Samstag, 21. Juli 2007

Elisabeth Badinters Rendezvous mit der Zukunft - Frauen und Männer erfinden sich neu






















Die französische Philosophie-Professorin Elisabeth Badinter wurde 1944 geboren. Sie ist Autorin namhafter Werke, die die Geschichte, Philosophie und Soziologie der Frauen reflek- tieren. Sie ist damit ideengeschichtlich die bedeutendste Nachfolgerin der Schriftstellerin Simone de Beauvoir, die im Jahre 1986 starb. Simone de Beauvoir war Begründerin des französischen Feminismus nach 1968. Mit 22 Jahren heiratete Elisabeth Badinter den Politiker und späteren Justizminister Robert Badinter.
Ihre drei Kinder bekam sie innerhalb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschluss- examen an der Universität. Als sich zu Beginn der siebziger Jahre der Feminismus in Frank- reich zusehends heftiger artikulierte, entdeckt Elisabeth Badinter die Kompliziertheit des häuslichen Lebens als Mutter. Als Vertreterin des Differenzdenkens geht Elisabeth Badinter von einem grundlegenden Unterschied der Geschlechter aus. Daher müssen Frauen- rechte besonders betont werden, weil die uni- versalistische Theorie Frauen schon immer benachteiligt hat, indem sie den Mann mit dem Menschen gleichsetzt.
In ihrem neusten Buch "Der Konflikt - Die Frau und die Mutter" (2010) rekapituliert Elisabeth Badinter: In weniger als zehn Jahren (zwischen dem Ende der siebziger und dem Beginn der achtziger Jahre) vollführte die feministische Theorie eine Wende um 180 Grad. ... Frauen sollten wieder zurück zu Heim und Herd. - Nicht etwa, um wieder die Männer zu bedienen, sondern ausschließlich zum allgegenwärtigen Wohle des Kindes. Freiheiten, die sich Frauen einst erstritten, werden durch das neuerliche Diktat einer all umsorgenden Mütterlichkeit bedroht. Sie argwöhnt, dass Frauen durch die Hintertür des Kindes abermals ihre Selbstständigkeit verlören.
"Vive la française -
Die stille Revolution in Frankreich"
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg
2. März 1995
von Reimar Oltmanns

In einem der stattlichen Bürgerpaläste am Pariser Jardin du Luxembourg ist, sozusagen, die Zukunft zu Hause, die Zukunft der Frauen. In einem weiträumigen Appar- tement, umgeben von Gemälden aus dem 18. Jahr- hundert, auserwählter Kunst und seltenen, wert- vollen alten Büchern, lebt, denkt - schreibt Elisabeth Badinter, 51jährige Philosophieprofessorin an der École Polytechnique. Wer sie zum ersten Mal besucht, könnte meinen, dort, zwischen den lindgrünen Wänden und grauen Spannteppichen mit den tannengrünen Sitz- polstern wirke Abgelebtes, Überholtes, Vergangenes - geduldet und abgeschottet - fort. Andererseits fühlt er sich dort auch versucht, die hastige, sich überstürzende Gegenwart, die herbeigeredeten, schließlich geglaubten Trends oder Tricks der Bewusstseinsindustrie samt ihrer Marktforschung als Hirngespinste abzutun. Ein Ort wie außerhalb der Zeit, an dem man verschnaufen, sich be- sinnen und wieder erinnern kann: ans Wesentliche. An den Kern der Ordnung.

ROUSSEAU, VOLTAIRE - GEIST DER UNSTERBLICHKEIT

Auf dem Balkon der Wohnung bleibt der Blick am gegenüberliegenden Panthéon haften, in dem Rosseau, Voltaire, der Geist der Unsterblichkeit liegen. "Hier", sagt Elisabeth Badinter, "sind meine Wurzeln. Alles liegt im 18. Jahrhundert. Ich könnte kein aktuelles Buch schreiben ohne diese stets Rückbesinnung auf die Auf- klärung."

Elisabeth Badinter trägt keinen Schmuck. Sie schminkt sich nicht, verschmäht noch das zarteste Rouge. Soviel gewollte Unscheinbarkeit kann im Paris der aufge-setzten Äußerlichkeiten kein Zufall sein. Auch nicht Nachlässigkeit. Madame ohne falsche Bescheiden- heit: "Ich wollte nie die Tochter des reichen Vaters oder das Anhängsel eines einflussreichen Politikers sein." Ihr Vater, Marcel Bleustein-Blanchet, war einst Frankreichs Tycoon in der Werbung. Ihr Mann, Robert Badinter, schaffte als Justizminister (1981-1995) unter François Mitterrand (*1916+1996, Präsident von Frankeich 1981-1995) zu Beginn seiner Amtszeit die Todesstrafe ab. Drei Kinder hat die Wissenschaftlerin großgezogen. Ihre drei Kinder Judith, Simon und Benjamin bekam sie inner- halb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschluss- examen an der Universität.

DOMINANZ UND VEHEMENZ

Elisabeth Badinter ist eine wegweisende Persönlichkeit. Ihre Dominanz und Vehemenz, das, was sie antizipiert und vorhersieht, ihr Denken und Vordenken - das ist die Zukunft der Frauen. Und ihre Wohnung, ihre Vor- lesungen oder Seminare sind Lern-, auch Bewusstseins- refugien für Studentinnen und jene jungen Herren, in denen die Philosophin den "versöhnten Mann" erkennt. Weil er in der Lage ist, die altüberkommene Männlich- keit in Frage zu stellen, etwas von der gefürchteten Weiblichkeit anzunehmen und dadurch letztlich eine neue Männlichkeit zu finden.

"Er hat die beiden verstümmelten Männer", sagt die Professorin prononciert, "den harten Mann (Macho) und die Antwort auf ihn, den weichen Mann (Softie), hinter sich gelassen."

FRAUEN UND MÄNNER ERFINDEN SICH NEU

Viele Bücher hat Elisabeth Badinter geschrieben, be- deutende Werke. Es sind Bücher, die schon jetzt unser Denken beeinflussen, das der nachfolgenden Genera- ionen wohl noch nachhaltiger. Die Hochschullehrerin sieht ihre Lebensaufgabe darin, das - ziemlich erbärm- liche - Geheimnis der Männlichkeit zu lüften. Das Ende angemaßter männlicher Vorherrschaft mit wissen- schaftlich fundierter Akribie zu untermauern.

"Wir erfinden uns gerade neu", urteilt sie, "das ist das Aufregendste in dieser Epoche."

MUTTERLIEBE

In ihrem Buch "Mutterliebe", erschienen 1980, wies Elisabeth Badinter nach, dass die immer wieder, auch pathetisch beschworene "Mutterrolle" als unumstöß-liches gesellschaftliches Fundament in Wirklichkeit erst mit dem Aufstieg des Bürgertums begann. Historisch belegte die Autorin, dass der Mythos der aufopferungs-vollen Mutterschaft, dieses naturgegebenen Monopols, den Frauen angedichtet worden ist.

Erst am Ende des 18. Jahrhunderts mühte sich Ärzte, Moralisten und Administratoren in Frankreich, den Frauen-Mythos als Mutterinstinkt aufzuwerten - der Frau die Funktion einer "Gebärmaschine" zuzuweisen. Im Hintergrund standen wirtschaftliche Interessen, das Volk der Franzosen in einer großen Anzahl zu erhalten. Die Philosophie der Aufklärung ersetzte die Theorie des natürlichen und göttlichen Ursprungs väterlicher Gewalt durch die Idee der Beschränkung dieser Macht.
Zentraler Ausgangspunkt war vielmehr die Gleichheit von Mann und Frau in der Erziehung. Das 19. Jahr- hundert war geprägt von Appellen, eine gute Mutter zu sein. Heftigst wurden Frauen gesellschaftlich gebrand- markt, die ihrer Mutterrolle nicht im gewünschten Um- fang nachkamen. Erst in dieser Epoche entstand die Vorstellung, dass Fürsorge und Zärtlichkeit der Mutter für die Entwicklung und das Wohlbefinden des Babys unersetztlich sind.

MYTHOS, LEGENDEN

Demzufolge kritisierte Elisabeth Badinter und mit ihr schon die feministischen Bewegungen der sechziger Jahre das von Sigmund Freud entworfene Frauenbild als Hauptverantwortliche für das Glück des Kindes. Durch scheinbare Selbstauf-opferung, so Freud, findet die Mutter ihre Erfüllung in ihren Kindern. Sie sei verantwortlich für das psychische Wohlbefinden ihrer Kinder. Mit den sechziger Jahren begann Elisabeth Badinter mit den feministischen Bewegungen in Frankreich, diesen Mythos von der natürlichen Mutter- schaft grundlegend zu zerstören. Im Klartext: Mutter- liebe ist nichts Selbst- verständliches mehr, mütterliche Fürsorge ist Arbeit, für die Entgelt zu verlangen ist. Badinter: "Mutterliebe ist ein wandelbares Gefühl, kein Instinkt. Die Väter nehmen mehr Anteil an ihren Kindern, sie werden mütterlicher, während die Frauen männlicher werden."

ICH BIN DU

Sechs Jahre später präsentierte die Philosophin der Öffentlichkeit ihr Werk "Ich bin du". Darin fragt sie: Der Busch ist weit weg, wenn er nicht schon abgeholzt wurde, und wo haben Männer eigentlich noch die Chance , ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen? Wohl nirgendwo in der westlichen Hemisphäre. Andro- gyn sind die Zeiten, die Geschlechter sind sich sehr viel ähnlicher geworden. Es sind Individuen, die Ge- schlechtermerkmale von Mann und Frau in sich ver- binden wissen und diese Zweigeschlechtigkeit je nach Erfordernis ausleben. Sie konstatiert: "Mit diesem neuen Modell der Ähnlichkeit wird die traditionelle Be- stimmung der Gattung in Frage gestellt.
Unsere Identität, sogar unsere Natur sind Ver- änderungen unterworfen. Wir befinden uns in einer Phase der Mutation." Sie folgert: Ärzte laborieren an Mütter-Maschinen. Die Entwicklung eines Kindes liegt nicht mehr im Bauch der Frauen, sondern in der Hand von Wissenschaftlern. "Kinder können heute außerhalb des weiblichen Körpers gezeugt werden. Ich reagiere auf die Vorstellung, dass man einem Mann einen Embryo ein- pflanzt mit Panik - aber es wird kommen und zwar sehr bald." Männliche Paviane haben den Beweis längst erbracht, für die Wissenschaft erbringen müssen. Wenn aber Männer und Frauen zusehends ähnlicher werden, folgert Elisabeth Badinter, was geschieht dann mit der männlichen Identität in der Postmoderne?

XY - IDENTITÄT DES MANNES

"XY - Die Identität des Mannes" heißt folgerichtig ihre nächste Publikation von 1992. Damit will sie den Beweis für die Umkehrung einer dominanten Kultur mit ihrem "schwachen Geschlecht" antreten. Es gelingt. Sie schreibt: "Als Modell ist das Patriarchiat tot, es ist intellektuell, moralisch und sozial am Ende ... Seit Entstehung des Patriarchiats hat sich der Mann als privilegiertes Menschenwesen definiert, stärker, mutiger, intelligenter, verantwortungsbewusster, schöpferischer oder rationaler als Frauen. " Nur verfüge die Medizin mittlerweile über hinreichende Er- fahrungen, Ergebnisse und Statistiken, die bewiesen, dass Männer in Wirklichkeit das schwache Geschlecht darstellen. Die Sterblichkeit bei männlichen Säuglingen ist weitaus höher, Männer leiden unter mehr Krank- heiten - physisch wie psychisch - und sie sterben auch früher als Frauen.

MÄNNLICHKEIT - EIN VERLUSTGESCHÄFT

Für Elisabeth Badinter zählt das Fehlen einer Identität zu den schmerzlich gelebten Erscheinungen dieser Zeit. Viele Männer wissen seit dem feministischen Umbruch nicht mehr so recht, wie sie eine Beziehung zu Frauen und welche sie aufbauen sollen. Angst vor Andro-gynität, vor der Ähnlichkeit der Geschlechter. Ängste vor Rollenverlusten - Verluste des Mannes, seiner über- kommenen, unzeitgemäßen Männlichkeit. Angeknackst ist die männliche Herrschaft, die Frauen seit jeher symbolisch und tatsächlich zum Objekt machte. Von ihnen wurde und wird noch immer - ein kulturelles Gesellschaftsspiel - sexuelle Verfügbarkeit diskret wie selbstverständlich eingefordert. "Aus männlicher Sicht", rekapitulierte Pierre Bourdieu (*1930 +2002), einst Soziologie-Professor am Collège de France, "wirken diejenigen Frauen, die das stillschweigende Verhältnis der Verfügbarkeit unter-brechen und sich ihres eigenen Körperbildes in gewisser Weise wieder bemächti- gen, 'unweiblich' oder wie Lesben." - Kulturver- werfungen - Identitätsbrüche.

Erst leise und zaghaft, unbestimmt vielerorts und vage, dann immer deutlicher rückte ein Schauplatz der Ge- schlechter zwangsläufig in den Mittelpunkt - das Bett. Es ist nun einmal der Austragungsort der Verführung, Verfügung und Verweigerung, der sexuellen Leiden-schaften mit ihren leichtgängigen Lippenbekenntnissen der Lust und des Lustverlustes. Dort, auf den weichen Federn der Matratze, findet die eigentliche Kultur-revolution dieser Tage statt - zuweilen ein wenig verschämt oder auch verdutzt; in ihrer qualitativen zumindest nicht auszumachen - noch nicht.

LIEBE UND LEIDENSCHAFT - BALD PASSÉ ?

Für Elisabeth Badinter wird das traditionelle Rollen-muster aus Liebe und Leiden- schaft bald passé sein. Vorbei deshalb, weil der Motor dieser scheinbar unge- stillten Sehnsüchte abhanden gekommen ist. Die Gesell- schaft kennt keine Tabus mehr, aber diese Verbote waren es gerade, die den Reiz der Übertretung aus- machten. Ende der Sexualität? Madame Badinter lacht kopfschüttelnd amüsiert und sagt: "Die Sexualität ist eine Sache für sich. Im Alltag ist die Beziehung zwischen Mann und Frau heute viel stärker als früher von Ge- fühlen wie Ähnlichkeit, Zärtlichkeit und Freundschaft geprägt. Die Mann-Frau-Beziehung ist heute generell komplex. Wir suchen die Transparenz der Beziehung, das vollkommene Einverständnis, wir sorgen für- einander. Daneben existiert die erotische Beziehung, die auf Spannung und Polarität aufbaut. Ich denke, dass man in der Partnerschaft in erster Linie Komplizen-schaft und Zärtlichkeit sucht und dann erst Gegen-sätzlichkeit und Leidenschaft. Man möchte jemanden haben, mit dem man Gefühle oder Ideale teilt. In dem Moment, in dem man die Schlafzimmertür hinter sich schließt, ändern sich das natürlich...".

KEINE OPFER-ROLLEN

Gewiss haben es die Frauen weltweit in den vergangenen drei Jahrzehnten weitreichend verstanden, traditio-nelles Geschlechterverhalten aufzubrechen. So stellen heute Frauen insgesamt 40 Prozent aller Jura und Medizinstudierenden auf dem Erdball. Vor dreißig Jahren brachten sie es mal gerade eben vier Prozent. - Bewusstseinswandel.

Vielerorts ängstigen sich heute die Frauen aus gutem Grund, dass sie zuallererst Opfer der Neustrukturierung der Arbeitswelt werden. Elisabeth Badinter hingegen schaut überraschend zuversichtlich in die Zukunft. "Die Gefahr", bemerkt sie, "wird total überschätzt. Sicher, in Krisen leben immer wieder archaische Reaktionen auf. Aber die Frauen sind heute in so vielen Bereichem in so qualifizierten Positionen und schlicht nicht mehr weg- zudenken, dass man diese jetzige Krise nicht mit den voraus-gegangenen vergleichen kann." Ein Frauen-bollwerk in Frankreichs Arbeitswelt, in der Armee, in den Atomkraftwerken, an den Universitäten und anderswo.

Sehr unterschiedlich hingegen sind Art und Weise, Methoden und Mittel, mit denen Frauen ihre Ziele voranbrachten - zum Teil ja auch erreichten. In Frankreich jedenfalls begegnen sich die Geschlechter freundlicher, aufmerksamer als anderenorts, hat ein Krieg zwischen Männer und Frauen, wie etwa in den USA oder auch in Deutschland, nicht stattgefunden.

OHNE GESCHLECHTERKRIEG MEHR ERREICHT

Für Elisabeth Badinter driftet der amerikanische Feminismus in die falsche Richtung, die männliche Sexualität insgesamt radikal abzustrafen, grundsätzlich in Frage zu stellen. Feindberührungen. Letztlich stilisiert diese US-kulturalistische Variante des Femi- nismus den Penis als todbringende Waffe. Verge- waltigung wird zum Paradigma der Heterosexualität erhoben. Und sie bemerkt: Diese Art des feministischen Denkens in der weiblichen Sexualität verlangt "eine Art von Gleichheit, die sich nach meinem Kulturverständnis nicht geben sollte". Sie kritisiert zudem diese Art der Frauen-Wahrnehmung, sich zusehends nur als Leid- tragende zu sehen, die des besonderen gesellschaft- lichen Schutzes bedürfe. Madame Badinter warnt ein- dringlich davor, den zentralen Unterschied zwischen Männer und Weiblichkeit auf das Biologische zu redu- zieren, weil die Frauen ihre in den letzten 30 Jahren mühsam er- kämpften Rechte unversehens wieder verlieren könnten. Besonders wehrt sich Elisabeth Badinter gegen die "Unsitte", alle Frauen pauschal wie grobschlächtig über einen Kamm zu scheren. Sie meint, dass die Unter-schiede zwischen Frauen in ver- schiedenen Lebenssituationen und sozialen Schichten deut- lich gravierender sind, als etwa zwischen Männer und Frauen mit einem ähnlichen Lebensstil. Durch solch einen wichtigen "feministischen Irrtum", so befürchtet Badinter, wird sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern weiter verschlechtern. - Graben- kämpfe über Kontinente hinweg.
Wenn ein Amerikaner jedenfalls einer Lady auf Busen und Beine schaue, erzählt Madame Badinter zum Frauen-Verständnis , werfe man ihm vor, ein Schwein zu sein. Wenn ein Franzose das tue, finde eine Frau das charmant, selbst dann, wenn sie sich als Feministin begreife. "Und" - fragt die Philosophieprofessorin - "ist nicht ein Mann, der mir den Hof macht, viel ungefähr-licher als einer, der es nicht tut?" Mit einer Feststellung fährt sie fort: "Bei uns haben Männer und Frauen weniger Angst voreinander. Die Statistiken zeigen übrigens, dass es auf der anderen Seite des Atlantiks sehr viel mehr Vergewaltigungen gibt. Ist nicht der harte amerikanische Feminismus mit ein Grund dafür?"

FRANKREICH - DEUTSCHLAND - USA

Elisabeth Badinter zieht Bilanz zwischen den Ländern - ein zwischenzeitliches Frauen-Remüsee. Sie verdeut- licht: "Mir scheint, dass in Frankreich größere Erfolge erzielt werden - durch die Tradition der Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Feministinnen in Deutschland befanden sich oder sind immer noch im Krieg mit den Männern. In Frankreich wäre das nicht vorstellbar. Die meisten Frauen wollen einen Lebens-gefährten, Kinder, ein erfülltes Privatleben, Sport treiben und kulturell aktiv sein, womöglich einen Geliebten haben - und arbeiten. Die französischen Frauen haben sich immer eine Art Komplizenschaft mit den Männern, die sie kritisieren, bewahrt. Das was sehr günstig für die Veränderung des männlichen Verhaltens. In den USA und in Deutschland herrscht hingegen ein weitaus aggressiverer Ton. Die Deutschen führen Krieg mit ihren Männern. Doch es braucht viel Feingefühl, Ausdauer, um den Mann, mit dem man lebt, zu ver- ändern. Man braucht das Gesetz wie die Kompli- zenschaft. Die amerikanischen Feministinnen halten uns für zu nachsichtig. Aber ich finde, die Situation der franzö-sischen Frau ist wesentlich besser als die der Ameri-kanerinnen und der Deutschen. Denn wir haben mehr Rechte, mehr Gleichheit, auch in der Mentalität." - Die stille Revolution der Französinnen.
Ausblick
Nur selten steht Elisabeth Badinter wie jetzt in den frühen Abendstunden auf ihrem Balkon, dort, wo sich ihre Gedanken beruhigen, ihre Blicke das Panthéon umspielen, durchdringen können. Von fern leuchtet Sacré Coeur über Paris.
"Das nächste Jahrhundert", sagt sie auf einmal, "wird definitiv die Verwirklichung des Androgynen bringen. Das bedeutet die Möglichkeit, beide Seiten seiner Persönlichkeit ausleben zu können. Wir Frauen haben hier in Frankreich schon mehr erreicht, als wir vor drei Jahrzehnten zu hoffen wagten. Nur müssen wir auf der Hut sein. Diese Bewegung nach rechts als Sinnbild des neuen Glücks scheint mir absurd. Feministinnen, die ihr Leben den Kindern widmen, sind keine Feministinnen mehr", sagt sie, schließt die Balkontür und fügt noch hinzu: "Das Erkennen der Einsamkeit ist eine Kraft und kein Ziel."






































Freitag, 22. September 2006

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (4)







Ernst Wilhelm Lotz (*6. Februar 1890 in Culm; + 26. September 1914 in einem französischen Schützengraben)
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DEINE HÄNDE

Jetzt bin ich lüstern nach deinen Händen.
Wenn sie die meinen begrüßend drücken,
können sie Weltraum-staunend beglücken.
Deine Hände führen ein selbstgewolltes, stilles Leben.
Ich habe mich deinen Händen ergeben.
Nun dürfen sie mich begreifen und fassen, zu deinen Höhen,
mit Blicken nach Weiten,
mich geschenk-gütig heben. -
Spielerisch aber werden sie mich übergleiten
und am Wege hier liegen lassen.

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Erich Fried (*6. Mai 1921 in Wien;+ 22. November 1988 in Baden-Baden)
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WAS ES IST
.
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berech-
nung.

Es ist nichts als
Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
.
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

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DER SOMMER GEHT ZUR NEIGE
.
Wo der Weg vergeht
und das Holzkreuz steht,
hockt der Tod und klagt, daß wir nicht kommen.
Wir, du und ich,
kommen sicherlich,
haben nur auf dem Weg durchs Feld genommen.
Blumen im Feld,
grüßt mir die Welt,
mit den Menschen und den Tieren allen.
.
Wenn man euch fragt,
nickt im Wind und sagt,
unser Leben hat uns nicht gefallen.

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BEVOR ICH STERBE
.

Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit doch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könne warm sein
.
Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von Liebe
damit doch einige sagen:
Das gab es
das muss es geben
.
Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:

Was war das
wann kommt es wieder ?

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LIEBE

Ich bin nur ICH LIEBE DICH IMMER

ich bin nur ICH LIEBE DICH

ich bin ICH LIEBE DICH

ich bin nur ICH

Ich bin NUR

ich bin NUR DICH IMMER

ich bin nur DICH

ich bin nur immer LIEBE

IMMER NUR DICH

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Kurt Tucholsky(*9. Januar 1890 in Berlin;+ 21. Dezember in Göteburg)
.

AUGEN IN DER GROßSTADT
.
Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit Deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt
im Menschentrichter Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, die Pupillen,die Lider -
Was war das? Vielleicht Dein Lebenglück ...
Vorbei, verweht, nie wieder.
.
Du gehst Dein Leben lang auf tausend Straßen;
du siehst auf Deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klinkt;
du hast gefunden ...
nur für Sekundn ...
.
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
Die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das ? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
Vorbei, verweht, nie wieder.
.
Du mußt auf Deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Plusschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
Es kann ein Freund sein,
Es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er zieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick.
die Braue, Pupillen, die Lider

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IDEAL UND WIRKLICHKEIT
.
In stiller Nacht und monogamen Betten
Denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
Das, was du willst - und nachher kriegst dus nie ...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
C'est la vie -!
.
Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange
Der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih - !
.
Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft eine dunkle - andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
Und tut es nicht. Beinah ...- beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichen Zwange
An eine Republik ... und nun ists die !
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dickje -
Ssälawih - !

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SIE SCHLÄFT

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück - Die Zeituhr geh ihren harten Schritt ...
pick-pack ...

"Sie schläft mit ihm" ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen, aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück - jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück, kann ich dein Gefährte sein.
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PARK MONCEAU

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch - und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert azf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterland aus.

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Hermann Kesten (*28. Januar 1900 in Podwoloczy/Ukraine; + 3. Mai 1996 in Riehen bei Basel/Schweiz )


EIN JAHR IN NEW YORK

Zuhause hatte ich eine Truhe
Für meine Träume und einen Schrank,
Und meine TRäume hatten Schuhe,
Um auf Bäum zu steigen und auf Berge.

Sie waren Riesen und sind Zwerge -
Im Exil werden Träume krank.
Dort saß ich zu Pferd, hier auf der Bank
Zwischen Menschen aus Stein. Ach, in der Fremde
fühlt man sich fremd im eigenen Hemde.
Wohin mit Schmerzen und Träumen?
Ich renne, als würde ich was versäumen.
Schon hab' ich verloren ein ganzes Jahr,
Ich bin nicht, der ich drüben war.
Das widrige Gift, das Heimatlos
Macht die Qual der leeren Tage groß,
Die nackten Schmerzen wie Möwen schrein
Mit krummen Schnäbeln, wild und gemein.
Wohin mit den Träumen? Sie waren mein Fehler,
Gibt es für kranke Träume Spitäler?
Ich gehe vom Broadway zur Riverside.
In New York hat nur der Tote Zeit.
Meine Träume sprechen schon Slang. Ihr Duft
Ward schweflig gelb wie Manhattans Luft.
Im Central Park spucken Schwarze und Weiße.
Ob ich noch morgen Kersten heiße?
Man wechselt den Namen, vertauscht sein Gesicht.
Man liebt nicht die anderen, sich selber nicht.
How do you spell your name? Do you like
Appel pie? God'? America? Lucky strike?
Träume gehn hier in einen Fingerhut.
Meine Träume sind tot. Ich fasse neuen Mut.
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Konfuzius (551 v. Chr. bis 479v. Chr.)
.
Wer das Morgen
Nicht bedenkt,
wird Kummer haben,
bevor das Heute zu Ende geht.
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Antoine de Saint-Exupery (*29. Juni 1900 in Lyon; + 31. Juni 1944 nahe Île de Riou bei Marseille
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Wir werden
Für einander
Einzig sein in dieser Welt

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Herman von Lingg (*22. Januar 1820 in Lindau am Bodensee; + 18. Juni 1905 in München)


VERGESSEN UND VERLASSEN

Nur deine Locken küßt der Wind.
Sonst ist es ringsum stille Nacht,
Ein Mainachtregen haucht gelind,
Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht, Nur Deine
Lücken küßt der Wind.
Was blickst du einsam in die Nacht.

Du armes, allverlassne Kind?
Dein Lächeln hat einst mir gelacht -
Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht, Nur deine
Locken küßt der Wind

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Ja, einmal nimmt der Mensch

Ja, einmal nimmt der Mensch von seinen Tagen
Im voraus schon des Glückes Zinsen ein.
Und spricht: Ich will den Kranz der Freude,
Mag, was darauf folgt, nur noch Asche sein.
Ja einmal will ich auf den Mittagshöh'n
Des Lebens stehn und dann am Ende sagen:
Wie war der Traum so schön !

Da wir uns liebten, Da blühten Rosen um den Trauerzug;
Im Schaum der Tage, die sonst leer zerstiebten,
War eine Perle, reich und stolz genug,
Ich will den Arm um deinen Nacken schlingen,
Und durch die Ferne der Erinnrung tön':
Kann keine Zeit das Glück uns wiederbringen -
Wie war es doch so schön!

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Minnie Marie Rembe (*1949 in Kaiserslautern, lebt in Langmeil/Nordpfalz


1o. MAI 1933

Den Büchern
das Wort
genommen
den Dichtern
die Sprache
ein Land
ohne Morgen

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Robert Kühl (*1966 an der Ostsee)
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"Die Ostsee ist mein Leben. Ich liebe sie und lebe immer dort. Aber ich liebe auch meine drei Jungs, die fast aus dem Hause sind und meine Lebensgefährtin. Und ich liebe das Schreiben. Das Schreiben mit Gefühl.

Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die mich fühlen können, "sehen" fast. Darum schreibe ich manchmal nur, um zu berühren. Aber ich schreibe auch, um zu lachen, Erfahrungen und Erkenntnisse zu sortieren, zu provozieren, zu forschen oder einen Nachhall zu tauschen, und manchmal einfach nur als Ausgleich zu meinem handwerklichen Beruf. Grundsätzlich schreibe ich nur für mich. Aber es ist schöän, mich auf dem Wege des Schreibens zeigen und weitergeben zu können. Manchmal hilft's nd manchmal unterhält's auch nur."

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B E R Ü H R U N G E N

Berührungen sind ein merkwürdig wertvolles Gut:
Du kannst sie bekommen, nicht jedoch besitzen.
Es wird Dir nicht gelingen.
Berührungen zu kaufen, zu stehlen oder zu
erschleichen.

Wenn Du sie bekommst, machen sie Dich reich
Wenn Du sie gibst, machen sie Dich reicher.
Berührungen sind der Boden auf dem Du stehst,
Das Haus, in dem Du wohnst, das Licht, das Dir
leuchtet.

Sie bedeuten Liebe, Lachen ...
Berührungen sind Leben !
Unsere Träume sind die Flügel, die uns in eine
neue Wirklichkeit tragen ... ...

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Hermann Hesse (02. Juli 1877 in Calw; + 09. August 1962 in Montagnola /Schweiz)


S T U F E N

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Rau durchschreiten,
An kinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Das Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und
gesunde!

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Günter Kunert (*06. März 1929 in Berlin)

B E R L I N

Da ist nichts mehr
zu beschreiben. Stattdessen verhöhnt Beton alles Eingedenken
und verschachtelt Bewohner für immer.

Fort die unegründlichen Labyrinthe kläglichen Zimmer düstere Läden und das allabendliche Sansoucci betäubende Kneipen der glanzvolle Ernst der Seifengeschäfte
voll Buntheit und Bürsten gebunden
von wirklich Blinden und alten Frauen
von Fenstern gerahmt
bürgten für Dauer und Fortbestand.

Geduldig und schweigend
korrodierte in Fabrikhöfen die Zeit:
eine lebendige Weise von Tod
und im Dunkel
einer schon bald vergessenen Toreinfahrt
lauerte das Glück ohne Namen;
jetzt ist alles benannt und vermessen
abgeheftet und niedergerissen
und nichts mehr da
zum Beschreiben.
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John Ronald Reuel TOLKIEN (*3. Januar 1892 in Bloemfontein, Südafrika; + 2. September 1973 in Bournemouth, England)
.
DU BIST DA
.
Du bist da. Ich finde Dich nicht.
Du würdest mich lieben. Doch Du weißt es noch nicht.
ich werde Dich immer suchen,
und hoffentlich verpasse ich dich nicht.
Denn sonst würße ich nicht was ich täte,
denn ich wäre sicherlich verbitter,
wenn ich nie Dein Wesen erblicken dürfte
und wüßte nicht, ob ich je wieder froh würde.

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Dienstag, 14. Februar 2006

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (Teil 3)

Angela Sanmann (*1980 in Iserlohn) ist deutsche Lyrikerin und lebt in Berlin. Im Jahr 2006 erschien der Gedichtband stille, verkaspert

puppenstirn
du sitzt auf der bettkannte
und bist klug.
ich daneben
und ist mir egal,

zartes streift seine gesten ab.

erwartungen. aufgebockt, gefüttert
mit türritzenlicht, rostige augenblicksscheren schneiden den tag in gleich große teile,
immer an der Linie entlang. morgen?
das weiß ich nicht.

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Oliver Hassencamp (*10. Mai 1921 in Rastatt; + 31. März 1988 in Inwaging am See)

L Ü G E N
.
Aus Lügen,
Die wir glauben,
Werden Wahrheiten,
Mit denen wir leben.

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Max Frisch (*15. Mai 1911 in Zürich; + 4. April 1991 ebenda)


G E S C H I C H T E N
.
Jeder Mensch erfindet sich
Früher oder später eine
Geschichte, die er für sein
Leben hält.
Oder eine Reihe von Geschichten.

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Heinrich Heine (*13. Dezember 1797 in Düsseldorf; + 17. Februar 1856 in Paris)

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DAS MEER ERGLÄNZTE WEIT HINAUS
.
Das Meer erglänzte weit hinaus
im letzten Abendscheine;
Wir saßen am einsamen Fischerhaus,
Wir saßen stumm und alleine.

Der Nebel stieg, das Wasser schwoll,
Die Möwe flog hin und wider;
Aus deinen Augen, liebevoll,
Fielen die Tränen nieder.

Ich sah sie fallen auf deine Hand.
Und bin aufs Knie gesunken;
Ich hab von deiner weißen Hand
Die Tränen fortgetrunken.
Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib,
Die Seele stirbt vor Sehnen;
- Mich hat das unglücksel'gen Weib
Vergiftet mit ihren Tränen

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TRÄUMEREI

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar !
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr ?
Was lieblich fest besessen,
Schwindet hin, wie Träumerein,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

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ÜBER DEUTSCHLAND

Wenn ich, beseligt von schönen Küssen,
In deinen Armen mich wohl befinde,
Dann mußt du mir nie von Deutschland reden,
- Ich kanns nicht vertragen - es hat seine
Gründe.

Ich bitte dich, laß mich mit Deutschland in Frieden !
Du mußt mich nicht plagen mit ewigen Fragen
Nach Heimat, Sippschaft und Lebensverhältnis;
- Es hat seine Gründe, ich kanns nicht vertragen.

Die Eichen sind grün, und blau sind die Augen
Der deutschen Frauen: sie schmachten gelinde
Und seufzen von Liebe, Hoffnung und Glauben;
- Ich kanns nicht vertragen - es hat seine Gründe

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DEINE WEISSEN LILIENFINGER
Deine weißen Lilienfinger,
Könnt ich sie noch einmal küssen,
Und sie drücken an mein Herz,
Und vergehn in stillem Weinen !
Deine klaren Veilchenaugen
Schweben vor mir Tag und Nacht,
und mich quält es: was bedeuten
Diese süßen, blauen Rätsel ?
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György Konrád, ungarischer Schriftsteller (* 02. April 1933 in Berettyóújfalu nahe Debrecen, Ungarn)

.
VERSCHWINDEN
.
In der Heimat
Vermisst dich niemand
In der Fremde
Erwartet dich niemand
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Jörg Fauser (*16. Juli 1944 in Bad Schwalbach/Taunus; + 17, Juli 1987 zwischen Feldkirchen und München-Riem)
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LIEBESDICHT
22. November 1978

Als wir uns liebten,
liebten wir uns selbst nicht.

Als wir uns den Krieg erklärten,
gaben wir uns schon verloren.

Als wir geschlagen waren,
bemühten wir die Geschichte.

Als wir allein waren,
übertönten wir sie mit Musik.

Als wir uns trennten,
blieben wir am gleichen Ort,

So lagen wir uns bald wieder in den Armen
und nannten es ein Liebesgedicht.

Aber kein Liebesgedicht erklärt uns
Die Angst der Liebe,
und warum der Himmel so blau war,
als wir uns trafen,
und warum er immer noch blau sein wird
wenn wir sterben werden.

Du für dich,
ich für mich

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KARFREITAG

Als er die Schuhe anzog,
riß ein Schnürsenkel.
Er aß eine Scheibe Brot
und eine halbe Zwiebel
und trank den Rest Büchsenmilch,
mit Wasser gemischt,
Er hatte noch 8 Mark 40.

Am Nordfriedhof
hockten die Raben
in den Bäumen,
Von den Bauzäunen rann
der Schnee und löste
die alten Faschingsplakate ab.

Die Kneipen hatten dicht,
In der Imbißbude trank er
ein schnelles Bier,
Es schmeckte nach Plastik.
Die Leute waren stumm
und starrten ihn an

Auf der Georgenstraße
lief er fast in einen BMW
vor die Haube. Der Fahrer
drohte mit der Faust.

Im Isabella zeigten sie
Filme über die Angst.
Die Zeitungskästen
waren alle leer.

Zu Hause fand er noch
eine Dose Tomatensuppe, löffelte
sie mit Brot, las einen
Spillane, wichste
sich einen ab und beschloss,
Morgen früh aufzustehen,
um doch den Toaster
zu versetzen. Und er dachte,
Dass er den ganzen Tag mit zwei
Worten ausgekommen war:
Ein Bier, Christus am Kreuz
hatte mehr gebraucht.

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Hans Magnus Enzensberger (*11. November 1929 in Kaufbeuren)
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DIE PARTY
Nein. langweilig war es nicht bei euch,
trotz allem. Genug zu essen, fast immer (unvergeßlich
die Himbeertörtchen), und dann dieser Sternenhimmel !
Fabelhaft ! Beizeiten, Mama,
hast du die Windeln gewechselt,
Die Schuhe waren bequem.
Sogar die Heizung hat funktioniert.
Ausgerichtet habe ich nichts.
Keinen Diktator umgebracht,
kein Massaker verhindert.
Glück habt ihr ertragen
meine Liebegeschichten,
meine Witze und meine Wut.
Nett von euch. Auch der Notarzt
war pünktlich zur Stelle. Bitte,
laßt euch nicht stören !
Gute Unterhaltung weiterhin
wünscht der Verblichene.

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Martin Niemöller (*14. Januar 1892 in Lippstadt; + 6. März 1984 in Wiesbaden) - Theologe, Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen, Widerstandkämpfer gegen den Nationalsozialismus
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Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Sozialisten einsperrte,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialist.
Als sie die Juden einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen
mehr, der protestieren konnte.

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Katharina Lanfranconi (20*Juni    1948 in Luzern / Schweiz)
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r e i s e

tätest du diese reise
du hieltest steine in der hand
die wie nie berührte körper sind
und wortlos stündest du einsam
im gleichen kargen feld
umhüpft von schreienden raben
später stiesset du
am verrauchten ort
auf jenen gitarrenspieler
im arm sein instrument
dessen gesprungene
saiten von ihm wegstarren,
als läge er im schilf
und schaute in den himmel
allein mit seiner musik.

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Franz Kafka (*03. Juli 1883 in Prag; +03. Juni 1924 bei Klosterneuburg/Österreich)
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KÜHL UND HART

Kühl und hart ist der
heutige Tag,
Die Wolken erstarren.
Die Winde sind zerrende Taue,
Die Menschen erstarren,
Die Schritte klingen metallen,
Auf erzenen Steinen,
Und die Augen schauen
weite weiße Seen ...

... Wolken, die über grauen Himme ziehn
vorüber an Kirchen
Mit verdämmernden Türmen,
Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt
und in das Abendwasser schaut,
die Hände auf alten Steinen.

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Bertholt Brecht (*10. Februar 1898 in Augsburg; + 14. August 1956 in Berlin)
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Die Schwachem kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch Stärkeren sind, kämpfen viele Jahre.
Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.
Die sind unentbehrlich.

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Elli Michler (*12. Februar 1923 in Würzburg; lebt in Bad Homburg im Taunus)
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WO DU GELIEBT WIRST ... ...

Wo du geliebt wirst,
kannst du getrost alle Masken ablegen,
darfst du dich frei und gnaz offen bewegen.

Wo du geliebt wirst,
zählst du nicht nur als Artist,
wo du geliebt wirst,
darfst du so sein, wie du bist,
Wo du geliebt wirst,
musst du nicht immer nur lachen,
darfst du es wagen, auch traurig zu sein.

Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Fehler machen
und du bist trotzdem nicht hässlich und klein,
Wo du geliebst wirst.
darfst du auch Schwächen zeigen
oder den fehlenden Mut,
brauchst du die Ängste nicht zu verschweigen.
wie das der Furchtsame tut.

Wo du geliebt wirst,
darfst du auch Sehnsüchte haben,
manchmal ein Träumender sein.
und für Versäumnisse, fehlende Gaben
räumt man dir mildernde Umstände ein.

Wo du geliebst wirst.
brauchst du ncicht ständig zu fragen
nach dem vermeintlichen Preis.
Du wirst von der Liebe getragen,
wenn auch unmerklich und leis.


ICH WÜNSCHE DIR ZEIT

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben,
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.
Ich wünsche dir Zeit für den Tun und dein Denken
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir - nicht zum Hasten und Rennen.
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.
Ich wünsche dir Zeit - nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun.
anstatt nach der Zeit auf die Uhr nur zu schaun.
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen.
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen,
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden.
jeden Tag, jede Stunde, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben !
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Montag, 19. September 2005

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (2)


Theodor Storm ( *14. September 1817 in Husum, + am 4. Juli 1988 in Hademarschen/Holstein)
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Trost

So komme, was da kommen mag !
Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus.
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht.
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht."
(für Irmgard)

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LIED DES HARFENMÄDCHENS

Heute, nur heute
Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen
Muß alles vergehn !

Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein.

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Karl Kraus (* 28.April 1874 in Jicin Böhmen, + 12. Juni 1936 in Wien
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"Man glaubt gar nicht,
Wie schwer es oft ist,

eine Tat in einen Gedanken
umzusetzen."
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Ludwig Uhland (*26. April 1787 in Tübingen; + 13. November 1862 eben da)


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FRÜHLINGSLIED DES REZENSENTEN


Frühling ist's, ich laß es gelten,
Und mich freut's, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.

Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu feühe !
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe !
Meinethalben, meinethalben !

Ja ! Ich fühl ein wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.

Daß es keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen !
Nicht verschmäh ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.

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Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; + 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux/ Schweiz)
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MANCHMAL FÜHLT SIE

Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
wilder, wie Ströme, die schäumen,
wilder, wie der Sturm in den Bäumen,
und leise lässt sie die Stunden los
und schenkt ihre Seele den Träumen.
Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
still überm leisen Gelände.
Und ihr Haus hat ganz weiße Wände -
Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern
und faltet die alternden Hände.

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HERBST

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt,
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

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DIE LIEBENDE
.
Ja ich sehne mich nach dir, Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet,
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.
.
Auch jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunklen Jahr.
.
Etwas hat mein armes, warmes Leben
irgendeinen in die Hand gegeben,
der nicht weiß, was ich noch gestern war.

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Victor Hugo (*26. Februar 1808 in Besançon: + 22. Mai 1885 in Paris)
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MEDIEN-KARUSSELL

"Die Zukunft hat viele Namen
Für die Schwachen ist sie die Unerreichbare
Für die Furchtsamen ist sie die Unbekannte
Für die Tapferen ist sie die Chance."

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Frank Vincent Zappa (*21. Dezember 1946 in Baltimore, Maryland; + 4. Dezember 1993 in Laurel Canyon, Kalifornien
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Erwarte nichts im Leben.
Wenn du es tust, dann ist alles, was du bekommst, ein Bonus

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Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich

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Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (*10. März 1788 Schloss Lubowitz bei Ratibor, Oberschlesien; + 26. November 1857 in Neiße, Oberschlesien

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DER ISEGRIM
.
Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.
.
Aber glauben, dass der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochgewichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.
Aber andere überhitzen,
Dass ich mit dem Federkiel
könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer ein Narrenspiel.
.
Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Lässt die Welt mich eben stehen -
Mag sie's halten, wie sie will.

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Mascha Kaléko (gebürtig Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 im galizischen Schidlow, Österreich-Ungarn, heute Polen; + 21. Januar 1975 in Zürich).

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TOD
.
Vor meinen eigenen Tod ist mir nicht bang.
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem Gleichen widerfuhr, -
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenk: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.

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Nicolaas Thomas Bernhard (* 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande; + 12. Februar 1989 in Gmunden, Österreich)

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naturgemäß
.
den hinterhofeingängen zu glauben dem geruch des entfernens
das nach dem ruf
das begeiten beginnt
die häuser
die nesseln
das fremde im land
eine schweigende masse
schliesst die fenster
und öffnet sie erst wieder
wenn es verschwunden ist
der atem
stockt
wenn wir das schweigen
mit dem reden verwechseln
uns zu sehen
zu betrachten
wie wir in jeder bewegung
glauben
zu wissen was der andere
spürt
was in ihm vorgeht
aber nichts
nichts läßt uns erkennen
was uns trennt
von dem schatten des
unbekannten
wir rufen
schreien
wir haben die sehnsucht erfunden
hüllen sei ein
und erkennen sie nicht mehr wieder

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Eduard Friedrich Möricke (*8. September 1804 in Ludwigsburg; + 4. Juni 1875 in Stuttgart)
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Früh im Wagen


Es graut vom Morgenreif
in Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt:

Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.

Dein braunes Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuss, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht.
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.

Die Sonne kommt - sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu.
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.

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Johann Ludwig Tieck (*31. Mai 1973 in Berlin; + 28. April 1853 ebenda)
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TROST
Wenn die Ankerstricke brechen,
Denen du zu sehr vertraust.
Zornig nun die Wogen sprechen, -
O so laß das Schiff den Wogen,
Mast und Segel untergehn,
Laß die Winde zornig wehn,
Bleibe dir nur selbst gewogen,
von den Tönen fortgezogen.
Wirst du schön're Lande sehn:
Sprache hat dich betrogen,
Der Gedanke dich belogen,
Bleibe hier am Ufer stehn. -
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