Donnerstag, 14. April 1977

In Memoriam: Befreiungskampf - Folter - KZ: Der Lebensweg der Ana Ines Quadros zu Montevideo vor vielen, vielen Jahren


















Eines von vielen Schicksalen - vergilbt, verdrängt, unkenntlich zu den Akten gelegt. Ana Ines Quadros Herrera (Foto 1977 und 2010) war eine von 7000 Frauen, die im südamerikanischen Gefangenenlager Punta Rieles eingekerkert, geschunden, gefoltert - zerbrochen wurden. Denunziert vom Ehemann im Streit um das Sorgerecht ihrer Kinder. Ana Ines kämpfte gegen die Militärdiktatur, wurde Mitglied der revolutionären, marxistischen Partido por la Victoria del Pueblo - eine Tragödie.


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stern, Hamburg
14. April 1977 / 04. September 2010
von Bericht von
Peter Koch, Reimar Oltmanns
und Perry Kretz
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Der Blick vom Balkon des Penthouse hat Postkartenqualität. Im sanften Bogen das weiße Sandufer der Playa Ramirez, mit langen Wellen dünt der Rio de la Plata den Strand hinauf. Teure Apartmenthäuser bilden den Hintergrund der Kulisse und schirmen sie gegen die schmuddelige City von Montevideo ab.

Die Traumwelt setzt sich im Inneren der Wohnung fort. Auf dem Parkett üppig verlegte Kashan- und Nain-Teppiche, ihr verhaltenes Leuchten weist auf antike Kostbarkeit. Italienische Meister aus dem 16. Jahrhundert geben dem Raum feierliche Strenge, die durch eine Kollektion verspielter Porzellanfiguren - Meißen, Sèvres, Wedgwood, Royal Kopenhagen - aufgelockert wird. Die aufgestellten Fotos im Silberahmen zeigen den Hausherrn mit Queen Elizabeth, Frankreich einstigem Präsidenten Georges Pompidou, mit Gustav Heinemann und Willy Brandt.

DIPLOMATEN-LEBEN

José Antonio Quadros (*1915+2004)hat ein langes Diplomatenleben hinter sich. Er hat sein Land Uruguay in den großen Zentren London und Paris und schließlich in Bonn vertreten. Die Familie der Quadros' gehört zum politischen Adel Südamerikas, einer der Vorfahren war Staatspräsident. Ehefrau Esther, eine geborene Herrera, kommt ebenfalls aus einer der ersten Familien: Ihren Namen trugen in Uruguay ein Präsident, ein berühmter Maler, ein Dichter. Nun haben die beiden sich für ihren Ruhestand im schönsten Stadtteil ihrer Heimatstadt Montevideo eingerichtet. Oft kommt ihre Tochter Mercedes zu Besuch, zartgliedrig, das ebenmäßige schöne Gesicht von langen schwarzen Haaren gerahmt. Mercedes hat noch eine Schwester, Ana Ines, ihr Foto steht auf dem Sofatischchen, lebhafte große Augen beherrschen das Porträt. Es ist ein Erinnerungsfoto, denn Ana Ines kann auf lange Jahre nicht in die Wohnung ihrer Eltern kommen. Sie sitzt. Sie ist im Konzentrationslager. Ihr Verbrechen war, dass sie eine eigene Meinung hatte; ihr Verhängnis war, dass sie einen Mann geheiratet hatte, der sie bei den Militärbehörden denunzierte, als die Ehe zu Bruch ging und es Streit um die Kinder gab.

AUS DEM BLDERBUCH

Als sie heiratete, war Ana Ines 18 Jahre alt. Ihr Mann war nur drei Jahre älter, verwöhnter Sohn der reichsten Industriellenfamilie in Uruguay mit riesigen Ländereien, Fabriken für Zellulose, Lebensmittel, Exportfirmen. Die junge Frau hieß nun Ana Ines Quadros de Strauch. Wenn sie ihre Eltern in Deutschland besuchte - der Vater war im Oktober 1972 als Botschafter nach Bonn versetzt worden - ging sie mit Schwester Mercedes zum Tennisspielen in den Amerikanischen Club in Bad Godesberg. Den Teams auf den anderen Plätzen fiel es dann schwer, sich aufs Spiel zu konzentrieren. - Das ist lange her.

NACH URUGUAY VERSCHLEPPT

Als Ana Ines 1976 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires gekidnappt, gefoltert, nach Uruguay verschleppt, wieder gefoltert und schließlich ins Frauen-Konzentrationslager Punta Rieles gesteckt wurde, war sie gerade 31 Jahre alt geworden. Sie war inzwischen Mutter von einem Mädchen und zwei Jungen: Anes, 12. José Miel 10, und Martin,7.

Nach der Geburt ihres letzten Sohnes war die Ehe in eine Krise geraten. Es gab mehrere Gründe. Ana Ines suchte eine eigene Aufgabe, sie wollte sich nicht damit abfinden, als Ehefrau und Mutter in einem Luxushaus in den Tag hinein zu leben; im Wohlstand eingesperrt. Zwischen ihr und ihrem Mann kam es auch zu politischen Differenzen. In Uruguay gärte es, der Mann hatte kein Verständnis für ihren Ruf nach einer gerechteren Sozialordnung, Aus seiner Sicht der Dinge gehörte jeder hinter Schloss und Riegel, wer sich gegen die herrschenden Zustände aufbäumte.

Ana Ines begann Anfang der siebziger Jahre ein Jura-Studium an der Universität von Montevideo. Sie fand gleichsinnte Freunde unter den Studenten. Sie machte mit, als die jungen Leute in Flugblättern und Versammlungen gegen das immer unduldsamer werdende Regime, gegen die immer stärkere Vorherrschaft der Generäle agitierten. Ana Ines hatte sich dem radikal marxistischen Parteikader de la Victoria del Pueblo im Jahre 1973 angeschlossen, einer Organisation, die die Militärdiktatur zu Montevideo bekämpfte. Ana und Genossen sahen im bolivanischen Revolutionär Ernesto Che Guevara (*1928+1967 ) eines ihrer Vorbilder. Ihr Markenzeichen war antikapitalistisch, anti-autoritär. Sie träumte von Fabrikbesetzungen - hoffte auf einen "langen Marsch des Volkes". Ihr Trugschluss: Sie glaubte, die soziale Revolution stünde in Lateinamerika auf der Tagesordnung - mitnichten.

MILITÄRPUTSCH

Anfang 1974 kamen die Eltern von Ana Ines nach Uruguay zurück. Der Vater hatte in Bonn unter Protest sein Amt aufgegeben. Nach dem Militärputsch und der zwangsweisen Auflösung des Parlaments im Juni 1973 hatte José Antonio Quadros dem Marionetten-Präsidenten Juan Marie Bordaberry (1972-1976) geschrieben, er wolle angesichts der undemokratischen Verhältnisse in Montevideo nicht länger sein Land im Ausland vertreten. Der Brief indessen blieb ohne Antwort. Auch sein zweites Schreiben. Daraufhin hatte José Antonio Quadros die Koffer gepackt und war mit seiner Frau einfach nach Hause geflogen. Er konnte es sich leisten, den Diplomatenjob wegzuwerfen. Ihm gehört eine große Hazienda in Uruguay.

Als die Eltern in Montevideo waren, trennte sich Ana Ines endgültig von ihrem Mann, Die Kinder nahm sie mit und gab sie ihren Eltern in Obhut.


EHEMANN GING ZUR POLIZEI

Ihr Ehemann ging zur Polizei. Dort gab er wider besseres Wissen zu Protokoll: Ana Ines habe Verbindungen zu Terroristen, sie sei eine Staatsfeindin. Mit seinen Denunziationen wollte er das alleinige Sorgerecht für die Kinder bekommen. Ana Ines musste fliehen. Sie ging nach Argentinien. Mit ihr flohen viele der Studenten, die nach dem Staatsstreich der Militärs fürchten mussten, für ein paar Flugzettel oder spontane Reden eingesperrt zu werden. Das was im Dezember 1973.

JAGD AUF STAATSFEINDE

Schwester Mercedes und die Eltern besuchten Ana Ines öfters, von Montevideo nach Buenos Aires ist es eine knappe halbe Stunde im Linien-Jet. Sie erzählten von den Kindern , die jetzt beim Vater waren und nur manchmal zu Besuch kamen. Ana Ines wollte zurück. Sie hatte zuletzt auch in Buenos Aires Angst. Seit dem 24. März 1976 war in Argentinien ebenfalls ein Offizier an der Macht, General Jorge Rafael Videla (1976-1981). Die Geheimdienste aus Uruguay und Argentinien arbeiteten jetzt eng zusammen bei der Jagd auf "Staatsfeinde". Täglich "verschwanden" Menschen spurlos, niemand wusste, was mit ihnen geschehen war. Über 30.000 Oppositionelle sollen erschossen, zu Tode gefoltert worden sein. Es waren nicht nur Argentinier, sondern in ständig steigender Zahl auch im Exil lebende Uruguayer.

UNO-Offizielle schätzen heute die Gesamtzahl der in Argentinien gekidnappten Uruguayer auf 800 Personen. In jener Zeit wurden auch zwei in Argentinien lebende uruguayische Politiker, der Ex-Senator Zelmar Michelini (*1924+1976) und Ex-Parlamentspräsident Héctor Gutiérrez Ruiz (*1934+1976) ermordet, weil sie Dokumentationen über die Verletzung der Menschenrechte in Uruguay nach USA und England geschickt hatten.

LETZES LEBENS-ZEICHEN

Mercedes Quadros besuche ihre Schwester Ana Ines noch einmal im Mai 1976. Sie riet ab, nach Montevideo zurückzukommen. Da sei die Gefahr für sie noch größer. In der Nacht zum 13. Juli 1976 war Ana Ines dran. Sie wurde auf der Straße gegriffen. Ehe ihre Häscher sie in ein Auto zerren konnten, schrie sie ein paar Passanten ihren Namen zu. Das war das letzte, was von ihr gehört wurde.

Die Zeitung Buenos Aires Herald berichtete über den Vorfall. Im Vergleich zu Uruguay ist in Argentinien die Presse noch relativ frei. Daraufhin flog der Vater von Ana Ines sofort in die argentinische Hauptstadt. Er fragte das Rote Kreuz, den uruguayischen Botschaftrer, alarmierte das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für das Flüchtlingswesen, das in Buenos Aires in der Sùipacha 280, mitten im Einkaufsviertel, untergebracht ist. - Niemand konnte ihm sagen, was mit seiner Tochter geschehen war.

VERSTÜMMELTE MENSCHEN

Wochen vergingen mit hoffnungslosen Suchaktionen und langem Warten. Es war die Zeit, in der fast täglich aus dem Grenzfluss Rio de la Plata Leichen gefischt wurden, verstümmelte Menschen mit entstellten Gesichtern und abgehackten Händen, um eine Identifizierung unmöglich zu machen.

Was Ana Ines Quadros nach ihrer Festnahme durchmachen musste, geht aus dem Bericht eines Augenzeugen hervor. Enrique Rodriguez Larreta (*1921+1977), Enkel des Gründers der Blancos-Partei, einer der traditionellen politischen Gruppierungen im einst demokratischen Uruguay, hat diesen Report Anfang 1977 verfasst. Und das kam so:

AUF DER SUCHE NACH KINDERN

Auch Laretta suchte im Juli 1976 in Buenos Aires sein Kind, seinen 26 Jahre alten Sohn Enrique Rodriguez Larreta Martinez. Der Junge war bis 1972 in Uruguay Studentenführer gewesen. Dann hatte ihn die Armee gegriffen und hinter Gittern gesetzt. Doch damals funktionierte in Uruguay noch halbwegs der Rechtsstaat. Der Prozess gegen den Jungen musste aus Mangel an Beweisen eingestellt werden. Dennoch wollte der Ex-Studentenführer nun nicht mehr länger in Uruguay bleiben. Er siedelte mit seiner Frau Raquel Nogueira Paullier nach Argentinien über, nahm einen Job bei der Zeitung El Cronista Comercial an und lebte legal angemeldet in der Straße Victor Martinez 1488 in Buenos Aires. Am 1. Juli 1976 plötzlich wurde der Vater, der in Montevideo geblieben war, von seiner Schwiegertochter angerufen. Sie sagte ihm , dass sein Sohn spurlos verschwunden sei.

Vater Larreta flog nach Buenos Aires, machte sich auf die Suche. Er sprach mit Dr. Mones Ruiz vom Hohen Kommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Naionen und dem Militärvikar, hatte Termine beim Subsekretariat der Episkopalen Konferenz und bei der Justizkammer. Doch keiner konnte ihm einen Hinwies auf den Verbleib seines Sohnes geben.

Schon fast zwei Wochen dauerte die Suche. Während dieser Zeit lebte der Vater im Haus seines Sohnes und seiner Schwiegertochter in der Victor Martinez 1488. In der Nacht vom 12. zum 13. Juli 1976 wurde plötzlich die Eingangstür des Hauses aufgebrochen, ein Dutzend bewaffneter Männer stürmten in das Gebäude, fesselte Schwiegertochter und den Vater Laretta und verschleppten beide.

GARAGE IN BUENOS AIRES

Die zwei waren Opfer eines Großeinsatzes argentinischer und uruguayischer Geheimpolizei gegen in Buenos Aires lebende Uruguayer geworden, die mit Zeitungsartikeln, Broschüren und Reden die Unterdrückung in ihrem Heimatland angeprangert hatten. In derselben Nacht wurde Ana Ines Quadros gekidnappt. Alle Gefangenen wurden in dasselbe Verlies gebracht, eine kleine Garage in der Straße Venacio Flores in Buenos Aires. Ein paar Gefangene aus früheren Einsätzen waren schon hier. Allen waren die Augen verbunden, die Hände auf den Rücken gefesselt. Das sollte so bleiben, für Tage, für Wochen.

In den nächsten Stunden lernte der alte Larreta seine Leidensgefährtin kennen. Er sprach mit Ana Ines. Eine junge Mutter, Sara Rita Mendez, schilderte ihm ihr Schicksal. Bei der Festnahme hatte man der Frau ihr Baby weggenommen, der kleine Simon Lompodio Riquelme war gerade 2o Tage alt gewesen. Und in dieser Garage fand Larreta auch seinen Sohn wieder. Er erkannte ihn an seiner Stimme.

ÖL, DRECK, SÄGESPÄHNE

Insgesamt waren an die dreißig Gefangene in diesem Loch, Männer und Frauen. Es gab nur ein einziges Klo gleich rechts neben dem Eingang. Geschlafen wurde auf dem Fussboden, er war voll Öl, Dreck und Sägespänen. Es gab, besonders in den ersten Wochen, wenig zu trinken, fast nichts zu essen. Manchmal stellten die Soldaten einen Eimer mit Wasser in den Raum und eine Schüssel mit Kartoffeln. Nur dann wurden den Gefangenen für kurze Zeit die Fesseln abgenommen. Was in der Garage an Schrecklichem geschah, hat Larreta in seinem Bericht festgehalten. Es heißt daran wörtlich:

BARBARISCH GEFOLTERT ... ...

"Mehrere der Anwesenden brachte man gleich nach meiner Ankunft zum ersten Stock, wo sie vernommen werden sollten. Fürchterliche Schreie hallten kurz darauf durch das Haus, offensichtlich wurden sie barbarisch gefoltert. Dies bestätigte sich, als sie wieder runtergebracht wurden. Die Wächter schleppten sie rein. Man hörte Klagen und Stöhnen. Sie wurden auf den Zementfussboden geworfen, es wurde uns verboten, ihnen Wasser zu geben, weil sie in der 'Maschine' waren, wie die Wächter sagten."

AN HANDGELENKEN AUFGEHÄNGT

"Am darauffolgenden Abend brachte man mich in die oberen Stockwerke, wo ich unter Folter verhört wurde. Ich musste mich ganz ausziehen, und ich an den Handgelenken aufgehängt, zirka 20 bis 30 cm über dem Boden. Gleichzeitig bekam ich eine Art Lendenschurz mit mehreren elektrischen Anschlüssen. Wenn er angeschlossen wird, bekommt man Stromstöße an mehreren Teilen des Körpers gleichzeitig, besonders an den sensibelsten Zonen. Diesen Apparat nannten sie 'Maschine'. Der Fussboden , über dem die Gefangenen aufgehängt werden, ist sehr nass und mit groben Salzkristallen bestreut. Dies soll den Zweck erfüllen, die Folterungen fortzusetzen, falls der Gefangene es schafft, die Füsse auf den Boden zu stellen. Die Stromschläge sind dann noch heftiger, und die groben Salzkristalle schneiden die Haut auf. Manche meiner Mitgefangenen rutschten aus der Fesselung und fielen zu Boden, wobei starke Verletzungen eintraten. Ich erinnere mich besondes an den Fall einer Frau, die, wie ich später erfuhr, Edelweiß Zahn des Andrés hieß. Sie hatte Schnittwunden an der Schläfe und an den Knöcheln, die sich später entzündeten."

PORTRÄT VON ADOLF HITLER

"Während ich gefoltert wurde, fragten sie mich über die politischen Aktivitäten meines Sohnes aus und über eine 'Partei für den Sieg des Volkes', in der mein Sohn angeblich Mitglied war. Wegen des starken Schweißausbruchs löste sich meine Augenbinde etwas, und an einer Wand konnte ich ein Porträt von Adolf Hitler erkennen."

"Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich gefoltert wurde. Ich glaube, es war ungefähr eine halbe Stunde. Andere aber wurden nach meiner Einschätzung zwei bis drei Stunden gefoltert."

VERHÖRE DES CID-GEHEIMDIENSTES

Geleitet wurden die Folter und Verhöre von Offizieren des CID, des uruguayischen Geheimdienstes. An ihrer Spitze stand ein Major Gavazzo, vermutlich der Verantwortliche des ganzen Kidnapping-Unternehmens. Tatsächlich war Major José Nino Gavazzo Chief Operating Officer der Information Service Defensa de Uruguay. Als solcher war er direkt verantwortlich für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit; 140 Uruguayer blieben unauffindbar. Beteiligt waren außerdem auch Offiziere der uruguayischen Armee. Sie redeten sich vor den Gefangenen mit Oscar an und setzen dahinter eine Nummer, die wohl dem Rang entsprach. Oscar I jedenfalls ein Mann von untersetzter Statur und weißem Haar, etwa 45 Jahre alt, war offensichtlich der Ranghöchste. Er gab die Kommandos.

Als Ana Ines zum erstenmal an der Reihe war, wurde sie nach einer Stunde ohnmächtig auf den Garagenboden geworfen. Sie kam in den folgenden Tagen noch öfters dran. Die Eingekerkerten dämmerten in der Garage dahin. Wann es Tag war, konnten sie an den Geräuschen von draußen erkennen. Sie hörten den Lärm spielender Kinder auf einem nahegelegenen Schulhof. Das Rattern der Züge zeigte an, dass dicht am Folterhaus eine Bahnlinie vorüberführte.

"KOPF SAUBERMACHEN"

Am 19. Juli 1976, gegen Abend, schleppten die Soldaten einen großen Tank in die Garage. Den Entführten wurden die Binden abgenommen. Die Soldaten sagten, man werde ihnen in dem Tank "den Kopf saubermachen". Dann stürzten sie sich auf einen der Gefangenen, Carlos Santucho. Er war ein junger Argentinier, etwa 20 Jahre alt. Sein Verbrechen bestand daran, dass er der Bruder des Guerillakämpfers Mario Roberto Santucho (*1936+1976) war. Carlos selbst war nie politisch aktiv gewesen.

IN TANKS VERSENKEN

An diesem 19. Juli 1976 war sein Bruder Mario Roberto bei einem Feuergefecht ums Leben gekommen. Ein Hauptmann der argentinischen Armee war ebenfalls getötet worden. Carlos Santucho wurde mit Ketten an Händen und Füssen gefesselt, dann über ein Laufrad, das an der Garagendecke befestigt war, hochgehievt und in den Tank versenkt. Ein paarmal wurde er kurz vor dem Ersticken hochgezogen. Die Soldaten prügelten auf ihn ein. Dann versenkten sie ihn wieder. Die anderen Gefangenen sahen, wie Carlos unter Wasser zuckte, dann still liegen blieb. Den leblosen Körper zogen die Soldaten hoch, schmissen ihn in den Kofferraum eines Wagens und fuhren ihn weg. Unter denen, die die Marter von Carlos mit ansehen mussten, war auch seine Schwester Manuela Santucho.

PLÜNDERUNGEN

Eine Woche später, am 26. Juli 1976, wurde den Gefangenen mitgeteilt, sie würden jetzt woanders hingebracht. Nun wurde ihnen auch noch mit Klebestreifen der Mund verklebt. Sie mussten auf einen Lastwagen klettern und sich hinlegen. Dann deckte man Bretter über sie, die von den Seitenwänden des Lkw gehalten wurden. Auf die Bretter luden die Soldaten Kisten und Pakete. Sie unterhielten sich über den Inhalt: Fernsehapparate, Kühlschränke, Schreibmaschinen, Haushaltsgeräte, Fahrräder, Bücher - alles Dinge, die sie bei ihrer Nacht-und-Nebel-Aktion in den Häusern ihrer Opfer geplündert hatten. Die Soldaten lachten. "Erobert auf dem Schlachtfeld!" Und sie riefen sich zu, dies sei schon die vierte Fuhre.

Der Lkw fuhr dann mit großem Tempo los, vorweg Motorräder und Personenwagen mit Sirene. Nur zwei Mann aus der Gruppe der Entführten blieben zurück. Noch wusste niemand, was das zu bedeuten hatte. Auf einer Militärbasis in der Nähe des Stadtflughafens von Buenos Aires mussten die Gefangenen in ein Flugzeug steigen. Enrique Rodroguez Larreta konnte unter der Augenbinde hindurch erkennen, dass es eine Propellermaschine der uruguayischen Luftlinie PLUNA war, Typ Fairchild. Nach einer Stunde Flug landete die Maschine auf einer Militärbasis neben dem Flughafen Carrasco von Montevideo.

"ZIMMER MIT EIMER
"

Außer der Tatsache, dass sie in Uruguay waren - nicht freiwillig, sondern verschleppt -, änderte sich nicht viel für die Gefangenen. Sie kamen ins Haus, blieben in Handschellen , behielten eine Binde vor den Augen, wurden weiter gefoltert: Stromstöße, Peitschenhiebe und "U-Boot", das Eintauchen des Kopfes unter Wasser bis fast zum Ersticken. Den Raum, in dem die U-Boot-Folter stattfand, nannten die Schergen "das Zimmer mit dem Eimer".

Ab 23. August 1976 hörten die Foltereien auf. Später sollte die Gruppe auch erfahren, weshalb die Soldaten so lange versucht haben, aus ihnen Geständnisse über geheime Waffenlager, die es nicht gab, und über geheime Staatsstreiche, die es auch nicht gab, heraszupressen. Zwei der Gekidnapten waren schon bei den Verhören in Argentinein übergelaufen: Um ihre Freiheit zu erkaufen, hatten sie den anderen angedichtet, einen Umsturz zu planen. Als die uruguayischen Schergen schließlich einsehen mussten, lauter harmlose Oppositionelle eingefangen zu haben, suchten sie nach einem Ausweg.

Eines Tages machte Major José Nino Gavazzo, der schon in Buenos Aires dabeigewesen war, seine Opfer auf ihre neue Lage aufmersam: Die Sicherheitskräfte Uruguays hätten sie vor "den argentinischen Mördern befreit, die euch nach oben schicken wollten, um die Harfe mit Petrus zu spielen."

INVASION VORTÄUSCHEN

Gavazzo, das wurde den Gefangenen schnell klar, wollte etwas von ihnen. Er schlug ein Abkommen vor, das ihre Anwesenheit in Uruguay erklären sollte: Die Gefangenen sollten in der Nähe von Port Negro eine Invasion vortäuschen, sie würden dann von den urugayischen Streitkräften "entdeckt". Wenn sie dies später vor Gericht zugäben, bekämen sie höchstens 15 bis 30 Jahre Haft. Wenn sie nicht mitmachten , könne er sie erschießen lassen. Gavazzo zeigte auf zwei Soldaten mit MP, die er mitgebracht hatte. Er brauchte dann nur die Blutspuren abwaschen zu lassen und die Einschüsse in den Wänden zu füllen. Niemand wisse ja etwas von ihrem Verbleib.

Die Gefangenen lehnten ab. Sie erklärten Gavazzo, sie würden überhaupt kein Abkommen unterschreiben, solange nicht das Baby der jungen Rita Mendez herbeigeschafft sei.

KUHHANDEL: SUBVERSIVE VEREINIGUNG

Ende September kam Major Gavazzo mit einem neuen Vorschlag: Die Armee werde eine Gruppe der Gefangenen, darunter Ana Ines Quadros, bei einem "konspirativen Treffen" überraschen. Sie kämen dann unter Anklage , einer "subversiven Vereinigung" anzugehören. Der andere Teil der Gruppe werde in verschiedenen Hotels in Montevideo, wo sie sich mit falschem Namen registriert haben müssten, verhaftet werden. Diese Leute kämen nur wegen "Unterstützung einer subversiven Vereinigung" unter Anklage.

GNADENGESUCH

Auch als Gegenleistung wurde jetzt mehr versprochen: sechs bis 18 Jahre Haft höchstens, überdies nach drei Jahren die Möglichkeit, ein Gnadengesuch einzureichen. Rita Mendez überredete ihre Leidensgefährten einzuwilligen. "Ich habe mein Baby nur 20 Tage gekannt", sagt sie, "jetzt sind schon fast vier Monate vorbei, ich würde es ja nicht einmal wiedererkennen." (Heute sitzt Rita Mendez im Frauen-KZ Punta Rieles und ist psychisch schwer krank aus Sehnsucht nach ihrem Kind, das sie nie mehr wiedersah.)

FILM-SZENEN AUS EINEM BADEORT

Am 23. Oktobr 1976 lief die Posse an. Ana Ines und vier weitere wurden in ein Haus im Badeort Shangrilla nahe Montovideo gebracht. Die Armee umstellt das Haus. Von Fernseh-Kameras gefilmt, wurden die fünf zur "Kapitulation" gezwungen und verhaftet. Im Eifer des Gefechts nahm die Armeegruppe gleich auch noch die in zivil gekleideten Soldaten fest, die im Haus die Überwachung der fünf übernommen hatten. Noch immer wussten die Eltern von Ana Ines nichts über den Verbleib ihrer Tochter, sie wussten nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebte. José Anonio Quadros, der Ex-Botschafter von Bonn, wollte nun nach Washington fliegen, um vor dem US-Kongress das Los seiner Familie zu schildern und die Machthaber seines Landes anzuklagen.

Das Flugticket war für den 29. Oktober 1976 gebucht. Am Vorabend des Abfluges, am 28. Oktober gegen 17 Uhr, brachte das uruguayische Fernsehen die Meldung, dass eine große Verschwörergruppe von den Sicherheitskräften des Landes ausgehoben worden sei. Dazu lief der Fernsehbericht mit dem im Badeort Shangrilla gefilmten Kriegsspiel. Weitere "Staatsfeinde" seien in Hotels von Montevideo festgenommen worden (Tatsächlich hatten die neun für diese Aktion vorgesehenen Gefangenen gar nicht das Folterhaus verlassen dürfen, ihre Rollen hatten weibliche Polizistinnen und Soldaten in Zivil übernommen).

Auf dem Fernseher erkannte José Antonio Quadros seine Tochter wieder. Nach vier Monaten Ungewissheit wusste er wenigstens, dass sein Kind noch lebte.

José Quadros, selbst Jurist, schrieb sofort an die Militärbehörden, er wolle die Verteidigung seiner Tochter übernehmen. Er bekam nie eine Antwort. Ana Ines Quadros erhielt einen Militäranwalt zugewiesen. Sie wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Wochen später erfuhren dann die Quardos' auch den Aufenthaltsort ihrer Tochter. Ein Soldat kam vorbei mit einer Liste persönlicher Dinge, die Ana Ines brauchte: Zahnbürste, Decken, Wäsche. Der Soldat sagte den Eltern, ihre Tochter sitze in Punta Rieles.

Am 18. Dezember 1976 sahen die Quadros' ihre Tochter zum erstenmal wieder, im Besucherzimmer des KZ. Ihre Haare waren auf fünf Zentimeter Länge gestutzt, sie sah bleich aus. Das Gespräch musste schreiend geführt werden, Eltern und Tochter saßen einige Meter auseinander. Zwischen ihnen hockte ein Soldat.

Alle vierzehn Tage ist nun ein Treffen in der Zelle gestattet. Besuchszeit: 30 Minuten.

Am 22. Dezember 1976 wurde Enrique Rodriguez Larreta(*1921+1977) freigelassen. Trotz aller Folter - die Narben sind noch heute an seinen Handgelenken sichtbar - hatten die Militäs aus Larreta nicht mehr herauspressen können, als dass er auf der Suche nach seinem Sohn gewesen war, als er im Haus seiner Schwiegertochter verhaftet wurde. Larreta ließ sich trotz immenser Schmerzen nicht einschüchtern. Er hielt stand.

Nach seiner Freilassung blieb Laretta nur noch wenige Wochen in Montevideo. Er hatte sich entschlossen, Uruguay zu verlassen, um im Ausland auf die schlimme Lage in seiner Heimat hinzuweisen.

Oft fuhr Larreta während seiner letzten Wochen nach Uruguay raus zum KZ Libertad. Dort ist sein Sohn eingesperrt, wegen angeblicher "Mitgliedschaft einer subversiven Vereinigung". Der Junge hat jetzt die Gefangenennummer 2126, er sitzt im dritten Stock, Sektion B. Am 8. Februar besuchte der Vater ihn zum letzten Mal. Laretta flog dann nach Genf, schrieb dort den Bericht über das Schicksal der Gefangenengruppe minuziös nieder. Die Dokumentation überreichte er Prinz Aga Khan (*1933+2003), dem UN-Hochkommissar für das Flüchtlingswesen (1965-1977). Aga Khan versprach, er werde diesen Fall aufgreifen.

Doch Erfolg hatte der Prinz nicht. Ein halbes Jahr später erklärte der Leiter der südamerikanischen Sektion für das Flüchtlingskommissariat, George Koulischia, auf Anfrage: "Wir unternehmen permanent Anstrengungen in dieser Sache. Doch über den Erfolg können wir nichts sagen, denn wir müssen diskret bleiben."

Immerhin fand Koulischia, dass der von Laretta geschilderte Fall der Ana Ines Quadros besonders bedeutend sei, denn: "Es handelt sich um ein menschliches Wesen." - Na denn ... ...

















Sonntag, 10. April 1977

Mörderische Torturen - größte Konzentrationslager in Uruguay













"Neues Deutschland", Berlin
10. April 1977


Montevideo (ND). - Fünfzig Kilometer von Uruguays Hauptstadt Montevideo entfernt befindet sich die berüchtigte Haftanstalt des Heeres Nr. 1, das größte KZ des Landes. 1.342 Patrioten sind hier eingekerkert. Das KZ, ein langgestreckter Backsteinbau mit 500 Zellen und sieben davor gelagerten Baracken, trägt wie zum Hohn den Namen "Libertad" (Freiheit).
Reporter der BRD-Zeitschrift stern, die diese Folterstätte aufsuchten, schrieben über ihre Eindrücke von den Zuständen in "Libertad": "Schon die Nazis liebten den Zynismus. 'Arbeit macht frei' schrieben sie über den Eingang von Auschwitz. Es ist nicht das einzige, was uns an diesem Nachmittag an Auschwitz erinnert."
Mit ausgeklügelten Foltermethoden sollen die politischen Gefangenen zerbrochen werden. So üben die Wachsoldaten während des Hofganges der Eingekerkerten sogenannten Ausbruchsalarm. "Auf ein Kommando hin müssen sich die Häftlinge auf den Boden werfen, Hände über den Kopf gefaltet - die Militärs feuern dann über ihren Köpfen Salven ab.
Patrioten werden schon bei ihrer Verhaftung Kapuzen übergestülpt, die bei den folgenden Fahrten und Folterungen nicht mehr angenommen werden. Oft müssen sie sich in engen Räumen in langen Reihen aufstellen und tage-, oft auch wochenlang an einer Wand stehen, die Hände auf dem Rücken gefesselt, von der Außenwelt und dem Tageslicht abgeschlossen. Ihre Körper sind von Wunden bedeckt. Als Nahrung erhalten sie in der Regel drei Tassen wässrige Suppe. Mindestens 60 Menschen sind auf diese Weise ermordet worden.
Über zwei Gefangene, die sie aufsuchten, schrieben die stern-Reporter: "Die Augen der beiden ehemaligen Studenten sind glanzlos, gebrochen. Unsere Fragen beant-worten sie wie mechanisch ... Endprodukte des KZ-Alltags." Das Durchschnittsalter der Häftlinge liegt bei dreißig Jahren, die Namensliste der Gefangenen enthält viele Mitglieder der Kommunistischen Partei. Der Rest der Liste ist "weitgehend identisch mit dem Immatrikulationsverzeichnis der Universität von Montevideo zu Beginn der siebziger Jahre", stellt der stern fest. Bis zu 30 Jahre sollen sie nach dem Diktat der Militärgerichte in Einzelhaft schmachten. Vielen wird mit weiteren 15 Jahren Gefängnis gedroht.
Uruguay, mit seinen nur 2,76 Millionen Einwohnern hat über 6.000 politische Gefangene, davon sind 3.000 Mitglieder der KP. 50.000 Männer und Frauen wurden in den letzten drei Jahren verhaftet.
Die stern-Reporter hatten auch Gelegenheit mit dem jetzigen Präsidenten des südamerikanischen Landes zu sprechen - Aparicio Méndez (*1904+1988). "Immerhin, Méndez, einst Professor für Verwaltungswirtschaft, bewundert im Gespräch mit uns die Bundesrepublik. 'Die deutsche Notstandsgesetzgebung ist in unseren Augen die fortschrittlichste der Welt. Wir haben einige Elemente daraus entnommen' ", zitiert der stern den Präsidenten.

Donnerstag, 7. April 1977

Uruguay: Das KZ, das Freiheit heißt










































Wie im größten Konzentrationslager Süd- amerikas Menschen kaputtgemacht werden

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stern,
Hamburg
vom 7. April 1977 /01. März 2010
von Peter Koch, Perry Kretz
und Reimar Oltmanns
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Der Ausdruck Dorf wäre geschmeichelt. "Libertad", vierzig Kilometer von Uruguays Hauptstadt Montevideo entfernt, ist eine Ansammlung ärmlicher Krämerläden, schmieriger Tankstellen, verrotteter Reifenhandlungen und etlicher Kneipen. Die Straße 1, von Montevideo in die Hafenstadt Colonia del Sacramento, zerschneidet den Flecken. In seiner Trostlosigkeit gleicht "Libertad" Tausenden ähnlicher Ansiedlungen auf dem südame-rikanischen Kontinent.
MILITÄRS - DIE NEUEN HERREN
Dennoch, "Libertad" - zu deutsch Freiheit - ist einmalig. Diese Exklusivität verdankt es einem auf Stelzen stehenden, fünf Stockwerke hohen, lang gestreckten Bau aus rotem Backstein. Er überragt das Kaff wie eine mittelalterliche Trutzburg. Der Koloss, in der Mitte unterteilt von einem Treppentrakt, ist das Hauptgebäude des größten Konzentrationslagers in Südamerika. In seinen 500 Zellen und in sieben davor gelagerten Baracken sind zur Zeit 1.342 politische Gefangene zusammengepfercht. Sie sitzen hier seit 1974. Die Militärs, die neuen Herren im Land, hatten damals das einstige Resozialisierungszentrum für Kriminelle zu einem riesigen KZ für ihre gefangenen politischen Widersacher ausgebaut. Im günstigsten Fall wissen die Gefangenen nicht genau, wie lange sie noch sitzen werden. Sie wurden eingesperrt wegen Subversion - was immer das heißen mochte, oft nur ein zuviel gesprochenes Wort.
STRAFEN DEHNBAR WIE KAUGUMMI
Ihre vom Militärgericht zudiktierten Strafen sind dehnbar wie Kaugummi: sechs bis 18 Jahre. Im günstigsten Fall wissen die Gefangenen exakt Bescheid: 30 Jahren Einzelhaft, daran anschließend weitere fünfzehn Jahre Sicherungsverwahrung. Diese Höchststrafe bekamen die militanten Vertreter der einstigen Tupamaro-Rebellen. Sie sind eingesperrt wegen Entführung, Bankraub, Mord. Doch die Gewalttäter sind die Ausnahme - die große Mehrheit der Gefangenen hat nicht mehr verbrochen als eine andere Meinung zu haben. Das Durchschnittsalter der Häftlinge liegt heute bei dreißig Jahren. Die Namensliste ist weitgehend identisch mit dem Immatrikulationsverzeichnis der Universität von Montevideo zu Beginn der siebziger Jahren.
SCHON NAZIS LIEBTEN ZYNISMUS
Auch das Lager heißt "Libertad". Schon die Nazis liebten den Zynismus. "Arbeit macht frei", schrieben sie über den Eingang von Auschwitz. Es ist nicht das einzige, das uns an diesem Nachmittag an Auschwitz erinnern wird. Unser Wagen, ein klappriger Opel, den uns das uruguayische Außenministerium samt Fahrer und Dolmetscherin stellte, hat den Ortsausgang von "Libertad" erreicht und biegt langsam links in eine schmale Nebenstraße ein. Nach ein paar hundert Metern ein Feldweg, der Fahrer geht mit dem Tempo runter, die ersten beiden Wachtposten mit geschulterten Maschinenpistolen. Kurzer Blick, dann geben sie uns freie Fahrt - wir sind offiziell angemeldet. Schnurgerade geht's weiter. Wachtürme bauen ihre Silhouetten auf. Stachdrahtverhaue und Gitterzäune zerschneiden die Dorfrandidylle aus Wiesen mit grasenden Kühen. Baracken buckeln sich. Wir erreichen den Haupteingang des Lagers. Kein Haupteingang eigentlich, eher eine Eingangsanlage: eine mehrfach gestaffelte Schleuse, wie sie an besonders gesicherten Grenzübergängen zu finden ist.
FOLTERHAUS SÜDAMERIKAS
Vor der Menschenschleuse empfängt uns der Sicher-heitschef des Lagers - gedrungene Gestalt in Khaki-Uniform, eine Tellermütze mit Offizierskordel auf poma-disiertem Haar, abweisende Augen unter buschigen Brauen und so sehr auf Sicherheit bedacht, dass er sogar seinen Namen geheim hält. Als erste Journalisten hat uns die Regierung erlaubt, das Camp "Libertad" zu besuchen. Die Machthaber in Uruguay wollen den immer lauter werdenden Anklagen entgegentreten, ihr Land habe ich zum Folterhaus Südamerikas entwickelt. Schon schlägt Uruguays schlechter Ruf direkt auf die Kasse durch: Die Amerikaner strichen die bisher gewährte Militärhilfe von drei Millionen Dollar. Das Land, an Fläche um ein Drittel kleiner als die Bundesrepublik, ist dünn besiedelt, es hat höchstens noch zwei Millionen Einwohner, weniger als Westberlin. Der gesamte Staatshaushalt liegt bei 400 Millionen, die Auslandsverschuldung beträgt aber schon jetzt 1,2 Millionen Dollar.
AUGENZEUGEN
Da muss Vorsorge getroffen werden, dass das Beispiel der amerikanischen Regierung im eigenen Land nicht Schule macht und künftig auch noch Anleihen und Kredite aus den USA ausbleiben. Staatspräsident Aparîcio Mendez (*1904+1988, Präsident Uruguays von 1976-1981, siehe Bild links oben.) und Innenminister General Hugo Linares Brum haben uns - nach einem Gespräch im Präsidentenpalast - dazu ausersehen, "Augenzeugen der tatsächlichen Verhältnisse" zu werden: uns vom physischen Wohlergehen der politischen Gefangenen zu überzeugen und die Unterlagen über deren medizinische Versorgung einzusehen.
GEFÄHRLICHSTER FEIND - EIGENE VOLK
Der Lagerleitung ist unser Besuch nicht geheuer, daran ändert auch die Erlaubnis aus Montevideo nichts. Einzeln werden wir zur Durchsuchung in einen Nebenraum gebeten. Ein Soldat tastet uns sorgfältig ab. Unseren beiden Begleitern traut man noch weniger. Der Fahrer muss seine Hose ausziehen. Graciella, der Dolmetscherin, werden Kosmetika, Schuhabsätze, Bonbontüte und Ohrringe nach Strengstoff untersucht. Die Frau, immerhin Nichte des gegenwärtig amtierenden Vizepräsidenten und auf der Herfahrt unermüdliche Propagandistin des jetzigen Regimes, ist voller Einsicht: "Wir sind Uruguayer und deshalb besonders verdächtig." Wie in allen Diktaturen ist der gefährlichste Feind das eigene Volk.
NATIONALHELD ARTIGAS
Lagerkommandant Jorge Olsina, ein Mittfünfziger, erwartet uns zum "Einweisungsvortrag" in seinem Büro. An der Wand hängt ein Bild des uruguayischen Natio-nalhelden Artigas, der 1814 die Uruguayer von der spanischen Herrschaft befreite. Auf dem Schreibtisch steht ein aus Karabinerpartonen gefertigter Pfeifen-halter. Gleich zu Beginn stellt der Oberst klar: "Hier gibt es keine Gefangenen." Es handelt sich vielmehr um "Insassen".
PSYCHIATER UND PSYCHOLOGEN
Insassen in "Libertad" wird man nicht ohne weiteres. Der Oberst erzählt uns, dass eine gründliche Unter-suchung durch zwei Militärärzte am Beginn der Auf-nahmeprozedur stehe, ein gründliches Bad an ihrem Ende. "Für die medizinische Versorgung wird kein Aufwand gescheut." Ein inhaftierter Arzt, ein Militär-arzt, ein Psychiater und ein Psychologe seien zur stän-digen Betreuung eingesetzt. Sie haben viel zu tun. Osina greift ein Aktenbündel, das auf seinem Schreibtisch liegt, und liest vor: "Am 17. Januar 1977, 300 Fälle von Depressionen, 288 Fälle von Angstzuständen und Psychosen. In zwei Fällen drehten die Leute völlig durch."
500 STÜCK VALIUM PRO TAG
Während er aus einem Lederbeutel Tabakkrümel fingert und auf Zigarettenpapier verteilt, gibt er uns noch weiteren Einblick in den Zustands des Camps. Tranquillizer seien die am häufigsten verwendeten Medika-mente im Lager, sagt Oslina, und er ist auf diesen Tatbestand so stolz wie ein statusbewusster Whiskytrinker, der Chivas Regal als Hausmarke angibt: "Nehmen wir einen x-beliebigen Tag, zum Beispiel den 24. Februar. Da geben wir 482 Valium aus. Am 28. Februar waren es sogar noch mehr, genau 500 Stück." Der Oberst hat eine Zigarette fertig gedreht und inhaliert genießerisch den ersten Zug. Die Perversion seiner Fürsorge ist ihm nicht bewusst.
AUSBRUCHSICHER - FESTUNG
Der Einführungsvortrag ist beendet, wir dürfen ins Camp. Doch der Sicherheitschef, der uns am Lager-eingang in Empfang genommen hatte und seither nicht mehr von unserer Seite gewichen ist, sorgt sich um das Geheimnis seiner ausbruchsicheren Festung. Er will kein einziges Foto erlauben. Nach kurzer Beratung gestattet der Lagerkommandant immerhin ein Bild. Es soll belegen, dass uns wirklich die Erlaubnis gegeben wurde, das Lager von innen zu besichtigen. Vom Bürokomplex der Lagerverwaltung sind es 300 Meter bis zum Haupt-gebäude. Die Wachtürme schieben sich in den Vordergrund. Wir können Einzeleinheiten erkennen: Vier Mann stehen auf der Plattform, mit Feldstechern beobachten sie Gelände und Gefängnisfront, auf jedem Turm zwei Maschinengewehre.
BEKLEMMUNG KRIECHT WIE NEBEL HOCH
Wir erreichen das Hauptgebäude. Gitter werden fern-gesteuert entriegelt und springen wieder ins Schloss, kaum dass wir sie passiert haben. Schlüssel klappern. Beklemmung kriecht wie Nebel hoch. Die Besichtigungstour läuft wie die Szenenfolge in einem Gruselkabinett ab.
Szene eins: Der Kommandant ist höflich, wir als seine Gäste haben Vortritt an der Gittertür. Sie gibt einen Gang frei, etwa zwei Meter breit, der wir die Kapitäns-brücke eines Schiffs hinausragt in eine tiefer liegende Halle, die Lagerküche. Auch dieser Gang ist durch Maschendraht abgegrenzt. Zum ersten Mal sehen wir die Lagerinsassen. Ihr Haar ist kurz geschoren. Ihre Gesichter sind wächsern. Sie tragen graue Arbeitsanzüge, manche auch Turnhosen mit T-Shirt. Alle haben sie auf Brusthöhe rechts eine Nummer, darunter einen Farbklecks und einen Buchstaben: A und B. Auf dem Rücken wieder eine Nummer. Die Männer, richtiger: die Nummern stehen stramm. Manche, die ein Käppi tragen, reißen es vom Kopf. Mit Eintritt in das Lager haben sie die Identität ihres Namens verloren. Ihre Per-sönlichkeit verloren sie in den Monaten danach. Es herrscht Sprechverbot.
AUF JEDER BANK ZWEI WACHSOLDATEN
In dem Gang, von dem wir auf die Küche sehen, stehen vier Bänke. Jede Bank teilen sich zwei Wachsoldaten, den Lauf ihrer Karabiner durch den Maschendraht auf die Männer gerichtet, Finger am Abzug. Neben sich Thermosflasche, Zigarettenschachtel und die kürbis-artige Mateteeflasche mit dem Saugrohr. Ein Offizier gibt ein kurzes Kommando, die Gefangenen nehmen die Arbeit wieder auf. Nummer 1794 schieb Brot in den Ofen. Nummer 517 und Nummer 491 schälen Karotten und werfen sie in einen steinernen Spültrog. Nummer 306 rückt seine dunkelrandige Brille zurecht. Nummer 130 kehrt mit einem langstieligen Besen den Boden, Nummer 898 formt Teig.
PANZERGLAS, MASCHENDRAHT
Szene zwei: Im Fahrstuhl fahren wir in den fünften, den obersten Stock. Der Kommandant erklärt die Farb-klekse und Buchstaben. Sie markieren die Unter-bringung der Häftlinge. Schwarz ist erster Stock, Rot zweiter, Blau, Grün, Gelb die folgenden. A ist dann die linke Flügelseite, B die rechte. Von oben blicken wir wie in einen riesigen Schacht. In der Mitte jedes Stock-werkes stehen Wärterhäuser, Panzerglas ermöglicht freien Rundblick. Aus dem Wärterhaus werden - teils mit Hebeln, teils mit Rädern - die Gitter geöffnet und geschlossen, die das Treppenhaus sichern. Galerieartige Gänge führen zu den Zellen. Je fünfzig auf jeder Flur-hälfte. Auf den Galerien stehen Wachsoldaten.
SELBSTMÖRDER
Von Galerie zu Galerie ist Maschendraht aufgespannt, einem riesigen Trampolin gleich. Ein Offizier er-klärt: "Damit es keine Selbstmörder gibt." Es hat sie doch gegeben - ein Gefangener erhängte sich mit einem Strick aus seinem Bettlaken, andere sammelten 30 bis 40 Pillen, mit denen sie dann Selbstmord begingen. Manche schnitten sich mit Rasierklingen die Pulsadern auf, einer verbrannte sich mit seiner Matratze.
AUGEN AUSREISSEN
Szene drei: Wir dürfen mit Gefangenen sprechen. Um den Verdacht auszuschalten, uns würden vorher instruierte Leute präsentiert, sollen wir eine Zelle wählen. Wir gehen auf die Galerie hinaus, vorbei an zwei offenstehenden Zellen. Die eine ist leer. Das sei das Behandlungszimmer. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Schemel und ein Sinnspruch an der Wand: "te arrancaré los ojos y me los pondrés / me arrancaré los ojos y te los pondrés / asi yo te mirareré con tus ojos y te me mirarás con los míos." (Ich werde mir die Augen aus-reißen und sie Dir einsetzen / So werde ich Dich mit Deinen Augen sehen, und Du wirst mich mit meinen Augen sehen.")
"ALL YOU NEED IS LOVE"
Die andere offene Zelle ist das Musikzentrum. Eine kleine Verstärkeranlage, ein Tisch mit Neonlampe. Nummer 135 legt eine Platte auf. Die Sechste von Beethoven, Pastorale. Im Flur scheppern vier Laut-sprecher los. Ihre erbärmliche Qualität, dazu die Bahnhofshallen-Akustik der Gefängnisflure verzerren Wilhelm Furtwängler und die Wiener Philoharmoniker zu Schießbudenlärm. Jeden Morgen und jeden Abend ist eine halbe Stunde Musik, auch zensierte Nachrichten werden verlesen, Nummer 135, eingesperrt auf unbe-kannte Zeit wegen Konspiration (Graciella sagt uns später, dass er einmal in Montevideo ein bekannter Discjockey war), hat ein bunt gemischtes Sortiment: West Side Story, Tschaikowsky, Beatles ("All You Need Is Love"). Am liebsten spiele er die Sechste, sagt er. Vor seiner Zellentür bleiben wir stehen. Sie wird aufge-schlossen. Es ist eine Zweierzelle, etwa acht Quadrat-meter. Rechts zwei Feldbetten übereinander, links eine Tafel mit mathematischen Formeln, daneben an der Wand zwei Gitarren. Auf einem Bord zwei Brillen. Am Zellenende in Augenhöhe ein vergittertes Fenster. Nr. 827 und Nr. 1026 sitzen auf dem oberen Feldbett und spielen so etwas wie "Schiffeversenken". Bei unserem Eintritt springen sie auf den Boden runter und stehen stramm.
GUT GENÄHRT - SEELISCH GEBROCHEN
Wir fragen sie nach Alter und Beruf. Der eine studierte Elektronik, der andere Mathematik. Sie sitzen seit drei Jahren, wie lange sie noch vor sich haben, wissen sie nicht. Subversion lautete die Anklage. Sie sind beide 28 Jahre alt, nicht verheiratet. Die Formeln auf der Tafel seien auch ein Spiel, sie hätten es sich selbst ausgedacht.
Der Kommandant macht uns darauf aufmerksam, wie gut die beiden genährt seien. Es stimmt. Schon im Büro hat uns der Kommandant den nach genauen Ernähr-ungswerten aufgestellten Speiseplan einsehen lassen. Für den 9. März las er sich so: "Reissuppe, 70 Gramm Knochen; Rostbraten, 220 Gramm; Reisbällchen, 45 Gramm."
ENDPRODUKTE DES KZ-ALLTAGS
Die Augen der beiden ehemaligen Studenten sind glanzlos, gebrochen. Unsere Frage beantworten sie wie mechanisch. Es sind wohlgenährte Hülsen, Endprodukte des KZ- Alltags. Wecken ist morgens um sechs Uhr, die Gefangenen bekommen Kaffee. Bis zum späten Nachmittag dürfen sie sich weder hinlegen noch am Fenster stehen. Sie dürfen nur in der Zelle auf und ab gehen oder auf einer Bank sitzen. Zwischen den Ge-fangenen verschiedener Zellen gibt es keinerlei Kontakt. Keiner weiß den Namen des anderen, er hört nur seine Nummer. Auf den Korridoren, etwa beim Gang zur Gemeinschaftsdusche, dürfen sie nicht miteinander sprechen.
REDEVERBOT
Auch bei der Arbeit herrscht Redeverbot. Es gibt wenig ablenkende Arbeit. Nur für den Lagerbedarf werden die Häftlinge eingesetzt, zum Beispiel auf dem Feld oder in der Küche. Nach dem Mittagessen, um zwölf Uhr, ist für eine Dreiviertelstunde Hofgang. Die Gefangenen müs-sen, wie bei jedem Gang außerhalb der Zelle, die Hände auf dem Rücken tragen. Der Oberkörper ist dann vornübergebeugt. Manch-mal während die Häftlinge Hofgang haben, üben die Soldaten Ausbruchsalarm. Auf ein Kommando hin müssen sich die Häftlinge auf den Boden werfen, Hände über den Kopf gefaltet - die Militärs feuern dann über ihren Köpfen Salven ab. Um neun Uhr gibt es Abendessen, um zehn Uhr Schlafens-zeit. In vielen Nächten haben die Soldaten Schießtrai-ning. Am nächsten Tag steigt der Valium-Konsum.
MORD AUF MORD
Szene vier: Man werde uns einen Mörder zeigen, sagt der Sicherheitschef. Der sitze im zweiten Stock, der Etage der "Gefährlichen". Wir fahren runter. Hier haben die Zellen ein Extra. In der Oberlicht über der Zellentür ist eine Lampe eingebaut, die ständig - auch nachts - das Innere der Zelle anstrahlt. Eine der Türen wird entriegelt, der Sicherheitschef postiert sich im Türrahmen. Nr. 704 nimmt Haltung an. Zu 30 Jahren Haft ist der Mann mit dem ernsten Gesicht verurteilt. Daran anschließend 15 Jahre Sicherungsverwahrung. Fünf Jahre davon hat er bisher abgesessen. Der Mann ist 33 Jahre alt, verheiratet. Wir fragen ihn, wie er sich bei dieser Zukunft fühlt. "Als ein Mann", sagt er, "als ein menschliches Wesen ...". Er unterbricht den Satz, sagt nur noch: "Nun physisch geht es mir gut."
GEHEIME LYNCHJUSTIZ
Wir wollen wissen, ob es stimmt, dass er - wie uns gesagt wurde - einen Kultusminister umgebracht habe. "Es stimmt", sagt der Mann, "ich habe einen Menschen getötet. Er war kein Kultusminister. Er war der Chef einer Hochschule. Und er war der Anführer einer Todesschwadron." Todesschwadronen, das sind Killer-Kommandos, deren Fußvolk sich aus dienstfreien Polizisten und Soldaten rekrutiert und die gegen geringes Honorar geheime Lynchjustiz üben. In Brasilien wurde das zuerst praktiziert, dort begannen vor Jahren die Feierabend-Mörder mit Jagd auf Kapitalverbrecher. später auch auf politische Gegner. Argentinien und Uruguay kopierten das brasilianische Modell (wie übrigens auch die Folter). Der Sicherheits-chef bricht das Gespräch ab, schubst uns aus der Zelle. Nr. 704 sagt noch: "Es war kein geheimes Verbrechen, es war eine politische Tat." Hinter uns redet der Sicher-heitschef mit gepresster Stimme erregt auf den Wach-offizier ein. Wir gehen die Treppe hinunter, erreichen durch mehrere Schleusen das Freie. Die Sonne ist untergegangen.
AUS LAUTSPRECHERN: TANGO-MUSIK
Von unserem Standort aus, der nur eine Lagerhälfte überblicken lässt, zählen wir neun Wachtürme, die sich gegen den lilablauen Himmel abzeichnen. Eine Essens-karawane zieht an uns vorüber. Vorweg zwei Mann, die einen Suppenkessel tragen. Dann ein einzelner mit einer hohen, zerbeulten Blechdose in beiden Händen, in ihr ist Vitaminsaft. Dann ein schwerer Karrer mit Essens-trögen, zwei Mann stemmen sich in die Deichsel, vier schieben mit tief gebeugtem Oberkörper von hinten. Dann noch ein Karren, auf ihm stehen sechs Fässer mit Milch. Neben den Männern Soldaten mit Maschinen-gewehren und Knüppeln. Vorn bei den sieben Baracken stehen Wachposten mit Schäferhunden. Die Türen der Baracken sind geöffnet, an ihrer rechten Innenwand ist etwas erhöht ein vergitterter Käfig erkennbar, eine Eisenleiter mit vier Stufen führt hinauf. So ähnlich sahen einmal in manchen Tanzschuppen bei uns die Podeste der Go-Go-Girls aus. Hier steht in dem Käfig ein Soldat, die Maschinenpistole auf die 40 Baracken-bewohner gerichtet. Wer in der Baracke lebt, sagt der Sicherheitschef, werde bald entlassen. Bald, fragen wir, wann? Na ja, vielleicht in zwei, drei Jahren. Krächzend sucht ein einzelner Vogel in der verlöschenden Däm-merung sein Nest. Grillen zirpen. Aus den Laut-sprechern plärrt Tangomusik. Die Räder der schweren Karren quietschen, zermalen den Sandboden. Die Kannen scheppern, Requiem auf die einstige Schweiz Südamerikas. - Uruguay.
EINST MUSTER-DEMORATIE
Bis Ende der sechziger Jahre war Uruguay die Muster-demokratie Südamerikas gewesen. Seine Bürger hatten die größten persönlichen Freiheitsrechte, die perfekteste Sozialversorgung (schon seit 1915 galten Acht-Stunden-Tag und 48-Stunden-Woche), ein unpolitisches Militär. Die Exportgüter des Landes - Fleisch, Wolle, Häute - be-scherten Uruguay in beiden Weltkriegen und während des Koreakrieges ständig wachsenden Reichtum.
GROSSGRUNDBESITZER
Allerdings: Die herrschende Schicht Großgrundbesitzer kümmerte sich nicht darum, Industrie ins Land zu holen, um die wirtschaftliche Basis Uruguays zu ver-breitern. Sie verpulverte lieber das Geld - etwa für den Bau einer Prachtavenue aus rosa Basalt in Montevideo, die locker den Gegenwert von vier Fabriken kostete - oder, was noch schlimmer war, sie deponierte ihr Kapi-tal im Ausland.
TUPAMAROS - STADTGUERILLA
Der Zusammenbruch der Agrarpreise Ende der fünf-ziger Jahre des vergangenen Jahrhundert und ständig steigende Preise für Importprodukte stürzten das Land in die Krise. Eine politische Linke bildete sich. Mit einem nationalistisch-sozialistischen Konzept wollte sie das Land retten: Vergesellschaftung von Boden und Fabriken, Zurückdämmung des Einflusses interna-tionaler, insbesondere amerikanischer Konzerne. Zur linken Szene gehörten seit Mitte der sechziger Jahre auch die Tupamaros - Movimiento de Liberación Nacional - (Stadtguerilla) - allerdings nur eine Minder-heit. Gegründet hatte sie der Jura-Student Raúl Sendic (1925-1989), der sich als Landarbeiter im Norden Uruguays verdingte und dort einen Hungermarsch der Zuckerrohrarbeiter nach Montevideo organisierte. Er wurde von 1972 bis 1985 - Rückkehr zur Demokratie - in Libertad interniert.
HAUCH VON ROBIN HOOD
In den ersten Jahren hatten die Tupamaros die Unter-stützung der Bevölkerung. Ein Hauch von Robin Hood umgab sie. Sie überfielen Banken und verteilten das Geld an die Armen, fuhren mit Lastwagen voll Brot durch die Elendsquartiere. Sie kidnappten den Chef der Telefongesellschaft, der im Fernsehen die wirtschaft-liche Not der Massen geleugnet und erklärt hatte, er komme mit 20 Dollar aus - zehn gingen für Miete ab, fünf für Verpflegung, fünf für Kleidung. Sie steckten ihn in eines ihrer "Volksgefängnisse", filmten ihn beim Reinigen seiner Zelle. Dann besetzten sie während der Vorstellung ein Kino in Montevideo und spulten ihren Film ab. Als Ton lief mit: "Wir zahlen ihm 20 Dollar. Davon behalten wir zehn für Miete, fünf für Ver-pflegung, fünf für Kleidung."
ESKALATION VON GEWALT
Die Aktionen der Tupamaros und die Reaktionen der Regierung setzten eine verhängnisvolle Eskalation von Gewalt in Gang. Die Tupamaros verspielten ihren Kredit, als sie immer militanter wurden. Wahllos ermordeten sie Polizisten, die als Wachen vor Amts-gebäuden standen. Die Regierung rief im Jahre 1971 die Armee zu Hilfe. Innerhalb von drei Monaten konnten die Militärs die ganze Tupamaros-Bewegung ausheben. Einer der Tupa-Gründer, Hector Amodio Perez, war mit sämtlichen Organisationsunterlagen übergelaufen. Die bürgerliche Regierung wurde die Geister nicht mehr los, die sie gerufen hatte. Die Armee blieb. Im Februar 1973 putschte das Militär gegen den gewählten Präsidenten und erzwang die Aufnahme mehrerer Offiziere in die Regierung. Der Präsident, Juan Maria Bordaberry (1972-1976), durfte der besseren Auslandswirkung wegen im Amt bleiben. Die Militärs hatten Blut geleckt. Jetzt richteten sich ihre Aktionen gegen alle, die sich der Alleinherrschaft der Generale nicht unterwarfen. Die Offiziere erstickten jedes politische Leben. Nur eines schafften sie nicht: besser zu regieren. Inflation und Arbeitslosigkeit erreichten jedes Jahr im vergangenen siebziger Jahrzehnt neue Rekordhöhen.
BEIM PRÄSIDENTEN DES LANDES
Vor der Fahrt nach Libertad besuchten wir Aparîco Mendez, seit September 1976 bis 1981 von den Militärs als neuer Präsident eingesetzt. Mendez ist ein Mann von 72 Jahren. Er hat uns nicht viel zu sagen, weil er wenig zu sagen hat. Als er vor einigen Monaten in einem Interview mit der regierungsamtlichen Zeitung "la manana" etliche ausländische Staaten beschuldigten, Steigbügelhalter des Kommunismus zu sein, leugneten die ums Auslandsecho besorgten Militärs schlicht, dass dieses Interview stattgefunden habe. Die Zeitung musste ein Dementi drucken, das Tonband mit dem Gespräch half nichts. Immerhin, Mendez, einst Professor für Verwaltungsrecht, bewundert im Gespräch mit uns die Bundesrepublik: "Die deutsche Notstandsgesetzgebung ist in unseren Augen die fortschrittlichste der Welt. Wir haben einige Elemente daraus übernommen." Und: "Mir scheint, dass Deutschland das einzige Land der Welt ist, das heute gegen den Terrorismus und der Subversion das exakteste Konzept hat."
VERBITTERT, VERKANNT
Verbittert ist Präsident Mendez darüber, dass der amerikanische Präsident Jimmy Carter (1977-1981) die südamerikanischen Länder be-schuldigt, ständig die Menschenrechte zu verletzen. Mendez hält Carter für das Opfer einer "billigen Propaganda". Heftig setzt er sich zur Wehr: "Die Anschuldigung, wir würden die Menschenrechte verletzten, wird von denen vorge-bracht, die sie selbst verletzen." Und "Wer uns be-schuldigt, dient der Subversion und dem Terror."
Mendez ist enttäuscht, dass die westlichen Demokratien nicht im Gegenteil bereit sind, von Uruguay zu ler-nen. "Wir hatten die Hoffnung", sagt er, "dass unsere Erfahrungen den anderen Völkern dienlich sein würden." In den Ordnungsvor-stellungen des uru-guayischen Präsidenten heiligt der Zweck die Mittel. Sein Denken, das Denken der herrschenden Clique enthüllt sich in dem Satz: "Freie Wahlen würden Süd-amerika dem Kommunismus ausliefern." Zum Abschied erklärt uns Mendez die Blumen und Bäume im Park seines Amtssitzes. Er sagt: "Wenn Sie so wollen, bin ich auch ein politischer Gefangener." - Sollte das ein Scherz sein?
BESUCH - ZWEI MAL IM MONAT
Das war mittags. Jetzt ist es zwanzig nach sieben, seit mehr als zwei Stunden sind wir im Lager Libertad. Das Licht flammt auf, riesige Halogenlampen zerren die Dunkelheit vom Gefängniskoloss. Der Kommandant hat noch ein Anliegen. Er möchte uns den Raum zeigen, wo die Gefangenen Besuch empfangen dürfen, zwei Mal im Monat, 45 Minuten. "Sie können sich diese Zeit einteilen wie sie wollen", sagt er, "etwa eine Minute für die Schwieger-mutter und den Rest für die Frau." Der Kommandant lächelt. Vor uns der Besucherraum, unterteilt in fünf längliche Kabinen. Sie wirken wie abgeschnittene Zugabteil-Gänge älterer Bauart. Auf der einen Seite der Kabine sitzen die Gefangenen, auf der anderen die Besucher. Direkt miteinander reden aber können Gefangene und Besucher nicht, eine Glasscheibe trennt sie. Sie können nur über Telefone miteinander sprechen. Jedes Wort wird mitgeschnitten. Eine Wandschrift gleich neben einer Alarmglocke mahnt: "Sprechen Sie langsam, ohne zu schreien. Sonst gefährden Sie Ihren Besuch und den der anderen." Beim Auf-Wiedersehen-Sagen darf eine kleine Klappe in der Scheibe geöffnet werden - Gefangener und Besucher dürfen für Sekundenbruchteile einen Kuß austauschen.
PRIESTER IN LIBERTAD NICHT ERLAUBT
Nein, erklärt der Kommandant, Geistliche dürfen nicht nach Libertad. Zu Weihnachten allerdings könnten Ge-fangene und Angehörige ohne Trennscheibe für eine halbe Stunde zusammensitzend. Und wer von den Gefangenen Kinder habe, dürfe mit ihnen spielen. Auch ohne Trennscheibe. Der Kommandant hat uns vor die Tür begleitet, er zeigt nach links: Wippschaukeln, Rutschbahn und Sandkasten sind in einem Gittergeviert erkennbar. Die Zeit, die ein Gefangener mit seinen Kindern spiele, sagt der Kommandant, gehe allerdings von der Zeit ab, die er für das Gespräch mit seinen anderen Angehörigen habe. 45 Minuten, zwei Mal im Monat.
ADIEU, ADIOS
Wir sagen auf Wiedersehen und werden wieder ausge-schleust. Gitter rucken, Schlösser rasseln, Türen schnappen. Jeder von uns Dreien hat automatisch mitgezählt. Acht Sperranlagen müsste ein Gefangener überwinden wollte er fliehen. Nimmt man seine Zellentür dazu, sind es neun. Früher waren noch auf dem Dach des Hauptgebäudes MG-Nester eingerichtet. Und die Gefangenen mussten auf der linken Seite in Herzhöhe einen weißen Stofffetzen tragen, vorn und auf dem Rücken. Beides ist inzwischen abgeschafft. Aber noch immer ist der Luftraum über Libertad im Umkreis von zehn Meilen Sperrgebiet. Ein verirrtes Sportflug-zeug wurde erst vierzehn Tage vor unserem Besuch durch MG-Feuer zur Landung gezwungen. Die Zahl der Soldaten wollte der Kommandant nicht nennen. "Genug, um die Sicherheit zu gewährleisten."
Es ist inzwischen tiefe Nacht. Graciella, unsere Dol-metscherin, ist merkwürdig still geworden. "Die Gefangenen hatten so traurige Augen", sagt sie. Wir fahren an den letzten Posten vorbei. Die Läufe ihrer Maschinenpistolen zeigen auf uns.
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POSTSCRIPTUM. - Im Jahre 1985 ist Uruguay nach zwölf Jahren Militärdiktatur zur Demokratie zurück-gekehrt. In diesem Zeitraum "verschwanden" 200 uru-guayische Staatsbürger spurlos. Darunter befanden sich auch Kinder, die zusammen mit ihren Eltern ver-schleppt oder von entführten Frauen in geheimen Haftzentren geboren wurden. Zehntausende Menschen sind unter der Militär- diktatur gefoltert und miss-handelt worden; nahezu jede dritte Familie des Landes hat ein Folteropfer zu beklagen. Zudem war einer von fünfzig Einwohnern mindestens zeitweise inhaftiert. Gemessen an der Einwohnerzahl (3,3 Milli-onen) galt Uruguay als der Staat mit den meisten politischen Gefangenen. Nur - auch Jahrzehnte nach der Horror-Herrschaft - eine systematische ge-richtliche, intellektuelle, aufklärerische Aufarbeitung jener Menschenrechtsver-brechen im Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung - die hat nicht stattgefunden.
STRAFFREIHEIT FÜR FOLTERER
Von einigen kurzzeitigen Inhaftierungen abgesehen, wurde kein verantwortlicher Politiker oder Militär für Mord, Folterer, Verschleppung in jenen Schreckens-jahren vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Grund-lage für die Straffreiheit war ein Gesetz aus dem Jahre 1986 " über die Hinfälligkeit des Strafanspruchs des Staates" nicht zur Verantwortung gezogen. Die sterblichen Überreste von insgesamt 25 Verschwun-denen, die seit 1973 sterben mussten, sollen bereits schon im Jahre 1984 ausgegraben und daraufhin verbrannt worden sein. Die Asche sei in der Nähe eines Stadtrandviertels von Montevideo in den Rio de la Plata geschüttet worden. - Paradebeispiel, Spurenvernichtung, Vergangenheitsbewältigung in Uruguay.
ZERSTÖRUNG IN LIBERTAD
In Libertad, im Departement San José, 51 Kilometer von Montevideo entfernt, wurde gleichsam eine unschein-bare Kontinuität gewahrt. Aus dem einstigen KZ für politische Gefangene wurde ein Sicherheitstrakt für Schwerstverbrecher. Allein im Jahr 2002 erhöhte sich die Anzahl der Todesfälle innerhalb von fünf Monaten auf 14 Häftlinge. Nummer 13 wurde erhängt am Gefängnis-Fenster gefunden, Nummer vierzehn lag erstochen auf seiner Pritsche. Weitere vier Inhaftierte sind nach einer Revolte umgekommen. Sie protestierten gegen Überfüllung, gegen fortwährende Misshand-lungen. Zerstörung in Libertad. Behörden schalteten daraufhin den Strom ab, stellten Wasser- und Nahrungsmittelversorgung der Gefangenen ein. Nach Berichten von amnesty international wurden in Libertad vier weitere Tote gesichtet. Dem zuständigen Innenminister Guillermo Stirling (1998-2004) zufolge hätten sie Selbstmord begangen oder seien umge-kommen, als die Insassen "alte Rechnungen unterein-ander beglichen". Von den Medien befragt, verwechselte der Minister ein Gefängnis mit einem anderen. "Aber letztendlich", so befand er als Rechtfertigung sozusagen, "was soll's, ob alte oder auch moderne Sicherheitsgebäude tun nichts zur Sache, weil sich überall die Wärter nur noch in die Zelle trauen, wenn die Gefangenen gerade ihre Runden auf dem Hof drehen."
ZEITENWENDE
Der Widerstandskämpfer und linke Ex-Guerilleo José Mujica (*1935) hat am 1. März 2010 in Uruguays Hauptstadt Montevideo das Amt des Staatspräsidenten übernommen. Mujica engagierte sich in den sechziger und siebziger Jahren in der Guerilla-Gruppe Tupamaros gegen das damaligen Militärregime. Er war maßgeblich
an Überfällen, Entführungen und Bankrauben beteiligt. Dafür saß José Mujica insgesamt 15 Jahre, darunter im KZ-Libertad ein, davon fast 13 Jahre in Einzelhaft. Als neue Präsident des kleinen Landes rief er alle Parteien auf, nunmehr eine neue historische Epoche fur Uruguay einzuleiten.




Donnerstag, 4. November 1976

Sorgen des Arbeitsrichters Michael Vogel





















Gruppenbild mit Robe: zehn der zwanzig Richter vom Hamburger Arbeitsgericht im Jahre 1976. - Stets zu Zeiten wirtschaftlicher Talfahrten haben deutsche Arbeitsrichter Hochkonjunktur. Immer öfter werden Ar-beitnehmer fristlos entlassen, und fast jeder Gefeuerte ruft die Justiz um Hilfe an. Doch was nützt es, wenn die Kündigung "im Namen des Volkes" für unrecht erklärt wird? Der Job ist ohnehin weg; Billig-Jobs, rechtlose Jobs. Trübe Aussichten in Deutschland seit eh und je. Überlastete Richter, verschleppte Ver-fahren, Klagen über Klagen, Prozesstermine im Viertelstunden-Takt. Nur - wer sich nicht wehrt, hat schon verloren.

stern, Hamburg
04. November 1976
von Reimar Oltmanns

Die Herren in grauen Flanellanzug und schwarzer Robe kommen schnell zur Sache. Richter Michael Vogel über-fliegt noch einmal die Akte mit dem Geschäftszeichen 11 CA 1251/75 , die beiden Anwälte werfen einen Blick in ihre Unterlagen.

TRICKS MIT DER SCHWANGERSCHAFT

Vor dem Hamburger Arbeitsgericht geht es diesen Mitt-wochmorgen um den Fall Regina Würger. Die Konto-ristin war von ihrer Firma fristlos gefeuert worden. "Pro-bezeit ist eben Probezeit", Herr Vorsitzender. Es bleibt doch schließlich dem Unternehmer überlassen, ob er die Arbeitskraft nach drei Monaten weiterbeschäftigt oder nicht", trägt der Arbeitgeber-Anwalt selbstsicher vor. Die Gegenseite: "Das sind doch die üblichen Tricks, die Sie hier anbringen. Erst als Ihnen bekannt war, dass Frau Würger schwanger ist, haben Sie den auf unbe-stimmte Zeit geschlossenen Arbeitsvertrag zum Probe-arbeitsverhältnis deklariert, um meine Mandantin an die Luft setzen zu können." Für den 36jährigen Richter Vogel ist der Sachverhalt eindeutig, Die Kündigung von Regina Würger war unzulässig, weil der Paragraf 9 des Mutterschaftsgesetzes ein Entlassung während der Schwangerschaft ausschließt.

GEWONNEN - UND DOCH VERLOREN

Dieses am 7. April 1976 gefällte Urteil hilft der am 30. März 1975 gekündigten jungen Mutter aber nur wenig. Der Arbeitgeber legte Berufung ein. Darüber geht wieder ein halbes Jahr ins Land. Und erst wenn die Firma vor der nächsten Instanz, dem Landesarbeitsgericht, abermals verurteilt wird, muss sie die Klägerin wieder einstellen - was praktisch nie passiert oder ihr eine Abfindung von höchstens einem Monatsgehalt bezahlen.

IM VIERTELSTUNDEN-TAKT

Mit dem Fall Würger hat sich das Gericht zwanzig Minuten befasst. Das ist schon sehr viel in dieser Zeit, in der einem Fall durchschnittlich maximal eine Viertel-stunde zugestanden werden - im Durchschnitt versteht sich. Überall in Deutschland nimmt die Zahl der Arbeits-gerichtsverfahren rasant zu. Gerade in Zeiten wirtschaft-licher Talfahrten, Rezessionen, Betriebsschließungen - gar Entlassungen um nahezu 50 Prozent - geht es in vielen Gerichtssälen wie einst auf röhrenden Jahr-märkten zu. Rausschmiss ist der alles beherrschende Terminus dieser Jahrzehnte; verbrannte Erde vielerorts. Menschen hadern ihrer Berufsschicksale wie auf dem Bahnhofs-Basar im Wartesaal - irgendwo in diesem Land.

"NOTORISCHER TRINKER"

Dann ruft die Schriftführerin den Hafenarbeiter Werner Hüper in den Saal. Auf den Stühlen der Anwälte haben jetzt die Rechtsvertreter der Gewerkschaft ÖTV (seit dem Jahr 2001 Verdi) und des Unter-nehmens-Verbandes Hafen Hamburg Platz genommen. Hüper, seit sechs Jahren bei seiner Firma, verdiente als Stauervize zuletzt monatlich 4.200 Mark brutto. Ihm war gekündigt worden, so der Unternehmer-Anwalt, weil er ein "notorischer Trinker" sei. Schon im Jahr 1972 hätte man ihn wegen des "tiefen Blicks in die Schnaps-flasche" eine Lohngruppe tiefer eingestuft. Jetzt habe Hüper bei den Löscharbeiten am Schuppen 59 wieder besoffen, sei daraufhin schriftlich verwarnt worden und habe dann vierzehn Tage später im Vollrausch auf dem Gelände der Hamburger Stahlwerke herumkrakeelt. Der Unternehmeranwalt ruft laut in den Sitzungssaal 1387: "Aller guten Dinge sind drei. Die Kündigung war fällig."

KEINE ZEUGEN, KEINE BEWEISE

Die beiden Laienrichter - je einer vom Arbeitgeber-verband und von den Gewerkschaften bestimmt, an diesem Tage ein Handwerksmeister und ein Sparkassen-Angestellter - blicken auf Richter Vogel. Der Fall scheint klar zu sein. Für den Arbeitsrichter ist er es aber nicht. Immer wenn es laut wird im Saal - das passiert oft, und Spektakel stößt ihn nun mal ab -, vertieft sich Richter Vogel in die Akten. Und dort findet er heraus, dass Hafenarbeiter Hüper im Jahre 1972 zu Unrecht in eine niedrige Lohngruppe runtergestuft worden war. Hüper hatte erst nach der ersten Schicht etwas getrunken: er konnte nicht wissen, dass ihn die Firma auch noch für die zweite Schicht benötigte. Und für den letzten Vorfall konnte das Unternehmen nicht einen Zeugen benennen, der Hüpers angetrunkenen Zustand bestätigte.

ALKOHOLTEST

Der Alkoholtext, dem sich Hüper an dem umstrittenen Abend auf Veranlassung der Firma freiwillig unterzogen hatte, ergab zudem einen Promille-Satz von nur 0,7 bis 0,8. Hüper: "Der Erste Offizier hatte mich zu einer Flasche Bier und einem Glas Aquavit eingeladen." Das Urteil: "Das Arbeitsverhältnis der Parteien ist durch die Kündigung nicht aufgelöst worden." Der Hafenarbeiter hat seinen Rechtsstreit gewonnen. Aber die Gegenseite will Berufung einlegen.

EIN FALL FÜR DEN PSYCHIATER ?

Genauso geht es auch Peter Remmers. Dreizehn Jahre lang war er Arbeiter bei der Bundesbahn, jetzt muss er sich gegen den fristlosen Rausschmiss wehren. Für den Schranken- und Streckenwärterdienst, so erklärt der Anwalt der Bundesbahndirek-tion, sei Remmers nicht mehr tauglich, und andere Arbeitsplätze könne ihm die Bahn nicht anbieten. Er sei einmal als Streckenposten durch merkwürdiges Benehmen aufgefallen und des-halb ein Fall für den Psychiater. Obwohl wochenlange Untersuchungen in der Neurologischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Altona und im Landeskrankenhaus Schleswig keine Diagnose er-brachte, notierte der zuständige Bahnarzt, "dass bei Remmers mit Sicherheit eine Psychose vorliegt, die diesen für den Betriebsdienst und damit auch für den Baudienst untauglich macht."

KÜNDIGUNGS-WIDERSPRUCH

Auch der Kündigungs-Widerspruch des Personalrats ("Alle Fürsorgemöglichkeiten müssen ausgeschöpft werden") half nichts, Remmers verlor seinen sicher geglaub-ten Arbeitsplatz bei der Deutschen Bahn. Vom Makel des Bekloppten, des seelisch gestörten Mannes, konnte ihn das Arbeitsgericht zwar nicht befreien, gleichwohl wurde die Kündigung für rechtsunwirksam erklärt. Vogel: Die Behauptungen der Bundesbahn, Remmers sei aus gesundheitlichen Gründen für den Bahndienst un-tauglich, ist nicht durch einlassungs-fähige Einzelheiten begründet worden."

URTEILE AM FLIESSBAND

Wie an jedem Mittwoch, dem Sitzungstag der Elften Kammer des Hamburger Arbeitsgerichts, werden auch an diesem Tag Urteile am Fließband produziert. Im Gerichtsflur hat sich ein Völkergemisch versammelt. Griechen, Türken, Spanier, Kroaten mit ihren Dol-metschern und Anwälten sind der nächste Schub.

Wieder sitzt die Deutsche Bundesbahn auf dem Platz des Beklagten. Die Bahn-direktion hatte Mirko Stojanovic gekündigt, weil er im Wohnheim "Trave" einen Landsmann mit dem Brotmesser bedroht haben soll. Richter Vogel: "Was hat eigentlich der Arbeitsplatz mit dem Wohnheim zu tun? Oder gibt es für Gastarbeiter keine Privatsphäre?

PHRASEN - EIN STÜCK PAPIER

Beim Spanier Felipe Gonzales reichte es gar schon zur Kündigung, dass er seine "Schichtführerin Frau Karin Schulze vor allen Mitarbeitern ausgelacht habe, als sie die Notwendigkeit von Überstunden bekannt gab."

In beiden Fällen wies Richter Vogel die Kündigung als unzulässig zurück. Der Fall Gonzales war Michael Vogels 720. Urteilsspruch in seiner jetzt siebenjährigen Richterzeit. Anfangs hatte der Jurist geglaubt, "für ein Stück sozialer Gerechtigkeit sorgen" zu können. Diese Illusion hat die Alltagsroutine umgebracht. Vogel weiß nur zu gut, dass seine Urteile nicht viel mehr wert sind als ein Stück Papier.

Als Regina Würger, die Arbeiter Hüper und Remmers und die Gastarbeiter Stoja-novic und Gonzales gefeuert wurden,war es Anfang oder Mitte 1975. Als Richter Vogel zum Kammertermin vorlud, war der Kalender bereits zwölf Monate weiter.

ZEHN GEKÜNDIGTE - ACHT ARBEITSLOS

Von zehn Gekündigten, die vors Arbeitsgericht gehen, sind acht noch arbeitslos, als das Urteil gefällt wird. Die kurzen Kündigungsfristen, meist zwischen einer und sechs Wochen, und die sich dahinschleppende Justiz-bürokratie lassen die Beweiswürdigung der Arbeits-gerichte zur Farce werden. Richter Vogel: "Bei der ersten Verhandlung glauben sie meisten noch, sie würden mit Hilfe des Gerichts ihren Arbeitsplatz wieder-bekommen. Beim zweiten oder dritten Termin wird ihnen langsam klar, dass es letztlich nur um eine mehr oder weniger dürftige finanzielle Abfindung geht."

Denn kein Arbeitgeber kann durch richterlichen Be-schluss gezwungen werden, einen Arbeitnehmer wieder einzustellen. Auch wenn das Gericht die Kündigung für nicht Rechtens erklärt, kann der Unternehmer die Lö-sung des Arbeitsverhältnisses beantragen. Er ist auf Grund seiner Vertragsfreiheit nicht verpflichtet, einen ehemaligen Mitarbeiter neu zu engagieren. Sein einziges Risiko: Eine Kündigung kostet Geld.

REKORDJAHRE


Für Vogel ist die Funktion des Arbeitsgerichts eher "ein Regulativ für den Arbeitsmarkt als eine konjunktur-politisch unabhängige Rechtsprechung". Der Präsident des Hessischen Landesarbeitsgerichts, Hans Gustav Joachim, bezeichnet die Ohnmacht der Arbeitsrichter als "dramatisch, sozialstaatlich unerwünscht und verfassungsrechtlich nicht mehr zu verantworten." Seit dem Jahre 1970 steigen etwa in Hessen die Zahl der Arbeitsgerichtsverfahren ohne Unterlass; zwischen 1970 bis 1975 um 54 Prozent. Selbst zu Beginn der neunziger Jahre schnellten nochmals die Gerichtstermine um weitere 19,2 Prozent nach oben - auf etwa 35.000 Fälle pro Jahr.

EROSION VIELERORTS

Keine Frage - mit fragwürdigen "Hire-and-Fire"-Methoden wird der Kündi-gungsschutz allmählich zur Makulatur, befinden sich deutsche Arbeitsgerichte in einer stetigen Erosion. Allein in Bayern bräuchten Arbeitsrichter bei einer 40-Stunden-Woche ein ganzes Jahr, um nur die bereits angehäuften Verfahren abzu-arbeiten - vorausgesetzt es kämen keine weiteren dazu. In Köln muss jeder Arbeitsrichter bis zu 96 Verfahren im Monat durchziehen. Im Jahre 1972 brauchte er in der gleichen Zeit nur 65 Fälle.

EIN VOLK GEHT EIN UND AUS

Wirtschaftskrisen, ökonomische Strukturanpassungen, Zeiten existenzieller Ungewissheiten sorgen vor Deutsch-lands Arbeitsgerichten für eine stetige Hochkonjunktur. Allein in Stuttgart, dem drittgrößten Arbeitsgericht, stieg die Zahl der Klagen in den Jahren 2001 bis 2004 um 43 Prozent auf 20.000. Immer seltener kommt es zu einer vorprozessualen Einigung beim "Gütetermin". Nach der "primitiven Faustregel" (Vogel) "ein Jahr Betriebszugehörigkeit = ein Monatsgehalt Abfindung" konnte jahrelang unzählige Prozesse abgewimmelt werden. Heute sind die Parteien kaum noch kompro-missbereit. Die Arbeitgeber, weil sie die Zahlung einer Abfindung vermeiden wollen, die Arbeitnehmer, weil ihnen der Arbeitsplatz wichtiger ist als ein "lächerlicher Geldbetrag" (Vogel).

GEWERBEORDNUNG VON 1869

Michael Vogel bedrückt die sozialpolitische Verant-wortung der Arbeitsrichter. Er war jung im Amt, als konservative Richterkollegen ihre Urteile noch im Geiste der Gewerbeordnung von 1869 fällten. Danach konnte ein Geselle oder Gehilfe schon entlassen werden, "wenn er sich eines "liederlichen Lebenswandels" schuldig machte, einen Familienangehörigen des Arbeitgebers beleidigte oder "mit einer abschreckenden Krankheit behaftet" war. Erst die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD hat Anfang 1969 den Schutz vor fristloser Kündigung durch eine Generalklausel erweitert. Jetzt muss der Arbeitgeber den Kündigungsgrund konkret beweisen. Und es liegt im Ermessensspielraum des Richters, ob er den Entlassungsgrund anerkennt oder nicht.

93 MILLIONEN EURO IM JAHR ERSTRITTEN

Ihn - den Kündigungsschutz - ganz abzuschaffen oder in seinem Wesensgehalt zu verändern, bedeute in der Praxis, so Vogel "die Arbeitsgerichte abzuschaffen, und die Menschen vogelfrei ihrem Schicksal zu überlassen." Immerhin erstritten die Gewerkschaften allein im überprüften Jahr 1993 mit ihrer Rechtsbeihilfe vor Arbeitsgerichten Abfindungen und Nachzahlungen in erster Instanz eine Summe von 93 Millionen Euro.

SCHIELEN NACH OBER-INSTANZEN

Die fortschrittlichen Richter - die "politischen Richter", wie sie der Braunschweiger Oberlandesgerichts-präsident Rudolf Wassermann (*1925+2008; OLG 1971-1990) nannte, sind darüber entsetzt. dass die konserva-tiven Kollegen immer noch "verzweifelt in der Samm-lung der Urteile der Obergerichte suchen, um den Fall irgendwie hinzubiegen". Michael Vogel: "Auf diese Art Urteile zu sprechen, beweist doch nur die Ängstlichkeit dieser Kollegen. Es ist einfach bequemer, wenn man versucht, die mögliche Entscheidung der Ober-Instanz zu erraten."

LUKRATIVE NEBENJOBS

Genauso hart geißelt Vogel die außergerichtlichen Nebenjobs so mancher dienstbeflissener Kollegen, Wenn Unternehmensleitung und Betriebsrat etwa beim Abschluss eines Haustarifs oder einer Betriebsver-einbarung sich nicht handelseinig werden, stehen Arbeitsrichter gern als Vermittler bereit. Ihr Honorar beträgt zwischen zweitausend und fünftausend Euro. Dazu Vogel: "Diese Nebenverdienste bringen Firmen-abhängigkeiten mit sich. Beim nächsten Kündigungs-prozess mit einem solchen Unternehmen glaubt der Richter womöglich, er müsse besonders nett und vorsichtig sein, um das Management bei Laune zu halten." Befangenheiten, Abhängigkeiten.

KEINER KEHRT ZURÜCK

Es ist 13.30 Uhr. Noch ein Dutzend Kläger, Beklagte und Zeugen warten. Noch vier Fälle auf dem Terminzettel, bei einen liegt die Kündigung über ein Jahr zurück, bei dem jüngsten fünf Monate. In keinem Fall wird der Richter dem Entlassenen seinen Arbeitsplatz zurückgeben können. Vogel: "Der Gesetzgeber müsste endlich dem Kündigungsschutz besser absichern. Der Arbeit-nehmer sollte nach der Kündigung weiterarbeiten dürfen und die Kündigung erst dann gelten oder aufge-hoben werden, wenn das Arbeitsgericht rechtskräftig darüber entschieden hat." - Wunschvorstellungen eines Arbeitsrichters.

RIESENLÜGE ODER FARCE

"Solange keine Waffergleichheit zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer herrscht", bedeutet Vogel resig-niert, "frage ich mich manchmal, bei welcher Riesen-lüge und Farce wirkst du eigentlich mit?" Der Richter hängt sich die Robe um. geht wieder in den Sitzungssaal 138. Die Schriftführerin steht an der Tür und ruft auf: "Grobelny gegen Stoffers." Prozessgegenstand: Verweigerung, fristlose Kündigung.
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Postscriptum: Es ist mittlerweile im Jahre 2008 empirisch nachgewiesen, dass Lockerungen der ge-setzlichen Bestimmungen des Kündigungsschutzes keine neuen Arbeitsplätze geschaffen haben. Zudem gilt der gesetzliche Kündigungsschutz nur noch für jene Ar-beitnehmer, die im selben Unternehmen ohne Unter-brechung länger als sechs Monate beschäftigt sind. Viele Betriebe haben sich darauf verständigt, bei so genannten Neueinstellungen den ohnehin flexiblen Kündigungsschutz durch Zeitverträge zu unter-laufen. Somit dürfte sich alsbald der seit Jahrzehnten vorherrschende Ansturm auf Arbeitsgerichte alsbald zwangsläufig erledigt haben. Alle Streitigkeit in Sachen des sogenannten Befristungsrechtes im Rahmen der Hartz IV-Empfänger sind ohnehin der Sozial-gerichtsbarkeit zugeordnet worden. Im zeitaufwen-digen, individuellen Arbeitsrecht sollen künftig standardisierte Sammelklagen eingeführt, Massen-abfertigungen Maßstab sein. Dass da die Streitwert-Grenzen jeweiliger Kammern erheblich erhöht wurden, liegt ganz in Trend, für Mittellose mit Geld-Barrieren Gerichtszugänge zu erschweren; für viele Arbeitnehmer ohne Rechtsschutz sind schon zu Beginn des 21. Jahr-hunderts geradezu langatmige Gerichtsverhandlung kaum erschwinglich. Somit, steht zu befürchten: der Sozialstaat entlässt nicht nur seine Kinder, sondern der Rechtsstaat in Deutsch-land demnach alsbald auch seine Arbeitsrichter. Sicher? Ganz Sicher.