Dienstag, 12. November 1991

Im Leben von ganz unten nach ganz oben - Politikprofil der Bundesministerin Renate Schmidt























Biografie - Renate Schmidt (Mädchenname Pokorny) wurde am 12. Dezember 1943 im hessischen Hanau geboren. Nach der Vorstellung ihres Vaters, eines Kürschnermeisters, sollte Tochter Renate keine höhere Schule absolvieren, möglichst bald heiraten, Kinder bekommen und in der Zwischenzeit ein paar Jahre berufstätig sein - zur Aufbesserung der Haushaltskasse. Folglich ging Renate Schmidt ohne Abitur vom Gymnasium ab. Sie fing in der Fabrik ganz unten an - mit Akkordarbeit.

Im Jahre 1961 heiratete sie, mit achtzehn bekam sie ihr erstes und 1970 ihr zweites Kind. In Nürnberg qualifizierte sich Renate Schmidt in einem Großversandhaus namens Quelle erst zur Programmiererin, schließlich zur Systemanalytikerin.


1972 wurde sie als aktive Gewerkschafterin zur Betriebsrätin gewählt. Ein Jahr zuvor war sie der SPD beigetreten. Gemeinsam mit ihrem ersten Mann Gerhard Schmidt gründete sie im Jahr 1973 eine Gruppe der Sozialistischen Jugend Deutschlands - "Die Falken",die sie bis 1978 leitete. Ihr Mann Gerhard, ein Architekt und Hochbautechniker, gab 1974 seinen Beruf auf, um sich ganz als "Hausmann" um die Familie zu kümmern. Er starb 1984 an einer Herzmuskelentzündung. Sie hat aus erster Ehe drei Kinder und vier Enkelkinder.

Im Jahre 1998 heiratete Renate Schmidt in zweiter Ehe den Maler und Sozialwissenschaftler Hasso von Henninges.


Sie gehörte den Deutschen Bundestag von 1980 - mit kurzer Unterbrechung - bis 2009 an. In der Zeitspanne von 1997 bis 2003 fungierte Renate Schmidt als stellvertretende SPD-Parteivorsitzende. Bereits nach der Bundestagswahl 1987 rückte Renate Schmidt in den Führungszirkel der SPD auf. Sie wurde stellvertretende Fraktionsvorsitzende des Bundestages sowie Vorsitzende des Arbeitskreises "Gleichstellung für Frau und Mann." Dem Arbeitskreis gehören alle weiblichen Mitglieder der Fraktion sowie drei Männer an. In dieser Eigenschaft hat die Politikerin maßgeblich den "Gesetzentwurf zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Berufsleben" beeinflusst, gestaltet. Bevor Renate Schmidt "Fachfrau für Frauenfragen" wurde, widmete sie sich dem Bafög und dem Tierschutz.

Von 1991 bis 2000 war die Nürnbergerin zugleich Landesvorsitzende der SPD in Bayern. Bei den Landtagswahlen 1994 und 1998 kandidierte sie jeweils als bayerische Spitzenkandidatin ihrer Partei für das Amt des Ministerpräsidenten. Sie konnte sich allerdings nicht gegen Amtsinhaber, dem CSU-Politiker Edmund Stoiber (1993-2007) durchsetzen. Vom 22. Oktober 2002 bis zum 22. November 2005 verantwortete Renate Schmidt im zweiten Kabinett Schröder als Bundesministerin den Bereich Familie, Senioren, Frauen, Jugend. Im Jahre 2009 zog sie sich aus der Bundespolitik zurück.


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Frauen an der Macht
Protokolle einer Aufbruchsära
athenäums programm
by anton hain, Frankfurt a/M
12. November 1991
von Reimar Oltmanns
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Einleitung

Renate Schmidt traf ich zum erstenmal auf einer SPD-Veranstaltung in Nürnberg. Es war Wahlkampfzeit. Ich kam von dort angereist, wohin Renate Schmidt, damals 36 Jahre alt, als Bundestagsabgeordnete wollte. Natürlich hatte mich die Bonner Männerwelt in den Jahren meines Korrespondenten-Daseins geprägt -- in meinen Wahrnehmungen, in meinem Unterscheidungsvermögen zwischen wichtigen Leuten und aufgeblähten Randexistenzen - und mir die Selektionsmaßstäbe in den Kopf gesetzt, ob jemand für die Politik tauglich ist oder nicht.

FRISCH UND FRÖHLICH


Beharrlich klopfte ich Kandidaten nach dem vorherrschenden Männer-Suchbild ab: Politik als Lebensinhalt, das Beherrschen von Taktik und Strategie im Dienst der Karriere und ein ausgeprägter Machtinstinkt. Konsequenterweise hatte ich das allseits verbindliche Verhaltenmuster übernommen, das Überlebensprinzip: "Immer frisch und fröhlich über deine Kaputtheit hinwegjonglieren, sonst nimmt dir niemand mehr etwas ab und du stehst bald allein im Wald. Sei im persönlichen Umgang nicht laut, sondern nett leise. Freue dich nach Maßen, denn Gefühle sind verräterisch. Beiss dir auf die Zähne, wenn dir nicht zum Lachen ist. Reiss dich zusammen und lass dich nicht hängen. Kopf hoch und nach vorn geblickt, wenn du down bist. Das Leben ist hart und will so genommen werden. Punkt!"

UNBEDARFTE NETTIGKEITEN

Zugegeben: Als Renate Schmidt mir im Nürnberger KOMM - jugendliches Kommunikationszentrum - gegenübersaß, war ich gleich damit beschäftigt, meine Schubladen aufzuziehen, die ich für Argwohn, Vorbehalte und unbedarfte Nettigkeiten reserviert hatte. Und ich dachte so vor mich hin: Was will diese nette Renate Schmidt ausgerechnet an den Schalthebeln der Macht in Bonn bewirken ? Sie wird wohl wieder einmal einen klassischen Fall der Frauen abgeben, die mit ihren Anspruch der Wirklichkeit den Krieg erklären. Und wahrscheinlich dort landen, wo viele ihrer Leidensgenossinnen gelandet sind - im Abseits, zur Freude und Befriedigung der Männerriege.

SCHICHTARBEITERIN

Da saß ich nun ihr gegenüber und hegte Misstrauen: Entweder ist sie total naiv und wird gerade deshalb von den SPD-Männern als weibliches Aushängeschild aufs Podest gehoben. Oder sie wird in Bonn bald nicht mehr die sein, die sie war, werden Ranküne und Intrigen sie allmählich zerfressen.

Ich hatte mir schon lange vorgenommen, minutiös den Zusammenhang von politischem Werdegang und seelischer Deformation nachzuzeichnen - von der Kandidatenkür unter raubeinigen Genossen bis hin zum Fraktionszwang in Bonn. Ich wollte dem chronischen Verstellungstrieben unserer Politiker-Klasse, genährt aus einem verzerrten Wirklichkeitsbewusstsein, aufgrund ihres Doppellebens, Doppeldenkens und Doppelrollenspiels nachgehen. Mich interessierte deshalb die Tatsache, wie eine um Anerkennung kämpfende Frau, im öffentlichen Auftritt gehemmt und unsicher zudem, es schaffte, den SPD-Männern ihren "Erbhof", genannt Bundestagsmandat, abzutrotzen. Und Renate Schmidts Ausgangsposition war zudem alles anders als glücklich: Ohne Abitur ging sie vom Gymnasium ab und verdiente sich ihr erstes Geld als Schichtarbeiterin in der Fabrik.

AUSSTEIGER-GENERATION

Als wir uns im Nürnberger KOMM trafen, waren wir beide als "Hoffnungsträger" auf einer SPD-Veranstaltung vorgesehen - zumindest laut Parteiregie. Die SPD versuchte den Kontakt zur damaligen Aussteiger-Generation zu halten und schickte Personen an die Diskussionsfront, die über Sensibilität und Glaubwürdigkeit verfügten. Eine auf Profitmaximierung ausgerichtete Wegwerf-Gesellschaft sah sich übergangen und links - rechts ist richtiger - liegengelassen: In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hatte sich dank der Jugend in der Bundesrepublik mehr verändert als in Jahrzehnten zuvor. Von der Mehrheit der Gesellschaft nicht registriert, war ein abgrundtiefer Riss zwischen der nachwachsenden Generation und der oft selbstgefälligen Erwachsenenwelt entstanden. Erstmals in der deutschen Geschichte stand ein Staat vor der Situation, dass ihm nicht nur ein paar Sekten, sondern ein beachtlicher Teil seiner jüngeren Jahrgänge wegkippten. Die scheinbar historisch verbriefte Selbstverständlichkeit, die Jugend übernehme schließlich die Werte der Erwachsenen, griff offenbar nicht mehr.

AUS DER WUNDERTÜTE

Renate Schmidt und ich hockten im KOMM wie Fuhrleute zusammen, bei Bier und Korn. Es war ihre Offenheit, ihr schalkhaftes Lachen, das mein vor allem Frauen in der Politik gegenüber kultiviertes Vorurteil aus den Angeln hob. Ihr Lachen signalisierte Lebensfreude und Durchsetzungskraft, von apokalyptischen Weltschmerz-Befindlichkeiten keine Spur. Sie sprach schnell, als wollte sie keine Zeit verplempern. Was sie sagte, war klar und pointiert.

LIEBLOSE REPUBLIK

Ja, ja, sie wolle nach Bonn, in die Arena männlicher Überheblichkeit, wo de déformation professionelle Zuhause ist, wo "diese im Windkanal geformten Figuren" - wie es ihr Kollege Dieter Lattmann (SPD-MdB 1972-1980) einmal formulierte - eine Sprechblase nach der anderen aufsteigen lassen. In Bonn wollte sie dem Männer-Gehabe Paroli bieten. Starke Worte, dachte ich. Einige Jahre später las ich im sozialdemokratischen Vorwärts ein Porträt der Renate Schmidt, mit der Überschrift: "Wie aus der Wundertüte". Genau diesen Eindruck machte sie auch auf mich.

Seit unserem ersten Gespräch habe ich mich intensiver mit dem Leben dieser Renate Schmidt, mit ihrem Denken, Fühlen und Handeln, beschäftigt. Ich begleitete sie auf ihren Terminen durch bayerische Dörfer und natürlich in Bonn, ging bei ihr zu Hause in Nürnberg ein und aus. Ich lernte die ihr nahestehenden Menschen kennen und auch jene, von denen sie sich - zumindest zeitweilig - abhängig glaubte.

BEI SCHMIDTS AM KACHELOFEN

Bei den Schmidts in der Goldweiherstraße war alles ganz anders, als ich es mir - "verbonnt" wie ich war - vorgestellt hatte. Bizarr schien mir das Leben der Schmidts auf den ersten Blick; ich sah nicht, dass sich in ihrem Familienkreis ein Frauen-Aufbruch andeutete, der Jahre später die gesamte Gesellschaft erfassen sollte. Die Schmidts waren auf ihrer Art des Zusammenlebens und in ihrer Alltagsbewältigung herkömmlicher Familien um Lichtjahre voraus. Der Ehemann Gerhard hatte vor fünf Jahren seinem Beruf als Hochbautechniker ade gesagt und kümmerte sich fortan als Hausmann um die Kinder, die Küche und den Kachelofen.

HAUSMANN GERHARD

Gerhard Schmidt machte auf mich in keiner Weise den Eindruck, dass sein Leben an der Seite einer Politikerin sinnentleert und er nun als Hausmann auf dem Abstellgleis gelandet sei. Im Gegenteil: Er nahm Aufgaben wahr als Ratgeber und Begleiter in den politischen Wirren. Nur hin und wieder stöhnte er in "der Art von Hausfrauen" über den vielbeschäftigten Partner. Ich notierte mir: "Gerhard hat das Mittagessen schon vorgekocht, Erbensuppe gibt es. Einfach deshalb, weil er so noch genügend Zeit fürs Staubsauen, Abstauben , Bettenmachen und Waschen hat." Auch erzählte er mir, dass er nie mit leerem Magen einkaufen gehe. Wenn er nämlich hungrig sei, koste der Einkauf gleich einen Zwanziger mehr. Im Laufe der Jahre habe er ohnehin gelernt, gezielt auf die Sonderangebote im Supermarkt zu achten. Und im übrigen: Es wird das gegessen, was er auf den Tisch bringt. - Rollentausch.

VILLA KUNTERBUNT

Gelegentlich ist Hausmann Gerhard seiner oft abwesenden Politikerin Renate gram. Meist dann, wenn sie die Bonner Geschäftigkeit mit nach Hause, in die Villa Kunterbunt bringt - "wo man eh so wenig Zeit füreinander habe". Laufend bimmelt das Telefon, unlustig dreinschauende Männer mit Flanell-Gebaren buffen die Tür auf. "Dann geht es bei uns zu wie im Taubenschlag oder wie bei Hempels unter dem Sofa; das sollen die doch gefälligst in Bonn zwischen ihren ungebrauchten Ikea-Möbeln ausmachen; doch da werden dann meistens nur die Stimmen für irgendwelche Delegierten-Versammlungen oder Parteitage hochgerechnet " - so der Ehemann Gerhard. Seiner Renate konzediert er einen auf Enttäuschungen gefassten Idealismus. Irgendwann wird dieses Gebäude jedoch zusammenkrachen, weil sie in Bonn, in dieser Intrigensuppe, nicht mehr durchhält. Aber immerhin sei er dann ja noch da, der sie auffangen könne.

SELBSTWERTGEFÜHL

Gezielt gedemütigt in seinem Selbstwertgefühl sah sich Hausmann Gerhard allerdings, als die Münchner Abendzeitung in ihrer Nürnberger Lokalausgabe mal wieder unter chronischer Themennot litt. Gerhard Schmidt in seiner Gutmütigkeit ließ sich ahnungslos als "Paradiesvogel" zum Spott der männlichen Leser vorführen. Nach dem Motto: Männer guckt mal, welche Flops unter euch sind!

Dabei war seine Idee gewesen, den Männern zu zeigen, dass es möglich ist, als Mann mit dem Rollentabu zu brechen. Fast eine Seite war dem Boulevard-Blatt jene "human-touch-story" wert. Schlagzeile: "Seine Ehefrau machte Karriere im Beruf und in der Nürnberger SPD - Bügelfreie Wäsche mag Hausmann Schmidt sehr." Auf den Bildern saugte "Putzteufel Gerhard" den Teppich, in der Küche kochte der "Chef höchstpersönlich" wie in seiner "gemütlichen Werkstatt", und für einen abendlichen Politikempfang im Hause Schmidt arrangierte er ein üppiges und beschauliches Blumenbesteck. Zu guter Letzt wurde er mit seinen Berichten aus der "zünftigen Männergesellschat" zitiert: "Einer meinte mal, dass ich ein prima Kumpel sei, auch wenn ich den ganzen Tag daheim hocke. Aber vielleicht haben die Männer, wenn sie über mich lächeln Angst, dass ihre Frau auf die Idee kommen könnte, beruflich Karriere zu machen."

VERWEICHTLICHER MUTTER-JUNGE

Gerhard wagte sich vierzehn Tage nicht mehr vor die Tür, mied den Supermarkt und die Kneipen - gehänselt wurde er freilich weiterhin. Als ich mit dem engagieren Sozialdemokraten Gerhard Schmidt im Arbeiterviertel Nürnberg-Zabo eines Abends eine Biertour machte, lebten an den Kneipentheken schnittpunktartig aggressive Männer-Ängste auf - Ängste der Männer, die nach neuer Nahrung schielten und deshalb Hausmann Gerhard stets willkommen hießen. Mal unkten Lachfrösche, es müsse für in zu Hause am Kopftopf doch arg langweilig sein. Mal wurde er als Schlappschwanz tituliert, der ja sogar seinen Ehering an der linken Hand trüge. Mal war er ein verweichtlichter Mama-Junge, ein beruflicher Versager, ein Nassauer obendrein, der sich noch immer sein Taschengeld zuteilen liesse. - Bierlallende Männerbünde zur Aufbruchszeit der Frauen.

DER ZUG FÄHRT PÜNKTLICH

Szenenwechsel: Freitag, Bonner Hauptbahnhof, Gleis zwei. Der Intercity Zug Germania fährt um 11.23 Uhr nach Nürnberg. In den Sitzungswochen des Parlaments versucht Renate Schmidt , diesen Zug zu bekommen. Häufig reist sie nicht allein. Auch ich bin dieses Mal mit von der Partie. Auf mich macht sie einen kleinlauten, abgekämpften Eindruck. Die Angespanntheit, die sie in Bonn unter Strom setzt, weicht allmählich der Leere: Selbstzweifel nach Feierabend. Die Woche über in Bonn: das bedeutet für sie Sitzungen über Sitzungen in verqualmten Räumen bis tief in die Nacht. Unterm Strich ist wieder nichts Sonderliches herausgekommen; ewiges Wortgeklingel und nassforsche Schaustellerkünste vor Mikorofon und Kamera, von ihr "Polit-Entertainment" genannt. Ermattet sagt sie in meine Richtung: "Die Männer sitzen da und bestätigen sich laufend nur gegenseitig, wie wichtig sie doch für dieses Land seien, obwohl sie in Wirklichkeit allesamt vernichtend wenig voneinander halten. Das ist einfach zum Kotzen, wie sich da eine Fiktion an die andere reiht."

VERSAGER-ÄNGSTE

Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie sich in solchen Momenten daran erinnert, wie ihr vor Weihnachten 1979 die Kandidatur für diesen Bundestag angeboten worden ist. "Ich hab' es mir schlicht und einfach wie die meisten Frauen nicht zugetraut." Aber sie ging. Auch wenn sie die Versager-Ängste mittlerweile überwunden hat, nasse Hände hat Renate Schmidt noch immer, wenn sie vorn am Rednerpult des Plenums gegenüber der Männer-Meute Stellung bezieht. Und vor allem dann, wenn diese Herren darauf erpicht sind, sie zu diskreditieren, ihr die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu bestreiten, sie zum lächerlichen, unbeholfenen "Schießbuden-Fräulein" abzustempeln. Zwischenrufe wie "Sie sind sicherlich ganz gut im Bett, aber ..." oder "Zur Sache Schätzchen, Sie reden besser als Sie aussehen" sind keine Seltenheit: Fünfzehn Minuten redete die Frau Abgeordnete Schmidt-Nürnberg, und das Protokoll des Bundestages verzeichnet insgesamt 47 Unterbrechungen dieses Kalibers, Sie sind ein greller Farbtupfer im Sittengemälde dieser Republik, Ausdruck des männlichen Trotz-Prinzips: Die Frauen bellen ihre Emanzipationsrhetorik, die Karawane zieht weiter.

KATEGORIE: KARRIERE-MANN

Dabei wissen Frauen wie Renate Schmidt, wie weitverbreitet die Kategorie Karriere-Mann ist. Da sitzen Politiker, die sich mit ihrem Getue nicht nur Amüsement verschaffen, sondern gleichsam ihren Identitätskern zu verstecken suchen; vor sich selbst flüchtende Männer mit ihren fortwährenden sie bestätigenden "Beziehungskisten".

BUSEN-GRABSCHER

In die Bonner Annalen eingegangen ist die "Busengrabscher-Geschichte" des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Klaus Hecker. Er musste bekanntlich 1983 seinen Platz räumen, weil die grünen Frauen nicht über seine sexuelle Anmache geschwiegen haben. Der Herr Abgeordnete Hecker liebte es, in den Büro-Hinterzimmern des Bundestages seinen Kolleginnen an den Busen zu greifen. Immerhin kann sich Hecker eines zugute halten: Schneller als geplant schrieb die damalige Familienministerin Rita Süssmuth (1985-1988) ein Forschungsprojekt aus: "Die sexuelle Belästigung der Frauen am Arbeitsplatz" - außerhalb Bonns, versteht sich.

SEX UND POLITIK - EIN TABUTHEMA

Aus gutem Grund ist auch zu Zeiten des Frauen-Aufbruchs im offiziellen Bonn Sex und Politik eines der Tabu-Themen. US-Wisscnschaftlerinnen gingen n einer Forschungsstudie ("A sexuel profil of men in power") dem Spannungsverhältnis von Macht und Sex nach. Danach benötigt ein Politiker eine immer größere Dosis, um dieselbe Euphorie zu empfinden. Und weil Politik nun mal süchtig mache, müsse der Politiker größere Erfolge und Siege verbuchen , um sein minimales Wohlbefinden zu erreichen. Dies führe, so die US-Studie, zu dem zwanghaften Drang, andere zu beherrschen, präge die Atmosphäre von Dominanz und Kontrolle in seinen Büros ebenso wie sien verstecktes Sexualleben. Der Polit-Macho sei ständig auf der Jagd nach Frauen, nach symbolischen, meist zwanghaften sexuellen Machtspielen. Das ist in Washington nicht anders als in Bonn oder auch Berlin.

ANGEWIDERT UND ABGEHÄRTET

Angewidert und abgehärtet könnte frau in Bonn und Berlin zur Tagesordnung übergehen. Renate Schmidt kann und will gerade das nicht. Sie ist nicht nach Bonn gekommen, um sich hier von den Männern neu sozialisieren zu lassen. Nein - im Gegenteil: "Die Männer müssen vielmehr mit sanfter Gewalt zur Übernahme der Verantwortung gezwungen werden. Ich bin ich."

Ergo: Der Frauen-Marsch durch die Institutionen hat längst begonnen. Es ist ein Langlauf gegen die hier agierenden Männer der Macht, die sich in dieser bedrückenden Atmosphäre stets aufs neue überflügeln müssen, Herkunft wie Inhalte getrost beiseite schieben und Petitessen zu Hahnenkämpfen stilisieren und nicht selten brenzlige Grenzfälle für "das Maß der Mitte" halten.

ROLLENSPIEL: POLITIK-MAMA

So kommt es nicht von ungefähr, dass das Wort "Mensch" zum Hauptvokabular der Renate Schmidt zählt. "Ich halte mich für eine Seele von Mensch und vermittle hoffentlich, dass ich Menschen mag." Oder: "Für mich ist es die Motivation in der Politik, dsass Menschen ein Gefühl dafür bekommen, dass das Leben durch Solidarität besser wird. Das ist eine Frage des Systems. Die Anlage zum Guten steckt in jedem." Aber auch: "Es macht mich krank, wie Menschen oft mit Menschen umgehen." Und so, als habe sie schon ihre neue Funktion als Bonner Politik-Mama übernommen, fügt sie ironisch hinzu: "Alle Mühseligen und Beladenenen finden bei mir ein Zuhause."

KÖFFERCHEN MIT BIERDOSEN

Auf der Bahnfahrt am besagten Freitag nach der Sitzungswoche gen Nürnberg hockt im Zugabteil vis-à-vis von uns ein offenkundig mitgenommener älterer Mann, den ich auf Anhieb nicht gleich erkenne. Nur ein Diplomaten-Koffer deutet darauf hin, dass er irgendwie etwas mit der Bonner Politik zu tun haben müsse. Als es dann im Zugabteil zischte, sein in der Aktentasche verstautes Bierdosen-Arsenal die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, war ich keineswegs überrascht. In Bonn nichts Neues. Schließlich habe ich sie hinreichend oft beobachten können, diese Repräsentanten deutscher Politik.

"SCHLAUE EGON"

Mit diesen Bierdosen knackenden Herren hatte es eine besondere Bewandtnis. Es war Renate Schmidts langjähriger SPD-Kollege vom Nürnberger Nachbarwahlkreis, Egon Lutz (*1934, SPD-MdB 1972-1991). Mit ihm zusammen stellt sie in Nürnberg und Umgebung Öffentlichkeit her. Kein Zeitungsfoto ohne Lutz, der sie zuweilen in inszenierter männlicher Siegerpose eigens fürs Wahlvolk emphatisch umarmen darf. Das heißt aber aber auch, keine Profilierung ohne den anderen in Nürnbergs Arena sei es beim Kaninchenzüchterverein, auf den Parteitagen oder bei den Philatelisten. Schließlich wies angeblich der "schlaue Egon" die damals unerfahrene Renate Schmidt in die taktischen Finessen der Macht ein. Mittlerweile hat er beinahe zwanzig Jahre Bonner Abgeordneten-Dasein auf dem Buckel - zwanzig Jahre in der SPD-Bundestagsfraktion, die ihn gekennzeichnet haben. Deutlich ist Lutz sein Leidensdruck anzumerken. Wie so viele Männer vor und nach ihm glaubte auch er, der einstige Senkrechtstarter aus dem Gewerkschaftsapparat, an seinen jähen Politik-Durchbruch. Jahre verwandte er darauf, Ernst Blochs (*1885+1977) Prinzip Hoffnung für sich umzusetzen: Staatssekretär hatte er werden wollen, ob im Arbeits- oder Verkehrsministerium - egal, Hauptsache Staatssektretär. - Gescheiterte Männer-Karrieren, über die niemand sprechen mag. Verlierer-Typen.

GEKRÜMMTE FIGUREN

Verlierer bekommen eben kaum Zuspruch und Aufmerksamkeit, bleibt meist nur heimlicher Spott. Der ist ihnen sicher, gewiss und das nicht zu knapp. Das ist in der Politik-Klasse nicht anders als überall in den von Konkurrenzkämpfen zerrissenen Betrieben dieser Republik. Zwei Bonner Politiker in einem Zugabteil, die für mich Auf- und Abbruch repräsentieren. Dass diese bizarre Konstellation schon recht bald das ganze Land erfassen sollte, konnte ich damals, im Jahre 1982, noch nicht erahnen. Dort der gebrochene Mann, der sich in der Hauptstadt verausgabt und verloren hatte, weil ihm die Amts-Mächtigen nicht jene Amts-Identität gaben, wofür er sich jahrelang krummgelegt hatte. Hier eine Frau, deren Zuschnitt schon ein anderes Verhalten verrät. "Ich bin die Renate", sagt sie oft schlicht, wenn sie auf fremde Menschen trifft, die sie begrüßen will. Sie deutet auf Egon Lutz und meint vielleicht zahlreiche Männer in Bonn: "Der hat sich in dieser Mühle verschleißen lassen. Das will ich nicht." Und: "Irgendwann will ich mal etwas anderes machen. Vielleicht eröffne ich einen Laden, koche viel und gut, sammle Pilze und lese Krimis. In diesem Bonn kommt man eben zu nichts."

GESPANN: SCHMIDT / LUTZ

Einige Jahre sind mittlerweile vergangenen. Nich immer fährt das Gespann Schmidt/Lutz freitags nach einer enervierenden Sitzungswoche gen Nürnberg, Aus der Renate Schmidt von einst, die sich manchmal für ihre Existenz in der Männer-Welt entschuldigte, ist unterdessen die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende des Bundestages geworden. - Der Frauen-Aufbruch und seine Schnittpunkte. Schon ihr großes Büro im Bundeshaus, mit Vorzimmer, Referentinnen und Sekretärinnen, deutet daraufhin, dass diese Frau mitstrickt an der Macht und den Machbarkeiten in dieser Republik: Jahrelang unterdrückte Frauen-Visionen werden allmählich eingeklagt.

DAUERWELLEN IM DAUER-WAHLKAMPF

Renate Schmidt ist schlanker geworden - trägt ein knallrotes Kostüm auf Taille, ihre Haare sind leicht ergraut. In der vergangenen Situngswoche legte sie mehr als sechstausend Kilometer zurück. Dauerwahlkampf in Deutschland. Wahlkampf für Frauen uind für die Sozialdemokratie. Da kann es kein Privatleben mehr geben, selbst nicht in den kleinsten Nischen.

Es ist ein Tag wie - beinahe - jeder andere im Leben der Renate Schmidt. Aktion "Durchrauschen" ist angesagt, Besuch in einem Münchner Altenheim, Podiumsdiskussion über Wohnungsbau, Visite in einem Kindertagesheim, Präsidiumssitzung der bayerischen SPD; um fünf Uhr mit dem Zug nach Nürnberg, mit dem Mietwagen weiter nach Ansbach, um acht Uhr auf dem Podium, Thema: Rentenpolitik. Sie macht dazu die Fußnote: "Ich halte diese Art von Politik für ziemlich albern" - und verschwindet zum nächsten Termin.

FRAUEN-AUFBRUCH FRISST KÄMPFERINNEN

Als ich mich von ihr im Bundestag verabschiedete, sagte ich zu ihr, sie möge doch aufpassen, dass dieser hoffnungvolle Frauen-Aufbruch nicht jene Frauen fresse, die ihn erkämpft haben, Denn Frauen-Kultur - das sei doch - dies hätte ich als Mann gelernt - eine andere Besinnung, ein anderes Politik-Verständnis. Es könne doch nciht angehen, sich in einem additiven Ergänzungsverhältnis zu den Männern zu sehen, im Terminstress Halt zu suchen und sich dort zu verbrauchen. Renate Schmidt stand schon wieder absprungbereit an der Türschwelle, und ihre Sekretärin Frau Walter redete dazwischen, weil sie München
an der Telefonstrippe hatte.

VOM FREUND VERLASSEN

Wenige Monate später klingelte Renate Schmidt bei mir zu Hause an. Traurig war sie, niedergeschlagen. Ihr Freund habe sie gerade verlassen, und das ausgerechnet mit der Bemerkung: Sie sei ja sowieso nie da, ständig auf Achse. Das hätte wohl alles keinen Sinn mehr mit ihr. Unter einer Partnerschaft stelle er sich etwas anderes, Intensiveres vor. - Rollentausch. Und weiter: "Aber wenn wir Frauen in der Politik Erfolg haben wollen, müssen wir so leben und arbeiten." Und sie fügt selbstzweifelnd hinzu: "Was ist denn eigentlich Erfolg?"

Im Laufe der Zeit ist es zunehmend einsamer um Renate Schmidt geworden - zumindest privat. In der Tat ist es extrem schwierig, unter diesen von Männern geschaffenen Politik-Bedingungen, dauerhafte Beziehungen aufzubauen und zu halten. Renate Schmidt: "Da gibt es dann plötzlich niemanden mehr, den ich anrufen und fragen kann, ob man nicht gemeinsam Silvester feiern sollte." - Der Frauen-Aufbruch in der Politik und sein einstweiliger Preis.



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AUFBRUCH DER RENATE SCHMIDT:
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"In Bonn bin ich nicht auf einer Isolierstation oder in einem Treibhaus. Tag für Tag holt mich die oft bedrückende Wirklichkeit vieler Menschen ein. Wir haben hier viel auszuhalten - Frauen und Männer völlig unterschiedslos. Vielleicht lastet der Druck auf den Frauen eine Spur mehr. Es kann aber auch sein, dass wir Mechanismen entwickelt haben, damit eher zurechtzukommen mit dieser ständigen Überforderung, in die wir uns selber hineintreiben und in die wir hineingetrieben werden. Der Anspruch, den Menschen an dich stellen, ist enorm. In jeder Bürgersprechstunde wird mir dies erneut klar. Die Leute machen ja fast ausschließlich die Politik für ihr persönliches Glück oder Unglück verantwortlich.

Ich kann mich dieser Verantwortung nicht einfach entziehen. Da kommen Menschen erwartungsvoll in meine Sprechstunde - und ich weiß wirklich nicht, was ich für sie tun kann. Das bereitet mir zuweilen schlaflose Nächte. Aber es ist nun einmal so: Es gibt menschliche Schicksale, die mich überfordern. In solchen Situationen sage ich mir immer zuerst, um Himmels willen, das kann doch wahrlich nicht meine Aufgabe sein. Doch dann kommt sogleich der zweite Gedanke, nämlich die Forderung an mich, dass ich das nicht einfach wegdrücken, einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Es geht hier doch um menschliche Schicksale - von Sozialhilfeempfängern, von Leuten, die seit vielen Jahren arbeitslos sind. Ich werde wieder Briefe schreiben, jemanden vom Arbeitsamt auf die Pelle rücken, versuchen, die Verbindungen, die ich einmal hatte, aufleben zu lassen. Das alles werde ich versuchen, und doch weiß ich, im Grunde genommen erreichst du wenig, um nicht zu sagen, überhaupt nichts: Du änderst die Verhältnisse nicht.

Ich habe nicht die Macht, die man mit meiner Position verbindet, so als könnte ich schalten und walten, wie ich wollte - nur weil ich hier im Parlament in der "Zentrale der Macht" sitze. Ich weiß doch ganz genau, wäre ich Personalchefin eines Betriebes, müsste ich glasklar Markt-adäquate Maßstäbe an die Menschen anlegen. Es wäre schließlich meine Aufgabe, effiziente Arbeitskräfte einzustellen. Und an dieser Erfüllung meiner Funktion würde ich ja selbst gemessen Das heißt, ich weiß nur zu gut, dass ich als Personalchefin Menschen mit bestimmten psychischen Konstellationen nicht einstellen würde - dürfte. Ich weiß, dass für diesen Menschen, der bei mir in der Sprechstunde sitzt und glaubt, ich sei die personifizierte Macht, dass für diese etwas grundlegend anderes notwendig wäre. Aber die Zeit habe ich nicht, weder die Ausbildung noch die Kapazität , um dem, der mir mit großen Erwartungen gegenübersitzt, wirklich zu helfen - indem ich ihm vielleicht sage: 'Der und der bist du, und in dieser Verfassung kannst du nicht in einen normalen Betrieb hinein. Das wirst du nicht durchhalten, weil du für dich und deine Kollegen im Arbeitsablauf eine Belastung bist. Du würdest den Betriebsablauf nur stören, weil du nicht 'funkionierst'. Wenn du da unbedingt hin willst, weil du rein musst, denn du musst schließlich Geld verdienen -, dann solltest du erst einmal eine psychotherapeutische Behandlung beginnen. Dann musst du noch dieses oder jenes lernen. Und dafür brauchst du Geld, denn ohne Geld läuft nichts.'

All das müsste ich ihm sagen. Und ich weiß doch, diese Möglichkeit gibt es noch nicht, auch wenn ich sie mir gut vorstellen kann. Das ist die permanente Überforderung, mit der wir konfrontiert sind. Unsere Macht wird von draußen völlig überschätzt. Als glaubte man, wir säßen an einem Schalthebel und könnten per Dekret und Einfluss von oben die gesellschaftlichen Instrumentarien entscheidend bewegen. Wir können aber nicht die Mechanismen und Strukturen, die unser aller Leben bestimmen, einfach aushebeln. Nur: das lässt sich oft nicht so einfach sagen. Solche Gespräche sind in ihrem Strickmuster weitaus komplizierter. Von der hohen Erwartungshaltung lassen wir uns anstecken und stürzen uns allzu oft in Scheinaktivitäten - irgendwelche Telefonate und Briefe - , weil wir nicht den Mut aufbringen, unumwunden zu sagen: 'Das geht nicht.' Wir alle sitzen in einem Boot, das sich Bonn nennt, und jeder legt sich kräftig in die Riemen. Das sieht dann so aus, als könnten wir alles lösen. Ich stemme mich dagegen und versuche, das Land und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung nicht aus den Augen zu verlieren. Das omipotente Gehabe in den Bonn und anderwo ist Augenwischerei. Manchmal ist das eine inszenierte Fassade aus der Kinowelt.

Aber was wir allerdings können, das ist: ein Problem nach dem anderen zu lösen, Schritt für Schritt. In Einzelgesprächen, Veranstaltungen, Diskussionen. Dabei merke ich, dass ich im Grunde genommen Optimistin bin, und zwar im positiven Sinne. Ich stelle mir immer vor, wie es gehen könnte. Vielleicht habe ich ein zu idealistisches Menschenbild. Manchmal erwische ich mich auch bei dem Gedanken: Wenn sie das doch nur so machen würden, dann ginge es bestimmt voran. Aber das hängt mit meiner perspönlichen Lebenserfahrung zusammen.

Ich habe nämlich in meinem Leben gelernt, nur wenn ich beharrlich bin, mich mit anderen zusammentue und versuche, nicht gleich die ganze Welt zu verändern, sondern zuerst das, was einem am nächsten ist, das heißt sich zu beschränken und konkrete Ziele zu verfolgen - nur dann sind die Erfolge da, ist man einen Schritt weiter.

Doch die Bereitschaft, politische Zusammenhänge zu begreifen, komplizierte Sachverhalte zu verstehen, hat rapide abgenommen. Einfach deshalb, weil die Leute nicht mehr willens sind, all das aufzunehmen und sich damit unentwegt auseinanderzusetzen. Das hat mit dem vielzitierten Glaubwürdigkeits-Verlust oder der vielzitierten Parteienverdrossenheit zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Die Menschen schrecken vor der Kompliziertheit der Sachverhalte zurück. Ich werde dafür bezahlt, dass ich mich jeden Tag zehn bis vierzehn Stunden mit Politik beschäftige.

Aber selbst ich brauche mehrere Tage, um Neuerungen auf einem Gebiet, auf dem ich mich normalerweise auskenne, zu verstehen. Da frage ich mich, wie soll ein Mensch, der in einem völlig anderen Beruf schuftet und auch nicht an zusätzliche Informationen ohne weiteres herankommen kann - wie soll er das alles begreifen. Machen wir uns nichts vor, die Infomationen in den elektronischen und gedruckten Medien sind auch deshalb reichlich verwirrend, weil die Journalisten selber leider nichts mehr verstehen.

Seit Wochen versuche ich, den Journalisten klarzumachen, dass der letzte Rentenkompromiss die Benachteiligung der Frauen nicht aufhebt. Es will mir nicht gelingen, mein Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Und zwar deshalb, weil die Journalisten es nicht kapieren. Es ist zu kompliziert, sie können daraus keine lockere Story stricken. Jetzt muss ich mir ausdenken, was ich ihnen für eine Geschichte liefern kann, als Themenaufbereiterin sozusagen. Ich weiß dann auch, das, was sie dann veröffentlichen werden, wird höchstwahrscheinlich in der Sache nicht hundertprozentig korrekt sein. Aber vielleicht kriege ich ein paar fette Überschriften. Die brauche ich, um hier Druck machen zu können.

Ich versuche, den Leuten zu verdeutlichen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es eine allgemeine Wohlstandsmehrung, von bestimmten Gruppen abgesehen, nicht mehr geben wird, dass wir weniger konsumieren, uns an eine andere Art des Lebens gewöhnen müssen. Je früher, desto besser. Das paßt offenkundig nicht in das auf Wachstum trainierte Lebenskonzept. Wenn ich das in Referaten, Diskussionen und Versammlungen klarzumachen versuche, auch dass wir für die Lebensumstände in Mexiko, Bangladesh oder in Afrika verantwortlich sind, dann werde ich als spinnerte Moralistin angegriffen, als jemand, der gegen die deutschen Arbeitnehmer sei. Spinnert sei ich zum Beispiel auch, wenn ich auf einem Gewerkschaftskongress kritisiere, dass es schlicht Unsinn ist, eine Milliarde Euro auszugeben, um per Bahn von Nürnberg nach München fünfzehn Minuten schneller zu sein, gleichzeitig aber die ländliche Anbindung dieser Zugverbindung zu kappen und den öffentlichen Nahverkehr auf diese Weise zu beseitigen. Seitdem ich kein Auto mehr habe, bin ich mir verstärkt darüber im klaren, um was es in der Verkehrspolitik kommender Jahre gehen sollte. Ich bin auf intakte Zugverbindungen angewiesen. Aber diese Rede wurde bei den Gewerkschaftern als ein entschieden zu "grünes" Plädoyer ausgelegt. Schon die Tatsache, dass ich mein Auto abgeschafft habe, ist vielen suspekt.

In Nürnberg fahre ich meist mit dem Fahrrad und versuche, auf die Blechkiste zu verzichten. Mir ist klar, dass es so nicht weitergehen kann - nicht zuletzt aus Gründen der Umwelt, der Energie, auch verkehrspolitisch nicht. Es wäre doch töricht von mir. wenn ich mich selbst nicht entsprechend verhalten würde. Gut, wenn jemand in der Oberpfalz wohnt, dann braucht er einen fahrbaren Untersatz. Aber für jemanden im Ballungsgebiet besteht keine Notwendigkeit mehr, ein eigenes Auto zu haben. Viele empfinden das als eine unzumutbare Einschränkung der Lebensqualität. Entscheidend ist doch, die Verkehrspolitik angesichts der immensen Gefahren vernünftig zu regeln. Das wollen viele freilich nicht begreifen, die hören nicht mehr zu. Da kann ich erklären, so viel ich will.

Ähnlich ergeht es mir an den Informationsständen mit der Asyl-Frage. Die Menschen wollen keine Erläuterungsversuche mehr hören, sie wollen ihren Missmut abladen. Sie wollen dir sagen, dass die SPD spinnert ist; sie wollen nichts, aber auch gar nichts über die Genfer Flüchtlingskonvention hören. Und wenn ich versuche zu differenzieren und zu erläutern, dann schalten sie ab: 'Das Boot ist voll' und damit basta. Was spielt es da für eine Rolle, dass wir heute wegen der Pille weniger Menschen in Deutschland sind. Was wäre denn, wenn es mit der vorhergehenden Geburtenrate so weitergegangen wäre?

Andererseits sind die Menschen im Vergleich zu früher sensibler und informierter. Sie engagieren sich gerade für Gerechtigkeit auch im kleinsten. Sie kämpfen dafür, dass es in diesem Land gerecht zugeht. Diese Art von Gerechtigkeit könnten wir letztendlich nur herstellen mit einen wahnsinnig großen bürokratischen Apparat. Mit der Folge, dass selbst kleinere Freiheiten drastisch eingeschränkt würden. Das halte ich für ausgeschlossen. Auch weiß ich nicht, ob die Einzelfall-Gerechtigkeit durchgängig funktioniert, ob also gesetzliche Lösungen zu allen Wechselfällen des Lebens tatsächlich mehr in Ordnung bringen. Soll das vorher in der Politik wirklich bis ins kleinste Detail perfekt geplant werden? Wer kann diese totale Durchorganisation wirklich wollen?

Kein Sozialdemokrat hat im Jahre 1975, als das Fremdengesetz in der heutigen Form und das Abkommen mit Polen beschlossen wurden, daran gedacht, dass im Jahre 1989 Monat für Monat zigtausend Polen hierherkommen und behaupten, sie seien Deutsche, und Leistungen genau auf Grund dieses Gesetzes verlangen. Kein Mensch hat damals an so etwas gedacht. Was damals richtig und vernüntig war, entpuppt sich heute als blödsinnig und falsch. Das forciert unweigerlich das Gefühl von Ungerechtigkeiten.

Oder das Bafög, das war wirklich ein gutes Gesetz. Die CDU/CSU/FDP-Koalition (1982-1998) konnte es sehr leicht kippen, weil es viele Einzelfälle gab, die den Menschen arg aufstießen. So erhielt der Sohn eines gut verdienenden Arztes Bafög, weil sein Vater irgendwelche Abschreibungsmöglichkeiten vorweisen konnte. So etwas ist leider nicht auszuschließen. Der Gesetzgeber kann nicht alles regeln, für jede Schlitzohrigkeit vorsorglich einen Paragrafen parat haben. Es wird immer Lücken geben, die ausgenutzt werden. Aber viele Menschen sind nicht mehr bereit, das hinzunehmen. Den Verdruss kriege ich manchmal ungeschützt ab - und habe nicht einmal Gelegenheit, die ursprüngliche Absicht zu vermitteln. Gleichzeitig sind wir hier in den Regierungs- wie auch Parlamentsapparaten viel zu schwerfällig. Statt zu sagen: So, jetzt ändern wir diesen Punkt, nicht mehr, wird gleich alles über den Haufen geschmissen. Und dann werden wieder neue Ungerechtigkeiten geschaffen.

Klar, ich selbst bin auch nicht durchgehend gut, und habe meine Macken. Und ich bin mir völlig darüber im klaren, dass ich manchmal etwas anders machen sollte, Aber das schaffe ich dann nicht, eben weil ich ein ganz normaler Mensch bin. Die hehren Ansprüche, die Rita Süssmuth (Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen, Gesundheit,1985-1988, Präsidentin des Deutschen Bundestages 1988-1998) in ihrer Rede an uns Abgeordnete adressiert hat. Natürlich möchte jeder Mensch ein guter Mensch sein, ein Mensch also, der seinen eigenen moralischen Prinzipien folgt. Und das gilt für einen Abgeordneten wie für jeden Menschen. Wir sind doch um keinen Deut besser. Auch wir verstoßen ab und an gegen unsere moralischen Prinzipien und tun etwas, was wir an, was wir an und für sich mit uns nicht vereinbaren können - das steht außer Frage. Rita Süssmuth hat uns Abgeordnete auf ein zu hohes Podest erhoben. Ich möchte gern nach wie vor die Renate Schmidt sein, wohnhaft in einem vergammelten Haus in der Goldweiherstraße in Nürnberg. Dort lebe ich schon seit Jahrzehnten. Und dort werde ich auch dann bleiben, falls ich jemals Ministerin (2002-2005) werden sollte - und ich werde weiterhin mit meinem Fahrrad um die Ecken kurven und mit der Verkäuferin über den Butterpreis schwatzen. Ich möchte hier in der Hauptstadt das Gefühl behalten, ich kann wieder zurück ohne Verluste.

Ich war gerne Betriebsrätin und gerne in der Datenverarbeitung, Momentan bin ich noch gerne hier in Bonn, und ich denke, meine nächste Arbeit werde ich auch gerne machen, ob als Ministerin oder anderswo. Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich in ein sozialdemokratisches Bundeskabinett käme, weil es aus meiner Sicht eine Menge anzupacken gibt. Ich werde aber keine Träne vergießen, wenn dieser Zug an mir vorbeirauscht. An meinen persönlichen Leben wird sich in den Grundzügen nichts ändern. Ich werde, auch wenn das manchem unverständlich ist, mein Leben wie bisher leben. Ich werde nach wie vor keine Hausangestellte beschäftigen - na ja, vielleicht lasse ich mal mein Haus verputzen; bevor alles abbröckelt.

Aber ich lege Wert darauf, dass ich bei Veranstaltungen als erste begrüßt werde. Nicht, weil ich die Frau Abgeordnete bin, sondern weil als Vertreterin des Souveräns agiere, als Volksvertreterin. Da reagiere ich sehr allergisch. Doch die Renate Schmidt, die möchte ich mir so gut wie irgend möglich erhalten. Manchmal geht es da recht heftig in mir zu, denn das ist nicht leicht. Im Moment habe ich deshalb ziemliche Konflikte mit meinem Freund. Er hat den Verdacht, dass die Bundes-Politik und die damit verbundene Öffentlichkeit meines Lebens mich stark verändern, dass ich das positive Geschehen zu sehr in mein Leben, in meine Gefühlswelt einbeziehe. Ich hingegen meine, dass er da ungerecht ist.

Er war Anfang der siebziger Jahre in Chile, wurde dort unter dem Diktat des Generals Augusto Pinochet (*1915+2006) im Jahre 1973 im Fußballstadion in Santiago gefangen gehalten, gefoltert. Mit großer Mühe ist Thomas von meinem Kollegen - damals war ich noch nicht im Bundestag - herausgeholt worden. Zurück in Deutschland , wollte er das Protokoll seiner Erfahrung in chilenischen Gefangenenlager an und unter die Menschen bringen. Aber hier interessierte sich kaum noch jemand dafür. Sein Schicksal und das Schicksal Tausender ermordeter, gefolterter Menschen schienen bereits in dieser atemberaubenden Schnelllebigkeit dieser Jahre der berühmte Schnee von gestern zu sein. Er schreibt jetzt Bücher, forscht und arbeitet als Taxifahrer oder Museumspädagoge. Wir beide sind uns freilich nicht so sicher, ob wir zusammenbleiben können, wollen, sollen ... Vielleicht hat sich unsere Gemeinsamkeit ja überlebt.

Wir haben jedenfalls unsere fortwährenden Auseinandersetzungen. Er definiert sich im Gegensatz zur etablierten Gesellschaft, die ich wiederum für ihn verkörpere. Abgrenzung. Ich bin nämlich jene, die nachweislich Erfolg hat. Da ist bei ihm Skepsis angesagt. Er will nicht kapieren, dass ausgerechnet ein Mensch wie ich Erfolg haben kann. Er fragt sich zunehmend misstrauischer, passt sie sich etwa ganz heimlich doch nicht zu sehr an? Welchen Preis muss sie eigentlich für ihren Durchbruch zahlen?

Also, ich weiß es nicht. Mir sagte jemand vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung: Dass so jemand wie du Abgeordnete ist! Es muss irgendwas dran sein. Ich habe ja einen rasanten Aufstieg in einer vergleichswiese kurzen Zeit in einer relativ großen, von Männern beherrschten Fraktion gemacht. Dieses Politikerinnen-Dasein ist meinem Freund suspekt. Gewiss färbt die Abgeordneten-Tätigkeit in der Politik-Kaste auf meine persönliche Entwicklung ab. Es wäre töricht von mir, das zu leugnen. Nach diesen zehn Jahren im Deutschen Bundestag bin ich anders, eben sicherer in meinem Umgang mit diesem Mandat und seinen Begleitumständen geworden. Vielleicht übertreibe ich etwas: aber es ist schon schwierig, sich in diesem Bonn nicht auffressen zu lassen.

Mit meinem Mann Gerhard habe ich oft über den Einfluss der Politik aufs Privatleben gesprochen. Gerhard hatte zu Recht Angst , dass unser privates Refugium en 'gläsernes Haus' werde. Versuche in dieser Richtung, vor allem von Journalisten, blocke ich zunehmend ab; dieses vorlaute, nassforsche Hineinwuchern. Mich und alle Menschen, zu denen ich engere Beziehungen habe, macht diese Art von Aufdringlichkeit wahnsinnig. Zum Beispiel zu Hause in Nürnberg: Wir kochen zusammen. Plötzlich Telefon, irgendeine Redaktion. Mein Freund meint, ich wäre in solchen Momenten sofort präsent und könnte von der einen auf die andere Minute über Gen-Technologie, den Familien-Lastenausgleich oder über was weiß ich noch abrufbereit reden; ja, dass ich immer an der richtigen Stelle lachen würde - wie eine Schauspielerin auf derPolitik-Bühne.

Aber das ist übertrieben. Sicher bin ich jetzt in einer Funktion, in der mir das oft passieren kann, mehr als früher. Und es kann sein, dass ich nicht mehr die Distanz zu mir selbst finde, die ich haben sollte. Dennoch behaupte ich, dass ich nicht völlig verkorkst bin, und das lasse ich mir auch nicht von meinem Freund einreden. Gut ist, dass er mich darauf aufmerksam macht, denn die Gefahr einer Deformation besteht.

Nur: Thomas hat mittlerweile das seltsame Gefühl, er sei eine Art Naturschutzgebiet für mich, wo ich als Freiwild von der Öffentlichkeit nicht x-beliebig greifbar bin. Zugegeben: Es ist manchmal schwierig, nein zu sagen und Journalisten unmissverständlich klarzumachen, dass ich gar nicht daran denke, jetzt, an meinem letzten freien Tag in diesem Moment, mit dem Zug von Nürnberg nach München zu fahren, drei Stunden im Studio zu sitzen, nach Schminkerei und allem Pipapo die Sendung zu machen und nachts zurückzufahren.

Es ist vom psychischen Ablauf her verdammt kompliziert, den Mittelweg zu finden: Wann sage ich nein, wan ja. Irgendwie sind Politikerinnen und Politiker eitle Menschen, die öffentlich wirken müssen und andere bewegen wollen. Man muss diese kokette Eitelkeit unter Kontrolle bringen, diese staatstragende Schauspielerei. Man darf sich nichtr mit hineinziehen lassen und der Sucht der Bewunderung nachgeben. Wenn ich aufhörte, darüber nachzudenken, dann würde ich mich verlieren. Nur: alleine darüber zu grübeln, das hilft nicht weiter. Daraus muss man die Konsequenzen ziehen. Und das ist nicht einfach - hier in Bonn oder auch Berlin - anderswo.

In den Bonner Jahren meiner Abgeordneten-Tätigkeit habe ich mich nicht nur äußerlich verändert. Ich bin heute viel sicherer. Ich weiß, was ich hier tun kann und was nicht. Ich kenne den Apparat ziemlich genau und komme mit ihm zurecht. Meine so genannte politische Karriere erkläre ich mir daraus, dass ich eine Mischung bin, die es nicht so häufig gibt. Da ist einmal mein Lebensweg, meine Lebenserfahrungen. Ähnliches gibt es in der SPD-Bundestagsfraktion nicht oft und kommt den Erfordernissen der Genossinnen - also der Frauen - und der Männer gleichermaßen entgegen.

Ich meine den Typus erwerbstätige Frau, die Beruf und Kinder miteinander vereinbart, die auch unter Schwierigkeiten - mit ihrem Mann andere Formen der Partnerschaft versuchte. Eine Frau mit Erfahrungen in einem privatwirtschaftlichen Betrieb. Eine Frau, die in der Gewerkschaft aktiv war. Eine Frau, die diese Kombination mit ins politische Geschehen einbringt. Eine Frau schließlich, die auf ihre Weiblichkeit Wert legt und gerne mal flirtet. Die nicht glaubt, die Emanzipation werde verraten und die Welt ginge unter, wenn ihr jemand in den Mantel hilft.

Diese Mischung aus vielen Komponenten verschafft mir Resonanz. Hinzu kommt, dass ich effektiv arbeiten, mich auf meine Ergebnisse verlassen kann. Das konnte ich schon immer, viel arbeiten, und ich mochte es gerne. Es gibt natürlich Tage, da möchte ich am liebsten gar nichts tun. Aber meine Disziplin ist es dann, die überwiegt. Seit spätestens meinem fünfzehnten Lebensjahr habe ich ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein. Und dieses Pflichtbewusstsein hilft mir über persönliche Kümmernisse hinweg, was nicht immer ein Vorteil sein muss. Wenn ich sage, das mache ich, dann geht es meist auch. Jedenfalls bemühe ich mich. Ich kippe nicht gleich um - schon gar nicht auf diesem Polit-Karrusell im Männer-Land.


Ich bin Vorsitzende des Arbeitskreises "Gleichstellung für Frau und Mann", und meine Leitidee hier lautet, wir werden in der Gleichberechtigung nichts erreichen, wenn sich die Männer nicht verändern. Die ersten siebzig Jahre der Frauenbewegung waren geprägt von Veränderungen der Frauen. Es waren Frauen, die sagten, wir müssen mehr lernen, wir müssen uns in die Männer-Angelegenheiten mehr einmischen, wir müssen dort unsere Position kriegen. Ergo: Wir müssen, wir müssen, wir müssen ... Die Frauen haben sich verändert und sie müssen sich weiter verändern, das ist klar.

Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo allein durch Veränderungen der Frauen überhaupt nichts Entscheidendes passieren wird. Aus der Frauen-Frage ist längst eine Männer-Frage geworden.

Die Männer sollten endlich erkennen und lernen, dass auch sie ihr Leben einzuschränken haben. Viele können sich das Abenteuer Leben nur mit hundertfünfzig Überstunden im Monat vorstellen. Wir möchten nämlich erreichen, dass die Männer sich am Leben der Frauen, am Leben ihrer Kinder tatsächlich beteiligten. Dass dieses Leben für sie in der ganzen Tragweite erfahrbar, erfassbar wird. Für mich ist jetzt der Punkt erreicht, dass wir uns in der Politik fragen sollten, was können wir tun, welche Rahmenbedingungen können wir schaffen, damit Männer mit einem neuen Bewusstsein ihr neues Selbstverständnis in die Praxis umsetzen können. Die Familienarbeit muss deshalb einen höheren Stellenwert bekommen. Das haben wir in der Fortschritt-90-Kommission mit Oskar Lafontaine (*1943, SPD-Parteivorsitzender 1995-1999), dann als Berliner Parteitagsbeschluss festgeschrieben. Sie ist neben der ökologischen Erneuerung ein zentrales Anliegen der Sozialdemokratie im kommenden Jahrzehnt. Also, die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf soll nicht nur Thema der Frauen, sondern gleichfalls der Männer sein. Das lässt sich nicht abrupt umsetzen. Bewusstseinswandel.

Gesetzgeberisch gehen wir dieses Problem mit aller Konsequenz an. Wir planen und schaffen Rahmenbedingungen, die es Frau wie Mann ermöglichen, in gewissen Zeiträumen ihres Lebens andere Prioritäten zu setzen. Dabei ist die berufliche Tätigkeit nicht mehr so wichtig. Kinder und Familie, die Partnerschaft stehen im Mittelpunkt. Ich möchte, dass es für den Mann regelrecht, schon unter rein materiellen Aspekten, unsinnig wird, zu leben wie bisher.

Dafür sind gravierende Bewusstseinsveränderungen unerlässlich. Ich kann mit Hilfe der Politik diese Diskussion entscheidend in Bewegung setzen. Ich kann und will nicht in den privaten Bereich hineinregieren. Im Moment wollen wir den Blick darauf lenken, was Frauen tatsächlich zu tun haben. Wir veranstalteten unlängst eine Anhörung zum Thema "ein bisschen Haushalt, sagt mein Mann". Wir wollen erreichen, dass die oft belächelte Familien-, Hausarbeit drastisch aufgewertet wird. Ich bin froh darüber, dass in der Fortschritt-90-Kommission dieses zentrale Frauen-Anliegen akzentuiert uind einhellig - auch mit den Männern - herausgearbeitet worden ist.

Vor nicht langer Zeit habe ich auf einem Kongress in Berlin den Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Herrn Dr. Klaus Murmann (1986-1996) getroffen. Er betonte, wie sehr die Industrie die Qualitäten der Frau zu schätzen wisse, insbesondere ihre ausgeprägte Bereitschaft zur Teamarbeit; dass gerade Frauen heutzutage unverzichtbar im Bereich industrieller Fertigungen seien. Sein Tenor: Wir brauchen Frauen in den Werks-, Montage-, Fließbandhallen, in den Labors, an den Bildschirmen dringender denn je. Darauf sagte ich quasi als Erwiderung, mich würde schon einmal interessieren, wer seine flotten Anzüge in die Reinigung gebracht, wer das Hemd von meinem verehrten Vorredner gebügelt habe. Ich fragte ganz einfach und schilderte dann ein fiktives Einstellungsgespräch im Jahre 2008, bei dem die Personalchefin Renate Schmidt Herrn Dr. Klaus Murmann, 37 Jahre als, drei Kinder, nach Lektüre seiner Personalunterlagen anschaut und fragt: 'Lieber Herr Dr, Murmann, wann haben Sie denn eigentlich Ihren letzten Eltern-Urlaub genommen? Merkwürdig, Sie waren ja niemals teilzeitbeschäftigt, obwohl Sie drei Kinder haben, wie denn das?' Antwort: ' Auch, also wissen Sie - Haushalt, Kinder, das macht noch immer in bewährter Manier meine Frau.' - 'Schade, Herr Dr. Murmann, dann kommen Sie leider für die angestrebte Führungsposition bei uns nicht in Betracht, weil Ihnen offenkundig wichtige Erfahrungen fehlen, die wir für unerlässlich halten. Sie haben nämlich keinen Qualifikationsnachweis, ob Sie wirklich einen Haushalt führen, sich selbständig um die Kinder kümmern können. Schade.'

Ich klopfe Murmann abschließend aufmunternd auf die Schulter und tröste ihn: ' Aber Sie sind ja jung und Ihre Kinder recht klein. Sie können das bislang Versäumte noch gut nachholen. Sonst haben Sie ja ausreichende Leistungsnachweise. Wenn Sie in drei bis vier Jahren wieder einmal vorbeischauen, haben wir sicherlich eine entsprechende Position für Sie parat.'

Ergo - in diese Richtung muss sich das Bewusstsein aller orientieren. Die Männer müssen sich gewaltig ändern. Sie müssen erkennen, dass die Frauen nicht mehr dazu bereit sind, die ausschließlich von Männern aufgestellten Kriterien, die vielleicht für deren Karrieren förderlich sind, wie Naturgesetze zu akzeptieren.

So wird die Emanzipationgeschichte definitiv nicht verlaufen, dass die Frauen weiterhin sagen, wir werden uns nicht mehr anpassen wegen der beruflichen Inaktheit des Mannes. Wir machen das auf Dauer nicht mehr mit, dass diese zum Beispiel 150 Überstunden für ein funkelnagelneues Metallic-Auto kritiklos schlucken , die Kinder allein uns anvertrauen, sich selbst nicht mal ein Quäntchen darum kümmern - für die nächsten Menschen keine Zeit haben, die Partnerschaft als einen vernachlässigbaren Nebenschauplatz betrachten - das Zuhause quasi als Jugendherberge. So läuft das Leben mit vielen Frauen nicht weiter. Das werden wir nicht mitmachen. Punktum.

Wenn uns die Industrie und der Öffentliche Dienst nicht die Zeit konzedieren, die wir für andere Menschen benötigen, dann sollen sie uns den Buckel runterrutschen. Die Ära, in der wir für Kinder, Haushalt, letztlich für das Gelingen der Partnerschaft allein verantwortlich waren, zählt im Grunde schon zur Vergangenheit. Weitreichende Konsequenzen diskutieren wir jetzt konkret an einzelnen Maßnahmen, die in das Gleichstellungsgesetz hineingehören. Es gelingt uns schon mittelfristig, ein neues Bewusstsein, ein hinterfragendes Selbstverständnis zu erzeugen.

Christoph Zöpel (*1943, Staatsminister im Auswärtigen Amt 1999-2003) hat die Tiefenschärfe der Dimension unserer Absichten in der Fortschritt-90-Kommission erkannt - auf den Punkt gebracht: die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann
ist einer der größten reformerischen Impulse, die wir in den nächsten Jahrzehnten offensiv bewältigen wollen. Dies dürfte im Prinzip eine Revolution werden - eien unblutige Revolution. Und das wird neben der ökologischen Umgestaltung und dem Zusammenwachsen beider deutschen Staaten das zentralen Thema des zwischenmenschlichen Zusammenlebens werden. Auch diese Mauer wird fallen. Ob in Bonn oder Berlin die Hauptstadt ist - das ist wirklich einerlei.

In diesem Zusammenhang finde ich es geradezu niedlich, wenn ich in der Partei gefragt werde, warum ich mich ausgerechnet für das scheinbar kompetenzarme Ministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit interessiere, ja, dafür optiere. Derzeit wird dieses Ministerium in seiner qualitativen Tragweite noch sehr verkannt, unterschätzt - zumindest in der Sozialdemokratischen Partei. Es kommt doch nicht von ungefähr, dass überall dort, wo die Grünen mit der SPD eine Regierungskoalition eingehen, sie dieses Ressort beanspruchen. Das Umwelt- und das Frauenministerium werden künftig die politischen Administrationen sein, von denen entscheidende Weichenstellungen ausgehen. Natürlich werde ich um mehr Kompetenzen kämpfen. In diesem Ministerium sehe ich die Chance für reale Veränderungen - gerade in einer Zeit, in der die allgemeinen politischen Gestaltungsspielräume zusehends enger werden.

Selbstverständlich diskutieren wir auch über Fragen zum Strafrechtsparagrafen 218. Hier zeichnet sich deutlich ein Wertewandel ab. Mittlerweile denken und reden nur noch wenige nach dem Motto: "Mein Bauch gehört mir." Nach dem, was ich in den letzten Jahren gelernt und bei meiner Tochter miterlebt habe, steht für mich fest, dass für mich persönlich eine Abtreibung niemals in Frage kommt. Und ich hoffe, dass ich nie in so eine bedrückende Situation gerate. Meien Tochter - sie ist allein erziehende Mutter von zwei Kidern - hat mich bei ihrer ersten Schwangerschaft angerufen und geweint. Ich habe gesagt, Jenny, das ist kein Grund zum Heulen, weder so noch so.

Wenn du sagst, du willst das Kind nicht - gut, du weißt, dass es Wege gibt, das Kind nicht zur Welt zu bringen. Wenn du das Kind willst, da sage ich dir ehrlich, wo fünf Personen satt werden, wird doch wohl ein sechster Mensch genug zu beißen bekommen. Ich glaube, ich habe meine Tochter Jenny nicht beeinflusst, Sie hat hin und her überlegt - allein, denn sie hatte damals keinen festen Freund. Jenny kam schließlich zu dem Ergebnis, dass sie nicht abtreiben will. Ich muss sagen, dass ich mich über ihre Entscheidung gefreut habe.

Beim zweiten Kind lebte Jenny mit einem jungen Mann seit längerer Zeit in einer gemeinsamen Wohnng. Sie waren bei der Beratungsstelle und hat eine Indikation gehabt. Mein großer Sohn Alexander fuhr sie zur Klinik. Vor der Eingangstür sagte sie zu ihm: 'Du, drehe um, es geht nicht, ich kann nicht.' Eine Abtreibung gegen das eigene Gefühl ist unmöglich. Ich weiß, dass manche Frauen dabei seelisch einbrechen. Ich sage nicht, dass das bei jeder Frau so ist. Manche kommen damit gut zurecht.

Ich habe meine Kinder in dieser Frage nie beeinflusst, weil ich meine, das ist eine ganz persönliche Entscheidung. Nur meinen Söhnen rede ich nachhaltig ins Gewissen, dass ihre Verantwortung ebenso groß ist wie die der Frau, und dass sie solch eine Verantwortung nur übernehmen sollten, wenn sie tatsächlich dazu bereit sind, und zwar langfristig.

Mein Mann, Gerhard, war im Dezember 1983 sehr krank geworden. Die Ärzte hatten zunächst eine Herzkrankgefäß-Geschichte diagnostiziert, und Gerhard muss dem allem auch keine allzu große Bedeutung beigemessen haben. Erst viel zu spät stellte dich durch eine Röntgenaufnahme heraus, dass er eine Herzmuskelentzündung hatte, mit einer nur nch 25prozentigen Herzleistung. Es ist nie geklärt worden, welche Ursachen dafür ausschlaggebend waren.

Da wurde ich, gerade vierzigjährig, unverhofft Großmutter und mein Gerhard lag im Krankenhaus, psychisch völlig unten. Ich bin in dieser fürchterlichen Zeit nahezu täglich zwischen Nürnberg und Bonn hin und her gependelt: Morgens hier in Nürnberg, abends wieder in Bonn usw. Das war der helle Wahnsinn. Dann sprachen wir mit dem Arzt, grundsätzlich, und er meinte, dass nur eine Herz-Transplantation Heilung versprechen könne. Gerhard sagte, das mache ich auf keinen Fall. Das kann ich verstehen: irgendwie ist das irrsinnig. Niere ja, aber Herz: nein. Ich habe auch noch nie eine Organspende unterschrieben, weil ich das Gefühl habe, irgendwie gibt es Grenzen. Der Mensch ist doch kein Ersatzteillager oder inzwischen doch ?

Immerhin hatte sich Gerhard wieder aufgerappelt, war vital und lebenslustig, wobei klar war, dass er nur sehr eingeschränkt leben könne. Er fuhr zur Kur, und ich reduzierte meine Bonner Tätigkeit stark. Ich habe in Bonn und in Bayern der Partei gesagt, wenn es um Termine und Veranstaltungen ging, ich kann nicht mehr und damit basta. Und zu mir: 'Renate, du bist zwar noch Bundestagsabgeordnete, mache halbwegs deine Arbeit - aber ab jetzt alles eine Nummer kleiner.'

Im Jahr 1984 haben wir noch einen sehr schönen Urlaub in der Bretagne verlebt. Wir erholten uns gut und waren beide frohen Mutes. Ich reiste dann mit dem Bundestagsausschuss in die Vereinigten Staaten. Der Arzt hatte sich geradezu euphorisch geäußert, dass es toll sei, wie Gerhard sich erholt habe. Wir fingen wieder an, kleine Pläne zu schmieden, redeten über unsere silberne Hochzeit und derlei Geschichten. Aber große Zukunftsprojekte wollten wir nicht machen. Wir sagen uns: 'Was wir jetzt haben, das hamm er', darüber hinauis wollten wir erstmal nicht schauen.

Eine Woche später, nachdem ich aus den USA zurück war, hatte ich Sitzungswoche in Bonn. Ich war nicht zu Hause. Gerhard wollte in der Stadt etwas erledigen. Er ist im Jahre 1984 auf der Straße zusammengebrochen und war innerhalb von Sekunden tot. Wenn jemand mit Herzrhythmusstörungen sich plötzlich aufregt, erklärte mir der Arzt, kann es trotz guter Erholung passieren, dass es abrupt aus ist.

Erst haben die Streifenbeamten bei meinen früheren Arbeitgeber, einem Versandhaus, angerufen, weil sie in Gerhards Tasche einen Einkaufsschein gefunden hatten. Dann kamen sie endlich bis Bonn durch. Ein Polizist fragte mich, ob ich einen Gerhard Schmidt kenne, der sei gerade im Zentrum von Nürnberg tot zusammengebrochen. Ich antwortete. Gerhard Schmidt gebe es viele, das müsse ein Irrtum sein. Ausgerechnet an diesem Tag war von meiner Familie niemand erreichbar. Mein Sohn Alexander musste vor Gericht sen Kriegsdienstverweigerungsverfahren durchboxen, Jenny war unterwegs, men Kleinster auf Klassenfahrt.

Auf der Rückfahrt nach Nürnberg war mir klar, dass ich mich von der Bonner Politik verabschieden, mein Bundestagsmandat aufgeben, vielleicht als Systemanalytikerin in Nürnberg in Lohn und Brot gehen würde. Ich wollte künftig zu Hause bei meinen Kindern sein. Irgendwie hatte ich dem Politiker-Leben am Rhein schon innerlich ade gesagt, sagen müssen. Andererseits wusste ich, dass ich jetzt nicht, quasi als leidgeprüfte Krisenmanagerin, ins Leben meiner erwachsenen Kinder hineinregieren kann. Vielleicht war es wirklich ein Zufall, dass meine Kinder einhellig der Auffassung waren, ich sollte in Bonn weitermachen, nicht aus Verzweifelung alles hinschmeißen. Zum Schluss drehte sich alles um Florian, meine anderen Kinder lebten mit ihren Partnern schon längst in Wohngemeinschaften. Florian wollte ich nicht allein zu Hause lassen. Ins Internat wollten wir ihn natürlich auch nicht 'abschieben'.

Tagelang haben wir beraten, wie wir nun unser Leben in Nürnberg gestalten wollen. Alexander und seine Freundin machten mir das Angebot, in unser Haus zurückzuziehen, was für die beiden sicher nicht leicht war. Wir mussten das ganze Haus umgestalten fast ganz umbauen. Wichtig war, dass jeder seine Rückzugsmöglichkeit hatte. Ich habe dann sechs Wochen Holz gestrichen usw., bis endlich alles stand. Ich selbst wohne in dieser Zeit im Gartenhäuschen, zwischen Bäuschen und Bäumen - dieses laubenähnliche Refugium wurde mein Domizil. Im Haus war ja wegen der Kinder kein Platz mehr. Ich habe also geschuftet, um über das Schlimmste hinwegzukommen.

Ausgerechnet in dieser Zeit kam die bayerische SPD mit dem Vorschlag, dass ich ihren Vorsitz (1991-2000) übernehmen sollte Zunächst erklärte ich nur das ich unter keinen Umständen macen könne, weil ich überhaupt nicht wüsste, wann ich wie ich mich wieder fangen würde: dass ich in solch einer Lage nicht als bayerische SPD-Chefin durch die Lande reisen könnte, um den CSU-Staat zu kritisieren und strahlenden Optimismus zu verbreiten - das verstehe ich doch wohl von selbst.

In den ersten Bonner Wochen hatte ich regelrecht Schwierigkeiten , im Plenum des Bundestages überhaupt ein Wort über die Lippen zu bringen. Ich weiß es noch genau, ich sollte über den Zivildienst reden. Teilweise begriffen die Kollegen gar nicht, was mit mir geschehen war, oder wollten es nicht verstehen - als könnte ich schnurstraks zur Tagesordnung übergehen. Ich brauchte lange, bis ich endlich wieder konnte. Bis dahin war ich ganz in Abwehrstellung.

Der richtige Zusammenbruch blieb nicht aus. Es passierte, als ich das erste Mal allein zu Hause war. Vorsorglich hatte ich mich ja über lange Wegstrecken den Kindern angeschlossen. Insgeheim fürchtete ich mich wohl davor, allein zu sein. Doch das läßt sich ja nicht immer umgehen. Die Kinder waren in den Pfingstferien ins Zeltlager gefahren. Ich merkte auf einmal, wie sehr ich alles, was passiert war, zugeschüttet, abgeschüttelt, verdrängt hatte - das heißt, mir keine Atempause, keine Verarbeitungsphasen zugestanden hatte.

An diesem Tag nun sollte ich morgens nach München zur Verleihung des Umweltpreises der SPD fahren. Ich wachte früh auf und bemerkte, dass ich mit riesengroßen roten Quaddeln am ganzen Körper übersät war. Dieser Allergieschub warf mich ins Bett. Ich war erschrocken und fragte mich, wie es dazu habe kommen können, zumal ich mich doch tags zuvor pumperl gesund gefühlt hatte. Mir ging es drei Wochen schlecht. Der verdrängte Schmerz hatte sich auf seine Weise nachdrücklich gemeldet. Dieser Rückschlag - das hieß wohl, dass ich endlich allein sein wollte, ohne Anlenkungen. Ich wollte mich wiederfinden.

Früher konnte ich unbeschwert flirten, die Männer, wenn ich etwas von ihnen wollte, mal witzig, mal direkt und schroff anhauen. Nun ertappte ich mich dabei, wie ich eine Männer-Phobie kultivierte. Ja, jedem, der sich mir in den Büros nur ein bisschen freundlich näherte, habe ich gleich meine spitzen Krallen unter die Nase gehalten: permanent in Alarmbereitschaft. Ich konnte niemanden an mich heranlassen, erst recht nicht in Bonn, das mir immer aberwitziger erschien.

Ich tat das einzig Vernünftige: Mit meinem Sohn Flo fuhr ich für mehrere Wochen nach Finnland, in völlige Einsamkeit. Ich muste niemanden sehen, keine Erwartungen erfüllen - weder von mir noch von anderen . Ganz allmählich fand ich wieder zu mir zurück - fand letztlich auch meinen Durchsetzungs- imd Kampfeswillen, meine beinahe unverschämte Neugierde auf andere Menschen wieder. Nach zwei Jahren.

Wenn wir alle nicht nochmals zusammengezogen, quasi als Familien-WG zusammengerückt wären - ich hätte mit der Bundespolitik definitiv aufgehört. Es wäre für mich unvorstellbar gewesen, dass ich in Bonn oder Berlin über die sträflich vernachlässigte Familienpolitik Reden halte, während das damals vierzehnjährige Flo in Nürnberg allein gewesen wäre. Das hätte ich nie ausgehalten.

Wir leben in einer Ausbruchsära, die mich unmittelbar betrifft und mit mir Millionen von Frauen in diesem Land. Ihren Bedürfnissen nach umfassender Akzeptanz, nach Ausbau ihrer selbstverständlichen Rechte, aber auch der rigiden Umkehr von der zerredeten Frauen- in die anstehende Männerfrage, weiß ich mich verpflichtet. Deshalb mache ich weiter in Bonn, später auch in Berlin. Das ist auch der Grund, warum ich als Spitzenkandidatin der bayerischen SPD in den Jahren 1994 und 1998 mit viel Elan in die Wahlschlachten zog, um die nahezu erdrückende Vormachtstellung der CSU zu brechen. Ich zog von Dorfkneipe, vom Marktplatz zu Marktplatz. Aussichtslos. Damals noch.

Noch im Jahre 1968 hätte ich auf die Frage: 'Bist du eine Feministin?' mit Unverständnis reagiert. Heute bin ich sauer, wenn ich von Feministinnen ausgegrenzt werde. 1968 war bei mir noch das Bedürfnis vorherrschend, Männern zu gefallen; heute dominiert der Wunsch, als Frau gut zu bestehen. Wir sind zwar inhaltlich noch in die Leichtlohngruppe des Bundestages, aber leicht haben wir es deswegen nicht. Nur: wir haben inzwischen festgestellt, dass wir eine Macht sind, die es systematisch auszubauen gilt.

Ich habe gemischte Gefühle beim Gedanken an das Jahr 1968. Seinerzeit durchlief die Bundesrepublik nach der Restaurationsphase der Nachkriegsjahre, gleichfalls eine Aufbruchsphase. Ich habe das Gefühl, damals nicht wirklich dabeigewesen zu sein: Die Heldinnen sind immer die anderen. Ich bedauere, dass ich nicht studiert , kaum nächtelang Diskussionen geführt habe und keine WGs kenne. Ich habe ehedem Männer als Maßstab akzeptiert, ja sie regelrecht gesucht, teils um zu gefallen, teils um mich mit ihnen beruflich zu messen. Mittlerweile weiß ich, dass ich ohne die Erfahrung jener Jahre nicht dort wäre, wo ich bin.

Im Jahr 1961 erwarte ich, knapp achtzehnjährig, ein Kind, heiratete, kann als 'in Schande Gefallene' mein Abitur nicht machen nicht machen, werde Programmiererin - damals ein Männerberuf. Ich komme zum Entsetzen meiner Kollegen nach der Geburt eines zweiten Kindes 1963 wieder in den Beruf zurück, werde schlechter bezahlt als die Männer. Muss, als mein Mann Gerhard mit dem Studium fertig ist, erneut die Kämpfe um Haushalt und 'wer-bringt -die-Kinder-in-den-Kindergarten' ausfechten - uind gewinne fast immer. Im Jahre 1969 ein kurzer Flirt mit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), der mit dem Einmarsch der Sowjets in Prag abrupt ein Ende hat.

1968 nehme ich mir zum Entsetzen meiner Vorgesetzter mehrere Male frei, um auf Demonstrationen zu gehen: gegen die Notstandsgesetze, für den Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr, gegen die US-Streitkräfte in Vietnam, Sitzstreik am Plärrer in Nürnberg (links-alternative Stadtzeitung): Besetzung des Schauspielhauses. Ich schwenke eine rote Fahne auf der Bühne. Nein - keine Frauengruppen, nichts Frauenbewegtes; ich habe mich durchgesetzt bei den Männern - zotigen Witzen setzte ich noch eins drauf, schließlich leben wir im Zeitalter der so genannten sexuellen Befreiung.

1970
Geburt des dritten Kindes; erstes gewerkschaftliches Engagement: in dem Betrieb, in dem ich arbeite, tut der Betriebsrat nichts, es gibt keine Betriebsversammlungen - wir setzen eine durch.

1971 Eintritt in die SPD - Willy wählen, mehr Demokratie wagen.

1972
Wahl in den Betriebsrat und die Konfrontation mit anderen Frauenleben: unterbezahlte Arbeit, verkappte Leichtlohngruppen, Frauen, die früh um drei Uhr aufstehen um nach der Fahrt mit Werkbussen um 6.30 Uhr mit der Schicht-Arbeit zu beginnen; teilweise mit ihren Kindern, die im Betriebskindergarten untergebracht werden. Ich kriege mit, dass Betriebsratskolleginnen Schulunen nicht mitmachen, weil ihre Männer dagegen sind, und wenn sie doch dabei sein wollen, für eine Woche vorkochen, vorputzen, vorzubügeln haben. Ich agiere gegen Leichtlohngruppen, für Frauen in Gewerkschaftsgremien und Tarifkommissionen - ich bin plötzlich frauenbewegt und immer noch stolz, wenn mich jemand als 'einzigen Mann im Betriebsrat' bezeichnet.

In der SPD engagiere ich mich in einer Bürgerinitiative, die einen Aktivspielplatz für Kinder einrichten will. Es kommt zu ersten öffentlichen Auftritten. Im Jahre 1972 müssen wir uns entscheiden, wie es mit der Familie weitergehen soll: zwei Berufe, Gewerkschaft, SPD, Aktivkinderspielplatz, Falkengruppe, drei Kinder, von denen zwei abwechselnd Schwierigkeiten mit der Mengenlehre und Lateinvokabeln haben - das ist zu viel. Wir entscheiden uns für den besser bezahlten Beruf (meinen) - Gerhard wird Hausmann, was ihm den Spott von Freunden, die Nichtakeptanz vor allem der Genossen und die Häme mancher Nachbarn einbringt und die der Gewerkschaft mir endgültig den Ruf, eine Emanze zu sein. Es wurde auch Zeit ... ...

Mit Beginn des achtziger Jahrzehnts kandidierte ich völlig ungeplant und unvorbereitet für den Deutschen Bundestag - und wurde gewählt. Meine schon in der Betriebsratsarbeit deutlich hervorgetretene Tendenz, mich um Minderheiten zu kümmern, setzt sich im Bundestag fort. Eine dieser Minderheiten sind die Frauen, ob Ausländerinnen oder erwerbstätige Frauen, ob Familienfrauen oder Mütter, die wieder in den Beruf wollen. Eine Mehrheit wird zur Minderheit gemacht. Politik für Frauen bleibt in einem ungesicherten Rahmen. Normalerweise werden Probleme durch Gesetze und Rechtsansprüche gelöst. In der Frauenpolitik sieht der Regelfall anders aus: Modellvorhaben, die fast nie nach der "Modellphase" weitergeführt werden, selbstausbeuterische Selbsthilfegruppen, Stiftungen, ABM-Maßnahmen und Forschungsvorhaben. Die Frau als defizitäres Wesen.

Seit 1987 bin ich nun die Frauen-Frau in der SPD-Bundestagsfraktion. Vorher war ich die Bafög-Frau, die Tierschutz-Frau, die Zivildienst-Frau, die Familien-Frau. Bei Konflikten wurde ich zumindest ernst genommen. Doch Frauenpolitik war und ist kein normales Politikfeld. Da Männer unseren Forderungen häufig hilflos gegenüberstehen, ziehen sie unsere Forderungen und die sie einklagenden Frauen ins Lächerliche.

Dies erklärt aber nicht die zunehmende Aggressivität vieler meiner Genossen gegenüber Frauen-Forderungen. Frauenbewegung in der SPD gibt es schließlich nicht erst seit 1968. Meine Großmutter durfte noch nicht wählen: der Arbeitsplatz meiner Mutter konnte gegen ihren Willen von meinem Vater gekündigt werden: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, nicht etwa gleichwertige, wurde in der Weimarer Republik nicht einmal von den Gewerkschaften anerkannt. Dass sich das und vieles geändert hat, ist nicht zuletzt das Verdienst von Sozialdemokratinnen. Diese Veränderungen wurden von den Männern akzeptiert. Die letzten siebzig bis hundert Jahre der Frauenbewegung standen unter der Überschrift: Veränderung der Frauen, Veränderung der Ausbildung, unserer Lebensplanung, unserer Rollenmuster. Die nächsten Jahre müssen unter der Überschrift der Veränderung der Männer stehen, um ihre Emanzipation und die Gleichheit von Frau und Mann tatsächlich zu erreichen.

Das bedeutet konkret: Es reicht nicht mehr, dass Männer im Bundestag für die Ausbildung von Mädchen in gewerblich-technischen Berufen, für Frauenförderung im öffentlichen Dienst, für die befristete Quote votieren. Sie müssen nun auch die Ausbildung in Säuglingspflege und Hauswirtschaft für Jungen, verbindlichen Väterurlaub und Teilzeit-Arbeitsmöglichkeiten für Väter, die Inkaufnahme des bisher Frauen vorbehaltenen Karriere-Knicks ins Auge fassen. Die M#nner müssen ihre Defizite auszugleichen beginnen.

Viele Männer können sich die positiven Möglichkeiten einer solchen Veränderung nicht vorstellen. Eimal wegen ihrer Erziehung, zum anderen wegen ihres Lebensstils., der auf die Zuarbeit einer (Ehe-)Frau abgestellt ist und von der Unveränderbarkeit unserer Arbeits- und Lebensstrukturen ausgeht.

Männer sind als Politiker, Gewerkschaftsfunktionäre, Arbeitgeber, Vorgesetzte und Kollegen Forderungen von Frauen ausgesetzt - und als Ehemänner oder Partner. Und da liegt die große Schwierigkeit, vor der beide Geschlechter stehen: Die Forderungen der Frauen richten sich ja nicht nur an die anonyme Gruppe der Männer, sondern vor allem an den eigenen Mann. Das heißt, wir haben Forderungen an den, den wir lieben. Dies hat manchmal den Verlust der Liebe, manchmal die Aufgabe der Forderungen oder, wenn es beide schaffen, den Gewinn von zusätzlichen Verstehen, größerer Unabhängigkeit, mehr Chancen für wirkliche Partnerschaft und Liebe zur Folge.

Der Quotenbeschluss der SPD ist deshalb nicht das Ende einer Entwicklung, sondern der Anfang eines neuen Kampfes. Damit ist die Chance gegeben, dass wir uns endlich überall einmischen können. Das Erstaunen ist groß, wenn wir jetzt unseren Anspruch anmelden auf eine Steuerreform, die nicht nur Ökologie und Ökonomie, sondern auch Fraueninteressen, Frauenbedürfnisse berücksichtigt. Die Abwehr ist groß, wenn wir die verbindliche Quote im öffentlichen Dienst fordern. Der hundert Jahre alte Dreh, Frauenthemen zu Nebenthemen zu erklären, hat sich längst noch nicht ausgeleiert. Nur: vierzig Prozent der Frauen werden aus dem so genannten Nebenthemen Hauptthemen machen. sicher? Ganz sicher !

Schon die Frauenbewegung Anfang der siebziger Jahre hat die Sozialdemokratinnen deutlich erkennen lassen, dass zwar nur eine sozialistische Partei ihre Vorstellungen von Demokratie verwirklichen kann, dass aber nur ein aktiv vertretener Feminismus diesen Sozialismus demokratisch verändern kann. Die sozialdemokratischen Frauen sind nicht länger bereit, die Interessen der Frauen hinter ein vermeintiches sozialdemokratisches Gesamtinteresse zurückzustellen. Die Frauenfrage ist für sie kein Nebenwiderspruch, sondern ihr brennendstes Problem.- Insofern freue ich mich auf die neuen Frauen - auch und vielleicht gerade aus der einstigen DDR. Mit der Einführung der Quotenregelung im Jahre 1988 (40-Prozent-Geschlechter-Quote für Amt wie Mandat) ist den Frauen in der SPD der erste Durchbruch gelungen, dessen Folgen gegenwärtig noch nicht abzuschätzen sind.

Ich war ja in der beneidenswerten Situation der mensten Männer hier in den deutschen Parlamenten - ob im Bund oder in den Ländern: Gerhard war zu Hause und hielt den Laden am Laufen. Letztendlich musste ich mich um nichts kümmern: nicht um das Auto, den Haushalt, die Wäsche, den Einkauf usw. Nach Gerhards Tod war das alles plötzlich anders. Die Kinder halfen mit nach Kräften. Aber irgendwo ist da eine Barriere, wo ich mir sage, das mache ich lieber selber.. Es war zudem auch wichtig für mich, mich auf etwas Neues einzulassen, Gewohnheiten über Bord zu kippen.

Wemm ich mr meinen beruflichen wie privaten Werdegang verdeutliche, dann meine ich, dass ich bei der Regierungsübernahme der SPD ein Ministerium wie das für Familie, Frauen, Jugend und Gesundheit in den Griff kriegen würde. Es ist schade, dass dies weder Rita Süssmuth (*1937, Bundesministerin- 1985-1988) noch ihre Nachfolgerin Ursula Maria Lehr (*1930, Bundesministerin 1988-1991) mit konkreten Aktionsprogrammen gelungen ist.

Rita Süssmuth ist eine 'erfolglose' Ministerin gewesen, wenn Erfolg nicht nach Schlagzeilen, sondern danach gemessen wird, welche tatsächlichen Maßnahmen, sie durchgesetzt hat., auf den Wege gebracht hat. Da ist leider nichts. wenn wir von einigen Modellversuchen einmal absehen. Rita Süssmuth ist eine 'erfolgreiche' Ministerin gewesen, wenn Erfolg danach gemessen wird, dass en Thema ins Bewusstsein der Bevölkerung dringt. Das bedeutet ja mehr, als etwas darzustellen. Rita Süssmuth - das ist ihre Leistung - hat bewusstseinsverändernd eingegriffen. Gesetzgeberisch profitierte sie letztendlich nur von dem, was ihe Vorgänger Heiner Geißler (*1930, Bundesminister 1982-1985) schon in Angriff genommen hatte.

Das ist ihr Schwachpunkt. Ihr Defizit ist wohl, dass sie, wie viele Frauen, nicht erkannte, wann die Macht hatte. Deshalb konnte sie damit auch nicht ungehen und wurde auf das ranghöhere, aber bedeutungslose Amt des Bundestagspräsidenten (1988-1998) versetzt. In ihrer Partei, die lautstark den 'Abschied von der Männergesellschaft' verkündete, verkümmert die Frauen-Männer-Frage. Wen wundert es, dass die CDU ihren frauenpolitischen Parteitag sang- ud klanglos kippte? Selbst Ursula Maria Lehr, als ihre Nachfolgerin, konnte im Ministerium nicht eine einzige Initiative für die Frauen konzipieren oder einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen.

Also, wenn ein Bundeskanzler Gerhard Schröder (*1944, Amtszeit 1998-2005) mich fragen würde, ob ich das besagte Frauen-Ministerium verantwortlich übernehmen wolle, dann sage ich ihm erst einmal, dass ich mich über das Vertrauen freue. Zugleich stelle ich aber meine Forderungen, um wirklich eine durchschlagende Arbeit leisten zu können: Unser in den Bundestag eingebrachte Gleichstellungsgesetz wird Wirklichkeit, ich will die Federführung für die Frauen-Förderung des öffentlichen Dienstes des Bundes im Frauen-Ministerium verankern - und nicht im Innenministerium belassen, da gehört sie einfach nicht hin; und ich brauche Geld. Wenn Gerhard Schröder meint, das sei alles sehr vernünftig, ginge aber erst nach der nächsten Wahl, dann würde ich ihm antworten: 'Wissen Sie, Herr Bundeskanzler, dann machen Sie mich erst nach de nächsten Wahlen zur Frauenministerin - vorher nicht. Frauen, die diese Fassade verzieren, haben dort nämlich schon genügend eingesessen.'

Ohne Druck läuft in den Regierungsapparaten und anderswo in diesem Land nichts. Wenn ich nur daran denke, wie das groß herausposaunte Frauen-Ministerium entstanden ist und was nicht alles damit angestellt werden sollte: Frauen-Gesetze, -Erlasse, -Förderungen etc. Es war damals mit dem neuen Umweltministerium - 1986 - ins Leben gerufen worden. In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, die Regierung Helmut Kohl (1982-1998) ziehe die Konsequenzen. Ja. aber wie sahen die aus. Der damalige Umweltminister Walter Wallmann (*1932; 1986-1987) erhielt für seine Arbeit Unterstützung aus dem Ressorts Forschung und Technologie sowie Wirtschaft: er konnte über die erforderlichen Fachkräfte und Geld verfügen. Rita Süssmuth hingegen durfte sich zwar Frauenministerin nennen lassen - aber sie hat gar nichts bekommen. Nach den Bundestagswahlen gestand man ihr eine 'gemeinsame Federführung' mit den anderen, in Wirklichkeit zuständigen Ministern zu, die ungebrochen das Sagen haben.

Rita Süssmuth bekam keinerlei politischen Gestaltungsspielraum. Auch ihre Nachfolgern Ursua Maria Lehr wurde wohlwissend nicht mi einem Veto-Recht ausgestattet. Sie kann im Kabinett zu rechtsverbindlichen Folgewirkungen nicht definitiv nein sagen. wenn es um eine weitere Benachteiligung der Frauen geht. All die wichtigen Instrumentarien, mit denen die CDU-Frauen etwas bewegen könnten, die wurden ihnen in ihrer politischen Alltagsarbeit nicht zugestanden. Und für die in der Öffentlichkeit hochgepriesene Frauenförderung des Bundes, die eine Schrittmacherfunktion übernehmen sollte - für ist Frau Ursula Maria Lehr nicht einmal in eigener Regie verantwortlich. Die liegt wohlbehütet beim Innenminister Wolfgang Schäuble ( 1989-1991 und 2005-2009) nach wie vor in Männer-Hand. Der behandelte Frauen-Angelegenheiten so, als sei unser Anliegen eine höchst sensible Verschlusssache, von der die Öffentlichkeit verschont, ja geschützt werden muss. Die Folge: keine Diskussion, keine Maßnahmen in den Verwaltungen, keine Initiative - nichts, gar nichts. Sendepause. Stagnation.

Das würde mit der SPD um kein Jota anders werden, wenn wir die Frauenförderung des Bundes in solch einem Frauen fernen, unbeweglichen Mammutapparat ließen und die dafür eigentlich zustöndigen Minister-Frauen davon fernhielten.

Wir Frauen müssen in diesen Männer-Vereinen der politischen Vereinsmeier künftig Punkt für Punkt die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ins Bewusstsein rücken; sonst wird alles zerredet. Die Männer warten scheinbar nur darauf, dass bei uns der Elan, die Vehemenz nachlässt. Wir sollten uns vorsichtshalber auf dürre Jahre einrichten, zumal bei der CDU/CSU und der FDP das Bundestagsmandat weitaus stärker an ein Wohlverhalten gebunden ist als bei uns. Wir in den langen Jahren der Opposition (1982-1998 und 2005 ff.) haben es da zugegebenermaßen auch etwas einfacher mit den angepeilten Innovationen. Also eine Frau kann in der SPD mittlerweile eine Frau sein und wird akzeptiert - basta.

Dessen ungeachtet keimt insgesamt ein neues Männerverhalten in der Politik herin - leise, schüchtern, aber bemerkbar. Solche saudummen Bemerkungen wie 'Zur Sache Schätzchen', mit denen mich einst die Männer am Rednerpult des Bundestages lautstark angepöbelt haben, gehören zur Vergangenheit. Lernprozesse. Wenn Männer heute noch derlei Sprechblasen als Zwischenrufe abgeben, dann werden sie mitunter von ihren eigenen Fraktionskollegen angeschaut, als seien sie nicht ganz dicht. Allein schon wegen der Öffentlichkeit.

Die Männer in der politischen Klasse sind mittlerweile sehr irritiert. Sie haben insgeheim Ängste, der Zukunftszug könne ohne sie abfahren. Sie sind etwas nachdenklicher, besonnener geworden. Das alles kann sich in einer Person wiederfinden. Diese Veränderung lässt sich auch am Gleichstellungs-Gesetzentwurf ablesen. Eineinhalb Jahre Kärrnerarbeit, bis wir es endlich qua Beschluss durch die SPD-Fraktion gebracht hatten. Genugtuung. Früher hätten sich die Männer gesagt, jetzt lassen wir die spinnerten Weiber das Zeug mal machen, dann ist die Luft raus, herrscht wieder Ruhe im Karton. Jetzt, zu Beginn der neunziger Jahre, sieht es auffallend anders aus. Die Herren wissen sehr genau, dass sie sich damit auseinandersetzen müssen. Sie fürchten sich in Wirklichkeit um ihre Positionen. Sie wissen von ihren Töchtern, dass sich etwas gewaltig verändern muss und wird.

Ich jedenfalls möchte heute kein fünfunddreißigjähriger Mann sein. Wenn ich daran denke, wie Männer erzogen worden sind, und ihre Lebesvorstellungen mir so betrachte, die sie verwirklichen wollen - nein, ich möchte wirklich kein Mann sein. Der Mann dieser Tage muss schon sehr viel innere Stabilität und Selbstbewusstsein mitbringen, um mit dem Drang der Frauen nach Selbstverwirklichung zurechtzukommen. Schließlich muss er sich ja ändern seine Lebensvorstellungen werden verändert, weil die Frauen unmissverständlich bedeuten: 'So nicht mehr.' Es ist kein Wunder, dass viele junge Männer zu den Rechtsradikalen flüchten, die das herkömmliche, dort noch unumstößliche Frauen- wie Männerbild vermitteln.

Die Aufbruchs-Ära der Frauen erzeugt zunächst immense Unsicherheit. Auch bei unseren Männern in der SPD-Bundestagsfraktion, in der es normalerweise recht verständnisvoll zugeht. Wobei es Hans-Jochen Vogel (*1926 ) als Fraktionschef (1983-1991) natürlich einfacher hat. weil seine Position ja nicht gefährdet ist. Aber der Abgeordnete XY findet sich in einem völlig neuen Konkurrenzfeld wieder. Vielleicht istr er ja genauso gut wie die Renate Schmidt, arbeitet ebenso hart - und trotzdem wird er nicht stellvertretender Fraktionsvorsitzender (1987-1990), Vizepräsident des Deutschen Bundestages (1990-1994) und Bundesminister wie Renate Schmidt (2002-2005). Und das offenkundig nur deshalb, weil er keine Frau ist. Das verursacht Bitterkeit, im Moment jedenfalls noch.

Ich möchte und will Männer wirklich nicht verletzen, vor allem den einzelnen nicht. Auf der anderen Seite darf mein feministisches Verständnis nicht dazu führen, dass wir in Einfühlungsvermögen oder gar in Mitleid zerfließen, gar Mütter spielen und letztendlich unsere Forderungen wieder zurücknehmen. Denn es sind natürlich die Männer, die in ihrer Gesamtheit die jetzige Entwicklung zu verantworten haben, dass es zum Beispiel erst überhaupt zur Quotenregelung kommen musste. Schlimm nur, dass diese kollektive Verantwortung selbst in den kleinsten privaten Verästelungen zu Konfrontationen führt.

Unsere Aufbruchs-Ära mündet nicht in einem Verhandlungskatalog, wie etwa bei Tarifgesprächen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Insofern ist der Kampf der Frauenbewegung nicht vergleichbar, weil es sich eben nicht um eine anonyme Organisation handelt, bei der es dies oder jenes zu erstreiten gilt. Unsere Veränderungswünsche richten sich oft an den uns am nächsten stehenden Menschen. Manchmal entscheiden wir uns für die Liebe und geben ein Stück von uns auf. Manchmal geht die Liebe flöten und unsere Forderungen sind durchgesetzt. Aber auf Dauer, dessen bin ich mir absolut sicher, wird beides möglich sein. Jedenfalls, die Zukunft ist weiblich - so oder so."






















































Montag, 22. Juli 1991

Aufbruch ohne Ankunft? - Frauen äußern sich über ihren Weg zur Macht

























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Frankfurter Rundschau
22. Juli 1991
von Iris Rozdzynski
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Was bereits vor Jahren begann, scheint noch immer akut zu sein: der Aufbruch von Frauen in die Politik, deren Ankunft und Bleiben am Hebel der Staatsmacht noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Sechs Frauen berichten von ihrem Einstieg, ihrem Werdegang und Leben in Bonn. Wenn man Marie Schlei, Renate Schmidt, Irmgard Adam-Schwaetzer, Rita Süssmuth und Antje Vollmer Glauben schenken darf, so haben selbst Frauen, denen es gelang, hohe politische Ämter zu erringen, bei ihren Parteigenossen einen schweren Stand.

So berichten beispielsweise Marie Schlei: " ... ... die Ellenbogenpolitik der Männer dominiert. Darin sind die Bonner Männer stark. Aber solche Werte und Umgangs-formen haben heutzutage auch in den Regierungsetagen nichts mehr zu suchen. Wir Frauen hingegen sind darin geübt, direkt und frei zu beschreiben, was wir fühlen, meinen, erfahren."

Reimar Oltmanns, der dieses Buch zusammenstellte und zu jeder persönlichen Stellungnahme der Frauen eine Einleitung schrieb, konstatiert: "Ihr blieb ... letztlich keine andere Wahl, als sich an die Bartheke zu setzen, wenn sie Aufmerksamkeit und Einfluss gewinnen wollte", wozu viele andere Frauen nicht bereit waren. Dies jedoch ist kein Problem, das ausschließlich die (nicht vorhandene) Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau berührt. Es ist generell die Entscheidung eines jeden Menschen - gleich ob männlich oder weiblich - ob er beziehungsweise sie An-passungsfähigkeit als Mittel mitbringen will, um ein Ziel zu erlangen, oder die Priorität - ungeachtet der ungeschriebenen Gesetze - auf eigene Vorlieben, Eigenschaften oder Prinzipien setzt.

Der Geschlechterklassifismus, den Reimar Oltmanns beklagt, beginnt schon dort, wo er selbst ansetzt, nämlich in dem Punkt, dass Männer und Frauen unterschied-liche Eigenschaften oder Interessen hätten; in diesem Fall, dass - beherrschten Frauen die Politik - Einfluss und Macht nicht am Stammtisch verteilt würden. Doch die Unterschiede im Denken und Fühlen , die Männer und Frauen unterstellt werden, haben ihren Ursprung meist weniger in der Geschlechtszugehörigkeit als in der Erziehung.

Oltmanns geht davon aus, dass sich mit den Frauen ein neues Politikverständnis durchsetzt, dass "hierum der eigentliche Kampf zwischen den routinierten Alleskönnern und den nachdenklichen Frauen" ginge. Allein diese Verall-gemeinerung - auch wenn sie im Dienste der Gleichberechtigung steht - könnte dazu geeignet sein, dem Gegenteil Vorschub zu leisten: Menschen, die sich weigern, Frauen gesellschaftsrelevante Posten zu genehmigen, bedienen sich ebenfalls nur allzu häufig des Argumentes, dass Frauen eben nicht die gleichen Qualitäten wie Männer mitbringen, was letztlich auch heißt, dass sie eben andere haben.

Möglicherweise wäre es der Gleichberechtigung wesentlich dienlicher, von den angeblich männlichen und augenscheinlich weiblichen Charaktereigenschaften abzusehen und statt dessen jedem Menschen das Recht auf gleiche Gefühle, Gedanken und Handlungen, vor allem der Handlungsfähigkeit, einzuräumen. Damit entfiele gleichzeitig jedes Argument, das die irrige Annahme unterstützen könnte, Frauen seien weniger dazu geeignet, Führungspositionen zu übernehmen als Männer.

Daran, dass die genannten Frauen ihrer Positionen - ungeachtet dessen, auf welcher politischen Seite sie sich befanden oder befinden - gewachsen waren und sind, besteht kein Zweifel. Ihre Berichte bieten zudem einen weitreichenden Einblick hinter die Bonner Kulissen bis in die Privathäuser der Politikerinnen. Ihre Erzählungen sind lebendiger und bieten größere Möglichkeiten, sie als Menschen hinter den ausgeübten Funktionen kennenzulernen, als manch ein Fernsehinterview. Dies ist es, was das Buch reizvoll und lesenswert macht.

Vielleicht wird es auch einige männlichen Leser das Umdenken lehren: das Ausbrechen aus einem Gedankengut , dessen Wurzel eher in überalterten Vor-stellungen unserer Kultur zu suchen ist als in naturgegebenen Voraussetzungen. Bleibt zu hoffen, dass Reimar Oltmanns mit seiner Vermutung "die Frauen werden die Politik wieder politisieren. Auch diese Mauer wird fallen", recht behält.

Montag, 26. November 1990

Partisanin des permanenten Aufbruchs - Antje Vollmer










































Biografie. -
Antje Vollmer wurde am 31. Mai 1943 in Lübbecke/Westfalen geboren. Im Jahre 1962 bestand sie ihr Abitur und studierte in Berlin, Heidelberg, Tübingen und Paris evangelische Theologie. Anno 1968 wurde sie Vikarin an einer Berliner Kirche, arbeitete von 1969 bis 1971 als Assistentin an der Kirchlichen Hochschule Berlin und bestand 1971 ihre zweites Theologisches Examen. Von 1971 bis 1974 widmete sich Antje Vollmer als Pastorin in einem Team-Pfarramt in Berlin-Wedding der Seelsorge. In dieser Zeit promovierte sie bei Helmut Gollwitzer (*1908+1993) zum Dr. phil. und absolvierte ein Zweitstudium in Erwachsenenbildung mit Diplomabschluss. Von 1976 bis 1983 war sie als Dozentin an der Heimvolkshochschule in Bethel tätig. Im Jahre 1979 kam ihr Sohn Johann auf die Welt, unehelich - ein Novum in der Kirchengeschichte.
In den siebziger Jahren wirkte Antje Vollmer politisch aktiv in der Liga gegen den Imperialismus im Umfeld der 1970 gegründeten maoistischen Kommunistischen Partei Deutschland (KPD/AO), trat dieser Partei aber nie bei, die sich 1980 wieder aufgelöst hat. Obwohl Antje Vollmer erst im Jahre 1985 Mitglied der Partei "Die Grünen" wurde, gelangte sie über eine offene Liste der Arbeitsgemeinschaft "Bauernblatt" bei den Wahlen 1983 in den Deutschen Bundestag. Anfang 1984 wählte die Fraktion der Grünen einen neuen Vorstand, der ausschließlich aus sechs Frauen bestand. Die Theologin wurde Fraktionssprecherin. Von diesem "Weiberrat" (Eigenjargon) sollte ein Signal ausgehen, dass auch in der Politik "die Zeit der Männer vorbei ist" (Antje Vollmer). Für das Bundestags-Feminat galt sie als eine der Hauptinitiatorinnen. Im Zuge der Rotation legte Antje Vollmer im April 1985 ihr Mandat nieder - kam aber nach den Wahlen im Jahre 1987 wieder als Abgeordnete ins Parlament.
Bei der Bundestagswahl 1990 scheiterten die westdeutschen Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde. Von 1994 bis 2005 war Antje Vollmer wieder Mitglied der Volksvertretung. Seit dem 10. November 1994 bekleidete sie zudem für diesen Zeitraum das Amt einer Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages.
Mit ihrer Initiative Grüner Aufbruch '88 versuchte Antje Vollmer, einen innerparteilichen Erneuerungsprozess voranzutreiben - zwischen den sich bekämpfenden Flügeln aus "Fundis" und "Realos" zu vermitteln. Im Dezember 1989 verlieh ihr die internationale Liga für Menschenrechte die "Carl-von- Ossietzky-Medaille. Zu ihrer Auszeichnung hieß es: Antje Vollmer sei "eine der wenigen, die in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland Aufgaben wahrnimmt, die viele vernachlässigen: Sie setzt sich für jene ein, deren Stimmen nicht gehört werden - für Sinti und Roma, Zwangsarbeiter und andere Nazi-Verfolgte sowie die Gefangenen in den Hochsicherheitstrakten." Sieben Jahre später wurde die streitbare Theologin mit dem Cicero Rednerpreis, 1998 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken geehrt.
Eigentlich wollte Antje Vollmer sich schon immer nach relativ kurzer Zeitspanne von der Bundespolitik in Bonn, später in Berlin verabschieden, aufhören, aussteigen - wieder zu sich selbst, zu ihrer Authentizität zurückfinden, zu ihrem ursächlichen Ausgangspunkt. Gelungen ist ihr das freilich nie so ganz - jedenfalls bis dato 2005.
Als sie 1983 als Abgeordnete in den Bundestag kam, fühlte sie sich zunächst als "stille Beobachterin" - sieben Jahre später hat sie sich erneut in diese Wartestellung zurückgezogen. Das sei kein Abschied vom "grünen Projekt". Nur, so Antje Vollmer, sollte eine ökologische Partei im vereinten Deutschland auf dem Fundament eines Neuanfangs zwischen Ost- und Westgrünen stehen. Da sei sie "viel zu neugierig", um sich eines Tages doch vielleicht wieder einzumischen. - eine Partisanin des permanenten intellektuellen Aufbruchs .
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Frauen an der Macht
Protokolle einer Aufbruchs-Ära
athenäums programm
by anton hain Frankfurt a/M
26. November 1990
von Reimar Oltmanns
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Donnerstag, der 5. Mai 1983. Ich gebe zu, ihre Unsicherheit fasziniert mich. Überlegenheitsgefühl sind nicht ausgeschlossen. Sie fiel mir gleich auf in Bonn. Welcher Kontrast zum Politikeinerlei. Bubi-Kopf, große Augen, Pulli, Jeans, Kapuzenmantel aus der Pennäler-Zeit. Ziemlich schüchtern, auffällige Berührungsängste. So eine Frau ausgerechnet als Bundestagsabgeordnete unter all den stattlich herausgeputzten Vorzeige-Figuren! Dabei gab sich Antje Vollmer so, als wolle sie sich irgendwie dafür entschuldigen, mit den Grünen den Sprung in den Bundestag geschafft zu haben.
POLITISCHE GESÄSS-GEOGRAFIE
Seinerzeit hatten die Grünen als basisdemokratische und ökologische Protestbewegung mit 2.167.431 Stimmen die Fünf-Prozent-Hürde gemeistert. Das alternative Deutschland klagte sich, von der Sache kommend, laut ins etablierte Gefüge ein, sucht mit und in Negativ-Abgrenzungen Durchbruch und Halt. Die Situation Anfang der achtziger Jahre glich der APO-Zeit. Damals kämpfte eine rebellierende Jugend gegen eine Große Koalition im Bundestag und in manchen Ländern. Jetzt setzen sich die Grünen in Bonn ebenfalls mit einem stillschweigenden All-Parteien-Bündnis auseinander. Der Ausbau von Atomkraftwerken und die "Notwendigkeit" ökonomischer Zuwachsraten hatten CDU/CSU, SPD und FDP enger zusammenrücken lassen, als es die Sitzordnung im Bundestag deutlich machte.
VATERLAND
Bonner Politik schrumpfte auf ein zentrales Anliegen: mit welchen Mitteln ein oder zwei Prozent mehr Wirtschaftswachstum erreicht werden könnten. Kennzeichnend für den politischen Umgangston, für die vielzitierte "Dialogfähigkeit" in diesem Jahrzehnt war die eine Äußerung des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Alfred Dregger (*1920+2002) über die Grünen. Er nannte sie "politisch verkommen", weil sie in der Bundesversammlung die Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland ..." nicht mitgesungen hatten.
INFAS UND INFRATEST
Jedenfalls wollte ich an jenem Donnerstagmorgen auf der Pressetribüne des Bundestags die "Wiederbelebungsversuche" des Parlaments durch die Bundestagsfraktion der Grünen mitbekommen. Über Jahre mied ich diese Pressetribüne. Die Ära hatte schon längst begonnen, in der Identität in der Politik mehr durch als durch Charakter und Persönlichkeit bestimmt wurde. In der Politik etablierte sich allmählich das Kabinett der austauschbaren Identitäten. Der Aufstieg trug ein Motto: "Sage mir, wer Dein Image macht, und ich sage Dir, wer Du nicht bist!" Zum Zeitalter des Persönlichkeitsstylings und des Treatment-Designs ist die beste Persönlichkeit keine Persönlichkeit.
SATTER, ABGEFEIMTER, ZYNISCHER
Da stand Antje Vollmer nun am Rednerpult des Bundestages und sollte der Regierungserklärung des Kanzlers Paroli bieten. Ihre Stimme zitterte und war ständig in Gefahr, wegzukippen. Ich war irritiert und enttäuscht. Ihr parlamentarischer Auftritt in Sachen Agrarpolitik erfüllte nicht meine von Bonn geprägten Erwartungen. Paroli bieten hieß für mich, auf derselben Klaviatur rhetorisch gewieft zu klimpern - am besten noch satter, abgefeimter, zynischer. Antje Vollmer mühte sich vor meist gelangweilt Zeitung lesenden Männern um Aufmerksamkeit.
POLIT-MILIEU
Und gewiss hatte sie unterschwellig auch Angst vor dem Sprung ins Polit-Milieu. Wie lassen sich eindeutig Grenzen ziehen zwischen Absichten und tatsächlich neuen Formen des Streites? Wann hat jemand eine Profilneurose und wann sagt man, ja endlich, das ist die neue politische Identität? Ich hatte so meine Zweifel, Widersprüche und meine Schubläden. Die zog ich auf, noch ehe Antje Vollmer ihre Rede beendet hatte, "diese Art von Geschäft in der Politik könne auf Dauer niemand betreiben, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen", hatte ich mein Bild über diese Frau abgerundet - vorschnell, wie sich bald herausstellen sollte. Ich dachte mir: Wieder eine Person, die mit pastoralem Sendungsbewusstsein die Gesellschaft beglücken wollte. Jetzt setzt sie unverdrossen wie gebeutelt ihren Anspruch fort. Typisch Frau - sie dürfte kläglich hier an den politischen Schauplätzen der Krisenmanager. Doch Antje Vollmer versagte nicht. Ganz im Gegenteil.
MÄNNER-TRUTZBURG
Die Frauen-Aufbruchs-Ära, die in der Kinderladen-Bewegung der siebziger Jahre ihren Ausgangspunkt nahm, hatte längst die Männer-Trutzburg Bonn erreicht. Sie ist gleichsam eine Antwort auf Vertrauensverluste und Visionslosigkeit. Antje Vollmer steht für Tausende von Frauen in diesem Land, die die Aufbruchs-Ära eingeleitet haben.
LERNPROZESSE
Im Laufe der Jahre habe ich lernen müssen, dass sich hinter ihrer Unscheinbarkeit eine unvermutete Portion Härte und Durchsetzungsvermögen verbergen. Sie brachte den "gesellschaftlichen Dialog" mit einsitzenden RAF-Terroristen in Gang. Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1984-1994) gab einigen Gnadengesuchen lebenslänglich Verurteilter statt. Wobei sie Moral und Recht, Legitimität und Legalität, Politik und Gewissen auf die ihr eigene unbeugsame Art und Weise vereinte. Als die Grüne Partei sich in Fraktionskämpfen selbst zu eliminieren drohte, war sie es, die mit der Gruppe "Grüner Aufbruch '88" zu vermitteln suchte. Antje Vollmers Überlegungen brachen die Definitionsgewalt der Männer in der intellektuell chronisch untersorgten Hauptstadt.
MÜDE VOM GEZERRE
Als ich Antje Vollmer zum letzten Mal in ihrem Haus in Kirchdornberg bei Bielefeld besuchte, da hatte sie die Jahre in Bonn deutlich gezeichnet. Müde war sie des ewigen Gezerres in Bonn auf den Parteitagen. Und immer die Angst, die Politik könne sie endgültig davontragen, ihr den Rest an privater Sphäre nehmen, sie für die Apparate zurechtschleifen. "Nein", sagte sie, "ich will nicht mehr. Andere Frauen müssen für mich weitermachen. Man muss auch Abschied nehmen können. - Und ich kann ja vielleicht irgendwann einmal wiederkommen."
SEIN ODER NICHTSEIN
Das Bundestagsmandat im Schutze der Immunität, der Diplomaten-Status - all jene Privilegien sind für Antje Vollmer im Gegensatz zu den meisten Männern in Bonn keine Frage von Sein oder Nichtsein. "Denn jeder ist ersetzbar - erst recht, wenn die parlamentarische Routine die Menschen dort zu ersticken droht. Für mich erwarte ich Ruhe in einem großen Abstand zu allem."
FLUSSLANDSCHAFTEN
Auf der Rückfahrt von Bielefeld fiel mir eine Passage aus Heinrich Bölls (*1917+1985) "Frauen vor Flußlandschaften " ein. Da heißt es:
"Wubler: Du hast gelernt, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist.
Erika: Was nicht bedeutet, dass Schmutz schon Politik ist."
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WIDERSTAND - ANTJE VOLLMER
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Als Antje Vollmer im Jahre 1983 - für sie eigentlich unerwartet - mit den Grünen in den Deutschen Bundestag einzog, fühlte sie sich eher als eine stille Beobachterin ihrer Fraktion. Sie war nicht einmal ordentliches Mitglied dieser ökologischen Partei, die von den Bonner Polit-Profis mit einem müden Lächeln - dank ihres unkonventionellen Parteiprogramms und nicht-hoffähigen Auftretens - weniger begrüßt als beargwöhnt wurde. Für die damals vierzigjährige Antje Vollmer ging alles rasend schnell: Keine sechs Wochen lagen zwischen dem ersten Gedanken an eine Kandidatur und ihrer Wahl zur Bundestagsabgeordneten.
Sie kam aus der ländlichen Bildungsarbeit, der sie sich über sieben Jahre lang mit einem Engagement gewidmet hatte, das zu ihren bestechendsten wie einnehmensten Eigenschaften gehört. Als Dozentin in der Erwachsenenbildung in Bethel besaß sie noch genügend Energie, um sich in einer Bauernoppositionsgruppe - die in Westfalen das "Bauernblatt" herausgab - mit agrarpolitischen Problemstellungen auseinanderzusetzen. In ihrem Tagebuch " ... und wehret euch täglich" beschrieb die studierte Theologie ihre Arbeitsstelle mit der ihr eigenen Wehmütigkeit als einen "Ort für die Suche nach dem Selbstbewusstsein der Menschen des ländlichen Raumes". Vom Lindenhof, der Begegnungsstätte für Jung und Alt, nach Bonn.
Damals traten die Grünen in Nordrhein-Westfalen mit einer offenen Liste an ( das machen sie heute nicht mehr), die für eine politische Grundüberzeugung stand: Die Grünen wollten damit Vertretern von Basisbewegungen volksnahen Einfluss auf ihre parlamentarische Arbeit sichern. Deshalb suchten sie eine Zusammenarbeit mit dem "Bauernblatt". Die Landwirte blieben skeptisch und wollten nicht von ihren Höfen weg. Antje Vollmer war zur rechten Zeit auf dem rechten Platz, und zudem war auch bei den Grünen der Gedanke virulent, dass eine Frau - natürlich - ein Plus wäre. Auf der Delegiertenversammlung der Grünen in Geilenkirchen. wo die Landeslistenplätze vergeben wurden, schnupperte Antje Vollmer zum ersten Mal die Atmosphäre eines mit fünfhundert Menschen gefüllten Saales, war überwältigt und rannte immer wieder raus. Der Kandidatenbefragung konnte sie sich freilich nicht entziehen, und es dauerte Stunden. Ihre anfängliche Irritation wich plötzlich dem Gefühl von Kontinuität. Diesen Wandel hielt sie in ihrem Tagebuch fest: "Für einen Moment stellte sich für mich, seinerzeit auf der Delegiertenversammlung in Geilenkirchen, meine ganze Lebenserfahrung auf den Kopf. - Alles, was mir bisher Schwierigkeiten gemacht hatte, hier bei den Grünen, gerät zu meinen Gunsten ...".
Neugierig und couragiert wie sie ist, begibt sie sich tags darauf auf Erkundungsfahrt, versucht sich ein Bild von den Grünen zu machen, von einzelnen Personen, von den Flügeln und Richtungen innerhalb der Partei, von den Drahtziehern und den Kritikern, von der Grünen Art zu streiten, zu diskutieren, Probleme auszutragen.
In ihrem ersten relativen kurzen Wahlkampf zog Antje Vollmer vor allem über Land, von Dorf zu Dorf, wo sie sich plötzlich als Rednerin in Sachen grüner Politik wiederfand. Auch hier kein Anflug von Selbstgefälligkeit, sondern kritische Selbstreflexion, darüber, dass sie zu zaghaft sei, noch zu sehr Dozentin, zu viel referiere und nicht nahe genug an die Leute herankomme. Antje Vollmer im Jahre 1983: erste Gehversuche als Politikerin und der feste Vorsatz, es muss anders, besser werden.
Ihre Vorstellung vom Bonner Abgeordneten-Dasein deckte sich nicht mit der Realität, dazwischen schoben sich die von den Medien vermittelten Klischees. Blickwechsel für Antje Vollmer; Einzug ins Hochhaus Tulpenfeld, ein von Häßlichkeit strotzender Betonklotz - der Bienenstock von Hunderten mehr oder weniger fleißigen Abgeordneten. Im fünften Stock die Geschäftsführung der Grünen. Für Antje Vollmer, gewöhnt an Arbeit im Grünen und in Ruhe, muss der Schock ziemlich groß gewesen sein: Hier klingelten die Telefone und schlugen die Türen ohne Unterlass, hier herrschte den ganzen Tag eine Rush-hour der Informationen und Neuigkeiten. Ungewohnt war für sie der vom Frankfurter Sponti-Organ "Pflasterstrand" (dem alten) beeinflusste Sprachstil. welcher der in Sachen Sprache sensiblen Antje Vollmer Entgegenkommen abverlangte. Acht Stockwerke darübe richtete sich Antje Vollmer mit sieben Mitgliedern der Fraktion ein. Es gab für sie viel zu lernen: Lektion Nummer eins, die Flut der Papiere zu kanalisieren, damit man seine Tasche überhaupt nach Hause tragen kann, wo die Arbeit noch kein Ende nimmt.
Trotz Wirrwarr und lockerem Chaos, wilden Diskussionen und theoretischen Unklarheiten - Antje Vollmer sah, dass viele ihrer Zukunftsideen, die in ihrer Studentenzeit nur Papier gewesen waren, von den Grünen in Angriff genommen wurden: angefangen bei der Rotation der Mandate, über die Offenheit der Partei- und Fraktionssitzungen bis hin zur Frauenparität.
Damals, in den APO-Jahren, war die Herausbildung politischer Machtzentren detailliert reflektiert worden. Und nun sollten es die Grünen sein, die als erste die Rotation in den führenden Ämtern der Partei beschlossen und auch weitestgehend befolgten. Oder: Die Ursachen der Unterdrückung der Frau waren in der deutschen Linken seit August Bebel (*1840+1913) und Clara Zetkin (1857+1933) aufgearbeitet worden. Aber es blieb wiederum den Grünen vorbehalten, ihren meisten Landesverbänden die Frauen-Parität als Ziel vorzugeben. Für Antje Vollmer bedeuteten diese aufsehenerregenden Ansätze der Grünen so etwas wie "Edelsteine", deren weitreichender Wert noch nicht allen klar war. Schon die Rotationstregelung hieß im Kern, dass die Grünen den konventionellen Abgeordnetenstatus nicht anerkannten. Sie war eine Attacke gegen das Berufspolitikertum, da die Grünen Politiker und Politikerinnen in ihren Reihen für ersetzbar erklärten. Sie war eine Kampfansage gegen die ausufernde politische Macht, die mit der parlamentarischen Routine verbunden ist.
Für Antje Vollmer war klar, dass damit Spontaneität, Basisverbundenheit und die Herkunft aus dem Berufsalltag für die Durchsetzung von Zielen fruchtbar gemacht wurden und aus der Eindimensionlität von Langzeit-Politikern ein konstruktiver, zukunftsweisender Weg gefunden wurde. Es war für sie eine spannende Erfahrung zu sehen, wie die Grünen Probleme auf neue Weise anpackten.
Antje Vollmer verließ ihre Rolle als stille Beobachterin und wurde, nachdem sie aus Rotationsgründen im April 1985 ihr Bundestagsmandat niedergelegt hatte, ordentliche Parteimitglied. In dieser Parlamentspause fand sie Zeit, über eine sie bedrängende Frage gründlicher nachzudenken: Gibt es noch Frauen-Utopien? Was treibt die Frauen an, über ihre Tagtraumfetzen hinauszugehen? Begeben sie sich auf die Schiffe (Ernst Bloch *1885+1977), um neues Land, einen neuen Kontinent zu entdecken? Antje Vollmer, die ihre Gedanken ungern im Kämmerlein verstauben lässt, sondern sie lieber als Provokation in die Welt schickt, gab ein Buch heraus mit dem märchenhaften Titel "Kein Wunderland für Alice?". Dort veröffentlichte sie einen ihrer liebsten Aufsätze, dessen zentrale lautet:
"Es ist nicht nur der Mangel an utopischen Leitbildern von Frauen an der Front des Neuen, der Frauen gelähmt hat, ihre eigene Zukunft zu entwerfen. Es war auch nicht nur die gewisse Aussicht auf das Schaffott und die sichere eigene Niederlage, die sie zurückhielt. Es war auch nicht nur der klassische enge Zuschnitt ihres Lebens und die mangelnde Teilnahme an der gesellschaftlichen Produktion und dem öffentlicen Leben, der sie auf Dauer hatte zurückzerren können von dem, das unaufhaltsam vorwärtsdrängt. Es ist die ewige immer-gleiche, nie-endende, Kräfte-auszehrende Sisyphus-Arbeit, Hoffnungen zu Grabe tragen zu müssen. Niederlagen als Geschlagene zu überleben, und die Verdammung zur Passivität in allen großen gesellschaftlichen Konflikten ... Für die Mehrzahl der Frauen gilt, dass alle großen Ereignisse - selbst die mit glückhaftem Ausgang - auf sie zuallererst ihre Schatten werfen. Diese Schatten haben das Gewicht von Fesseln, wie kein Mann sie trägt. Sie zu sprengen bedeutet eine unmenschliche Kraftanstrengung. Der Weg von Frauen - trotz dieses Wissens - in die erste Reihe der großen Menschheitsutopien ist länger, da sie viel mehr hinter sich und außer acht lasssen müssen. Deswegen ist er auch radikaler. Einmal vorne angekommen, führt selten ein Weg zurück."
Wenn Antje Vollmer schreibt, dann meint sie es ernst. Sie gehört zu jenen Frauen, die nach vorne stürmen - an die Front des Neuen. Ernst Blochs Prinzip Hoffnung wird hier weitergedacht, aus dem Philosophie-Seminar ins Leben geholt: quasi als gutmachende Anleitung für den Kampf um Recht und Gerechtigkeit. Antje Vollmer, die von sich sagt, sie möchte mal so leben, dass insbesondere Frauen denken, was sie kann, das kann ich auch, stellt ihr Leben und ihre Arbeit unter den Druck größtmöglicher Authentizität. Sie weiß um ihr Sendungsbewusstsein in der Bonner Raumstation, in der sie "dicke Bretter" zu bohren hat. Aber gerade dieser Anspruch lässt sie oft verzagt dreinschauen und sogar des Nachts in ihren Träumen noch schuften. Ihr Politik-Dasein ist bestimmt von einem abgeschottenden Verhalten gegenüber einem Milieu, in dem Radikalität und Unbestechlichkeit gegen sich selbst Fremdbegriffe sind - Eigenschaften, die für die bei allen Erfolgen bescheiden gebliebene Antje Vollmer charakteristisch sind - vom Gerede und Gehabe längst abgelöst worden.
Ihr Einstieg in die Bundes-Politik war insofern leicht, als sie konkurrenzlos ihre Arbeit aufnehmen konnte. Ob in der Friedens- oder in der Frauenpolitik - bei den Grünen wurde damals überall gerangelt. Nur von der Landwirtschaft verstand keiner etwas. Zur Zufriedenheit aller übernahm sie die Verantwortung für ein unpopuläres Arbeitsfeld. Es gelang ihr, eine Alternative zur EU-Agrarpolitik zu entwickeln, die auf eine beachtliche Resonanz nicht nur bei den Landwirten, sondern auch bei der CDU stieß, die begründete Ängste um ihr Wählerpotenzial hegte. Das Leben der Bauern kannte sie noch vom Lindenhof, mit diesen Menschen fühlte sie sich verbunden: "Im Loyalitätskonflikt hätte ich mich für die Bauern und nicht für die Grünen entschieden."
Das Jahr 1983 war für Antje Vollmer ein Aufbruchsjahr zu anderen Ufern. Ein unvermuteter Aufbruch, der Erinnerungen an andere Aufbrüche in ihrem Leben weckte. Mit zehn Jahren wollte sie unbedingt aufs Gymnasium. Ein Wunsch, mit dem sie innerhalb ihrer Familie aus der Reihe tanzte. Mit zwanzig hatte sie es endlich geschafft, wegzukommen aus der beklemmenden Kleinstadt Lübbecke im Westfalenland: raus, möglichst weit weg - Berlin, Paris, Damaskus, Madrid, Rom. Dann kam das Studium und Studentenbewegung - theoretisches Neuland. Es schlossen sich an drei Jahre als Pastorin in einem Berliner Arbeiterviertel. Sie wurde dreißig und fing noch einmal von vorne an, hängte die "theologische Amtsperson" an den Nagel. Neuer Beruf, neue Lebenswelt, neue Freunde. Immer auf der Suche, getrieben vom Drang aus dem Leben etwas zu machen. Das Glück scheine ihr günstig gewesen zu sein, meint sie rückblickend lakonisch.
Als Antje Vollmer die Parteiarbeit aufnahm, überschatteten die Politik der Grünen starke Auseinandersetzungen in der Fraktionsführung. Das ist nach Jahren immer so. Damals bestand die Fraktionsführung aus Otto Schily ( 1980 Mitbegründer der Grünen, 1990 SPD-Bundestagsabgeordneter, 1998-2005 Bundesminister des Inneren), Petra Kelly (Alternativer Nobelpreis 1982 - *1947+1992) und Marieluise Beck-Oberndorf ( 2002-2005 parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Familie, Frauen, Gesundheit, Ausländerbeauftragte). Alle drei hatten vor allem eins gemeinsam, sie konnten nicht miteinander. Antipathien. Diese Situation schien nicht nur für Antje Vollmer prekär. Es konnte nicht darum gehen, sich blind für eine Person zu entscheiden. Das hätte nur unnötige persönliche Verletzungen mit sich gebracht, den lähmenden Zustand der Partei verlängert. Für Antje Vollmer und Gleichgesinnte stellte sich die Frage, wie eine allseits akzeptable Lösung aussähe.
Was einst Utopie war und nun knallharte Wirklichkeit wurde - zum Missvergnügen vieler männlicher Grünen - , das war das Feminat der Bundestagsfraktion der Grünen. Es war eine Geburt in schwerer Stunde, doch - wie Antje Vollmer meint - zur rechten Zeit. Mit einem Machtputsch der Frauen - wie es von den Medien männertreu dargestellt wurde - hatte das Konzept nichts gemein. Antje Vollmer und ihre Mitstreiterinnen probierten lediglich, einen konstruktiven und perspektivreichen Ausweg aus einer schwierigen, weil verfahrenen Lage zu finden. Im weitesten Sinne eines Lösungskonzepts hatte das Feminat einen neuen Umgang miteinander, ein Verhalten, das auf Zusammenwirken und Zusammenarbeiten und gegen das von eigenen Interesse angetriebene Intrigenspiel in der Politik setzte. Es war ein Konzept, das Gegensätze austragen und nicht zukleistern wollte. "Es gab darauf ungeheure Machtauseinandersetzungen mit den Männern, die das Feminat politisch zu diskreditieren versuchen."
Hier zeigte sich die Gefahr von ferne, die die Grünen dann einholte. Antje Vollmer sah damals schon genauer, aus der Distanz einer, die nicht in die Machtkämpfe verstrickt ist. Die Grünen hatten in ihrer kurzen Geschichte ein atemberaubendes Tempo mit ihren Ideen, Forderungen und Konzepten vorgelegt; allmählic emanzipierten sich jedoch diese Entwürfe von ihnen und wurden gesellschaftsfähig. Der Erfolg der Grünen stand in seinem Zenit, und die Gedankengeber von einst drohten sich in parteiinternen Flügelkämpfen aufzureiben. Antje Vollmer, die für alles Neue ein ungetrügerisches Gespür hat und diesem mit Energie auf die Sprünge zu helfen versteht, stellte ein merkwürdiges Phänomen fest: Kaum hatten einige Grüne einen ungewöhnlichen Gedanken in die Diskussion geworfen, meldete sich gleich jemand, der hier nur einen Stein des Anstoßes erblickte und den Gedanken im Keim erstickte.
Zurück blieb der blasse Schein einer Idee. Die Folge war. dass der Elan der Grünen nachliess. Antje Vollmer brachte die Talfahrt auf den Punkt: Nichts ist so praktisch wie die überkommene Praxis. Der Parteiapparat der Grünen mutierte auf erschreckende Weise in die Formen der traditionellen Parteibürokratien. Deren Strukturen hatten sich in Jahrzehnten bürgerlicher Machtverwaltung herausgebildet. Antje Vollmer in den politischen Diskussionen der APO-Zeit geschulter Blick erkannte innerhalb der Grünen Partei erste Anzeichen eines in Funktionalität und Hierarchie erstarrenden Parteilebens. Sie traf den Kern dieser Entwicklung mit einer Geschichte. In der DDR habe ihr jemand mal einen Zettel zugesteckt, der in ihren Augen revolutionärer sei als so manches Zitat von Rosa Luxemburg: "Wie Rosse gehn die gefangenen Element' und alten Gesetze der Erde. Und immer ins Ungebundene geht eine Sehnsucht." Exakt hier zeige sich, so Antje Vollmer, das Grunddilemma: Was haben Parteien mit ungebundenen Sehnsüchten zu tun? Nichts - eben! Antje Vollmers Diagnose wenige Monate nach ihrem Parteieintritt.
Ob in der Phase, die zum Fraktions-Feminant führte, oder in der Zeit bis zum zehnjährigen Geburtstag der Grünen Partei - es gelinge den Grünen zeitweilig gar nicht und mittlerweile immer weniger - so Antje Vollmer -, sich aus der Paralye des Selbstbeharkens und des Selbstmitleidens zu befreien. Die Flucht in die Verbalradikalität und die endlose Scheindebatten seien die Konsequenz. Im Spannungsverhältnis zwischen sich verselbständigenden Apparaten bei gleichzeitig egalitären Strukturen waren längst die Grenzen des politisch und menschlich Möglichen und Erträglichen erreicht worden. Antje Vollmer sah als Ursache meistens ein soziales Problem, das alle Parteien hinreichend kennen: Wohin mit den verdienten Funktionär (inn)en? Auch die Antwort der Grünen auf diese Frage war bislanf eine traditionelle gewesen: Hinein mit ihnen in die Mitarbeiterstäbe und Geschäftsstellen. Der Apparat gebiert so sich selber. Zusammen mit dem Blockdenken braute sich da ein hochexplosives Gemisch zusammen.
Die politischen Debatten in den Orts- und Kreisverbänden wurde dagegen seltener, "eine Auszehrung der Basis" war schon damals unverkennbar. Antje Vollmer gab jedoch nie auf. Unscheinbar ging sie voran. Hinter der Etikette der Schüchternheit verbarg sich ein in der Politik ungewohntes Stehvermögen. Schon damals fiel den politischen Beobachtern zu Bonn auf. dass Frauen an der politischen Macht ihre Arbeit nicht mit Samthandschuhen ausführen, sondern mit jener Härte, die scheinbar ein Privileg der Männer ist. Ein kluger Kopf erkannte damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Frau Vollmer bezeichnet sich selbst als sehr deutsch und sehr protestantisch, und mancher in der Fraktion wünschte sich, sie übte mehr Nachsicht gegenüber den kleinen menschlichen Schwächen."
Zu Zeiten des Fraktions-Feminats brachen bislang unterschwellige Konflikte mit den Grünen-Männern offen aus. Erstmals prallte das Selbstverständnis der Macher brüsk ab bei den Grünen Frauen auf dem Weg zur Macht. "Zum ersten Mal in der Geschichte haben Frauen in einer Fraktion die Führung übernommen", sagte Antje Vollmer nicht ohne einen gewissne Stolz.
Dabei kam es den Grünen-Frauen gar nicht darauf an, die Männer zu entmachten. Der Spiegel betitelte damals seinen Bericht über den Wahlsieg der sechs Frauen mit der Überschrift "Spitze entmannt" und traf damit den Nerv männlicher Machtvorstellung. Die Kollegen der "sechs tapferen Schneiderleininnen" (Antje Vollmer, Waltraud Schoppe, Annemarie Borgmann, Heidemarie Dann, Erika Hickel und Christa Nickels) waren sichtlich verschreckt. Der abgesägte Otto Schily sprach vom "falschen Weg einer geschlechtsspezifischen Lösung". Und der Ex-Fraktionsgeschäftsführer Joschka Fischer flüchtete sich in zynische Sprüche über "die gequetschten Schwanzträger". Der Alt-Sponti erkannte gleichwohl die Stoßkraft der Bewegung: "Jene letzte Burschenschaft namens Bundestag vergeht seitdem in ängstlicher Häme über den Weiberrat der Grünen, denn, meine Güte, wo kommen wir denn hin, wenn dieses Beispiel Schule macht . . . Unser Weiberrat wird es nicht leicht haben, denn er (er!) wird sowohl mit den sattsam bekannten Vorurteilen der Bonner Versammlung zu kämpfen haben als auch mit den zurückgestellten Bedenken. Ambitionen und Ehrgeizen grüner Klemmchauvis, ganz zu schweigen von den ungelösten und verdrängten politischen Problemen der grünen Bundestagsfraktion." Fischers Einsicht folgte aber sogleich eine Verniedlichung, so, als würde es sich hierbei nur um ein Puppenstück handeln: "Zudem ist es schon ein Genuss, die allgemeine Verunsicherung der Republik durch die grüne Weiberherrschaft zu erleben." Männer-Sprüche.
Bei den Frauen hingegen hörte sich das anders an. Christa Nickels (1998-2001 parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Gesundheit), auch nicht auf den Mund gefallen: "Mir hat jemand am Abend der Wahl gesagt: Jetzt haben die Frauen die Herrschaft übernommen: Nicht die Herrschaft, sondern die Arbeit." Die Grande Dame des Deutschen Bundestages, Hildegard Hamm-Brücher (Staatsministerin im Auswärtigen Amt 1976-1982, FDP-Austritt 2002), begeisterte sich: "Eine tolle Sache, damit kann ich mich nur solidarisieren." Die CSU-Abgeordnete Ursula Männle gratulierte Waltraud Schoppe zum Erfolg. Die Sozialdemokratin Anke Fuchs fand, was da passierte, "ganz prima". Frauen-Solidarität.
Mit dem Feminat sollte ein anderes Politik-Stil entwickelt werden. Statt Konkurrenzneid und Profilierungssucht - Kooperation und Kollegialität. Es war der Versuch, Politik mit anderen Mitteln zu betreiben. Staat des Kriegs der Prominenten und Karrieristen um Fernsehauftritte und Zeitungsmeldungen ging es um das uneitle Engagement, um richtige Lösungsvorschläge. Antje Vollmer bekannte schon damals freimütig, dass sie keine Lust habe, ein Polit-Star zu werden. "Ich habe aber ein unheimliches Interesse, dass sich Frauen in ähnlicher Situation, in der wir alle mal gewesen sind. in uns wiederfinden. Von daher denke ich, dass wir unheimlich große Wirkungen haben werden auf die Entwicklung von Frauen, dass sie lernen, sich Sachen zuzutrauen, die sie sich vorher nicht zugetraut haben."
Der Unmut der Grünen-Frauen jener Partei, wo vieles in der Praxis anders ablief, doch einiges nur auf dem Papier, war groß. Denn im Bonner Männer-Domizil bildeten die Grünen-Männer keine Ausnahme. Machismo gab es links wie rechts. Doch - erstmals in der Hauptstadt überhaupt - waren die Frauen nicht mehr bereit, den alltäglichen Chauvinismus der Männer hinzunehmen. Die angebliche Chancengleichheit bei den Grünen, so stellte die Frauengruppe der Grünen fest, sei "nur die Verschleierung der permanenten Unterdrückung von Frauen". Antje Vollmer profilierte sich als eine scharfte Kritikerin der männlichen Politikformen bei den Grünen. Joschka Fischer (Bundesminister des Auswärtigen 1998-2005) und der einstige Pariser Studentenrebell wie späterer Frankfurter Berufs-Sponti Daniel Cohn-Bendit sah sie als typische Repräsentanten an. Im Streitgespräch mit dem letzteren schimpfte sie: "Da braut sich doch etwas zusammen: Mackertum, männlich bestimmte Formen, Politik zu machen, sind an allen Fronten im Vormarsch." Sie sprach von der "Verhandlungstaktik nach Zocker-Mentalität". "Es ist für mich kein Zufall, dass dabei Männer den Ton angeben."
Als Synonym für überkommenes männliches Verhalten kreierte sie das Schlagwort von der "Fischer-Gang". Dahinter steckte kein Vernichtungswille, sondern eher die Lust, spielerisch Tendenzen auf einen Begriff zu bringen. Diese Suche nach neuen Wörtern, der Wille zut eigenen, unverbrauchten Sprache geht einher mit ihrer unverkennbaren Suche nach politischem Neuland. Der Begriff "Fischer-Gang" wurde die Parole zur Verteidigung der politischen Bedeutung des Feminats.
Die Frauen des Feminats suchten die Konfrontation mit jenem Typus von politisch aufgeklärtem, scheinbar durchsetzungsfähigerem Mann, der sie - allen Floskeln zum Trotz - wie einen netten Hausfrauenverein behandelte: Sie sind zur Genüge bekannt, diese unglaublich progressiven, innig verständnisvollen Repräsentanten ihres Geschlechts, die mit ihrem routinierten Wortgeklingel vor jeder Tür ihr Liedchen singen.
Die Grünen-Frauen wollten raus aus ihrer therapeutischen Rolle, die die Männer, Zweierbeziehungen geübt, so gerne den Frauen, mit ihrer "Naturbegabung zum Kompromiss", überlassen: zwischen den Fronten zu vermitteln, den Hitzköpfen die Hand zu reichen, den Kampfhähnen Wärme zu geben und wie eine Mutter da zu sein, wenn der Junge sich das Knie aufgeschlagen hat. In der Tat: Die medienpotenten Cracks der Grünen zogen sich den nach bürgerlichen Muster für ihre Auftritte maßgeschneiderten Anzug an, auch wenn sie sonst in ausgefransten Jeans herumliefen.
Die Mehrheit der Grünen nahm damals ein kritisches Verhältnis gegenüber einer möglichen Zusammenarbeit mit der SPD ein. In der Öffentlichkeit jedoch entstand ein anderes, verzerrtes Bild, das von Joschka Fischer und Otto Schily dominiert wurde, die sich schon damals als grüne Minister in einem möglichen Bundeskabinett Oskar Lafontaines (SPD-Vorsitzender 1995-1999) empfahlen. Antje Vollmer: "Schau Joschka Fischer und Waltraud Schoppe (Frauen-Ministerin in Niedersachsen 1990-1994) an. Sie bekommen ihre politischen Anliegen unterschiedlich deutlich rüber. Woran liegt das? Mit Qualitätsunterschied ist das nicht zu erklären. Er polarisiert, sie nicht. Polarisierung hat so per se einen höheren politischen Wert. Diese Medien haben ein größeres Interesse, Politik über Leute wie Fischer zu machen, als über Leute wie Waltraud. So wird mit uns Politik gemacht. Das hat für uns eine eigene Dynamik, wir laufen Gefahr, die Politik zu machen, die die Öffentlichkeit will." Die Medien für die Transportierung grüner Inhalte in die Öffentlichkeit zu nutzen, das stellte Antje Vollmer dagegen. Dem Feminat gelang es, Kampagnen gegen das Kraftwerk Buschhaus, gegen Dioxin zu initiieren und eine breitangelegte Initiative zur Deutschlandpolitik zu starten. Die Kraft resultierte aus der Geschlossenheit der Fraktion, um die das Feminat kämpfte.
Dabei kam es den Grünen-Frauen nicht darauf an, ihren politischen Stellenwert qua demonstrativer Negativ-Abgrenzung an den Männern in Bonn dingfest zu machen. Wenn sie sich mit ihnen anlegten, verfolgten sie stets konkrete Ziele. Antje Vollmer wehrte sich vehement dagegen, dass der Machtkampf bei den Grünen ausschließlich eine Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen sei. Sie wusste, dass es um die Macht ging und der Frauenvorstand bei den Grünen im Zentrum der Macht war. Damals äußerte sie: "Meines Erachtens geht es um eine Auseinandersetzung zwischen bestimmten Männern, die ein programmatisches, im Grunde genommen bürgerliches Politik-Modell anstreben, und Frauen wie Männer in der Fraktion, die an den grünen Grundsatzentscheidungen festhalten wollen, die sagen: Wir wollen keine Berufspolitiker und keinen Personenkult, sondern wir wollen in Form einer besonders solidarischen Zusammenarbeit oppositionelle ökologische Politik machen." Polarisierung, die Stärke der Männer - eben.
Der Kampf um die innerparteiliche Macht - das war für Antje Vollmer schon ein Kampf um den politischen Stil. Sie erinnert sich in diesem Zusammenhang an die Auseinandersetzungen und Aktionen der rebellierenden Studenten in der 68er Zeit. Damals hatten sich die Männer und Frauen in gleicher Stärke engagiert. Doch wer damals das Wort führte und in vorderster Front stand, das waren vor allem die Männer - Repräsentanten eines ganz bestimmten Stils. Diskussionen wurde nicht geführt, sondern an sich gerissen. Es dominierte eine unterschwellige Aggressivität. Die Frauen zogen den kürzeren.
Zweifellso hat Antje Vollmer ihre politische Prägung in den Jahren des Aufbruchs aus der restaurativen bundesdeutschen Enge, in der Studentenbewegung, erfahren. In jener Ära herrschte noch die Ansicht vor, junge Mädchen sollten lieber nicht aufs Gymnasium gehen. Ihre dürftigen Bildungs- und Berufschancen sollten nur eine garantieren: den Erhalt von Heim und Herd. Eine Generation lief sich die Hacken ab, um aus der vermiefen Heuchelei der Wirtschaftswunderkinder auszubrechen. Und Antje Vollmer war dabei. Im Streitgespräch mit einem Helden des Mai '68, Daniel Cohn-Bendit, das politische Enfant terrible der vereinigten Spießer, beschrieb sie, wo dieses Dabeisein ein Ende hatte - bei den Straßenkämpfen: "Ich habe die aus der Studentenbewegung noch in genauer Erinnerung. Wenn sich eine bestimmte Militanz auf der Straße breitmacht, können die Frauen bestenfalls das Hinterland darstellen, aber keinesfalls in der ersten Reihe mitkämpfen. Ich stehe doch bei solchen Demonstrationen angstschlotternd am Ende der Straße, wehrlos. Männer bestimmten die Auseinandersetzung. Wenn das zur Hauptform politischer Auseinandersetzung wird, haben Frauen nichts mehr zu bestellen."
Die Erfahrung und ihre Folgen. Es blieb das Wissen um einen Zensor, der die politische Kultur dominiert. Das Faustrecht von gestern wurde die Rhetorik von heute. "Wenn ich eine Rede schreibe zum Beispiel, habe ich natürlich die Stellen im Kopf, an denen Joschka Fischer lächelt oder Thomas Ebermann (ehemals Kommunistischer Bund, 1987/1988 Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag) abwinkt. Der männliche Stil ist als Zensor im Kopf." Ihre Eindrücke haben sich im Laufe der Jahre erhärtet. 1987 veröffentlichte sie in der Tageszeitung ihren Aufruf "Boykottiert das Hauptquartier", der die Auseinandersetzung um die Krise der Grünen Partei eröffnete.
Letztendlich bildete dieser Aufsatz für eine kritische Bestandsaufnahme der grünen Bewegung - was sie wollten, was sie wurden . Mit den Fundies und Realos hatten sich in der Partei schon längst zwei Blöcke gebildet, die um die Meinungsführerschaft erbittert kämpften. Das heißt: statt um den Konses um Mehrheiten. Antje Vollmer sah neue Götter auf den linken Hausaltären. Sie schlug sich auf die Seiten der Schwachen, nämlich der Basis, der wortlosen Minderheiten und prangerte den Niedergang jenes grünen Elans an, der einst für alle charakteristisch war und nunmehr nur noch einzelne beschwingte. Warum sollen Ebermann und Schily als Sprecher gewählt werden? Antwort: Weil jedermann sofort darauf kommt, dass sie die Sprecher sind! So war das. "Selten habe ich mich so wütend und so ohnmächtig gefühlt", klagte die Ketzerin.
In Distanz zu den tagespolitischen Themen stellte sie die Frage nach den grundlegenden Vorstellungen der Grünen, der Linken und Alternativen. Es war ein Appell an alle, jene produktive Unruhe wiederzufinden, ohne die eine Bewegung im parlamentarischen Trott erstarrt. Bekanntlich war Antje Vollmer, die frisch vom Land kam, von den in Beton gegossenen Parteizentralen wenig angetan. Mit zunehmender Verblüffung musste sie feststellen, wie sehr sich manche Gleichgesinnten der neuen Umgebung anglichen, der Beton der Macht an ihnen fraß, bis hin zut "Betonisierung des Kopfes der Parteispitze". - Politische Werdegänge.
Aber etwas zu erkennen und zu wissen, damit gibt sie sich nicht zufrieden. Mit Hartnäckigkeit und treffsicherern Stichworten rückt sie an gegen zementierte Verhältnisse, gegen die Elitebildung innerhalb der Partei. Typisch: Wer Antje Vollmer über Jahre ihres politischen Wirkens beobachten konnte, lernt sie schätzen: ihren klärenden Rigorismus und ihre hoffnungsgetragene Kampfbereitschaft, die direkt zur Sache geht, wenn es um die Sache geht. Im lauthalsigen Polit-Geschäft dieses Jahrzehnts ist Antje Vollmer eine Ausnahmeerscheinung, Ihr Engagement in ihrer Arbeit zeigt, wie eine Frau, die ihre Kampfbereitschaft nicht wie ein Markenzeichen vor sich herträgt, mit analytischem Blick und Sensibilität eine beachtliche Resonanz erzielt. Für sie ist Parlamentarismus nicht nur konformes Abstimmungsverhalten, sondern der Versuch, Meinungs- und Denkprozesse der Menschen aufzunehmen. Dafür steht sie ein, eine Eigenbrötlerin, die Spuren hinterlässt.
Zeiten der Selbstfindung der Grünen-Frauen: Wechselbäder zwischen Resignation, Ohnmacht und Aufbruch. Auf ihrem "feministischen Ratschlag" im November 1989 in Bonn setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch die Grünen eine "stinknormale chauvinistische Partei" sei, ohne ernsthafte frauenbewusste Politik. Eine Partei , in der die Macher vor den Trümmern das Sagen hatten. Folgerichtig kehrten die engagierten Frauen um Regina Michalik der Partei den Rücken, gingen dorthin zurück, woher sie gekommen waren: in die autonome Frauenarbeit. Auf dem "feministischen Ratschlag" in Bonn gewann auch die Erkenntis an Boden, dass die neuen Frauen an der Macht von den herrschenden Spielregeln vereinnahmt würden. Das Grüne Haus begann zu bröckeln. Der Erosionsprozess der ökologischen Bewegung entzündete sich an den Frauen. Es waren aber grüne Mandatsträgerinnen, die nach der Einführung der Frauenquote von einem "Rollback der Männer" sprachen, davon, dass die Frauenquote die Qualität der Politik kaum verändert habe.
Über dieses Klima zwischen Protest und Karriere, Unbeugsamkeit und Anpassung schrieb Jutta Ditfurth (Bundesvorsitzende der Grünen 1984-1988) später, im Jahre 1989, unter der Überschrift "Profiteure in der Flaute" in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit:
"In unserem alltäglichen politischen Alltag knallten Ansprüche auf die Praxis, Den Kopf voll mit Simone de Beauvoirs (*1908+1986) 'Das andere Geschlecht' beobachtete ich irritiert, wie Männer in studentischen Teach-ins Reden schwangen und sich, zurück in den Bänken, von Freundinnen den Nacken kraulen ließen. Bei den seltenen Reden der Frauen stieg der Geräuschpegel demonstrativ. Aus vielen offensichtlichen Widersprüchen dieser Kulturrevolte wuchsen die Wurzeln für die erfolgreichen Bewegungen der siebziger Jahre. Wir lernten ... Mir wird schwindelig von der Geschwindigkeit, mit der Leute, ihre eigene Geschichte fanatisch leugnend, in all den Jahren von links nach rechts an mir vorbeirasen. Da kungeln sie nun rosa-grün, müde, zynische Männer zwischen vierzig und fünfzig, im Bierkeller oder im Schloss. Ihnen gegenüber SPD-Apparatschiks wie Karsten Voigt (seit 1999 Koordinator der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit), Wolfgang Roth (Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank 1993-2006) oder Gerhard Schröder (Bundeskanzler 1998-2005) aus der ersten Anpassungsgeneration der APO . . .
Seit die Grünen am Tropf der Harmoniesucht hängen, trudeln sie in den Sumpf der Mittelmäßigkeit, dessen Ufer alle rechts liegen . . .
Gerade die, die gestern Marx und Lenin auswendig aufsagten, anstatt sie zu verstehen und weiterzuentwickeln, werfen denen, die noch Linke sind und selten Dogmatiker waren, die eigene Vergangenheit vor. Wie sie Marx vergötzten, den ich schätze, so beten sie heute mit zunehmender Entschlossenheit, zum goldenen Kalb kapitalistischer Marktwirtschaft. Sie grenzen wie Antje Vollmer am liebsten nach links aus und öffnen sich nach rechts. Was ist auch schon die Utopie sich befreiender Menschen gegen einen warmen Platz im Kreis bürgerlicher Honoratioren? Die Grünen werden zur persönlichen Beute. Eine Idee, die wahrhaftig zur persönlichen Bereicherung gedacht war, stirbt . . .".
Am Ende der Feminatszeit 1985 - Antje Vollmer hatte infolge der anstehenden Rotation ihr Bundestagsmandat niedergelegt - holten sie die Folgen des 'Deutschen Herbstes 1977' ein. Das Schicksal der RAF-Gefangenen hat Antje Vollmer nie losgelassen: "Es konnte mir nie gleichgültig werden - selbst wenn ich es gewollt hätte." Gemeinsam mit ihrer Freundin der Grünen-Bundestagsabgeordneten Christa Nickels, schrieb sie einen Brief an die inhaftierten RAF-Mitglieder - ein Zeichen, auf einander zuzugehen. Regelmäßig besuchten die beiden Frauen RAF-Gefangene, die sich vom Terrorismus losgesagt hatten. Sie bemühten sich, Hafterleichterungen und Haftverkürzungen durchzusetzen. Und sie versuchten, mit denen ins Gespräch zu kommen, die noch stur auf der Linie der RAF waren. Antje Vollmer hoffte herauszufinden, "ob die Hardliner unter Umständen nicht bereit waren, andere Wege einzuschlagen. Das heißt keineswegs: Amnestie für alle. Aber wenn unsere Gespräche einen Sinn haben sollten, dann müssen wir denen genauso etwas abringen wie der Gesellschaft. Wir versuchten, unsere Erfahrungen mit dem gewaltfreien Widerstand zu vermitteln. Gerade wir Grünen müssen nach Methoden suchen, wie wir der Gewalt der Militanten gewaltfreien Widerstand entgegensetzen."
Verständlich, dass eine Einzelkämpferin wenig auszurichten vermochte. Antje Vollmer hatte sich vielk vorgenommen, vielleicht zu viel, obwohl ihr die Medien für die von ihr angestrebte neue Nachdenklichkeit breiten Raum gaben. Dabei nahm sie in Kauf, bei ihren fast ausweglosen Vermittleraktivitäten für naiv und lebensfern gehalten zu werden. Ein Vorwurf, den sie offensiv ins Positive zu verkehren suchte. "Naivität ist unsere Waffe", diktierte sie den Bonner Journalisten in ihre Schreibblocks, Es war ihr damaliger Fraktionskollege und einst prominenter RAF-Verteidiger Otto Schily (SPD-Übertritt 1997, Bundesminister des Inneren 1998-2005), der ihr in den Rücken fiel. Er wollte den Dialogversuch der beiden Politikerinnen keineswegs als "Christenpflicht" gewertet wissen. Im Gegenteil, Otto Schily warf ihnen vor, "großen politischen Schaden angerichtet" zu haben. Es sei "unverantwortlich", so Schily in einer Presserklärung, "in nahezu devotem Ton gegenüber Personen, die in gewissenloser und aberwitziger Realitätsverkennung Mord und Gewalt propagierten und praktizierten, um Gespräche zu ersuchen."
Antje Vollmer ließ sich nicht beirren. "Wir haben mit vielen Politikern und mit vielen Gefangenen darüber geredet oder zu reden versucht. Die Wahrheit ist: Es gibt seit Jahren kein einziges Lösungskonzept außer dem, das Ulrike Meinhof (*1934+1976) ein halbes Jahr vor ihrem Selbstmord - am 9. Mai 1976 - in Stuttgart-Stammheim geschrieben hat."
In der Tat waren es Worte der Ausweglosigkeit. Ulrike Meinhof: "Wie kann ein isolierter Gefangener den Justizbehörden zu erkennen geben, angenommen, dass er das wollte, dass er sein Verhalten geändert hat? Wie? Wie kann er das in einer Situation, in der bereits jede, absolute jede Lebensäußerung unterbunden ist? Dem Gefangenen in der Isolation bleibt, um zu signalisieren, dass er sein Verhalten geändetz hat, überhaupt nur eine Möglichkeit, und das ist Verrat . . . Das heißt, es gibt in der Isolation exakt zwei Möglichkeiten: Entweder sie bringen einen Gefangenen zum Schweigen, das heißt, man stirbt daran, oder sie bringen einen zum Reden. Und das ist Geständnis und der Verrat. Das ist Folter, exakt Folter . . .".
Zur Erinnerung: Am 1. Februar 1989 gingen 50 Gefangene der RAF abwechselnd und gemeinsam in den Hungerstreik, sie forderten Zusammenlegung und humane Haftbedingungen. Doch die Länder-Justizminister blieben hart. Antje Vollmer warf den verantwortlichen Politikern vor, eine Chance, den Hungerstreik zu verhindern und somit die Lage in den Gefängnissen zu entspannen, vertan zu haben. Im Klartext: Der "gesellschaftliche Dialog" sie am Desinteresse der Politiker kläglich gescheitert.
Für Antje Vollmer, die sich selbst als Partisanin bezeichnet, die aus den eingefahrenen Rechts-links-Schablonen auszubrechen versucht, war diese Erfahrung nicht neu. Doch sie kennt ihre Stärken: "Es ist zwar ein Vorteil, dass ich langfristig und hartnäckig an einer Geschichte dranbleibe, mich nicht von aktuellen Erfordernissen antreiben lasse. Die Kehrseite ist aber meine Schwäche, dass ich nur schlecht etwas beiseite legen kann, was ich mir einmal vorgenommen habe. Diese Zähigkeit bedingt meine Art von Unbeweglichkeit. Und das kostet eben viel Kraft. Denn in einer aussichslos erscheinenden Situation ist es ja nicht ausgemacht, dass man nicht weiterkommt."
Sie will keine falsche Sicherheit, weder bei sich noch bei anderen. Sie möchte Zweifel wecken an starken Urteilen, das Denken in Bewegung setzen. Die Hoffnung, dass ihr dies gelingt, treibt sie voran. Aber es gibt Situationen, "in denen ich mich auf weiter Flur verloren fühle, was ja nicht ganz stimmt. Denn gute Freunde gibt es ja. Doch das Gefühl ist nachhaltig da, meistens ohne einen direkten Auslöser: allein gefressen zu werden. Daraus entsteht dann meine Art Bockigkeit, es packen zu wollen, die Stimmung, es doch irgendwie zu schaffen. Ich rede mir dann ein, dass meine Vorhaben ohne Risiko seien. Schwäche ist in Wirklichkeit eine Form der Stärke, wenn es einem gelingt, dieses Schwachsein auszuhalten." Diese Einsicht unterscheidet Antje Vollmer von Politikern wie Otto Schily. Dieser Typus riskiert sich selbst nicht so stark, kalkuliert den Einsatz seiner Identität genauer.
Die Frage war Antje Vollmer schon immer präsent, woher ihre Besessenheit komme, etwas in Bewegung zu setzen, keinen Stillstand zuzulassen. Die damalige Konstellation bei den Grünen polarisiert die Partei in zwei fest unversöhnliche Lager. Diese Partei ähnelte einem Schlachtfeld der harten Flügelkämpfe, die viele resigniert zum Austritt oder in den Ohnmacht trieben. Die Grünen, die sich als eine Partei des Jugendprotestes begriffen, verloren im Dauerstreit um Posten und Programmpunkte vornehmlich die Jugend weitgehend aus dem Blickwinkel. Vor der Bundestagswahl 1980 bis zur Wahl 1987 sank der Anteil der 18- bis 25jährigen bei den Grünen -Wählern von 43 auf 23 Prozent. Der Anteil der Erstwähler schrumpfte gar von 20 auf 6 Prozent. Die damalige Vorstandssprecherin der Grünen, Verena Krieger (Grünen-MdB 1987-1989): "Ich habe vor zehn Jahren als Jüngste angefangen und bin heute immer noch die Jüngste." - Gemeinsam mit großen Teilen des linken Flügels verließ sie 1990 die Partei.
Mit der Gruppe Aufbruch '88 wollte Antje Vollmer die Grünen aus ihrer Lethargie herausholen. Die Spaltung der Grünen geisterte damals durch so manchen Kopf. "Wir befanden uns alle in einer äußerst kritischen Situation, die durch eine bedrohliche Entfernung von den gesellschaftlichen Problemen und Zerstörungen von Zukunftshoffnungen gekennzeichnet war." Der Zeitpunkt schien überfällig, eine Bilanz der acht Jahre Parteiarbeit zu ziehen, auch unter Verarbeitung des Praxisschocks, den die Grünen in den Jahren im Parlament erlitten hatten. "Viele Mitglieder retteten sich in die Routine, und die Parteigremien ähnelten mehr einer Ansammlung von Strömungsvorsitzenden. Wir mussten raus aus diesen Flügelkämpfen zwischen Realos und Fundis. Wir brauchten eine Kulturrevolution - dringender denn je." Mit dem Manifest, das die Gruppe '88 zur Urabstimmung stellen wollte, sollte eine verbindliche, von allen Mitgliedern der Partei legitimierte und damit richtungweisende Vorentscheidung für die Weiterentwicklung grüner Programme und für die Neugestaltung grüner Parteistrukturen herbeigeführt werden. Die Urabstimmung war ein Signal in der Demokratisierungsdebatte, die so exemplarisch war wie die Diskussion über die Quotierung der Frauen.
Antje Vollmer wurde damals von vielen als versöhnlerisch kritisiert. Doch es blieb etwas hängen: In der Frauen-Arbeit setzte sie neue Schwerpunkte, die über die Feminismus-Debatte hinausgingen - Erwerbsarbeit und Arbeitszeitverkürzungen sollten in der neuen Mütterpolitik auf einen Nenner gebracht werden. "Als der Startschuss für den Aufbruch '88 gegeben wurde, da fragte ich mich dann nicht mehr nach dem Erfolg - ich sah nur unser Engagement. Rückblickend kann ich sagen, dass der Aufbruch '88 - trotz der gescheiterten Urabstimmung - für die Grünen wichtig war und noch ist. Gerade an den Bedingungen der einstigen Opposition in der DDR sehen wir, was hier auch sein könnte und warum die Bundesrepublik ein demokratisches Entwicklungsland
ist." -
Regelmäßig inszeniert Antje Vollmer seither einen lauten Generalangriff auf die Partei. Zwei Jahre nach dem Aufbruch klagte sie den überfälligen Generationswechsel ein. Er habe nicht stattgefunden; nun müsse über "Filz" und die "Nomenklatura" innerhalb der Grünen gesprochen werden. Ein Jahr später forderte Antje Vollmer ihre Mitstreiter zu einem generellen Neuanfang unter dem Motto "Deutscher Umbruch" auf. Antje Vollmer empfahl ihrer Partei, sich im vereinten Deutschland den Bürgerbewegungen zu öffnen, schließlich seien sie es gewesen, die den einstigen Ostblock nachhaltig verändert hätten.
Über Resonanzen ihres politischen Engagements kann sich Antje Vollmer nicht beklagen. Trotz ihres politischen Erfolgs wird sie der Politik erst einmal den Rücken kehren und nciht in das erste gesamtdeutsche Parlament geben. Für manchen Außenstehenden mag ihr Entschluss unverständlich sein. Doch für sie steht fest, wer die Politik nicht verlassen kann, der wird unmerklich seiner Sprache, seines Denkens und seiner Gefühle enteignet: "Viele Frauen haben eine andere Einstellung zu Macht und Mandat. Sie gehen nicht in dem Maße eine Symbiose mit der Politik ein wie so viele Männer, die nur noch ihre politische Karriere im Kopf haben. Die Frauen wissen, dass sie ein Mandat auf Zeit haben, und verlieren deshalb nicht die Verbindung zu den alten Lebenszusammenhängen."
Für Antje Vollmer gibt es vor allem einen Grund, warum sie sich von der Hauptstadt vorerst verabschieden will. "Als ich in die Politik ging, war mein Sohn Johann gerade vier Jahre alt. Mittlerweile ist er zwölf. Wenn ich nochmals vier Jahre im Parlament bleibe, dann hätte ich wirklich kein Kind haben sollen. Es ist in meinem Leben keine Randfigur. Hinzu kommt, dass meine Rolle bei den Grünen zusehends intensiver wird. Ich kann Kind und Politik nicht so einfach verbinden. Andere schaffen das vielleicht. Ich nicht."
Ihr zentrales Anliegen ist, Frauen Hoffnungen zu vermitteln, Zutrauen, in die Offensive zu gehen. Das gehört zum festen Bestand ihrer Überzeugungen. Über die SPD-Frauen schrieb Antje Vollmer in der Vorwärts-Ausgabe, die zum 125jährigen Jubiläum der Sozialdemokratie erschien. Sie verglich die SPD-Frauen vor allem mit den Frauen der Grünen - unter der Überschrift "Die letzte intakte deutsche Großfamilie und ihre Frauen". Großfamilie bedeutete einmal Sicherheit, dann Angst, wenn man sie verläßt. "Für Frauen ist das komplizierter. Einerseits müssen sie den Druck der SPD-Großfamilie aushalten, andererseits haben sie schon bestimmte Funktionen übernommen. Gleichzeitig kehren die Frauen, die in die Politik, dieser Großfamilie den Rücken. Sie leben mit der Fähigkeit des Verlassenkönnens und de Eigene-Wege-gehen-Könnens. Sonst wären sie hier in Bonn nicht ange- kommen."
Nur: in Bonn, ihrer Fluchtburg sozusagen, holt sie die Großfamilienstruktur der SPD wieder ein. Der Unterschied zu den Frauen der Grünen ist für Antje Vollmer trotz der Quotenregelung beträchtlich. Wenn die SPD-Frauen Erfolg haben wollen, müssen sie sich der Männer-Zustimmung vergewissern. So waren jedenfalls bisher die Frauen-Karrieren in der SPD angelegt. Die Grünen-Frauen hingegen akzeptieren den Mann als eine Art Zensor im Kopf nicht mehr.
Rückblickend auf die Jahre in Bonn, möchte sie nicht behaupten, auf einen unfruchtbaren Acker geflügt zu haben. Bonn hatte ja immer den Vorteil eines Mediums für ihre Botschaften an die Öffentlichkeit. Das Feminat der Grünen, die Quotenregelung in der SPD, überhaupt die zunehmende Frauen-Präsenz im Parlament bis hin zu den Anstößen in die CDU/CSU-Fraktion hinein sind letztlich durch die grünen Botschaften in Bewegung geraten. Ohne diesen Frauen-Aufbruch hätte es nie einen direkten Draht zwischen der feministischen Frauen-Zeitschrift Emma bis hin zu den katholischen Frauen gegeben. Ohne diesen Frauen-Aufbruch wäre das politische Agieren der Rita Süssmuth - ob als Familien- und Frauenministerin oder als Bundestagspräsidentin - so nicht denkbar gewesen.
Antje Vollmer: das ist die Polit-Revolution in Permanenz - ein Aufbruchkonzept von unten. Es hat sein Motto:
"Meine Mutter Rebekka Jakobowsky hat immer zu mir gesagt. es gibt im Leben immer und überall mindestens zwei Möglichkeiten. Niemals, sagte der Oberst, für einen Mann von Ehre gibt es immer nur eine einzige Möglichkeit. Eben, sagte Samuel Jakobowsky." - Der Frauen-Aufbruch hat erst begonnen.