Donnerstag, 13. April 1978

Sowjetunion - Der Leidensweg des Generalmajors Pjotr Grigorenko (4)




stern
, Hamburg
13. April 1978
aufgezeichnet von
Erich Follath und
Reimar Oltmanns


Dr. Jouri Novikov ist der führ
ende Psychiater der Sowjetunion, dem die Flucht in den Westen gelang. Er erlebte jahrelang, wie seine Kollegen im Auftrage des KGB Bürgerrechtler in Irrenhäuser verbannten. Besonders infam behandelten KGB-Psychiater den früheren Generalmajor Pjotr Grigorenko (*1908+1987).


Andere rissen sich darum, mir waren sie ein Gräuel: die Überlandfahrten in die Provinz. Aber diese Inspektions-reisen zur Kontrolle psychiatrischer Kliniken gehörten zu meinen Pflichten als Abteilungsleiter im "Serbskij"-Institut, der obersten Instanz für Gerichtspsychiatrie in der Sowjetunion. Meine Stippvisiten liefen fast immer nach demselben Schema ab. Begrüßung durch das örtliche Partei-Komitee am Bahnhof. Abendessen mit dem Anstaltsleiter im Hotel, meist floss der Wodka reichlich. Am nächsten Morgen Rundgang durch die Anstalt - altvertraute Bilder, immer dieselben Klagen: Zu viele Patienten, zu wenig Betten, fehlende Medika-mente. Für die Inspektion des "Kollegen aus Moskau", wie sie mich nannten, war nicht einmal der Flur geschrubbt, geschweige die Toilette gereinigt worden.
MISERE ANGEPRANGERT - OHNE BESSERUNG
Ich schrieb seitenlange Berichte, prangerte die Miss-stände an, machte konkrete Vorschläge für das Ge-sundheitsministerium. Professor Georgij Wassil-jewitsch Morosow, Direktor des "Serbskij"-Instituts, sprach mich einmal auf diese Berichte an: "Jouri, du kannst ruhig ein paar Seiten weglassen. Die Russen gewöhnen sich an alles. Die da draußen an ihren Notstand, die im Ministerium an die Beschwerden." Auch ich stumpft ab. Ich musste es als unumstößliche Tatsache hinnehmen: Je weiter die Klinik von Moskau entfernt war, desto katastrophaler war die medizinische Versorgen. Daran änderten auch die Fünf-Jahres-Pläne des Ministerrats nichts, die der Medizin Vorrang ein-räumten und die Bettenzahl in allen psychiatrischen Krankenhäusern in den letzten fünfzehn Jahren von 220.000 auf das Doppelte erhöhen sollten.
GELD VERSICKERTE
Das Geld aus Moskau versickerte auf dem Weg in die Provinz. Für die örtlichen Parteikomitees gab es immer etwas, was noch dringender war. Auf der Strecke blieben die Krankenhaus-Neubauten. So zum Beispiel in der Provinzstadt Karkaralinsk in Kasachstan, wo in einer feierlichen Zeremonie 1975 zwar der Grundstein gelegt wurde, wo aber bis heute noch nicht einmal die Außenmauern hochgezogen worden sind. Bei psychia-trischen Sonderkliniken allerdings gibt es keine Neubau-probleme. Diese Aufbewahrungsanstalten, von denen es zwölf in der Sowjetunion gibt, sind fast ausnahmslos in alten Gefängnissen untergebracht. Hinter Stacheldraht und dicken Mauern sitzen Patienten, die auch nach westlichen Maßstäben geisteskrank sind und die man nicht mehr frei herumlaufen lassen kann. Es werden in diesen Sonderkliniken aber auch politische Dissidenten als "Geisteskranke" interniert, obwohl sie geistig gesund sind.
FÜR PSYCHIATER ZUTRITT VERWEHRT
Die Psychiater des "Serbskij"-Instituts dürfen den Gerichten zwar die Einweisung von Patienten in die Sonderkliniken empfehlen, ihnen selbst ist der Zutritt zu den Anstalten jedoch verwehrt. Diese Psycho-Sonder-kliniken sind die geheimnisvollsten Krankenhäuser der Sowjetunion. Sie sind auch die einzigen, die nicht dem Gesundheitsministerium, sondern den mächtigen Bonzen vom Innenministerium unterstehen. Und die sind Spezialisten, wenn es darum geht, Leute aus dem Verkehr zu ziehen und von der Umwelt zu isolieren.
SCHAUPLATZ MINSK
Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum gerade mir die Gelegenheit gegeben wurde, die psychiatrische Sonderklinik in Minsk besuchen zu dürfen. Jedenfalls rief mich während einer Inspektionsreise durch Weißrussland eines Abends der Direktor der Minsker Sonderklinik an und lud mich für den nächsten Morgen ein. Es war im November 1973. Morgens gegen 10 Uhr holte mich ein schwarzer Moskwitsch vom Hotel ab, ein Chauffeur brachte mich in die Stadtmitte zum Unter-suchungsgefängnis, auf dessen Gelände sich die Sonder-klinik befindet. Der Lagerkomplex war unüberschaubar. Eine vier Meter hohe Backsteinmauer, zwischen zwei Wachtürmen ein Tor. Über der Einfahrt, für jeden unübersehbar, stand in riesigen Lettern der Glaubens-satz der Klinik geschrieben: "Obratno na swobodu s tschistoi sowestju" - Zurück in die Freiheit nur mit reinem Gewissen.
KALASCHNIKOWS, SCHÄFERHUNDE
Ausweiskontrolle am schweren Stahlschiebetor. Zwei Soldaten, Kalaschnikows auf dem Rücken. Scharfe Schäferhund, die an ihrer Laufleine zerrten. Wagen-durchsuchung, Leibesvisitation. Der Moskwitsch hielt auf einem lehmigen Vorhof. Am Haupteingang wartete schon ein Direktor, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Er war ein älterer Arzt, 60 Jahre etwa, mit einem rötlich-runden Gesicht. Er leitete die Sonder-klinik seit zwei Jahren - ohne vorher psychiatrische Erfahrung gesammelt zu haben. Er war Hautarzt, hatte sich frühzeitig um die Partei verdient gemacht und durfte sich hier am Ende seiner Laufbahn als Direktor noch seine Pension aufbessern.
KRANKENZIMMER - VERROTTETE LÖCHER
Auf dem ersten Flur, den wir passieren, hing ein gerahmter Spruch an der grauen Kalkwand: "Trud - uniwersalnoje sredstwon narodnogo wospitanija" - Arbeit ist ein universelles Mittel zur Erziehung des Volkes. - Das erste Krankenzimmer, das ich zu sehen kriegte, war ein ziemlich verrottetes Loch. In dem 16 Quadratmeter kleinen Raum waren acht Betten zusammengepfercht, je zwei übereinander. Aber nicht jeder Kranke hatte seine eigene Liege. Einige kauerten auf den Ritzen zwischen den Bettkanten. Die meisten lagen völlig phlegmatisch da, vollgepumpt mit Psycho-pharmaka, die Gesichter leer und ausdrucklos. Ein Jugendlicher, dessen bekleckerter Anstaltspyjama keine Knöpfe mehr hatte, machte sich gleich an den Wärter ran. "Ich hab' noch Tabak", flüsterte er. "Du kannst ihn haben, wenn du mich aufs Klo lässt." Der Wärter schlug wortlos die Tür zu.
AUFS KLO GEHEN ZU DÜRFEN ... ...
Vom Direktor erfuhr ich später, dass es in der psychia-trischen Sonderklinik Minsk ein Privileg ist, aufs Klo gehen zu dürfen. Denn nur zwei Mal am Tag, um 10 Uhr morgens und um 18 Uhr abends, sieht die Anstalts-ordnung einen "Gang zur Verrichtung der Notdurft" vor. Ziffer 3 dieser Verordnung stellt es ins eigene Ermessen der Wärter, weitere Toilettengänge zu gestatten. Diese Vergünstigung lassen sie sich honorieren: mit Tabak, Süßigkeiten, Obst - Mitbringsel von Angehörigen, die einmal im Monat die Patienten besuchen dürfen. Der Gang zur Toilette ist ein Stück Freiheit, nach der jeder Kranke sich sehnt. Dieser Ort - ein kreisrundes Loch, mit zwei Wasserhähnen in der Wand - ist die einzige private Zuflucht in der Klinik. Drei Minuten erlauben die Wärter, die selbst gedrehte Zigarette oder die gestopfte Pfeife zu rauchen. Sonst, und das wird strikt einge-halten, darf nirgends im Hospital gepafft werden.
AUFSTIEG - VOM "SEKI" ZUM WÄRTER
Nach dem Rundgang saß ich beim Chef im Zimmer und trank Tee. Dann erzählte er mir, wer die Wärter sind. Ihre Vergangenheit haben die meisten nicht auf den Sanitätsschulen, sondern als "Seki" (Kriminelle Häft-linge) gemeistert. Ihre Delikte waren Mord, Verge-waltigung, schwerer Raub. Als Internierte in den Arbeitslagern begannen sie eine neue Laufbahn, im Auftrag der Verwaltung und des KGB bespitzelten und denunzierten sie andere Lagerinsassen, vor allem politische und religiöse Häftlinge. Dafür wurden sie belohnt. In Psycho-Kliniken, wie hier in Minsk, ge-nießen sie als Krankenwärter im weißen Kittel nun ihren "gesellschaftlichen Aufstieg". Sie beuten die Kranken aus - auch sexuell.
SEXUELLE AUSBEUTUNG
Wer keinen Besuch bekommt und infolgedessen keine Zigaretten als Tauschobjekt anbieten kann, hat nur eine Chance, sich bei den Wärtern beliebt zu machen: Er muss sich prostituieren. Je nach Lust und Laune holen sich manche Krankenwärter vor allem jüngere Männer aus den Zimmern heraus und treiben es mit ihnen in ihren Diensträumen. Wie viele Menschen in der Sonder-klinik von Minsk schon in die Intensivstation gekommen sind, wollte der Direktor mir nicht sagen. Er gab jedoch zu, die Verpflegung sei so schlecht, dass die Wider-standskräfte der Patienten sich im Laufe der Zeit auf ein Minimum reduzierten. Die Hauptmahlzeit besteht meist aus einem Teller Kohlsuppe. Morgens und abends gibt es einen Löffel Hafergrütze, ab und zu eine kleine Kar-toffel mit Gemüse. Die einseitige und mangelhafte Ernährung erreicht niemals die vorgeschriebenen 1.300 Kalorien am Tag. Patienten, die sich beschweren wollen, bekommen weder Kugelschreiber noch Papier. Denn schon diese Dinge werden in den staatlichen Aufbe-wahrungsanstalten wie Minsk als Sicherheitsrisiko betrachtet.
DOPPELTES KONTROLL-SYSTEM
Das Innenministerium hat für Psycho-Sonderkliniken eine doppelte Hierarchie, ein doppelte Kontrollsystem aufgebaut. Da sind einmal der Chefarzt, die Abteilungs-leiter, die behandelnden Psychiater - alles vom Innen-ministerium ausgesuchte Mediziner. Und da sind auf der anderen Seite die Funktionäre des Innenmini-steriums in Uniform: der Oberverwalter der Klinik, gleichberechtigt mit dem Chef-arzt, der Hausverwalter, die Aufseher. Auf der untersten Stufe der Leiter steht der Wärter. Seine Vorgesetzten sind die Aufseher, die keiner-lei medizinische Kenntnisse haben. Auf diese Weise wird das Misstrauen geschürt, einer bespitzelt den anderen.
KEIN MUT - NUR MISSMUT
Als ich mich vom Direktor der Sonder-klinik in Minsk verabschiedet hatte, fragte ich mich, warum er mit trotz seines Missmutes so viel erzählte. Vielleicht, um meine Reaktion zu testen. Vielleicht hatten sie mich in Moskau schon für eine höhere Aufgabe in einer Sonder-klinik vorgesehen. Vielleicht sollte ich sogar Nachfolger des Direktors in Minsk werden. Albträume plagten mich in dieser Nacht. Ich hatte noch nicht einmal den Mut gehabt, den Direktor nach "politischen Fällen" zu fragen. Nach meinen Erfahrungswerten kann man annehmen, dass jeder zehnte Patient in einer Sonderklinik wegen "paranoider Reformideen", wegen "mangelnder Anpassungsfähigkeit an seine soziale Umgebung", wegen "Überschätzung seiner Person" eingewiesen wird. Für Minsk heißt das: etwa 30 politische Gefangene, für die Sowjet-union insgesamt 350. Die Mehrzahl der politischen Häftlinge, wohl an die 10.000 sind in Arbeitslagern interniert.
TÄUSCHUNG WESTLICHER PSYCHIATER
Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass KP-Chef Leonid Breschnew (1964-1982) in der Außenpolitik für Entspannung sorgte und in der Innenpolitik die Re-pression verschärfte. Mein politischer Verstand wurde erst richtig geweckt, als ich 1973 selbst eine wichtige Rolle bei der bewussten Täuschung westlicher Psychiater und Journalisten spielen sollte. - Am 14. Oktober 1973 gegen zwei Uhr nachmittags rief mich mein Chef, Professor Morosow, zu sich ins Büro. Er war seltsam nervös. "Ich habe gerade einen Anruf aus dem Ministerium bekommen. Morgen müssen wir deutsche Journalisten im "Serbskij"-Institut herumführen, und wenn die danach fragen, müssen wir ihnen sogar einige Krankenakten zeigen. Ich brauche dich als Übersetzer."
SINNESWANDEL
Ich fragte mich, was dieser Sinneswandel im Mini-sterium zu bedeuten habe. Schon einen Tag vorher waren der englische Psychiater Dr. Denis Leigh und sein schwedischer Kollege Dr. Carlo Perres in unserem Institut und hatten anschließend die psychiatrische Klinik in Troizkoje besichtigt. Das hatte es noch nicht gegeben, dass westliche Ärzte eine unserer Psycho-Kliniken be-suchen durften. Diese neue KGB-Politik konnte nur einen Grund haben: der zunehmenden westlichen Kritik an der russischen Psychiatrie offensiv entgegen zu wirken. Und nun auch noch westdeutsche Journalisten! Am nächsten Morgen lernte ich die stern-Journalisten Robert Lebeck und Klaus Lempke kennen. Sie waren schon bei Morosow im Zimmer, als ich dazukam. Die Atmosphäre war gelockert, es gab Kaffee, Konfekt und Kekse. Das Chefzimmer, sonst chaotisch-unordentlich, war aufgeräumt wie selten. Morosow spielte souverän seine Rolle.
WESTDEUTSCHE JOURNALISTEN
Ich übersetzte: "Kein Bürger der Sowjetunion darf verurteilt werden, wenn er geisteskrank ist ... Der Patient hat das Recht, einen Gutachter abzulehnen ... Berichte über Zwangseinweisungen angeblicher poli-tischer Dissidenten muss ich schlicht als Verleumdung bezeichnen ...". - Doch die westdeutschen Journalisten begnügten sich nicht mit solchen Glaubensbekennt-nisse. Sie wollten General Pjotr Grigorenko sehen, den das "Serbskij"-Institut mehrmals für unzurechnungs-fähig erklärt hatte. Auf diese Bitte, das merkte ich Morosow an, hatte er schon gewartet. Er war keinesfalls verblüfft und sagte: "Wir werden Sie anrufen." - Am nächsten Morgen ließ er die Journalisten wieder ins "Serbskij"-Institut kommen und begrüßte sie mit der Bemerkung: "Ich habe mir überlegt, wenn ich Ihre Zweifel ausräumen will, muss ich Ihnen Handfestes bieten." Mit diesen Worten überreichte er den beiden be-deutungsvoll eine Handvoll vergilbter Blätter: die Kran-kengeschichte des ehemaligen damals siebzigjährigen Generalmajors Pjotr Grigorenko.
EINE FÄLSCHUNG
Mit war klar: Das kann nur eine Fälschung sein. Denn nicht einmal ich als Oberarzt, geschweige denn andere Professoren des Instituts, hatten bis dahin eine Krank-heitsgeschichte aus der vierten Abteilung ge-sehen, in der Grigorenko untersucht worden war. Als der Foto-graf die Blätter ablichtete, und ich den Text übersetzte, bestätigte sich meine Vermutung: Grigorenkos Krankengeschichte mit all ihren Symptomen war teilweise wörtlich aus dem "Handbuch der Psychiatrie" abgeschrieben und mit persönlichen Lebensdaten des Generals vermengt. Die Erklärung seiner Wahnvorstellung kennt jeder Student aus-wendig. Über diese Manipulation konnten auch die vergilbten Formulare nicht hinwegtäuschen, die nicht einmal aus dem "Serbskij"-Institut stammten. Die stern-Reporter, die als erste westliche Journalisten in unserem Institut waren, hatten nicht den Hauch einer Chance, die KGB-Fälschung zu durchschauen. Zumindest ist ihnen eines geglückt: Am nächsten Tag konnten Robert Lebeck für einen Augenblick Grigorenko in seiner Zelle in der psychiatrischen Klinik in Troikoje sehen, die 62 Kilo-meter von Moskau entfernt ist.
AUS DER SOWJETUNION FLIEHEN
Ich habe selber Jahre gebraucht, ehe ich begriff, wie die sowjetische Psychiatrie zu politischen Zwecken miss-braucht wird. Der Besuch der westdeutschen Jour-nalisten war für mich ein Schlüsselerlebnis, aus dem ich die Konsequenzen zog: Seit Oktober 1973 stand mein Entschluss fest, bei der ersten Gelegenheit aus der Sowjetunion zu fliehen. Ich bemühte mich, so viel wie möglich über das Schicksal der Dissidenten zu erfahren, die in psychiatrischen Kliniken festgehalten wurden.
GESETZE GEBROCHEN, LÜGEN AUFGETISCHT
Am Schicksal des Generals Pjotr Grigorenko lässt sich am besten verdeutlichen, wie der KGB Gesetze bricht, wie Zeugen in Gerichtsverfahren zu Lügen gezwungen werden, und wie gesunde Menschen mit Hilfe von Medi-kamenten gequält werden. Meine Recherchen in der Sowjetunion und die Materialien, die ich im Westen vor-fand, ergeben zusammen ein lückenloses Bild. Hier der Fall des Pjotr Grigorenko:
KARRIERE DES PJOTR GRIGORENKO
General Grigorenko war ein Held der Sowjetunion. Mit 32 Jahren wurde der Sohn armer ukrainischer Bauern Offizier. Er kämpfte an der Westfront gegen die Deut-schen und wurde zwei Mal verwundet. Anschließend nahm er an dem Krieg gegen Japan teil. Grigorenko wurde zwei Mal verwundet, erhielt den Lenin-Orden, die zwei Orden des Roten Banners und den Roten Stern. 1959 avancierte er zum General. Gleichzeitig übernahm Grigorenko einen Lehrstuhl an der Frunse-Militär-akademie in Moskau. Er veröffentlichte 67 wissen-schaftliche Arbeiten.
TIEFER FALL
Grigorenkos Karriere endete abrupt, als er auf einer Parteikonferenz im September 1961 in Moskau den damaligen KP-Chef Chruschtschow scharf angriff. Er warf ihm vor, dass noch immer nicht, wie Chrusch-tschow es auf dem XX. Parteitag 1956 versprochen hatte, die stalinistischen Funktionäre ihrer Ämter ent-hoben worden waren, und er forderte außer-dem, die hohen Gehälter der Parteisekretäre zu reduzieren und Schluss zu machen mit den Repressalien gegen reform-freudige Kommunisten. Grigorenko, selbst ein über-zeugter Kommunist, glaubte, mit legalen Mitteln eine Demokratisierung der Partei und Gesellschaft erreichen zu können. Sein Auftreten auf der Partei-konferenz hatte schwerwiegende Folgen. Auf Betreiben Chruschtschows wurde der General aus dem Militär-dienst entlassen und verlor seinen Lehrstuhl.
WARUM GIBT'S NICHT GENÜGEND BROT ?
Vorerst blieb Pjotr Grigorenko noch ungebrochen. Im Herbst 1963 organisierte er einen Freundeskreis und gründete eine politische Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen "Kampfbund für die Wiederherstellung des Leninismus". Auf dem Vorplatz des Kasaner Bahnhofs in Moskau verteilte er Flugblätter mit der provozierenden Frage: "Warum gibt es bei uns nicht genügend Brot?" Damit war Grigorenkos Weg in die psychiatrische Klinik vorgezeichnet. Am 1. Februar 1964 verhaftete der KGB Grigorenko und seine Freunde. Grundlage war Artikel 70 des sowjetischen Strafgesetzbuches: "Wer Agitation oder Propaganda betreibt, um den sowjetischen Staat zu schwächen oder zu unterwandern oder, in besonderem, gefährliche Verbrechen gegen diesen Staat zu begehen, wer zu demselben Zweck gefälschte Nachrichten in Umlauf bringt, anfertigt oder für sich behält, oder Schriften dieses Inhalts besitzt, soll mit einer Freiheits-strafe zwischen sechs Monaten und sieben Jahren belegt werden."
GRIGORENKO: GEISTESKRANK
Nur einige Wochen verbrachte Grigorenko im Moskauer Lubjanka-Gefängnis. Am 12. März 1964 verlegte ihn die Staatsanwaltschaft ins "Serbskij"-Institut, um ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Die Kommission unter Leistung des Klinikchefs Professor G.W. Morosow kam zu dem Ergebnis, der ehemalige General sei für seine Taten nicht verantwortlich und benötige eine Behandlung in einer psychiatrischen Sonderklinik. In dem "Serbskij"-Gutachten heißt es: "Grigorenkos psychologische Situation charak-terisieren seine reformistischen Ideen, insbesondere seine Vorstellungen von der Neu-Organi-sation des Staatsapparates. Diese Ideen sind verbunden mit einer Überschätzung seiner Person, die messianische Aus-maße angenommen hat. Er berichtete von seinen Erfahrungen mit ausgeprägten Emotionen und war unerschütterlich von seinen Handlungen überzeugt." Das Gericht hielt sich an Morosows Maxime: "Warum sollen wir uns mit politischen Prozessen plagen, wo wir doch psychiatrische Sonderkliniken haben!" Und schickte Grigorenko in die Leningrader Sonderklinik für Geisteskranke.
GRIGORENKO: DEGRADIERT
Um Grigorenko zum Schweigen zu bringen, brachen Richter, Staatsanwälte und die Partei das sowjetische Recht. Kein Rechtsanwalt durfte den Generalmajor vertei-digen, er selbst durfte am Prozess nicht teil-nehmen, und nicht einmal das Urteil durfte er lesen. Zwei Wochen nach seiner Klinik-Einweisung warf ihn das Zentral-komitee der KPdSU aus der Partei, stufte ihn rechtswidrig vom General zum ein-fachen Soldaten zurück und strich ihm rechtswidrig seine Pension. Nach dem Gesetz stehen einem Militärangehörigen, der geisteskrank wird, die vollen Pensionsbezüge seines letzten Dienstgrades zu. Im März 1965 musste sich Grigorenko noch einmal untersuchen lassen. Die Ärzte in Leningrad bestätigten die "Serbskij"-Diagnose, hielten aber eine stationäre Behandlung nicht mehr länger für nötig. Grigorenko kam unter der Auflage frei, sich in regelmäßigen Abständen in der psychiatrischen Klinik in Leningrad zu melden.
GEGEN EINMÄRSCHE DER SOWJETS
Grigorenko bewies bald, dass er alles anders als geistes-krank war. Unerschrocken wie eh und je engagierte er sich noch stärker und wurde einer der führenden Bürgerrechtler in der Sowjetunion. Am Grab des Schriftstellers Alexej Kosterin, der sich vor allem für die nationalen Minderheiten eingesetzt hatte, hielt Grigorenko eine leiden-schaftliche Rede für die "wahre leninistische Demokratie und für die Entlarvung des Totalitarismus, der sich hinter der Maske der soge-nannten Sowjet-Demokratie verbirgt". Mit Flug-blättern demonstrierte er gegen den Einmarsch der Sowjets in der CSSR. Als Grigorenko im Mai 1969 in Taschkent, wohin er von Moskau fuhr, vor Gericht für die unter-drückten Krimtataren starkmachen wollte, wurde er abermals verhaftet.
PERSÖNLICHE ÜBERZEUGUNGEN
Der KGB beauftragte Professor Fjodor Detengow, den Chefpsychiater der Usbe-kischen Republik, ein Gut-achten anzufertigen. Doch das fiel ganz anders aus, als es der Geheimdienst erwartet hatte: "Grigorenkos Handlungen basieren auf seinen persönlichen Über-zeugungen und haben keine krankhaften und hyste-rischen Züge. Seine intellektuellen Fähigkeiten sind ausgeprägt, er hat sich in seiner Umgebung als Führer und Erzieher etabliert. Es gibt keinen Zweifel an Grigorenkos geistiger Normalität. Eine Behandlung in einer Klinik hätte schwerwiegende negative Folgen für den Patienten und würde seinen körperlichen Gesund-heitszustand ver-schlechtern."
GESCHLAGEN, GEWÜRGT
Mit dieser positiven Diagnose wollte sich der KGB nicht abfinden. Wieder musste das "Serbksij"-Institut ran. Zwei Wochen nach der Taschkenter Begutachtung flog der KGB den U-Häftling nach Moskau zurück. Die Gutachter-Kommission unter Leitung von Morosow und des Chefs der politischen Abteilung vier, Lunz, ent-täuschten ihre Abtraggeber nicht. Sie formulierte, was von ihr erwartet wurde: "Die Reformideen Grigorenkos haben einen widerspenstigen Charakter angenommen und beherrschen sein Denken vollständig. Eine paranoide Entwicklung seiner Persönlichkeit hat stattgefunden. Deshalb kann sich die Kommission der Empfehlung des Taschkenter Gutachtens nicht an-schließen und rät dringend , den Patienten in eine psychia-trische Sonderklinik einzuweisen." - Zwischen dem Gutachten der Psychiater von Tschkent und dem der Psychiater des "Serbskij"-Instituts lagen nur vier Wochen.
DREI JAHRE SONDERKLINIK
Natürlich setzte sich das "Serbskij"-Institut mit seinem Gutachten durch. Pjotr Grigorenko wurde im Februar 1970 in Taschkent von einem Gericht für unzu-rechnungsfähig erklärt und in die psychiatrische Sonderklinik Tschernjachowsk eingeliefert. Über drei Jahre blieb er dort. Grigorenko musste sich die Zelle mit einem Mörder teilen. In seinem Tagebuch schildert der die Methoden seiner Wärter: "Sie zwingen mir Essen auf, sie schlagen mich, sie würgen mich. Sie drehen mir den Arm um, prügeln absichtlich auf mein verletztes Bein ... ... Dann stecken sie mich in eine Zwangsjacke. Ich wehre mich, so lange die Kräfte reichen. Sehr oft breche ich unter furchtbaren Herzschmerzen zu-sammen. Die Wärter versprachen, mich nicht weiter zu quälen, wenn ich meine Reformideen widerriefe. Ich sagte ihnen: Über-zeugungen sind nicht wie Hand-schuhe. Man kann sie nicht jeden Tag wechseln."
EIN GEBROCHENER MANN
Man braucht nicht im "Serbskij"-Institut gearbeitet zu haben, man braucht nicht einmal Psychiater zu sein, um zu ermessen, dass Grigorenko trotz aller Standhaftig-keit nach drei Jahren Sonderklinik ein gebrochener Mann war. Erst als der KGB glaubte, der Ex-General sei für die Sowjetunion keine Gefahr mehr, und als der internationale Druck für seine Freilassung immer stärker wurde, verlegte man Grigorenko in eine normale psychiatrische Klinik - nach Troizkoje. Dort durften ihn 1973 dann auch die ersten westlichen Psychiater, der Engländer Leigh und der Schwede Perres, besuchen. Grigorenko sagte ihnen, es ginge ihm jetzt besser. Die Ärzte konnten ihn jedoch nicht untersuchen, weil sie nur eine zehnminütige Ge-sprächserlaubnis hatten. Leigh und Perres weigerten sich deshalb, über Grigorenkos Gesundheitszustand ein Urteil abzugeben. Doch in Moskau wurde das Schweigen der westlichen Ärzte als Zustimmung gewertet. Die Nachrichtenagentur Tass schrieb: "Die Professoren bezeugen, dass der frühere General Grigorenko tatsächlich krank ist, und sie bestätigen damit die Diagnose ihrer sowjetischen Kollegen."
GESCHENK IN SACHEN MENSCHENRECHTE
Am 24. Juni 1974 wurde Pjotr Gigorenko überraschend entlassen. Das geschah zwei Tage vor dem Staatsbesuch des US-Präsidenten Richard Nixon (1969-1974); ge-wissermaßen ein Gastgeschenk in Sachen Menschen-rechte. Anfang Dezember 1977 - ich lebte bereits ein halbes Jahr in der Bundesrepulblik, las ich erstaunt in der Zeitung, dass Grigorenko eine auf sechs Monate befristete Ausreisegenehmigung in die USA erhalten hat. Mit seiner Frau Sinaida flog er nach New York, um seinen Stiefsohn zu besuchen und sich einer Prostata-Operation zu unterziehen. Wie ich inzwischen hörte, hat er sie gut überstanden.
EIN PÄCKCHEN HEIMAT-ERDE
Als Grigorenkos Freunde den General und seine Frau im Dezember auf dem Moskauer Flughafen verabschiedeten, haben sie ihm ein kleines Päckchen Heimaterde in die Hand gedrückt. Sie befürchteten, dass Pjotr Grigorenko sowjetischen Boden nicht wieder betreten darf.
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Nachtrag - Pjotr Grigorenko ist im Alter von 79 Jahren 1987 in seinem New Yorker Exil gestorben. Die sowjetische Staatsbürgerschaft ist dem früheren Generalmajor der Roten Armee und russischen Bürgerrechtler bereits im Jahre 1979 aberkannt worden. Die Urkaine - seine Heimat - hat er nicht mehr wieder gesehen.

Donnerstag, 6. April 1978

Sowjetunion: Das Mysterium der Vierten Abteilung für Wladimir Bukowski (Teil 3)



















stern, Hamburg
6. April 1978
aufgezeichnet von
Erich Follath und
Reimar Oltmanns

Dr. Jouri Novikov ist der erste führende Psychiater der Sowjetunion, dem die Flucht in den Westen gelang. Er war dabei , als seine Kollegen auf Befehl des Geheimdienstes unbe-queme Bürgerrechtler in die Irrenhäuser schickten. Diagnose: "Schizophrenie" - eine sowjetische Variante der Bewusstseins-spaltung.


Am 24. April 1974 hatte ich es geschafft. Meine Dok-torarbeit bei Professor Oskar Jewgenijewitsch Freierow über das Thema wurde von der Gelehrtenkommission des Moskauer "Serbskij"-Instituts einstimmig angenommen, was so viel wie "sehr gut" heißt. Dieses Ereignis wollte ich mit meinen Kollegen begießen. Für 300 Rubel, das waren damals etwa zwei Monatsgehälter für mich, lud ich sie alle in ein Lokal ein, spendierte ein Abendessen und einen teuren armenischen Kognak. Es war in den drei Jahren, in denen ich schon am "Serbskij"-Institut arbeitete, das erste und einzige Fest, das ich mit meinen Leuten feierte. Und es war eine Enttäuschung.

ALS ALKOHOLIKER VERSCHRIEN

Nicht einmal in privater Umgebung gingen meine Arbeitskollegen aus sich heraus. Sie saßen an der Tafel steif und teilnahmslos herum und würgten ihr Filet Stroganoff herunter, als seien sie zu einem Leichen-schmaus geladen. Selbst von den aufgefahrenen Wodka-flaschen blieb die Hälfte ungeöffnet stehen. Schon um zehn Uhr verabschiedeten sich die ersten, und eine Stunde später stand ich allein im Restaurant.

Ich konnte den Kollegen ihre Zurückhaltung nicht übernehmen, denn ich merkte ja selbst, wie ich mich beim Trinken kontrollierte. Schnell war man im Institut als Alkoholiker verschrien und galt als nicht zuverlässig. Sich vor den anderen kleine Blöße geben, nur keine eigenen Vorstellungen äußern - das was das oberste Ge-bot. Und ich verstand es, mich nahtlos anzupassen. Die Korsettstangen der Selbstkontrolle waren bei jedem so fest eingezogen, dass er es vermied, durch Individua-lität aus der Rollen zu fallen: Eine Abweichung von den gängigen und offiziellen Ideen könnte ja die Vorstufe zur eigenen Abnormität sein. Kein Psychiater wollte ein Fall für die Kollegen werden.

VOLLENDETE KONFORMITÄT

Diese zwanghafte Adaption bis hin zur Selbstverleug-nung ist ein klassisches Symptom der Sowjet-Gesell-schaft. Während der Westen, so scheint mir, wenigstens teilweise Individualität und persönlichen Einfallsreich-tum honoriert, strebt in der Sowjetunion jeder danach, für vollendete Konformität belohnt zu werden.

Nur wenn es darum ging, gegen Kollegen zu intrigieren, wurden die Gespräche offen, Dann zogen die Profes-soren übereinander her. Die Hauptkonkurrenten im "Serbsbkij"-Institut waren die dienstältesten Profes-soren: Oskar J. Freierow, Leiter der sechsten Abteilung, in der ich arbeitete, und Daniil R. Lunz, Chef der Ab-teilung Vier und verantwortlich für die politischen Fälle. Freierow und Lunz gingen sich aus dem Weg, wo sie nur konnten. Und wenn sie sich doch einmal auf dem Flur trafen, grüßten sie sich nicht. Aus Gesprächen mit ihnen erfuhr ich, was sie von einander hielten. Der 66jährige Lunz über den ein Jahr jüngeren Freierow: "Dass Sie ausgerechnet bei dem promovieren mussten! Von Psy-chiatrie versteht der nichts. Der ist doch schon krank und senil."

AKTEN NACHGEWORFEN - WUTANFÄLLE

Bei einer anderen Doktorarbeit wurde er fast handgreif-lich. Swjetlana Manakowa kam eines Morgens heulend zu mir und erzählte völlig aufgelöst, Lunz habe sie ruppig aus dem Chefzimmer herausgeworfen und geschrien: "Was für einen Schwachsinn Sie zusammen-schreiben! Ich will Sie hier in den nächsten vier Wochen nicht mehr sehen! Und wagen Sie sich ja nicht zu mir, wenn Sie Ihre Arbeit nicht völlig neu geschrieben haben!" In seinem Wutanfall habe er ihr Manuskript zerrissen und einen Aktenordner hinter ihr hergeworfen.

BEEINDRUCKENDE PERSÖNLICHKEIT

Trotz seiner unberechenbaren Ausbrüche war Lunz eine beeindruckende Persön-lichkeit. Nur 1,60 Meter groß, kräftig gebaut, graues schütteres Haar. Er ließ jeden seine Arroganz und Überlegenheit spüren. Es machte ihm Spaß, deutsche und französische Sprachfetzen in die Unterhaltung einzustreuen. Er beherrschte diese Sprachen perfekt, obwohl er nie im Ausland war.

Wer zu Lunz aufblickte, den behandelte er manchmal sehr freundlich. Als ich den Professor freundlich bat, mir für einen wissenschaftlichen Aufsatz das bundes-deutsche "Handbuch für Psychiatrie" zu beschaffen, überraschte er mich mit einer Einladung zu sich nach Hause: "Ich würde Ihnen das Buch gerne leihen, aber ich gebe es grundsätzlich nicht aus der Hand, weil ich es nur mühsam über Beziehungen bekommen habe."

ZERSTREUTER PROFESSOR - HANDLANGER DES KGB

Ich war überrascht, wie anspruchslos Professor Lunz mit seiner Frau lebte. Zwei winzige Räume von etwa zehn und zwölf Quadratmeter, ein kleiner Flur, eine Kochnische und ein Duschbad waren alles, was seine Privatsphäre ausmachte. Die Wohnung im zwölften Stock eines Hochhauses in der Moskauer Innenstadt, er-innerte mich an die Hinterzimmer einer Buchhandlung. Der Parkettfußboden war kaum zu sehen, so sehr sta-pelten sich die Bücher kreuz und quer. Randvolle Bücherregale reichten bis zur Decke - für Bilder war kein Platz.

Lunz war ein bescheidener Mann, der nur an seine Wissenschaft dachte, wie ich später erfuhr, hatte er keine Datscha, noch nicht einmal einen Wagen, den sich andere Professoren als Statussymbol leisteten. Als er mir einen Stuhl anbot und lange nach dem deutschen Buch kramte, wirkte er hilflos und zerstreut - genau wie die Professoren in der Karikatur.

Dabei war Lunz alles andere als ein weltfremder Wissen-schaftler. Hinter einer intellektuellen Fassade verbarg sich der skrupelloseste Handlanger des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Er war der Mann, der die Regime-kritiker Sinjawski und Jessenen-Wolpin (1949 und wieder 1968), Frau Gorbanewskaja (1963), Fainberg (1965), Bukowski (1963 und 1967) und Griogrenko (1969) als Irre in psychiatrische Kliniken hatte abschie-ben lassen - und das sind nur die bekanntesten Opfer. Ich schätze, Lunz hat jährlich vierzig politisch Anders-denkende als unheilbar krank in Sonderhospitäler eingewiesen.

ALS PSYCHIATER GEFÜRCHTET

Als Psychiater war er unter den Dissidenten so ge-fürchtet, dass die Brüder Roy und Schores Medwedjew ihn als Gutachter ablehnten ( der Historiker Roy schrieb ein Buch über die Gräueltaten während der Stalin-Ära; der Biologe Schores über die Behinderung sowjetischer Wissenschaftler). Dieses Recht hat zwar jeder Patient, doch in der Praxis ändert es nichts: Der Staat hat genügend willfährige Mediziner, die ein-springen.

AUFSTIEG ZUM SEKRETÄR

Ich erhielt ziemlich genaue Kenntnisse und Informa-tionen über geheime Vorgänge in der sowjetischen Psychiatrie, als ich im Jahre 1976 zum Sekretär der höchsten psychiatrischen Vereinigung der Sowjet-republiken gewählt wurde. In diesem Allunionsverband saß ich neben Danill R. Lunz, Georgij Wassiljewitsch Morosow, Andrej W. Snjeschnewskij und anderen Größen aus der Psychiatrie und Neurologie.

Natürlich diskutierten wir auf den Sitzungen über politisch brisante Fälle und die damit verbundenen westlichen Angriffe. Was mich allerdings von Lunz unterschied: Ich wurde einstimmig von der Vollver-sammlung ins Präsidium gewählt. Lunz dagegen kassierte siebzehn Gegenstimmen - ein in der Sowjet-union außergewöhnliches Misstrauensvotum.

"SCHLEICHENDE SCHIZOPHRENIE"

Professor Lunz hatte sich wie kaum ein anderer mit der Definition der "schleichenden Schizophrenie" ausein-andergesetzt. Für ihn begann Bewusstseinsspaltung schon dort, wo medizinisch "keine klaren Symptome vorhanden waren, wie Wahnvorstellungen und Hallu-zinationen". Der Kranke konnte, so Lunz, "für seine Umwelt absolut normal erscheinen" und dabei tief geistesgestört sein.

Ich selbst hörte Professor Lunz 1973 in einem Vertrag in Moskau drei Beispiele von Leuten nennen, die seiner Meinung nach unter verschiedenen Stadien der Schizo-phrenie litten - und alle drei waren politischen Fälle.

Fall 1: Eine Person, die das sowjetische System kritisierte.

Fall 2: Eine Person, die Staatsgewalt grundsätzlich ablehnte.

Fall 3: Eine Person, die mit Gewalt gegen hohe Politiker vorgehen wollte.

Lunz' Vorteil war: Er glaubte, was er sagte. Er wirkte vor Kollegen vor den Kollegen so überzeugend, dass er den eklatanten Missbrauch sowjetischer Psychiatrie als ein Stück Normalität darstellen konnte. Erst viel zu spät merkte er, dass sein Name im Ausland zum Inbegriff einer fehlgeleiteten Wissenschaft wurde.

"ARZT DES TEUFELS" - NUR EINE NUMMER

Als Lunz 1973 vom Westen erstmals scharf angegriffen und "Arzt des Teufels" genannt wurde, reagierte er ziem-lich fassungslos. "Das sind doch Scheißkerle", sagte er zu mir. "Die Antipropaganda der Amerikaner und Engländer gegen unser Land geht sogar schon so weit, dass sie die Mediziner einspannen." Wäre es nach Lunz gegangen, die UdSSR hätte sich längst aus dem Welt-verband der Psychiater zurückgezogen.

Doch in diesem Fall konnte Lunz nicht abschätzen, welchen Einfluss die westliche Kritik auf die sowjetische Dissidenten-Politik hatte. Immer mehr Regimekritiker wurden nach der Konferenz für Sicherheit und Zu-sammenarbeit in Europa (KSZE), die im August 1975 in Helsinki stattfand, abgeschoben. Lunz hat nie ver-standen, warum ausgerechnet "kranke Menschen" in den Westen ausreisen durften. In den letzten Monaten, die ich ihn im Institut sah, war er verbittert und kränk-lich.

KAMPF UM TODESANZEIGE - KEINE TRAUERFEIER

Daniil R. Lunz ist am 1. März 1977 im Alter von 66 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Der große Mann der sowjetischen Psychiatrie war dem "Serbskij"-Institut nicht einmal eine Trauerfeier wert.

Ich erfuhr die Nachricht nur beiläufig, "Serbskij"-Direktor G.W. Morsow, seit Jahrzehnten sein Wegge-fährte, ließ mir durch seine Sekretärin mitteilen, ich solle mich um eine Todes-anzeige in der Parteizeitung kümmern. Ich müsse dazu allerdings noch die Genehmi-gung des Kreiskomitees der Partei einholen. Das war einfacher gesagt als getan. Denn die Genossen im Kreis-komitee wollten die Todesanzeige in den nächsten zwei Ausgaben für den Druck nicht freigeben. Ihre Be-gründung: Auch andere verdiente Genossen stünden längere Zeit auf der Warteliste.

Ich rief Professor Morosow an. Der wollte die Todes-anzeige aus Prestigegründen unbedingt vor dem 5. März, dem Tag der Beerdigung, groß gedruckt sehen. Morosow , als Organisationstalent bekannt, hatte eine Idee. Er schickte mich mit einem Schreiben direkt zu einem Redakteur einer Moskauer Abendzeitung, dessen Mutter mehrere Jahre als Krankenschwester in der Lunz-Abteilung im "Serbskij"-Institut gearbeitet hatte. Auf diese Weise haben wir es doch noch geschafft, die Todesnachricht, zwar nicht großformatig, dafür aber pünktlich in die Zeitung zu rücken.

ALIBIS FÜR ÜBERGRIFFE

Daniil R. Lunz lieferte zweifellos die medizinischen Alibis für die politischen Übergriffe des KGB. Doch für den Geheimdienst war er nicht mehr als eine Nummer, ein nützliches Werkzeug, abhängig und austauschbar. Doch für den Geheimdienst war er nicht mehr als eine Nummer, ein nützliches Werkzeug, abhängig und aus-tauschbar.

ZAREN-ZEIT

Denn Lunz hatte mit seiner Arbeit nur eine russische Tradition fortgesetzt, deren Vorbilder und Wurzeln bis in die Zarenzeit zurückgehen. Der Mann, der als erster Ärzte zu Erfüllungshilfen seiner unrühmlichen Politik machte, war Nikolaus I. (1796-1855), ein Schreckens-herrscher, dessen Spitzel vor allem Intellektuelle denun-zierten. Eines der vielen Opfer war der Philosoph Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew (1794-1856). Er kam 1836 von einer längeren Reise durch mehrere europäische Länder nach Russland zurück und war entsetzt über die Rückständigkeit und Tyrannei des Zarenreichs. Tschaadajew veröffentlichte deshalb heftige Attacken gegen Nikolaus I., der ihn von seiner Geheimpolizei festnehmen und von Ärzten öffentlich für verrückt erklären ließ.

ALTE BULLETINS HOCHAKTUELL

Das Bulletin aus dem Jahre 1836 könnte auch 1978 in der Parteizeitung "Prawda" stehen. "Der Aufsatz von Tschaadajew hat in jedem anständigen Russen Wut und Widerwillen erregt. Doch das Entsetzen verwan-delte sich schnell in Mitgefühl, als die Bevölkerung erfuhr, dass ihr unglücklicher Landsmann an Geistes-zerrüttung und Wahnsinn leidet. In ihrer väterlichen Fürsorge stellt die Regierung ihm einen Spezialarzt zur Seite und verordnet Hausarrest." - Tschaadajew blieb eine prominente Ausnahme. Normalerweise machte sich der Zar nicht die Mühe, seine Gegner "nur" für geistes-krank zu erklären und sie einzusperren. Er ließ sie gleich umbringen.

LENINS OKTOBER-REVOLUTION

An dieser Praxis änderte sich auch nach Lenins Oktober-Revolution wenig. Schon im Dezember 1917 wurde die "Tscheka", eine außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Sabotage und Konterrevolution, ge-gründet. Nur wer weiß, wie die "Tscheka" damals ar-beitete und welche politischen Aufträge sie ausführte, kann be-greifen, welche Rolle der KGB (aus der Tscheka gingen 1922 die GPU, 1924 der NKWD und 1954 der KGB hervor) heute in allen gesellschaftlichen Bereichen spielt - insbesondere in der Psychiatrie.

STALINS STRAFLAGER

Die "Tscheka", die erste Geheimpolizei der Sowjet-union, wurde ermächtigt, "Staatsfeinde" nach eigenen Ermessen und ohne die Einschaltung von Gerichten zu verur-teilen und hinzurichten. Das taten die Geheim-polizisten unter Josef Stalin (1878-1953) millionenfach. Wer in die Straflager verbannt wurde, hatte fast keine Chance, lebend herauszukommen - und das war Ab-sicht. Die Sklavenarbeit und die miserable Verpflegung sollten die Häftlinge physisch vernichten.

So aberwitzig es heute klingt, in jenen Jahren waren die Psychiater oft Lebensretter für die verhassten Regime-kritiker, wenn sie ihnen Schwachsinn attestierten und sie in ein Irrenhaus sperren ließen. In Asan, der einzigen psychiatrischen Sonderklinik, 600 Kilometer östlich von Moskau, waren die Abweichler sicher vor den Schergen des Geheimdienstes.

BÜRGERLICHES SANATORIUM

Über die Einweisung von Kranken entschieden wie heute die "Serbskij"-Psychiater. Das Institut wurde 1921 gegründet, um "die Rechte von geistesgestörten Per-sonen zu schützen, die unfreiwillig Handlungen be-gehen könnten, die für die Gesellschaft gefährlich sind". Das Institut trägt den Namen von Professor Wladimir Serbskij, einem der ersten und fortschrittlichen Psychiater in Russland. Er war einer der Wegbereiter der Oktober-Revolution. Unerschrocken geißelte er die soziale Rückständigkeit im Zarenreich, und er gab auch nicht auf, als ihm die Regierung daraufhin die Aus-übung des Arztberufes verbot. Nach 1917 arbeitete Professor Serbskij als Begründer der "Forensischen Psychiatrie" in Moskau, hauptsächlich widmete er sich der Nationalen Gesellschaft der Psychiater.

In Archiven fand ich die Beschreibung des Dichters Naum Korschawin , der 1948 einige Monate als Patient im "Serbskij"-Institut war. Korschawin schilderte - ich traute meinen Augen nicht - das Institut als repres-sionsfreie Idylle. Er konnte lesen, was er wollte, kein Mensch interessierte sich für die Gedichte, die er schrieb, und die Ärzte verhielten sich so unauffällig, dass er sie kaum wahrnahm.

GEHORSAMER ARZT

Doch noch im selben Jahr kam eine Wende. Übereifrige Geheimdienstler machten die Partei "auf das Wider-standsnest in der Kropotkin-Gasse" aufmerksam. Eine eiligst eingesetzte Kommission unter Führung des Parteifunktionärs R. S. Zemgatschka inspizierte das Institut. Ihr Urteil: "Aus dem 'Serbskij'-Institut, das einst die Hoffnung unserer Partei war, ist ein bürger-liches Sanatorium geworden." Ihr Vorschlag: "Die Schrauben müssen wieder angezogen werden. Ein linientreuer Arzt muss die Verhältnisse in Ordnung bringen und der Partei regelmäßig Bericht erstatten."

PARTEITREUE SÄUBERUNGEN

Der Mann, den die KPdSU für diese Aufgabe auswählte, hieß Daniil R. Lunz. Der ehrgeizige Jungpsychiater hatte mit seiner Familie gebrochen, weil er mit Hilfe der Partei Karriere machen wollte, der er schon zu dieser Zeit ergeben diente. Sein Vater, ein angesehener Kinder-arzt, und seine Mutter, Professorin am Moskauer Konservatorium, waren Juden. Sie konnten nicht be-greifen, warum ihr Sohn es mit den Bolschewiki hielt.

Daniil R. Lunz hatte ein ausgeprägtes Gespür für brisante politische Entwicklungen. 1951 setzte die erste antisemitische Säuberungswelle an Universitäten, Schulen und Krankenhäusern ein. Nur wenige Juden überstanden diese Kampagne unbeschadet. Einer von ihnen war Daniil R. Lunz.

UNABHÄNGIGE ÄRZTE NACH SIBIRIEN VERBANNT

Nach Stalins Tod 1953 waren Professor Lunz und seine Psychiater von der Abteilung gefragter denn je. Nikita Chruschtschow (1894-1971) hat zwar den Massen-morden ein Ende gesetzt , aber auch er konnte sich keine politische Opposition erlauben. Gesucht wurde ele-gantere Lösungen, die keinen Spektakel verursachten, geheim ge-halten werden konnten und nach außen glaubwürdig erschienen. Damals wurde, meiner Mei-nung nach, die Verbannung politisch Anders-denkender in Irrenanstalten systematisch zur Perfektion entwickelt.

Die wissenschaftliche Vorarbeit für diese Praxis hatte der Professor Andrej W. Snjeschnweskij, zu jener Zeit Direktor des "Serbskij"-Instituts geleistet. Er machte radikal und unerbittlich gegen jeden Front, der sich seiner Meinung nicht anschloss, Anfang der fünfziger Jahre brach bereits ein Grabenkrieg zwischen den sowjetischen Psychiatern aus. Wer eine andere Auf-fassung hatte und sich der Snjeschnweskij-Schule nicht unterwerfen wollte, wurde fristlos entlassen. So prominente und bei Kollegen im Westen geschätzte Ärzte wie Gurewitsch, Epstein, Schamarjant und Gorlant verbannte die Partei über Nacht nach Sibirien.

ANREGEGUNGEN VON NAZI-ÄRZTEN

Professor Snjeschnewskij wurde berühmt durch die Definition der "schleichenden Schizophrenie", für die sich später Professor Lunz so stark engagierte. Deutsche Ärzte aus der Nazi-Zeit wie Rainer Rüdiger und Her-mann Paul Nietzsche hatten wichtige Anregungen für diese Theorie geliefert. Die schleichende Schizophrenie, so die Theorie von Professor Snjeschnewskij, ist bereits zu attestieren, bei "unrealistischen Ideen, den Sozia-lismus zu reformieren" oder bei "der Überschätzung der eigenen Bedeutung" - "Für die Umwelt kann der Patient dabei völlig gesund erscheinen", bemerkte Snjesch-newskij zynisch.


Denn die Diagnose "schleichende Bewusstseins-spaltung " verzichtet auf die Feststellung klassischer Symptome wie Halluzination und Wahnvorstellungen.

ABSURDE THESE - 1,9 MILLIONEN RUSSEN GEISTESKRANK

Nach marxistischer Lehre sind Verbrechen in einem sozialistischen System undenk-bar, weil es keine sozialen Gründe für kriminelle Handlungen gibt. Sie sind daher nur auf erbliche Anlagen zurückzuführen. Das heißt für sowjetische Psychiater im Klar-text: Auch bei Trunksucht, Renitenz, Diebstahl und Mord werden von vornherein Erbfehler unterstellt und infolgedessen eine unheilbare Geisteskrankheit konstatiert. - Eine Gummiband-Interpretation, die viele Regimekritikern zum Verhängnis wurde und wird.

Was Snjeschnewskijs Theorie in der Praxis für den Dissidenten, also den politisch Andersdenkenden, bedeutet, habe ich an der Universität und in meinen ersten Berufsjahren nicht begriffen. Seine Lehrmeinung erschien allen Studenten wissenschaftlich fundiert nd auf dem neuesten Stand der Entwicklung. Kein Mensch dachte daran, sie anzuzweifeln. Erst ein Aufsatz in einer britischen Fachzeitschrift stimmte mich nachdenklich.

DOPPELT SO VIELE FÄLLE WIE IN ENGLAND

Wo der Begriff der Schizophrenie derart weit gefasst wird, kann es kein Wunder sein, dass der Londoner Psychiater J.K. Wing in der Zeitschrift "Britisch Medical Journal" feststellte: In der Sowjetunion gebe es prozen-tual doppelt so viele Geisteskranke wie in Eng-land. Nach Snjeschnewskijs Definition müssten 1,9 Millionen Sowjetbürger unter Bewusstseinsspaltung leiden - das sind mehr, als etwa Hamburg Einwohner hat.

BILDERBUCH-KARRIERE

Eine absurde These. Doch sie war die Grundlage für Snjeschnewskijs Karriere Der "Serbskij"-Direktor wurde in kurzen Abständen alles, was er werden wollte: Leiter der Abteilung für klinische Medizin an der Moskauer Akademie der medizinischen Wissenschaften, dann Direktor des Forschungsinstituts der Akademie. Als Akade-miemitglied vertrat er die Sowjetunion in inter-nationalen Gremien. Er wurde Ehrenmitglied der Psychiatrischen Weltvereinigung sowie des amerika-nischen und des britischen Psychiaterverbandes.

War Andrej W. Snjeschneswkij in der Sowjetunion rigoros und kompromisslos, bei Internationalen Konferenzen zeigte er sich flexibel. Als vor dem Weltkongress der Psychiatrie 1971 in Mexiko City die westliche Kritik an den psychiatrischen Miss-ständen in der UdSSR immer heftiger wurde, setzt er sich per-sönlich im Kreml dafür ein, den Dissidenten Schores Medwedjew aus dem Irrenhaus in Kaluga zu entlassen und ihm die Ausreise nach England zu ge-statten. Die Taktik zahlte sich zunächst aus. Die westlichen Kollegen beruhigten sich wieder, der Weltverband verzichtete auf eine öffentliche Rüge.

ANGST, DEN RUF ZU VERLIEREN

"So eine Diagnose wie bei Medwedjew darf nicht noch einmal vorkommen", sagte Professor Snjeschneswkij bei einer internen Beratung im "Serbskij"-Institut, an der auch ich teilnahm. "Das war ein glatter Kunstfehler." Was er plötzlich als Kunstfehler bezeichnete, entsprach in Wirklichkeit der von ihm eingeübten Praxis im Um-gang mit Dissidenten. Was für eine vordergründige Dialektik, dachte ich. Der hat doch nur Angst, seinen internationalen Ruf zu verlieren.

Zu dieser Zeit existierten in der UdSSR bereits zwölf Sonderkliniken für politische Fälle: Kasan, das erste derartige Hospital, war schon in den dreißiger Jahren entstanden. Sytschjowka bei Smolensk, ein Kranken-haus aus dem 18 Jahrhundert, wurde Ende der vierziger Jahre für psychiatrische Fälle eingerichtet. Die Arsenal-naja-Klinik in Leningrad bis zur Oktober-revolution ein Frauengefängnis, kam Anfang 1950 dazu.

KLINIKEN ÜBER KLINIKEN

Mehr als ein Jahrzehnt später billigte das Politbüro der KPdSU sechs weitere psychiatrische Sonderkliniken: 1965 das Krankenhaus in Tschernjachowsk (Inster-burg), früher ein deutsches Gefängnis, 1966 Minsk in Weiß-russland, 1968 Dnejpropetrowsk in der Ukraine, 1971 die Anstalt Orel, südwestlich von Moskau, 1972 Blagowjeschtschensk am Amurfluss sowie Orda in Kasachstan. Die neuesten Sonderkliniken sind 1973 und 1974 in Taschkent, Alma-Ata und Perm eingerichtet worden.

Obwohl er selbst den Ausbau der psychiatrischen Kliniken überwachte, behauptete Snjeschneskij un-geniert: "In den 50 Jahren meiner Tätigkeit im sowje-tischen Ge-sundheitswesen ist mir kein Fall be-kannt geworden, dass ein gesunder Mensch in einer psychiatrischen Anstalt interniert wurde." Und die KP-Chefs Chruschtschow und Breschnew behaupteten, politische Gefangene gebe es in der Sowjetunion nicht. Kein Mensch werde in der UdSSR wegen seiner Reli-gionszugehörigkeit , wegen seines Bekenntnisses zu der nationalen Zugehörigkeit oder wegen seiner politischen Einstellung verfolgt. Und immer wieder beteuerten sie, der KGB habe nichts mit der Medizin, nichts mit der Psychiatrie zu tun.

Die KP-Chefs wussten, dass sie logen. Ich kann es beweisen. Allein in der berüchtigten sogenannten vierten Abteilung des "Serbskij"-Instituts, also der Sektion für die "Politischen", gibt es mindestens drei Ärzte, die KGB-Verbindungen haben: Frau Dr. Margarita F. Taltse, die seit dem Tod von Professor Lunz die Abteilung vier leitet, ist seit 20 Jahren mit einem hohen KGB-Offizier verheiratet. Ihr Stellver-treter, Dr. Jakow I. Landau, ist fast so häufig in der Moskauer KGB-Zentrale am Dserschinskij-Platz, wo er ein eigenes Zimmer hat, wie im "Serkskij"-Institut. Oberarzt Genadij N. Miljochin, Sohn eines hoch-dekorierten KGB-Funktionärs, arbeitet auch für den Geheimdienst - derzeit als Generalmajor.

"ERFOLGSBILANZ"

Wer sich die "Erfolgsbilanz" der vierten Abteilung ansieht, die Bukowski, Pljuschtsch, Grigorenko, Fainberg und all die anderen in den Kliniken ohne Wiederkehr, auf die Friedhöfe des verlorenen Verstandes, geschickt hat, muss zugegeben: Die Ärzte haben für ihre Auftraggeber ganze Arbeit geleistet.




















Donnerstag, 30. März 1978

Sowjetunion: Wer verrückt ist, bestimmt die Partei - Teil (2)



















stern,
Hamburg
30. März 1978
aufgezeichnet von
Erich Follath und
Reimar Oltmanns

Dr. Jouri Novikov ist der erste führende Psychiater der Sowjetunion, dem die Flucht in den Westen gelang. Er was dabei, als seine Kollegen Bürgerrechtler in Irrenhäuser verbannten. Er erlebte jahrelang aus nächster Nähe, was im Auftrag der Partei und auf Befehl des Geheimdienstes KGB hinter den Mauern der berüchtigten Sonderkliniken geschieht.

Ich habe mich oft gefragt, wie meine Kollegen im "Serbskij"-Institut meine Flucht in den Westen erklären würden. Zunächst wird mein Verschwinden auf Unverständnis gestoßen sein - insbesondere bei den jüngeren Ärzten. Für sie war ich ein Karriere-Vorbild, eine Art Musterschüler des Institutsdirektors Morosow. Mit 27 Jahren kam ich als junger Assistenzarzt zum Serbskij-Institut, drei Jahre später promovierte ich zum Dr. med. Wenige Monate darauf stieg ich zum Oberarzt auf und leitete schon mit 32 Jahren eine der sechs Abteilungen dieser Klinik.

LINIENTREUER ARZT

Auch meine Abteilungsleiter-Kollegen, die fast alle zwanzig Jahre älter als ich waren, werden so schnell keine plausible Antwort auf meine Flucht gefunden haben. Für sie war ich immer - darin bestand kein Zweifel - ein linientreuer Arzt, der die sowjetische Variante der Psychiatrie überzeugend vertrat, der noch in seiner Freizeit marxistisch-leninistische Seminare an der Universität belegte, der als Geschäftsführer des sow-jetischen Allunionsverbandes für Psychiatrie und Neurologie eine wichtige Funktion hatte.

Mit allem hätten meine Kollegen wahrscheinlich gerechnet - Universitätslaufbahn, Übernahme einer eigenen Klinik, Versetzung ins Gesundheitsministerium - nur mit einem nicht: mit meiner Flucht.

Auf ihre Ratlosigkeit werden die "Serbskij"-Ärzte nur eine medizinische Antwort gefunden haben. Genauso schnell wie bei den politischen Dissidenten Wladimir Bukowski, Leonid Pljuschtsch und Piotr Grigorenko wären sie dabei, mit Geisteskrankheit zu bescheinigen. Könnten sie mich heute untersuchen, dann würde das Krankheitsbild des "Patienten" Dr. med. Jouri Novikov, so aussehen:

"KRANKHEITS-BILD" DES DR. MED. NOVIKOV

"Kann sich gut an Kindheitserlebnisse erinnern (exaktes Gedächtnis ist bei Schizophrenie besonders ausgeprägt). Nach Aussagen seiner Eltern ist er sehr begabt, hat aber extreme Kontaktschwächen gegenüber Gleichaltrigen ( autistische Tendenzen). Gute Schulleistungen, aber schwache Elternbindung und frühzeitige Selbstständigkeit (pseudonormale Pubertätskrise). Rasche Entwick-lung des Geschlechtstriebes (jugendliche Promiskuität).

"Exzellente Leistungen als Student und besonderes Interesse für weltfremde Bücher und Schriftsteller wie Ionesco, Beckett und Kafka (erste Symptome für Ver-änderung von Denkvorgängen).

WELTFREMDE BÜCHER

"Fängt an, selbst Theaterstücke zu schreiben. Ehe-schließung mit Ausländerin (DDR), besonderes Interesse für Psychiatrie, gleichzeitig Versuch, den Beruf zu wechseln. Dabei von Kommilitonen weitgehend isoliert (starke soziale Instabilität, Vertiefung der autistischen Tendenzen). Gegenüber Mitarbeitern des "Serbskij"-Instituts verschlossen. Nach Mitteilung des Staats-sicherheitsdienstes KGB mangelndes politisches Engage-ment (starker Negativismus gegenüber der Realität). Bewusste Karriere-Entwicklung, dabei aber auffallendes Desinteresse für pragmatische Seiten des Lebens. Lebt trotz hoher Einkünfte mit seiner zweiten Frau in einer Kommunal-wohnung und teilt sich mit zwölf Menschen ein Bad.

FLUCHT AUS DER REALITÄT

"Weitere Entwicklung: Setzt sich bei seiner ersten Auslandsreise im Juni 1977 von Helsinki in den Westen ab.

Psychischer Befund: Es besteht - gemäß der anam-nestischen Daten - ein pathologischer (psychotischer) Drang aus der Realität zu flüchten.

Diagnose: Pseudopsychopathische Schizophrenie. Wegen Überschätzung der eigenen Person, mangelnder Anpassungsfähigkeit an die Umwelt und sozialer Ge-fährlichkeit für Staat und Gesellschaft wird die Ein-weisung in die psychiatrische Sonderklinik Dnje-propetrowsk empfohlen.

Gezeichnet: Professor Dr. med. habil. Georgij Wassiljewitsch Morosow. Direktor des 'Serbskij'-Instituts, Mitglied der Akademie der Medizinischen Wissenschaften."

FOLGENSCHWERE SPRACHFLOSKELN

So und nicht anders würden mich meine ehemaligen Kollegen begutachten, und so würde mich mein früherer Chef, Professor Morosow, als Geisteskranken hinter den Anstaltsmauern verschwinden lassen - wenn sie mich heute in der Sowjetunion zu fassen kriegten. Ich weiß, wie man solche Gutachten formuliert. Ich habe sechs Jahre im "Serbskij"-Institut für Gerichtspsychiatrie in Moskau gearbeitet und mehr als 200 Diagnosen gestellt. Ich kenne die Sprachfloskeln auswendig. Mit der Begutachtung politischer Fälle hatte ich dagegen nie etwas zu tun. Lange wusste ich nicht einmal, dass es in dem Institut eine Abteilung 4 gibt, die nur dazu da ist, politisch Anders-denkende iim Auftrag des KGB als Irre abzustempeln.

MOSKAU - WELTOFFENE STADT

Als ich im Winter 1971 im "Serbskij"-Institut als Assistenzarzt anfing, war ich optimistisch: Meine niederdrückenden Erlebnisse als Praktikant n der verrotteten Krankenhaus-Baracke von Leningrad hatte ich überwunden, meinen gescheiterten Ausbruch in die DDR und meine erste Ehe hatte ich verdrängt. Moskau war eine Stadt, die mir weltoffen schien und die mich faszinierte. Hier glaubte ich, den Platz gefunden zu haben, wo ich meinen Doktor machen und mich auf eine Universitäts-laufbahn vorbereiten konnte - unbehelligt von Partei und Politik.

Meine zweite Frau Galina hatte ich es zu verdanken, dass ich in Moskau so schnell Fuß fasste, Wir hatten uns im Herbst 1970 bei Bekannten in Leningrad kennenge-lernt. Bereits Anfang 1971 heirateten wir und mieteten uns eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am Standrand von Moskau. Galina arbeitete als Französischlehrerin an einem Gymnasium. Auf einer Feier in Moskau lernten wir einen Oberarzt aus dem "Serbskij"-Institut kennen, der mich bei Professor Morosow empfahl.

Das "Serbskij"-Institut liegt on der Kropotkin-Gasse 23, einer schmalen Straße im Zentrum von Moskau. Der finstere Gebäudekomplex überragt die anderen Häuser des Viertels. Eine drei Meter hohe, graugelbe Mauer riegelt die Klinik hermetisch von der Außenwelt ab.

Es war ein nasskalter Januarmorgen, an dem ich zum ersten Mal die Kropotkin-Gasse entlangging. Einen Moment dachte ich, ich hätte mich verirrt. Auf einem Hof sah ich Kinder laut lachen und Fangen spielen. Unmittelbar neben dem "Serbskij"-Institut liegt eine internationale Schule, in der Töchter und Söhne von aus-
ländischen Diplomaten unterrichtet werden.

Und noch etwas fiel mir bei meinem ersten Gang durch die Kropotkin-Gasse auf. Zwei Limousinen mit ver-gitterten Fenstern, die wir im Volksmund schwarze Raben nennen. Autos mit KGB-Nummern. Das schwere massiv-eiserne Tor zum Hospital öffnete sich. Die Wagen passierten.

KLINIK - TRUTZBURG DES MITTELALTERS

"Serbskij" gleicht eher einer mittelalterlichen Trutzburg als einer Klinik. Das Gebäude steht, wie meine Kollegen mit später erzählten, auf dem Gelände, das im 16. Jahr-hundert Iwan dem Schrecklichen als Richtplatz diente. Hier ließ er seine Gegner reihenweise beseitigen.

Ein bewaffneter Feldwebel in Uniform des Innen-ministeriums - ich erinnere mich noch, dass er ein blaues Band an seiner Mütze hatte - fragte mich un-wirsch nach meinem Ausweis, und zu wem ich denn eigentlich wollte. Ich sagte, zu Professor Freierow. Weil ich noch keine Klinik-Karte hatte, musste mich der Professor pesönlich abholen. Wir gingen über einen kleinen Vorhof, ließen auf der linken Seite den Ver-waltungstrakt liegen und betraten dann das Hauptge-bäude, dessen Fenster mit Panzerglas geschützt sind. Auf den Fluren musste schon seit Wochen nicht mehr sauber gemacht worden sein. Spinnweben hingen in den Fensterkreuzen. In der Eingangshalle stand ein alter Nussbaumtisch, das Polster der Besuchersessel war zerschlissen.

"STALINS ERBEN"

Im Arbeitszimmer meines neuen Chefs sah es nicht viel besser aus als sonst in der Klinik. Sein Büro war über-raschend klein. Das mit beigem Kunstleder bezogene Sofa war abgewetzt, der Linoleumboden stumpf. An der schmutzig grauen Kalkwand hing ein Bild von Iwan P. Pawlow, dem Vater der russischen Physiologie. Rechts daneben stand im Bücherbord neben psychiatrischer Fachliteratur ein Band mit dem Titel "Stalins Erben". Der Wasserhahn über dem vergilbten Waschbecken tropfte.

Professor Oskar Jewgenijewitsch Freierow, Ab-teilungsleiter der 6. Klinischen Station, war ein grauhaariger Mittsechziger, der Ruhe und Besonnenheit ausstrahlte, "Wenn Sie Menschen helfen wollen, sind Sie hier richtig", sagte er. "Denn wir sind die einzigen, die psychisch Kranke von der Strafverfolgung befreien können." Später habe ich mich oft gefragt, ob das zynisch gemeint war.

KUR VON DER TRUNKSUCHT

Nur einmal sah ich Professor Freierow seine Ruhe verlieren: an einem Mittwoch im Juni 1973. Ich war gerade ins Institut gekommen und hatte meine Sachen in mein Fach gelegt. Da hörte ich Freierow im Neben-zimmer toben. Erregt stampfte er mit dem Fuß auf. Dann stand er plötzlich in der Tür und winkte mich zu sich herein. "Schauen Sie sich das an", schrie er mit hochrotem Kopf und zeigte auf ein tropfendes Rinnsal an der Decke.

"Schon wieder ein Wasserrohrbruch?" fragte ich.

EIN MINISTER - BRESCHNEWS SOHN

"Ach was! Das ist der Urin von dem Breschnew-Sohn! Seit 30 Jahren bin ich jetzt hier und habe noch nie eine eigene Toilette gehabt. Seit 30 Jahren lässt die Partei dieses Institut verkommen und gibt uns nicht einmal das Geld für die nötigsten sanitären Anlagen. Und für so einen dahergelaufenen Alkoholiker wird plötzlich eine Privatstation eingerichtet."

Zwei Tage hatte es nur gedauert, bis eine Baubrigade aus dem Bibliotheksraum im dritten Stock ein komfortables Krankenzimmer hergerichtet hatte mit Bad und Einbauschränken und mit einer Toilette, die von Anfang an defekt war. Die Bücher wurden in den Keller geschafft. die Bibliothekarin bekam Urlaub, und die Doktoranden sollten zu Hause arbeiten. Und das alles für den 40jährigen späteren Vize-Außenhandels-Minister Jurij Breschnew. Der Sohn des allmächtigen KP-Chefs Leonid Breschnjew (1906-1982) )musste sich in der Abgeschiedenheit des "Serbskij"-Instituts einer dreiwöchigen Kur unterziehen. Durch seine Trunksucht hatte er sogar schon im Ausland Aufsehen erregt.

ÄRZTE-STAB FÜR SOHNEMANN

Ein ganzer Stab von Ärzten stand ständig zur Ver-fügung, drei Krankenschwestern betreuten ihn rund um die Uhr. Sie hatten alle strikte Anweisung, den Namen ihres prominenten Patienten geheim zu halten und ihn vor den Blicken des Personals abzuschirmen. Für einen Moment beobachtete ich ihn einmal auf dem Hof und dachte: Das kann doch wohl nicht sein - jetzt ist es schon so weit, dass wir den Genossen Generalsekretär be-handeln müssen. Sohn Jurij sieht seinem Vater verblüffend ähnlich.

Die Sonderaktion für Breschnew junior war aber auch die einzige bauliche Er-neuerung, die während meiner sechs Jahre im "Serbskij"-Institut vorgenommen wurde. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen Verhält-nissen wir arbeiten mussten. Ich teilte mir mit zehn Kollegen ein etwas vierzig Quadratmeter großes Zimmer, in dem wir nicht nur unsere Schreibarbeiten erledigen, sondern auch unsere Patienten zu unter-suchen hatten. Sekretärinnen hatten wir keine, die Berichte schrieben wir selber. In einem Klassenzimmer hätte es nicht disziplinierter zugehen können, und wie in einem Klassenzimmer verhielten wir uns immer, wenn der Professor den Raum betrat, standen wir auf. Und wenn einer von uns morgens später kam als zehn Uhr wurde sein Name auf einer Liste notiert, die der Professor bei der Institutsversammlung vor allen Kollegen verlas.

In dieser räumlichen Enge war eine gründliche Unter-suchung so gut wie unmöglich. Wie sollte auch ein vernünftiges Gespräch zustande kommen, wenn zehn Psychiater mit zehn Kranken so dich zusammenhocken? Oft kam ich deshalb morgens schon ein oder zwei Stunden früher, um mich in Ruhe mit besonders komplizierten Patienten unterhalten zu können. Tagsüber stellte ich manchmal meine Fragen an die Patienten auf dem schmalen Flur, wohin ich mir aus dem Arbeitszimmer einen Schemel mitnahm. Der einzige freie Fleck auf dem Gang war keine zwei Meter von der Toilette entfernt. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Jeder, der mussten, griff sich eine "Prawda" vom Zeitungsstapel neben der Toilettentür: denn Papier ist knapp und teuer in der Sowjetunion.

PAMIR-ZEIT

In der Nachmittagsstunde zwischen drei und vier Uhr wurden wir eingenebelt. Denn war "Pamir-Zeit", für viele der Höhepunkt des Tages. Der Dunst der billigsten russischen Zigarettenmarken zog über den Gang. Ich habe es nie verstanden, warum die Kranken am Tag nur eine Stunde und dann ausgerechnet nur vor dem Klo rauchen durften.

Die meisten meiner Patienten waren Diebe oder kleine Gauner, aber auch Schwerverbrecher und Mörder waren dabei: Ihr abnormes Verhalten bei der Tat oder während des Prozesses hatte Richter, Staatsanwälte oder Verteidiger aufmerksam gemacht. Sie schalteten unser Institut, die höchste psychiatrische Instanz in der UdSSR, ein und wollten ein Gutachten. Rechtliche Grundlage ihres Vorgehens ist das Strafgesetz der Russischen Föderativen SSR. Im Artikel 11 heißt es: "Eine Person soll sich nicht mehr für ihre Straftat verantworten müssen, wenn sie eine sozial gefährliche Handlung im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit begangen hat."

Allein die Beurteilung des "Serbskij"-Instituts ent-scheidet darüber, ob der Straftäter als "Schuld-fähiger" im Arbeitslager landet oder ob er als Geisteskranker für "schuld-unfähig" erklärt wird. Die "Serbskij"-Psychiater haben zwei Möglichkeiten, wenn sie sich für schuldunfähig entscheiden: Sie können ihre Patienten entweder in ein "einfaches" psychiatrisches Hospital oder in eine Sonderklinik einwiesen. Wer nach ärztlicher Meinung absolut unheilbar ist - und dazu gehören oft auch die "für die Gesellschaft besonders gefährlichen Regimekritiker" -, wandert auf unbestimmte Zeit in eine der zwölf Sonderkliniken. Bewaffnete Wachen, meterhohe Mauern schirmen diese Sonderkliniken von der Außenwelt ab.

SCHWARZ-WEISS-RASTER

Das Dilemma: Unsere Gesetze kennen nur ein Schwarz-Weiß-Raster. Die Psychiater können nicht auf "ver-minderte Schuldfähigkeit" plädieren, wie das ihre Kollegen im Westen tun. Mir ist klar, dass die Grenzen zwischen Geisteskrankheit und voller Zurechnungs-fähigkeit fließend sind.

Nach maximal 35 Tagen muss ein Gutachten fertig sein. Ausnahmen behält sich die sowjetische Bürokratie vor. Die 35 Tage können auf Antrag der Ärzte vom Innen-ministerium - und damit vom KGB - beliebig verlängert werden.

NUR EIN BRUCHTEIL DER PARTEI-WILLKÜR

Kaum in einem anderen Land klaffen, meiner Meinung Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit so weit auseinander wie in der UdSSR. - Strafgesetzbuch-Paragrafen, die dem Land nach außen hin den Anschein von Rechtsstaatlichkeit geben, werden Tag für Tag von Staatsorganen gebrochen. Die über prominente Dissidenten erstellten Gutachten, die im Westen veröffentlicht worden sind, bilden nur einen Bruchteil der Partei-Willkür. Es sind gerade die Alltagsfälle, an denen sich die Abhängigkeit der Psychiater von der Staatsmacht zeigen: Mediziner als Erfüllungsgehilfen der Politik.

Das Schicksal des 20jährigen Igor Bokow ist mir sehr nahegegangen. Der Zimmer-mannsgehilfe hatte den Sohn des Parteisekretärs in der ukrainischen Hauptstadt Kiew erstochen. Es war eine Eifersuchtstat. Der Sohn des Parteisekretärs hatte Bukow sein Mädchen ausgespannt.

LATENTE SCHIZOPHRENIE

Bei der ersten Gerichtsverhandlung redete Bokow so zusammenhanglos daher, dass sein Verteidiger ein psychiatrisches Gutachten anforderte. Verblüffend schnell kamen die lokalen Psychiater zu der Diagnose: kerngesund und schuldfähig. Der Fall landete auf meinem Schreibtisch, weil dem Verteidiger die Exploration meiner Kollegen in Kiew zu oberflächlich erschien. Er forderte ein Zweitgutachten vom "Serbskij"-Institut an.

Wir untersuchten Igor Bokow in Moskau gründlich. Kein Zweifel: Bokow litt unter einer latenten Schizophrenie. Es war geradezu ein klassischer Fall für Schuldunfähig-keit. Wir hatten unsere Gutachten schon getippt, als uns Instituts-Chef Professor Morosow in sein Zimmer bestellte und eine erneute Untersuchung des Patienten anordnete. Wir waren ziemlich überrascht, denn für uns alle war die Diagnose klar.

Als ich einen Tag später im Moskauer Gesundheits-ministerium etwas zu erledigen hatte, wurden mir die Zusammenhänge durch einen Zufall klar. Auf dem Schreib-tisch der Referentin für Psychiatrie, Frau Dr. Zoja Serebrejakowa, sah ich einen Brief vom Vater des Ermordeten liegen. Der Parteisekretär aus Kiew protestierte in diesem Schreiben schärfstens dagegen, dass der Täter ohne Strafe davonkommen sollte. Bokow sei nie und nimmer ein Geisteskranker. Einen Durchschlag seines Briefes hatte er auch an das Zentralkomitee der KPdSU geschickt. Dessen ungeachtet kamen meine Kollegen aus einer anderen "Serbskij"-Ab-teilung, die von der Intervention nichts wussten, zum selben Ergebnis wie wir.

KEINE CHANCE AUF NORMALES LEBEN

Drei Monate später rief mich ein Kiewer Richter an, der über den Fall entscheiden sollte. Wir kannten uns von früher. Er schilderte mir seine verzwickte Lage: "Was soll ich nur machen, die Partei setzt mich unter Druck, den Jungen ins Arbeitslager zu schicken, und Ihre Gutachten stehen dagegen. Am besten Sie kommen noch einmal hierher und untersuchen den Täter im Beisein des Gerichts."

SONDERKLINIKEN SCHLIMMER ALS ARBEITSLAGER

Mir blieb nichts anderes übrig, ich fuhr nach Kiew und plädierte für die Einweisung in eine normale psychia-rische Klinik. Das Urteil war fatal. Der Richter versuchte es allen recht zu machen - den Medizinern und dem Parteisekretär, der Rache suchte. Er schickte Bokow in eine Sonderklinik. Diese Sonderkliniken sind schlimmer als Arbeitslager. Den Insassen wird medizinisch nicht mehr geholfen, sie werden nur noch mit Beruhigungs-mitteln betäubt. Im Gegensatz zum Arbeitslager ist die Internierung in der Sonderklinik oft unbefristet: die Patienten haben kaum eine Chance, ins normales Leben zurückzukehren.

IM EILVERFAHREN DURCHGEPAUKT

Es kam selten vor, dass sich "Serbskij"-Psychiater den "Empfehlungen" der Partei-Oberen widersetzten. Das Schicksal des Patienten entschied sich jeweils zwischen 10 und 15 Uhr. Dann tagte die große Kommission, die aus dem vortragenden Oberarzt, dem leitenden Professor und den Kollegen der Abteilungen bestand. Einvernehm-lichkeit war das Gebot der Stunde. Im Eilverfahren wurden die Fälle durch-gepaukt, manchmal in ein paar Minuten.

Als Professor Freierow einmal bei einer meiner Diag-nosen völlig anderer Meinung war als ich, ließ er den Patienten in den Sitzungsraum holen: "Guten Tag, wie geht es Ihnen heute?" Und: "Welchen Tag haben wir eigentlich?" Zwei absolut belanglose Fragen, die der Patient völlig korrekt beantwortete. Ich fragte mich, welchen Auf-schluss dieses kurzes Fragespiel über den geistigen Zustand dieses Kranken geben sollte. Doch Freierow belehrte mich: "Wenn Sie dreißig Jahre hier wären, würden Sie auch begreifen, dass dieser Mann unheilbar paranoid ist. Aber bitte, wenn Sie anderer Ansicht sind, brauchen Sie das Gutachten ja nicht zu unterschreiben!"

KEINE UNTERSCHRIFT UNTER "GUTACHTEN"

Das tat ich auch nicht. Denn für mich litt der Kranke nur unter vorübergehenden psychotischen Zuständen. An meiner Stelle unterschrieb ein Kollege, der gar nichts mit dem Fall zu tun hatte: Abweichende Meinungen zu einem Gutachten sind in der Sowjetunion witzlos. Professor Danill R. Lunz, Leiter der vierten Abteilung des "Serbskij"-Instituts, hatte für solche Fälle den Spruch parat: "Wenn ich sage, jemand ist schizophren, dann ist er es - oder wollen Sie meine Berufserfahrung anzweifeln?"

Eine Wochen später kam der Kollege, der für mich das strittige Gutachten unter-schrieben hatte, kleinlaut zu mir. Er sollte als Gutachter vor Gericht erscheinen und seine "Diagnose" den Richtern erläutern. Dabei wusste er noch nicht einmal den Namen des Patienten. Verleger bat er mich um die Akten.

OHNE SELBSTZENSUR NUR NACHTEILE

Ein zweites Mal wagte ich es nicht, die Unterschrift zu verweigern. Ob das Gutachten stimmte oder nicht, das war für mich nicht mehr ausschlaggebend. Die Nachteile, die sich aus abweichenden Meinungen ergaben, waren viel gravierender: Freierow, der schließlich mein Doktorvater war, ließ mich wochenlang links liegen. Ich kam mit meiner Arbeit nicht voran, und meine Kollegen begannen ungeniert, an meiner Qualifikation als Arzt zu zweifeln. Kein junger Kollege, der etwas werden will, kann sich in diesem System der Selbstzensur entziehen.

AUF ETAGEN EIN FELDWEBEL

Aber auch die Professoren hatten in der Klinik nur eine begrenzte Macht. Die wahren Herren des "Serbskij" sind die Offiziere aus dem Innenministerium. Bewaffnete Soldaten kontrollieren das Institut.

Auf jedem Stockwerk sitzt ein Feldwebel, dessen Dienst-zimmer größer und kom-fortabler ist als die Professoren-räume. Die unteren Dienstgrade bewachen Tag und Nacht die Zellen der Patienten.

SCHLÄGEREIEN

Und wie sie die Insassen bewachen! Oft kommt es zu Schlägereien. Als ein Kranker einmal nachts trotz der starken Beruhigungsmittel laut vor sich hinsang, knöpfte sich ein Wärter das hilflose Opfer vor und drosch auf den Patienten ein. Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass zwei Rippen gebrochen waren. Ich meldete diesen Fall der Instituts-Leitung. Nichts geschah. Dann sprach ich Professor Feierow noch einmal auf den brutalen Übergriff des Wachmanns an. "Ich weiß von diesem Fall", sagte er. "Und ich finde das genauso verheerend wie Sie. Aber ändern können wir nichts. Den Wärtern ist alles erlaubt. Hauptsache es herrschen im Institut Ruhe und Ordnung."

Spätestens seit diesem Vorfall gab es für mich keinen Zweifel mehr, dass das "Serbskij"-Institut vom Pförtner bis zum Professor, von der Putzfrau bis zum Personal-chef vom Innenministerium kontrolliert wird - und damit auch vom KGB. Es ist schon grotesk: Das Hospital untersteht ausgerechnet den Leuten, deren Hauptaufgabe es ist, für die "innere Sicherheit" der Sowjetunion zu sorgen. Das Gesundheitsministerium, offiziell für "Serbskij" zuständig, hat in Wirklichkeit nichts zu sagen, es darf lediglich die Arbeitsverträge aushändigen.

JEDER KÖNNTE EIN KGB-SPITZEL SEIN

Weil jeder Kollege befürchtet, der andere könnte ein KGB-Spitzel sein, gehen sich die Ärzte aus dem Weg, wo sie nur können. Besonders schlimm war es mit den Kollegen der Abteilung vier. Sie verhielten sich genauso unnahbar wie das Wachpersonal. Mittags in der Kantine traten sie als geschlossene Gruppe zum Essen an, ließen nie einen von uns an ihren Tisch und marschierten nach dem Kaffee gemeinsam wieder auf ihr Stockwerk. Es war unmöglich, mit ihnen ein paar harmlose Worte zu wechseln, ganz zu schweigen von einem Gespräch von Arzt zu Arzt.

Ich merkte bald: Es gab ein Geheimnis um die vierte Abteilung. Und naiv, wie ich in meiner Anfangszeit 1971 im Institut war, fragte ich eines Tages Professor Freierow geradeheraus: "Was machen die eigentlich in der Vierten? Man sieht sie kaum, keiner redet mit ihnen und nie wird dort einer eingeliefert ..."

Freierow unterbrach mich, fasste mich an die Schulter und sagte: "Die vierte Abteilung ist kein Thema für uns." Dann schaute er sich um, ob auch die Tür zu ist und fügte etwas leiser hinzu: "Da sitzen unheilbar Kranke. Leute, die unsere Gesellschaft reformieren wollen."