Donnerstag, 6. Mai 1976

Aus deutschen Landen - Rotwein, Runen, Rechtsradikale










































Aus den deutschen Landen Unverdautes frisch auf den Tisch - unverbesserliche Möchte-Gern-Germanen, die auf Götter mit sechs Fingern und auf eine rechtsradikale, nationale Wende der Nation warten

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stern, Hamburg
6. Mai 1976
von
Reimar Oltmanns
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Bruder Wali zündet die Kerzen an, Schwester Ostara die Weihrauchstäbchen. Bruder Mimir stellt ein hölzernes Runensymbol auf den Altar. Und Bruder Forseti legt einen schmiedeeisernen Thor-Hammer als Zeichen der Fruchtbarkeit dazu. Die Germanen feiern ihr "Nerthus-Thing" - das Erntedankfest.

Ort der Handlung: Bad Meinberg im Lippischen. Zeitpunkt: 16. Oktober 1976.

Zwei Dutzend "Germanen" zwischen drei und 78 Jahren im Hinterstübchen des "Hotel zur Post", Luren- und Trommelmusik vom Tonbandgerät. Zwei Männer im grünen Gewand mit aufgenähtem Runenzeichen huldigen den Göttern Odin, Thor und Freya. "Omi-odin-omi-odin, har! Here.here har", raunt Bruder Wali. "In fünf Jahren werden die Götter mit 40 Drachenschiffen nach 3000 Jahren Abwesenheit wieder zur Erde kommen", prophezeit Bruder Donar. "Lasset uns hier in Bad Meinberg, an den Externsteinen, ein Haus bauen, um unsere Götter empfangen zu können."

GÖTTER MIT SECHS FINGERN

Schwester Ostara fragt: "Wie werden wir sie erkennen? Bruder Donar: "Wir müssen auf ihre Hände achten. Sie haben nicht fünf, sondern sechs Finger."

Die Versammlung ist mit dieser Antwort zufrieden. Die Kinder sind es auch, als Oma Ostara am Altar Platz nimmt, um das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich zu erzählen.

Nächster Programmpunkt; Trankopfer. Bruder Wali schreitet zum Altar, holt eine Flasche Amselfelder Rotwein (Jugoslawien) aus der Aktentasche, spricht feierlich: "Heil Erdmutter Herta! Allvater Odin! Heil Asen und Wanen!" und gießt einen Schluck in ein Sinalco-Gas, das er sich vom Wirt geliehen hat.

NAZI-VERBRECHEN

Gastwirt Oppermann, der nicht wusste, an was für eine Sekte er sein Hinterstübchen vermietet hat, fasst sich an den Kopf. Der Weihrauch zieht durchs ganze Haus und stört die anderen Gäste im Biedermeier-Zimmer beim Essen. Oppermann will sich beschweren, kommt aber nicht zu Wort. Die Germanen singen gerade: "Üb immer Treu und Redlichkeit." Für Bruder Wali der Auftakt zu seiner Rede über "Die Erdmutter und ihre Kinder", in der er die Nazi-Verbrechen beschönigt. "Ich kann nur laut lachen, wenn ich sehe, wie die größten Menschenopferer Gräueltaten über ihre Feinde verbreiten. Neun Millionen hilfloser Menschen hat die Kirche in ihrer Blütezeit als Hexen und Ketzer ermordet, 30 Millionen hat der Kommunismus auf dem Gewissen. Glaubt mir, ich sage die Wahrheit." Dann weissagt Bruder Donar: "Ich sage euch, der Weltuntergang steht bevor. Denn die Götter kämpfen mit Waffen, die heller sind als die Sonne." Bruder Forseti, Vegetarier wie die meisten dieser Germanen, warnt: "Ich sage euch, solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben."

WEIHRAUCHSTENGEL

Mittagszeit: Schwester Urdine drückt die Weihrauchstängel aus, die Männer legen ihre grünen Umhänge ab. Bruder Wali ist wieder Wolfgang Kantelberg, aus der NPD ausgeschieden, weil sie ihm zu links war, aktiv in der rechtsextremen "Aktion Widerstand". Schon einmal festgenommen, weil er in die Düsseldorfer Staatskanzlei des Ministerpräsidenten Heinz Kühn (1966-1978 - *1912+1992) mit Gewalt eingedrungen war. Aus Bruder Mimir wird Günter Sadlowski, Bauingenieur beim Stadtbauamt Krefeld und Ex-Funktionär der NPD. Bruder Forseti entpuppt sich als Alfons Libisch, einst SS-Mann und nach eigenen Angaben Blumen-Gärtner im Konzentrationslager Auschwitz ( 1940-1945).

DER GÄRTNER VON AUSCHWITZ

Kaum hat der 57jährige Libisch seine Suppe ausgelöffelt, holt er seinen Personalausweis aus der Tasche und zeigt seinen Mitgermanen, wie er über den Bundesadler einen Davidstern gemalt und aus der "Bundesrepublik Deutschland" eine "Jüdische Bundesrepublik Deutschland" gemacht hat. Dann erzählt der Gärtner von Auschwitz: " In den KZs war Ordnung und Sauberkeit. Da waren mehr Blumen als in einem Park eingepflanzt. Es ist die größte Lügengeschichte dieser jüdischen Räuberbande, dass ihnen dort ein Haar gekrümmt worden ist. Ein Sozialdemokrat hat sich bei mir sogar über seinen neunjährigen Aufenthalt bedankt."

"ÖFEN FÜR BRÖTCHEN ZU KLEIN"

Die Tafelrunde nickt beifällig. NPD-Sadlowski weiß: "Die Öfen waren ja fast für die Brötchen zu klein, Wie sollten denn da Menschen reinpassen." Und "Widerstandskämpfer" Kantelberg fragt empört: "Wie sollen wir unsere Volksgenossen von der Wahrheit überzeugen, wenn schon die Frau des Bundeskanzlers ungestraft 'Loki' heißen darf? (Loki Schmidt, Frau von Helmut Schmidt 1974-1982) . Loki: Feuergott und Gegenspieler des germanischen Hauptgottes Odin [Wotan]). Denn Loki ist für mich die Feuerhexe."

SEXUELLE ENTHALTSAMKEIT

Am Nachmittag steht "Meditation" auf der Tagesordnung. Wieder Kerzen, Weihrauch und Ordinsprüche. "Wer völkisch-national in der Welt etwas ändern will", verkündet Bruder Wali , "muss Spannkraft besitzen. nur sexuelle Enthaltsamkeit fördert die Konzentration." Seinen Brüdern und Schwestern präsentiert Wali nun einen Love-Tester, einen Liebesmesser aus Japan, dessen zwei Kontakte mit beiden Händen angefasst werden müssen. Wer ein ausgiebiges Liebesleben gehabt hat, erreicht, so Wali, höchstens Werte zwischen 20 und 40 Punkten auf der Skala. Wer enthaltsam lebt, kann mit Werten zwischen 100 bis 12o Punkten rechnen. "Nur solche Leute sind für unseren Kampf brauchbar", belehrt Wali seine Zuhörer. Deshalb soll jetzt jeder mit dem Love-Tester überprüft werden. Zwei junge Mädchen drücken sich leise aus der Stube.

LOVE-TESTER

Da geht Sex-Tester Wali eben zur Schwester Urda. Die 73jährige streckt ihm ihre faltigen Hände entgegen. Die Germanen warten gespannt auf das Love-Resultat der schlohweißen Oma: Doch über 40 Punkte kommt sie nicht. Bei der 76jährigen Schwester Ostara bleibt die Nadel sogar schon bei der Marke 20 stehen. Geraune im Hinterstübchen. Bruder Wali stimmt gleich wieder an "Omi-odin-omi-odin-har! Here-here har!"

RECHTSRADIKAL ÜBER RELIGION

Er und seine Gefolgsleute sind überzeugt, dass die Jugend für den Rechtsradikalismus "nur noch über die Religion zu gewinnen ist". Deshalb wollen die Odin-Brüder und Freya-Schwestern es den Krischna-, Guru- und Moon-Sekten nachmachen, die mit Meditation und dem Traum von einer heilen Welt immer mehr Jugendliche verführen. Nur mit einem Unterschied. Wali: "Bei uns muss niemand etwas bezahlen. Keiner wird bei uns ausgebeutet." Um der Pseudo-Religion ("Wiedergeburt der germanischen Religion") etwas Geheimnisvolles zu geben, tauften die Neo-Germanen ihren Kult-Verein "Gylfiliten" nach dem ersten sagenhaften Germanenkönig Gylfi.


EHEPARTNER FÜRS LEBEN

Die Gylfiliten-Truppe - die sich erst kürzlich vom größten Germanenverband "Goden" (4oo Mitglieder) abgespalten hat - will nicht nur Kult und Politik unter einen Hut bringen, den möglichst blauäugigen Jugendlichen sollen auch Ehepartner fürs Leben vermittelt werden. Natürlich germanisch-international. So in ihrem Mitteilungsblatt Odrörir, Nummer 10: "Plötzlich stand er bei uns vor der Türe, ein Hüne über zwei Meter, schlank und nordisch ... Persönlich leidet der kühne Schwede etwas daran, unverheiratet zu sein. Jeder Mensch möchte ja Familie haben. Vielleicht kennt der eine oder andere jemanden. Er ist knapp über dreißig und ortsungebunden." Oder: "Zeitsoldat und Gylfilit, 22 Jahre, wünscht zwecks späterer Heirat nettes Mädel (Kinder kein Hindernis), Hobby Reisen."

FRUCHTBARKEITS-HAMMER

Mit Reisen und Wandern wollen die Gylfiliten auch die Abenteuerlust der Schüler ansprechen. So zu dem germanischen Heiligtum auf den Externsteinen im Lippischen Land, zu denen sie am nächsten Tag um 6 Uhr in der Frühe aufbrechen. An der Spitze des Zuges laufen die Brüder Wali und Mimir, mit Feuerschale und grünen Gewändern unterm Arm. Dahinter Walis Frau Angelika, die Kinder Thora, 7, Thorsten,5, und Thorwald, 3. Auf der Felsspitze gibt Vater Wali mit dem Fruchbarkeitshammer seinen verschlafenen Kindern den ersten Gylfiliten-Segen. Spiritus-Flammen lodern aus der Feuerschale. Wieder Trankopfer mit preiswertem Balkan-Rotwein. Die bundesdeutschen Germanen zückten die Messer zur Waffenweihe. Wali intoniert: "Omi-odin-omi-odin hare"

HECKSCHEIBE MIT HITLER-BILD

Er ist glücklich, alles läuft, wie im Festprogramm geplant. Nur die Sonne, die anzubeten sie die Exsternsteine erstiegen, kommt nicht hervor. Alles bleibt im Nebel. Als die Sonne dann durchbricht, ist von den Gylfiliten nichts mehr zu sehen. Sie sitzen wieder im Hinterstübchen des Hotels zur Post am Altar.

Vor dem Hotel steht der VW-Transporter des Bruders Forseti. Er hat an die Heckscheibe ein Hitlerbild gehängt und einen Spruch: "Ich, einer der von den Letzten und den Alten, /Will treu zu Dir, der einst uns führte, halten./ ... Ich bleibe unsern hehren Zielen treu. / Mein letzter Stolz ist: Ich war auch dabei."




Donnerstag, 25. März 1976

Die Bürgerkriegsarmee oder ein General im Notstand - inneren Notstand























































Als Bundespolizei proben die Grenzer den inneren Notstand, jagen Rauschgiftkartelle, Terroristen und besch
ützten Politiker. Als paramilitärische Truppe halten die einstigen BGS-Elite-Soldaten mit dem alten Wehrmacht-Stahlhelm den Kommissgeist von gestern hoch - seit mehr als sechs Jahrzehnten. Daran mögen kriminal- polizeiliche Ermittlungskompetenzen - Laptops und Handys wenig ändern. Im Juli 2005 wurde der BGS in Bundespolizei umbenannt.
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stern, Hamburg
6. Mai 1975
von Reimar Oltmanns
und Cornelius Meffert (Fotos)
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V o r b e m e r k u n g :
EIN GENERAL IM NOTSTAND
Wie Brigadegeneral a. D. Paul Kühne besetze Häuser und Straßenbahnschienen durch BGS-Truppen räumen lassen würde:
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"Ein widerrechtlich besetztes Haus in Hannover sollte früh morgens geräumt werden. Ich habe nicht darüber nachzudenken, ob die lieber hätten drin wohnen bleiben sollen, weil sie keine Wohnung haben. Das ist ja für uns alles völlig uninteressant. Es kriegt da einer den Befehl: Dieses Haus ist dann und dann zu räumen. Aus! Schluss! Nicht ? Klar? ...
Die Polizei, die das machen sollte, das war keine Truppe, Die wurde also um x Uhr auf einen Platz bestellt. Da kam nun der eine aus der Gartenstraße, der eine aus der Bismarckstraße. der eine aus der Marktstraße mit Privat-Pkw wie sonst auch zum Dienstantritt ... ...
Und die Leute, die da gelüftet werden sollten. die guckten sich das von oben an. Eine Grenzschutzhundertschaft hätte das anders gemacht. Sie wäre zu dem geheimgehaltenen Zeitpunkt mit etwas Gemacht und Motorenlärm überraschend in der Straße erschienen und hätte zumindest den Überraschungseffekt gehabt ... ...
Anderes Beispiel: Straßenbahndemonstration in Hannover. Wäre was gewesen für uns. Ich hab' dann je nach Wetterlage Mantel angezogen, Hut auf, in Zivil natürlich, und mich dazwischengestellt und mir das angeguckt, wie sich die gesamte Polizeireiterei mühsam bemüht hat, Schienen freizuhalten. Wie eine Phalanx von wieviel hundert hochbezahlten Meistern, gemischt mit 'ner Hundertschaft Bereitschaftspolizei - dieser irrsinnige Aufwand.
Da muss man den Mut haben, mit wenigen Kräften vielleicht ein wenig härter vorzugehen ... Ich habe mir immer eingebildet, wenn der Bundesgrenzschutz als nächstes Mittel kommt nach der Polizei, dann muss das ein etwas härteres Mittel sein. Wenn Grenzjäger die Beurteilung der Lage schriftlich machen muss und seine sämtlichen Paragraphen nachblättern muss, dann kommt er nicht mehr zu einem effektiven Einsatz ...".
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Der Panzerwagen stoppt mit einem Ruck. Aus der Luke klettert ein junger Grenzjäger, springt auf die Straße, nimmt zackig Haltung an. "Herr Oberleutnant, melde mich zurück, Auftrag ausgeführt. Hier ist der Schraubverschluss für die Waschmaschine ihrer Frau." Harald Hirsemenzel , Abteilungskommandeur des Bundesgrenzschutzes (BGS) im niedersächsischen Uelzen, lächelt und steckt den Schraubverschluss in die Tasche. Dann lässt er den Grenzjäger abtreten. "Disziplinlosigkeit", sagt Hirsemenzel stolz, "gibt es bei uns nicht.
BIS AUF DIE KNOCHEN MOTIVIERT
Die Jungs, die zu uns kommen, sind bis auf die Knochen motiviert" - selbst wenn es um private Einkaufsfahrten für die Offiziersfamilien geht. Ob im Einsatz oder in der Kaserne - wenn Oberstleutnant Hirselmenzel vom Leder zieht, nicken seine Untergebenen sofort beflissen mit dem Kopf. Nachdenklichkeit - gar Widerspruch ist verpönt. Auch in der Hundertschaft , in der die Grenzjäger Krause, Gerich und Hartmann Dienst tun. In der grünen Truppe sind die jüngsten Kameraden gerade 16 Jahre alt, die ältesten keine 19. Fast alle wollen zwischen vier und zwölf Jahre Gewehr bei Fuß stehen. Für sie, die gerade die Realschule hinter sich haben, ist der Grenzschutz ein männlicher Erlebnisberuf mit Fahrten durch reizvolle deutschen Landschaften - Streifendienst vermittelt Naturverbundenheit - , ein Quell seelischer Ausgeglichenheit" (so ein Werbetext für den Bundesgrenzschutz )in diesen Jahren.
KARRIERE MACHEN
Die Erwartungen des Grenzjägers Krause sind höher gesteckt. Er möchte Karriere als Bundespolizist machen ("Im ganzen Bundesgebiet, manchmal in Europa im Einsatz, Tag wie Nacht"). Kollege Gerlach denkt vor allem an die sichere Existenz in Jahren der Arbeitslosigkeit:" Hier verdiene ich schon jetzt über 700 Mark netto, bald werden es über 1.000 sein, und ohne Job werden wir beim Staat bestimmt nicht sein, ganz gewiss nicht." Kamerad Hartmann gefällt es zudem beim Grenzschutz, dass er spritziger und schlagkräftiger als die Bundeswehr zu sein scheint: "Wir kommen einfach schneller zum Zuge."
WELTKRIEG-II-STAHLHELM
In den Spinden der drei Grenzjäger liegen zwei Helme griffbereit - je nach Feindlage. Der Weltkrieg-II-Stahlhelm aus den Millionen-Restbeständen des Tausendjährigen Reiches für den äußeren Feind an der damaligen DDR-Grenze. Ein Helm als Symbol für die Truppe - auch nach der Uniform-Reform von 1976 immer wieder neugespritzt, so dass wenigstens sie ein hohes "Einsatzalter von nahezu 50 Jahren" erreichen konnten ; und für den inneren Feind hingegen der Polizeihelm mit klappbarem Visier für Randale und inneren Notstand im Land.
NATONALE VOLKSARMEE
Zur Erinnerung: Der äußere Feind, die Nationale Volksarmee der DDR, (NVA) patrouillierte täglich hinter Stacheldrahtverhauen, Selbstschussanlagen Typ SM 70 und neuen Metallgitterzäunen - für die Grenzschützer kaum sichtbar und weit vom Schuss. Jedenfalls war die NVA bis zum 10. November 1989 - dem Tag des Mauerfall in Berlin und der DDR-Grenzöffnung zum Westen - an der so genannten Staatsgrenze bis auf die Zähne schwer wie scharf bewaffnet. Bis zu jener Zwei-Staaten-Wende sollten Schaufensterpuppen in NVA-Uniform und mit dem Schnellfeuergewehr "Kalaschnikow" im Anschlag den 18jährigen Grenzern das richtige Feindgefühl vermitteln; als Demonstrationsobjekte sozusagen. BGS-Hauptmann Severin: "Die psychologische Wirkung, die unsere Pappkameraden auf die Truppe ausüben, sollte niemand unterschätzen."
STUDENTEN-UNRUHEN
Für den Einsatz bei Unruhen, sit-ins, Straßenblockaden werden die Grenzschützer seit den Studentendemonstrationen der Jahre 1967/68 gedrillt; als überall schnell einsetzbare Bundespolizei. Die Initialzündung lieferte die Verabschiedung der Notstandsgesetze, auch der Bundeswehr im Inneren des Landes einen Marschbefehl erteilen zu können. Die erste Operation war jedoch keine Straßenschlacht, sondern ein Misserfolg. Der BGS konnte nicht verhindern, dass der Überfall der palästinensische Terror-Organisation "Schwarzer September" auf die israelische Olympia-Mannschaft am 5. September 1972 in München im Massaker von Fürstenfeldbruck endete. Damals nahmen die Terroristen elf Athleten der israelischen Mannschaft als Geiseln. Zwei wurden sofort direkt erschossen; bei den anderen scheiterte ein unzulänglicher BGS-Befreiungsversuch. Insgesamt kamen auf dem Flugplatz zu Fürstenfeldbruck 17 Menschen ums Leben. Seither gehört jedenfalls die Terroristenbekämpfung zu den wichtigsten, eigentlich zentralen Ausbildungszielen der 21.000 Mann starken Elite-Truppe des Bundes.
TODESSCHÜTZEN, KARATEKÄMPFER
Todesschützen, Karatekämpfer, Rallyefahrer, "junge Menschen, die überhaupt kein Risiko scheuen, die aus 30 Meter Höhe aus dem Hubschrauber gehen" (FDP-Innenminister Werner Maihofer (1974-1978), "sind unsere absolute Elite" (Brigadegeneral Fritz-Erhard Herrmann). Wer einmal den Durchbruch nach oben schaffen will, "muss sich schon als 16jähriger daran gewöhnen, dass ihm der Polizeischutzschild unterm Bett näher ist als die eigene Zahnbürste im Waschraum", tönt Brigadegeneral Paul Kühne, der bei dem großen verheerenden niedersächsischen Waldbrand im Sommer 1975 Schlagzeilen machte: "Viele an der Spritze, keiner an der Spitze."
TRUPPEN-FORMATIONEN
Um für den Einsatz bei Unruhen wie Terroranschlägen, Streiks, Protestdemonstrationen, Blockaden gerüstet zu sein - sind jugendliche Massenaufläufe stets Ernstfälle. Alarmsignal. Sirenen heulten bei den militanten Krawallen um die Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens 1982. Sirenen heulen alljährlich immer wieder , wenn Kernkraftgegner mit Barrieren, Barrikaden den Stopp hoch radioaktiver Atommülltransporte abgebrannter Brenn-Elemente aus Frankreich zu erreichen suchen. Gesinnungs-Widerstand. Dort, wo die Politik konzeptlos dahindümpelt, keinen inneren Frieden ermöglicht - sind die Stunden der Gewalt nah, in Gorleben bei jener Halsstarre unausweichlich. Es sind junge BGS-Bundespolizisten, die den zivilen Widerstand zu brechen haben; zehntausend Uniformierte - im Jahre 2008: Schlagstöcke, Tränengas , Wasserwerfer . Beizeiten haben die jungen BGSler während ihrer Ausbildung zu lernen, "wie sie gegen tollwütige Menschen, die beißen, kratzen, spucken, schlagen und mit Steinen schmeißen" (Hauptmann Heinen), wie "gegen solche Pöbel in Truppen-Formation aufgeräumt wird". Kamerad Hauptmann Schwärzel: "Das wird geübt, bis es sitzt. Dann bricht keiner mehr aus der Kette". Tag für Tag trainieren sie das "Auf- und Absitzen" vom Mannschaftswagen - immer mit denselben Kameraden, immer dieselben Handgriffe, immer wieder dieselbe Knüppel, Wagentür auf, Wagentür zu, Formation stillgestanden. Visier runter, Marsch. Schnelligkeit ist Trumpf.
MASCHINEN-PISTOLEN IM ANSCHLAG
Bei der Schießausbildung im Übungsgelände Uelzen-Hainberg liegen die jungen Soldaten oft bis zu drei Stunden mit der Maschinenpistole im Anschlag. Keine Bewegung, kein Schuss fällt. Dann, in der 184. Minute, passiert endlich etwas. Ein Tor springt auf, eine Puppe gerät ins Schussfeld. Schon die erste Kugel muss für den Gegner tödlich sein. "Konzentration ist alles", bemerkt Hauptmann Severin, "Scharfschützenmedaillen, die unsere Jungs sich an die Brust heften können, würden sie noch beflügeln."
POLIZEI-KAMERAS ÜBERALL
Keine Geiselnahme oder Straßenschlacht, die ein BGS-Kamerateam auslässt. Wirklichkeitsnahes Anschauungsmaterial ist bei den Einheiten sehr gefragt. Die Einsatzreserve des Bundes probt in zahllosen Manövern den Ernstfall. So im niedersächsischen Bodenteich (BGS-Spruch: "Im ganzen lieben Deutschen Reich gibt es nur ein Bodenteich"), wo sich zwei Hundertschaften feindlich gegenüberstehen. Die eine soll mit Hubschraubern, Wasserwerfern, Panzerwagen, Nebelkerzen und Schlagstöcken die "innere Sicherheit" Deutschlands garantieren. Die andere will mit Farbbeuteln, langen Latten, Steinen und faulen Eiern eine Straßenschlacht anzetteln.
KORPSGEIST BIS INS KRANKENHAUS
Am Ende solcher Manöver finden sich Grenzjäger oft zur ambulanten Behandlung im Krankenhaus wieder. "Korpsgeist, das Gefühl zu einer Truppe zu gehören, ein und dieselbe Sprache zu sprechen, garantieren die Schlagkraft", versichert Oberstleutnant Hartmann Schubarth-Engelschall (Spitz- name: "Donnerknall"). Und Kollege Hirsemenzel beschwört die Kameradschaft: "Wir trinken auch mal kräftig ein Bier. Und wenn's dabei lauter zugeht, dann hört das niemand. Das wirkt sich positiv auf die Einsatzbereitschaft in den Städten aus, eben Ballungsgebiete, in denen es oft drunter und drüber geht."
LETZTE EINSATZ-RESERVE
Schon längst ist die Bundesrepublik von Großoperationen des Grenzschutzes nicht mehr verschont geblieben. Das "jederzeit abrufbare Sicherheits-Potenzial" (Innenminister Hans-Dietrich Genscher 1969-1974) soll aber immer erst dann zuschlagen, wenn die Polizeikräfte der Länder der Lage nicht mehr Herr werden. Mit dieser Machtfülle war die BGS-Truppe nicht ausgestattet, als sie im Jahre 1951 aufgestellt wurde. Damals fristeten die unliebsamen Krieger ein gesellschaftliches Schattendasein - von keinem gewollt, von niemanden geliebt.
FRONTSOLDATEN
Als Hort hochdekorierter Wehrmachtkämpfer war die grüne Truppe bis zur Gründung der Bundeswehr 1956 die einzige militärische Organisation, in der braune Frontsoldaten, die im Zivilleben nicht zurechtkamen, eine neue "Heimat" fanden. Beim Grenzschutz lebten militärische Tugenden, überkommene Männer-Rituale bald wieder auf; ein Hauch Reichswehr ( Berufsheer 1921-1935, Demokratie ferner "Staat im Staate") wehte durch die BGS-Kasernen. Die Grenzer hatten den Rußlandfeldzug (1941-1945) noch in Erinnerung, der Feind im Osten war noch immer im Visier. Drill und absoluter Gehorsam waren selbstverständlich. Mit dem Begriff vom Staatsbürger in Uniform konnten die BGS-Truppen nichts anfangen - Bedeutungen aus einer fremden - unerschlossenen Welt.
ANREDE IN DRITTER PERSON
Die junge Bundesrepublik leistete sich damals eine Elite-Truppe, deren Geist selbst Adenauers konservativem Innenminister Robert Lehr, CDU, (1950-1953; *1883+1956) verdächtig war. In einem Erlass warnte er Mannschaften und Offiziere: "Wie ich festgestellt habe, beginnt sich im Bundesgrenzschutz die Anrede in der dritten Person wieder einzubürgern. Ich ersuche, diese Anredeform in und außer Dienst nicht mehr zu benutzen." Und erst nach langen Widerständen setzte sich bei der Truppe die Anrede "Herr" statt der bloßen Namensnennung durch - allerdings nur im "dienstlichen Schriftverkehr". Für Brüllereien auf dem Kasernengelände schien ein "Herr Gefreiter" ferner denn je von dem, was sich im Bundesgrenzschutz Stallgeruch nennen darf.
FRONTEN GEWECHSELT
Als die Bundesrepublik wieder aufrüstete und Kader für die Verbände der neuen Bundeswehr gesucht wurden, wechselten 58 Prozent der damals 16.614 BGS-Beamten sofort die Fronten. Der Seegrenzschutz des BGS in Nord- und Ostsee wurde sogar ganz von der jungen Bundeswehr übernommen und bildete die Grundausstattung beim Aufbau der neuen Bundesmarine. Was vom "alten" BGS übrigblieb, wachte weiter an der Zonengrenze an den Mahnschildern "Drei geteilt - niemals". Und das - obwohl diese Aufgabe eigentlich der Bereitschaftspolizei der Länder übertragen werden sollte. Es war gar die SPD, die die Auflöung des BGS-Rumpfes verlangt hatte, um die freigesetzten Grenzer dann als "Autobahn-Polizei" einsetzen zu können.
SUCHE NACH ANERKENNUNG
Eingekeilt zwischen der zahlenmäßig überlegenen Bundeswehr und den Polizeikräften der Länder, bereitete sich in der kleinen BGS-Truppe ein Leistungszwang aus, der die Anerkennung beim Bürger garantieren sollte. Er prägt noch heute die Truppe, wie das seither gültige Leitmoto der erst 1972 gegründeten Anti-Terror-Gruppe GSG 9 beweist: "Schneller, härter, bissiger." Präzisionsschützen, Kampfschwimmer, Fallschirmspringer, Einsatztaucher, Sprengstoff- experten, IT-Techniker - Sturmgewehre, Scharfschützengewehre, Maschinengewehre - und eine monatliche Erschwerniszulage von etwa 400 Euro (2008). Da versteht es sich von selbst, dass alle Dienstpläne der Anti-Terror-Gruppe "Verschlusssachen" sind - geht es letztendlich doch um die offene Gesellschaft der Meinungsvielfalt - Freiheit in diesem Land.
GEFÄHRLICHER ALS BUNDESWEHR
Der Bundeswehr waren die BGS-Grenzer bald zu zackig, der Bereitschaftspolizei in den Ländern zu soldatisch. Der Mainzer CDU-Innenminister Heinz Schwarz (1971-1976): "Die können ja fast nichts außer schießen." Und der SPD-Bundestagsabgeordnete, Mitglied des Verteidigungsausschusses, Karl-Heinz Hansen (1969-1982) warnte eindringlich: "Der Bundesgrenzschutz ist gefährlicher als die Bundeswehr. Er hat die Leute aufgenommen, die beim Aufbau der Armee wegen mangelhafter demokratischer Qualifikation durch- gefallen sind."
HOFIERT UND GEHÄTSCHELT
Hofiert und gehätschelt wurden die BGS-Grünjacken stets von ihren Ziehvätern, den Bundesinnenministern. Ihre Lobeshymnen durchziehen geradezu atemlos die noch junge Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Kontinuität der Stärke. Einst tönte der CDU-Innenminister Gerhard Schröder (1953-1961; *1910+1989): "Die Beliebtheit des Bundesgrenzschutz schafft gerade an der oft brenzligen Zonengrenze Vertrauen." Hermann Hörcherl, CSU ,( 1961-1965; *1912+1989) schwärmte: "Die Arbeit ist phantastisch. Mir müssen eine allgemeine Dienstpflicht für den BGS einführen." Paul Lücke , CDU, (1965-1968; *1914+1976): "Wenn hier der Notstand ausbricht, alles drunter und rüber geht, dann ist BGS da und in seiner Kraft nicht zu unterschätzen." Ernst Benda, CDU ,(1968-1969): "Der BGs ist das unerlässliche Bindeglied zwischen polizeilichem und militärischen Einsatz." Hans-Dietrich Genscher, FDP, (1969-1974): "Der Bundesgrenzschutz ist ein Garant der freiheitlich-demokratischen Grundordnung." Gerhard Baum, FDP, (1978-1982): "Der Bundesgrenzschutz ist eine bestens ausgerüstete Bundespolizei." Wolfgang Schäuble, CDU, (2005-2009): "Ohne das Engagement und den mobilen Einsatz des BGS wäre der Kampf gegen den internationalen Terrorismus nahezu aussichtslos. Hut ab."
HICKHACK IM FÖDERALEN DICKICHT
Trotz der Lobeshymnen seiner Befehlshaber blieb der BGS eine Truppe ohne klaren Auftrag - folglich mit fragiler Identität. Von der "Auflösungsdebatte" geschockt, vom Personalmangel geplagt, versuchen die Grünjacken jahrzehntelang, ihre Existenzberechtigung als Puffer an der einstigen DDR-Grenze zu beweisen; suche nach Anerkennung. Doch das hehre Ziel "Zwischen Ost und West nur BGS" wurde nicht erreicht. Denn außer den Grenzern patrouillieren noch Beamte des Zolls und der Bayerischen Grenzpolizei sowie Engländer und Amerikaner am Zonenrand früherer Jahre. Seitdem die DDR-Grenze seinerzeit noch engmaschiger geworden ist, durchsetzten Eifersüchteleien, Statusrivalitäten - Animositäten den eigentlichen Überwachungs- und Schutzauftrag.
SCHARMÜTZEL AUS ABGEHAKTEN EPOCHEN
Wenn zum Beispiel ein westdeutscher Schlauchbootfahrer auf der Elbe von DDR-Grenzern aufgebracht wird, liefern sich Zoll und BGS ein Wettrennen: Wer ist schneller am Tatort. Sieger bleibt meistens der Zoll, weil er auf der Elbe eigene Schnellboote einsetzen kann. Der BGS rudert im Schlauchboot hinterher oder muss erst einen Hubschrauber in Gifhorn startklar machen. General Kühne kann nicht verwinden, dass der Zoll dem Grenzschutz in der Tagesschau oft die Schau stiehlt. "Es ist blödsinnig mit diesem Verein. An der Grenze ist doch alles dicht, da gibt es gar nichts zu verzollen. Was wollen die da eigentlich?" Zollamtmann Westermann aus Hitzacker kontert: "Der BGS soll mal auf dem Teppich bleiben. Wir sind mit unseren Booten auf der Elbe und mit 200 Mann ständig im Einzeldienst an der Grenze. Der BGS ist weit vom Schuss, nämlich in den Kasernen." - Scharmützel aus einer abgehakten Epoche.
SELBER INS GEREDE GEBRACHT
Einen Erfolg allerdings kann der BGS für sich allein verbuchen. 1975 war er 68.500 Neugierigen ein hilfsbereiter Grenzführer. Ins Gerede gebracht haben den BGS fast ausschließlich die eigenen Affären. So musste 1973 der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher zugeben, dass BGS-Beamte neun Jahre zuvor an einer Übung der US-Armee zur "Bandenbekämpfung" teilgenommen hatten und für einen Härtetest 24 bis 37 Stunden in "Gefangenschaft" gegangen waren. Was sie dabei erlebten, sah laut Genscher-Bericht so aus - Vorläufer der späteren internationalen Terrorismus-Bekämpfung ab Jahr 2.000 aufwärts.
0 "Einsperren in stark überheizten Zellen, Stehen in der Zelle, in "Achtungstellung" mit über dem Kopf verschränkten Armen. Wachhalten in der Zelle;
0 Liegestütze, Beinhüpfen, 'Häschenhüpfen', starke Geräuschbelästigung durch Trommel mit Stöken und Blechstreifen an der Zellentür, Einspielen schriller Töne in die Zellen-Lautsprecher, zeitweiliges Einsperren in Stahlblechschränke;
0 mit kaltem Wasser besprühen, Beschränkung des Trinkwassers und der Nahrung, in Furcht versetzen durch angsteinflössendes Hundegebell, Ablecken des Gesichts;
0 Beschimpfungen, dann Versprechungen von Geld, Speise, sofortiges Freilassen bei Verrat von bevorstehenden 'Bandensprenungen'."
RUSSEN ALS VORBILDER
Vorbild war nicht die US-Armee. Sogar bei den Sowjets wollten die Grenzschützer damals lernen. "Wir wissen, dass die Russen sich für den subversiven Kampf und für Guerilla-Aktionen vorbereiten". begründete der frühere Ministerialdirigent Schultheiss aus dem Bonner Innenministerium die BGS-Schulung für den Untergrundkampf. Schon im Herbst 1965 wurde beim BGS der Einsatz gegen Streikende geprobt. Das Stadion Mörfelden bei Frankfurt diente einer halben Grenzschutzabteilung als Aufmarschgebiet. Die Grünröcke waren in der Rolle streikender Arbeiter geschlüpft. Auf Schildern riefen sie zur Arbeitsniederlegung auf. Der andere Truppenteil demonstrierte die Staatsmacht und trieb die "Streikenden" auseinander.
AFFÄRE KNORR
Am stärksten ins Zwielicht geriet der BGS durch die Affäre Knorr, die der frühere Chef der Gewerkschaft Polizei, Werner Kuhlmann ( 1958-1976) aufgedeckt hatte. Kuhlmann (*1921+1992) warf dem Chef der BGS-Fliegerstaffel Bonn-Hangelar, Oberst Erwin Knorr , vor, Untergebene im Dienst körperlich misshandelt, geschunden und gedemütigt zu haben. Vom Vorwurf der Körperverletzung im Amt wurde Knorr zwar freigesprochen, aber nach den Zeugenaussagen vorm Bonner Landgericht steht fest, dass Ausrücke wie "Idiot, Arschloch, vollgeschissener Strumpf" zum alltäglichen Sprachgebrauch des ehemaligen Leutnants der Großdeutschen Luftwaffe gehörten.
DEMÜTIGUNGEN JUNGER MÄNNER
Der Düsseldorfer Hubschrauberpilot Dieter Keimes, 1971/1972 in Hangelar zum Lehrgang, berichtete: "Ich wurde zweimal rausgesetzt, einmal in 80 Kilometer Entfernung vom Landeplatz. Ich wurde beschimpft - Idiot, Blödel - und musste in die 'Grube' Toiletten reinigen." Sein Kollege Helmut Engeln: "Ich wurde als ausgewachsener Obermeister vor vorsammelter Mannschaft zusammengeschissen." Obermeister Jürgen Mönch. "Wenn der Oberarm blau wird und man sich die Flecken mit Kugelschreiber einrahmen kann, dann ist das wohl kein Knuffen mehr." - Dienstliche Gewalt-Attacken beim BGS.
VERDROSSENHEIT
Die Affäre Knorr und wohl viele, sehr viele kleine Gewalt-Exesse, die nie an das Tageslicht durften und auch kamen, war für die sozialliberale Koalition offenkundig der letzte Anstoss, den Grenzschutz zu reformieremn. Das Nebeneinander von Länder-Bereitschaftspolizei (MEK) , die bei Unruhen eingesetzt wird, und von Grenzschutztruppen, die den Einsatz nur proben dürfen - als Trockenübung - musste endlich klar geregelt werden, um die arge Verdrossenheit, den Frust, im BGS abzubauen Brigade-General Kühne: "Eine Straßenräumung oder Hausbesetzung zum Beispiel wäre eine klassische Sache für den BGS; da würden wir ein bisschen härter draufschlagen. Natürlich würden wir da nicht gleich schießen."
BGS-THEATER FÜR LIONS-CLUB
Paul Kühne und sein Pressemajor Werner Rück beließen es nicht nur bei markigen Kasinosprüchen, zu sehr hatte der Kalte Krieg zwischen Ost und West schon ihre Seelen erobert. Um das alte Feindbild vom "häßlichen Volksarmisten" aufzupolieren, gingen die Grenzer auf Tournee, Theater-Tournee; Kühne in der Uniform eines BGS-Brigadegenerals, Rück in der Majorsuníform der Nationalen Volksarmee. Den entgeisterten Herrschaften vom Rotary-Club in Einbek und vom Lions-Club in Hameln spielten die Kalten Krieger einen Ost-West.Einakter vor. - Jahrzehnte des Kalten Krieges.
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POSTSCRIPTUM. - Mit dem Schengener Abkommen, vom Juni 1990, innerhalb der Europäischen Union auf Grenzkontrollen zu verzichten und der Auflösung der innerdeutschen Grenze vom 3. Oktober 1990 war der Bundesgrenzschutz eine Truppe ohne Aufgaben. Deshalb übernahm mit dem Tag der deutschen Wiedervereinigung der Bundesgrenzschutz in den neuen Bundesländern Funktionen der Bahnpolizei, die im Jahre 1992 ganz in den BGS integriert wurde. Sukzessive wurden dem Bundesgrenzschutz deutschlandweit polizeiliche Kontrollen zur sogenanten Gefahrenabwehr - etwa der Schleyer-Fahndung (1994) übertragen. Seither ist er in Deutschland mit einer Sollstärke von 30.000 - mitunter schwer bewaffneten Beamten präsent. Demzufolge wurde im Juli 2005 aus dem einstigen Bundesgrenzschutz - die Bundespolizei. Zudem sind BGS-Beamte auf allen Bahnhöfen wie Flughafen seit dem 1. August 1998 ermächtigt, ohne Anlass und ohne Grund Menschen aus Zügen oder Flugzeugen zu holen, Identität zu überprüfen, Gepäck zu kontrollieren.
Operationen:
0 Am 27. Juni 1993 versuchten 37 GSG-9-Männer und 60 weitere Beamte die RAF-Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld in Bad Kleinen festzunehmen. Beide leisteten Widerstand. Beim Schusswechsel kam der Beamte Michael Newrzella ums Leben. Er war der erste GSG-9-Mann, der im Dienst getötet wurde. Eine Untersuchung stelle zweifelsfrei den Selbstmord von Grams fest.
0 Zwei im Irak stationierte GSG-9-Beamte , Thomas Hqfenecker und Tobias Retter, wurden seit dem 7. April 2004 als Objekt- und Personenschützer an der deutschen Botschaft n Badgad vermisst. Am 1. Mai 2007, mehr als drei Wochen nach dem Überfall, wurde die Leiche eines der beiden vermissten Bundespolizisten, Tobias Retterath, gefunden. Die sterblichen Überreste des zweiten Beamten, Thomas Hafenecker, gelten bis heute als unauffindbar im Irak.
0 Am 4. September 2007 kaperten GSG-9-Beamte eine Ferienwohnung im nordrhein-westfälischen Oberschledorn, in der drei Verdächtige damit begonnen hatten, aus Wasserstoffperoxid Sprengstoff herzustellen - Sprengstoff, der in amerikanischen Gebäuden in Deutschland , aber auch Restaurants, Diskos und dem Frankfurter Flughafen explodieren sollte.
0 Am 30. September 2008 sollte die bisher größte Einsatz der Bundespolizei unter dem Namen Operation "Desert Fox" anlaufen. Es galt fünf Deutsche, fünf Italiener, eine Rumanin und acht ägyptische Sahara-Urlauber aus den Händen ihrer Kidnapper zu befreien. Sie waren in der oberägyptische Wüste entführt und dann ins Grenzgebiet zwischen Ägypten, Sudan, Libyen und dem Tschad verschleppt worden. Für ihre Freilassung forderten die Entführer sechs Millionen Euro Lösegeld.
Innerhalb von 36 Stunden wurden mit drei Sonderflügen der Lufthansa, sechs Transall der Bundeswehr und zwei Antonow-Frachtflugzeugen zirka 150 Einsatzkräfte der GSG-9, dazu 30 Beamte des Führungsstabes der GSG-9 und des Bundespolizeiflugdienstes, 14 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes sowie drei Bundespolizeihubschrauber, zwölf geländetaugliche Einsatzfahrzeuge, große Mengen Muntion in das südägyptische Shark-el-Uweimat geflogen. Zum Einsatz kam die GSG-9 dann aber doch nicht. Die Entführer hatten ihre Geiseln laufenlassen.

Donnerstag, 11. März 1976

Polens Universitäten - Studentenunruhen und Geld für gute Noten




















Momentaufnahmen aus den siebziger Jahren zu Warschau: Wie polnische Studenten und Jugendverbände ideologisch aufgerüstet werden sollen. Tauwetter nach Jahren des Kalten Krieges zwischen Ost und West


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stern, Hamburg
11. März 1976
von Reimar Oltmanns
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Jan Kominski war einer der ersten Arbeitersöhne, die nach dem Krieg ihr Examen an der Warschauer Universität für Planung und Statistik machten. 23 Jahre später droht der soziale Aufstieg des 50jährigen Nationalökonomen und Abteilungsleiter einer Kaffeerösterei, seinen beiden Söhnen Jaschek, 17, und Tadeusz, 18, zum Verhängnis zu werden.
NUMERUS CLAUSUS AUF POLNISCH
Wäre Jan Kominski Arbeiter geblieben wie seine Vorfahren, hätte sein Sohn Tadeusz nach dem Abitur die Zulassung zum Studium in der Tasche gehabt. Denn Jugendliche aus Arbeiter- und Bauernfamilien haben in Polen bei den Aufnahmeprüfungen zehn Punkte gut. Dem Sohn des "Intelligenzlers" Kominski, der nur ein "befriedigendes" Abitur machte, fehlten aber gerade jene zehn Punkte, um im Jahr 1974 einen Studienplatz zu ergattern. Er zählte damit zu den 80.000 von insgesamt 130.000 Bewerbern, denen der polnische Numerus clausus einen Sitz im Hörsaal verwehrte.
PROLETARISCHE HERKUNFT
Im Juli 1975 aber schafften beide Kaminski-Söhne gemeinsam den Sprung an die Universität Wroclaw (früher Breslau). Jaschek studiert Medizin, Tadeusz Naturwissenschaften. Denn ihr Vater hatte inzwischen den Abteilungsleiterposten mit dem eines Produktionsarbeiters am Fließband in Kattowice (Kattowitz) vertauscht. Kaminski über seinen freiwilligen sozialen Abstieg: "Ich habe noch als Arbeiterkind einen Studienplatz bekommen. Wenn meine Jungen studieren wollen, dann gilt aber unsere proletarische Herkunft überhaupt nichts mehr. Deshalb bin ich jetzt erst einmal wieder Arbeiter geworden." Wie viele seiner Generation hielt Kominski vor 30 Jahren die These, dass "in einer sozialistischen Gesellschaft, die Universität in erster Linie für die Arbeiterklasse da sein soll", für richtig.
WARSCHAUER STUDENTEN-UNRUHEN
Noch im Jahr 1968 hatte Parteichef Wlasdislaw Gomulka (1956-1970; *1905+1982) , der Vorgänger von Polens erstem Sekretär Edward Gierek, nach den erbitterten Warschauer Studentenunruhen die Universitäten durch einen größeren Einfluss der Arbeiter- und Bauernjugend "gesunden" lassen wollen. Aber die einseitige Bevorzugung hat den einst Benachteiligten wenig Vorteile gebracht: Trotz des Zehn-Punkte-Vorsprungs stieg der Anteil der Arbeiterkinder an de Studentenzahl von 1962 bis 1973 nur von 27,3 auf 31,3 Prozent (Bundesrepublik 1973: zwölf Prozent). Der Anteil der Bauernkinder ging im gleichen Zeitraum sogar um 5,4 Prozent zurück.
FALSCHE MASS-STÄBE ABSCHAFFEN
Deshalb will Polen noch 1976 als erstes Ostblockland das Punktesystem abschaffen. Giereks Bildungsfachleute glauben, dass bei der Auswahl der Bewerber ohnehin "falsche und zu niedrige Maßstäbe angesetzt werden". Prüften Gymnasiallehrer die Abiturienten für die Hochschulzulassung, wurde nur jeder vierzehnte abgelehnt, nahmen Dozenten die Eingangstest ab, so fiel jeder zweite durch.
QUALITÄT DURCH LEISTUNGSDRUCK
Denn obwohl es gegenwärtig beispielsweise 160.000 Schullehrer zu wenig gibt, wollen Polens Professoren nicht größere Studienzahlen, sondern Qualität durch Leistungsdruck. Zitat aus der Fachzeitschrift "Zycie Literackie": "Berufliche Qualifikationen sollten nur die erlangen, die in einer gerechten Konkurrenz mit den anderen ihre Überlegenheit unter Beweis stellen können und immer höher werdenden Anforderungen gerecht werden."
PRÄMIEN, ZUSCHLÄGE., VERGÜNSTIGUNGEN
Um die Leistung zu steigern, setzten die Bildungsbürokraten schon 1974 Prämien für den akademischen Nachwuchs ein. Wer das Zwischenexamen am Semesterende mit guten Noten (In Polen werden Zensuren von 1 - ungenügend - bis 5 - sehr gut - gegeben) abschließt, erhält zu seinem Stipendium - je nach Verdienst der Eltern gibt es Studienbeihilfen zwischen 400 und 1.200 Zloty - Zuschläge: Zensuren zwischen 3,6 und 4,0 bringen 200 Zloty monatlich. Für einen Notendurchschnitt von 4,1 bis 4,5 gibt es 300 und für sehr gute Noten zwischen 4.6 und 5 sogar 500 Zloty (rund 42 Mark) im Monat.
TALENTE VERGEUDEN
Leistungsdruck fordern auch Ministerpräsident Piotr Jaroszewicz und Außenministrer Stefan Olszowski . Politbüro-Mitglied Olszowski warf den Studenten vor, sie arbeiten nicht effektiv genug, vergeudeten Talent und Material und gäben sich mit "bescheidenen Zensuren" zufrieden, weshalb der Anteil der sehr guten Studenten nur zehn Prozent betrage.
IDEOLOGISCHE SCHULUNGEN
Alarmiert durch eine Umfrage des Warschauer "Zentrums zur Erforschung der öffentlichen Meinung" verlangte Ministerpräsident Jaroszewicz stärkere ideologische Schulung der Jugend und organisatorische Straffung der Jugendverbände nach dem Muster des sowjetischen "Komsomol". Zwischen 1970 und 1980 waren in der Sowjetunion 40 Millionen Jugendliche zwischen 14 und 28 Jahren "Komsomolzen"; seit 1991 verboten.
VILLA, AUTOS, AUSLAND
Die Meinungsforscher hatten herausgefunden, dass über 50 Prozent der Jugendlichen später möglichst "luxuriös, mit eigener Villa, Auto und Auslandsreisen" leben wollen und 28 Prozent ein "stilles und glanzloses Leben" mit einem sicheren Arbeitsplatz und einem trauten Heim vorziehen. Seine bescheidene Zukunftsvorstellung begründete ein Abiturient in Kattowice so: "Ich verstehe das Geldsammeln auf dem Sparkonto nicht. Mir liegt auch nichts daran, wegen der Teilnahme an einem 'blutigen Kampf' geehrt zu werden. Ich habe keine Ambitionen, überbegabte Kinder zu haben. Mir imponiert auch die Position eines Direktors mit 10.000 Zloty Gehalt nicht sonderlich." - Verweigerung auf polnisch.
IDEALEN DES KOMMUNISMUS
Nur 18 Prozent der polnischen Jugendlichen - so ergab die Umfrage - entsprechen dem Ideal der kommunistischen Vereinigten Arbeiterpartei. Ihre Vorbilder sind die romantischen Heldenfiguren des vergangenen Jahrhunderts, voller Idealismus, "bereit für die nationalen Ziele notfalls auch zu sterben".
DEUTSCH-POLNISCHER JUGEND-AUSTAUSCH
Wenn im Frühsommer 1975 Parteichef Edward Gierek und Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn ein Abkommen über den Jugendaustausch beider Länder unterzeichnen, soll die ideologische Aufrüstung der polnischen Jugend und die organisatorische Straffung der Jugendverbände schon erkennbare Fortschritte gemacht haben ... ...
Immerhin: In fünfzehn Jahren (1993-2005) haben durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk ( Polsko-Niemiecka Waspólpraca Mlodziezy) 1,5 Millionen Personen an deutsch-polnischen Austauschprogrammen in 35.000 Begegnungen aktiv teilgenommen . Überdies gibt es 1.500 Schulpartnerschaften mit insgesamt 160.000 Jugendlichen . Getragen werden die Kosten von etwa 9,2 Millionen Euro jeweils aus den öffentlichen Haushalten beider Länder.

Donnerstag, 19. Februar 1976

Bildungsnotstand - Ausbildungsmisere - Kompetenz-Wirrwar - Jugend ohne Jobs - Besserung nicht in Sicht


























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stern, Hamburg
19. Februar 1976
von Reimar Oltmanns
und Hermann Sülberg
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An jedem Morgen muss der Studiendirektor Walter Major Strichmännchen ins Klassenbuch malen - für die Schüler, die den Unterricht schwänzen. Nach dem dritten Strich zeichnet der 65jährige Lehrer ein Kringelchen an den Rand, ein blauer Brief ist fällig. Absender: Gewerbliche Schule III, Brügmannstraße 25, in 44135 Dortmund.
STRICHE FÜR SCHULSCHWÄNZER
Lehrer Major mahnt das Ehepaar Schippmann, den sechzehnjährigen Sohn Willi jeden Mittwoch in die Schule zu schicken. Der Appell verhallt. In der Klassenbuchspalte Schippmann, Willi, geb. am 26.2. 1960 in Herne, abgebrochener Hauptschüler, ohne Lehrvertrag und arbeitslos, muss der Pädagoge bald darauf vier weitere Striche markieren.
MIT POLIZEI ZUM UNTERRICHT
Nach sieben Wochen alarmiert Walter Major das Ordnungsamt, mit der grünen Minna soll Willi zum Unterricht transportiert werden. Kurz vor der Polizeiaktion taucht Mutter Schippmann bei Schulleiter Bruno Hansmeyer auf. "Seit mein Mann arbeitslos ist", klagt sie, "säuft er nur noch und nimmt Willi immer mit auf Tour. Erst spätabends kommen sie heim, und frühmorgens geht's gleich wieder los." Die 42jährige Frau ist in Dortmund von Betrieb zu Betrieb gerannt, "um wenigstens den Jungen aus der Gosse zu holen". Bei einem Bauunternehmer ("Kann er denn Steine klopfen?") hatte sie Glück. Doch er stellte eine Bedingung: "Ihr Sohn kann bei mir nur anfangen, wenn er nicht mehr in die Penne gehen muss. Ich kann bloß Leute gebrauchen, die jeden Tag verfügbar sind."
DILEMMA: BETRIEB UND BERUFSSCHULE
Zwei Jahre noch - bis zum 18. Lebensjahr - muss Willi einmal wöchentlich die Berufsschule besuchen, so schreibt es das Schulgesetz zwingend vor. Oberstudiendirektor Hansmeyer, Chef von 80 Lehrern, 3.000 Schülern, davon 800 ohne Lehrstelle, steht vor einem Dilemma. Lässt er den Jungen laufen, macht er sich strafbar. Will er ihn zum Unterricht zwingen, muss er die Polizei bemühen. Hansmeyer entnervt: " Wenn es um soziale Notfälle geht, nehme ich einiges auf meine Kappe." - Heute sind bereits 130.000 Jugendliche bei der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit als Arbeitslos gemeldet. Doch diese Zahl trügt. Tatsächlich sind schon jetzt in der Bundesrepublik etwa 250.000 junge Menschen arbeitslos, eine verlorene Generation - mit den besten Chancen, politisch radikal zu werden oder als Kriminelle Karriere zu machen.
HAUSFRAUEN VON MORGEN
Die Bundesanstalt vermutet, dass insbesondere Mädchen die Dunkelziffer ausmachen. Als Schulabgängerinnen ohne Abschluss, ohne Qualifikation, ohne Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung und ohne Chancen auf einen Job verschwinden sie hinter dem heimischen Herd. - Deutschlands Hausfrauen künftiger Generationen. Gastarbeiterkinder hingegen tauchen unkontrollierbar unter oder werden von ihren Eltern zurück in ihre Heimatländer geschickt. Indes: Ein Ende der trostlosen Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, es wird schon schlimmer kommen. Bereits im Jahre 1984, in acht Jahren, werden nach Hochrechnungen der Bundesanstalt für Arbeit 1,4 Millionen junge Menschen auf der Straße stehen.
KONKURSE, FUSIONEN
Der erste Grund: Die starken Geburtenjahrgänge von 1961 bis 1967 kommen in den achtziger Jahren als Schulabgängerschwemme auf uns zu.
Der zweite Grund: Konkurse und Fusionen beschleunigen die Konzentration der Wirtschaft. So schließen jährlich in der Bundesrepublik 15.000 Handwerksbetriebe, die zu den ausbildungsintensivsten Firmen zählen. Allein im vergangenen Jahr gingen durch diese Pleiten 50.000 Lehrstellen verloren.
Der dritte Grund: Schon vor sieben Jahren erhöhte die CDU/SPD-Koalition mit dem Berufsbildungsgesetz die Anforderungen an die Lehrherren. 140 Berufe ohne Zukunftsaussichten, wie Miedernäherin oder Plüschweber, wurden gestrichen, die allgemeine Berufsschulpflicht auch für Hilfsarbeiter bis zum 18. Lebensjahr eingeführt und der Jugendschutz verbessert - keine Nacht-, Schicht und Akkordarbeit mehr. Die Devise "Brauchst du einen billigen Arbeitsmann, schaff' dir einen Lehrling an", galt nicht mehr. So sank die Zahl von 600.000 Ausbildungsplätzen in den sechziger Jahren auf 250.000 im Jahr 1975.
GRUNDGESETZ-ARTIKEL - EINE FARCE
Das stark reduzierte Lehrstellenangebot macht den Artikel 12 des Grundgesetzes zur Farce - "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstelle frei zu wählen." Abiturienten, denen der Numerus clausus einen Studienplatz verbaut, lassen sich als Export-, Industrie- und Versicherungskaufleute ausbilden. Realschüler erlernen das Schweißer- oder Schlosserhandwerk.
SONDERSCHÜLER BEISSEN DIE HUNDE
Auf der Strecke bleiben die am stärksten Benachteiligten in diesem Land: Von denen, die bereits beim ersten Schritt ins Berufsleben stolperten, hatten 40 Prozent keinen Hauptschulabschluss, jeder fünfte Sonderschüler, und sieben Prozent haben nicht einmal dort das Ziel erreicht. In den sogenannten Jungarbeiterklassen treffen sie sich wieder - auf dem Abstellgleis der Berufsschulen. In Dortmund zum Beispiel feilen sie ein Bambi aus Holz oder löten eine Wanduhr aus Draht zusammen - sechs Stunden pro Woche und das drei Jahre lang.
KEINEN GROSCHEN FÜR GEFEILTE BAMBIS
Doch was zählt schon ein gefeiltes Bambi oder eine präzis laufende Wanduhr, wenn die arbeitslosen Jugendlichen keinen Beruf dabei erlernen und nicht einmal etwas Geld mit nach Hause bringen - Selbstbeschäftigungstherapie? Jochen Remmers bekam für seine Holzschnitzerei eine Zwei. Fachlehrer Lichte von der Dortmunder Gewerblichen Schule III: "Er war stolz wie Oskar, etwas geleistet zu haben." Die pädagogische Aufbaubarbeit der Schule machten die Eltern sofort wieder kaputt. Vater Remmers, seit sechs Monaten arbeitslos, kanzelte seinen Sohn ab: "Was willste denn mit solchem Scheiß-Bambi. Geld kannste damit auch nicht verdienen."
ALS HILFSARBEITER "DICKES" GELD MACHEN
Ob in Dortmund oder München: "Junge Leute, die keine Lehrstelle gefunden haben, denken, dass sie als Hilfsarbeiter das große Geld verdienen". sagt der bayerische CSU-Landtagsabgeordnete Karl Schön. Vor allem in den Großstädten bleiben die Schulbänke meist leer. An der Münchner Berufsschule für Jungarbeiter in Giesing kam von 1.000 schulpflichtigen Arbeitslosen im ersten Schuljahr nur die Hälfte zum Unterricht. Im zweiten waren es 30 und im dritten Jahr nur noch zehn Prozent.
PFARRER SO WICHTIG WIE MATHE-LEHRER
Auf dem Lande dagegen, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist, die Kleinunternehmer und Handwerksmeister auch in den Berufsschulen das Sagen haben und der Pfarrer so wichtig wie der Mathematiklehrer ist, "da ist keiner eine anonyme Figur und jeder für uns jederzeit greifbar, erklärt Oberstudiendirektor Besserer, Chef der Passauer Berufsschule. In seiner Außenstelle Vilshofen gab es früher nur eine Bäckerklasse. Heute sind es fünf, 1977 sind bereits sieben Klassen eingeplant. In der Schul-Backstube sitzen 22 Lehrlinge wie die Hühner auf der Leiter. Aus dem niederbayerischen Landkreis werden die Jugendlichen jede Woche aus dem 50-Kilometer-Umkreis mit dem Schulbus herangekarrt, um von Meister Josef Huber "die Kunst des Backhandwerks gründlichst zu erlernen" (Studiendirektor Alois Eder). Grund für den Bäcker-Boom: Die Meister besetzen ihre Gesellenjobs mit billigeren Lehrlingen.
BÄCKER-BOOM
Von den 22 Stiften wollten 16 ursprünglich gar keinen Teig kneten. Weil nur das Bäckerhandwerk ihnen eine Lehrstelle bieten konnte, änderten sie plötzlich ihren Entschluss. Huber: "Wir bekommen immer mehr Bäcker. Bald wissen wir gar nicht mehr wohin damit." - Bäckerboom auf bayerisch. Und Recht hat der Bäckermeister. Schon heute arbeiten im Bundesdurchschnitt 65 von 100 Bäckern nicht mehr in ihrem erlernten Beruf. Der viel zitierte goldene Boden des Handwerks ist arg morsch geworden. Denn auch bei den Mauern muss jeder dritte, bei den Metzgern, Schustern, Dekorateuren und Schneidern sogar jeder zweite in die Industrie abwandern.
MEHR AUSBILDUNG ALS EINSTELLUNGEN
Die Handwerksbetriebe bilden mehre als doppelt so viele Lehrlinge aus, als sie später beschäftigen können. Großbetriebe mit mehr als 500 Beschäftigten, Betriebe also, die die besten Voraussetzungen für eine gründliche und vielseitige berufliche Qualifikation bieten, stellen nur ein knappes Fünftel aller Ausbildungsplätze.
FACHARBEITER AM FLIESSBAND
Die Krise der beruflichen Bildung zwingt nicht nur Facharbeiter, am Fließband zu jobben, sie kostet den Steuerzahler auch eine ganze Stange Geld: Umschulung heißt das Zauberwort der Stunde, der Jahre. 1969, als das Arbeitsförderungsgesetz in Kraft trat, drückten 60.000 Arbeitnehmer erneut die Schulbank, 1974 waren es bereits 300.000 (Kosten: 1,5 Milliarden Mark), und 1980 werden es voraussichtlich 800.000 Umschüler sein, die vorher den falschen Beruf erlernt haben oder auch durch wirtschaftliche Strukturveränderungen in einer Sackgasse gelandet sind.
STIEFKIND: BERUFLICHE BILDUNG
Dass neben Klein- und Mittelbetrieben auch der Staat die berufliche Bildung sträflich vernachlässigt, zeigt sich daran, dass er für einen Hauptschüler 22.000 Mark, für einen Realschüler 27.000 Mark, für einen Gymnasiasten 44.000 Mark und für einen Berufsschüler nur 5.000 Mark ausgibt. Diese Benachteiligung sieht auch der Bundeskanzler. Helmut Schmidt (1974-1982): "Guckt man sich nur einmal an, in was für Schulgebäude bei uns Gymnasiasten und Berufsschüler untergebracht sind, dann kann man erkennen, wie über Generationen hinweg die berufliche Ausbildung vernachlässigt worden ist." Und der Bildungsforscher Wolfgang Lempert vom Berliner Max-Planck-Institut: "Die Berufsschule ist ein Feigenblatt, mit dem die pädagogische Benachteiligung der meisten Lehrlinge nur notdürftig verdeckt wird."
15.000 PLANSTELLEN UNBESETZT
Erdrückend ist vor allem der Lehrermangel. 15.000 Planstellen sind unbesetzt, 27 Prozent des Unterrichts fallen im Bundesdurchschnitt aus. Dazu Erich Frister (*1927+2005), Bundersvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1968-1981): "Die Lage der Kollegen in der Berufsschule ist verzweifelt. Sie ähnelt der eines Arztes, dem für die Behandlung von Schizophrenie nur kalte Umschläge zur Verfügung stehen." - Die Situation ähnelt vor allem der von 1906. Damals wies der Stundenplan der Gewerblichen Berufsschule Neuss schon sechs Wochenstunden aus, wobei - im Gegensatz zu heute - das Fach Religion nicht mitgerechnet wurde. 70 Jahre später erhalten nach einer repräsentativen Untersuchung der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik (befragt wurden Schüler an allen Hamburger Berufsschulen) 14 Prozent der Schüler noch immer nicht mehr als sechs Unterrichtsstunden pro Woche.
KOMPETENZ-WIRRWAR
Verschärft wird die deutsche Ausbildungsmisere durch einen undurchschaubaren Kompetenz-Wirrwar, verursacht durch einseitige Politiker-Interessen, den Machthunger der Wirtschaftsverbände und der Kulturhoheit der Bundesländer. Bis heute wollen die Bonner Fachminister allein die "Ausbildungsordnung" für die Lehrlinge im Betrieb festlegen. Das eigentlich zuständige Wissenschaftsministerium wird nur am Rande geteiligt. Innenminister Werner Maihofer ( 1974-1978) will sich nicht bei der Ausbildung der Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes reinreden lassen. Landwirtschaftsminister Josef Ertl (1969-1983; *1925+2000) möchte allein für seine Bauern zuständig sein. Und Wirtschaftsminister Hans Friedrichs (1972-1977) will bei den Handwerksstiften und Industriekaufleuten die Oberhand behalten. Insbesondere im Bereich beruflicher Bildung zeigt sich überdeutlich, wie sich der westdeutsche Föderalismus ad absurdum führt - und zudem Millionen sinnlos verschlingt. Modell Deutschland.
KOMPETENZ-CHAOS
Die Kultusminister der Länder dagegen bestimmen die Rahmenrichtlinien für die Berufsschullehrer. Die Gemeinden sollen mit Finanzspritzen der Länder die Schulen bauen. Die Oberaufsicht führt die Wirtschaft. Ihre 73 Industrie- und Handelskammern sowie die 45 Handwerkskammern kontrollieren nicht nur die Ausbildung in den Betrieben, sie zensieren auch die Gesellenprüfungen. Die Folge des Bildungs-Chaos: In keinem Bundesland sind die Ausbildungspläne im Betrieb mit denen der Schule abgestimmt. Wer etwa in Frankfurt Industriekaufmann lernt, muss sich nach den Bestimmungen des Bonner Wirtschaftsministeriums nacheinander in verschiedene Betriebsbereiche einarbeiten: in die Material-, Produktions- und Absatzwirtschaft sowie in das Personalwesen. Der Rahmenplan des hessischen Kultusministers für den Berufsschulunterricht ist ganz anders aufgebaut. Er gliedert sich in eine Grund- und eine Fachstufe, die aber zu wenig auf die spezifischen Kenntnisse eines Industriekaufmanns eingeht.
LÜCKEN ÜBER LÜCKEN
Nach der "Hamburger Lehrlingsstudie" sind 60 Prozent der Schüler der Meinung, dass sie eine "berufliche Bildungslücke" haben und ihr Fachwissen für die Praxis nicht ausreicht. Und 40 Prozent von ihnen halten Lehr- und Ausstattungsmaterial ihrer Schulen für unzureichend. Mit ähnlicher Berufschulkritik wollen sich auch Wirtschaft und Handwerk profilieren, vor allem, um von ihren eigenen Ausbildungsmängeln abzulenken. In der jüngsten Untersuchung des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) "Zur Situation der Berufsschulen" beklagen sich die Unternehmerfunktionäre über ein "schwaches Berufsethos" und mehr "Interesse an ideologischer als an sachbezogener Arbeit" bei der jüngeren Lehrergeneration. Doch gerade das Fach Politik liegt an der Spitze der ausgefallenen Stunden. Und die jüngeren Lehrer bemühen sich, mit Hilfe von Fernsehkameras und Tageslichtprojektoren den Schülern ein wirklichkeitsnahes Berufsbild zu vermitteln. Wie zum Beispiel Jörg Haas und Manfred Heinisch an der Hamburger Berufsschule für Stahl und Metallbau. Eine andere, antiquierte Lehrmethode pflegt dagegen Vize-Direktor Meyer von derselben Schule. Er lehrt immer noch das klassische Einmaleins, wenn er morgens in die Klasse kommt. Meyers Stil macht die Schüler sauer. Sie lesen dann lieber ihre Morgenzeitung.
SAUFEN IN DER FRÜHPAUSE
Bei Willi Skibba, 53, Berufsschuldirektor im schleswig-holsteinischen Meldorf, saufen die Pennäler schon in der Frühpause ihren in kleinen Doornkaat-Flaschen abgefüllten Bourbon-Whisky und lassen bisweilen Stinkbomben hochgehen. Die einzige Rettung sieht der geplagte Pädagoge ("Ich kann zehn Aschenbecher hinstellen und trotzdem liegen die Kippen auf dem Boden") im Blockunterricht. In Städten wie Hamburg, Bremen, Dortmund, Hannover wird bereits im Block unterrichtet. Statt an einem Tag in der Woche, werden die Schüler sechs oder gar dreizehn Wochen hintereinander weg unterrichtet. Der Vorteil: für Schüler und Lehrer: Der Lehrstoff kann in abgeschlossenen Abschnitten vermittelt werden. Der Vorteil für den Betrieb: Der Jugendliche wird nicht jede Woche aus dem Job gerissen. Als Willy Skibba das Modell in Meldorf einführen wollte, gingen die Kleinbetriebe auf die Barrikaden: "Wir können es uns nicht erlauben . . . die Lehrlinge sechs Wochen lang zu entbehren."
AUF INDUSTRIE-SPENDEN ANGEWIESEN
Und als der konservative Pauker mit dem CDU-Kultusministerium in Kiel verhandelte ("Ein muss doch auch in Schleswig-Holstein den Anfang machen"), stürmten ihm Handwerksmeister und Kleinunternehmer die Bude: "Mein lieber Skibba, wenn Sie hier etwas gegen unseren Willen durchsetzen, entziehen wir der Schule unsere Unterstützung." Denn alle deutschen Berufsschulen sind auf Industriespenden (Maschinen und Geld) angewiesen. Nach dieser Standpauke wollte Skibba den Unterricht nicht mehr blocken. In Hamburg dagegen kam es nicht so schnell zum Friedensschluss. Dort zogen 64 Firmen - vor allem Kleinbetriebe - vor Gericht, um den Blockunterricht zu verhindern.
REFORM-GEGNER - CDU-BLOCKADEN
Bei den Auseinandersetzungen um die Reform des Berufsbildungsgesetzes hat sich auch die Großindustrie in die Front der Reformgegner eingereiht, die von den Christdemokraten im Bundestag angeführt wird. Nach den Vorstellungen der SPD/FDP-Koalition (1969-1982) soll
0 das Angebot an Ausbildungsplätzen konjunkturunabhängiger und damit sicherer gemacht werden. Überbetriebliche Lehrwerkstätten sollen besonders in wirtschaftlich schwachen Landstrichen vernünftige Ausbildungsplätze garantieren. Und wenn von den privaten und öffentlichen Arbeitgebern nicht genügend Lehrstellen angeboten werden. sollen mit Hilfe einer Berufsbildungsabgabe der Unternehmer 700 Millionen Mark aufgebracht werden, um neue überbetriebliche Lehrwerkstätten zu schaffen;
0 die Berufsausbildung in eine breitere Grund- und eine darauf aufbauende Fachbildung gegliedert werden, was die Wahl falscher Berufe eindämmen und die berufliche Beweglichkeit verbessern wird;
0 ein neues "Bundesinstitut für Berufsbildung" eine bessere Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern, Arbeitgebern und Gewerkschaften ermöglichen und damit eine effektivere Verzahnung zwischen Betrieb und Schule verwirklichen.
FRÜHWARNSYSTEM
Außerdem soll eine Berufsbildungsstatistik als Frühwarnsystem dienen und helfen, Jugendarbeitslosigkeit zu vermeiden. Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer (1973-1977; *1915+1977) über die von Wissenschaftsminister Helmut Rohde (1974-1978) geplante Reform: "Die Betriebe sind verunsichert." Und Dortmunds Handelskammer-Präsident Hans Hartwig sieht seine "schlimmsten Erwartungen übertroffen".
SARGNÄGEL AUS DEN LÄNDERN
Die Furcht der Herren scheint unbegründet. Denn mit dem Regierungswechsel in Niedersachsen (1976) hat die CDU ihre Mehrheit in Bundesrat, der dem Berufsbildungsgesetz zustimmen muss, weiter ausgebaut. Der Bildungsexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Georg Gölter (1989/1990 Präsident der Kultusministerkonferenz), mobilisierte bereits die Ministerpräsidenten der Union gegen das Gesetz: "Wenn die Koalition nicht zur Kurskorrektur bereit ist, hat die Berufsbildungsreform keine Chance mehr." Gölter und seine Gesinnungafreunde indes wollen alles beim alten lassen, denn die alte Gesetzgebung von 1969 habe sich bewährt. Die Bundesregierung müsste sich mit einem kostspieligen Flickwerk begnügen, um wenigstens einen Teil der Jugendlichen von der Straße zu holen. Sie stellt schon jetzt 300 Millionen Mark für arbeitslose Jugendliche bereit, die sich weiter schulen lassen wollen.
STILLSTAND TROTZ MILLIONEN-SUMMEN
Auch die Bundesanstalt für Arbeit ist großzügig. Für 27.000 Jugendliche bezahlt die Behörde Lehrgänge an Volkshochschulen und bei Hausfrauenvereinen und Gewerkschaften. Das Arbeitsamt zahlt jedem dieser Jugendlichen 300 Mark Unterhaltszuschuss, und die Arbeitgeber können sich auf den Föderlehrgängen die besten Arbeitskräfte aussuchen, um sie einzustellen - in den ersten zwölf Monaten werden bis zu 90 Prozent der Lohnkosten als Arbeitsförderungsmaßnahme vom Staat übernommen.
BERUF-GRUNDBLDUNGSJAHR
Das von der Bundesregierung angebotene Berufsgrundbildungsjahr nützt noch weniger, denn es wird nicht auf eine spätere praktische Ausbildung angerechnet. Hinzu kommt, dass die Industrie es ablehnt, Lehrlinge einzustellen, die ein Jahr zusätzlich die Schulbank gedrückt haben. So schrieb der Personalchef der Kabel- und Metallwerke in Hannover einen Absagebrief an einen Lehrstellenbewerber, "da wir bei der Übernahme in ein Ausbildungsverhältnis laut Anrechnungsverordnng der Bundesregierug gezwungen sind, das Berufsgrundbildungsjahr voll anzurechnen . . .".
AUSWEG: SELBER UNTERNEHMER SEIN
Resigniert sagte sich deshalb der zwanzigjährige Nobert Dittmer aus Frankfurt im letzten Jahr: "Was soll eigentlich der ganze Quatsch." Er nahm sein Glück selbst in die Hand. Im Frankfurter Stadtteil Bornheim trifft er sich jeden Morgen um 10 Uhr in einem Jugendhaus mit anderen Jugendlichen zum Frühstück, Am Anfang, vor einem halben Jahr, gingen sie gemeinsam zum Arbeits- oder Sozialamt, um sich Tips für Berufsförderung zu holen. Jetzt haben sie sich einen Lastwagen gekauft, um Fuhraufträge wie den Transport von Möbeln oder Klavieren auszuführen. Manchmal streichen sie unter Anleitung eines Tapezierers Wohnungen. Die Jugendlichen: "Wir wollen selber Unternehmer sein".
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Deutsche Professoren von 18 Instituten fordern in einem Appel:
" Schluss mit der Jugendarbeitslosigkeit! Schafft mehr Lehrstellen!"
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Die Katastrophe ist da: In unserem Land gibt es bereits 130.000 arbeitslose Jugendliche, die Zahl der Schulabgänger, die keine oder keine annehmbaren Lehrstellen finden, steigt weiter. Diese besorgniserregende Situation unterstreicht die Bedeutung des Bonner Berufsbildungsgesetzes, das jezt im Bundestag beraten wird. Der nach langem Hin und Her von der SPD/FDP-Koalition ausgehandelte Entwurf wird an der Misere aber wenig ändern.
Nach wie vor ist nicht gesichert, dass Unternehmen, die sich der Ausbildungsaufgabe entziehen, wenigstens zur Mitfinanzierung der Berufsausbildung herangezogen werden. So geraten der Bildungsanspruch des Schulabgängers und Kostengesichtspunkte des Einzelbetriebes ständig in Konflik.
Das vorliegende Gesetz der Bonner Koalition geht von der Annahme aus, Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel seien ein Konjunkturproblem und würden durch den Wirtschaftsaufschwung gelöst. Diese Ansicht ist falsch. Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel sind langfristige Strukurprobleme. Ihre Ursachen liegen vor allem in einem veränderten Arbeitskräftebedarf der Unternehmen (in vielen Betrieben überwiegen immer mehr reine Angelerntentätigkeiten) und in der Monopolstellung der Unternehmen auf dem Lehrstellenmarkt.
Wer die erschreckende und sich zuspitzende Lage überblickt und ehrlich ist, wird eingestehen müssen, dass Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel ohne gezielte Eingriffe in das jetzige Ausbildungssystem nicht abgebaut werden können. Ohne eine dauerhafte und vom Einzelbetrieb unabhängige Finanzierung (überbetrieblicher Fonds) ist weder eine inhaltliche Reform der Berufsausbildung, noch eine Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit, ein Abbau der Jungarbeiter-Zahl und schon gar nicht ein in allen Gebuieten ausreichendes Angebot an guten Lehrstellen möglich.
Notwendig ist ebenfalls eine Stärkung der öffentlichen Verantwortung für die Berufsausbildung, die vor allem durch die Mitbestimmung der Betroffenen, also der Lehrer und Ausbilder, der Lehrlinge, ihrer Eltern und ihrer Gewerkschaften zu verwirklichen ist. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung entspricht diesen Erfordernissen nicht. Die Vorstellungen der CDU/CSU sowie der Unternehmer und ihrer Kammern gehen an der Realität vorbei.
Die Folgen sind absehbar. Vermutlich wird die Öffentlichkeit in den kommenden Jahren mit Schlagzeilen über "Jugendkriminalität", "Jugendradikalismus", "Jugendalkoholismus" und "Drogenkonsum bei Jugendlichen" traktiert werden. Dann sollte niemand vergessen, dass die Grundlagen solcher Entwicklungen, von denen diese Schlagzeilen nur ablenken sollen, unter anderem in einer unzulänglichen und verfehlten Berufsbildungspolitik gelegt sind, wie sie heute zur Debatte steht.
Das Geld und der politische Druck, die für eine durchgreifende Reform der Lehrlingsausbildung heute angeblich fehlen, werden unter dem Eindruck solcher Schlagzeilen dann den Innenministern und der Polizei zur Aufrechterhaltung von "Ruhe und Ordnung" nur allzu reichlich zur Verfügung stehen. Diese "Problemlösung" ist wieder einmal zu befürchten.
Wer solche Entwicklungen abwenden will, wird nicht nur die Bundesregierung an ihre Verantwortung für eine illusionslose und konsequente Politik erinnern müssen. Er wird seine Forderungen auch an die Gewerkschaften als die einzige wirkungsvolle Interessenvertretung der betroffenen Jugendlichen und ihrer Eltern richten müssen. Die Verantwortung der Gewerkschaften, wächst sogar in dem Maße, wie sich die Bundesregierung zur Einlösung ihrer eigenen Reformziele als unfähig erweisen sollte.
Es ist die Aufgabe dr Gewerkschaften, noch wirkungsvoller und nachdrücklicher als bisher auf die Reform der Berufsausbildung zu drängen, ihre eigenen Möglichkeiten (zum Beispiel Betriebsverfassungsgesetz, Tarifverträge) noch stärker zu nutzen, und vor allen Dingen eine Politik zu betreiben, die die Sicherung der Arbeitsplätze und die qualitative Verbesserung der menschlichen Arbeit als unerlässliche Ergänzung zu einer besseren Ausbildung aller Jugendlichen in diesem Lande begreift.
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Dipl.-Politologin Sabine Adler
Bundesinstitut für Berufsforschunf, Berlin
Dipl.-Soziologin Inge Asendorf-Krings
Sozialwissenschaftliches Institut, München
Prof. Dr. Martin Baethe
Universität Göttingen
Dipl.-Soziologe Peter Binkelmann
Sozialwissenschaftliches-Institut,. München
Prof. Dr. Herwig Blankertz
Universität Münster
Dr. Fritz Böhle
Sozialwissenschaftliches Institut, München
Prof. Dr. Ulrich Boehm
Universität Bremen
Prof. Dr. Siegfried Braun
Universität Bremen
Afred Bock
Universität Bremen
Reinhard Crusius
Hochschule für Wirtschaft und
Politik (HWP) Hamburg
Prof. Dr. Lutze Dietze
Universität Bremen
Prof. Dr. Reiner Drechsel
Universität Bremen
Dipl-Soziologin Ingrid Drexel
Sozialwissenschaftliches Institut, München
Dipl-Soziologin Gisela Dybowski
Institut für Sozialforschung, Frankfurt
Dr. Doris Elbers
Berufsbildungs-Instituts, Berlin
Dr. Hannelore Faulstich-Wieland
Technische Universität, Berlin
Dr. Klaus J. Fintelmann, Berlin
Dipl-Soziologin Johanna Hund
Deutsches Jugendinstitut, München
Prof. Dr. Dieter Jungk
Technische Universität
Hannover
Dr. Ulf Kadritzke
Göttingen
Dr. Georg Kärtner
Deutsches Jugendinstitut, München
Prof. Dr. Peter Kalmbach
Universität Bremen
Prof. Dr. Wolfgang Karcher
Technische Universität Berlin
Prof. Dr. Adolf Kell
Gesamthochschule Kassel
Prof. Dr. Horst Kern
Technische Universität Hannover
Prof. Dr. Karl Kran
Universität Bielefeld
Prof. Dr. Helga Krüger
Universität Bremen
Prof. Dr. Wolfgang Lempert
Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung Berlin
Prof. Dr. Antonius Lipsmeier
Gesamthochschule Kassel
Prof. Dr Ingrid Lisop
Universtät Frankfurt
Prof. Dr. Wolfgang Littek
Universität Bremen
Dr. Hartmut Lüdtke
HWP Hamburg
Dr. Wener Markert
Universität Frankfurt
Dr. Ottfried Mickler
Universität Göttingen
Prof. Dr. Hartmut Nölker
Gesamthochschule Kassel
Dipl.-Volkswirt Christoph Nuber
Sozialwissenschaftliches Institut München
Prof. Dr. Claus Offe
Universität Bielefeld
Prof. Dr. Hedwig Ortmann
Universität Bremen
Dr. Martin Osterland
Universität Göttingen
Dr. Lising Pagenstecher
Deutsches Jugendinstitut München
Prof. Dr. Helge-Ulrike Peter
Universität Bremen
Prof. Dr. Theo Pirker
Freie Universität Berlin
Dipl.-PädagogeVolker Preuß
Berufsbildungs-Institut Berlin
Dr. Felix Rauner
Berufsbildungs-Institut Berlin
Prof. Dr. Hedwig Rudolph
Technische Universität Berlin
Dipl.-Soziologin Angelika Schmitt-
Wellenberg
Deutsches Jugendinstitut München
Diplom-Soziologin Irmtraut Schneller
Sozialwissenschaftliches Institut München
Dipl.-Ing. Rolf Schöfer
Technische Universität Berlin
Prof. Dr. Eberhardt Schoenfeldt
Gesamthochschule Kassel
Dipl-Soziologe Rainer Schultz-Wild
Sozialwissenschaftliches Institut München
Prof. Dr. Michael Schumann
Universität Bremen
Dipl-Ing. Helmut Spitzleg
Technische Universität Berlin
Prof. Dr. Hans-Josef Steinberg
Rektor der Universität Bremen
Prof. Dr. Karlwilhelm Stratmann
Universität Bochum
Prof. Dr. Helga Thomas
Technische Universität Berlin
Dr. Wilke Thomssen
Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung Berlin
Prof. Dr. Bodo Voigt
Universität Bremen
Prof. Dr. Wilfried Voigt
Technische Universität Berlin
Manfred Wilke
Hochschule für Wirtschaft und Politik
Hamburg
Dipl.-Soziologe Peter Wahler
Deutsches Jugendinstitut München
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