

Die stille Revolution in Frankreich"
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg
2. März 1995
von Reimar Oltmanns
In einem der stattlichen Bürgerpaläste am Pariser Jardin du Luxembourg ist, sozusagen, die Zukunft zu Hause, die Zukunft der Frauen. In einem weiträumigen Appar- tement, umgeben von Gemälden aus dem 18. Jahr- hundert, auserwählter Kunst und seltenen, wert- vollen alten Büchern, lebt, denkt - schreibt Elisabeth Badinter, 51jährige Philosophieprofessorin an der École Polytechnique. Wer sie zum ersten Mal besucht, könnte meinen, dort, zwischen den lindgrünen Wänden und grauen Spannteppichen mit den tannengrünen Sitz- polstern wirke Abgelebtes, Überholtes, Vergangenes - geduldet und abgeschottet - fort. Andererseits fühlt er sich dort auch versucht, die hastige, sich überstürzende Gegenwart, die herbeigeredeten, schließlich geglaubten Trends oder Tricks der Bewusstseinsindustrie samt ihrer Marktforschung als Hirngespinste abzutun. Ein Ort wie außerhalb der Zeit, an dem man verschnaufen, sich be- sinnen und wieder erinnern kann: ans Wesentliche. An den Kern der Ordnung.
ROUSSEAU, VOLTAIRE - GEIST DER UNSTERBLICHKEIT
Auf dem Balkon der Wohnung bleibt der Blick am gegenüberliegenden Panthéon haften, in dem Rosseau, Voltaire, der Geist der Unsterblichkeit liegen. "Hier", sagt Elisabeth Badinter, "sind meine Wurzeln. Alles liegt im 18. Jahrhundert. Ich könnte kein aktuelles Buch schreiben ohne diese stets Rückbesinnung auf die Auf- klärung."
Elisabeth Badinter trägt keinen Schmuck. Sie schminkt sich nicht, verschmäht noch das zarteste Rouge. Soviel gewollte Unscheinbarkeit kann im Paris der aufge-setzten Äußerlichkeiten kein Zufall sein. Auch nicht Nachlässigkeit. Madame ohne falsche Bescheiden- heit: "Ich wollte nie die Tochter des reichen Vaters oder das Anhängsel eines einflussreichen Politikers sein." Ihr Vater, Marcel Bleustein-Blanchet, war einst Frankreichs Tycoon in der Werbung. Ihr Mann, Robert Badinter, schaffte als Justizminister (1981-1995) unter François Mitterrand (*1916+1996, Präsident von Frankeich 1981-1995) zu Beginn seiner Amtszeit die Todesstrafe ab. Drei Kinder hat die Wissenschaftlerin großgezogen. Ihre drei Kinder Judith, Simon und Benjamin bekam sie inner- halb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschluss- examen an der Universität.
DOMINANZ UND VEHEMENZ
Elisabeth Badinter ist eine wegweisende Persönlichkeit. Ihre Dominanz und Vehemenz, das, was sie antizipiert und vorhersieht, ihr Denken und Vordenken - das ist die Zukunft der Frauen. Und ihre Wohnung, ihre Vor- lesungen oder Seminare sind Lern-, auch Bewusstseins- refugien für Studentinnen und jene jungen Herren, in denen die Philosophin den "versöhnten Mann" erkennt. Weil er in der Lage ist, die altüberkommene Männlich- keit in Frage zu stellen, etwas von der gefürchteten Weiblichkeit anzunehmen und dadurch letztlich eine neue Männlichkeit zu finden.
"Er hat die beiden verstümmelten Männer", sagt die Professorin prononciert, "den harten Mann (Macho) und die Antwort auf ihn, den weichen Mann (Softie), hinter sich gelassen."
FRAUEN UND MÄNNER ERFINDEN SICH NEU
Viele Bücher hat Elisabeth Badinter geschrieben, be- deutende Werke. Es sind Bücher, die schon jetzt unser Denken beeinflussen, das der nachfolgenden Genera- ionen wohl noch nachhaltiger. Die Hochschullehrerin sieht ihre Lebensaufgabe darin, das - ziemlich erbärm- liche - Geheimnis der Männlichkeit zu lüften. Das Ende angemaßter männlicher Vorherrschaft mit wissen- schaftlich fundierter Akribie zu untermauern.
"Wir erfinden uns gerade neu", urteilt sie, "das ist das Aufregendste in dieser Epoche."
MUTTERLIEBE
In ihrem Buch "Mutterliebe", erschienen 1980, wies Elisabeth Badinter nach, dass die immer wieder, auch pathetisch beschworene "Mutterrolle" als unumstöß-liches gesellschaftliches Fundament in Wirklichkeit erst mit dem Aufstieg des Bürgertums begann. Historisch belegte die Autorin, dass der Mythos der aufopferungs-vollen Mutterschaft, dieses naturgegebenen Monopols, den Frauen angedichtet worden ist.
ICH BIN DU
Sechs Jahre später präsentierte die Philosophin der Öffentlichkeit ihr Werk "Ich bin du". Darin fragt sie: Der Busch ist weit weg, wenn er nicht schon abgeholzt wurde, und wo haben Männer eigentlich noch die Chance , ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen? Wohl nirgendwo in der westlichen Hemisphäre. Andro- gyn sind die Zeiten, die Geschlechter sind sich sehr viel ähnlicher geworden. Es sind Individuen, die Ge- schlechtermerkmale von Mann und Frau in sich ver- binden wissen und diese Zweigeschlechtigkeit je nach Erfordernis ausleben. Sie konstatiert: "Mit diesem neuen Modell der Ähnlichkeit wird die traditionelle Be- stimmung der Gattung in Frage gestellt.
XY - IDENTITÄT DES MANNES
"XY - Die Identität des Mannes" heißt folgerichtig ihre nächste Publikation von 1992. Damit will sie den Beweis für die Umkehrung einer dominanten Kultur mit ihrem "schwachen Geschlecht" antreten. Es gelingt. Sie schreibt: "Als Modell ist das Patriarchiat tot, es ist intellektuell, moralisch und sozial am Ende ... Seit Entstehung des Patriarchiats hat sich der Mann als privilegiertes Menschenwesen definiert, stärker, mutiger, intelligenter, verantwortungsbewusster, schöpferischer oder rationaler als Frauen. " Nur verfüge die Medizin mittlerweile über hinreichende Er- fahrungen, Ergebnisse und Statistiken, die bewiesen, dass Männer in Wirklichkeit das schwache Geschlecht darstellen. Die Sterblichkeit bei männlichen Säuglingen ist weitaus höher, Männer leiden unter mehr Krank- heiten - physisch wie psychisch - und sie sterben auch früher als Frauen.
MÄNNLICHKEIT - EIN VERLUSTGESCHÄFT
Für Elisabeth Badinter zählt das Fehlen einer Identität zu den schmerzlich gelebten Erscheinungen dieser Zeit. Viele Männer wissen seit dem feministischen Umbruch nicht mehr so recht, wie sie eine Beziehung zu Frauen und welche sie aufbauen sollen. Angst vor Andro-gynität, vor der Ähnlichkeit der Geschlechter. Ängste vor Rollenverlusten - Verluste des Mannes, seiner über- kommenen, unzeitgemäßen Männlichkeit. Angeknackst ist die männliche Herrschaft, die Frauen seit jeher symbolisch und tatsächlich zum Objekt machte. Von ihnen wurde und wird noch immer - ein kulturelles Gesellschaftsspiel - sexuelle Verfügbarkeit diskret wie selbstverständlich eingefordert. "Aus männlicher Sicht", rekapitulierte Pierre Bourdieu (*1930 +2002), einst Soziologie-Professor am Collège de France, "wirken diejenigen Frauen, die das stillschweigende Verhältnis der Verfügbarkeit unter-brechen und sich ihres eigenen Körperbildes in gewisser Weise wieder bemächti- gen, 'unweiblich' oder wie Lesben." - Kulturver- werfungen - Identitätsbrüche.
Erst leise und zaghaft, unbestimmt vielerorts und vage, dann immer deutlicher rückte ein Schauplatz der Ge- schlechter zwangsläufig in den Mittelpunkt - das Bett. Es ist nun einmal der Austragungsort der Verführung, Verfügung und Verweigerung, der sexuellen Leiden-schaften mit ihren leichtgängigen Lippenbekenntnissen der Lust und des Lustverlustes. Dort, auf den weichen Federn der Matratze, findet die eigentliche Kultur-revolution dieser Tage statt - zuweilen ein wenig verschämt oder auch verdutzt; in ihrer qualitativen zumindest nicht auszumachen - noch nicht.
LIEBE UND LEIDENSCHAFT - BALD PASSÉ ?
Für Elisabeth Badinter wird das traditionelle Rollen-muster aus Liebe und Leiden- schaft bald passé sein. Vorbei deshalb, weil der Motor dieser scheinbar unge- stillten Sehnsüchte abhanden gekommen ist. Die Gesell- schaft kennt keine Tabus mehr, aber diese Verbote waren es gerade, die den Reiz der Übertretung aus- machten. Ende der Sexualität? Madame Badinter lacht kopfschüttelnd amüsiert und sagt: "Die Sexualität ist eine Sache für sich. Im Alltag ist die Beziehung zwischen Mann und Frau heute viel stärker als früher von Ge- fühlen wie Ähnlichkeit, Zärtlichkeit und Freundschaft geprägt. Die Mann-Frau-Beziehung ist heute generell komplex. Wir suchen die Transparenz der Beziehung, das vollkommene Einverständnis, wir sorgen für- einander. Daneben existiert die erotische Beziehung, die auf Spannung und Polarität aufbaut. Ich denke, dass man in der Partnerschaft in erster Linie Komplizen-schaft und Zärtlichkeit sucht und dann erst Gegen-sätzlichkeit und Leidenschaft. Man möchte jemanden haben, mit dem man Gefühle oder Ideale teilt. In dem Moment, in dem man die Schlafzimmertür hinter sich schließt, ändern sich das natürlich...".
KEINE OPFER-ROLLEN
Gewiss haben es die Frauen weltweit in den vergangenen drei Jahrzehnten weitreichend verstanden, traditio-nelles Geschlechterverhalten aufzubrechen. So stellen heute Frauen insgesamt 40 Prozent aller Jura und Medizinstudierenden auf dem Erdball. Vor dreißig Jahren brachten sie es mal gerade eben vier Prozent. - Bewusstseinswandel.
Vielerorts ängstigen sich heute die Frauen aus gutem Grund, dass sie zuallererst Opfer der Neustrukturierung der Arbeitswelt werden. Elisabeth Badinter hingegen schaut überraschend zuversichtlich in die Zukunft. "Die Gefahr", bemerkt sie, "wird total überschätzt. Sicher, in Krisen leben immer wieder archaische Reaktionen auf. Aber die Frauen sind heute in so vielen Bereichem in so qualifizierten Positionen und schlicht nicht mehr weg- zudenken, dass man diese jetzige Krise nicht mit den voraus-gegangenen vergleichen kann." Ein Frauen-bollwerk in Frankreichs Arbeitswelt, in der Armee, in den Atomkraftwerken, an den Universitäten und anderswo.
Sehr unterschiedlich hingegen sind Art und Weise, Methoden und Mittel, mit denen Frauen ihre Ziele voranbrachten - zum Teil ja auch erreichten. In Frankreich jedenfalls begegnen sich die Geschlechter freundlicher, aufmerksamer als anderenorts, hat ein Krieg zwischen Männer und Frauen, wie etwa in den USA oder auch in Deutschland, nicht stattgefunden.
OHNE GESCHLECHTERKRIEG MEHR ERREICHT
FRANKREICH - DEUTSCHLAND - USA

































