Dienstag, 8. März 2011

Frauen an der Macht - Protokolle einer Aufbruchsära - Gedanken zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages am 8. März 2011
































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Pressenet
7. März 2011
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Was bereits vor Jahrzehnten begann, brennt landauf, landab immer noch unter den Nägeln. Der Aufbruch von Frauen in die Politik, deren Ankunft und Bleiben am Hebel der Staatsmacht, als Führungskader in Chefetagen von Unternehmen, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit - nach wie vor in Deutschland eine Ausnahme. Dieses bereits vor 21 Jahren von dem Journalisten Reimar Oltmanns veröffentlichte Buch ist ein historischer Beleg dafür, wie dringend die Einführung der Frauenquote als Schlüssel zur gleichberechtigten Machtteilhabe geboten ist. Seit über zwei Jahrzehnten dümpelt der weibliche der weibliche Anteil an Parlamentssitzen im Deutschen Bundestag um die 30 Prozent plus minus null vor sich hin. - Blockaden.

Wer diesen Band heute liest, wird schnell verstehen, wie wenig sich in diesem Deutschland - dem Land der Männer - zugunsten für Politikerinnen, wohl aber auch für die Frauenbewegung insgesamt verändern ließ. Stillstand. Nach wie vor verdienen Frauen je Arbeitsstunde in Europa 15 Prozent, in Deutschland sogar 23 Prozent weniger als Männer. Und das, obwohl sie in der Schule und an der Universität besser abschneiden. Nach wie vor verstehen sich Politikerinnen in den Parlamenten Europas als mehr oder weniger geduldete Minderheit. - Eine Frauen-Minderheit, die in den Ländern die Bevölkerungs-Mehrheit stellt. Ein Anachronismus dieser Jahre.

Wer nach Gründen und Ursachen sucht, warum trotz ein in der Öffentlichkeit wachgeküsstes feminines Bewusstsein mit dominanter weiblicher TV-Präsenz an der sozialen Ausgangslage von Millionen von Frauen wenig ändern konnte (Leichtlohngruppen), wird folgerichtig den bedrückenden Zustand ableiten: in den eigentlichen Machtfragen für Frauen sind über Jahrzehnte trotz hehrer Lippenbekenntnisse Nebelkerzen geworfen worden.

Dieses Oltmanns-Buch, zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages an 8. März 2011 erneut gelesen, ist praktisch ein eindringliches Memorandum früherer Politikerinnen aller Parteien, den Pfad der Appelle, der Freiwilligkeit endlich zu beenden - ihren Machtanspruch rechtsverbindlich und europaweit zu erzwingen.

Fünf Frauen berichten von ihrem beschwerlichen, zum Teil auch entwürdigenden Einstieg, ihrem Werdegang und ihrem von Männer-Vorurteilen gepflasterten Leben in der Politik. Wenn man der früheren Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei (1976-1978), (*1919+1983), der Familienministerin Renate Schmidt (2002-2005), der Staatsministerin im Auswärtigen Amt Irmgard Adam-Schwaetzer (1987-1991), der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (1988-1998) und der Grünen-Politikerin Antje Vollmer (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages 1994-2005) Glauben schenken darf, so haben selbst Frauen, denen es gelang, hohe politische Ämter zu erringen, bei ihren Parteigenossen einen schweren Stand. Was sie wollten - und was aus ihnen geworden ist.

Nur ein präzises Erinnern lässt in seiner Tiefenschärfe die gesellschaftliche Dimension dieses deutschen Geschlechterkampfes erkennen. Deshalb ist dieser Band gerade für Männer aktuell sehr zu empfehlen, schildern zahlreiche authentische Textpassagen Frauen-Visionen, aber auch tatsächliche Frauen-Aufbrüche im Denken, Fühlen und Handeln. Nur waren und blieben es bislang Aufbrüche ohne Ankunft.

Es war der Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas, der von einer zunehmenden Entkoppelung von System und Lebenswelt sprach. Aus dem System der verwalteten Welt gliedere sich nicht nur die Lebenswelt aus; innerhalb dieses Systems erfolge zudem ein Substanzverlust des Politischen. In dieses Vakuum sind die Frauen mit einem neuen Politik-Verständnis vorgestoßen. Jede Frau, die Reimar Oltmanns in seinem Buch beschreibt bzw. zu Wort kommt, ist repräsentativ für einen politischen Abschnitt dieser Umbruch-Epoche. An ihren Schicksalen lässt sich dokumentieren, wie aussichtslos ihr Kampf zunächst erschien und welche Perspektiven er mit der Zeit - trotz aller Hindernisse - freigelegt hat. Perspektiven, die an Konturen gewinnen, wenn es gelingt, innere Abläufe, die das Tageslicht des Männer-Milieus mit Grund scheuen, nach außen zu kehren.

So berichtet beispielsweise die von Männern ins Abseits gejagte Marie Schlei: " ... die Ellenbogenpolitik der Männer dominiert. Darin sind die Kollegen stark. Aber solche Werte und Umgangsformen haben heutzutage auch in den Regierungsetagen nichts mehr zu suchen. Wir Frauen hingegen sind darin geübt, direkt und frei zu beschreiben, was wir fühlen, meinen, erfahren."

Reimar Oltmanns, der dieses Buch zusammenstellte und zu jeder persönlichen Stellungnahme der Frauen eine Einleitung schrieb, konstatiert: "Ihr blieb ... letztlich keine andere Wahl, als sich an die Bartheke zu setzen, wenn sie Aufmerksamkeit und Einfluss gewinnen wollte." Die Geschlechterklassifikation, die Reimar Oltmanns beklagt, beginnt schon dort, wo sie ansetzt, nämlich an dem Punkt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Eigenschaften und Interessen hätten. - Oltmanns geht davon aus, dass sich mit den Frauen ein neues Politikverständnis durchsetzt, dass "hierum der eigentliche Kampf zwischen routinierten Alleskönnern und den nachdenklichen Frauen" ginge.

Insofern ist dieses Buch eine Reise durch die alte Bundesrepublik, durch die virulenten politischen Möglichkeiten dieser Gesellschaft. Es geht letztlich um eine neue Politik, um ein neues Politik-Verständnis. Darum, dass Politik wieder zu einem breiten, gesellschaftlichen Anliegen wird und nicht zu einem Geschäft in der Grauzone verkommt. Vielleicht wird es auch einigen männlichen Leser das Umdenken lehren: das Ausbrechen aus einem Gedankengut, dessen Wurzel eher in der überalterten Vorstellung unserer Kultur zu suchen ist als in naturgegebenen Voraussetzungen. - Warte nicht auf bessere Zeiten ... ... schon zu lange ausgeharrt.


Samstag, 5. März 2011

Patricia Kaas - Ein Mythos kommt in die Jahre
















































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Pressenet
vom 5. März 2011
von Reimar Oltmanns
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Aufstieg und Krise der französischen Chansonnière Patricia Kaas / Als Aschenputtel im Pariser Schlager-Milieu begonnen / Lothringen, Lolita und Lili Marleen lassen grüßen / Weltweit Erfolge - "Ein Traum", der nicht enden soll / Der Blues als Liebesschwur zur geklonten Tiefkühl-Erotik dieser Epoche

Da steht sie nun wieder auf der Bühne - die weit über 40jährige Patricia Kaas, diese ewig scheinbar legendäre "Mademoiselle chante le Blues" vor 660 Bankern und Managern im obligaten Nadelstreif. Ein Jubiläum - die 150-Jahr-Feier der Crédit Suisse - in der Bankenmetropole in Zürich gilt es in der Stadthalle zu feiern. Und sie, ausgerechnet sie, die Französin Patricia Kaas, wurde dafür ausgewählt, mit betörenden Liedern älteren, ergrauten Herren der Schweizer Wirtschafts- und Politprominenz rockige Rhythmen und ein bisschen Sex-Appeal einzuhauchen.

Zerbrechlich sieht Patricia Kaas aus, knabenhaft wirkt sie im hautengen schwarzen Mini-Kleid, scheu schaut sie aus ihrem spitzen, aschfahlen Porzellan-Puppen-Gesicht, wenn da nur nicht ihre verruchte Stimme von gewaltigem Format wäre. Atemlose Stille begleitet sie, die Band schweigt, sie scheint mit dem Lied "Lili Marleen" allein zu sein; ein bisschen lasziv, ein wenig kindlich, sorglos und treuherzig allemal.

Wenn sie Edith Piaf "La vie en rose" ins Mikrophon flüstert, sind die langen Jahre verflogen, die vergangen sind zwischen gestern und heute. Nonstop singt Patricia Kaas da fast zwei Stunden lang aus ganzen Leibeskräften. Sie zittert, bebt, schreit, kokettiert, animiert, ziert sich, mimt Lolita und den Vamp, die Klagende, den Clown, die Verletzende. Und mit ihrem Chanson "Je te dis vous" liefert sie sich in ihrer intimen Zerbrechlichkeit aus. Seelenstriptease genannt.

Nichts - so will es scheinen - war für das Mädchen aus der Deutsch sprechenden Grenzregion einer kinderreichen Bergmannsfamilie in Lothringen erfolgreicher als der Erfolg. Sieben Mal wähnte sich Patricia Kaas bisher auf Welttournee. Allein bei ihrer letzten Erdumkreisung spielte sie zwischen Mai 2004 bis Oktober 2005 in insgesamt 175 Konzerten in 25 Ländern vor mehr als 750.000 Zuschauern. Ihren größten Erfolg hatte sie im Jahre 1993 mit ihrem dritten Album "Je te dis vous". Zweimal erhielt sie den World Music Award für die beste französische Künstlerin der Jahre 1991 und 1995. Patricia über ihr Erfolgsgeheimnis: "Meine Freunde sagen mir immer: Wenn du auf der Bühne stehst, bist du so charismatisch und stark, aber in manchen Momenten auch verspielt und kokett wie ein kleines Mädchen. Das ist jedoch keine Pose, die ich aufsetze. Ich habe eben eine verspielte, aber auch sentimentale Seite."

Da war nämlich die Armut - ein Aschenputtel-Dasein mit sechs Geschwistern; die Mutter, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit Tochter Patricia zum Vorsingen nach Paris fuhr und ihr immer wieder einflößte: "Du musst singen und kämpfen, mein Kind." So hockte sie schon als 13jährige Schülerin für ihre ersten Kaschemmen-Auftritte in der heimatlichen "Rumpelkammer" vor dem Badezimmerspiegel, zog sich rote Lidschatten über ihre Samtkatzenaugen; das Gesicht in Dietrich-Pose überlebensgroß in der Nahaufnahme Lili Marleen nachahmend.

Der Vorhang fällt. Seltsam knirscht es in solchen Momenten, wenn Patricia Kaas sich allein wähnt. Diese Kaas, die soeben mit Vehemenz unnachahmlich der Banken- und Finanzwelt eine Glitzer-Fassade präsentierte - diese Chanson-Sängerin Patricia Kaas gibt es in Wirklichkeit nicht mehr; ein Abziehbild verflossener Jahre. Krisen-Jahre. Trist schaut der "kleine Diamant" (Alain Delon) drein. Wenn es nach ihrem Songmanager Robin Millar in London gegangen wäre, sollte aus dem "Rohmaterial Patricia Kaas" ein Weltstar in englischer Sprache geschliffen werden. Der weltweit agierende Musikmacher hatte ihr schon verdeutlicht, dass sie einen Teil ihres französischen Publikums abgeschreiben müsse. "O.K", sagte sie da, "Freunde in meinem Alter habe ich sowieso keine gehabt. Dazu fehlte immer die Zeit. Ich hatte ja immer nur mit Menschen zu tun, die weitaus älter waren als ich." - Abschiedsstimmung.

Nur angekommen im anglophonen Entertainment dieser Jahre ist Patricia Kaas auch nicht. Misserfolge wie Flops endeten in Karriere-Knicken dieser einst so umschwärmten Französin mit ihrem unwiderstehlichen Temperament. Mitte der neunziger Jahre wurde das Album "Café noire", genannt "Black Coffee", aufgezeichnet. Dabei handelt es sich um ein 1995 in New York eigens für den amerikanischen Markt arrangiertes Werk mit englischen Texten. Es kam nie in den Handel. Mit ihrem Weggang aus Frankreich, ihrer Abkehr von der französischen Sprache, hatte sich Patricia Kaas zwischen zwei Sprachkulturen gesetzt. Heimatlos.

Patricia Kaas gesteht: "Mit meinem Aufbruch nach Amerika habe ich viele Freunde von früher verloren. Er hat mich ein bisschen einsam gemacht. Auch wenn ich neue, sympathische Menschen treffe, weiß man nie, ist es Patricia Kaas, die Sängerin, die sie ansprechen, oder bin ich wirklich ich, Patricia, gemeint?" Das wusste sie offenkundig auch nicht so recht, als sie im Pariser Edel-Restaurant "Le Meurice" mit dem Koch Yannick Alleno, dem Held des Herdfeuers, eine Amour foux abbrannte. Sie zog nach Zürich, wollte vor der "Schickimickisierung" flüchten. Um wenige Jahre später Schweizer Journalisten zu berichten, dass sie sich von ihrer "neuen Liebe", einem neureichen Schweizer Automobilhändler mit der Begründung getrennt habe: "Seine Eifersucht macht mich rasend." Liebesgeschichten über Liebesgeschichten, Enttäuschungen über Enttäuschungen. Und Patricia singt: "Männer, die vorrüberziehen, Mama" ("Les hommes qui passent. Maman").

Und heute? Eine kreative Pause hat sie sich verordnet, um sich und ihre neuen Lieder zu finden, an alte Erfolge anknüpfen zu können. Krisen-Momente. Sie sagt: "Mein Gott ja, all diese Frauen, die am Ende so alleine sind, furchtbar. Wenn man eine Frau ist, verlangt man vielleicht zu viel von sich selbst. Man muss immer hübsch sein, darf keine Falten haben oder müde ansschauen. Und dann noch einen Mann, der sagt, 'Gib alles für mich auf'. - Nein und nochmals nein. Das Glück kennt nur Minuten."

Nur die französischen Chansons der Patricia Kaas aus ihren frühen Jahren sind für sie ein Traum, den sie leben will, und der nicht enden soll. Nicht nur für sie.