arbeit gehen" (Folterer zum Opfer) sind Elektroschocks, Ausreißen der Fingernägel oder Vergewaltigungen nur noch bei-läufige "Ergänzungen" dieser DDD-Methode.
ELEKTROSCHOCKS
Elektroschocks, die auch durchs Gehirn geleitet werden können, schwächen nicht nur das Gedächtnis, sie führen zu so starken Hirnschädigungen, dass das Opfer wahn-sinnig wird und die Kontrolle über sich selbst verliert. Der Geschundene glaubt, dass man ihm die Arme ausreißt, dass sein Kopf platzt, dass er seine eigene Zunge verschluckt. In diesem Moment wäre dem Ge-fangenen jede andere Folterart, zum Beispiel Prügel, lieber. Dann könnte er seine Aufmerksamkeit auf eine Körperstelle konzentrieren , sich und den Boden be-rühren. Beim Elektroschock hat er nichts mehr im Griff.
PHARMAKOLOGISCHE FOLTER
Die pharmakologische Folter, die vor allem in der Sowjetunion angewandt wird, ist ebenso verheerend. Die Folterer erpressen dabei von den Gefangenen nicht nur Geständnisse, sondern sie richten ihre Opfer mit Hilfe von Medikamenten so ab, dass sie für alle Zeit unzurechnungsfähig bleiben können. Der ameri-kanische Soziologe Herbert Marcuse ( 1898-1979): "Dies ist eine neue Form der Aggression, Men-schen zu zerstören, ohne dass man sich die Hände schmutzig macht." So stellt sich auch der Schah von Persien in der Weltöffentlichkeit als "Saubermann" dar: "Wir müssen die Leute nicht mehr foltern, wir benutzen vielmehr die gleichen Methoden wie einige hoch entwickelte Länder.
NICHT MEHR HEIMISCH WERDEN
Die Folterer des brasilianischen Paters Tito de Alencar, der sich für enteignete Kleinsiedler eingesetzt hatte und verhaftet worden war, prophezeiten dem Priester: "Falls du überhaupt lebend hier rauskommst, wirst du keine körperlichen Spuren vorzeigen können. Doch innerlich wirst du zerbrochen sein." Nach seiner Freilassung ging der 28jährige Tito de Alencar ins Exil nach Frankreich. Das war Ende 1974. Im August 1975 nahm er sich das Leben. Jean Améry: "Wer der Folter erlag, kann in dieser Welt nicht mehr heimisch werden."
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DIE GÄNGISTEN FOLTER-METHODEN
Papageienschaukel : Dem nackten Gefang1enen werden jeweils Hände und Füße zusammengebunden. Dann muss er sich auf den Boden setzen, die Knie an-winkeln und mit den gefesselten Händen umklammern. Daraufhin wird - senkrecht zur Körperachse - zwischen Knie und angwinkelten Ellenbogen eine Eisen-stange geschoben, deren Ende auf die Gestelle gelegt werden, so dass der Gefangene in der Luft hängt. Diese Position bewirkt immer stärker werdende Schmerzen am ganzen Körper, besonders in den Armen und Beinen, im Rücken und im Nacken: hinzu kommt eine Unter-brechung der Blutzirkulation in den Gliedmaßen. Die Anwendung der "Papageienschaukel" wird regelmäßig begleitet von Elektroschocks. - Maßnahmen, die zu einem langsamen Tod durch Ersticken oder Ertrinken führen können. Außerdem bearbeiten die Folterer ihre Opfer mit Verbrennungen durch Zigaretten und Schlä-gen. Wer nur eine Stunde auf der Wippe gefoltert worden ist, kann sich nicht mehr bewegen.
Elektroschocks : Dem Gefangenen werden an verschiedenen Körperteilen elektrische Stromstöße verabreicht. Dies geschieht mit Vorliebe an den empfind-lichsten Stellen, wie zum Beispiel dem Penis, an dem ein Pol befestigt wird, und dem After, in den der andere Pol eingeführt wird: oder aber ein Pol wird an den Hoden befestigt, der andere am Ohr, an den Zehen und Fingern oder der Zunge. Die Stromstöße werden durch verschiedene Apparate erzeugt, so durch Elektromag-naten, Feldtelefone, Fernsehgeräte oder dem soge-nannten "PIANOLA" - ein Apparat, der verschiedene Tasten besitzt, so dass der Folterer mit der jeweils anderen Tastatur die Voltzahl des Stroms beliebig ändern kann. Die Stromstöße führen zu einer Ver-brennung der empfindlichen Körperteile, wobei der Gefolterte in starke Krampfzustände verfällt. Die Wissenschaft hat inzwischen nachgewiesen, dass Elektroschocks, die durch den Körper gejagt werden, zu Hirnblutungen führen, dadurch die Hirnmasse zerstören und das Nervenpotenzial des Gehirn ver-mindern.
Drachenstuhl : Der nackte Gefangene wird auf einen Stuhl gesetzt, die Handgelenke werden an den Arm-lehnen festgebunden und die Beine nach unten hinter eínen Querbalken geschlagen, der sie zurück-hält. Die Wirkung der Stromstöße wird verstärkt: durch Über-gießen des Opfers mit Wasser, durch zwangsweises Füttern des Gefangenen mit Salz.
Prügelstock : Mit einem flachen, an einen Tischtennisschläger erinnernden Stück Holz, in dessen "Schlägerfläche" mehrere daumendicke Löcher gesägt worden sind, schlagen die Schergen mit Vorliebe auf Schulterblätter, Fußsohlen, Hand-flächen und Gesäß. Die Folge: Blutergüsse, Schwellungen, Blut-gefäße platzen auf, so dass das Opfer weder gehen noch etwas festhalten kann.
U-Boot : Der Kopf des nach unten aufgehängten Opfers, zum Beispiel bei der "Papageienschaukel" wird in einen Bottich mit Wasser, Petroleum, Ammoniak oder einer anderen Flüssigkeit eingetaucht. Eine andere Methode besteht darin, dem Gefangenen die Nasen-löcher zu verstopfen und einen Schlauch in den Mund einzuführen, durch den Wasser geleitet wird. Eine weitere Folterart ist das sogenannte "Fischen". Der Geschundene wird mit einer langen Leine an den Händen gefesselt, in einen Brunnen, Fluss oder See gestoßen, wobei dann von Zeit zu Zeit die Leine locker gelassen oder angezogen wird.
Telefon: Dem Opfer wird mit den Händen gleichzeitig auf beide Ohrmuscheln geschlagen. Die Trommel-felle platzen auf, was zu einer dauernden Taubheit oder u einer Entzündung des Innenohrs führen kann.
Polnischer Korridor: Der Gefangene steht in einem von Folterern gebildeten Kreis. Auf Kommando wird er hin- und hergeworfen und bekommt dabei Faust-schläge und Fußtritte. Häufig verwenden die Folterer auch Knüppel, Holzlatten, Schlagstöcke, Gummischläuche, Rinderpeitschen.
Balancieren: Das Opfer muss versuchen, mit nackten Füßen auf dem scharfen Rand zweier geöffneter Konservendosen das Gleichgewicht zu halten. Nach dieser Tortur ist der Gefangene meist für immer gehbehindert. Die messerscharfen Dosenränder haben Muskeln und Sehnen der Füße zerschnitten.
Ätherkompressen: Dem Gefangenen werden mit Äther durchtränkte Watte-bäusche auf empfindliche Körperteile wie Mund, Nase, Ohren, Vagina oder Penis gepresst. Wird diese Folter über einen längeren Zeitraum angewandt, führt sie zu schweren Verbrennungen.
Ersticken: Dem Geschundenen werden Mund und Nase mit Stoff oder Watte zugestopft. wobei der Be-troffene zu ersticken droht und nicht schreien kann.
Erhängen: Mit einem Strick oder Stoffstreifen, der am Hals zugeschnürt wird, soll der Gefangene Erstickungs-anfälle bekommen und in Ohnmacht fallen.
Ölbohrung: Bei dieser Methode wird der Gefolterte gezwungen, mit einer Finger-spitze den Fußboden zu berühren und dann, ohne den Finger zu bewegen, im Kreis herumzulaufen. Schon nach kurzer Zeit wird das Opfer vor Erschöpfung bewusstlos.
Eisschrank: Der Gefangene wird in eine Zelle gesperrt, die etwa 1,50 mal 1,50 Meter misst und so niedrig ist, dass er gar nicht aufrecht stehen kann. Die Tür ist aus Metall und die Wände sind mit Isolierplatten verkleidet. Es gibt keine Öffnung, durch die Licht oder irgendein Laut hereindringen könnte. Kühl- und Heizsysteme sorgen abwechselnd für sehr niedrige oder sehr hohe Temperaturen. Die Zelle ist immer dunkel. Von Zeit zu Zeit flackern jedoch an der Decke in schnellem und unterbrochenem Rhythmus kleine bunte Lampen auf, während gleichzeitig aus einem innerhalb der Zelle angebrachten Lautsprecher Schreie, Hupen und andere Geräusche in vollster Lautstärke ertönen. Das Opfer, das zuvor entkleidet wurde, bleibt häufig Stunden, manchmal auch Tage in dieser Zelle, ohne Nahrung zu bekommen.
Zupfen: Mit einer Zange werden dem Gefangenen Finger- und Fußnägel oder auch Kopf- und Scham-haare herausgerissen.
Krone Christi: Ein Stahlband wird um den Kopf des Opfers gelegt und mit einem Schraubmechanismus immer enger gezogen. Häufig wird durch das Band der Schädel eingedrückt, die Augäpfel werden aus ihren Höhlen gequetscht.
Kastration: Ein Nylonfaden wird mit einem Ende am Hoden, mit dem anderen Ende am großen Zeh des leicht gebeugten Knien stehenden Gefangenen befestigt. Dann zwingen die Folterer das Opfer mit großen Schritten zu marschieren.
Aufrollen: Der Häftling wird in eine nasse Leinwand so eng eingerollt, dass ihm das Atmen schwerfällt. Wenn der Stoff trocknet, schnür er automatisch das Opfer immer enger ein, bis es fast erstickt. Die auf der Brust angewinkelten Arme drücken dabei häufig den Brustkorb ein.
Sodisches Pentotal: Dem auf einer Bahre gefesselten Opfer wird das Medikament sodisches Pentotal in Überdosen durch einen Tropf injiziert. Der Zustand des Gefangenen schwankt zwischen empfindungslosem Dahinbrüten und totaler Be-wusstlosigkeit. Nach längerer Anwendung dieser Pharma-Folter leidet das Opfer unter unheilbaren Bewusstseinsstörungen.
Sullfazin: Die Injektion dieser Lösung führt zu starken Schmerzen und lässt die Körpertemperaturen des Opfers bis zu vierzig Grad hochschnellen, Fieber- und Schwächeanfälle fesseln den Gefangenen tagelang ans Bett.
Aminozyn: Nach der Injektion dieser Lösung fühlt sich das Opfer hin- und hergerissen zwischen tiefer Müdig-keit und Schlappheit und dem Drang, sich dauernd zu bewegen. Dieses Hin und Her führt zu Nerven-zusammenbrüchen und liefert den Folterern den "Beweis", dass das Opfer sich zu Recht in Behandlung befindet.
Fenstersturz: Aus einem Stockwerk halten die Folterknechte ihr Opfer an den Füßen aus dem Fenster. Sie lassen abwechselnd und in verschiedenen zeitlichen Abständen jeweils einen Fuß los.
Kopfhörer: Über den Kopf des Gefolterten wird ein Helm gestülpt, in dem seine Schreie beim Foltern - elektronisch zigfach verstärkt - aus eingebauten Lautsprechern in seine Ohren dröhnen.
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POSTSCRIPTUM. - Keine Bewusstseinskorrekturen, kein Bewusstseinswandel im Sinne der Menschenrechte. Folter wurde im Laufe der Jahrzehnte nicht einge-dämmt oder gar abgeschafft; Lippenbekenntnisse vielerorts, ja gewiss. Im Gegenteil: Folter hat sich - unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit - zu einer Subkultur des Terrors und des Gegenterrors weiter entwickeln - verfeinern können. Im Hinblick auf internationalen Anschläge aus der Islamischen Welt, den kriegerischen Intervention im Vorderen Orient, sind bestialische Torturen nahezu "gesellschaftsfähig" geworden; allen voran in und durch die Vereinigten Staaten von Amerika und der weltweit agierenden islamischen "Al Kaida Terror-Organisation".
Einst waren die USA ein Eckpfeifer für Freiheit, De-mokratie wie Unverletzbarkeit des Individuums. In der Ära unter Regie ihres Präsidenten Georg Bush junior, dem 43. Präsidenten (2000-2009), begannen die USA nach Bombenanschlägen in New York vom 11. September 2001 ihre Feldzüge - "Kriege gegen den Terroris-mus" gegen Afghanistan (2001) und gegen den Irak (2003).
USA zum 21. Jahrhundert - Menschen werden wie Tiere in Käfigen gehalten, gequält, geschlagen, zu medizinischen Versuchen missbraucht, über Jahre in Lagern isoliert, ermordet - in den Selbstmord getrieben. Laut dem amerikanischen Historiker Alfred W. McCoy fanden im Rahmen des "Krieges gegen den Terror" von 2001 bis 2004 folgende Menschenrechts-verletzungen durch US-Behörden und das Militär statt.
o Etwa 14.000 irakische "Sicherheitshäftlinge" wurden harten Verhören und häufig auch Folterungen ausgesetzt.
o 1.100 "hochkarätige" Gefangene wurden in Guantánamo und Bagram unter systematischen Folterungen verhört.
o 150 Terrorverdächtige wurden rechtswidrig durch außerordentliche Überstellung in Staaten verbracht, die für die Brutalität berüchtigt sind.
0 68 Häftlinge starben unter fragwürdigen Umständen.
0 Etwa 36 führende Al-Kaida-Mitglieder blieben jahrelang im Gewahrsam der CIA und wurden systematisch und anhaltend gefoltert.
o 26 Häftlinge wurden bei Verhören ermordet, davon mindestens vier von der CIA.
In seinem Buch "Foltern und Foltern lassen" (Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2005) belegt der Wissenschafler aus Wisconsin in Madison die Behaup-tung, dass Folter für die CIA kein "letztes Mittel", son-dern ein systematisch eingesetztes Werkzeug ist. In diesem Kompendium spannt McMoy einen präsizen Bogen zu den Menschenversuchen in geheimen For-schungsprogrammen MKULTRA über die Unter-stützung der südamerikanischen Militärdikta-turen der 70er und 80er Jahre bis hin zu den Übergriffen ameri-kanischer Soldaten im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis.
Die "New York Times" veröffentlichte am Oktober 2oo7 geheime Memoranden des US-Justizministeriums, die bereits im Jahre 2005 verfasst worden waren. In diesen Dokumenten gelten folgende "Verhör-Methoden" des CIA als legal:
- Schläge auf den Kopf
- über mehrere Stunden nackter Aufenthalt in kalten Gefängniszellen
- Schlafentzug über mehrere Tage und Nächte durch Beschallung mit lauter Rockmusik
- Fesseln des Häftlings in unangenehmen Positionen über mehrere Stunden
- Waterboarding: der Häftling wird auf ein Brett gefesselt, ein feuchtes Tuch auf seinen Kopf gelegt und mit Wasser übergossen. Durch den aufkommenden Würgereflex entsteht für ihn der Eindruck, er müsse ertrinken.
Am 30. Mai 2007 wurde auf Guantánamo der 34jährige Saudiaraber Abduk Rahman Maath Thafir ak-Amri tot in seiner Zelle aufgefunden. Er war im November 2001 in den Bergen von Tora Bora gefangen genommen worden, seit Februar 2002 in Guantanámo inhaftiert. - Einer von 41 Selbstmord-versuchen, die die Lagerleitung erst mit einer 18monatigen Verzögerung bekannt zu geben pflegt.
In einem Brief des 33jährigen Juma Al Dossary aus dem Bahrein schreibt er nach dem zehnten Selbstmord-versuch. "Ich will dieser psychischen und physischen Folter ein Ende setzen. Ich suche nach einem Ende für mein Leben."