Montag, 20. September 2004

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (1)






















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SAID (*27. Mai 1947 in Teheran /Iran )
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LIEBESGEDICHTE

Für dich die Küsse
für mich der Morgen.
Von dir der Abend,
von mir die Tauben,

Für dich die Kerze,
für mich der Wind.
Von mir die Nacht.
von dir die Küsse

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Tom de Toys deutscher Lyriker (*1968 in Jülich)
lebt in Berlin
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LEBEN GESCHIEHT
10 Minuten genügen
Um die Welt
Zu verändern
Ja eine Minute reicht aus
Um alles zu sagen
Sieben Minuten
Von mir aus auch fünf

Die Zeit spielt
Überhaupt keine Rolle
Zehn Minuten
Sind alles was ich habe
Ich glaube weder an Gott
Noch irgendwas andres
Solange ich lebe
Lebe ich richtig
Und wenn ich tot bin
Ist endlich Schluss
Wer wirklich begreift
Dass der Kosmos nicht lügt
Und die Erde
Im Höllentempo hinduch gleitet
Wohnt in der sprachlosen Unendlichkeit

Und wenn ich bloß sieben Minuten hätte
Um sämtliche Einbildungen aufzulösen
Lächerliche fünf Minuten
Um die Geschichte der
Andauernden Gegenwart zu erzählen
Ich bräuchte nur drei
Ach sag ich
Nur eine Minute genügte
Wahrscheinlich käme ich
Mit einer Sekunde schon aus
Denn die einzige Wahrheit
Die uns verbindet
Das einzig echte
In jedem
LEBEN GESCHIEHT
Nebenbei nebenbei
So dermaßen nebenbei
Es geschieht einfach so
Es geschieh sogar
Wenn kein Dichter darüber redet


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XXL ... IEBEN
Manche Menschen schauen
Nachrichten im Fernsehen
Während wir uns lieben
Um.8
Und manche bringen sich durch
1 dummen ZUFALL GEGENSEITIG um
um.8

Während wir uns über
Die modernen Dichter unterhalten
Manchmal spüren wir das große Glück
Noch nicht
Dem Totenreich anzugehören das
Uns aus den Augen der Politiker anstarrt
Als sei das ganze Lebe 1 Diktatur aus
Wiederholten Wiederholungen und manchmal

Ahnen wir wie kostbar die Sekunden sind die wir
NICHT ZÄHLEN sondern restlos von uns
überwältigt Bleiben weil wir Sterne in den groß
gewordenen Pupillen sehen
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ÜBER (SCH) WIEGE (NE)

wortlos
lieben wir uns
sprechen ist nicht nötig
wir zerfließen ganz
in unseren armen denn
ich liebe mich und du liebst dich
so sehr daß keinem etwas fehlt
was ausgesprochen werden müßte
wenn sich beide seelen treffen
wo sie wirklich sind
darf alles ohne angst
sich selbst gegnügen
atem atmet weiter
körper bleiben körper
geist ist geistig dinge
sind begreifbar rätsel sind geheimnisvoll
und glück macht glücklich
weil wir zwischen sämtlichen sachverhalten wohnen
als sei gegenwart noch mehr als gegenwart
von ewigkeit mal ganz zu schweigen
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EISZEITLOSE

wir sind zwei spiegel die
sich gegenüber stehen und
sich im unendlichen verstehen
durch die augen leuchtet doppelt
leer der letzte satz:
ich lieb dich sehr !
so sehr daß mit die worte fehlen
kann nur reime für die seele stehlen
ach mein herz mein aufgetautes
spürt nun wahres und vertrautes
bei der königin der liebe
sind sie endlich frei die triebe
frei und heilig wie das leben selbst
weil du mich in den armen hälst

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Friedrich Hölderlin (*2o. März 1770 in Lauffen am Neckar; + 7. Juni 1843 in Tübingen
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ABENDPHANTASIEN
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Heerd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren ist die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts Geschäfft'ger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich ? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbei wechselnd in Müh' und Ruh' Nimmer nur mir der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich Purpurne Wolken und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mit Lieb' und Laid - Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -
Komm du nun, sanfter Schlummer, zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter.
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DER SOMMER
Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert Der hellen Wolke Fracht, indes am weiten Himmel in stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert. Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.
Die Pfade gehen entfernter hin, der Menschen leben, Es zeiget sich auf Meeren unverborgen, Der Sonne Tag ist zu der Menschen Sterben Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.
Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite. Der Mensch verwundert sich, dass sein Bemühen gelinget. Was er mit Tugend schafft und was er hoch vollbringet, Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.
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ANDENKEN
Der Nordost wehet, Der Liebste unter den Winden Mir, weil er feurigen Geist Und gute Fahrt verheißet den Schiffern. Geh aber nun und grüße Die schöne Garonne, Und die Gärten von Bordeaux Dort, wo am scharfen Ufer Hingeht der Steg und in den Strom Tief fällt der Bach, darüber aber Hinschauet ein edel Paar Von Eichen und Silberpappeln;
Nach denket das mir wohl und wie Die breiten Gipfel neiget Der Ulmwald, über die Mühl' Im Hofe aber wächstet ein Feigenbaum. An Feiertagen gehn Die braunen Frauen daselbst Auf seidnen Boden, zur Märzenzeit, Wenn gleich ist Nacht und Tag Und über langsamen Stegen, Von goldenen Träumen schwer, Einwiegende Lüfte ziehen.
Es reiche aber, Des dunkeln Lichtes voll, Mir ener den duftenen Becher, Damit ich ruhen möge; denn süß Wär' unter Schatten der Schlummer. Nicht ist es gut, Seelos von sterblichen Gedanken zu sein. Doch gut Ist ein Gespräch und zu sahen Des Herzens Meinung, zu hören viel Von Tagen der Lieb' Und Taten, welche geschehen.
Wo aber sind die Freunde? Bellarmin Mit dem Gefährten? Mancher Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn; Es beginnet nämlich das Reichtum Im Meere. Sie. Wie Maler, bringen zusammen Das Schöne der Erd' und verschmähen Den geflügelten Krieg nicht, und Zu wohnen einsam, jahrelang, unter Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen Die Feiertage der Stadt, Und Saitenspiel und eingeborenen Tanz nicht.
Nun aber sind zu Indiern Die Männer gegangen, Dort an der luftigen Spitz' An Traubenbergen, wo herab Die Dordogne kommt, Und zusammen mit der präch'gen Garonne meerbreit Ausgehet der Storm. Es nehmet aber Und gibt Gedächtnis die See. Und die Lieb' auch heftet fleißig die Augen. Was aber bleibt, stiften die Dichter.
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AUSSICHT
Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern. Wenn sich das Grün aus einer Ferne zeiget, Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget. Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.
Oft scheint die Innenheit der Welt umwölkt, verschlossen, Der Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen, Die prächtige Natur erheitert seine Tage Und ferne steht des Zweifels Dunkle Frage.
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Der gute Glaube
Schönes Leben! du liegst krank,
und das Herz ist mir
Müd vom Weinen und schon dämmert die Furcht in mir.
Doch, doch kann ich nicht glauben,
Daß du sterbest, solang du liebst.
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Albert Camus (*7. November 1913 in Mondovi (Algerien);+ 4. Januar 1960 nahe Villeblevin Yonne (France)
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"Unter Liebe versteh ich die Mischung von Verlangen, Zärtlichkeit und gegenseitigem Verstehn, die mich an ein bestimmtes Wesen bindet. Großmütig ist die Liebe zwischen zwei Menschen nur wenn sie zugleich vergänglich und einzigartig ist."
"Pour moi l'amour c'est ce melange de désir, tendresse compréhension mutuelle qui me lie à un être précis. L'amour entre deux personnes ne peut être généreux que s'il est à la fois éphémère et unique."
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"Einen Menschen zu lieben heißt einzuwilligen, mit ihm alt zu werden."

Aimer une personne, c'est d'être d'accord pour vieillir avec elle.

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"Letztendlich ist es sehr dumm, nur mit der Pest zu leben. Ein Mann muss natürlich kämpfen [...] Aber wenn es damit endet, dass er sonst nichts mehr liebt, wofür ist dann das Kämpfen gut?"
"Finalement il est très stupide de ne vivre qu'avec la peste. Bien entendu, un homme doit se battre (..). Mais si cela doit aboutir à ce que il n'aime plis rien d'autre, alors à quoí cela sertil de se battre?"

----------------------------------------------"Stets werde ich mir ein Fremder sein."

"Je serai toujours un étranger pour moi."

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"Die Wahrheit ist keine Tugend, sondern eine Leidenschaft. Deshalb ist sie niemals barmherzig."

"La vérité n'estpas une vertu mais une passion. C'est pourquoi elle n'est jamais miséricordieuse."

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"Das Leben verlieren ist keine grosse Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, ist unerträglich."

"Pendre la vie n'est pas une grande affaire; mais il est insupportable de voir que le sens de la vie se désagrège."
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Georg Heym (*30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; + 16. Januar 1912 auf der Havel)
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ALLE LANDSCHAFTEN HABEN

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau erfüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.
Leichte Geschwader, Wolken,
weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels dahinter
Zergehen in Wind und Licht.
Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.
Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht,
Manche Flüstern und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

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ERSTE SCHLEHENBLÜTE
FÜR MARY AUS AHLBECK
(und Irmgard aus Graz)

Wir lagen tief in einer Dünenschlucht,
Bei Himbeersträuchern, sahn die Kämme nur
Der hohen Dünen, und der Sonne Spur.
Der Mittagsstunden langsam ziehende Flucht.

Das Blut empfing den Kuß der Sonne tief,
Der ganze Leib empfing die warme Flut,
O welch ein Glück, da in der Sonne Glut
Im goldenen Licht das ferne Leid entschlief.

Und langsam sang die Stille uns in Schlaf,
Wir hörten's kaum noch, wenn der Wind vom Meer
Der Schiffer Stimmen trug zu uns einher.
Und selten Hufschlag noch das Ohr uns traf.

Wie Götter ruhten wir im goldenen Raum.
Des Winds Oboen, und des Sandes Klingen,
Der Halme Zittern, und der Bienen Singen,
Sie klangen leise in den süßen Traum.

Und manches Mal erwachten wir vom Schrei
Der weißen Möwen, der zu Häupten klang.
Und wenn der Wellen Brausen drang
Im aufgefrischten Winde herbei.

Dann sahen wir ins tiefe Himmelsblauen,
O weites Reich, das unser Blick durchflog!
Ein Silberwölkchen nur im Lichte zog.
Irmgards Bogen war es gleich zu schauen.

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Herbert Achternbusch (* 23. November 1938 in München als Herbert Schild)
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N I C H T S

"Nichts tun
Nichts sein
Selbst mit dem Gebet
Läuft die Zeit davon.
Nur im Herbst eine
Pflaume essen,
Eine gelbe oder eine
Blaue."

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Theodor Fontane (*30. Dezember 1819 in Neuruppin; +20. September 1898 in Berlin)
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EIN NEUES BUCH, EIN NEUES JAHR

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen ?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

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DIE FRAGE BLEIBT
Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum, warum ?
Nur nicht bittre Fragen tauschen.
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's dich auch aufzuhorchen treibt
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

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ÜBERLASS ES DER ZEIT
Erscheint dir etwas unerhört, Bäume nicht auf, versuch's nicht mir Streit, Berühr es nicht, überlaß es der Zeit. Am ersten Tag wirst du feige dich schelten, Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden, Alles ist wichtig nur auf Stunden, Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

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Francisca Stoecklin (*11. September 1894 in Basel; + 1. September 1931 in Basel)
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WENN DER MOND GROß IST

Wenn es Abend wird, fällt mir dein Lächeln ein,
Schwarzer Engel, der meine Träume umnachtet.
Im Herbst saßen wir oft auf den Bänken am Strom.
Stille Kinder, in der abendlichen Sonne,
Wenn dann deine Hand zärtlich über mein Haar strich,
o wie freute sich da die Seele.

Seitdem sind traurige Jahre vergangen,
Ängst und Wahnsinn, zerfallene Abende.
Wenn der Mond groß ist,
betet mein bleicher Schatten
In deinem Zimmer verlorene Tänze.
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Herbert Laschet - HEL - Toussaint, ( * 1957 in Eupen)
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DU GINGST ... ...
Du gingst vom schweigen ins schweigen
Die weh ist ein ferner ort
Ich wollt dich den worten zeigen
Da waren die worte dort
Es mischte sich seele in seele
september floß in mai
dass keine der farben fehle
dass keine gereinigt sei
Ins schweigen bist du gegangen
im schweigen steh ich hier
Kein regen konnte uns fangen
Kein regen regnet von dir
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Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi (*9. September 1828 in Jasnaja Poljana bei Tula,+ 20. November 1910 in Astapowo, Russland)
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"Du hast viel gegrübelt,
Sehr viel gegrübelt -
Aber wenig geliebt."


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