Freitag, 20. April 1979

In der Psychiatrie zerbrochen - Das Schicksal des Albert Huth in den Alsterdorfer Anstalten zu Hamburg



























Heilanstalten - Schandflecke der deutschen Psychiatrie - Schlangengruben in Deutschland. Im Rahmen des national-sozialistischen Euthanasie-Programms wurde mehr als 100.000 psychisch kranke Menschen getötet. Dies war nur mit Billigung zahlreicher Ärzte und Kliniken möglich. Verbrechen, die über Jahrzehnte nicht aufgearbeitet, verdrängt, vergessen wurden. Wie gleichsam der Fall des entmündigten Halbjuden Albert Huth. Er war unbequemer Zeuge zahlreicher verbrecherischer Nazi-Euthanasie Aktionen. Warum er bis heute in der Pflegeanstalt bleiben musste, mit Psychopharmaka "ruhig" gestellt wird - vermag niemand zu begründen. Ein Fall für die Justiz war die Lebensgeschichte des Albert Huth allemal.


Zeitmagazin, Hamburg
20. April 1979
von Reimar Oltmanns

Wenn in den Alsterdorfer Anstalten die Girlandenfeste steigen, ist Albert Huth stets dabei. Mit seiner Ziehharmonika schmettert er Shanties von hoher See, mit seiner Mundorgel bläst er "be-ba-ba-loovar, she is my baby". "Das ist swinging Alsterdorf", sagt Pfarrer Hans-Georg Schmidt froh gestimmt. "Und das ist unser Albert Huth", fügt er nicht ganz ohne Stolz hinzu. Der Pfarrer leitet die Anstalten im nördlichen Hamburg, eines der "größten Werke der Diakonie in der Bundesrepublik".

EIN SCHWACHSINNIGER, EIN PSYCHOPATH ... ...

Albert Huth macht nicht nur leidenschaftlich gern Hausmusik, für die 1.300 psychisch Kranken und geistig Behinderten von Alsterdorf, er schreibt auch Gedichte, die der Pfarrer in die Anstaltszeitung wir leben festgedruckt einrücken lässt; mal dichtet er über die Berliner Mauer, mal über die Verkehrstoten in der City.

... ... VON HUTZLIG-KLEINER GESTALT

Doch Albert Huth ist alles andere als ein Normaler. Er ist ein Alsterdorfer - und das schon im dritten Jahrzehnt. Ein "Schizophrener", bedauert Pfarrer Schmidt. "Ein Schwachsinniger, ein Psychopath", urteilt die Chefärztin Charlotte Preußner-Uhde, kurz vor der Pensionierung, im Anstaltsjargon kurz P.U. genannt. Die Psychiaterin glaubt zu wissen, wovon sie reden. Ein Kinder-Intelligenztest ergab bei dem 53 jährigen lediglich einen Quotienten von 80. Und schließlich, bemerkt die Dame im weißen Kittel, sei Albert Huth auch "genetisch vorbelastet". Eigentlich heißt er gar nicht Huth, sondern Heimann. Er ist ein uneheliche Kind von hutzlig-kleiner Gestalt. Außerdem, erklärt die Chefpsychiaterin, hat die Schwester seiner Großmutter ihren Lebensabend hier verbracht - "von Kretin wegen".

ÜBER 20 JAHREN KLOS GEPUTZT

Derlei Diagnosen und Biografien wiegen in Alsterdorf schwer. Aber noch erschwerender ist die Tatsache, dass Albert Huth als "Lügenbold" und "Querulant" eingestuft wird, der "zwischen Dichtung und Wahrheit nicht zu unterscheiden vermag" (Pfarrer Schmidt). Und Ärger gibt’s fast täglich mit ihm. Huth ist einer, der nicht ohne weiteres in die melancholisch-depressive Alltagsschablone einer Heilanstalt passt. Selbst die "sozialtherapeutischen Maßnahmen zur Förderung der Persönlichkeit und Individualität" (Preußner-Uhde) lehnt er rundweg ab. Was soviel heißt wie: Huth hat keine Lust mehr, Tag für Tag Räume zu kehren und Klosetts zu schrubben - immerhin macht er das schon seit 20 Jahren. Ein chronischer "Sammler" ist er noch dazu. So werden die Behinderten bezeichnet, die ihre wenigen Habseligkeiten, ob Briefe, Talisman oder Transistorradio unter dem Kopfkissen oder Matratze verstecken. Ein Verhalten, das die Pfleger nicht dulden wollen. Denn Ordnung gilt in Alsterdorf als erste Stufe zur Sozialisation.

"UNWERTES LEBEN"

Statt dessen macht Albert Huth etwas "völlig Abnormes" (Preußner-Uhde): Meistens meldet er sich krank und verzichtet damit auf sein monatliches "Gehalt" von 40 Mark. Dafür sitzt er dann tagsüber im kargen Schrankraum und schreibt auf einem Fensterbrett vor sich hin. "Auf Seite 146 ist er schon", lächelt der Pfarrer dezent. Doch sein "Geschreibsel ist nicht zeugnisfähig", versichert Pastor Schmidt. In der Tat, Albert Huth ja entmündigt. Da zählt es wenig, dass der debile Huth Pastor und Personal in jene Vergangenheit zurückreißt, die viele schon verdrängt haben - die Ausrottung "unwerten Lebens" im Dritten Reich: Ein Thema, das in Alsterdorfer Gesprächen unterm Personal tabu ist. "Die Zeit dafür ist einfach noch nicht reif", formuliert Pfarrer Schmidt. Die Alsterdorfer Tradition besagt: Wir haben geholfen, wo wir helfen konnten, wir haben Menschen gerettet, wo nur irgend jemand zu retten war. In zwei Schüben wurden aus den Alsterdorfer Anstalten zwischen 1941 und 1943 genau 570 Menschen im Rahmen der "T-4-Aktion" abtransportiert - nach Theresienstadt beispielsweise.

VOM WAISENHAUS IN IRRENANSTALT

Albert Huth war 14 Jahre alt, als er 1940 in die Alsterdorfer Anstalten kam. Körperlich ausgemergelt, "geistig zurückgeblieben", hatte der Junge schon Waisenhäuser und Kinderheime hinter sich gebracht. Für seine Mutter, erinnert sich Huth, war er drei Jahre lang ein lästiges Überbleibsel mit einem Juden namens Heimann. Für Stiefvater Huth galt er als Halbjude, den er nicht mit durchfüttern wollte. Die Behörden schickten Albert Huth 1940 in den "Wachsaal" Alsterdorf. Die Gründe seiner Einweisung finden sich nicht in seinen Alsterdorfer Akten - wo sie eigentlich sein müssten.

Im Wachsaal konnte damals geschehen, was auch wollte - nichts drang nach draußen. Schalldichte Mauern, vergitterte Fenster, Pfleger als Gefängniswärter. Vier Wochen blieb der Vierzehnjährige dort, "zur Eingewöhnung", wie es damals hieß. Heiß- und Kalt-Wasser-Bäder wechselten einander ab. Cistyl- und Truxal-Drogen gab's zur Besänftigung und die Paral-Spritze - ein Pflanzenschutzmittel - als Strafmedizin, so Huth in seinem Lebensbericht. Das Tagebuch des Albert Huth zeigt in erschreckender Art und Weise nachempfindend, hautnah auf, welches Milieu innerhalb der Anstalt im Nationalsozialismus herrschte. Es dokumentiert minutiös, wie genau Pfleger wussten, wohin die Transporte gingen.
VERDRÄNGTE VERBRECHEN
Albert Huth schreibt: "Wenn ein Junge im Bett gepinkelt hatte, wo er nicht dafür konnte, der wurde mit dem Knüppel geschlagen und nicht gebadet. Die ganze Urinsäure fraß sich in den Körper ein und es war am Tisch sehr unangenehm, wenn andere Kameraden den Geruch einatmen mussten. Um Ekzeme herauf zu beschwören, bekam der Junge den eingenässten Spreusack um den Rücken gebunden und musste auf dem Hof herumlaufen, bis der Sack trocken war."
NS-KNÜPPEL AUF JUDEN-KRÜPPEL
Nach seiner Konfirmation kam Albert Huth zur Alsterdorfer Station "Heinrichshöhe". Hatte ein Junge eine Erkältung", berichtet er, "dann bekam er ein Abführmittel anstatt Hustensaft." Magenkrämpfe und Durchfall waren die Folgen, Und "bei einem Zeugappell hatte ein Pfleger einen Jungen dermaßen mit dem Knüppel auf die Fußsohlen geschlagen, dass er vor lauter Schmerzen nicht mehr gehen konnte."
Albert Huth schreibt: "Otto A. war ein großer NS und hatte für die Kirche nichts über. Was Otto A. getrieben hat, war immer nur Hohn und Spott. Zu meinem Erstaunen kam ich nicht mehr in die Schule und blieb immer mehr im Rückstand. Otto A. hatte einen Knüppel, den er "Onkel Lehmann" nannte, auf die Kinder geschlagen, die ein Blasenleiden hatten. Auch da hatte man die Jugendlichen nicht gebadet. Freizeit hatte man dort sehr wenig. Am meisten mussten wir Jugendlichen auf dem Hof marschieren. Wenn zum Beispiel still gestanden ertönte und ein Epileptiker einen Anfall bekam, dann ließ er ihn fallen, ohne Hilfe zu leisten. Am Abend mussten die Jugendlichen auf dem Flur antreten. Dann wurde das Lied "Oh Jesu, meine Freude" gesungen. Danach folgte ein Abendgebet: 'Lieber Gott mit starker Hand, schütze unser Vaterland, gib' dem Führer Weisheit, Stärke; segnet ihn bei seinem Werke, auf das Deutschland wieder werde groß und mächtig auf der Erde. Amen.'
Kannten die Jugendlichen nicht diesen Spruch, dann wurden sie dazu gezwungen. Hatte ein Junge nach dem gesprochen, der musste auf dem Flur Liegestütze und Kniebeuge machen. Waren die Jugendlichen krank und hatten eine Erkältung, dann bekamen sie Rizinusöl, um die Erkältung zu unterdrücken. Zu dieser Zeit hatte Oberarzt Dr. Kreyenberg zwei Häuser in Beschlag genommen. Pfleglinge wurden verschleppt, die die Anstalt nicht mehr wiedersahen."
WAHLLOS STERBEN LASSEN
"Wittenberg" hieß die nächste Alsterdorfer Abteilung. Inzwischen schrieb man 1941. "Wahllos", so Huth, "hatten die Ärzte kranke Pfleglinge sterben lassen. Sie hielten ihnen vor: 'Du markierst'." Huth erkrankte selbst an Ruhr und wurde nach "Hohenzollern" abgeschoben - zurück in einen berüchtigten Wartesaal. Die Alsterdorfer Stationen tragen noch heute ihren hehren Titel. Albert Huths Erinnerungen stimmen mit der historisch festliegenden "TR-4-Aktion" im großen und ganzen überein.
Das Alsterdorfer "Paul-Stritter-Haus" wurde für den Zögling Albert Huth zum Schlüsselerlebnis. Hier belauschte er ein Gespräch zwischen einem Anstaltspfarrer B., einen Dr. C., seinerzeit ein Beauftragter der Gesundheitsbehörde, und dem Alsterdorfer Arzt D. "Hier sind viele Juden und Geisteskranke. Wann gedenken Sie die Pfleglinge abzuholen?" fragte D. Huth: "Am 29. Juli 1943 war es dann soweit. Um vier Uhr morgens waren sechs Autobusse in der Anstalt erschienen. Sie nahmen 329 Mädchen, 89 Kinder und 28 Babys mit. Drei Autobusse hielten auf dem weiblichen, drei weitere auf dem männlich Gebiet. Heraussprangen aus dem Bus die Gestapo. 'Wie viel Vögel habt Ihr', wollte sie wissen. Antwort: 'Es befinden sich eine hier eine ganze Portion', sagt einer zu seinem Kollegen. Antwort: Dann her mit den Schweinen." Insgesamt waren es 478 Pflegeinsassen, darunter Geisteskranke, Schwachsinnige, Epileptiker, Krüppel, Frauen und Kinder.
"SKLAVEN - HEIL HITLER"
Fast alle Pfleglinge trugen vorne vor der Brust ein Schild. Darauf stand geschrieben: 'Sklaven, gestorben am 3. August 1943, Heil Hitler. Wirklich, wie Schweine wurden die Pfleglinge in die Busse verladen, Schwestern hatten sie noch zurückhalten wollen, aber die Gestapo hatte mehr Macht ... ... Als ich um 12.1o Uhr im Lindenhof 2 und im Eichenhof sowie in den Knabenhort kam, waren alle Räume leer. Nicht einen einzigen hatten sie hier behalten. Dafür blieben in der Anstalt einige Häuser frei bis nach dem Krieg 1945 ... ... Sie kamen mit der Begründung, wegen der pausenlosen Luftangriffe mussten die Pfleglinge in Sicherheit gebracht werden. Diese Sicherheit endete im Konzentrationslager."
STERILISIERT - OHNE NARKOSE
Albert Huths Weg führte derweil zum Krankenhaus Barmbek, in die Abteilung CH 4. Er war gerade erst 17 Jahre alt, als er dort sterilisiert wurde - und zwar ohne Narkose. Huth: "Ich habe gelitten unter qualvollen Schmerzen. So waren mein Schicksal und meine Existenz besiegelt. Nicht einmal meine Angehörigen wussten etwas."
Zurück in Alsterdorf machte Huth die Bekanntschaft mit einem Pfleger namens Egon Gerner, einem ausgedienten Wehrmachts-Unteroffizier mit "Nahkampfspange in Gold und Silber". Er kam verwundet von der Front zurück und hatte, wie Huth meint, es von vornherein auf die "Juden-Mistkröte" Huth abgesehen. Weil er ein paar Äpfel geklaut hatte, schickte ihn Gerner abermals in den Wartesaal. "Ich bekam eine Glatze geschoren und blaugraues Zeug verpasst und Wasser für drei Tage. Als meine Mutter kam, erkannte sie mich nicht mehr wieder."
EINMAL BEKLOPPT - IMMER BEKLOPPT
Für den evangelischen Pfarrer Schmidt, er wurde nicht ganz unfreiwillig 1982 in den Ruhestand verabschiedet, ist die sonderbare Huth-Erzählung die larmoyante Lebensgeschichte eines Debilen, "mit dem", so die Chefpsychiaterin Preußner-Uhde, "die Fantasie laufend durchgeht, der sich und seine Umwelt nicht einzuschätzen weiß, der selbstsüchtige Thesen über die Vergangenheit herbeikonstruiert und so gar als Dr. med. Albert Huth tituliert". - "Nein", bedeutet der Anstaltsleiter, "was wir brauchen, das sind Pfleger von Format, die solche Patienten wie Albert Huth leiten und lenken können. Und die Chefpsychiaterin schiebt sogleich ihr Bekenntnis ungefragt hinterher: "Wir Alsterdorfer sind schon objektiv. Das können Sie mir ruhig glauben."
So wundert es in Alsterdorf heute eigentlich niemanden, dass Albert Huth auch nach dem Kriege dort blieb, wo er zuvor gewesen war: hinter Anstaltsgittern.
Denn was sollte sich bei dieser dezidierten Diagnose für Pflegling Huth auch ändern? Der Anstaltsarzt Kreyenberg, ein überzeugter Nationalsozialist und Rassist, hatte ihm schon 1940 "totalen Schwachsinn" attestiert, wie sich ein Kenner der Akte erinnert. Pfarrer Schmidt streitet das ab. Die späteren Ärzte sahen offensichtlich keine Veranlassung, sich näher mit der Huth-Diagnose zu befassen. Jedenfalls war Huths Entmündigung im Jahre 1947 - damals wurde er 21 Jahre alt - eine Routinesache. Er bekam, so geht es aus den Unterlagen hervor, auch weiterhin Prügel von Pflegern wie Gerner. Er hatte sich erdreistet, eine Entschädigung für seine Sterilisation zu fordern. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, soll er immer um sich geschlagen haben.
DER FALL HUTH - KEIN EINZELFALL
Albert Huths Schicksal ist in Alsterdorf zu Hamburg kein unrühmlicher Einzelfall. Der Pressesprecher der Anstalt: "Wir haben hier um die 80 solcher Leute." Sie kamen mit geringfügigen oder nur vermeintlichen Behinderungen in die Anstalt; aber statt zu heilen, verschärfte die neue Situation ihre Leiden erst wirklich. Doch während viele von Huths Leidensgenossen nur noch weltfern vor sich hindämmern, begann er schon bald nach dem Kriege als "Schwachsinniger" Brief um Brief zu schreiben: mal an den Alliierten Kontrollrat, mal an die BBC in London, mal an die Kripo in Hamburg, die schließlich im Jahre 1959 in Alsterdorf vorbeischaute. Ein Blick in Huths Akte und besänftigende Worte genügten, und der Fall schien erledigt.
STAATSANWALT BELOGEN
Es dauerte immerhin ganze acht Jahre, bis der Hamburger Staatsanwalt Dr. Dietrich Kuhlbrodt - 1967 - unverhofft in der evangelischen Anstalt auftauchte und die beschauliche Ordnung des Alsterdorfer Verwaltungsapparates durcheinanderbrachte. Aufgestört durch einen der vielen Huth-Briefe wollte der Ankläger in Akten einblicken. Er ermittelte gegen den ehemaligen Anstaltspfarrer Lensch. Doch die Akten waren angeblich nicht mehr vorhanden. Kuhlbrodt: Drei Mal fragte ich nach den Unterlagen. Drei Mal wurde ich beschieden. 'Wir haben nichts mehr, alles ausgebombt.' Dann bin ich auf eigene Faust in den Keller gestiegen und habe die Materialien gefunden, die ich suchte."
Vorher hatte sich Kuhlbrodt vorsorglich bei Huths von den Behörden eingesetzten Vormund informiert, ob sein Mündel tatsächlich unzurechnungsfähig sei. Im Gegensatz zur Anstalt kam dieser zum Schluss, Huth habe ein normales Erinnerungsvermögen, seine Angaben seien präzise und wahrscheinlich unwiderlegbar. Kuhlbrodt sagt heute: "Ob schwachsinnig oder nicht, Huths Fakten waren nicht mehr vom Tisch zu kriegen."
870 SEITEN ANKLAGESCHRIFT
Für den damals 34jährigen Staatsanwalt begann die größte Ermittlungsaktion, die er bislang geführt hatte. Nach siebenjähriger emsiger Kleinarbeit füllen in Sachen Alsterdorf 7.800 Blatt insgesamt 44 Aktenordner, und die Anklageschrift (Az: 147/Js58/67) umfasste 870 Seiten. Für den Prozess sollten 238 Zeugen geladen werden. Im Zentrum der Ermittlungen stand der frühere Seemannspfarrer Friedrich Jentsch, der 1930 zum Direktor der Alsterdorfer Anstalten avanciert war. Die Nazis waren kaum an der Macht, da hatte Jentsch bereits eine SA-Kampfgruppe Alsterdorf gegründet. Ob Pfleger oder Ärzte, in Uniform anzutreten, war Ehrensache.
Jentsch persönlich verwechselte allzu oft seinen Talar mit der Braun-Jacke eines SA-Oberführers. Die Partei bedankte sich für derlei kirchliches Entgegenkommen. Schon 1935 deklarieren die Nazis die evangelische Einrichtung Alsterdorf zum "NS-Musterbetrieb" und fünf Jahre später wurde Jentsch mit dem "Gaudiplom der deutschen Arbeitsfront geehrt.
PATIENTEN-PANIK VOR ABTRANSPORT
Albert Huth hatte das alles gut im Gedächtnis behalten. Nur in einem hat er sich geirrt: Aus Alsterdorf verschwanden nicht nur 478 Pfleglinge. Im Rahmen der T-4-Aktion wurden dafür 579 Behinderte aus Alsterdorf abgeholt. Das bestätigt nunmehr auch Pfarrer Schmidt. Mehr als die Hälfte erlitt nachweislich im KZ Theresienstadt einen grausamen Tod. Der Staatsanwalt: "Als die ersten Busse im Jahre 1941 anrollten, brach unter einigen Mitfühlenden des Alsterdorfer Personals und unter den Patienten Panik aus. Vor allem den Pflegern war längst nicht mehr verborgen geblieben, wohin die Reise ging."
Hier ein Auszug aus Kuhlbrodts Anklageschrift aus dem Jahre 1974: "Der achtjährige Herbert Barkmann litt an den Folgen einer Gehirnhautentzündung. Etwa eine Woche vor Ostern erhielten die Eltern in Hamburg dann die Nachricht, dass ihr Sohn verstorben sei. Mit der Anfrage, ob eine Beerdigung in Tiegenhof oder eine Einäscherung in Frankfurt an der Oder stattfinden solle. Die Eltern entschlossen sich, ihren Sohn in Tiegendorf beerdigen zu lassen. Der Vater fuhr nach Tiegendorf, ging von der Bahn direkt in die Leichenhalle, um dort seinen Sohn zu sehen. Er hob einige Deckel ab, in einem Sarg lag die Leiche seines Sohnes. Er war bis zum Skelett abgemagert, an der linken Schläfe hatte er deutlich sichtbar einen großen blauen Fleck. Auf dem Weg zur Verwaltung traf der Zeuge Barkmann den leitenden Anstaltsarzt, der das goldene Parteiabzeichen trug. Auf die Frage, woran sein Sohn gestorben sei, sagte dieser wörtlich: 'Woran sie alle starben...' "
VERLOGENE SENTIMENTALITÄT
Herbert Barkmann ist wie viele vor und nach ihm von Pastor Jentsch an der Eingangspforte der Anstalt verabschiedet worden. Die ahnungslosen Kinder hatten vor dem Bus einen Halbkreis gebildet und sangen meist: "Herr, hilf uns auf allen Wegen", manchmal auch "Harre meine Seele." "Diese Gesänge", so Jentsch nach dem Kriege, "haben mir den Mut gegeben, dass den Kinder nichts passiert." Seine scheinheilige Beteuerung reichte noch im Jahre 1974 dazu aus, eine gerichtliche Hauptverhandlung gegen den Anstaltspastor zu verhindern. Denn eine Hamburger Schwurgerichtskammer, so sagt der Staatsanwalt, unterstellte, dass Pastor Jentsch immer noch gehofft habe, den Kindern werde in den auswärtigen Anstalten nichts zustoßen.
Für Staatsanwalt Kuhlbrodt war jener Pfarrer-Spruch nichts anderes als eine "verlogene Sentimentalität". Immerhin quittierte im Jahre 1946 der bescholtende Pfarrer seinen Dienst als Direktor der Alsterdorfer Anstalten. Seine Begründung: "Ich bin für alle Beteiligten eine Belastung, die für die Anstalt nicht mehr tragbar ist", schrieb er seinem Vorstand. Doch bereits ein Jahr später diente er seiner Kirche wieder - als Gemeindepfarrer in Hamburg-Othmarschen. - Deutsche Karrieren.
PSYCHOPHARMAKA
In jenen Jahren von Kuhlbrodts Nachforschungen änderte sich Albert Huths Leben nachhaltig. Häufiger als zuvor taucht in seiner Akte die Verordnung von Psychopharmaka (Megaphen) auf. Albert Huth sagt freimütig: "Oft schwebte ich über den Wolken. Das ist mir früher nicht passiert." Dabei benötigt Huth niemals Beruhigungspillen. Darüber besteht sogar unter den Ärzten Einvernehmen, wie die Chefpsychiaterin der Anstalt weiß. Vielmehr müsse er sozialpädagogisch werden, heißt es lapidar. Frau Dr. Preußner-Uhde: "Allenfalls, wenn er wieder einen Aggressionsschub bekommt." Warum sich nun ausgerechnet in den letzten Jahren die medikamentöse Behandlung auffällig häuft, ist für Preußner-Uhde leicht erklärbar: "Früher gab es schließlich keine Psychopharmaka."
Viel schwerer fällt der Chefärztin die Erklärung dafür, warum Albert Huth eigentlich in Alsterdorf verwahrt wird. Denn erst lebte er als Zehnjähriger in einem Heim für Milieugeschädigte. Damals war von Geisteskrankheit keine Rede. Im Gegenteil: Die Ärzte - so die Heimakte - sagten dem jungen Huth eine Aufenthaltsdauer von maximal zwei bis drei Jahren voraus, seine Lehrer bescheinigten ihm eine durchschnittliche Intelligenz und gute Schulleistungen. Warum Albert Huth in Alsterdorf landete und mit welcher Begründung er zum "Behinderten gemacht" , ein "Behinderter ist" und "ein Behinderter bleiben wird", das vermag niemand so recht zu erklären.
Auch Pastor Hans-Georg Schmidt, Direktor der Alsterdorfer Anstalten bis ins Jahr 1982, ist in Sachen Huth nachdenklich geworden. "Gegenüber klassisch geprägten Psychiatern, die so ein festes Formbild in sich tragen, bin ich skeptisch." Dazu hat er auch allen Grund. Preußner-Uhde: "Er ist jetzt einfacher zu führen. Deshalb können wir ihn mit seiner Geistesschwäche auch etwas milder einstufen."
Dass Albert Huth der Auslöser einer staatsanwaltschaftlichen Ermittlung war, dass er seinen früheren Direktor beinahe auf die Anklagebank gebracht hätte, dessen ist er sich gar nicht bewusst. Aber er weiß: Das frühere NSDAP-Mitglied Gerner, einst Träger der Nahkampfspange in Gold und Silber, ist nicht mehr Pfleger - sondern, Alsterdorfer Karrieren, Oberpfleger.
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Postskriptum. - Albert Huth, geboren 1926 in Hamburg, blieb 44 Jahre seines Lebens in psychiatrischen Anstalten interniert. Erst im Jahre 1984 wurde er als "geheilt" entlassen. Er starb im Jahre 2005 in Barmstedt (Schleswig-Holstein) im Alter von 83 Jahren.











Donnerstag, 1. März 1979

Aus deutschen Landen: Mörder unter uns











Es sah so aus, als würde der 17. Januar für die Gemeinde Allendorf im hessischen Ulmtal ein Tag wie jeder andere. Dann aber wurde ein alter, unauffälliger Mann verhaftet. Er soll ein Massenmörder sein, ein sadistischer SS-Scherge. Und niemand unter den Dächern kann es glauben ... ...

ZEITmagazin, Hamburg
1. März 1979
von Reimar Oltmanns
und Dirk Reinartz (Fotos)

In der 1200-Seelen-Gemeinde Allendorf im hessischen Ulmtal gibt es neuerdings drei Altäre. Zwei, die seit eh und je in den beiden Kirchen des Ortes stehen, und einen, der zu Ehren des Schlagerstars Heino errichtet wurde - im Frühstücksraum der Pension Manhalter im Dammweg Nr. 3 . Vor einem Buntglasfenster steht dort ein weißer Schreibtisch, darauf zwei Nelken in langhalsiger Vase, links und rechts zwei ledergerahmte Bilder des Schlagerstars.

TREFFPUNKT DER HEINO-FANS

Der Haushalt bei der 52jährigen Hedwig Manhalter ist ein Treffpunkt der Allendorfer Heino-Fans. Und davon gibt es viele. Als beim ZDF die sechsteilige Sendung "Sing mit Heino" auf der Kippe stand, starteten Hedwig und ihr Mann Toni eine Unterschriften-Aktion im Dorf. Immerhin solidarisierten sich fast 800 Allendorfer mit Heino, zwei Drittel aller Einwohner. Per Einschreiben ließen sie es das ZDF wissen, Heino dankte "seinen Lieben" und sagte sich für den 24. März in Allendorf an; zum Konzert in der Ulmtalhalle, zur Übernachtung bei den Manhalters. Seither gibt es im Dorf kein Schaufenster ohne Heino-Plakat.

Gedämpft wurde diese Vorfreude, die den Ort beherrschte, am 17. Januar. Da beobachtete die Zeitungsbotin Kraus in den frühen Morgenstunden, wie zwei Polizisten vom Außenposten Ehringhausen in der Allendorfer Straße 11 den 65jährigen Ludwig Jantz in ihren Peterwagen bugsierten. Noch dazu in Hand-schellen und mit einem kleinen Köfferchen. Tags darauf dann beendete die Wetzlarer Neue Zeitung das vage Gemunkel der Dörfler mit einer alle erschrek-kenden Schlagzeile: Mutmaßlicher Massenmörder verhaftet.

BRAV UND DANKBAR

Man muss sich vorstellen, was das für Allendorf bedeutet. "Bei uns", so Ortspfarrer Karlheinz Potthoff, "sind doch nur rechtschaffene Menschen. Brav und dankbar." Die meisten fahren morgens um fünf nach Wetzlar ins Industriegebiet und bringen monatlich zwischen 1.200 und 1.700 Mark brutto nach Hause. Nach Feierabend hat fast jeder noch eine Nebenarbeit. Zum Beispiel am Fachwerkhaus, dessen schwarze Balken nachgeteert werden müssen. Selbst im vereisten Winter behält die Dorf-Idylle ihre wohlerträumte Ordnung.

Der jetzt verhaftete Ludwig Jantz kam vor vier Jahren hierher. Er kam aus Düsseldorf, das, wie er immer wieder sagte, in Nordrhein-Westfalen liegt. Er betonte das einfach deshalb, weil die Allendorfer vor allem zu Kohlenpott-Leuten Zutrauen haben. Jährlich erholen sich über 25.000 "Zechengäste" im Ulmtal. Mit ihren "Quar-tiergroschen" konnten die Allendorfer schon so manches auf die Beine stellen, ihren Märchenwald etwa und ein Legoland.

"AUS DER OSTZONE"

Mit seiner erklärten Zuneigung zum Pott gelang es Ludwig Jantz leichter, heimisch zu werden, als etwa dem zugereisten Arzt Dr. Koch und dem Ortslehrer Jung, die den Allendorfer Argwohn noch nicht ganz abzubauen vermochten. Obschon über zwei Jahrzehnte hier ansässig, heißt es hinter vorgehaltener Hand noch immer: "aus der Ostzone".

EIN SS-MASSENMÖRDER

Dass nun ausgerechnet "unser Herr Jantz" verhaftet wurde, war zunächst "eine Sensation, die schwer Staub aufgewirbelt hat", so sein Nachbar Emil Sattler. Dass Herr Jantz "eigentlich nicht so heißt und sogar in wilder Ehe leben soll, kann hier keiner so recht glauben. Schließlich hat er doch gültige Papiere, und seine Frau ist auf freiem Fuß", so die Wirtin Elfriede Kunz. Dass Herr Jantz ein "SS-Massenmörder sein soll, der aus lauter Lust und Laune Kinder, Frauen und Greise erschoss und hier untertauchte, "kann und darf nicht wahr sein", so die Metzgersfrau Irmgard Bremond.

Frau Bremond lebt schon seit 46 Jahren im Ort. Morgens um sieben Uhr steht die Mutter drei Kinder im Fleischerladen, abends zapft sie in der Wirtschaft Bier. "Nein", sagt sie nachdenklich, "wir haben schon viel erlebt - einen Makler, der sich als Gauner entpuppte, einen Zahnarzt, der mit 300.000 Mark Steuerschulden durchbrannte, und auch einen Rentnermord, doch die Täter saßen schon am nächsten Tag." Aber einen Massenmörder? Frau Bremond sagt, da helfe nur eines: "Abzugsfinger ab, Kopf ab."

Mit dieser Meinung steht die Metzgersfrau freilich ziemlich allein da. Zwar beherrscht die Verhaftung des Jantz das Dorfgespräch, aber an die Hintergründe, dass es sich um einen mutmaßlichen SS-Massenmörder handelt, will so recht keiner glauben. Ob im Edeka-Laden, bei Bäcker Erno Müller, bei Foto Grimm, im Elektrogeschäft Mandt, alle reagieren zunächst zaghaft-ängstlich, dann aber entschlossen offensiv, um die angenagte Reputation des Dorfes zu retten. Für Brigitte Müller, eine Endzwanzigerin im Verkehrsverein, "muss doch nun endlich mal Schluss sein". Und die Postbotin Schmidt, die Tag für Tag in Lastexhosen und Anorak ihre Runden zieht, wirkte Herr Jantz "ja geradezu liebenswürdig". Als die Beamtin zwei ältere Damen im Fenster bemerkt, ruft sie ihnen zu: "Stimmt doch, wir können über Herrn Jantz nichts Schlechtes sagen?" Vom Gegenüber tönt es zurück: "Ja, er ist nett und bescheiden."

"DASS MIR DER HUND DER LIEBSTE SEI ..."

Zu Hause bei den Nachbarn des Verhafteten, bei Emil und Anita Sattler in der Hauptstraße 9, hängt in der guten Stube der gerahmte Spruch: "Dass mir der Hund der Liebste sei, sagst du oh Mensch sei Sünde, der Hund bleibt mir im Sturme treu, der Mensch nicht einmal im Winde."

Über ihre Haustiere haben sich die Sattlers und die zugezogenen Jantzens vor vier Jahren angefreundet. Denn seltsamerweise verstanden sich Sattlers Jagdhündin Anka und der Kater Peter Bunsemann von Jantz auf Anhieb prächtig. "Die Sympathie zwischen den beiden ging sogar so weit, dass meine Anka für den Bunsemann das Kitekat apportierte", erzählt Sattler.

RUSSEN SCHIESSEN EINEN NACH DEN ANDEREN

Verständlich, dass auch die Nachbarschaftshilfe zwischen Haus Nr.11 und Nr. 9 gedieh. Sattler über Jantz: "Er ist ein Mann der hilft, wo er nur helfen kann." Schon früh morgens, wenn Hobbygärtner Sattler seine 75 Kilo schwere Fräsmaschine aus dem Stall holen wollte, kam Jantz im Pyjama und packte mit an. Er schmirgelte und strich den Nachbarn die Zäune, fuhr mit seinem Simca-Chrysler die Hausfrauen zum Supermarkt nach Wetzlar, und sein Telefon - das einzige im Straßenabschnitt - war mehr oder minder ein Gemeinschaftsanschluss.

Und nun auf einmal "soll unser Herr Jantz ein Mörder sein?" fragt Frau Sattler, "Nein", gibt ihr Mann die Antwort, "Rufmord ist das. Die Russen schießen hier einen nach dem anderen raus. Die wollen Europa kassieren wie eine faule Frucht. Die wollen, dass ihre Pferde einmal Wasser aus dem Atlantik saufen."

UNTER FALSCHEM NAMEN GELEBT

Die Limburger Oberstaatsanwälte Alfred Gerber, 53, und Norbert Winkler, 44, sehen das anders. Für sie ist der 65jährige Ludwig Jantz in Wirklichkeit der 61jährige SS-Unterscharführer Ludwig Klemm. Fünfzehn Jahre suchte die bundesdeutsche Strafverfolgung diesen Mann, sechs Jahre dauerten die Ermittlungen, und zwar zur Person und zur Sache. Wenn Ludwig Jantz im Oktober vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Limburg stehen würde (Az.: Js 12541/78), sollten insgesamt 39 Zeugen aussagen.

HERREN ÜBER LEBEN UND TOD

Begonnen hatte alles damit, dass der SS-Unterscharführer (Unteroffizier) Ludwig Klemm Anfang 1941 vom ostpolnischen Zamosc in die Kleinstadt Izbica abkommandiert wurde. Gemeinsam mit SS-Unterscharfführer Kurt Engels - er nahm sich am 31. Dezember 1958 in der Hamburger Untersuchungshaft das Leben - richtete Klemm eine GESTAPO-Außenstelle ein. Die beiden hatten die Aufgabe, im Ort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Denn in Izbica, einer Durchgangsstation für die Konzentrationslager, sollte vor allem die unbeteiligte Zivilbevölkerung unter Kontrolle gehalten werden. "Engels und Klemm", so Oberstaatsanwalt Winkler, "waren fast zwei Jahre Herren über Leben und Tod." Dabei gehörten die beiden zu keinem Exekutionskommando; sie waren nicht einmal für den Abtransport der Juden verantwortlich.

MÜTTER-BRÜSTE ALS ZIELSCHEIBE

Engels und Klemm sollen sadistisch gemordet haben - aus Fanatismus und Rassenwahn. Ein zehnjähriges Mädchen, das auf dem Marktplatz stand und nach seiner Mutter weinte, soll Klemm per Genickschuss getötet haben. Eine junge Frau mit drei Kindern habe er aus dem Haus geholt und die Mutter mit ansehen lassen, wie er ihre am Boden liegenden Kinder, die Gesichter im Dreck, erschoss. Anschließend soll Klemm die Brüste der Mutter als Zielscheibe benutzt haben. Ältere Juden seien in ein leerstehendes Haus gepfercht worden. Mit Handgranaten sollen Engels und Klemm Gemäuer und Menschen in Schutt und Asche bombardiert haben. Sie hätten ältere polnische Juden zu deren Friedhof gebracht - keiner von ihnen sei in die Stadt zurückgekehrt. Sie seien nachts in Wohnungen eingedrungen und hätten und hätten um sich geschossen. Wer von Engels und Klemm nicht den Hut zog, sei in Izbica ein toter Mann gewesen.

Wie viele Menschenleben Engels und Klemm damals auf ihr Gewissen lud, sei heute nicht mehr auszumachen. Für die Staatsanschaft können es 500, es können auch 1.000 Opfer gewesen sein. Die Staatsanwälte Gerber und Winkler reduzierten ihre Anklage auf zwanzig Punkte, mit denen sie einen lückenlosen Nachweis zu führen glauben.

MIT NEUER IDENTITÄT VERSCHWUNDEN

Doch in der Limburger Untersuchungshaft sitzt ein Mann, der bei all seinen Verhören nur stereotyp einen Satz von sich gibt: "Ich bin nicht Klemm, ich heiße Ludwig Jantz." Offensichtlich erinnert sich Ludwig Jantz alias Klemm nicht mehr an jene wirren Tage des Jahres 1945 in Thüringen, wo er seine erste Frau Hedwig Klemm wiedertraf. Bereits damals hatte er eine neue Idenität. Aus Ludwig Klemm, geboren 1917 in Odessa, war Ludwig Jantz, geboren 1913 in Freistatt/Westpreußen, geworden. Nach ein paar Wochen verschwand Klemm plötzlich und spurlos. Fünf Jahre wartete die verängstigte und wegen des Namenswechsels verunsicherte Frau vergebens auf die Rückkehr ihres Ehemannes, dann stellte sie einen Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz - vorsorglich auf beide Namen.

Ludwig Jantz will heute auch nicht mehr wissen, welche Unterlagen er in seinem Schreibtisch hatte, als die Kripo 1973 seine Düsseldorfer Wohnung durchsuchte. Es waren Aufzeichnungen über seine Eltern, Brüder und Schwestern und deren Adressen kreuz und quer in der Bundesrepublik. Denn seine neue Identität hat ihn offensichtlich nicht davon abgehalten, die Kemmsche Familienchronologie für sein Gedächtnis festzuhalten. Das war für die ermittelnde Kripo ein weiteres Indiz, in der mörderischen Sache auf der rechten Spur zu sein. Und dann war da noch der unstimmige Lebenslauf.

LEBENSLAUF: UNSTIMMIG

Als Ludwig Jantz will der Beschuldigte am 9. August 1913 in Freistatt/Westpreußen geboren worden sein. Das Einwohnermeldeamt in Freistatt: "An diesem Tag ist ein Ludwig Jantz nicht registriert." Seine Mutter, eine Wendlin Oestroem, soll in Zoppot geboren sein. Amtlicher Vermerk: "Nicht registriert." Im Jahre 1911 sollen seine Eltern in Freistatt geheiratet haben. Amtlicher Vermerk: "Nicht registriert." Er will mit seinem Vater, einem Holzhändler, in Zoppot in der Seestraße 8 gewohnt haben. Amtlicher Vermerk: "Nicht registriert."

IM HAUS VERSCHANZT

Für die Staatsanwälte wird eine Klemmsche Familienzusammenführung nach fast vierzig Jahren zu Prozessbeginn unvermeidlich sein. nur eine Frau bleibt davon ausgeschlossen. Nämlich die, die der angebliche Ludwig Jantz in Allendorf als seine Ehefrau ausgab, die aber tatsächlich Erna Boehlke heißt. Sie hat sich in ihrem Haus verschanzt. Ihre Augen sind rot unterlaufen, ihr Gesicht von den vielen Be-ruhigungsmitteln aufgedunsen.

Die Verhaftung ihres Lebensgefährten traf sie plötzlich unerwartet. Nicht einmal andeutungsweise habe ihr Gefährte ihr von seiner undurchsichtigen Vergangenheit berichtet. "Dabei haben wir uns alles gesagt, bei uns war nichts tabu", beteuert sie. "Wenn er etwas auf dem Kerbholz gehabt hätte, hätte er sich doch irgendwann einmal aussprechen müssen."

LANDFLUCHT

Für die frühere Angestellte hab es keinen ersichtlichen Grund, an Jantz zu zweifeln. In Düsseldorf, wo sie zuletzt lebten, war er als zuverlässiger Buchhalter bekannt. Als die Kripo 1973 seine Wohnung durchsuchte, lebte Jantz noch mit seiner zweiten Frau zusammen, die noch im selben Jahr an Krebs starb. Erna Boehlke kannte er schon seit 1958. Als er kurz nach dem Tod seiner Frau arbeitslos wurde, schlug Jantz der Erna Boehlke vor, gemeinsam aufs Land zu ziehen. Mit Erspartem kauften sie sich beide in Allendorf ein heruntergekommenes Bauernhaus. Zwei Jahre dauerte die Renovierung, Eine Heirat kam nicht in Frage, wegen Ernas Rente. Also spielte man für die Allendorfer das traute Ehepaar und konnte sich - er erhielt Arbeitslosen-unterstützung - im Sommer sogar Fahren an den Rhein, an den Bodensee und nach Liechtenstein leisten.

MOZART, BACH, CHOPIN

Am Dorfleben beteiligten sich die Zugereisten aus Düsseldorf nur soweit wie nötig. Beim Feuerwehrfest tauchten sie allenfalls als Zaungäste auf. Sie blieben lieber zu Hause, sahen Krimis oder hörten klassische Musik von Mozart, Bach, Chopin, aber auch die beliebten Opernchöre oder "Volkslieder aus dem Heimatland Ostpreußen". Gelegentlich las Jantz seiner Gefährtin auch etwas vor. Sein Lieblingsautor war Casanova.

EIN JAGDFLIEGER WIE RUDEL

"Ich kann das alles nicht fassen", sagt die Erna Boehlke und weint. Für sie war Jantz Luftwaffenpilot, "einer der ersten deutschen Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg". Und sie erinnerte sich noch genau, wie er über seine Kameraden sprach. Das letzte Mal über Oberst Rudel, der stand gerade in den Schlagzeilen. "Da hat Ludwig mir noch erklärt, dass der Rudel kein guter Flieger war. Dafür soll er aber besser geschossen haben als die anderen."

"Soll'n die mich doch gleich erschießen", hat er zu Erna Boehlke bei ihrem letzten Besuch in der Untersuchungshaft gesagt. Sie solle sich bloß nicht um ihn sorgen. "Er will nicht einmal, dass ich noch seine Wäsche wasche."

Frau Boehlke bringt mich bis vor die Tür des penibel renovierten Bauernhauses in Allendorf und blickt für einen kurzen Moment aufs Kopfsteinpflaster. "Da, erinnert sie sich, "lag im letzten Herbst ein Regenwurm. Den hat Ludwig aufgehoben und behutsam ins Gras gelegt. " - 42 Tage nach seiner Verhaftung erhängte sich Ludwig Jantz alias Klemm mit einem Bettlaken am Fensterkreuz seiner Zelle - eine Nachricht ließ er nicht zurück.









Mittwoch, 1. November 1978

Überwachungsstaat - Computerzugriff, Telefonkontrollen, Einbruch in Privatsphären - so gut wie nichts bleibt mehr vor Spähern geschützt
















Zeitschrift "konkret", Hamburg
1. November 1978



So konkret war der stern lange nicht mehr. Seine Redakteure Peter Koch und Reimar Oltmanns haben hier eine Serie über die systematische Zerstörung des Rechtsstaats Bundesrepublik erarbeitet, die alle Merkmale bester republikanischer Pressetradition trägt: Hartnäckige Recherche auch in Bereichen, die keinen öffentlichen Zugang gewähren (zum Beispiel Verfassungsschutz), aufklärisches Engagement und Phantasie. Was fehlt, ist die Analyse der polit-ökonomischen Bedingungen des präzise beschriebenen Marschs in den Geheimpolizeistaat. Aber, Genossen, wer wird von einem Ochsen verlange, dass er Milch gibt. Schluss der Serie (und des Buchs, in das auch einige zuerst in konkret erschienene Verfassungsschutz-Fotos aufgenommen wurden) ist eine Political Fiction, die beschreibt, wie die Bundeswehr-Generalität einen Putsch inszenieren könnte, indem sie nur die bestehenden Notstands-Gesetze extensiv auslegt. Am Ende wird der SPD-Chef "Willy Brunner" von der Sozialistischen Internationale in Paris stürmisch begrüßt, Olof Palme (*1917+1986), Bruno Kreisky (*1911+1990) und François Mitterrand (*1916+1996) gründen ein Komitee zur "Rettung der demokratischen Rechte in der Bundesrepublik Deutschland".

Donnerstag, 27. Juli 1978

Die bösen Geister in Deutschland




Deutschland in diesen Jahren. Das passiert ganz unspektakulär in dieser Republik, vergiftet das ganze Land. Auf der manischen Suche nach Radikalen spähen Verfassungsschützer Pastoren aus, bespitzeln Schüler ihre Lehrer, Bürger denunzieren ihre politischen Gegner von neben an, Betriebe durchleuchten die politische Gesinnung ihrer Arbeiter. Und selbst Linke verpfeifen immer wieder andere Linke. Brunnenvergiftungen vielerorts. Einschüchterungen ... ...

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stern, Hamburg
27. Juli 1978
von Reimar Oltmanns
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Für Alt-Nazi Kurt Ziesel (*1911+2001) , Herausgeber des ultrarechten "Deutschland-Magazin", sind Schriftsteller wie Heinrich Böll und Günter Grass "die geistigen Bombenwerfer". Der konservative Publizist Matthias Walden (*1927+1984) darf mit höchstrichterlicher Billigung weiter behaupten, Böll habe den Boden des Terrrorismus bereits durch "den Ungeist der Sympathie mit den Gewalttätern gedüngt". Gerhard Mayer-Vorfelder, Finanz-Staatssekretär in der Stuttgarter Landesregierung (1974-1976), hat den Nobelpreisträger Heinrich Böll aufgefordert, "das Land zu verlassen". Bremens CDU-Fraktionschef Bernd Neumann will für die exaltierten Verse des Lyrikers Erich Fried gleich die Endlösung; "Gedichte, wie die von Fried, gehören eigentlich verbrannt."

FEINDE ODER FREUNDE

Der CDU-Pauker Neumann, ein Radikaler im öffentlichen Dienst, der nicht vom Radikalenerlass betroffen ist, beweist, wie weit es nach sechs Jahren Radikalenerlass gekommen ist. Der radikale Erlass hat nicht nur über zwei Millionen junge Leute der Gesinnungsüberprüfung unterworfen und über 4.000 Bewerbern
für den öffentlichen Dienst Berufsverbot eingebracht. Die geistigen Auswirkungen der Berufsverbote haben auch das politische Klima der Bundesrepublik nachhaltig vergiftet. Unter dem Vorwand, der Staat müsse gegen Linksextremisten geschützt werden, treiben Verleumder und Denunzianten in allen Gesellschaftsbereichen ihr Unwesen. Zu ihren Opfern werden Lehrer, Pennäler oder Elternräte in den Schulen, Professoren an Universitäten, Manager, Angestellte und Betriebsräte in den Unternehmen, Pastoren und Gemeindehelfer in Kirchen. Der Radikalenerlass sortiert sie zur Linken wie zur Rechten - danach gibt es nur noch "Feinde" und "Freunde" der Verfassung.

NACHZENSUR

Bei den Schulbüchern ist der Radikalenerlass um eine subtile Variante bereichert worden. Zwar war es immer schon üblich, neue Schulbücher im Genehmigungsverfahren der Ministerien auch daraufhin abzuklopfen. ob ihre Inhalte die "freiheitliche demokratische Grundordnung" (FDGO) bejahen. Doch in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz werden seit 1975 immer mehr bisher erlaubte Lesestoffe einer rigorosen Nachzensur unterworfen.

Dabei handelt es sich nicht etwa um die antiquierte Geschichtsschreibung, die teilweise immer noch von den "polnisch besetzen Gebieten" zwischen Oder und Neiße ausgeht (Auer Verlag, Donauwörth, 1974) , sondern um bundesdeutsche Zeitgeister, die sich einen gesellschaftskritischen Blickwinkel angeeignet haben.

BIERMANN, FICHTE, FRIED UND CO.

So war "Brenders Deutsches Lesebuch, Bände 1-5", an den Gymnasien fast aller Bundesländer - auch in Bayern - eine Art Pflichtlektüre. Mit Schreiben vom 28. November 1977 forderte das bayerische Kultusministerium den renommierten Crüwell-Verlag in Dortmund auf, mehrere Texte auszumerzen, anderenfalls könne das Buch nicht mehr als Unterrichtsmaterial verwendet werden.

WEIHNACHTSMÄNNEROSTERHASEN


Anstoß genommen hatten die Münchner Kulturhüter an Wolf Biermanns "Ballade von dem Briefträger William L. Moore aus Baltimore". Im Untertitel heißt es: "Er protestierte gegen die Verfolgung der Neger, er wurde erschossen nach einer Woche." Biermanns Dichterkollege Hubert Fichte verärgerte die Bayern mit einer lyrischen Groteske über Festtags-Konsum: "Wenn die Weihnachtsmänner umgepresste Osterhasen sind, dann sind die Osterhasen umgepresste Weinachtsmännerosterhasen." Ein Essay des in London lebenden österreichischen Lyrikers Erich Fried (*1921 +1988) flog raus, weil es darin heißt: "Zu den Steinen hat einer gesagt: seid menschlich. Die Steine haben gesagt: Wir sind noch nicht hart genug." Auch eine harmlose Industrie-Reportage von Günter Wallraff passte nicht in die bayerischen Lehrpläne.

GESINNUNGS-TÜV

In Rheinland-Pfalz strich das Kultusministerium aus dem Buch des Frankfurter Hirschgraben-Verlages "Lesen - Darstellen - Begreifen", Ausgabe C für das 8. Schuljahr, Beiträge von Schriftstellern wie Bernt Engelmann ,(*1921+1994), - "Der König von Saarbein", ein Beitrag über die soziale Lage der Arbeiter um die Jahrhundertwende - , Peter O. Chotjewitz ("Malavita") sowie des Liedermachers Franz Josef Degenhardt ("Wiegenlied und Deutscher Sonntag").

VORZENSUR

Die Regierung des Ministerpräsidenten Hans Filbinger (*1913+2007) in Stuttgart indes legte eine noch schärfere Gangart vor. Sie traut ihren Lehrern künftig keine eigene Beurteilung des Unterrichts mehr zu. Schuldirektoren sollen das Lehrmaterial neuerdings vorzensieren - wohlbemerkt für Pädagogen, die bereits beim Verfassungsschutz im politischen Gesinnungs-TÜV waren und mit der begehrten FDGO-Plakette versehen wurden. Dennoch sieht das Kultusministerium weiterhin die Gefahr, "dass Schüler einseitigen Versuchen der Indoktrination" ausgesetzt sind.

MUSTER-LÄNDLE

Mit dem Grundsatzbeschluss des baden-württembergischen Ministerrats vom 18. Oktober 1977 wurde im "Muster-Ländle" ein Verfahren eingeführt, wonach "die Lehrer die Verwendung ergänzender Unterrichtsmaterialien der Schulleitung" zu melden haben, "um Missbrauchskontrollen zu erleichtern". Gleichzeitig wurden die Eltern ermuntert, "Verstöße und Missbräuche" anzuzeigen. Jene Eltern, die eigentlich vertrauensvoll mit den Pädagogen zusammenarbeiten sollen, werden von Amts wegen als Aufpasser eingesetzt.

ZWANGS-SEXUALISIERUNG

Eine Aufgabe, die die bayerischen Katholikenräte schon freiwillig übernommen haben. In ihrer Zeitschrift "Die lebendige Zelle" fordern sie Eltern auf, gegen "Zwangssexualisierung" und "politische Ideologisierung" ihrer Kinder vorzugehen. Was für die Katholikenräte im Schulalltag bedeutet: Eltern sollen die im Unterricht verwandten Texte als "Beweisstücke" ans Kultusministerium schicken, wenn ihnen irgendein Inhalt suspekt erscheint.

Die durch die Radikalen-Debatte ausgelöste und durch konservative Politiker geschürte Ängstlichkeit, die Schulen könnten bereits von "verfassungsfeindlichen Lehrern" unterwandert sein, hat im niedersächsischen Regierungsbezirk Osnabrück ebenfalls zu einem generellen Beschluss der Schulräte geführt, die damit die Anzeigepflicht verdächtigter Pädagogen festgelegt haben. Darin heißt es: "Bei Bekanntwerden von nicht verfassungskonformen Aktivitäten ist sofort Meldung zu erstatten, insbesondere dann, wenn solche Aktivitäten in Form von ideologischer, unmoralischer oder glaubensfeindlicher Beeinflussung im Unterricht festgestellt werden." Ob Eltern, Schulräte oder gar die Regierungen den Unterricht engagierter Lehrer mit "nachrichtendienstlichen Mitteln" ausspähen - der SPD-Politiker und Ex-Studienrat Erhard Eppler (1968-1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit) sieht schon seit längerem einen klaren Trend zur Resignation: "Es ist in manchen Lehrerzimmern schon ruhig geworden. Manche Pädagogen ziehen es vor, ihre Ansichten zu verschweigen, weil ein Klima des Misstrauens, der Heuchelei und der Unfreiheit herrscht."

AKTION: SCHULBUCH

Dem vorausgegangen war im Frühjahr 1977 eine bundesweite "Aktion Schulbuch" des CDU-Wirtschaftsrates. Unter dem Motto "Wachsamkeit - Preis der Freiheit " (Seite 1) oder "Machen Sie mit bei der Verteidigung unserer Ordnung" (Seite 2) forderten die CDU-Unternehmer Schüler, Eltern und Freunde auf, in einen Fragebogen "bedenkliche Buchpassagen" aus dem Unterricht und den Namen des Lehrers einzutragen. Denn für den Initiator, CDU-MdB Philipp von Bismarck (*1913+2006), "geht der Marsch durch die Linken auch durch die Schulen und Schulbücher". Was ihn stört: sozial engagierte Lehrstoffe oder die Verwendung des Kürzels "BRD" für "Bundesrepublik Deutschland".

"DIFFAMIERUNG - DENUNZIERUNG"

Parallel zum CDU-Wirtschaftsrat hatte außerdem eine Arbeitsgruppe des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) 270 Schullektüren durchforstet. Sie gab folgende Empfehlung: Zum "Bestandsschutz der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gegen emanzipatorische Schulbuchproduktionen" müsse insbesondere der Arbeitskreis Schule/Wirtschaft entgegenwirken, um die unter der Jugend verbreitete "ungesunde Skepsis und die dadurch entstandene Arbeitsunlust" abzubauen.

Und zu guter Letzt nahm sich das Institut der Deutschen Wirtschaft (IDW) 40 Sozialkundebücher vor. Seine Analyse: " Statt sachlicher Informationen enthalten viele Schulbücher klischeehafte, ungenaue Darstellungen, die durch Vorurteile genährt werden."

Das politische Ziel für die bundesdeutschen Unternehmer hat CDU-MdB Philipp von Bismarck (*1913+2006) in seinem Schreiben vom 15. März 1977 an die Mitglieder des CDU-Wirtschaftsrates abgesteckt. "Es geht uns darum, der weiteren Diffamierung und Denunzierung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in den Schulbüchern und anderen Lehrmaterialien nicht länger tatenlos zuzusehen. Wir wollen durch Eigeninitiative eine Tendenz zum Besseren mit herbeiführen. Die Stunde für eine solche Aktion ist in der gegenwärtig labilen bildungspolitischen Lage günstig ...".

AUFBRUCH PASSÉ

Vorbei ist es mit der Aufbruchstimmung, die vor zehn Jahren die Bildungspolitik erfasst hatte. Unter dem Begriff Chancengleichheit sammelten sich Pädagogikstudenten von damals, forderten Durchlässigkeit der traditionellen Schultypen von Gymnasium, Real- unmd Volksschule, engagierten sich für ein flexibles Kurssystem, das den einzelnen Schüler nach seiner individuellen Begabung fördert. Gesamtschulen entstanden, der Vorschul-Unterricht wurde populär, Deutsch avancierte für Gastarbeiter-Kinder zum Pflichtfach, und neue Lehrpläne sollten den Unterricht alltagsnäher und berufsbezogener gestalten (Gesellschafts- und Sozialkunde). In jeder Zeit ereignete sich in dem bildungspolitischen Entwicklungsland Bundesrepublik ein Novum: allmählich setzte sich auch Englisch als erste Fremdsprache an den Volksschulen durch.

IMAGE-FILME

Heute dagegen, so sehen es zumindest für Unternehmerverbände, sollen die Reformansätze wieder zurückgeschraubt werden. Um ihr Image an den Schulen zurechtzurücken, lässt die Industrie- und Handelskammer in Koblenz in den nächsten zwei Jahren zwölf Filme über die "Grundlagen der Marktwirtschaft" drehen. Kostenpunkt: 250.000 Mark; Vorführungsort: Gymnasien, Real- und Hauptschulen. "Ein richtungsweisendes und in der Bundesrepublik Deutschland einmaliges Projekt", schreibt Kammerpräsident Ludwig am 13. Mai 1978 an die Unternehmer. Außerdem können die Spenden "als Betriebsausgaben steuerlich geltend gemacht werden".

RÜSTZEUG DER UNTERNEHMER

Zum Rüstzeug der Unternehmer gehört ebenfalls ein Buch des Marktwirtschafts-Professors Wolfram Engels (*1933+1995) "Mehr Markt". Der CDU-Wirtschaftsrat kaufte gleich 10.00 Exemplare auf (Buchhandelspreis 16,80 Mark) und verschickte einen großen Teil als "gesellschaftspolitisch geeignetes Lehrmaterial an die Ortsverbände der CDU-nahen Schüler-Union, damit die Pennäler es mit andersdenkenden Lehrern aufnehmen können.

Und in kulturkämpferischer Manier warnte die "Niedersächsische Wirtschaft", das Verbandsorgan der Industrie- und Handelskammer Hannover/Hildesheim, Ausgabe Nr. 5/77 vor der neuen Schüler-Generation, die sich im Herbst 1977 bei den Firmen bewarb: "Man muss wissen, dass in Niedersachsen der erste Jahrgang der Gesamtschulen in die Betriebe zur Ausbildung drängt - ein Jahrgang der vielerorts Jahre planmäßig in Konfliktpädagogik trainiert worden ist von Lehrern, die sich nach eigener Aussage als Agenten einer totalen Gesellschaftsveränderung verstehen. Welche Saat wird in den Betrieben, die Gesamtschulabgänger aufzunehmen gedenken, aufgehen?

GRABENKRIEG DER ERWACHSENEN

Für manche Jugendliche ist der Grabenkrieg der Erwachsenen zum Vorbild geworden - und zwar in der Schule. An der hessischen Gesamtschule Friedberg verteilte die Junge Union Fragebögen an die Schüler: "Hast Du Respekt vor Deinem Schulleiter?" - "Kommst Du Dir als Versuchskaninchen vor?" - "Wirst Du von Deinem Lehrer politisch beeinflusst?"

In Hamburg hatte der 16jährige Johannes Barwinkel*, Aktivist der Jungen Union, nach einer Unterrichtsstunde zum Thema Terrorismus Fantasie und Wirklichkeit durcheinandergebracht. Er erzählte seinen Eltern - beide sind engagierte CDU-Leute -, sein Lehrer Wolfgang Breyer habe Formulierungen des früheren Anarchisten-Anwalts Horst Mahler (*1936 - Gründungsmitglied der terroristischen Rote Armee Fraktion [RAF] 1970, seit 2003 vorbestrafter Rechtsextremist und Antisemit) vorgelesen. Ohne Nachprüfung steckten die empörten Barwinkel der Hamburger CDU den "Terrorismus-Tip". Die Christdemokraten starteten daraufhin in der Vorwahlkampf-Phase der Bürgerschaftswahl 1978 im Hamburger Stadtparlament eine Große Anfrage. Die Opposition wollte vom SPD/FDP-Senat wissen, ob der Schulsenator endlich gegen Lehrer vorgehe, die Schüler "im linksradikalen Sinne indoktrinieren". Die Bild-Zeitung kam am nächsten Morgen mit der Schlagzeile heraus: "Skandal an Hamburger Gymnasium".

ALS RADIKALER SCHLAGZEILEN GEMACHT

Nur einer blieb ahnungslos: der betroffene Pädagoge Breyer. Er las an diesem Morgen keine Bild-Zeitung. Erst der Schüler Barwinkel klärte den arglosen Lehrer über seine taufrische Popularität auf: "Sie sind ja gestern in der Bürgerschaft groß als Radikaler erwähnt worden."

Die Folge der CDU-Anfrage: Lehrer Breyer geriet in den Schraubenstock der Schulbürokratie. Sein Quellenmaterial, seine persönlichen Aufzeichnungen wurden durchleuchtet. Gespräche mit Kollegium, Vortrag beim Direktor, Vorladung in der Schulbehörde. Monat um Monat verging. Der "Sympathisant Breyer hatte Angst: "Ich war verunsichert, denn ich wusste nicht, was aus meinem Fall wird."

Erst nach einem Vierteljahr rehabilierte die Schulbehörde den Pädagogen mit dem lapidaren Hinweis, er habe neben dem Spiegel auch das CSU-Organ Bayerkurier im Unterricht verwandt. Deshalb könnte von einer "linksradikalen Indokrination" nicht die Rede sein.

AUF EIGENE FAUST ANSCHWÄRZEN

In Düsseldorf ging die CDU-nahe Pennälertruppe "Bund Demokratischer Schüler" (BDS) vom Comenius-Gymnasium 1976 gleich direkt den Verfassungsschutz an. Der BDS-Vorstand machte im Jahre 1976 durch markige Sprüche auf sich aufmerksam, nachdem er sich entschlossen hatte, auf eigene Faust auf Radikalen-Hatz zu gehen.

Unter der Kampfparole "Gebt dieser linken Meute in Zukunft eine deutliche Absage" durchkämmten die Oberprimaner Schulklassen und Lehrerkollegium nach "Verfassungsfeinden". Ihr Anführer war der Schüler Hubertus Reygers.

RABATZ MACHEN

Als einmal DKP-Jugendliche und Juso-Schüler auf einer Versammlung gegen die CDU-Schüler Rabatz machten, liess Reygers Polizei in Mannschaftswagen anrücken. Er meldete auch ahnungslose Schulkameraden, die bei den Jungsozialisten mitmachten, dem Verfassungsschutz. Denn für ihn sind Juses "verkappte Kommunisten".

Im Herbst 1975 leitete Reygers Freund Christian Fischer über einen Mittelsmann ein Dossier an den Verfassungsschutz - und hatte in einem Fall Erfolg. Die Verfassungsschützer legten eine Akte über den linksorientierten Kunsterzieher Henning Brandis an. Vermerk des Verfassungsschutzes: "Anonym zugesandt".

BUNDESAMT FÜR VERFASSUNGSSCHUZ

Als der Spitzelfeldzug ruchbar wurde, wandte Reygers sich auf einem CDU-Briefbogen ("sicher, sozial und frei") an die Öffentlichkeit. Unter der Überschrift "SPD-Ortsverein kämpft für Kommunisten" kündigte der CDU-Schüler weitere Denunziationen an: "Der Bund Demokratischer Schüler greift zum letzten gravierendsten, aber für jeden echten Demokraten völlig legitimen Mittel: er informiert das Bundesamt für Verfassungsschutz."

Die CSU-nahe Schüler-Union in München ermahnte den bayerischen Kultusminister Hans Maier (1970-1986), "verfassungsfeindlich eingestellte Lehrpersonen an der Bundeswehr-Hochschule zu überprüfen, denn Bundeswehr-Schüler haben ebenso wie andere Schüler das eigentlich selbstverständliche Recht auf einen ideologiefreien verfassungsbejahenden Unterricht".

Zum Beweis ihrer Vermutung präsentierten die Union-Schüler der Öffentlichkeit eine Dokumentation über den Bundeswehr-Hochschullehrer Karlheinz Geißler. Sie fasst Äußerungen zusammen, die der Professor vor bereits acht Jahren gemacht haben soll. Demnach hatte Geißler in seiner Streitschrift "Gegen die positivistischen Bestrebungen in der Pädagogik" Stellung bezogen und gefordert, dass sich der "Wandel des Selbstverständnisses der Pädagogen und Erzieher vom gesellschaftsstabilisierenden zum gesellschaftsverändernden Moment" hin entwickeln müsse.

Auch habe der Professor für das Publikumsorgan "Initiativgruppe Fachschafts- und Sozialpädagogen" verantwortlich gezeichnet - und zwar mit der Adresse des damals "linksextremen" Asta in der Münchner Leopoldstraße 15.

MITVATER WILLY BRANDT

Einer der Mitväter des Radikalenerlasses, Willy Brandt (*1913+1992), fürchtet inzwischen, die Bundesrepublik könne ein Land werden, "in dem der Vater dem Sohn misstraut, der Nachbar den Nachbarn beargwöhnt, die Organe des Staates die Bürger ausspähen". Indes: Die Wirklichkeit hat Brandts Besorgnis schon längst eingeholt.

Eingeholt, weil es für die Staatsspäher mittlerweile kaum noch einen Tabubereich gibt und ihnen kaum noch eine zweifelhafte Methode unzulässig erscheint. Für den baden-württembergischen SPD-Landeschef Erhard Eppler (1973-1981 ) "ist in der Bundesrepublik ein unheimlicher Prozess in Gang gekommen, der eine ganze Generation in Gegensatz zum demokratischen Staat zu drängen droht."

VON BERUF: SPITZEL

Schulkinder, die nur einen unkonventionellen Gedanken äußern oder sich radikal gebärden, laufen Gefahr, in den Computer des Verfassungsschutzes eingespeist zu werden. Bayern Innenminister Alfred Seidl (*1911+1993) hat zugegeben, dass etwa 250 Schüler in Geheimakten des Verfassungsschutzes stehen. Und sein Pressesprecher Frieling hat sogar eingeräumt, dass auch Schüler als Spitzel angeheuert wurden. Die Voraussetzung: Sie müssen volljährig sein. Dieses Kriterium erfüllte die inzwischen 20jährige Marianne Weiß aus München schon 1977. Dabei führte ihr Weg nicht direkt zum Verfassungsschutz, sondern zunächst zur Studienberatung der Universität München. Sie wollte nämlich wissen, welche Möglichkeiten es überhaupt noch für den ohnehin schon überlaufenden Lehrerberuf gibt. Marianne Weiß: " Mir wurde gesagt, wegen meiner Funktion als Schulsprecherin sei mit Sicherheit eine Akte beim Verfassungsschutz vorhanden, die mir wahrscheinlich keinen Chance gebe. Beamtin zu werden."

BEZAHLTE SCHLEPPERIN

Doch mit der Studienberatung in Sachen Radikalen-Erlass gab sich die blondgelockte Abiturientin nicht zufrieden. Sie ging zum Verfassungsschutz und wurde von einem "Herrn Speer" empfangen. Zwar bestritt Staatsschützer Speer die Existenz einer Akte, zeigte sich aber gleichwohl zutraulich, dass er Marianne Weiß als "Informationsschlepperin" engagieren wollte. "So für 200 bis 300 Mark monatlich." Denn für den Verfassungsschutz zu arbeiten, sei immer sinnvoll. Sie könne "ihren politischen Aktivitätem freien Lauf lassen" - also weiterhin radikal sein -, und ihr würde daraus kein Nachteil entstehen. Marianne Weiß lehnte ab, über Schüler und Lehrer aus der Vergangenheit auszupacken und künftig ihre Kommilitonen und Professoren auszuspähen.

DATEN ÜBER HOMESEXUELLE

Der fragwürdige Grundsatz des FDGO-Statthalters Alfred Seidl, "für den politischen Extremisten darf es keinen Freiraum geben", bleibt jedoch nicht nur auf Bayern beschränkt. In Essen bestätigte auf einer Veranstaltung Ministerialrat Seichter, Öffentlichkeitsarbeiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, auch Daten und Angaben über Homosexuelle würden systematisch in den zentralen NADIS-Compuer (Nachrichtendienstliches Informationssystem) eingegeben und ausgewertet, wenn die betreffenden Personen Kontakte mit "geheimhaltungsbedürftigen" und "sicherheitsempfindlichen" Bereichen haben. Die Essener Homo-Gruppe "RAGE" vermutet hinter den Schnüffelaktivitäten vielmehr "den klammheimlichen Aufbau einer Riesen-Schwulenkartei, gegen die die früheren Registraturen nach dem Strafrechtsparagrafen 175 harmlose Zettelkästen gewesen sein dürften". Eine gesellschaftliche Diskriminierung, die mit der Liberalisierung des Sexualstrafrechts abgeschafft schien, hat demnach bei den Verfassungsschutzämtern immer fortbestanden. Wahrscheinlich deshalb, um eine vermeintliche "Erpressbarkeit" für die Behörden oder für andere Organisationen auszuloten.

SCHWARZE LISTEN

Im Grundgesetz garantierte Freiheitsspielräume wie die freie Berufswahl werden selbst von staatlichen Institutionen unterlaufen, die in der Öffentlichkeit von ihrem sozial-humanitären Anstrich leben und bei denen es niemand ohne weiteres vermuten würde - den Jugendämtern. Seit Jahrzehnten kursieren unter den jeweiligen Jugendbehörden der Bundesländer, zwischen Waisenheimen, Erholungsstätten und Kindergärten "schwarze Listen" über unbequeme oder missliebige Sozialarbeiter, Kindergärtnerinnen, die wegen permanenten Zuspätkommens entlassen worden sind; Sozialpädagogen, die politisch zu kritisch waren, Heimerzieher, die eigenwillig ihre Ziele verfolgten - sie alle landen auf der "Schwarzen Liste", die im Amtsjargon "Warnmitteilung" heißt. Natürlich nicht nur mit Namen, sondern auch mit den entsprechenden Informationen. So kann sich der Sozialarbeiter Roland Ferner* aus Buxtehude bewerben, wo er will, Zeugnisse und Referenzen einreichen. Eines ist ihm sicher: das heimliche Dossier eilt seinem Schreiben schon voraus."Es wird gebeten, vor einer etwaigen Einstellung bei der Regierung in Lüneburg nachzufragen." Denn spätestens beim Rausschmiss oder der Kündigung lassen die Heimleiter ihre "Warnsignale" los. Von dieser Praxis erfährt der Betroffene nichts. Er kann folglich auch keinen rechtlichen Einspruch geltend machen, weil er nicht einmal weiß, welche Fakten über ihn zusammengetragen worden sind. Und - dass die Heime sich bei Einstellungen neuer Fachkräfte ausschließlich auf die "Schwarze Liste" verlassen und danach die Bewerbung beurteilen, gesteht der für Niedersachsen zuständige Ministerial Klaus Rauschert ein. "Über die Warnmitteilung hinaus informieren sich die Dienstvorgesetzen leider nicht."

"FEINDE" FÜR VERFASSUNGSSCHUTZ

Eine Gepflogenheit, die einem Verfassungsschützer kaum passieren würde. Wenn es um diskrete Informationen geht, beauftragt der Verfassungsschutz selbst Verfassungsfeinde, unbescholtene Bürger zu überwachen. So wurde der Kommunist Wolfgang Wenzel, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses in Minden, vom NRW-Verfassungsschutz genötigt, Jugendorganisationen auszuspähen. Der Verfassungsschutz drohte dem DKP-Mann Wenzel Berufsverbot an, wenn er nicht als Spitzel arbeite.

Der Krankenpfleger ging deshalb zum Schein auf das Verlangen ein. Als der Fall aufflog, musste der Verfassungsschutz zugeben, dass er nicht nur Jugendverbände, sondern auch Gewerkschaften beobachten lässt. Dabei kann schon "so eine Panne wie der Fall Wenzel" vorkommen, erklärte der Präsident des NRW-Landesamtes für Verfassungsschutz, Christoph Graf von Hardenberg.

AUSHORCHEN VON NACHBARN

Das Bespitzeln von Nachbarn oder politischen Gegnern wird immer öfter zum Bürger-Hobby. Seit jeher hat der Handelsvertreter Herbert Land "in seinem Leben nichts mehr gehasst als die Kommunisten". Der Radikalenerlass gab dem CDU-Mitglied Land und dessen Frau Gisela die Rechtfertigung, eine Berufsverbots-Kampagne gegen den 36jährigen Bernhard Hanfland zu starten, einen Realschullehrer, der mit dem Mao-orientierten Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) sympathisierte. In der Schule verhielt sich der Pädagoge politisch neutral.

Der 42jährige Land kannte den denunzierten Pädagogen nur vom Sehen. Lands Kinder besuchten die Realschule Chorweiler, an der ihr Vater in der Schulpflegschaft mitwirkte und Lehrer Hanfland Sozialkunde und Sport unterichtete. Anfang 1976 nahmen Herbert und Gisela Land eine Unterschriftenaktion gegen § 218 zum Anlass, Hanfland zu beobachten und Erkenntnise über ihn zu sammeln. An einem Sonnabendmorgen verteilte der Lehrer vor einem Spupermarkt im City-Center Flugblätter für sein politisches Grüppchen. CDU-Land nahm eines mit und sah rot.

TOTENGRÄBER DER DEMOKRATIE

Anfang November 1976 schrieben die Lands aufgebracht an den Kölner Regierungspräsidenten. "Wie lange wird uns und unseren Kindern in der Realschule Chorweiler dieser 'Totengräber ' der Demokratie noch zugemutet? Was muss geschehen. um den 'Pädagogen' Hanfland aus dem Schuldienst zu entfernen? Können wir Eltern diesem 'Prediger' einer neuen kommunistischen Weltordnung unsere Kinder noch länger anvertrauen? ... Die Schule in Chorweiler muss wieder das werden, was sie von ihrem Auftrag her ist, und kein Tummelplatz für kommunistische Agitatoren."

MALLORCA-AGFAMATIC

Doch um Lehrer Hanfland zu feuern, mussten nachhaltigere Beweise her. Herbert Land. "Vier Monate habe ich fast nichts anderes gemacht, als diesen Typ zu beobachten. Dann hatte ich alles zusammnen." Gemeinsam mit der Politischen Partei, dem 14. Kommissariat, ging Land häufig auf Schnüffeltour. Flugblätter und Broschüren wurden eingesackt, Fotos geschossen - mal mit der Profi-Kamera der Polizei, mal mit Lands Mallorca-Agfamatic.

Gegen Hanfland wurde anoynm ein Strafantrag wegen Volksverhetzungen gestellt (14.K.Tgb.-Nr. 2434/76). Darin wurde dem Lehrer vorgeworfen, am 2. Februar 1976 in Köln-Seeberg, Karl-Marx-Allee, Flugblätter mit der Überschrift "Die Schule gehört in die Hand des Volkes" verteilt zu haben.

BERUFSVERBOT

Schließlich zeigte sich der Erfolg. Der Regierungspräsident in Köln belegte Bernhard Hanfland mit dem Berufsverbot, weil dieser "die Zweifel nicht ausräumen konnte, jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes einzutreten" - Proteste von Eltern der Hanfland-Schüler, die von den pädagogischen Qualitäten des Lehrers überzeugt waren und sich an dessen außerschulischem Sektierertum nicht störten, nutzten ebensowenig wie Eingaben der Lehrerkollegen.

BELOBIGUNG VON DER PARTEI

Vom Erfolg mit dem Schulrausschmiss berauscht, schrieb CDU-Mitglied Herbert Land einen Brief an CSU-Chef Franz-Josef Strauß (*1915+1988). Er beschwerte sich darüber, dass er in seinem CDU-Landesverband zu wenig Unterstützung bei der Jagd auf Kommunisten finde. Der Leiter des CSU-Büros, Dr. Wilhelm Knittel, antwortete am 17. 10. 1977 und bedankte sich im Auftrag von Herrn Strauß für den Land-Brief. Er sprach die Hoffnung aus, "dass es Ihnen, sollten sich ähnliche Fälle in Ihrer Gegend wieder ereignen, gelingt, doch noch die tatkräftige Unterstützung von örtlich oder sachlich zuständigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten der CDU zu finden."

Im Grundgesetz-Artikel 3 unseres "freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates" heißt es: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Der KBW, mit dem der gejagte Ex-Pädagoge und jetzige Hilfsarbeiter Hanfland sympathisiert, ist bis heute nicht als verfassungswidrig verboten.

TRIBUNAL GEGEN DIE FREIHEIT

Unter den Augen der Öffentlichkeit, doch von ihr nahezu unbemerkt, gerät die westdeutsche Szene immer mehr zum Tribunal gegen die Freiheit. Sie registriert Bürger-Denunziationen und Staatsübergriffe als vereinzelte Pannen - der Überblick fehlt, um das Dominospiel zu erkennen, das aus einem Verfassungsstaat freiheitlicher Grundordnung eine autoritäre Staatsverfassung mit gegenseitiger Bespitzelung seiner Bürger macht.

Die Auswirkungen der Radikalendebatte haben auch das politische Klima in der Kirche nachhaltig beeinflusst. Heute geht es schon längst nicht mehr um vermeintliche "Verfassungsfeinde". Schon werden Pastoren an den Rand der Legalität gedrängt, deren kirchliches Verständnis sich nicht mit der vorherrschenden Meinung deckt. Der Norderstedter Pfarrer Theodor Lescow ist zur Zielscheibe heftiger CDU-Attacken geworden, weil er auf der Suche nach der Wahrheit am Karfreitag 1977 eine unbequeme Meinung von sich gegeben hat. "Die Baader-Meinhof-Hysterie würde bei uns sicher nicht so hohe Wellen schlagen, wenn wir hier nicht ein paar Menschen gefunden hätten, an denen wir alle unser schlechtes Gewissen abreagieren können."

HETZ- UND RUFMORDKAMPAGNE

Statt das
Gespräch mit dem Pfarrer zu suchen, entfachte der CDU-Ortsverband mit Rückendeckung des Kieler Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg (*1928+2001) eine Hetz- und Rufmordkampagne: "Dieser Pastor predigt nicht mehr das Wort Gottes, sondern das des Teufels". erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Würzbach (1976-2002). Und in einem Flugblatt stachelte die Unionspartei die Gemeindemitglieder gegen den Pfarrer auf: "Von Staeck bis Wallraff, vom Halmkriminellen RBJ bis zur linksgesteuerten Anti-Atom-Initiative - sie alle trafen und treffen sich dort. (Schalom-Gemeindeaus, d. Verf.) Und Herr Lescow gibt seinen 'Segen' dazu." Und prompt schreibt die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung im Oktober 1977, Lescow "verunglimpfe als linksextremer Pfarrer die Union".

PFARRGESETZ


Wie erfolgreich der Unionsbeschluss ist, beweist die Reaktion der nordelbischen Kirchenleitung in Kiel. Sie hat dann auch dringend den Pastor aufgefordert, seine Äußerung in aller Form zurückzunehmen" und Lescow an das Pfarrgesetz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands erinnert, die jedem Seelsorger vorschreibt, "die Grenzen zu beachten, die sich für Art und Mass seines politischen Handelns ergeben". Dabei haben die Kirchen-Oberen keine Scheu vor doppelbödiger Argumentation. Zwar verkünden sie, dass ihnen "in jüngster Zeit ein Klima zunehmender gegenseitiger Verdächtigungen Sorge bereite", gleichzeitig aber schreckt diese Sorge die nordelbische Kirchenleitung nicht ab, mit einem spektakulären Polizei-Großeinsatz das Hamburger Martin-Luther-Haus der evangelischen Studentengemeidne (ESG) räumen zu lassen. Anlass für die Polizeiaktion war die friedliche Besetzung des Hauses durch ESG-Mitglieder,die über die Schliessung ihres wöchentlichen Treffpunkts während der Semesterferien im Foyer diskutieren wollten.

KIRCHE ALS SCHARFMACHER

Die friedliche und gelassene Stimmung dieses Treffens veranlasste die Polizei, sich dezent zurückzuhalten. Doch die Kirchenbürokratie heizte den Konflikt unnötig an. Mit einem Strafantrag wegen Hausfriedensbruch zwang sie die Polizei zur Räumung
des Gebäudes. In den frühen Morgenstunden des 20. Juli 1978 nahmen 50 Polizisten daraufhin 35 übernächtigte Jugendliche fest, um sie erkennungsdienstlich zu behandeln. Auf diesen ersten Polizeieinsatz gegen kirchliche Protestgruppen in Hamburg reagierte die Mehrheit der Pastoren einhellig. "Man fasst es nicht". Freiheit in Deutschland - Amen.



























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Name auf Wunsch des Betroffenen geändert