Donnerstag, 21. Februar 2008

Zeitgeschichte: Reiche Kommunisten von einst - Unaufhaltsamer Niedergang der PCF in Frankreich

























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stern, Hamburg
16. März 1978 / 06. November 2008
von Reimar Oltmanns
und Peter Koch

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Russische Kuriere schmuggelten bis in die fünfziger Jahre Dollarnoten und Goldbarren nach Frankreich , um ihre notleidenden Genossen beim Kampf gegen das kapitalistische System zu unterstützen. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war der damalige KP-Chef Georges Marchais (*1920+1997) auf die Hilfe aus Moskau nicht mehr angewiesen. Der Arbeiter-Sohn und Maschinenschlosser steuerte inzwischen ein gigantisches Wirtschaftsimperium. Von Tante-Emma-Läden über Supermärkte, vom kleinen Buchhandel bis zur Großdruckerei, vom Reisebüro bis zum Möbelhaus. Frankreichs Kommunisten machten seinerzeit von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt Profit. Selbst wenn in Stadtparlamenten öffentliche Aufträge vergeben wurden, wirtschaftete die KPF über Mittelsmänner auf eigenes Konto. Jahrzehnte später: Schulden über acht Millionen Euro Defizite. Die einst vom brasilianischen Star-Architekten Oscar Niemeyer erbaute KPF-Parteizentrale öffnete sich als Schauplatz obskurer Modeschauen, gar christlicher Wohlfahrt-Veranstaltungen. Ursache: Mitgliederschwund, Geld-Desaster, Vertrauens-schwund - und aus Moskau keinen Cent mehr dazu. Rück- und Ausblick. Abgesang einer Epoche.
Geld ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten. Es zwingt das sich Widersprechende zum Kuss". Was Karl Marx (* 1818+1883) Mitte des 19. Jahrhunderts im "Kapital" philosophierte, führten gut 100 Jahre später Frankreichs Kommunisten in der Praxis vor: Angetreten zum Kampf gegen die großen Monopole, baut die KPF selbst riesige Wirtschaftskonzerne auf. Und im Kampf gegen die Kapitalisten marschieren vorweg parteieigene "Kapitalisten". An ihrer Spitze der 57 Jahre alte Bauer, Winzer, Tierzüchter, Obsthändler und Unternehmer Jean-Baptiste Doumeng (*1920+1987). Moment-Aufnahmen aus dem bizarren Leben eines kommunistischen Spitzen-Funktionärs in Frankreich; aufgenommen vor mehr als drei Jahrzehnte; jenen reichen Partei-Jahren. Retrospektive. Geschichts-Stunde.
DIOR-BRILLE MIT LENIN-PLAKETTE
Auf dem Telefonbord des Jean-Baptiste Doumeng liegt das Dior-Brillenetui gleich neben der Lenin-Plakette. In der Bücherwand gegenüber stehen die Bibel und die Schrift des einstigen französischen KP-Prominenten Jacques Duclos (*1896+1975) über "die erste Internationale". Es war eben der markante Duclos, der jemals das beste Wahlergebnis für die KP in Frankreich erreichen konnte - bei der Präsidentschaftswahl 1969 mit 21,27 Prozent aller Stimmen. - Lang, lang ist's her. Indes: Vor dem Doumeng-Anwesen sind kreuz und quer die sechs Wagen der vierköpfigen Familie geparkt: Citroen CS, Mercedes und Landrover für den Hausherren, Renault R 16 für die Hausfrau. Alfas 2000 GTV für die beiden Söhne. Auf dem der Alfas liegen mit Hammer und Sichel geschmückte Mitgliedskarten der kommunistischen Jugendbewegung.
IN DEN BERGEN DER PYRENÄEN
Dem Stilleben entspricht der Lebensstil - auch in längst vergilbten Epochen. Sonntagmorgen im südfranzösischen Noe: Jean-Baptist Doumeng, der Hausherr in Windjacke und karierter Mütze inspiziert per Landrover einen Teil seiner Ländereien. Alles ist nicht zu schaffen in dem riesigen Gebiet, das sich in der Ebene der Haute-Garonne vor den schneebedeckten Bergen der Pyrenäen im Süden Frankreichs erstreckt. Nur schnell vorbei an den Fußballfeld großen Rinderstallungen - 1.000 Stück Vieh werden hier pro Woche verkauft. Weiter geht's über holprige Feldwege und das eigene Flüsschen hügelan zur Perle des Besitzes: dem Reitstall mit den Araber-Vollblütern.
PRIVATE REITHALLEN
Wie viele Pferde es sind ? Der Hausherr weiß es nicht: "Zehn, vielleicht 20." Sohn Michel,23, und Mitglied der kommunistischen Jugendbewegung, der mit einem der Hengste als Springreiter an der nächsten Olympiade in Moskau teilnehmen will, korrigiert: "Es sind 24." Neben den Stallungen die private Reithalle, so groß, dass sie gut als Hangar einer Boeing 707 dienen könnte. Dahinter dann der offene Parcours. Auf dem Rückweg ein kurzer Stopp vor einem Haus aus unverputztem Feldstein, davor ein Hühnerstall und ein kleiner Blumengarten. Es ist das Geburtshaus des Patron, sein Vater war Tagelöhner; seine Mutter, die als Amme die Kinder begüterter Bürger im nahen Städtchen Noé nährte, starb hier an Auszehrung, als der Junge Jean-Baptist 16 Jahre alt war.
WÖLFE JAGEN
Bei der Rückkehr springen vier Hunde den Hausherrn an: gefleckte Dogen, ein Schäferhund und der fohlengroße Barsoi "Kopek", eine zottelige Windhundart, die in ihrer sibirischen Heimat Wölfe jagt. Von der Straße her sieht das Wohnhaus unscheinbar aus, eine Betonmauer ohne Fenster, darauf ein Schrägdach. Zum Garten hin springt das Haus wie eine Muschel auf, durch bodentiefe Fensterfronten dringt Sonnenlicht in die gut 100 Quadratmeter große Wohnhalle, ein Balkon vor dem Schlafzimmer im ersten Stock ist zugleich Sprungbrett in den drei Meter tiefen Swimming-Pool - beheizt und mit Unterwasser-Beleuchtung.
KARUSELLFAHRT DER MONBAZILLAC-WEINE
Die Mittagstafel, ein großer runder Holztisch mit drehbarem Innenteil, ist schon gedeckt. Der 23jährige Michel gibt dem Diener - einem gleichaltrigen Marokkaner - knapp Order: "Sie können jetzt servieren!" Gänseleberpastete und ein schwerer 69er Monbazillac-Weißwein beginnen auf dem Innentisch ihre Karussellfahrt. Der Hausherr philosophiert dazu: "Meine Lebenserfahrungen haben mir bewiesen, dass der Kapitalismus überholt ist". sagt er und rollt dabei die Konsonanten, "in spätestens 30 oder 50 Jahren ist es vorbei. Dann wird die Gesellschaft der Menschen wissenschaftlich so organisiert sein, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen. Das ist mein innigster Wunsch."
SELFMADE-KOMMUNIST
Der Hausherr ist Kommunist, Selfmade-Kommunist. Im Sterbejahr seiner Mutter gründete er mit zwei Freunden die kommunistische Partei seines Heimatortes. Der 16jährige Hirtenjunge, der keine Zeit für die Schule hatte, war vom Gemeindepfarrer und Dorfbriefträger - beide wegen aufrührerischer politischer Ideen nach Noé strafversetzt - in Marx und Engels, auch Kant und Hegel unterwiesen worden. Er wollte sich damit nicht abfinden, dass bei der Ordnung der Welt in Reiche und Arme die Reichen immer nur die anderen sein sollten. Jean-Baptiste Doumeng hat es geschafft. "Ich bin der reichste Kommunist der Welt", kann er heute von sich sagen. Wie reich genau, erzählt er nicht, vielleicht weiß er's nicht. Nur: "Für 20 Millionen Dollar würde ich meinen Platz nicht räumen."
EINFLUSS NICHT MESSBAR
Er ist ausgewiesen als Präsident, Generaldirektor oder Teilhaber von rund 40 Unternehmen. Sein wahrer Einfluss aber ist nicht nur an Posten ablesbar. Mit Nikita Chruschtschow (*1894+1971) ging Jean-Baptiste Doumeng auf Bärenjagd. Leonid Breschnew (*1906+1982) empfängt ihn in Moskau am Flughafen - eine Ehre, von der KPF-Chef Georges Marchais (*1920+1997) nur Zeit seines Lebens träumen konnte. Doumeng gilt als die graue Eminenz der Kommunistischen Partei Frankreichs, als ihr heimlicher Schatzmeister. Früher hatte er auch einmal offizielle Posten in der Partei, bis 1964 saß er im Zentralkomitee. Für solche Ämter lassen ihm heute seine Geschäfte keine Zeit mehr.
JEAN GABIN DER PARTEI
Doumeng, der trotz Goldrandbrille mit wuchtigem Kopf, seinen breiten Händen und der gedrungenen Gestalt noch immer so aussieht wie der Charakter-Darsteller des französischen Films Jean Gabin (*1904+1976) in der Rolle eines Bauern des Midi, wickelte sein erstes Geschäft nach dem Krieg ab: der Tausch französischer Kartoffeln gegen tschechische Traktoren. "Das war etwas schwierig", sagt Doumeng, "weil die damalige Tschechoslowakei noch keine Volksrepublik war." Mit dem Gewinn gründete Doumeng die "Union landwirtschaftlicher Genossenschaften des Südwestens". Im Genossenschaftswesen glaubte er merkantile Effizienz des Kapitalismus und moralische Ansprüche des Kommunismus synchronisieren zu können. Nunmehr handelt Doumeng - immer im Namen und Auftrag solcher Kooperativen von inzwischen 250.000 Bauern und Winzern - mit Fleisch, Getreide und Wein, mit Torte aus St-Tropez mit Haute Couture von Jacques Esterel (*1917+1997), mit Immobilien und Traktoren. Selbst aus Scheiße macht Doumeng inzwischen Geld. Er fand heraus, dass die Exkremente der Rinder einen hohen Prozentsatz unverdauter proteinreicher Nahrungsbestandteile enthalten, und entwickelte ein heute weltweit exportiertes Trennverfahren, das aus Rindermist wieder Rindernahrung macht.
"KLÜGER ALS DIE ANDEREN"
Als Geheimnis seines Geschäftserfolgs hält er die Selbsterkenntnis parat: "Ich bin eben klüger als die anderen." Und: "Ich hab' eben mit den Ländern des Ostblocks Verträge abgeschlossen - ohne Vorauskasse, Zahlung erst bei Lieferung -, als die Kapitalisten noch zu furchtsam waren." In der Tat: Der Osthandel war und blieb Motor und Haupteinnahmequelle aller seiner Unternehmungen. Über seine Firma Interagra - in einem Hinterhof von Toulouse ein Dreizimmerbüro, in Paris eine komfortablere Zentrale in der Rue Auber nahe der Oper - hat er praktisch ein Monopol für den Handel zwischen Frankreich und der Sowjetunion. Jährlicher Umsatz: etwa 1,8 Milliarden Euro. Über Interagra wickelte Doumeng seine spektakulären Geschäfte ab: Er verscherbelte an die Russen Kühlhausbutter West-Europas zum Niedrigstpreis und kassierte dabei Hunderte von Millionen Euro an Exportsubventionen. Die Russen ihrerseits zweigten ein gut Teil der Billigbutter ab und verkauften sie mit Aufpreis nach Chile des Salvador Allendes (Präsident Chile 1970-1973; *1908+1973). "Ich habe den Kapitalismus in den Dienst des Kommunismus gestellt", sagt Doumeng - und wenn's mal umgkehrt läuft, stört es ihn auch wenig. Hauptsache, dass rote Zahlen bei ihm Plus bedeuten.
GEHEIME KPF-KONTEN
Und das dann nicht nur bei ihm. Wie viele Millionen Provision von Doumengs Geschäften jährlich auf die KPF-Konten fließen, ist eines der bislang und nie gelüfteten Geheimnisse in der ohnehin nicht gerade publikumsfreudigen Parteizentrale an der Place du Colonel Fabien in Paris. Und wohl selbst dem französischen Fiskus wird es nie gelingen, diese Transaktionen zu durchleuchten. Wie auch? Doumeng wickelt seine Osthandelsgeschäfte über die "Banque Commerçiale pour l'Europe du Nord" BCEN) ab, ein Geldinstitut am Boulevard Haussmann, dessen einstöckige unscheinbare Marmorfassade an die Außenfront einer Fahrschule erinnert. Die Aktien der BCEN gehören zu 99,7 Prozent der sowjetrussischen Staatsbank und der Moskauer Außenhandelsbank BCEN, 1921 gegründet und inzwischen auf einer Bilanzsummer von annähernd 2 Milliarden Euro als größte Auslandsbank Frankreichs, ist zugleich auch die Hausbank der KPF. Damit ist Vorsorge getroffen, dass aus Doumengs Geschäften vorab Provisionen auf KPF-Konten abgezweigt werden können, ehe die endgültige Gutschrift auf das Interagra-Firmenkonto erfolgt. - Satte, sorgenfreie Jahre. Doumeng hat auf die Fragen nach der Höhe seiner Zahlungen an die Partei eine Standardantwort: "Ich zahle meinen Beitrag und gebe der Partei ab und zu Spenden: eher 1.000 Francs als zwei Francs."
BÄUERLICHER CHARME
Wer so viel bäuerlichem Charme nicht erliegt, dem liefert Doumeng noch einen zweiten Hinweis auf seine scheinbare Harmlosigkeit: "Sehen Sie, die 'Humanité hat noch nie über mich geschrieben." Schlüssiger ist indes nie der eigentliche Beweis für Doumengs Bedeutung geliefert worden. Das ehemalige KP-Zentralorgan "L'Humanité" ( gegründet 1904, im Jahr 1994 verschwanden Hammer und Sichel im Zeitungskopf) schwieg, als Doumeng 1976 wegen Weinpanscherei zu 23 Millionen Francs Strafe verurteilt wurde. Die KPF schloss die Augen, als Doumeng sich mit dem kapitalistischen Erzfeind, dem Bankier Guy de Rothschild (leitete von 1967 bis 1979 die Familienbank, *1909+2007) in einer Vertriebsgesellschaft für Obst und Gemüse zusammentat. Doumeng: "Ich kenne alle Rothschilds beim Vornamen". Kein entrüsteter Kommentar in der KPF-Gazette prangerte Doumeng an, als er 1972 eine Millionen Hektoliter billigen algerischen Wein importierte, obwohl Südfrankreich zur selben Zeit nicht wusste, wohin mit den aus der eigenen Überschussproduktion stammenden Weinvorräten.
FINANZIER, AUSHÄNGESCHILD
Weshalb auch einen Mann angreifen, der schließlich auf dreifache Weise der Partei Nutzen bringt: als Finanzier, als Aushängeschild für kommunistische Unternehmer-Freundlichkeit und schließlich als Modell für eigene Finanzakrobatik. Denn die Abschaffung des Kapitalismus erfordert zunächst einmal Kapital - mehr als es Doumeng der Partei zukommen lassen konnte. Und da die direkte Expropriation der Expropriateure (laut Karl Marx die Enteignung der Enteigner) nach dem Vorbild Stalins, der 1907 bei einem Überfall in Tiflis auf Geldboten des Zaren 375.000 Rubel eroberte, nicht mehr in die Zeit passt, müssen andere Wege gefunden werden. Zumal sich die KPF mit ihrem neuen Kurs aus dem Jahre 1976 nach größerer Unabhängigkeit von Moskau, eine ihrer Haupteinnahmequellen zugeschüttet hatte: das direkte Geld aus Moskau. Zur Erinnerung: Während der zwanziger und dreißiger Jahre , selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg verkehrten ständig Kuriere mit Dollarbündeln im doppelbödigen Koffer zwischen Moskau und Frankreich.
MIT MINI-LOHN ZUM LANDSITZ
Der Geldsegen versiegte aber spätestens, als Georges Marchais (KPF-Generalsekretär 1972-1994) die Revolutionsanweisung von der "Diktatur des Proletariats" aus dem Programm der KPF tilgte, ein Vorgang, den das US-Magazin Newsweek damit verglich, dass die katholische Kirche plötzlich das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verwerfen würde. Und für eine Partei, die sich gegen industrie-finanzierte Bürgerparteien durchsetzen muss, langten auch nicht mehr die Zinsen aus dem inzwischen schon zur Legende gewordenen Goldschatz der republikanischen Regierung Spaniens, den Frankreichs Kommunisten im Bürgerkrieg (1936-1939) zum größten Teil nach Paris verfrachten konnten. Die beiden Lastwagen-Ladungen Gold wurden mit dem Frachtdampfer Cap Pinede nach Frankreich verschifft - Direktor der Cap Pinede-Reederei "France Navigation" , eines Gemeinschafts-Unternehmens russischer und französischer Kommunisten, war der junge seinerzeit von den Nazis verschleppte und internierte KP-Funktionär Georges Gosnat. Als Schatzmeister der KPF verwaltete und wachte Gosnat (*1914+1982) über das Parteivermögen.
UNSUMMEN FÜR WAHLKAMPF-SCHLACHTEN
Zur Erinnerung: Allein die erste Runde des Präsidentschafts-Wahlkampfes aus dem Jahre 1978 kostete die Partei mindestens 7,7 Millionen Euro. Für eine einzige Parteiversammlung, etwa im Pariser Vorort Poissy, wurden 16.000 Plakate und 150.000 Traktate mit Marschais-Parolen gedruckt. Kosten: 31.000 Euro Und schon vor dem Wahlkampf hatte die KPF hohe Propaganda-Ausgaben. Im September 1977 nach der Aufkündigung des Zusammengehens mit den Sozialisten, gab die KPF 1,6 Millionen Euro aus, um den Französinnen und Franzosen den plötzlichen Kollisionskurs gegen den bisherigen sozialistischen Partner François Mitterrand (Staatspräsident 1981-1995; *1916+1996) klarzumachen. - Kommunisten, die aus dem Vollen schöpfen konnten.
"GLÄSERNES HAUPTQUARTIER"
Artikel 51 des KPF-Parteinstatuts bestimmt: "Die Finanzierung der Partei erfolgt über Beiträge, Spenden, Diätenrückzahlungen und durch die Unternehmen der Partei." Eine staatliche Parteieninfanzierung gibt es in Frankreich nicht. Seit dem Jahr 1973 veröffentlicht die KPF eine Bilanz von Einnahmen und Ausgaben - seit sie ihr neues, vom Brasilia-Architekten Oscar Niemeyer konstruiertes gläsernes Hauptquartier an der Place Colonel Fabien bezog. Slogan: "Wir sind so durchsichtig wie unser Haus." Das hinderte freilich die Pariser Staatsanwaltschaft im Jahre 2001 nicht daran, gegen den damaligen KPF-Vorsitzenden Robert Hue (1994-1998) ein Ermittlungsverfahren wegen Korruption einzuleiten. Danach sollen über 3.5 Millionen Euro Bestechungsgelder für nie erbrachte Leistungen im Rahmen der illegalen Parteienfinanzierung in den Jahren 1984 und 1994 in die Kassen der kommunistischen Partei geflossen sein. Auch wenn Robert Hue vom Vorwurf undurchsichtiger Finanztransaktionen als Gegenleistung für Aufträge in kommunistisch regierten Städten vom Gericht freigesprochen wurde, "König Geld" war schon immer seit Jahrzehnten ein klebriger Wegbegleiter der Genossen. Indes, schon der bereits im Jahre 1977 veröffentlichte Etat weist nur drei der im Statut genannten Einnahmequellen aus.
KASSE MACHEN
Danach kassierte die Partei an
o Mitgliedsbeiträgen im Jahre 1977 noch 6,92 Millionen Euro. Jedes der damals 500.000 KPF-Mitglieder (im Jahre 2006: nur noch 138.000) muss ein Prozent seines Einkommens an die Partei abführen;
o Diäten-Rückflüssen von etwa 1,3 Millionen Euro. Jeder über KPF-Liste in irgendein öffentliches Amt gewählte Funktionsträger - vom Abgeordneten der Nationalversammlung bis hin zum Bürgermeister des 5.000 Seelen-Ortes Port-Saint-Louis im Département Bouches-du-Rhône - muss seine vom Staat gezahlten Einnahmen an die Parteikasse abliefern. Verfügte die KPF im Jahre 1978 noch über 86 Abgeordnete (20,5 Prozent) in der Nationalversammlung, so sackte ihr Stimmenanteil im Jahre 2007 auf 4,3 Prozent mit 15 Sitzen zusammen. Die Folge: Seit 1958 konnten die Kommunisten erstmals im Pariser Parlament keine eigene Fraktion mehr bilden. Überdies blieben die Genossen auf einen hohen Schuldenberg aus ihren Wahlkämpfen sitzen. Für eine Rückerstattung dieser Auslagen hätte die KPF 5,0 Prozent der Wählerstimmen erreichen müssen. - Finanz-Desaster.
LOHN EINES "FACHARBEITERS"
o In früheren, sorglosen Jahrzehnten bekam jeder KPF-Offizielle - damals Parteichef Georges Marchais eingeschlossen - von der Partei den Monatslohn eines "hochqualifizierten Metallfacharbeiters der Region Paris ausgezahlt - im Jahre 1978 genau 815 Euro. So überweist der Multifunktionär Georges Valbon (*1924+2009) Bürgermeister von Bobigny (1965-1996) bei Paris, einst Vorsitzender der Départment-Verwaltung von St. Denis und Mitglied der Regional-Verwaltung, jährlich insgesamt 21.100 Euro auf das Parteikonto Nr. 4890 bei der sowjetgeführten "Banque Commerçiale pour l'Europa du Nord". Doch stehts reicht das den Funktionären rückgezahlte Facharbeiter-Gehalt für gehobenen Lebensstandard, weil Spesen, Dienstwagen, Chauffeur und Hausangestellte hinzukommen. Zur damaligen Zeit etwa konnte sich Parteichef Georges Marchais auch mit dem offiziellen Minimun-Lohn einen Landsitz in Champigny kaufen;
BETTELMÖNCHE
o Spenden und Sammlungen schlugen seinerzeit mit 7,7 Millionen Euro zu Buche. Auf jeder Parteiversammlung rappelte KPF-Jungvolk wie Bettelmönche mit der Sammelbüchse. Neben dem Pförtner in der Parteizentrale forderte noch immer, fünf Jahre nach dem Einzug, ein Schild zur Spendenaktion für die Abzahlung des Neubaus auf. Ehedem: Im Vorwahljahr 1977 richtete das Politbüro einen "nationalen Wahlkampf-Fonds" ein und erließ Spendenaufrufe. Bisheriger Eingang: 900.000 Euro. An jedem 1. Mai schwärmen Tausende von Parteigenossen mit Mai-Glöckchen-Gebinden aus. Die vier Stengel, die sie für 27 Cents auf dem Pariser Großmarkt holen, verkaufen sie zum Preis von einem Euro - damals. Mehrwertschöpfung zum Wohle der Partei: 311,76 Prozent. Gesamteinnahmen des 1. Mai 1977: 770.230 Euro.
FUSSBALL UNTER COCA-COLA
Alljährlicher Höhepunkt der Francs/Euro-Kollekte ist alljährlich im September das Fest der "Humanité". Allein der Eintritt zu diesem Mammutspektakel kostete seinerzeit 12 Francs (1,85 Euro) und erbrachte 12 Millionen Francs ( 1,85 Millionen Euro). Dessen ungeachtet zahlen Konsum-Konzerne bis zu 700.000 Euro Standgebühren (zum Beispiel der Apéritif-Hersteller Ricard ). Sie locken zudem kommunistische Festbesucher mit Sprüchen an wie: "Das Fußfallspiel findet unter dem Exklusiv-Patronat von Coca-Cola statt." Immerhin gelang es den Veranstaltern trotz eines Eintrittspreises von 20 Euro im Jahre 2009 insgesamt die Aufmerksamkeit von zwanzigtausend Jugendlichen für Tage auf sich zu lenken. Einnahme: 400.000 Euro.
KAPITALISTEN-PRÄSENZ
So intensiv schien jedenfalls der Drang der Kapitalisten zu Kommunisten, dass es sich die Partei inzwischen leisten konnte, unbotmäßige Firmen von der Werbe wirksamen Teilnahme am Polit-Jahrmarkt auszuschließen. Seinerzeit führte der Direktor des Fête du l'humanité und Herausgeber gleichnamiger Zeitung (1974-1994) , Politbüromitglied Roland Leroy schwarze Listen jener Firmen, die das Jahr über nicht in "L'Humanité Dimanche" inserierten. Die Brauerei Kronenburg durfte zu besagter Zeit genausowenig aufs Fest wie der Getränkekonzern Schweppes, das Mineralwasser Evian oder der Champagner-Produzent Taittinger. Gleichwohl kamen so im Jahr 1976 - als Beispiel - 18,5 Millionen Euro auf die Einnahmeseite des offiziellen Etats. - Lang ist's her.
IN SAUS UND BRAUS
Ausgegeben wurden diese beträchtlichen Summen laut Rechenschaftsbericht des Parteischatzmeisters Georges Gossnat fürs Zentralkomitee (1,53 Millionen Euro), für nachgeordnete Funktionäre (6,15 Millionen Euro), für Verwaltungskosten (5,4 Millionen Euro) und für Propaganda (5,4 Millionen Euro). Dass diese Bilanz frisiert war, bewies der französische Investigations-Journalist Jean Montaldo in seinem 1977 im Verlag Albin Michel veröffentlichten Buch "Les Finanes du PCF, le parti plus capitaliste de France" eindrucksvoll wie unwidersprochen.
GELDER VERSCHWIEGEN
Nach dieser Aufschlüsselung der Mitgliedsbeiträge (ein Prozent des Gehaltes) müssten über die Hälfte der französischen Genossen weniger als 220 Euro monatlich verdienen und damit weit unter dem gesetzlich garantierten Mindestlohn von damals 270 Euro liegen. Dass die Genossen beitragsehrlich waren und sind, dafür sorgen schon KPF-Betriebsgruppen und die kommunistisch stark beeinflusste Gewerkschaft CGT mit ihren 700.000 Mitgliedern . Tatsächlich fehlt schon immer in dem offiziellen Etat der im Statut erwähnte Einnahmeposten "Unternehmen der Partei". Darüber mochte Georges Grosnat in seinem Rechenschaftsbericht nur sagen: "Sicherlich, unsere Partei musste Wirtschaftsunternehmen gründen. Aber die sollen ihr nur helfen, das Erscheinen der 'L'Humanité', den Betrieb von Druckereien und Verlagen zu sichern. Deshalb ist es unnütz, darüber öffentlich zu spekulieren, wieviel Geld im einzelnen diese Wirtschaftspolitik erbringt."
KPF-IMPERIUM VON EINST
Kenner schätzen, dass dabei noch einmal die gleiche Summe zusammenkommt, wie sie die offizielle Bilanz ausweist. Denn die KPF hat sich im Laufe der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein riesiges Imperium von Wirtschaftsunternehmen aufgebaut. Mitte der siebziger Jahre gehörten dem Konzern der Partei der Antimonopolisten etwa 300 Firmen an. Neben dem Zentralorgan "L'Humanité" (Auflage damals 198.000, im Jahre 2006: 50.000 ) und dessen Sonntagsausgabe (einst 500.000, nunmehr 80.000 Exemplare) erschienen zwischen Marseille und Dünkirchen weiter 160 kommunistische Publikationen . Von der Kinderzeitschrift "Pif" - die der Hamburger Verlag Gruner + Jahr unter dem Titel "Yps" in der Bundesrepublik übernommen hat - über die in Toulouse erscheinende Provinz-Zeitung "Nouvelle de Toulouse" bis zum arabischen Gastarbeiter-Blatt "L'Immigrés d'Afrique du Nord".
1,8 MILLIONEN-BESTSELLER
Parallel zum Zeitungsmarkt belieferte die KPF über ihre Verlags- und Vertriebsorganisation CDLP - die seinerzeit zweitgrößte Frankreichs - 40 ihrer angeschlossenen Büchereien und über 100 öffentliche Bibliotheken kommunistisch regierter Gemeinden. Außerdem fungiert die CDLP als Dachorganisation weiterer 20 Buchverlage. So für "Edition sociales" ,die hauptsächlich marxistische Literatur herausgibt und mit dem "gemeinsamen Buch-Programm" von Kommunisten und Sozialisten einen 1,8-Millionen-Bestseller landete. So auch für die "Editions la farandole", die Kinderbücher auf den Markt bringt, und für die Buchgemeinschaft "Club Diderot", dem immerhin über 100.000 Mitglieder angehören.
KPF-FIRMEN - EIN STAAT IM STAATE
Von Paris aus steuert die KPF über ihre Holding-Gesellschaft GIFCO 23 spezialisierte Liefer- und Beratungsfirmen in die Provinz hinein. So versorgt die SOCOPAP die seinerzeit 1.813 kommunistische Rathäuser mit Büromaterial, die SOFCOL liefert Schulmöbel, die Firma "Les Sports" baut Sportanlagen, und das Unternehmen Ferrandon installiert Heizungen. Unter dem Dach der GIFCO baute die KPF einen Staat im Staate auf. Die GIFCO-Tochter SOGIR hilft Gemeinden, durch neue Computer-Technologien ihre Daten zu speichern. Die erfassten Personalien der Bürger - ob Kommunisten oder nicht - sind für die Partei jederzeit abrufbar.
GEBÄUDE UND GRUNDSTÜCKE GEKAUFT
Mit der 1960 erstmals ausgegebenen Parole "Mit dem Giebel zur Straße" ("Du Pignon sur rue") begann die KPF rapide Gebäude und Grundstücke anzuschaffen. Mitte der siebziger Jahre war sie Eigentümerin von über 130 Parteihäusern, von neun solventen Verwaltungsgesellschaften und zahlreichen kleinen Immobilienfirmen, deren Aufgaben sich oft darauf beschränkten, Parteihäuser oder auch nur Büchereien zu verwalten. In einem der expansivsten Wirtschaftszweige, dem Tourismus, haben die französischen Kommunisten mit ihrem Reiseunternehmen "Tourisme et Travail" den fünften Branchenplatz erobert. Gemeinsam mit der CGT-Gewerkschaft verkaufte das PCF-Reisebüro an 2,7 Millionen Franzosen Pauschalurlaube weltweit. Eine andere kommunistische Reisefirma "Loisir et vacances", warb für Billig-Reisen nach Moskau, nach Budapest oder auch nach Ost-Berlin in der früheren DDR. Der Slogan aus damaliger Epoche klingt wie eine Parole aus einer fremden Welt des vergangenen Jahrhunderts:" Der Sozialismus lebt! Fahrt hin und seht ihn euch an!"
ÖFFENTLICHE FINANZEN ÜBER FIRMEN
Hauptaugenmerk galt dem Aufbau eines Mechanismus, öffentliche Gelder über Parteifirmen in die Parteikassen zu leiten, um damit Progaganda-Schlachten zu gewinnen und Wählerstimmen finanzieren zu können. Filzokratie in den Kommunen wurde damit zum System. Ein perfektes Beispiel dafür ist die pittoreske südfranzösische Stadt Arles, einst Hauptstadt der römischen Provinz Gallia Transalpina. In diesem Städtchen mit seinem historischen Gemäuern und nahezu 52.000 Einwohnern in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur genießen Kommunisten seit Jahrzehnten das Vertrauen ihrer Bürger, regieren in der Nachkriegszeit - ohne Unterlass. Geradezu zwangsläufig ist daher, dass die KPF es schon in den siebziger Jahren ohne Aufschrei vermochte, die gesamte Wirtschaft der Stadt in ihre Abgängigkeit zu bringen: vom Kleinkrämerladen über den Supermarkt bis zum Bestattungsunternehmen. Wer in Arles Geschäfte machen will, kommt an der Kommunistischen Partei nicht vorbei. Um sich öffentliche Aufträge zu sichern, hat die KPF das Beratungsunternehmen "Sud-Est-Equipement" gegründet. Diese Firma, in deren Direktorium nur Kommunisten saßen, hatte vornehmlich die Aufgabe , für kommunale Projekte ein Gutachten anzufertigen, und anschließend die Aufträge u vergeben, gegen Höchstgebote zugunsten der KPF.
GELDER VOM FRIEDHOF
Ein makabres, einprägsames Beispiel war der neue Friedhof auf den weitflächigen neun Hügeln im Süden dieser Stadt. Er war vor Jahrzehnten, im Jahr 1971, ein bedrückendes, nie enden wollendes Wahlkampfthema. KP-Bürgermeister Jacques Porret, 51, Pfeifenraucher und Mercdesfahrer (auch er führt seine etwa 1.000 Euro Diäten) monatlich an die Partei ab), sagte damals: "Für die Armen ist das Sterben zu teuer. Wir Kommunisten werden einen Friedhof bauen, auf dem jeder seinen Platz findet und keine 400 Euro Bestattungsgebühr zahlen muss. Auch das gehört zur Gerechtigkeit und zur Qualität des Lebens."
FINANZ-TRICKS AN DEN GRÄBERN
Die Oberaufsicht über das Projekt bekam der Architekt Laurence Manolakakakis, Widerstandskämpfer und KP-Stadtrat. Der schob das Auftragspaket weiter an die Sud-Est-Equipement. Die vergab den Auftrag an die Baufirma Chavagnas, obwohl sie teurer als die Konkurrenten war. Der Grund: Ihr Chef kannte den Trick der indirekten KPF-Finanzierung und zahlte von vornherein 8.000 Euro (fünf Prozent des Endpreises ) als Provision an die Genossen-Organisation Sud-Est-Equipement. Indes: Von keiner Behörde mehr belästigt, konnte Chavagnas nun auf dem Friedhof bauen: Massengräber, eines wie das andere, austauschbar, bis zur Unkenntlichkeit verlaufen sich suchende Blicke , wo in 50 Meter langen Gräbern Sarg neben Sarg kommt und die Toten auf schlichten Holzkreuzen nur noch eine Nummer erhalten.
JEDER BÜRGER ZAHLT AN DIE PARTEI
Auch als die Kommune eine Kläranlage in der Rhône, ene Saline in Giraud, einen Großraumparkplatz im Stadtzentrum baute - immer kassierte die Genossenfirma Sud-Est-Equipement. Allein im Jahre 1976 nahmen die roten Kapitalisten 200.000 Euro für die Vermittlung von Aufträgen ein. In der Praxis bedeutete dies, dass jeder Bürger von Arles ungewollt einen Parteibeitrag zahlt: etwa 4 Euro pro Kopf. Sud-Est-Equipement-Manager Roger Teboul deponiert über seine Dach-Organisation GIFCO in der Pariser Rue de Dessous des Berges, die Gelder auf ein Konto bei der sowjetischen Banque Commerçiale pour l'Europe du Nord. Konto-Inhaber: KPF-Schatzmeister Georges Grosnat. - Satte Jahre mit Millionen-Summen französischer Kommunisten.
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POSTSCRIPTUM. - Die Duplizität der Ereignisse. Als der Kommunismus in den Ostblock-Staaten zu Beginn der Neunziger zusammenbrach, Jahre zuvor bereits Auflösungserscheinungen zeitigte - in jener Ära traten in Frankreich zwei Vater-Figuren ab, die die französische Nachkriegeschichte geprägt haben. Mit dem Tod des roten Multi-Millionärs Jean-Baptiste Doumeng ,67, im April 1987 aus dem südfranzösischen Noe trat ein Mann von der Bühne ab, der die "Prinzipien des Bauerntums und des Marxismus" unter einen Hut brachte und die "Ausbeutung des Kapitalismus" zu seinem Prinzip erkor. Wenn und wann auch immer die EU-Kommission aus ihrer Überschussproduktion Lebensmittel, Butter-Berge oder Milchseen verkaufte, KPF-Mitglied Doumeng machte mit dem Ostblock die Geschäfte. So zahlten etwa die Moskauer Käufer für eine Rindfleischlieferung von 175.000 Tonnen im Jahre 1985 genau 175 Millionen Dollar an Doumeng. Obwohl Doumeng zweifelsfreie Transaktionen zugunsten der KPF nicht nachgewiesen werden konnten, galt er als der "heimliche Finanzier" der Partei. Auffällig war zudem, dass mit seinem Abgang sich Frankreichs Kommunisten Schuldenberge anhäuften, ein finanzielles Desaster seinen Ausgangspunkt nahm. Die Ära der Vaterfigur Jean-Baptiste Doumeng als Geldbeschaffer aus dem Ostblock war damit jäh zu Ende.
TOD DER VATER-FIGUREN
Mit dem Abgang des Alt-Stalinisten Georges Marchais als Generalsekretär der KP begann ein nahezu unaufhaltsamer Aderlaß - Ausverkauf der Partei. Er starb im November 1997 nach einer Herzattacke in Paris im Alter von 77 Jahren. Über Jahrzehnte regierte er seine Genossen mit eiserner Faust, erstickte Demokratisierungen im Keim. Alles, was aus Moskau kam, verteidigte der volkstümliche Metallarbeiter als ein Dogma; so die blutige Unterwerfung des Ungarn-Aufstands 1956 wie auch den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag (1968) und Afghanistan (1979). Als Frankreichs Kommunisten sich neuen linken sozialen Bewegungen öffnen wollten, gar die Umbenennung der Partei verlangten, konnte er derlei Reformversuche noch abwehren. Die Folge: Wählerschwund. Ehedem scharten sich um die 700.000 Mitglieder bei den Kommunisten; zu Beginn des Jahres 2000/2004 waren es nur noch 138.000 Getreue. Auch die vielzitierten Wählerstimmen fielen im freien Fall. Im Jahre 1978 konnte Marschais und Genossen noch 5.870.402 Stimmen (20,5 Prozent) und damit 86 Parlamentssitze ergattern; im Jahre 2007 musste seine Nachfolgerin Marie-George Buffet, einen drastischen Vertrauensschwund verzeichnen - einen Rückgang auf 1.115.719 Wählerstimmen (4,3 Prozent). Insgesamt haben über 2,3 Millionen Wähler der KPF den Rücken gekehrt. Aderlaß
KPF - EIN SPLITTERGRÜPPCHEN
Verheerend wirkten sich dürftige Wahlergebnisse auf die ehemals prall gefüllten Bankkonten aus. Da die KPF bei den Parlamentswahlen 2007 unter der Fünf-Prozent-Marke blieb, wurden ihr nach französischem Gesetz die Rückvergütung der Wahlkampfkosten versagt. Millionen-Verluste - acht Millionen Euro. Daran konnte auch die glaubwürdige Reformerin Marie-George Buffet(Ministerin für Jugend und Sport von 1997-2002) als neu gewählte Generalsekretärin wenig ausrichten. Es gelang ihr nicht, den Abwärtstrends ihrer KPF noch zu stoppen. Bei der Präsidentschaftwahl 2007 bekam die bekennende Feministin 1,94 Prozent der Stimmen; die KPF als plittergruppe, die neue soziale Bewegung der trotzkistischen Partei LGR des Postboten Olivier Besancenot als Sammelbecken einer neuen Linkspartei auch enttäuschter KPF-Wähler. Den Niedergang der KPF dokumentieren zweifelsfrei die Wahlergebnisse zur französischen Präsidentsschaftswahl aus dem Jahre 2007. Der ledige Vater Besancenot schaffte es auf Anhieb im ersten Wahlgang 1.498.581 Stimmen auf sich zu vereinen.
KEINE EUROS MEHR - VERARMT
Die bombastisch anmutende KPF-Parteizentrale am Pariser Place Colonel-Fabien in diesen Tagen. Auf den langen Fluren herrscht Funkstille, weit und breit keine Menschen, viele Räume sind verweist, warten auf eine wie auch immer finanzierte Zukunft, auf Agenturen aus der "sozialen Wirtschaft", aus der Versicherungsbranche. Um die Euro-Not halbwegs zu lindern, vermieteten KPF-Chefs ihre Räume gar schon an weltanschauliche Erzfeinde; mal liefen Models von Pariser Courturiers über den Laufsteg in ihren Hallen auf und ab, mal durften christliche Sekten in Räumen der Kommunisten in ihrem Halleluja "Gott" um Erlösung bitten. - Gegen Bares versteht sich. Selbst das Ende der schon Jahre währenden Mund-zu-Mund-Beatmung des einstigen Paradestücks der Tageszeitung "L'Humanité" scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die 1904 von dem Sozialistenführer Jean Jaurès (*1859+1914) Tageszeitung dümpelt magersüchtig im roten Bereich mit einer knappen 50.000-Auflage vor sich hin. Das Blatt unterhält keine Auslandskorrespondenten mehr und hat nur noch 58 Redakteure. Indes: Der Verkauf des Zeitungsgebäudes in der Pariser Vorstadt St. Denis an starke Immobiliengesellschaften dürfte offenkundig 15 Millionen Euro bringen. Das könnte die angesammelten acht Millionen Euro Haushaltslöcher der Partei wettmachen. Vorerst. Tafelsilber. Die Ära dogmatischer KPF-Marxisten-Leninisten in Frankreich ist unwiderruflich zu Ende. Ein Notgroschen bleibt allerdings noch in Reserve: Die französische Tageszeitung Le Monde berichtete, dass die KPF den Wert einiger in ihrem Besitz befindlichen Kunstwerke habe schätzen lassen: Werke von Pablo Picasso, Fernand Leger sowie Marcel Duchamps Spottbilder der Mona Lisa. Die hatte die KPF im Jahre 2005 für 99 Jahre ans Centre Pompidou verliehen. Na denn.

Samstag, 21. Juli 2007

Elisabeth Badinters Rendezvous mit der Zukunft - Frauen und Männer erfinden sich neu






















Die französische Philosophie-Professorin Elisabeth Badinter wurde 1944 geboren. Sie ist Autorin namhafter Werke, die die Geschichte, Philosophie und Soziologie der Frauen reflek- tieren. Sie ist damit ideengeschichtlich die bedeutendste Nachfolgerin der Schriftstellerin Simone de Beauvoir, die im Jahre 1986 starb. Simone de Beauvoir war Begründerin des französischen Feminismus nach 1968. Mit 22 Jahren heiratete Elisabeth Badinter den Politiker und späteren Justizminister Robert Badinter.
Ihre drei Kinder bekam sie innerhalb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschluss- examen an der Universität. Als sich zu Beginn der siebziger Jahre der Feminismus in Frank- reich zusehends heftiger artikulierte, entdeckt Elisabeth Badinter die Kompliziertheit des häuslichen Lebens als Mutter. Als Vertreterin des Differenzdenkens geht Elisabeth Badinter von einem grundlegenden Unterschied der Geschlechter aus. Daher müssen Frauen- rechte besonders betont werden, weil die uni- versalistische Theorie Frauen schon immer benachteiligt hat, indem sie den Mann mit dem Menschen gleichsetzt.
In ihrem neusten Buch "Der Konflikt - Die Frau und die Mutter" (2010) rekapituliert Elisabeth Badinter: In weniger als zehn Jahren (zwischen dem Ende der siebziger und dem Beginn der achtziger Jahre) vollführte die feministische Theorie eine Wende um 180 Grad. ... Frauen sollten wieder zurück zu Heim und Herd. - Nicht etwa, um wieder die Männer zu bedienen, sondern ausschließlich zum allgegenwärtigen Wohle des Kindes. Freiheiten, die sich Frauen einst erstritten, werden durch das neuerliche Diktat einer all umsorgenden Mütterlichkeit bedroht. Sie argwöhnt, dass Frauen durch die Hintertür des Kindes abermals ihre Selbstständigkeit verlören.
"Vive la française -
Die stille Revolution in Frankreich"
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg
2. März 1995
von Reimar Oltmanns

In einem der stattlichen Bürgerpaläste am Pariser Jardin du Luxembourg ist, sozusagen, die Zukunft zu Hause, die Zukunft der Frauen. In einem weiträumigen Appar- tement, umgeben von Gemälden aus dem 18. Jahr- hundert, auserwählter Kunst und seltenen, wert- vollen alten Büchern, lebt, denkt - schreibt Elisabeth Badinter, 51jährige Philosophieprofessorin an der École Polytechnique. Wer sie zum ersten Mal besucht, könnte meinen, dort, zwischen den lindgrünen Wänden und grauen Spannteppichen mit den tannengrünen Sitz- polstern wirke Abgelebtes, Überholtes, Vergangenes - geduldet und abgeschottet - fort. Andererseits fühlt er sich dort auch versucht, die hastige, sich überstürzende Gegenwart, die herbeigeredeten, schließlich geglaubten Trends oder Tricks der Bewusstseinsindustrie samt ihrer Marktforschung als Hirngespinste abzutun. Ein Ort wie außerhalb der Zeit, an dem man verschnaufen, sich be- sinnen und wieder erinnern kann: ans Wesentliche. An den Kern der Ordnung.

ROUSSEAU, VOLTAIRE - GEIST DER UNSTERBLICHKEIT

Auf dem Balkon der Wohnung bleibt der Blick am gegenüberliegenden Panthéon haften, in dem Rosseau, Voltaire, der Geist der Unsterblichkeit liegen. "Hier", sagt Elisabeth Badinter, "sind meine Wurzeln. Alles liegt im 18. Jahrhundert. Ich könnte kein aktuelles Buch schreiben ohne diese stets Rückbesinnung auf die Auf- klärung."

Elisabeth Badinter trägt keinen Schmuck. Sie schminkt sich nicht, verschmäht noch das zarteste Rouge. Soviel gewollte Unscheinbarkeit kann im Paris der aufge-setzten Äußerlichkeiten kein Zufall sein. Auch nicht Nachlässigkeit. Madame ohne falsche Bescheiden- heit: "Ich wollte nie die Tochter des reichen Vaters oder das Anhängsel eines einflussreichen Politikers sein." Ihr Vater, Marcel Bleustein-Blanchet, war einst Frankreichs Tycoon in der Werbung. Ihr Mann, Robert Badinter, schaffte als Justizminister (1981-1995) unter François Mitterrand (*1916+1996, Präsident von Frankeich 1981-1995) zu Beginn seiner Amtszeit die Todesstrafe ab. Drei Kinder hat die Wissenschaftlerin großgezogen. Ihre drei Kinder Judith, Simon und Benjamin bekam sie inner- halb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschluss- examen an der Universität.

DOMINANZ UND VEHEMENZ

Elisabeth Badinter ist eine wegweisende Persönlichkeit. Ihre Dominanz und Vehemenz, das, was sie antizipiert und vorhersieht, ihr Denken und Vordenken - das ist die Zukunft der Frauen. Und ihre Wohnung, ihre Vor- lesungen oder Seminare sind Lern-, auch Bewusstseins- refugien für Studentinnen und jene jungen Herren, in denen die Philosophin den "versöhnten Mann" erkennt. Weil er in der Lage ist, die altüberkommene Männlich- keit in Frage zu stellen, etwas von der gefürchteten Weiblichkeit anzunehmen und dadurch letztlich eine neue Männlichkeit zu finden.

"Er hat die beiden verstümmelten Männer", sagt die Professorin prononciert, "den harten Mann (Macho) und die Antwort auf ihn, den weichen Mann (Softie), hinter sich gelassen."

FRAUEN UND MÄNNER ERFINDEN SICH NEU

Viele Bücher hat Elisabeth Badinter geschrieben, be- deutende Werke. Es sind Bücher, die schon jetzt unser Denken beeinflussen, das der nachfolgenden Genera- ionen wohl noch nachhaltiger. Die Hochschullehrerin sieht ihre Lebensaufgabe darin, das - ziemlich erbärm- liche - Geheimnis der Männlichkeit zu lüften. Das Ende angemaßter männlicher Vorherrschaft mit wissen- schaftlich fundierter Akribie zu untermauern.

"Wir erfinden uns gerade neu", urteilt sie, "das ist das Aufregendste in dieser Epoche."

MUTTERLIEBE

In ihrem Buch "Mutterliebe", erschienen 1980, wies Elisabeth Badinter nach, dass die immer wieder, auch pathetisch beschworene "Mutterrolle" als unumstöß-liches gesellschaftliches Fundament in Wirklichkeit erst mit dem Aufstieg des Bürgertums begann. Historisch belegte die Autorin, dass der Mythos der aufopferungs-vollen Mutterschaft, dieses naturgegebenen Monopols, den Frauen angedichtet worden ist.

Erst am Ende des 18. Jahrhunderts mühte sich Ärzte, Moralisten und Administratoren in Frankreich, den Frauen-Mythos als Mutterinstinkt aufzuwerten - der Frau die Funktion einer "Gebärmaschine" zuzuweisen. Im Hintergrund standen wirtschaftliche Interessen, das Volk der Franzosen in einer großen Anzahl zu erhalten. Die Philosophie der Aufklärung ersetzte die Theorie des natürlichen und göttlichen Ursprungs väterlicher Gewalt durch die Idee der Beschränkung dieser Macht.
Zentraler Ausgangspunkt war vielmehr die Gleichheit von Mann und Frau in der Erziehung. Das 19. Jahr- hundert war geprägt von Appellen, eine gute Mutter zu sein. Heftigst wurden Frauen gesellschaftlich gebrand- markt, die ihrer Mutterrolle nicht im gewünschten Um- fang nachkamen. Erst in dieser Epoche entstand die Vorstellung, dass Fürsorge und Zärtlichkeit der Mutter für die Entwicklung und das Wohlbefinden des Babys unersetztlich sind.

MYTHOS, LEGENDEN

Demzufolge kritisierte Elisabeth Badinter und mit ihr schon die feministischen Bewegungen der sechziger Jahre das von Sigmund Freud entworfene Frauenbild als Hauptverantwortliche für das Glück des Kindes. Durch scheinbare Selbstauf-opferung, so Freud, findet die Mutter ihre Erfüllung in ihren Kindern. Sie sei verantwortlich für das psychische Wohlbefinden ihrer Kinder. Mit den sechziger Jahren begann Elisabeth Badinter mit den feministischen Bewegungen in Frankreich, diesen Mythos von der natürlichen Mutter- schaft grundlegend zu zerstören. Im Klartext: Mutter- liebe ist nichts Selbst- verständliches mehr, mütterliche Fürsorge ist Arbeit, für die Entgelt zu verlangen ist. Badinter: "Mutterliebe ist ein wandelbares Gefühl, kein Instinkt. Die Väter nehmen mehr Anteil an ihren Kindern, sie werden mütterlicher, während die Frauen männlicher werden."

ICH BIN DU

Sechs Jahre später präsentierte die Philosophin der Öffentlichkeit ihr Werk "Ich bin du". Darin fragt sie: Der Busch ist weit weg, wenn er nicht schon abgeholzt wurde, und wo haben Männer eigentlich noch die Chance , ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen? Wohl nirgendwo in der westlichen Hemisphäre. Andro- gyn sind die Zeiten, die Geschlechter sind sich sehr viel ähnlicher geworden. Es sind Individuen, die Ge- schlechtermerkmale von Mann und Frau in sich ver- binden wissen und diese Zweigeschlechtigkeit je nach Erfordernis ausleben. Sie konstatiert: "Mit diesem neuen Modell der Ähnlichkeit wird die traditionelle Be- stimmung der Gattung in Frage gestellt.
Unsere Identität, sogar unsere Natur sind Ver- änderungen unterworfen. Wir befinden uns in einer Phase der Mutation." Sie folgert: Ärzte laborieren an Mütter-Maschinen. Die Entwicklung eines Kindes liegt nicht mehr im Bauch der Frauen, sondern in der Hand von Wissenschaftlern. "Kinder können heute außerhalb des weiblichen Körpers gezeugt werden. Ich reagiere auf die Vorstellung, dass man einem Mann einen Embryo ein- pflanzt mit Panik - aber es wird kommen und zwar sehr bald." Männliche Paviane haben den Beweis längst erbracht, für die Wissenschaft erbringen müssen. Wenn aber Männer und Frauen zusehends ähnlicher werden, folgert Elisabeth Badinter, was geschieht dann mit der männlichen Identität in der Postmoderne?

XY - IDENTITÄT DES MANNES

"XY - Die Identität des Mannes" heißt folgerichtig ihre nächste Publikation von 1992. Damit will sie den Beweis für die Umkehrung einer dominanten Kultur mit ihrem "schwachen Geschlecht" antreten. Es gelingt. Sie schreibt: "Als Modell ist das Patriarchiat tot, es ist intellektuell, moralisch und sozial am Ende ... Seit Entstehung des Patriarchiats hat sich der Mann als privilegiertes Menschenwesen definiert, stärker, mutiger, intelligenter, verantwortungsbewusster, schöpferischer oder rationaler als Frauen. " Nur verfüge die Medizin mittlerweile über hinreichende Er- fahrungen, Ergebnisse und Statistiken, die bewiesen, dass Männer in Wirklichkeit das schwache Geschlecht darstellen. Die Sterblichkeit bei männlichen Säuglingen ist weitaus höher, Männer leiden unter mehr Krank- heiten - physisch wie psychisch - und sie sterben auch früher als Frauen.

MÄNNLICHKEIT - EIN VERLUSTGESCHÄFT

Für Elisabeth Badinter zählt das Fehlen einer Identität zu den schmerzlich gelebten Erscheinungen dieser Zeit. Viele Männer wissen seit dem feministischen Umbruch nicht mehr so recht, wie sie eine Beziehung zu Frauen und welche sie aufbauen sollen. Angst vor Andro-gynität, vor der Ähnlichkeit der Geschlechter. Ängste vor Rollenverlusten - Verluste des Mannes, seiner über- kommenen, unzeitgemäßen Männlichkeit. Angeknackst ist die männliche Herrschaft, die Frauen seit jeher symbolisch und tatsächlich zum Objekt machte. Von ihnen wurde und wird noch immer - ein kulturelles Gesellschaftsspiel - sexuelle Verfügbarkeit diskret wie selbstverständlich eingefordert. "Aus männlicher Sicht", rekapitulierte Pierre Bourdieu (*1930 +2002), einst Soziologie-Professor am Collège de France, "wirken diejenigen Frauen, die das stillschweigende Verhältnis der Verfügbarkeit unter-brechen und sich ihres eigenen Körperbildes in gewisser Weise wieder bemächti- gen, 'unweiblich' oder wie Lesben." - Kulturver- werfungen - Identitätsbrüche.

Erst leise und zaghaft, unbestimmt vielerorts und vage, dann immer deutlicher rückte ein Schauplatz der Ge- schlechter zwangsläufig in den Mittelpunkt - das Bett. Es ist nun einmal der Austragungsort der Verführung, Verfügung und Verweigerung, der sexuellen Leiden-schaften mit ihren leichtgängigen Lippenbekenntnissen der Lust und des Lustverlustes. Dort, auf den weichen Federn der Matratze, findet die eigentliche Kultur-revolution dieser Tage statt - zuweilen ein wenig verschämt oder auch verdutzt; in ihrer qualitativen zumindest nicht auszumachen - noch nicht.

LIEBE UND LEIDENSCHAFT - BALD PASSÉ ?

Für Elisabeth Badinter wird das traditionelle Rollen-muster aus Liebe und Leiden- schaft bald passé sein. Vorbei deshalb, weil der Motor dieser scheinbar unge- stillten Sehnsüchte abhanden gekommen ist. Die Gesell- schaft kennt keine Tabus mehr, aber diese Verbote waren es gerade, die den Reiz der Übertretung aus- machten. Ende der Sexualität? Madame Badinter lacht kopfschüttelnd amüsiert und sagt: "Die Sexualität ist eine Sache für sich. Im Alltag ist die Beziehung zwischen Mann und Frau heute viel stärker als früher von Ge- fühlen wie Ähnlichkeit, Zärtlichkeit und Freundschaft geprägt. Die Mann-Frau-Beziehung ist heute generell komplex. Wir suchen die Transparenz der Beziehung, das vollkommene Einverständnis, wir sorgen für- einander. Daneben existiert die erotische Beziehung, die auf Spannung und Polarität aufbaut. Ich denke, dass man in der Partnerschaft in erster Linie Komplizen-schaft und Zärtlichkeit sucht und dann erst Gegen-sätzlichkeit und Leidenschaft. Man möchte jemanden haben, mit dem man Gefühle oder Ideale teilt. In dem Moment, in dem man die Schlafzimmertür hinter sich schließt, ändern sich das natürlich...".

KEINE OPFER-ROLLEN

Gewiss haben es die Frauen weltweit in den vergangenen drei Jahrzehnten weitreichend verstanden, traditio-nelles Geschlechterverhalten aufzubrechen. So stellen heute Frauen insgesamt 40 Prozent aller Jura und Medizinstudierenden auf dem Erdball. Vor dreißig Jahren brachten sie es mal gerade eben vier Prozent. - Bewusstseinswandel.

Vielerorts ängstigen sich heute die Frauen aus gutem Grund, dass sie zuallererst Opfer der Neustrukturierung der Arbeitswelt werden. Elisabeth Badinter hingegen schaut überraschend zuversichtlich in die Zukunft. "Die Gefahr", bemerkt sie, "wird total überschätzt. Sicher, in Krisen leben immer wieder archaische Reaktionen auf. Aber die Frauen sind heute in so vielen Bereichem in so qualifizierten Positionen und schlicht nicht mehr weg- zudenken, dass man diese jetzige Krise nicht mit den voraus-gegangenen vergleichen kann." Ein Frauen-bollwerk in Frankreichs Arbeitswelt, in der Armee, in den Atomkraftwerken, an den Universitäten und anderswo.

Sehr unterschiedlich hingegen sind Art und Weise, Methoden und Mittel, mit denen Frauen ihre Ziele voranbrachten - zum Teil ja auch erreichten. In Frankreich jedenfalls begegnen sich die Geschlechter freundlicher, aufmerksamer als anderenorts, hat ein Krieg zwischen Männer und Frauen, wie etwa in den USA oder auch in Deutschland, nicht stattgefunden.

OHNE GESCHLECHTERKRIEG MEHR ERREICHT

Für Elisabeth Badinter driftet der amerikanische Feminismus in die falsche Richtung, die männliche Sexualität insgesamt radikal abzustrafen, grundsätzlich in Frage zu stellen. Feindberührungen. Letztlich stilisiert diese US-kulturalistische Variante des Femi- nismus den Penis als todbringende Waffe. Verge- waltigung wird zum Paradigma der Heterosexualität erhoben. Und sie bemerkt: Diese Art des feministischen Denkens in der weiblichen Sexualität verlangt "eine Art von Gleichheit, die sich nach meinem Kulturverständnis nicht geben sollte". Sie kritisiert zudem diese Art der Frauen-Wahrnehmung, sich zusehends nur als Leid- tragende zu sehen, die des besonderen gesellschaft- lichen Schutzes bedürfe. Madame Badinter warnt ein- dringlich davor, den zentralen Unterschied zwischen Männer und Weiblichkeit auf das Biologische zu redu- zieren, weil die Frauen ihre in den letzten 30 Jahren mühsam er- kämpften Rechte unversehens wieder verlieren könnten. Besonders wehrt sich Elisabeth Badinter gegen die "Unsitte", alle Frauen pauschal wie grobschlächtig über einen Kamm zu scheren. Sie meint, dass die Unter-schiede zwischen Frauen in ver- schiedenen Lebenssituationen und sozialen Schichten deut- lich gravierender sind, als etwa zwischen Männer und Frauen mit einem ähnlichen Lebensstil. Durch solch einen wichtigen "feministischen Irrtum", so befürchtet Badinter, wird sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern weiter verschlechtern. - Graben- kämpfe über Kontinente hinweg.
Wenn ein Amerikaner jedenfalls einer Lady auf Busen und Beine schaue, erzählt Madame Badinter zum Frauen-Verständnis , werfe man ihm vor, ein Schwein zu sein. Wenn ein Franzose das tue, finde eine Frau das charmant, selbst dann, wenn sie sich als Feministin begreife. "Und" - fragt die Philosophieprofessorin - "ist nicht ein Mann, der mir den Hof macht, viel ungefähr-licher als einer, der es nicht tut?" Mit einer Feststellung fährt sie fort: "Bei uns haben Männer und Frauen weniger Angst voreinander. Die Statistiken zeigen übrigens, dass es auf der anderen Seite des Atlantiks sehr viel mehr Vergewaltigungen gibt. Ist nicht der harte amerikanische Feminismus mit ein Grund dafür?"

FRANKREICH - DEUTSCHLAND - USA

Elisabeth Badinter zieht Bilanz zwischen den Ländern - ein zwischenzeitliches Frauen-Remüsee. Sie verdeut- licht: "Mir scheint, dass in Frankreich größere Erfolge erzielt werden - durch die Tradition der Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Feministinnen in Deutschland befanden sich oder sind immer noch im Krieg mit den Männern. In Frankreich wäre das nicht vorstellbar. Die meisten Frauen wollen einen Lebens-gefährten, Kinder, ein erfülltes Privatleben, Sport treiben und kulturell aktiv sein, womöglich einen Geliebten haben - und arbeiten. Die französischen Frauen haben sich immer eine Art Komplizenschaft mit den Männern, die sie kritisieren, bewahrt. Das was sehr günstig für die Veränderung des männlichen Verhaltens. In den USA und in Deutschland herrscht hingegen ein weitaus aggressiverer Ton. Die Deutschen führen Krieg mit ihren Männern. Doch es braucht viel Feingefühl, Ausdauer, um den Mann, mit dem man lebt, zu ver- ändern. Man braucht das Gesetz wie die Kompli- zenschaft. Die amerikanischen Feministinnen halten uns für zu nachsichtig. Aber ich finde, die Situation der franzö-sischen Frau ist wesentlich besser als die der Ameri-kanerinnen und der Deutschen. Denn wir haben mehr Rechte, mehr Gleichheit, auch in der Mentalität." - Die stille Revolution der Französinnen.
Ausblick
Nur selten steht Elisabeth Badinter wie jetzt in den frühen Abendstunden auf ihrem Balkon, dort, wo sich ihre Gedanken beruhigen, ihre Blicke das Panthéon umspielen, durchdringen können. Von fern leuchtet Sacré Coeur über Paris.
"Das nächste Jahrhundert", sagt sie auf einmal, "wird definitiv die Verwirklichung des Androgynen bringen. Das bedeutet die Möglichkeit, beide Seiten seiner Persönlichkeit ausleben zu können. Wir Frauen haben hier in Frankreich schon mehr erreicht, als wir vor drei Jahrzehnten zu hoffen wagten. Nur müssen wir auf der Hut sein. Diese Bewegung nach rechts als Sinnbild des neuen Glücks scheint mir absurd. Feministinnen, die ihr Leben den Kindern widmen, sind keine Feministinnen mehr", sagt sie, schließt die Balkontür und fügt noch hinzu: "Das Erkennen der Einsamkeit ist eine Kraft und kein Ziel."






































Freitag, 22. September 2006

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (4)







Ernst Wilhelm Lotz (*6. Februar 1890 in Culm; + 26. September 1914 in einem französischen Schützengraben)
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DEINE HÄNDE

Jetzt bin ich lüstern nach deinen Händen.
Wenn sie die meinen begrüßend drücken,
können sie Weltraum-staunend beglücken.
Deine Hände führen ein selbstgewolltes, stilles Leben.
Ich habe mich deinen Händen ergeben.
Nun dürfen sie mich begreifen und fassen, zu deinen Höhen,
mit Blicken nach Weiten,
mich geschenk-gütig heben. -
Spielerisch aber werden sie mich übergleiten
und am Wege hier liegen lassen.

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Erich Fried (*6. Mai 1921 in Wien;+ 22. November 1988 in Baden-Baden)
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WAS ES IST
.
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berech-
nung.

Es ist nichts als
Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
.
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

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DER SOMMER GEHT ZUR NEIGE
.
Wo der Weg vergeht
und das Holzkreuz steht,
hockt der Tod und klagt, daß wir nicht kommen.
Wir, du und ich,
kommen sicherlich,
haben nur auf dem Weg durchs Feld genommen.
Blumen im Feld,
grüßt mir die Welt,
mit den Menschen und den Tieren allen.
.
Wenn man euch fragt,
nickt im Wind und sagt,
unser Leben hat uns nicht gefallen.

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BEVOR ICH STERBE
.

Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit doch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könne warm sein
.
Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von Liebe
damit doch einige sagen:
Das gab es
das muss es geben
.
Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:

Was war das
wann kommt es wieder ?

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LIEBE

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ich bin ICH LIEBE DICH

ich bin nur ICH

Ich bin NUR

ich bin NUR DICH IMMER

ich bin nur DICH

ich bin nur immer LIEBE

IMMER NUR DICH

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Kurt Tucholsky(*9. Januar 1890 in Berlin;+ 21. Dezember in Göteburg)
.

AUGEN IN DER GROßSTADT
.
Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit Deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt
im Menschentrichter Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, die Pupillen,die Lider -
Was war das? Vielleicht Dein Lebenglück ...
Vorbei, verweht, nie wieder.
.
Du gehst Dein Leben lang auf tausend Straßen;
du siehst auf Deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klinkt;
du hast gefunden ...
nur für Sekundn ...
.
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
Die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das ? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
Vorbei, verweht, nie wieder.
.
Du mußt auf Deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Plusschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
Es kann ein Freund sein,
Es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er zieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick.
die Braue, Pupillen, die Lider

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IDEAL UND WIRKLICHKEIT
.
In stiller Nacht und monogamen Betten
Denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
Das, was du willst - und nachher kriegst dus nie ...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
C'est la vie -!
.
Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange
Der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih - !
.
Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft eine dunkle - andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
Und tut es nicht. Beinah ...- beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichen Zwange
An eine Republik ... und nun ists die !
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dickje -
Ssälawih - !

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SIE SCHLÄFT

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück - Die Zeituhr geh ihren harten Schritt ...
pick-pack ...

"Sie schläft mit ihm" ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen, aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück - jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück, kann ich dein Gefährte sein.
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PARK MONCEAU

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch - und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert azf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterland aus.

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Hermann Kesten (*28. Januar 1900 in Podwoloczy/Ukraine; + 3. Mai 1996 in Riehen bei Basel/Schweiz )


EIN JAHR IN NEW YORK

Zuhause hatte ich eine Truhe
Für meine Träume und einen Schrank,
Und meine TRäume hatten Schuhe,
Um auf Bäum zu steigen und auf Berge.

Sie waren Riesen und sind Zwerge -
Im Exil werden Träume krank.
Dort saß ich zu Pferd, hier auf der Bank
Zwischen Menschen aus Stein. Ach, in der Fremde
fühlt man sich fremd im eigenen Hemde.
Wohin mit Schmerzen und Träumen?
Ich renne, als würde ich was versäumen.
Schon hab' ich verloren ein ganzes Jahr,
Ich bin nicht, der ich drüben war.
Das widrige Gift, das Heimatlos
Macht die Qual der leeren Tage groß,
Die nackten Schmerzen wie Möwen schrein
Mit krummen Schnäbeln, wild und gemein.
Wohin mit den Träumen? Sie waren mein Fehler,
Gibt es für kranke Träume Spitäler?
Ich gehe vom Broadway zur Riverside.
In New York hat nur der Tote Zeit.
Meine Träume sprechen schon Slang. Ihr Duft
Ward schweflig gelb wie Manhattans Luft.
Im Central Park spucken Schwarze und Weiße.
Ob ich noch morgen Kersten heiße?
Man wechselt den Namen, vertauscht sein Gesicht.
Man liebt nicht die anderen, sich selber nicht.
How do you spell your name? Do you like
Appel pie? God'? America? Lucky strike?
Träume gehn hier in einen Fingerhut.
Meine Träume sind tot. Ich fasse neuen Mut.
-----------------------------------------------






















Konfuzius (551 v. Chr. bis 479v. Chr.)
.
Wer das Morgen
Nicht bedenkt,
wird Kummer haben,
bevor das Heute zu Ende geht.
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Antoine de Saint-Exupery (*29. Juni 1900 in Lyon; + 31. Juni 1944 nahe Île de Riou bei Marseille
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Wir werden
Für einander
Einzig sein in dieser Welt

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Herman von Lingg (*22. Januar 1820 in Lindau am Bodensee; + 18. Juni 1905 in München)


VERGESSEN UND VERLASSEN

Nur deine Locken küßt der Wind.
Sonst ist es ringsum stille Nacht,
Ein Mainachtregen haucht gelind,
Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht, Nur Deine
Lücken küßt der Wind.
Was blickst du einsam in die Nacht.

Du armes, allverlassne Kind?
Dein Lächeln hat einst mir gelacht -
Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht, Nur deine
Locken küßt der Wind

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Ja, einmal nimmt der Mensch

Ja, einmal nimmt der Mensch von seinen Tagen
Im voraus schon des Glückes Zinsen ein.
Und spricht: Ich will den Kranz der Freude,
Mag, was darauf folgt, nur noch Asche sein.
Ja einmal will ich auf den Mittagshöh'n
Des Lebens stehn und dann am Ende sagen:
Wie war der Traum so schön !

Da wir uns liebten, Da blühten Rosen um den Trauerzug;
Im Schaum der Tage, die sonst leer zerstiebten,
War eine Perle, reich und stolz genug,
Ich will den Arm um deinen Nacken schlingen,
Und durch die Ferne der Erinnrung tön':
Kann keine Zeit das Glück uns wiederbringen -
Wie war es doch so schön!

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Minnie Marie Rembe (*1949 in Kaiserslautern, lebt in Langmeil/Nordpfalz


1o. MAI 1933

Den Büchern
das Wort
genommen
den Dichtern
die Sprache
ein Land
ohne Morgen

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Robert Kühl (*1966 an der Ostsee)
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"Die Ostsee ist mein Leben. Ich liebe sie und lebe immer dort. Aber ich liebe auch meine drei Jungs, die fast aus dem Hause sind und meine Lebensgefährtin. Und ich liebe das Schreiben. Das Schreiben mit Gefühl.

Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die mich fühlen können, "sehen" fast. Darum schreibe ich manchmal nur, um zu berühren. Aber ich schreibe auch, um zu lachen, Erfahrungen und Erkenntnisse zu sortieren, zu provozieren, zu forschen oder einen Nachhall zu tauschen, und manchmal einfach nur als Ausgleich zu meinem handwerklichen Beruf. Grundsätzlich schreibe ich nur für mich. Aber es ist schöän, mich auf dem Wege des Schreibens zeigen und weitergeben zu können. Manchmal hilft's nd manchmal unterhält's auch nur."

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B E R Ü H R U N G E N

Berührungen sind ein merkwürdig wertvolles Gut:
Du kannst sie bekommen, nicht jedoch besitzen.
Es wird Dir nicht gelingen.
Berührungen zu kaufen, zu stehlen oder zu
erschleichen.

Wenn Du sie bekommst, machen sie Dich reich
Wenn Du sie gibst, machen sie Dich reicher.
Berührungen sind der Boden auf dem Du stehst,
Das Haus, in dem Du wohnst, das Licht, das Dir
leuchtet.

Sie bedeuten Liebe, Lachen ...
Berührungen sind Leben !
Unsere Träume sind die Flügel, die uns in eine
neue Wirklichkeit tragen ... ...

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Hermann Hesse (02. Juli 1877 in Calw; + 09. August 1962 in Montagnola /Schweiz)


S T U F E N

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Rau durchschreiten,
An kinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Das Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und
gesunde!

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Günter Kunert (*06. März 1929 in Berlin)

B E R L I N

Da ist nichts mehr
zu beschreiben. Stattdessen verhöhnt Beton alles Eingedenken
und verschachtelt Bewohner für immer.

Fort die unegründlichen Labyrinthe kläglichen Zimmer düstere Läden und das allabendliche Sansoucci betäubende Kneipen der glanzvolle Ernst der Seifengeschäfte
voll Buntheit und Bürsten gebunden
von wirklich Blinden und alten Frauen
von Fenstern gerahmt
bürgten für Dauer und Fortbestand.

Geduldig und schweigend
korrodierte in Fabrikhöfen die Zeit:
eine lebendige Weise von Tod
und im Dunkel
einer schon bald vergessenen Toreinfahrt
lauerte das Glück ohne Namen;
jetzt ist alles benannt und vermessen
abgeheftet und niedergerissen
und nichts mehr da
zum Beschreiben.
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John Ronald Reuel TOLKIEN (*3. Januar 1892 in Bloemfontein, Südafrika; + 2. September 1973 in Bournemouth, England)
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DU BIST DA
.
Du bist da. Ich finde Dich nicht.
Du würdest mich lieben. Doch Du weißt es noch nicht.
ich werde Dich immer suchen,
und hoffentlich verpasse ich dich nicht.
Denn sonst würße ich nicht was ich täte,
denn ich wäre sicherlich verbitter,
wenn ich nie Dein Wesen erblicken dürfte
und wüßte nicht, ob ich je wieder froh würde.

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