Donnerstag, 30. Mai 1974

Aus deutschen Landen - Sturmfest und erdverwachsen, so sind die Niedersachsen








































































Was ist los zwischen Harz und Nordsee, wo lange Jahre die Sozialdemokraten regierten, die Bauern herrschen, wo die meisten Eier gelegt und die meisten Rüben gepflanzt werden, wo die Pinkelwurst zum Grünkohl gegessen wird und die größte Autofabrik Europas immer wieder in rote Zahlen gerät? - Sittengemälde eines deutschen Landstrichs aus den vergilbten siebziger Jahren.
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stern, Hamburg
30. Mai 1974 / 8. Januar 1976
von Reimar Oltmanns
und Cornelius Meffert (Fotos)
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Der Niedersachse isst gern fette Pinkelwurst mit Grünkohl oder Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Ein Bier und einen doppelten Korn ("Ein Stein, ein Bock") kippt er schon früh morgens herunter. Der Niedersachse - den es in so reiner Form natürlich nicht einmal in der Statistik gibt - hält sich für trinkfester als den Bayern und singt bei Schützenfesten wie eh und je die "Welfenhymne": "Wir sind die Niedersachsen, Sturmfest und erdverwachsen."
GRÖSSER ALS DÄNEMARK
Im Land zwischen Nordsee und Harz, zwischen Elbe und Weser wachsen nicht nur die meisten Zuckerrüben von ganz Europa, sondern werden auch die meisten Eier von ganz Deutschland gelegt. Dort leben fast fünf Mal so viele Hühner wie Menschen. Und das Land zählt so viele Wähler, wie es Schweine hat: rund fünf Millionen. - Niedersachsen ist größer als Dänemark und hat mit sieben Millionen Menschen mehr Einwohner als die Schweiz. Nach Bayern, hat es die zweitgrößte landwirtschaftliche Nutzungsfläche des Bundesgebietes, mit seiner Industrie rangiert es erst an vierter Stelle.
MACHTFAKTOR: SCHWEINE UND KÜHE
Dieses Land wurde drei Jahrzehnte ununterbrochen sozialdemokratisch regiert ( von Hinrich Wilhelm Kopf *1893 +1961 zu Beginn der Nachkriegszeit bis ins Jahr 1976 von Alfred Kubel* 1909+1999). Aber nur wer über Schweine und Kühe herrschte, hatte Jahrzehnte alle Macht in den Händen", sagte einst stolz Edmund Rehwinkel (*1899+1977 ) bis 1969 Präsident des Deutschen Bauernverbandes auf seinem "Waffenhof" im hannoverschen Westercelle.
LANZEN EINGELEGT
"Mit meiner einen Million Bauern im Rücken, aufgesessen und Lanzen eingelegt, haben wir hier die Politik bestimmt. Da hatte ich mehr zu sagen als die Minister der Landesregierungen", brüstet sich der heute 75jährige Bauernführer. "Wir waren die militanteste Bauernorganisation in Deutschland." Da wurden Kampffonds gebildet, für Preiserhöhungen Bauernmassen mit Treckern in Marsch gesetzt, ein Milchpreiskrieg gegen Bremen und Hamburg geführt.
ZUR ZEIT HEINRICH DES LÖWEN
Wenn Edmund Rehwinkel nicht wollte, kamen sogar Gesetzespläne des ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf (1946-1955, 1959 bis 1961) gar nicht ins Parlament. Als Anfang der 50er Jahre die Bauern durch ein Forstgesetz zur Arbeit in den von der Besatzungsmacht abgeholzten Wäldern verpflichtet werden sollten, widersprach Rehwinkel: "Wilhelm, was brauchen wir ein Forstgesetz. Die Wälder forsten wir Bauern schon allein wieder auf." Der Entwurf fiel unter den Tisch. Edmund Rehwinkel ist noch heute stolz darauf, dass er, erst in Niedersachsen, später auf Bundesebene, die Befreiung der Landwirte von der Umsatzsteuer und die Dieselkraftverbilligung durchsetzte. Damals schlug Hinrich Wilhelm Kopf dem Bauernführer vor, so erinnert sich Rehwinkel: "Edmund, mach doch aus deinem Landvolkverband eine Landvolkpartei. Dann können wir Sozialdemokraten mit euch zusammen allein regieren. Dann wäre Niedersachsen wieder, wie einst zur Zeit Heinrichs des Löwen, der mächtigste Staat im Staate."
PREUSSEN-SCHOCK
Stark und mächtig möchten die Niedersachsen schon sein. Bis heute haben sie sich von ihren Preußenschock nicht erholt: Dass sich der blinde Welfenkönig Georg V. von Hannover 1866 gegen die Preußen bei Langensalza kampflos geschlagen gab und sein Land von Preußen einkassieren ließ. Erst als die Alliierten im Jahre 1946 Niedersachsen zu einem Bundesland machten, "kamen wir wieder an den Drücker" (Rehwinkel ).
DOPPELKOPF IN ALTSTADT-KNEIPEN
Wer in Niedersachsen nach dem Krieg auch das Sagen hatte, ob der Bauernführer, der konservative Sozialdemokrat Kopf, die ehemaligen Bundesminister Hans-Christoph Seebohm (1949-1966; *1903+1967) und Heinrich Hellwege (1949-1955; *1908+1991), erst in der stramm nationalen "Deutschen Partei", dann in der CDU, ob in Hannover eine Große Koalition herrschte oder die Christdemokraten in der Opposition standen: Alle fühlten sich zuerst als Welfen, dann als Parteipolitiker, Nach harten Redeschlachten im Provinz-Parlament hockten die "Kopf und Hellweges" einträchtig in hannoverschen Altstadt-Kneipen zusammen, spielen Skat oder Doppelkopf und machten sich lustig über den Spektakel, den sie gerade im Landtag für die Öffentlichkeit veranstaltet hatten.
UR-GESTEIN
Es waren auch die Zeitläufte, Jahrzehnte eines noch erkennbaren niedersächsischen Ur-Gesteins im deutschen Journalismus. Unverwechselbar hat er seine Nachrichten-Geschichten und Reportagen oft mit hintergründiger Ironie und Beobachtungsgabe formuliert. Der Spiegel-Korrespondent zu Hannover, Wolfgang Becker (*1922+2008), wurde schon zu Beginn der sechziger Jahre zur Legende. Mit Vorliebe traf er meist seine Informanten an Bier-Tresen oder Eckzimmern stadtbekannter Pinten. Zwischendurch verschwand Spiegel-Becker immer wieder mal aufs Klo, um Zitate seiner Gesprächspartner auf Bierdeckel oder Quittungen zu notieren.
SCHNÜFFEL-HONORARE
Wolfgang Becker wurde in seinen journalistischen Jahrzehnten zu einer unbestechlichen Instanz - kritisch und frei - im Niedersachsen-Land. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit gewinnt erst bei näherer Betrachtungsweise an Tiefenschärfe, an Gewicht - gemeint ist die allseits um sich greifenden, unauffällige journalistischer Käuflichkeit; Gefälligkeitsberichte genannt. Es blieb dem Verfassungsschutz-Chef Joachim Bautsch in Hannover vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass zwölf Korrespondenten namhafter Zeitungen auf der Gehaltsliste seiner Schnüffel-Behörde stehen; jedenfalls als "besonders gute Gelegenheitsinformanten". ihr Handwerk versehen. Deshalb wünsche er sich, dass noch mehr spürsinnige Redakteure mit dem Inlands-Geheimdienst zusammenarbeiteten.
WELFEN-KUMPANEI
Zumindest in der Politik fand die ehrbare Welfen-Kumpanei erst ein jähes Ende, als die Große Koalition im niedersächsischen Landtag 1970 zerbrach. Mit dubiosen FDP- und rechtsradikalen NPD-Überläufern wollten die Christdemokraten den SPD-Ministerpräsidenten Georg Diederichs (*1900+1983) stürzen und ihren Vorsitzenden Wilfried Hasselmann (*1924+2003) auf den Stuhl Landesvater-Stuhl hieven. Sie wähnten sich zu besagter Zeit schon als gestählte Sieger des Machtwechsels. Im Fraktionssaal stimmten die CDU-Männer bereits ihr "Niedersachsen-Lied" an. "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen ... Heil, Herzog, Widukinds Stamm." Doch der CDU- Coup scheiterte. In den Landeswahlen 1970 bekam die FDP mit ihren 4,4 Prozent nicht einen einzigen Abgeordneten ins Parlament, und SPD-Ministerpräsident Alfred Kubel (1970-1976; *1909+1999) musste seitdem mit einer Stimme Mehrheit (SPD: 75, CDU: 74) im hannoverschen Leineschloss regieren.
"LUMPENPACK"
Jetzt schimpfen beide Seiten nur noch übereinander: "Mit diesem Lumpenpack diskutiere ich nicht mehr" (Kultusminister Peter von Oertzen, SPD (*1924+2008) zur CDU. - "Sie sind ein Menschenverächter" (CDU-MdL Edzard Blanke zu Ministerpräsident Alfred Kubel) - "Hier wird Sozialismus auf dem kalten Wege eingeführt" (Niedersachsen CDU-Generalsekretär Dieter Haaßengier zur SPD. Wenn die CDU am 9. Juni 1974 die absolute Mehrheit gewinnen sollte, will Oppositionsführer Wilfried Hasselmann, ein Neffe Rehwinkels, deshalb auch gleich alle "linken Sozialdemokraten" aus den Ministerien feuern.
FRAUEN-FEINDLICHE WITZCHEN
Er ist der Motor einer wie auch immer lancierten "geistig-moralischen Wende", die es von langer Hand vorzubereiten gilt. Hemdsärmelig zieht der gelernte Bauer durch Rathäuser und über Schützenplätze; schulterklopfend bei Bier und Korn mit frauenfeindlichen Witzchen im Repertoire. ("Ach, gnädige Frau, wie fühlen wir uns denn, wenn wir unsere Tage haben") . Die SPD schaut bei derlei Volkstümelei hilflos drein. Artig wirft sie den Konservativen lediglich vor, sie hätten keine politischen Alternativen anzubieten und schürten nur Angst und Verdrossenheit im Lande. Und der 1970 geschlagene FDP-Chef Rötger Groß (Innenminister 1974-1978, *1933+2004), passionierter Nicht-Reiter, setzt sich für den Wahlkampf sogar auf ein Pferd, um das "Niedersachsen-Roß wieder auf Trab zu bringen". Groß: "Das ist doch ein müder Gaul geworden."
DORFSCHWOF, "BULLENSCHLUCK"
Doch die Menschen auf dem Lande lassen sich nicht durch Reiterkunststücke und auch nicht durch die CDU-Parole "Ran mit Hasselmann" oder den SPD-Slogan "Niedersachsen in fester Hand" aus der Ruhe bringen. Hier zählen das Schützenfest und der Dorfschwof am Sonnabend, der Ammerländer Schinken und der hochprozentige "Bullenschluck" mehr als schwarz-rote Konfrontationspolitik. Und bei der Lokalpolitik machen heimatliche Matadoren das Rennen. Ein Beispiel: Obwohl SPD und FDP bei den letzten Gemeinde-Wahlen in Bad Zwischenahn die absolute Mehrheit im Gemeinderat gewannen, blieb CDU-Landtagsabgeordneter Diedrich Osmers Bürgermeister.
MEINUNGS-DRUCK
Osmers erzählt, wie er es wieder hingekriegt hat: Eine CDU-gesteuerte "Bürgerinitiative" sammelte am Sonntag nach der Wahl 4.800 Unterschriften für ihn, und die Siegerparteien mussten sich dem "öffentlichen Meinungsdruck" beugen. Seine Freunde sind von Kneipe zu Kneipe gezogen. "Als die Leute besoffen waren, wurden die Listen eingesammelt und wieder woanders hingelegt" (Osmers).
HÜTER VON ANSTAND UND TRADITION
Als Hüter von Anstand und Tradition treten überall im Lande die Herren vom Kleinkaliber auf. Mit 250.000 Mitgliedern ("Üb' Aug' und Hand fürs Vaterland") hat Niedersachsen die stärksten Schützenverbände in der Bundesrepublik. Die Schützen fühlen sich aufgerufen, die "bedrohte Gesellschaftsordnung" zu verteidigen. Ehrenpräsident Gerd Müller im April 1974 auf dem nordwestdeutschen Schützentag: "Wenn wir keinen Durchbruch schaffen, hat die Menschheit keine Existenzberechtigung mehr. Der Schützenverein ist die einzige unpolitische Organisation, die wieder auf Menschen Menschen machen will."
MONOPOL DER KATHOLIKEN
Im südoldenburgischen Vechta, wo es kaum Industrie gibt, haben CDU und katholische Kirche das Monopol. Jeder zweite geht regelmäßig zum Gottesdienst und zur Beichte. Etwa 70 Prozent wählen christdemokratisch. Hier verdient die Bevölkerung am wenigsten, ist die Arbeitslosigkeit am höchsten, sind die kinderreichsten Familien der Bundesrepublik zu Hause. Weniger verdient wird auch im Emsland: Der Durchschnittslohn eines Arbeiters in Aschendorf-Hümmling ist 930 Mark im Monat (Bundesdurchschnitt 1170 Mark). Der Geburtenüberschuss beträgt in Vechta dafür 8.8 Prozent (Bund: minus vier).
"LASS JUCKEN KUMPEL"
In dem 25.000-Einwohner-Städtchen, wo Weihbischof Freiherr Max Georg von Twickel über Gut und Böse befindet, sind Sex-Filme ("Lass jucken, Kumpel") zwar Kassenmagnete in den Kinos. Aber Antibabypillen müssen sich Studentinnen der Pädagogischen Hochschule im schwarzen Vechta für 9.50 Mark auf dem grauen Markt beschaffen (Ladenpreis: 7,25 Mark). Apotheker und bekennender Katholik Hermann Bockstiegel prüft mit Argwohn, ob die Kundinnen, die ein Pillenrezept vorlegen, auch verheiratet sind. Frauenarzt Holger Wirmer will Studentinnen sowieso kein Rezept ausstellen: "Gerade die Intelligenz muss sich vermehren."
KLEINBÜRGERLICHE RADIKALITÄT
Im Südosten Niedersachsens, in Braunschweig und seinem Umland, tritt "kleinbürgerliche Radikalität an die Stelle des ländlichen Konservativismus", erklärt Oberlandesgerichtspräsident Rudolf Wassermann (*1925+2008). Die Braunschweiger ließen sich schon oft von extremen Bewegungen mitreißen. In der Stadt Heinrich des Löwen zwangen 1918 die Bürger den Welfen-Herzog Ernst August (*1897+1953) zum Thronverzicht. Und dort, wo dann der sozialdemokratische Krankenkassen-Angestellte und spätere DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl (*1894+1964) zum Justizminister ernannt wurde, marschierten 1931 riesige SA-Kolonnen stundenlang durch das Stadt-Zentrum. 1932 wurde Adolf Hitler vom Braunschweiger Innenminister zum Regierungsrat ernannt, damit er deutscher Staatsbürger wurde und für die Reichstagswahl kandidieren konnte.
BRAUNE "KLEINSTADT-ELITE"
Zu jener Zeit versammelte sich die "Kleinstadt-Elite", etwa des Städtchens Schöningen am Elm, all abendlich zum Fanfaren-Stoß vor dem stattlichen SA-Uniformgeschäft auf dem Markt; ein Fanfaren-Stoß als Genugtuung, ein Fanfaren-Stoß auf das "Tausendjährige Reich" - "Nun laßt die Fahnen fliegen", schallte es in diesen düsteren Jahren in die Gassen hinein. Und zum Tanzen gingen Hitlers Deutsche natürlich in den legendenumwobenen "Schwarzen Adler" mit seinem prächtig ausstaffierten Parkettsaal - abends. Denn tagsüber schlugen, folterten SA-Schergen in seinen Kellerräumen jüdische Mitbürger zum KZ-Abtransport in Viehwagen windelweich.
RESTAURATIVER NEUBEGINN
Hier agierten Hitler-Jungen der letzten Tage und Männer nach dem Zusammenbruch der ersten Stunden; enge, mitunter unbelehrbare Geister des restaurativen "Neubeginns." Einer von ihnen - noch vielen in markanter Erinnerung - war der unscheinbar dreinschauende Elektriker Lothar Liehr* . Ein junger Mann, ein Energie-Bolzen, ein Selbst-Darsteller, der mit dem Knüppel aufgewachsen, durch und mit dem Knüppel sozialisiert worden ist - mir nichts dir nichts ging er auf die Leute los. "Privat-Unterricht" oder auch "Erklärungsmuster" für Braunröcke hatte Liehr als eingeschriebener HJ-Pimpf beim Polizeihauptmann Karl Stockhofe, dem KZ-Kommandanten zu Moringen (Juni 1933), in den angrenzenden Wäldern um Braunschweig bekommen. Damals ging es in seinem Örtchen jedenfalls zentral darum, wie er als führender Hitler-Junge "zur Sache" gehen soll. Schöningen sollte in jenen Jahren schnellstens "judenfrei" werden. Schließlich war er , Liehr, bereit, "für Deutschland zu sterben". Das wiederholte er gern und immer wieder - ungefragt versteht sich. Da wurden halt überall jüdische Lädchen kurzerhand ausgeräumt, Scheiben zerdeppert, Kassen geplündert, Frauen mit zerrissenen Kleidern auf den Marktplatz gezerrt.
WENDEHALS
Zweifelfrei war Hitler-Junge Liehr , selbst in seiner Familie zuweilen als Knüppel-Liehr gescholten, auch nach dem Kriege ein Mann der ersten Stunde; zunächst als nächtlicher Kohlen-Dieb auf den Abstellgleisen des Bahnhofs, wo er mit Briketts beladenen Waggons seine Säcke füllte. Sodann ganz nach dem Roman-Motto des Gottfried Keller (*1819+1890) "Kleider machen Leute", in der frischen eingepassten Ausgeh-Uniform der neu sortierten Ordnungshüter : mit Koppel, Knüppel, Helm, und Stiefel, Motorrad-Montur. Wendehälse mit Kalendersprüchen.
HITLER-JUNGE MIT BAUSPAR-VERTRÄGEN
Meist waren es Freunde und Bekannte aus unrühmlichen Tagen, aber sie freuten sich, waren richtig stolz auf ihren alten Kumpanen, als ihr Lothar in der frischen Ausgeh-Uniform eines Bereitschafts-Polizisten die Niedernstraße, dem Geschäftsboulevard der Kleinstadt, hoch und runter marschierte. "Siehe ,da läuft doch unser Lothar, tönte es vom Butzenscheibensims des Fahrrad-Händlers Kröckel. Endgültig vergangen, vergessen, schienen auch jene unliebsamen Momente, in denen sich "uns Lothar Liehr " im verwaschenen "Blaumann" eines Elektriker-Lehrlings zu zeigen hatte. "Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre und Schöningen bleibt doch Schöningen, wir waren wer, wir sind wieder wer", weissagte er da. - Ehedem in der Uniform eines Hitler-Jungen, nunmehr mit Bauspar-Verträgen des Beamten-Heimstätten-Werkes aus Hameln. Marktplatz-Idylle. Deutsche Verhältnisse. Atemnot.
ZONENGRENZE
Barometer politischer Strömungen ist Braunschweig seit Kriegsende nicht mehr. Die nahe "Zonengrenze" hat die Stadt von ihrem wirtschaftlichen Hinterland abgeschnitten. Zwar fließen seit Jahren Steuergelder in Millionenhöhe in den 560 Kilometer langen Grenzlandstreifen. "Jedoch ohne großen Erfolg", klagt Schöppenstedts SPD-Landrat Helmut Bosse. Von der Zonenrandförderung profitieren wenige Großunternehmen wie das VW-Werk in Wolfsburg. Doch in den Grenzkreisen Gifhorn, Helmstedt oder Wolfenbüttel investierte kein kapitalkräftiger Wirtschaftsbetrieb. Das Helmstedter Kohlenkraftwerk musste in den vergangenen Jahren sogar 4.000 Arbeiter entlassen. Braunkohle war nicht mehr gefragt. - Tote Hose vielerorts, fast überall.
VERGREIST - AUSGEBLUTET
Die Gegend, in der einst Till Eulenspiegel (*1300+1350) den Bürger seinen nackten Hintern präsentierte, ist ausgeblutet. Die Kleinstädte Schöningen oder Schöppenstedt sind vergreist. Zwei Drittel der Bevölkerung im Zonenrand ist älter als 60 Jahre. Nach dem Schulabschluss verläßt die Jugend fluchtartig ihre triste Heimat. Zurück bleiben Krämerläden, verfallene Häuser, Kleingärten, Braunkohlegeruch.
HOFFNUNG HEISST VW
Dagegen ist das Volkswagenwerk in Wolfsburg trotz mancherlei Absatzkrisen und Einbrüchen ein Lichtblick an der DDR-Grenze. Ohne das Wirtschaftswunder VW wäre die Industrialisierung des Agrarlandes noch langsamer vorangekommen. Dafür sind jetzt Hunderttausende Existenzen von dem größten europäischen Automobilproduzenten abhängig: 6.500 Zuliefererbetriebe in der Bundesrepublik und jeder vierte Arbeitsplatz in Niedersachsen. Kriselt es bei VW, dann schlittert das ganze Land in die Flaute. Arbeitslosigkeit und Steuerausfall sind die Folgen. 470.000 unverkaufte Autos auf der Halde und geschätzte Jahresverluste von 250 Millionen Mark lösten im hannoverschen Wirtschaftsministerium Unruhe, Panik aus. Doch Minister Helmut Greulich (*1923+1993) ist optimistisch: "Mit den drei neuen Kleinwagen, die VW im Herbst auf den Markt bringt, werden wir die Talsohle sicherlich überwinden."
KEKSE, SCHNAPS, GUMMI
Ohne VW geht, läuft nichts in diesem Land. Und das wird auch in Zukunft so bleiben. Und das trotz Continental-Reifen und Bahlsen-Kekse aus Hannover, Stahl aus Peine-Salzgitter, Olympia-Schreibmaschinen aus Wilhelmshaven, Nino-Textilien aus Nordhorn und Doornkaat aus Norden. Immerhin hat Niedersachsen seine Industrie-Produktion seit 1950 auf rund 30 Milliarden Mark jährlich verzehnfachen können.
ALLMACHT-FANTASIEN
Neuerdings wollen auch die Ostfriesen ins Milliardengeschäft einsteigen. Südlich des Fischerdorfes Greetsiel, wo noch Milchkühe hinter dem Deich grasen, der alte Krabbenfischer Jan Müller mit seinem Schlickrutscher durchs Watt zieht und Aale aus den Reusen holt und der Gesangsverein "Seeschwalbe" das Lied der österreichischen Schlagersängerin Lolita "Seemann, deine Heimat ist das Meer" schmettert, soll im Dollart der größte Schiffsanlegeplatz der Nordsee gebaut werden. - Fantasien von einem besseren Leben. "Ohne diesen ostfriesischen Hammer", so SPD-Landtagsabgeordneter Johann Bruns (MdL 1970-1994) "haben wir keine Zukunft. Denn die Tage des Emder Hafens als Umschlagplatz für Massengüter sind gezählt," Im Lauf der nächsten zehn Jahre wollen die Ostfriesen sogar den Welthäfen Hamburg und Rotterdam Konkurrenz machen.
HOCHBURG DER SOZIALDEMOKRATEN
Emden und sein Hinterland, die Krummhörn, ist eine traditionelle Hochburg der Sozialdemokratie. Hier engagierte sich im 16. Jahrhundert der rechtsgelehrte Bürgermeister Johannes Althusius schon 150 Jahre vor Jean Jacques Rousseau (*1712+1778) für die Volksdemokratie, hier organisierten Deicharbeiter im 18. Jahrhundert die ersten Streiks in Deutschland.
8.000 ARBEITER FÜR WILLY BRANDT
Beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt (1969-1974) im Sommer 1972 demonstrierten 8.000 Arbeiter der Nordsee-Werke und der VW-Niederlassung in Emdens Innenstadt. "Wäre Brandt abgewählt worden", sagt der Betriebsratsvorsitzende Walter Gehlfuß, "hätten wir eine Revolution gemacht. Verständlich, dass in einer solchen auf die SPD eingestimmten Atmosphäre an der Nordsee-Küste, auch nur kleinste Verrenkungen ihrer SPD-Prominenz wohlwollend registriert werden.
FRAU SCHRÖDER II.
Aufgeregt und üppig eingeschenkt wusste jedenfalls die Emder Zeitung im Jahre 2005 davon zu berichten, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder (1998-2005) sich gern und Presse wirksam seiner fünf Schwiegermütter erinnert. Im speziellen Anliegen der Anneliese Taschenmacher, Frau Schröder die Zweite ( 1972-1984). Dort im Vorort Larrelt einsilbiger Kinkerbauten in einem der kleinen Reihensiedlungen verbrachte Schröders zweite Schwiegermutter Alma mit 82 Jahren ihren Lebensabend. Naheliegend, dass Emdens Oberbürgermeister Alwin Bringmann Liebesgrüße mit Blumen aus Berlin aus dem Kanzleramt überbrachte. Schließlich habe Gerhard in den siebziger Jahren bei den Taschenmachers Nächte durch Ostfriesen-Skat gespielt und ist morgens gleich "mit unserer Anne" an den Deich gegangen. "Da sollen sie immer stur in Richtung Holland geglotzt haben. Ja, ja", schmunzelte Ex-Schwiegermutter Alma ein wenig Gedanken verloren, das sei aber nicht der erste Schröder-Gruß gewesen. Einmal, erzählte sie plötzlich, habe sie einen ganz langen Brief aus privatem Anlass (Scheidung?) auch schon mal von Schröder bekommen - der kam allerdings nicht aus Berlin, sondern noch aus Hannover. Denn da war "der Gerhard mal niedersächsischer Ministerpräsident" (1990-1998). Abgesang. Schnelles Ende.
MILIEUSPRÜNGE (I)
Ebenso schnell schießen die Genossen im Arbeiterviertel Hannover-Linden ihre Landesminister ab, wenn sie sich nicht an der Basis "bewähren". Der Maschinenschlosser Bruno Orzykowski (MdL 1970-1978), Betriebsratsvorsitzender der Vereinigten Aluminium-Werke siegte 1970 bei der Kandidatenaufstellung über seinen Konkurrenten, Innenminister Richard Lehners (*1918+2000), und erzielte das zweitbeste Wahlergebnis der SPD. 1974 schlug er bei der Kandidatenaufstellung Sozialminister Kurt Partzsch (*1910+1990). Dazu Orzykowski: "Die Genossen wollen keine Parteidenkmäler mit Heiligenschein, sondern Politiker, die in ihrem Wahlkreis arbeiten."
MILIEUSPRÜNGE (II)
Jahressprünge - "Tempora mutantur,nos et mutamur in illis" (Die Zeiten ändern sich , und wir ändern uns mit ihnen). Es ist Freitagabend 2o Uhr am 17. April 2004. Schröder-Zeit, Schröder-Fest der merklich Angekommenen - Ausnahmezustand am Aegi zu Hannover. Sicherheitsstufe eins, der Friedrichswall halbseitig gesperrt. Gerhard Schröder gedenkt mit 450 erlesenen Gästen im Theater am Aegi seines 60. Geburtstages. Schulterklopfen. Im Minutentakt kurven gepanzerter Limousinen vor: Staatsmänner von fern, Politiker von nebenan, Schauspieler, Literaten, Hofschreiberlinge Wirtschaftsbosse. Medienrummel gibt's nur draußen vor der Tür, drinnen wird's "gemütlich". Alles ist in warmen Rot gehalten.
MILIEUSPRÜNGE (III)
Rote Nelken, rote Sitzkissen, rote Bändchen um die Blumenbestecke. Wenigstens die Dekoration soll noch daran dezent erinnern, dass es früher in Sachen rot mit seiner roter Wut einmal ganz anders war. Nunmehr zeigt der Taktstock viel Brioni, viel Satin in einem erkalteten deutschen Interieur neureicher Auffälligkeiten. Schröder-Jahre, Zeit der Angekommenen. Aus den Lautsprechern scheppern die "Capri-Fischer" fürs Ohr und Gemüt, gegessen wird niedersächsisch: Fischhäppchen und natürlich Nienburger Spargel. Viel hat sich getan, Aufstieg, Klamotten, Nippes, Kosmetik, prendre goût - Frauen-Geschmack.
KUMPEL DES DURCHBRUCHS
Ganz am Rande des Par-Venu-Geschehens lauert ein untersetztes Männchen, dessen Pausbäckchen sich vor Lachen gar nicht beruhigen mögen. Genugtuung ist angesagt. Ganz still und unauffällig gewiss auch für ihn. Denn Reinhard Scheibe, einst linker Rebell, ärmlicher Flüchtling, Lehrer über den zweiten Bildungsweg , - und vor allem Gerhard Schröders Freund; eine Art Lebensversicherung. Er durfte sich zeitweilig gar sein Staatssekretär (1990-1991) nennen. Nunmehr fungiert Genosse Reinhard in seiner Eigenschaft als Toto-Lotto-Chef Niedersachsens, mausert sich zum Mäzen für Festivals, Ausstellungen, Konzerte. Millionen werden da in "linken" Händen hin und her geschoben. "Lotto-Spieler wollen immer etwas gewinnen", sagt Scheibe verschmitzt; eine Art Regierungserklärung dieser Jahre - Schröder-Jahre. Das war es dann auch schon. Wenn man einmal von "Super-Modell" des Jubilars absieht. Er trägt immerhin ein Anzug für 3.000 bis 5.000 Mark. Da darf es an der Seidenkrawatte (150 Mark) natürlich nicht fehlen. - Herren-Leben.
UNTERRICHT SCHICHTWEISE
Nur in Hannover-Linden mit seinen 32.000 Einwohnern ist in den vergangenen 20 Jahren für die Lebensqualität wenig getan worden. Armut wird zusehends größer. Alte Menschen vegetieren irgendwie vergessenen, kaum beachtet in abseits gelegenen Hinterhöfen. Gastarbeiter hausen zusammengepfercht in brüchigen Altbau-Wohnungen, die Krankenhäuser sind überfüllt. Die 720 Ganztagsschüler der integrierten Gesamtschule müssen schichtweise unterrichtet werden, in Schichten essen und manchmal sogar auf der Straße Schularbeiten machen. 87 Prozent der Wohnungen haben kein Bad und keine eigene Toilette. Noch immer gibt es das Plumpsklo auf dem Hinterhof und die Wasserstelle im Keller. Modell Deutschland? Soziale Wirklichkeit in Niedersachsen.
3.000 LUXUSWOHNUNGEN LEER
"Ich bin im Landtag der Buhmann, weil ich über den sozialen Wohnungsbau schimpfe", sagt Bruno Orzykowski. "In Hannover stehen immerhin 3.000 Komfort-Wohnungen leer, und warum werden für den Ausbau des Niedersachsen-Stadions 26 Millionen und für ein Sprengel-Museum 60 Millionen Mark verschleudert, wenn für die Altstadtsanierung nur fünf Millionen Mark übrigbleiben? Nur wenn hier in unserem Arbeiterviertel wirklich was besser wird, können wir die Wähler auf unsere Seite ziehen."
TOTALE MOBILMACHUNG AUS BONN
Nicht mit Landespolitik, sondern mit einer totalen Mobilmachung aller Bundespolitiker wollen die Parteien auf dem Nebenkriegsschauplatz Niedersachsen die Vorentscheidung über das Schicksal der Bonner SPD/FDP-Koalition (1969-1982) erzwingen. Gewinnt die CDU die absolute Mehrheit, könnten die Unionsparteien noch mehr als bisher die sozialliberale Regierungspolitik im Bundesrat blockieren. Sie hätten dann in der Länderkammer eine 26:15 Mehrheit (bisher 21:20). Und im entscheidenden Vermittlungsausschuss aus Mitgliedern des Bundestages und des Bundesrates wäre der Vorsprung der Regierungskoalition weggeschmolzen.
FRÜHLINGS-GEFÜHLE DER CDU
CDU-Chef Helmut Kohl (1973-1998) und sein Provinz-Fürst Wilfried Hasselmann (1968-1990) haben ihre Wahlkampfstrategie auch deshalb auf bundespolitische Themen abgestellt, weil es der Union schwerfällt, die Erfolge der sozialdemokratischen Regierung zu leugnen. So finster es in Hannover-Linden auch aussieht, in den vergangenen Jahren wurden in Niedersachsen immerhin:
0 120.000 Arbeitsplätze geschaffen,
0 30.000 Kindergartenplätze eingerichtet,
0 53.000 Wohnungen gebaut,
0 400 Industriebetriebe neu angesiedelt,
0 500 Kilometer Straßen gebaut,
0 zwei neue Universitäten gegründet (Osnabrück
und Oldenburg); die Zahl der Studenten stieg von
38.900 auf 57.000,
0 14.300 neue Lehrer eingestellt,
0 für 10.000 Kinder Vorschulunterricht eingeführt.
ANGSTMACHE VOR ROTEM GEGNER
Ein Leistungskatalog, den sogar die konservative "Hannoversche Allgemeine" als "solide Bilanz" bezeichnet. Der gegenüber hat es die CDU mit der Angstmache vor dem roten Gegner schwer. Der hannoversche CDU-Generalsekretär Dieter Haaßengier fordert die Niedersachsen auf, christdemokratisch zu wählen, damit "Deutschland nicht unabwendbar dem Sozialismus entgegenrutscht". Und der CDU-Abgeordnete Helmut Tietje warnte in Cuxhaven gar vor einem "roten 1933", der am 9. Juni 1974 Realität werden könnte.
BONNER REGIERUNGSKRISE
Am 9. Juni 1974 kann sich aber kein "roter" und noch nicht einmal ein sozialdemokratischer Alleinsieg verwirklichen.Auch den die SPD-Spitze mit Vorsitzer Willy Brandt, Kanzler Helmut Schmidt und Herbert Wehner in den letzten Wahlkampfwochen unwartete Einigkeit und Stärke demonstriert - die absolute Mehrheit in Niedersachsen ist nach den Niederlagen in Hamburg, Schleswig-Holstein und im Saarland und auch nach der fortwährenden Bonner Regierungskrise unrealistische denn je. Schon vor vier Jahren, als der Genosse Trend noch aufwärts marschierte, hatten die Sozialdemokraten in ihren einstigen Stammland nur 20.ooo Stimmen mehr errungen als die CDU.
RENAISSANCE DER LIBERALEN
Dafür sagen die Meinungsforscher der niedersächsischen FDP, die 1970 an der Fünf-Prozent-Klausel scheiterte, die Rückkehr in den Landtag voraus. Und FDP-Chef Rötger Groß hat sich bereits seit Monaten auf eine Koalition mit der SPD festgelegt, "wenn auch nur eine hauchdünne Mehrheit für eine sozialliberale Regierung für eine sozialliberale Regierung vorhanden ist."

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*) Name geändert


Donnerstag, 28. März 1974

Malawi - weiße Herrenmenschen oder Gelder, die im Busch verschwinden
































Malawi ist ein Staat in Südost-Afrika. Mit seinen 13 Millionen Einwohnern zählt er zu den Ärmsten der Armen; die Mehrheit der Be-völkerung lebt von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Die Lebenserwartung ist auf 32,5 Jahre gesunken. 30 bis 55 Prozent der Bevölkerung leiden an AIDS. Zur Tilgung seiner Schulden gibt das Land mehr Geld aus als zur medizinischen Versorgung. Ob in Malawi oder auch in anderen Ländern auf diesem Kontinents - allzu oft scheitert sinnvolle Entwicklungshilfe an deutschen Experten. Sie leben in Luxus, verschwenden Millionen und sehnen sich nach alten Kolonialzeiten deutscher Herrenreiter-Mentalitäten. - Wiederholungszwänge. Rückblende auf ein geschundenes Land und keine durchgreifende Besserung in Sicht. Menschen kommen und gehen, Strukturen bleiben - und das seit Jahrzehnten. Verquere Zeiten.

stern, Hamburg
28. März 1974
von Reimar Oltmanns

Der 19jährige Francis, Sohn eines Kleinbauern, trommelt und rasselt mit seiner Vier-Mann-Band. Nancy, eine 17jährige Prostituierte, tanzt. Unter- ernährte Jugendliche, in Lumpen gekleidete Land- arbeiter, Frauen mit Kindern auf dem Rücken singen und klatschen im Takt. Auf dem staubigen Sandplatz neben der abbruchreifen "Senga-Bay-Bar" treffen sich an jedem Samstag die ärmsten der Malawier. Einen Großteil ihres Sechs-Tage-Lohns von 70 bis 90 Tambala (2,10 bis 2,70 Mark) geben sie für Alkohol aus, der sie etwas fröhlich macht.

Doch diesen Sonnabend hocken die Afrikaner ver- ängstigt neben der Bruchbude. Nicht einmal der sonst so beliebte Song "Ice cream, you scream" reißt sie hoch. Francis spielt jetzt das melan- cholische Volkslied von der Cholera. In dem Dorf Salima, ein paar Autominuten von hier, starben inner- halb von acht Stunden ein Dutzend Menschen an dieser heimtückischen Krankheit. Die Gefahr einer Epidemie ist groß. Das Medikament Tetracyclin ist für die Schwarzen zu teuer. Es kostet 23 Mark.

SPITZENVERDIENER IN VILLEN

Nur knapp eine Meile von der "Senga-Bay-Bar" liegt "Little Germany". So nennen die Einheimischen das exklusive Luxusviertel bundesdeutscher Spitzen- verdiener. Isoliert von den Schwarzen und abgeschirmt von der Cholera leben hier 22 Entwicklungshelfer mit Monatsgehältern zwischen 4.000 und 8.000 Mark netto.

Es sind Angestellte der "Garantieabwicklungsgesell-schaft" [GAWI] mit Sitz im hessischen Eschborn, die für Deutschland den Einsatz der Entwicklungshilfe-Fach-leute organisiert. Seit 1975 ist GAWI in die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) aufgegangen. Die - in Malawi allerdings nicht eingesetzten - Entwick-lungshelfer des "Deutschen Entwicklungsdienstes" [DED] bekommen nur ein Ein-satzgeld von monatlich 500 Mark.

KOLONIALES HERREN-LEBEN

Weiß getünchte Villen (Kosten für die Bundesregierung: vier Millionen Mark) stehen unter schattigen Bäumen. Riesige Wasserfontänen, die in der Trockenheit von Regenspeichern versorgt werden, haben einen gepflegten Rasen wachsen lassen, der bis zum Strand des Malawi-Sees reicht, Motorboote ziehen Wasserski über den See. Abends erhellt Flutlicht den Tennisplatz. Aus der angrenzenden Erfrischungsbar
ertönt der Evergreen, "rain and tears, it's all the same" (Regen und Tränen ist alles dasselbe). - So behaglich schön kann das Leben sein - und das inmitten eines Landes bitterster Armut; auf Tuchfühlung sozusagen.

Schwarzes Personal besorgt den Haushalt, putzt Schule, macht Betten, kocht deutsche Küche, pflegt den Rasen und fährt die blonden Kinder aus. Den "Herrschaften" ergeben ist es außerdem. Landwirtschaftsfachmann Herbert Pils: "Wenn wir heute einen rausschmeißen, stehen morgen zwanzig neue vor der Tür." Selbst vor den reinrassigen Schäferhunden Roli und Bingo haben die Dienstboten zu kuschen. Arnold von Rümker, Projekt-Vizechef: "Keine Angst vor dem Hund. Er beißt nur Schwarze."

Dieses Kolonial-Herrenleben wird im Ministerium für wirtschaftliche Zusammen-arbeit zu Zeiten des linksorientierten SPD-Politikers Erhard Eppler (1968-1974) "sinnvolle Entwicklungshilfe für den Staat Malawi" genannt und als "größtes deutsches landwirtschaftliches Programm in dieser Region Afrikas" bezeichnet.

Malawi ist mit 118.485 qkm fast halb so gr0ß wie die Bundesrepublik. Im Norden grenzt es an das einst sozialistische Tansania, im Westen liegt Sambia, im Osten und Süden ist das frühere Nyassaland vom ehemaligen portugiesischen Kolonialgebiet, dem Moçambique umgeben. Die damals 4,6 Millionen (im Jahre 2006 insgesamt 13 Millionen) Einwohner zählen zu den Ärmsten der Welt. Der Jahresverdienst liegt im Durchschnitt bei 200 Mark. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von einem US-Dollar pro Tag. Nahezu 90 Prozent der Menschen ernähren sich von der auf primitive Weise betriebene Landwirtschaft. Satt werden die meisten davon ohnehin nicht.

MULTIMILLIONÄR ALS STAATSPRÄSIDENT

Seit Malawi im Jahr 1964 selbstständig wurde, investierte die einstige Kolonialmacht England 60 Millionen Pfund Sterling in dem keiner Linksexperimente verdächtigen Entwicklungsland. Ohne dieses Geld könnte es in Malawi überhaupt keine Verwaltung, keinen Verkehr geben. Kamuzu Hastings Banda (*1896+1997) war der erste Präsident des Einparteienstaates - ein gefürchteter Diktator auf Lebenszeit. Er trat nach den ersten freien Wahlen im Jahre 1993 ab. Banda verfügte Bankkonten in der Schweiz, England, war Eigentümer von Baumwoll- und Tabakpflanzen und einer Tankstellen-Kette. Sein Privatvermögen belief sich auf 320 Millionen US-Dollar. Sein Leitmotiv: "Notfalls erbettele ich mir das Geld vom Teufel, um mein Land voran-zubringen."

BITTREISEN - BONN - BERLIN

Solcher Aufforderung, Entwicklungshilfe zu leisten, hatte es bei der deutschen Regierung zu Zeiten des "Kalten Krieges" zwischen Ost und West gar nicht bedurft.

Bandas rigoroser Antikommunismus passte dem CDU-Kanzler Konrad Adenauer (*1876+1967) genau ins politische Konzept. Der frühere Arzt Banda, nannten ihn seine Anhänger, machte im Jahre 1993 eine Bitt-Reise nach Bonn an den Rhein und warf einen entrüsteten Blick über die Berliner Mauer. Seitdem ist die Bundesrepublik in Malawi engagiert. Konrad Adenauer gewährte 50 Millionen Mark Kapitalhilfe für Straßenbau und eine Rundfunkstation. Die Minister für wirtschaftliche Zusammen-arbeit Walter Scheel (1961-1966), Hans-Jürgen Wischnewski (1966 -1968) und Erhard Eppler pumpten weitere 49 Millionen Mark in das deutsche Landwirtschafts-projekt Salima, vier Stunden nordöstlich von der Metropole Blantyre. Salima ist eine Stadt in der Zentralregion von Malawi. In ihr leben Schätzungen aus dem Jahre 2006 insgesamt 32.000 Menschen; davon 80 Prozent unterhalb der inländischen Armutsgrenze.

ZUM STERBEN ZU VIEL, ZUM LEBEN ZU WENIG

In dieser Region, die so groß wie das Saarland ist, bearbeiten 90.000 Kleinbauern bisher ihre Felder mit primitiven Hacken. Die Erträge an Baumwolle, Reis und Erd-nuss waren so kläglich, dass sie einer achtköpfigen Familie nur ein Jahresein-kommen von gleichweise 123 Mark einbrachten. - Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.

Im Jahre 1968 kamen dann die deutschen Experten ins Land. Ihre Aufgabe: eine exportfähige und Devisen bringende Baumwollproduktion in Gang zu setzen. Ihr erster Schritt war, bei den Kleinbauern, von denen die meisten noch nicht einmal ein Ochsengespann zum Pflügen kannten, mit komplizierten Finanzierungsprogrammen kapitalistischen Ehrgeiz zu wecken. Dazu teilten sie die ursprünglich gleichbe-rechtigten Bauern in Besitz- und Leístungsklassen ein. Die Qualität des Bodens und die Bereitschaft der Farmer, den Acker nach deutscher Anweisung zu bestellen, entschied über die Einstufung. Agrarexperte Joachim Johannes erklärt das System: "Nur wer etwas leistet, bekommt - je nach Gruppe gestaffelt - von uns Kredit. Die Bauern haben die Chance, von der ersten bis zur sechsten Stufe aufzusteigen."

NEID UND HABGIER

Doch Chancen für soziale Aufsteiger gibt es in Salima praktisch nicht. Denn um das von Präsident Banda verordnete Devisensoll zu erfüllen, begünstigen die Ent-wicklungshelfer nur Bauern mit schon relativ guten Baumwollerträgen. Die zwanzig Farmer der Gruppe 6 bekommen Darlehen in Höhe von je 480 Mark im Jahr, die 250 Bauern der Gruppe 5 je 180 Mark, Gruppe 4 (300 Bauern) je 135 Mark, Gruppe 3 (4200 Bauern) je 90 und Gruppe 2 (8.000) Bauern je 39 Mark. Die 20.000 ärmsten Bauern mit den schlechtesten Böden erhalten gar keine Kredite ( Gruppe 1). Die Folge: In sechs Jahren deutscher Entwicklungshilfe kristallisierte sich aus den
Salima-Bauern eine Gruppe von 570 Privilegierten heraus, deren Jahreseinkommen bis auf 1.040 Mark kletterte., während die Kleinbauern der Gruppe 1 im Projekt-gebiet immer noch um 123 Mark verdienen - und Not und Neid immer stärker in Eigentumsdelikten und Schlägereien explodieren. Salima-Landwirtschaftsberater Karl Feldner hält das Kreditsystem für gescheitert. "Wir können nicht ohne weiteres den Kapitalismus auf die Afrikaner übertragen. Damit zerstören wir nur eine noch intakte soziale Verbundenheit und schüren Neid und Habgier."

BAUMWOLLE VOR SCHULPFLICHT

Projek-Vizechef Arnold von Rümker hingegen ist stolz auf seine Bilanz: "Wir haben den Baumwollertrag je Acres (=0,4 Hektar) von 450 auf 850 Mark steigern können." Doch gleichzeitig gibt er zu: "Die Erfolge sind natürlich nicht so hervorragend, dass es den einfachen Leuten heute besser geh als anderswo im Land."

Die Baumwollproduktion, die Devise bringt, rangiert in Salima selbst vor der Schulpflicht. Nur ein Fünftel der Kinder kann die Schule besuchen. Denn dafür müssen die Eltern 20 Mark im Jahr bezahlen. Staatspräsident Banda wollte die Analphabetenquote in den nächsten fünf Jahren nicht senken. Er befürchtete, mehr Bildung könnte die Jugend zur Landflucht verführen und so seine Agrarpolitik gefährden. Arnold von Rümker gibt es: "Offiziell dürfen wir im Projektgebiet keine Schulen bauen. Das hat politische Gründe."

PARTEIJUGEND WIE EINST DIE HJ

Statt dessen durften die deutschen Entwicklungshelfer aber auf Anordnung des Präsidenten dessen Parteijugend die "Malawi Young Pioneers" (MYP), ausbilden.
Die Devise der nach Hitler-Jugend-Modell organisierten MYP: "Disziplin, Gehorsam-keit, lange lebe der Präsident." Nach einem zweijährigem Drill durch israelische Militärberater sollten die Deutschen in Salima Siedler und Handwerker aus ihnen machen.

Obwohl das Regierungsabkommen zwischen Deutschland und Malawi die Schulung der Kaderjugend nicht vorsieht, erzwang Banda die MYP-Ausbildung in der deutschen Handwerkerschule und in einem Siedlergebiet. Damit MYP-Mitlglieder aus ganz Malawi ausgebildet werden konnten, mussten Einheimische aus dem Projektgebiet abgewiesen werden.

Ein vertrauliches Gutachten des Malawi-Referenten Dr. Fischer hatte Minister Eppler vor dieser "verhängnisvollen Entwicklung" gewarnt: "Das zuvor in Lagern vermittelte Elite-Bewusstsein und die hinter der Organisation stehende politische Macht tun ein übriges, um soziale und politische Spannungen im Projektgebiet entstehen zu lassen."

RECHTSRADIKALE STAATSJUGEND

Aber selbst der in seinen Theoriebeiträgen stets versierte deutsche Sozialdemokrat Erhard Eppler (Buchtitel: "Das Schwierigste ist Glaubwürdigkeit") tat nichts dagegen, dass seine Entwicklungshelfer für eine rechtsradikale Staatsjugend arbeiten mussten. Die Landwirtschaftshelfer erschlossen Siedlergebäude für 300 "Malawi Young Pioneers". Sie bauten Straßen und Häuser, bohrten Brunnen und vergaben zur Feldbestellung Spitzendarlehen von 2.000 Mark pro Person. Doch die aus anderen Landesteilen kommenden MYPs wollten gar nicht in Salima sesshaft werden. Sie bestellten die Felder nicht, zahlten die Kredite nicht zurück und ließen die deutschen Entwicklungshelfer bald nicht mehr in das Siedlergebiet. Mitglieder, die den deutschen Anweisungen folgten, wurden verprügelt. Und als drei "Malawi Young Pioneers" wegen Schlägereien ins Gefängnis kamen, stürmten 200 ihrer Kameraden in einer nächtlichen Aktion das Polizeipräsidium und erzwangen die Freilassung.

BESONDERER SCHUTZ DES PRÄSIDENTEN

Da die MYPs unter dem besonderen Schutz des Präsidenten standen, wagte kein Deutscher, gegen Bandas Zöglinge vorzugehen. Immer, wenn die MYP's grölten, wurde es unter den deutschen Entwicklungshelfer und ihren Familien ganz plötzlich Mucks Mäuschen still. Arnold von Rümker: "Dem Alten sind seine MYPs heilig. Hätten wir ihm gesagt, wie unrentabel das Siedlerprojekt verläuft, wären wir aus dem Land geflogen."

MENSCHENHATZ

Nach zwei Jahren zogen 240 "Malawi Young Pioneers" wieder in ihre Heimatdörfer. Mittlerweile stehen die Hälfte der einst kostspielig aufgebauten Häuser in Salima leer, die Felder liegen brach. Fehlinvestitionen: eine Million Mark.

Nach der ursprünglichen Planung sollten die deutschen Experten 1974 durch malawische Fachkräfte ersetzt werden. Doch von den wenigen Malawiern mit abgeschlossener Fachausbildung saßen viele seit Jahren in KZ-ähnlichen Lagern. Fast jede Nacht ließ Diktator Banda eine Menschenhatz gegen Oppositionelle und kritische Intelligenz veranstalten. So gegen Tausende Zeugen Jehovas, die sich geweigert hatten, Zwangsabgaben für die Einheitspartei zu zahlen (fünf Tambala = 15 Pfennig pro Marktbesuch). Kein Entwicklungshelfer durfte den Verfolgten helfen. Banda befahl, einen Teil der auf europäischen Universitäten ausgebildeten Malawier in die Camps einzusperren. weil er den Akademikern eine kommunistische Unterwanderung zutraute.

TAUSENDE ÜBERLEBTEN NICHT

Ein Dutzend Minister und Staatssekretäre saßen in Gefängnissen, weil sie eine Generalamnestie der Inhaftierten gefordert hatten. Auf dem Parteitag der "Malawi Congress Party", rechtfertigte Banda 1972 sein Vorgehen: "In anderen Ländern werden die Systemfeinde sofort ermordet. Bei mir können sie in den Camps überleben." Viele Tausende überlebten nicht. Zu jener Zeit saßen mindestens 25.000 Malawier in KZs.

Deshalb blieb Banda, der wegen seiner Innenpolitik und seiner Sympathien für das damalige Apartheits-Regime Südafrika von den Nachbarstaaten boykottiert wurde, auf weitere ausländische Experten angewiesen. Minister Eppler, der über die Zustände in der Banda-Diktatur informiert war, verlängerte trotzdem das Salima-Projekt verlängert. Kostenpunkt: weitere 3,5 Millionen Mark pro Jahr. Da scheint es verständlich, dass deutsche Diplomatenjahrgänge aus der Nazi-Zeit, die den Zweiten Weltkrieg in Afrika unbeschadet in ihrer Deckung "überwinterten", vorauseilenden Gehorsam bekunden. Insbesondere Max Schubert, seines Zeichens Erster Sekretär der deutschen Botschaft in Blantyre, geriet ins Schwärmen, wenn die Rede auf Diktator Banda kam. "Was heißt hier schon alles Lager oder KZ. Wir fühlen uns mit den Malawiern jedenfalls sehr verbunden. Sie haben uns in der UNO immer geholfen, als wir noch kein Mitglied waren."

MISSWIRTSCHAFT, FEHLPLANUNG ... ...

Jürgen Möhling, ehedem Malawi-Experte im Entwicklungshilfe-Ministerium, fragt sich dagegen, "ob die deutsche Entwicklungshilfe in diesem Land überhaupt einen Sinn" macht. Sein in den siebziger Jahren verantwortlicher Minister, dem der Bundesrechnungshof erst vor kurzem wieder Misswirtschaft und Fehlplanung vorwarf, hat alle Einladungen zu Inspektionsreisen nach Salima abgelehnt. Erhard

Eppler wollte am liebsten gar nichts von Malawi hören.

P.S. Es war noch im Jahre 1974 , als die Lufthansa mit einer speziellen Ladung für die deutschen Entwicklungshilfe-Experten an Lilongwe Kamuzu International Airport anflog. Behutsam galt es, weit über 36 Flaschen "Mumm"-Sekt in sechs Kisten ver-packt zu entladen. Vor den weiß getünchten Villen unter schattigen Bäumen mit dem anmutenden Panorama-Weitwinkelblick auf den Malawi-See galt es Abschied zu nehmen an einem der kommenden lauen Sommerabende. Vize-Projektleiter Dr. Arnold von Rümker hatte durch die "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" einen Ruf nach Washington D. C. erhalten. - Meilenstein, Karriere-Sprung über Kontinente.

... ... UND EINSAME KARRIEREN

Spezialisten standen ungewollt im Halbrund. An diesem Abend prosteten sich Abend mit Bedacht artig zu, der schwarze Room-Service in weißen Handschuhen durfte ausnahmsweise den sattgrünen Rasen betreten, Schampus nachgießen. Aus einem uralten Uher-Tonband-Gerät schepperte Nino Rossos 'Il Silenzio" bei Sonnenuntergang. Vom dürftigen Malawi zur Weltbank nach Washington. Ja, ja -nichts ist erfolgreicher als Erfolg. Das Leben des Dr. Arnold von Rümker war und blieb eine Erfolgsgeschichte. 15 Jahre nach Malawi wurde der Agrarökonom "als Ehrenritter in die Provinzial-Sächsische Genossenschaft des Johanniterordens" aufgenommen. Zum ehrwürdigen "Rechtsritter" gar wurde Dr. von Rümker im Jahre 1998 ernannt.

- Malawi hingegen, diese flüchtige Region Salima aus Papphütten, Pappbecher und Pappnasen, diese ausgemergelten, von AIDS verseuchten, hungernden Kinder, sterbende Menschen, den erbärmlichen stinkenden Mangel vielerorts - all das hat der deutsche Herrenreiter aus einem alten Ritterguts-Geschlecht nicht mehr wieder gesehen.





























































































Donnerstag, 22. November 1973

Streit der Witwen um ein linksliberales Qualitätsblatt in deutschen Landen der Zeitgeschichte







































Karl Gerold (*19. August 1906+28. Februar 1973) Herausgeber, Chefredakteur, Mehrheitsgesellschafter. Die "Frankfurter Rundschau" entwickelte sich in seiner Ära zu einer angesehenen überregionalen Zeitung mit nationaler Bedeutung.

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Conrad Ahlers (*8. November 1922+19. Dezember 1980) war ab 1959 bis 1962 innenpolitischer Redakteur. Ahlers schärfte das tagespolitische Profil der "Frankfurter Rundschau", bevor er nach Hamburg übesiedelte und die "Spiegel-Affäre" (1962) auslöste - inhaftiert wurde.
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Karl-Hermann Flach (*17. Oktober 1929 in Königsberg +25. August 1973 in Frankfurt am Main) war von 1962 bis 1971 ihr Redaktionsleiter. Er gab der FR zweifelsfrei ein prononciert linksliberales Profil. Der von ihm vertretene Kulturliberalismus grenzte sich schon in der Adenauer-Ära vom allseits verbreitete Wirtschaftsliberalismus "der freien Märkte " ab. Danach hatte für Flach Umweltschutz beispielsweise Vorrang vor Gewinnstreben. Er forderte eine dezidierte Reform des Kapitalismus gegen die immer größer werdende Ungleichheit. In der Frankfurter Rundschau wurde er zum Mentor einer nachfolgendem Journalisten-Generation.
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Verleger-Witwen und Zeitungs-Erbinnen Friedel Rudert und Elsy Gerold-Lang setzten Zwietracht, Animositäten ihrer Männer unerbittlich fort und gefährdeten die Existenz der FR.

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Werner Holzer, Chefredakteur (1973-1992) glättete das einst widerspenstige Rumoren seiner Redaktion, den liberalen Widerspruchsgeist an deutschen Zuständen . Der frühere Afrika-Spezialist Holzer entpuppte sich als "Herrenreiter" in den Rhein-Main-Vororten wohlsituierter Industrieller. Am Ende seiner Laufbahn erhielt er 2007 aus den Händen von Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels den deutsch-amerkanischen Medienpreis der Steuben-Schurz-Gesellschaft zu Frankfurt am Main: machte sich als Präsident des Frankfurter Presseclubs einen Namen.

"Eine Zeitung muss frei von politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten sein."
Karl Gerold


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stern, Hamburg
22. November 1973
von Reimar Oltmanns
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Zwei betagte Witwen pokern um die "Frankfurter Rundschau" (FR). Die Schweizer Pianistin Elsy Gerold-Lang, 74, (*1899+1988) und die ehemalige Sekretärin der Frankfurter KPD, Friedel Rudert, 70, streiten sich um das Erbe ihrer Ehemänner. Zwar wollen beide die linksliberale Tageszeitung und das "Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH" (Jahresumsatz 120 Millionen Mark) in eine gemeinsame Stiftung umwandeln, doch über den Namen dieser Stiftung herrscht Zwietracht. Während die Witwe des 1973 verstorbenen FR-Herausgebers Karl Gerold auf einer "Karl-Gerold-Stiftung" besteht, beharrt die Witwe des schon 1954 verschiedenen FR-Gesellschafters Arno Rudert auf dem Gemeinschaftsnamen "Karl Gerold/Arno-Rudert-Stiftung." Schließlich war Arno Rudert aus der KPD ausgeschlossen worden, weil er die FR-Lizenz von den Amerikanern angenommen hatte.
NAMENSRANGELEIEN
Die im beschaulichen Astano in der Schweiz lebende Pianistin Elsy Gerold-Lang, die sich bisher nicht um die Zeitung gekümmert hatte, will aber in der kleinkarierten Namens-Rangelei nicht nachgeben. Der Grund: Die ehemaligen FR-Gesellschafter Karl Gerold und Arno Rudert haben sich nie gemocht. Als Kompagnon Rudert starb, übertrug Gerold seine Anteile auf dessen Witwe. Indes: Er verbot der neuen Anteilseignerin das Betreten des Rundschau-Hauses und überging sie bei allen Entscheidungen, die das Unternehmen betrafen.
ALLES IM PANZERSCHRANK
Mit dem Plan, seinen Zweidrittelanteil in eine eigene Stiftung einzubringen, wollte der schon schwerkranke Rundschau-Herausgeber Anfang 1973 die unbequeme Friedel Rudert endgültig ausbooten. Karl Gerold zu dem auf Harmonie bedachten neuen Chefredakteur Werner Holzer: "Es sind alle juristischen Schritte für die Gründung einer Stiftung eingeleitet. Es liegt alles im Panzerschrank."
DER GROSSE KRACH
Doch statt "eines für die Bundesrepublik beispielhaften Modells" (Holzer) kam der große Krach. Denn Gerolds fünf Testamente und die von ihm entworfene Satzung der geplanten Stiftung sind nach dem Gesellschaftervertrag nur zu realisieren, wenn die seit dem Tode ihres Mannes mit einem Drittel am Unternehmen beteiligte Friedel Rudert dem Plan zustimmt. 1951 hatten Karl Gerold und Arno Rudert nämlich vereinbart, dass keiner ohne die Zustimmung über Gesellschafteranteile verfügen darf.
GEGENSPIELERIN
Die Gerold-Witwe, die Testamentsvollstreckerin ist, muss jetzt sogar damit rechnen, dass ihre Gegenspielerin aus dem Gerold-Nachlass einen weiteren Drittelanteil für sich fordert. Denn nach dem "Rundschau"-Vertrag kann nach dem Tode eines Gesellschafters der überlebende Teil 66,66 Prozent für sich beanspruchen. Die Klausel sollte früher einmal verhindern, dass die FR durch den Verkauf von Anteilen in die Hände konserativer Verleger fällt. So gingen beim Tode des 50-Prozent-Gesellschafters Arno Rudert 16,66 Prozent auf Karl Gerold über.
"AM ENDE IST SPRINGER HIER"
Trotz dieser Rechtslage ist Rechtsanwalt Joachim Rieke entschlossen, für die Stiftungsidee seines Freundes Karl Gerold zu kämpfen. Der Anwalt will als "Diener seines verstorbenen Herrn das Vermächtnis wahren". Um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, ist der 68jährige Advokat bereit, bis zum Bundesgerichtshof zu gehen. Denn Joachim Rieke befürchtet, dass die Gesellschafterin Friedel Rudert ihre Anteile verscherbeln könnte. Rieke: "Am Ende haben wir noch Geschäftsführer von Springer hier sitzen." Die Gegenseite weist diesen Vorwurf empört zurück. Rechtsanwalt Carl Hans Barz: "Das ist Brunnenvergiftung." Friedel Rudert aufgebracht: "Der Rieke sieht nur seine Pfründe gefährdet."
FR-ZUKUNFT: SEHR UNGEWISS
Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung der FR möchte Friedel Rudert allerdings einen Zivilprozess vermeiden: "Anstatt vor Gericht zu gehen, sollten wir lieber einen Kompromiss schliessen und uns auf die Erhaltung der 'Frankfurter Rundschau' konzentrieren." Tatsächlich nimmt das Hickhack der Witwe der Redaktion ihren Atem. Existenzgefährdend knabberte der fortwährende Aderlass oder frühe Tod brillanter, markanter Federn am einst couragierten, mitunter frechen FR-Gemüt. Hießen sie nun Conrad Ahlers, Karl Hermann Flach, Karl-Heinz Krumm, Gerhard Ziegler, Horst Köpke, Michael Rathert, Ulrich Mackensen, Volkmar Hoffmann, Anton Andreas Guha (*1937+2010), Martina I. Kischke (*1935+2014), Eckart Spoo, Rolf-Dietrich Schwartz oder auch Horst Wolf . Zwangsläufig wollte es wie ein Naturgesetz scheinen, drückte die überaus harte FAZ-Bild-Zeitungs-Konkurrenz auf dem Frankfurter Rhein-Main-Markt die Zuversicht des Blattes ausweglos in den Keller ; rote Zahlen, immer wieder Kleinmut als nagender Wegbegleiter. Gruppentherapien. Gestaltungstherapien.
BÜRGERLICHE ANERKENNUNG
An der Spitze zeigte sich ein weitgereister Chefredakteur Werner Holzer, der sich intensivst um den Aufbau des örtlichen Frankfurter Presseclubs verausgabte. Ein weltgewandter Werner Holzer, der Stund' um Stund' bei Arbeitgeberverbänden samt seinen Rotarier-Clubs zubrachte - um bürgerlicher Anerkennung heimsuchte. Streicheleinheiten. Im Hessischen Fernsehen auf HR3 parlierte er als gern gesehener Gast mit braungebranntem Teint über Unrecht, Verzweiflung, Hunger auf dieser Erde - Woche für Woche. Nur vor kritischer Berichterstattung seiner Zeitung, vor den eigentlichen deutschen Zustandsbeschreibungen (Ihr da oben, wir da unten) flüchtete er vorsorglich. Wendezeiten. Berührungsängste. Kleider machen eben Leute . Da gab es keinen "Schreib mal auf Kisch", sondern "guck mal weg, Holzer". (Egon Erwin Kisch, genannt der "rasende Reporter" *1885+1948). - Sehnsucht nach Karl Gerold.
DROHUNG: ERBSCHAFTSTEUER
Aber auch keine Zeit für Holzer. Witwen-Zeit. Schon der Krieg der Witwen hätte dem FR-Verlag eine Erbschaftssteuer in Höhe von 12 bis 15 Millionen Mark abverlangt. Nur durch die Gründung einer Stiftung, die ihre Gewinne an gemeinnützige Verbände abgeführt, kann das allmähliche finanzielle Ausbluten verhindert werden. Dabei hat die FR ganz andere Sorgen. In Neu-Isenburg bei Frankfurt investierte die Zeitungsgesellschaft 20 Millionen Mark in einen Druckereineubau, in dem auch die BILD-Zeitung von der Rotation lief. Die Lohnerhöhungen und Papierpreissteigerungen veranschlagt das Management mit sieben Millionen Mark. Schließlich macht die überegionale Auflage von knapp 50.000 (Gesamtauflage 185.000) Exemplaren monatlich 700.000 Mark minus, weil die Zeitung kein lukratives bundesweites Anzeigenaufkommen hat. Verleger Karl Gerold scheint das alles vorausgeahnt zu haben. Titel der letzten Verse des Freizeit-Poeten Gerold: "Obskur. Obskur."
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POSTSCRIPTUM (I). - Elsy Gerold-Lang starb im Jahre 1988. Sie vermachte der "Karl-Gerold-Stiftung" ihr gesamtes Vermögen. In der Präambel Stiftungssatzung hatte Karl Gerold verfügt, dass die "Frankfurter Rundschau" eine unabhängige, links-liberale Tageszeitung ist, Menschenrechten und der sozialen Gerechtigkeit verpflichtend.
Die eigentliche Bewährungsprobe des wirtschaftlichen Überlebens (Zeitungssterben und -aufkäufe, Medienkrise, Anzeigenverluste, Privatfernsehen, Internet, Personalabbau) konnte die "Frankfurter Rundschau" nur mit Hilfe der engagierten SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeyer (1991-2007 ) bestehen - überleben. Die von ihr kontrollierte SPD-eigene Medienholding (DDVG) übernahm 2003 insgesamt 90 Prozent der Anteile am Druck- und Verlagshaus als Herausgeberin der FR. Ohne den finanziellen Zugriff der SPD wäre die "Frankfurter Rundschau" in Konkurs gegangen. Insgesamt sank in diesem Zeitraum von drei Jahren die Zahl der FR-Beschäftigten von extakt 1.7oo auf 750 Stellen. Die FR war wirtschaftlich gerettet. Im Juli 2006 gaben die SPD-eigene DDVG und der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg, in dem der "Kölner Stadt-Anzeiger" erscheint, bekannt, dass er 50 Prozent der "Frankfurter Rundschau" übernimmt - der SPD bleiben 40 und der Karl-Gerold-Stiftung zehn Prozent. Um diese Kapital-Konstellation zustande zu bringen, musste Chefredakteur Wolfgang Storz fristlos entlassen werden. Bauern-Opfer. Storz war es, der die FR "durch die schwierigste Zeit ihrer Existenz" geführt hatte. Der Gefeuerte bedankte sich in der Redaktion "für die harten und für mich wunderbaren Jahre der Zusammenarbeit". Die "Karl-Gerold-Stiftung" war gegen die Entlassung des Chefredakteurs. Keine Mehrheit mehr. Scherbenhaufen. Achselzucken.
POSTSCRIPTUM (II). - Fünf Jahre später - exakt am 2. April 2011 - ist das Schicksal der Frankfurter Rundschau besiegelt. Nach mehr als sechs Jahrzehnten als überregionale Tageszeitung ist die Geschichte dieses linksliberalen Blattes jäh zu Ende. Der Grund ist in der rasanten finanziellen Talfahrt zu suchen. Allein im Jahr 2010 verbuchte die ohnehin schon rationalisierte Frankfurter Rundschau einen weiteren Verlurst von 19 Millionen Euro. Seit langer Zeit verzichten die Mitarbeiter bereits auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Ohne Erfolg. So schrumpft die einst renomierte Zeitung in Frankfurt auf eine Lokalteil zusammen. Die überregionalen Mantel-Seiten werden künftig - gemeisam mit der Berliner Zeitung - in der Hauptstadt produziert. Amen.

Samstag, 17. November 1973

Bundes-Presseball auf Sparflamme. Abglanz der siebziger Jahre. Flugsand der Bonner Republik














































Bundespresseball anno 1973 in der Beethovenhalle zu Bonn. Das jüngste Mitglied der Bundespressekonferenz, der 24jährige stern-Korrespondent Reimar Oltmanns eröffnet mit Ruth Delius , der Enkelin von Bundespräsident Gustav Heinemann (*1899+1976) den Ball. Fernsehbutler Martin Jente (*1909+1996) (zweiter von links) serviert Bundeskanzler Willy Brandt (links) (*1913+1992) und Frau Rut (rechts) (*1920+2006) sowie Walter Scheel ein Schnäpschen.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung
von Walter Henkels (*1906+1987)
Abendzeitung, München
von Heli Ihlefeld
vom 19. November 1973
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Es hätte fast Hochrufe gegeben, als man ihn im Tanzgewühl entdeckte. Vorbeitanzend an seinem ehemaligen Bundeskanzler und Parteivorsitzenden Willy Brandt, in den Armen eine junge Schöne in Grün - da kann Karl Schiller (*1911+1994) ein Wörtchen mitreden. Die Talsohle liegt offensichtlich hinter ihm, dieser Auftritt war konzertierte Aktion. In nahen Pfützen und Lachen im großen Konzertsaal der Beethovenhalle saßen noch so leidenschaftlich wie früher, vor allem die Kontertänze. Jeder drängte sich auf der Tanzfläche, einen guten Platz zu erwischen, um ihn zu sehen und womöglich zu grüßen oder zu berühren.

PLISCH + PLUM

Und der Plisch tanzte auch am Plum vorbei, der saß da am Rande der Tanzfläche, und sie grüßten sich, der Karl August Schiller (*1911+1994) und der Franz Josef Strauß (*1915+1988). Der Plisch, die schöne Grüne schwenkend, rief es zum Plum hinüber: Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein. Und der Plum signalisierte zum Plisch zurück: Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt, so steht es schon bei Wilhelm Busch ( *1832+1908) in "Plisch und Plum".

ZAHL DER TÄNZE

Karl Schillers frühere Auftritte auf den Pressebällen lieferten den Bonnern immer viel Farbe. Wenn sich auch vieles nicht zusammenreimen wollte, aber seine erneute Beliebtheit schien in geometrischer Progression mit der Zahl der Tänze, die er hinter sich brachte. Neun Orchester spielten für die 2.500 Gäste (Eintrittspreis 70 Mark) aus Politik, Kultur und Wirtschaft auf, und wie alle Jahre hatte jeder von ihnen die Chance, einen der Hauptgewinne der Tombola, mit nach Hause zu nehmen. An der Spitze stand diesmal ein Mercedes 280 und für Liebhaber der Oldtimer "Tin Lizzy", ein Ford aus dem Jahre 1923. Zehn Kapellen spielten dann in acht Sälen zum Tanz. An sieben Bars wurde genippt, geschlürft - geschluckt: Sekt, Whisky, Pils, Kölsch, Malteser, Wodka, Cognac - unaufhörlich.

HEINEMANNS LETZTER AUFTRITT

Dem Bundespresseball, das gesellschaftliche Ereignis in Bonn, pflegt Gustav Heinemann, der Bürgerpräsident, im Smoking seine Aufwartung zu machen. Sicherlich zum Argwohn jener, die den Frack wie ein Fossil aus steinigen Zeiten mit Klauen und Zähen als "Staatstracht" oder geradezu als "staatliche Ausgeh-Uniform" verteidigen. "Man soll eingegerbte Traditionen nicht gedankenverloren über Bord werfen", mahnen sie und fügen geflissentlich hinzu, dass "der Frack nun einmal dem internationalen Protokoll entspricht." Sicherlich, nur im Fall des Bundespresseballs dreht sich nichts um das Prestige der Nationen, sondern allenfalls um die erlesene Eitelkeit solcher Politik-Gesichter, für die nahezu alle Unzulänglichkeiten dieses Erdballs sich erübrigen; vorausgesetzt, dass das Karusell , der diplomatischen Emfänge, Cocktails, Dinnerpartys unaufhörlich in Gang gehalten wird.

RÜCKENLAGE AM RHEIN

Der Mond hing in Rückenlage über dem Siebengebirge, als die letzten der zweieinhalbtausend Gäste das Fest verließen. Bundespräsident Gustav Heinemann ("Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau"; 1969-1974) und seine Frau Hilda (*1896+1979) hatten den Journalisten kurz die Ehre ihrer Anwesenheit gegeben, das letzte Mal. Der Generationswechsel ist vollkommen. Den Ball der Bälle eröffnete die 17jährige Heinemannsche Enkeltochter, Ruth Delius aus Bielefeld mit dem jüngsten Bonner Redakteur Reimar Oltmanns. Der 24jährige beat-gewohnte Bonner stern-Korrespondent übte in den Redaktionsräumen der Dahlmannstraße noch drei Stunden vor Ballbeginn Walzertanzen. Ein wenig schüchtern legten die beiden ihre Runden aufs Parkett, bis andere sich ihrem Beispiel angeschlossen und nach den Klängen der Big Band der Bundeswehr, Leitung Günter Norls, in großer Ballgarderobe über die Tanzfläche drehten. Aus einer gewissen Scheu, unbesonnen gegen die junge Generation zu sein, akzeptierte man das Geschrei und Gekreische des Hits der Humphrie Singers (*1940+2007) im Konzertsaal. Auf der großen Bühne wechselte sich das Tanzorchester des Saarländischen Rundfunks ab. Einer der eifrigsten Tänzer war auch diesmal wieder Ex-Minister Karl Schiller. Wie selbstverständlich blieb es dem ZDF-Sportchef Hanns-Joachim Friedrichs (*1927+1995 ) vorbehalten, Les Humphries hingebungsvoll anzusagen. Es musste schon etwas Hypermodernes sein.

WARTEN AUF DEN KANZLER

Lange sollten Ballbesucher auf Bundeskanzler Willy Brandt warten. Zusammen mit seiner Frau Rut, die ein schlichtes weißes Abendkleid trug, und dem Außenminister-Ehepaar Walter und Mildred Scheel (*1932+1985) ließ sich der Regierungschef von "Bundes-Butler" Martin Jente in die Halle führen. Genugtuung. Des Bundeskanzlers Augen ruhte auf seinen Kritikern; Frau Rut ist und bleibt ein rechter Augentrost. und wer sie beim Tanz in die Arme nehmen durfte. wird die Kriminalbeamten gerne übersehen. Der Bundesratspräsident Hans Filbinger (*1913+2007) machte dem Bundespräsidenten auf der Empore einen Besuch. Frau Ingeborg Filbinger (*1921+2008), Baden-Württembergs Landesmutter erging sich in landwirtschaftlichen Erwägungen. Der Außenminister und Frau Mildred Scheel widerfuhren von der Schauspielerin und Schlagersängerin Margot Hielscher Ermunterung, ob pro oder contra für ein Leben in der Bonner Regierungsvilla Hammerschmidt, erfuhr man nicht.

WILHELMINE LÜBKE (*1885+1981)

Die dicke Limousine, Untertürkheimer Machart, gewann Heinz Uhlich, für den fahrbereiten Ford-Oldtimer von 1924 fand sich kein Gewinner. Viele Male wurde Frau Wilhelmine Lübke, neunundachtzig Jahre alt, ehedem Gattin des einstigen Bundespräsidenten Heinrich Lübke (1959-1969) von Landwirtschaftsminister Josef Ertl (*1925+200o) über die Tanzfläche geschwenkt; es bleibt wirklich zu rühmen: diese
einstige Studienrätin. Sie beherrschte fünf Fremdsprachen perfekt. Einmalig und unvergessen ihre Klugheit, ihre Bescheidenheit.

PERSIFLAGE AUF POLIT-GESELLSCHAFT

Beim dissonanzreichen Klamauk von zehn Kapellen verkaufte Ernst Majonica (*1920+1997) , einstiger Bundestagsabgeordneter, wieder einen seiner lahmen Kennen-Sie-den-Witze. Der CDU-Parteitag falle aus. Warum? Wegen Energiemangels. Einer der Hauptpreise der Tombola war ein Fünfliterkanister mit Superbenzin. Der Presse-Almanach, jedes Jahr eine bibliophile Kostbarkeit, dieses Mal unter dem Schlagwort "Bonnewisten", war kein lyrisches, wohltemperiertes Gedicht, sondern eine handfeste Persiflage auf die Bonner Politgesellschaft, allen voran, noch vor Willy Brandt und Günter Gaus, auf Egon Bahr. In Bonn hat er bereits Unsterblichkeit. Er ist und bliebt mit den kleinen Schritten durch Annäherung das Symbol höchster Verlässlichkeit. - Bonner Regierungsjahre.

Donnerstag, 11. Oktober 1973

Machtkämpfe, Flügelkämpfe, Diadochenkämpfe - SPD high noon in Bonn


























































Partei-Verdruss - Partei-Profil - Partei-Zerrissenheit . SPD-Macht-Kämpfe in der deutschen Nachkriegs-Geschichte der siebziger Jahre. Warum die SPD-Rechte Willy Brandt (*1913+1992) mit Austrittsdrohungen zum Kampf gegen die linken Genossen treiben. Währenddessen das Duell zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner (*1906+1990) eskaliert, gnadenlos ausgekämpft wird. Reminiszenzen markanter SPD-Vorgänge der Zeitgeschichte
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stern, Hamburg
13. September und 11. Oktober 1973
von Horst Knape und Reimar Oltmanns

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Der Kanzler war beleidigt. Wütend verließ Willy Brandt (Regierungschef 1969-1974)am vergangenen Wochenende vorzeitig die Sitzung seines Parteivorstandes: "Das ist mir noch nicht passiert. Jetzt reicht's mir aber."
MOSKAU-REISE
Die Linken im SPD-Führungsgremium hatten das Zerwürfnis zwischen Willy Brandt und dem SPD-Fraktionschef Herbert Wehner (1969-1983) benutzt, um ihren bisher unangreifbaren Parteiführer seine erste Niederlage beizubringen. Auf Antrag des rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden Wilhelm Dröscher (*1920+1977) sollte der Moskau-Reisende Herbert Wehner für seinen Ost-Einsatz ausdrücklich vom Parteivorstand gelobt werden. Brandt hingegen versuchte dieses Pro-Wehner-Votum zu verhindern: "Darüber lasse ich nicht abstimmen!" Doch der linke Flügel kuschte nicht. Mit einer Stimme Mehrheit - zwölf gegen elf - setzte er sich gegen die Brandt-Anhänger durch. Zufrieden kommentierte der von Berlin angereiste Senatsdirektor Harry Ristock (*1928+1992) das Ergebnis: "Genossen, jetzt merkt man doch, dass die Parteibasis im Vorstand vertreten ist."
LAU UND FÜHRUNGSSCHWACH
In interner Runde wollten die Spitzengenossen dem Regierungschef klarmachen, dass sei die Kritik teilten, die der Fraktionsvorsitzende in der Sowjetunion an Brandts Führungsschwäche und der lauen Politik der sozialliberalen Koalition geübt hatten. Wilhelm Dröscher: "Der Wehner ist ein Mann mit strategischem Weitblick. Was er da in Moskau getan hat, sind doch wichtige Impulse für uns." Nach außen demonstrierten die Vorstandsmitglieder allerdings noch Einigkeit. Im offiziellen Kommuniqué verschwiegen sie die Kontroverse mit dem Vorsitzenden, weil sie nach den Konflikten mit Jungsozialisten und anderen Partei-Linken befürchten, den Selbstzerstörungsprozess der Sozialdemokratie" (Wohungsbauminister Hans-Jochen Vogel 1972-1974) zu verstärken.
HERBERT WEHNER ADE
Doch Willy Brandt ist jetzt nach der Abfuhr im Parteivorstand zur totalen Konfrontation mit dem Machtstrategen der Bundestagsfraktion entschlossen. Der Bundeskanzler hat sich nach langem Zaudern wie Zögern dazu aufgerafft, seinem alten Weggefährten Herbert Wehner die Zusammenarbeit endgültig aufzukündigen.
FÄKAL- UND SEXUALBEREICH
Die ihm zugetragenen Zitate Wehners aus der Sowjetunion ließen Brandt keine andere Wahl. Im Hotel "Kiew" in Kiew hatte Herbert Wehner den Kanzler zum Teil unflätig beschimpft, bis hin zum Fäkal- und Sexualbereich. Die mildesten politischen Abwandlungen: Brandt sei ein "schlaffer Kanzler", der zwar im Ausland gut ankomme, aber nicht merke, "wie unten alles zusammenbricht". Und auch Brandts Politik der guten Nachbarschaft zum FDP-Vorsitzenden Walter Scheel (1968-1974) mochte Herbert Wehner nicht mitmachen: "Nr 1 und 2, so läuft das nicht."
POLITIK DER STÄRKE
Willy Brandt indes will die von Herbert Wehner geforderte Politik der Stärke gegenüber dem liberalen Partner erst kurz vor der Bundestagswahl 1976 beginnen. Der Kanzler: "Es ist ganz klar, dass wir uns eines Tages deutlich werden abgrenzen müssen, Aber jetzt ist das viel zu früh. Das macht die Koalition schon im nächsten Jahr kaputt." Nach Brandts Ansicht wäre Wehners Konzept für Leute wie den FDP-Taktiker Hans-Dietrich Genscher (Innenminister 1969-1974) nur ein willkommender Anlass, ihrerseits einen Kurs der Entfremdung von den Sozialdemokraten zu steuern. Dies könnte die FDP wieder zur CDU/CSU treiben. - Machtgeplänkel.
OHNE BRANDT - WAHL VERLOREN
Beim Duell mit Herbert Wehner rechnet Willy Brandt auf das Opportunitätsdenken der SPD-Abgeordneten. Vor die Wahl zwischen ihm und dem ruppigen Fraktionschef gestellt, würden sie sich auf die Seite des Mannes stellen, der ihnen ihr politisches Überleben garantiere. Kanzleramts-Staatssekretär Horst Grabert (1972-1974): "Ohne Willy verliert die SPD doch die nächste Wahl."
KLASSENKAMPF
Doch auch Herbert Wehner hat fürs letzte Gefecht vorgesorgt. Klassenkämpferisch kritisierte er den Koalitionskanzler, Brandt betreibe mit den Liberalen eine Politik der gebremsten Reformen auf dem Rücken der Genossen. Die Außenpolitik stagniere, weil sich Walter Scheel (Außenminister 1969-1974) zum Autogrammsammler unter Verträge" entwickelt habe. Auf diese Weise verstand es der Polit-Profi "Onkel Herbert" seine 242-Mann-Fraktion weitgehend für sich zu solidarisieren. Noch unschlüssige Genossen brachte er auf seine Seite, indem er eine fingierte Rücktrittsdrohung in Umlauf setzte. Selbst jene Parlamentarier, die sich ständig über den autoritären Führungsstil Wehners geärgert hatten, entschieden sich daraufhin für ihn. Der Göttinger Jung-Abgeordnete Günter Wichert, 38, (SPD-MdB 1969-1974): "Politisch, vor allem in der Ostpolitik, stehe ich voll hinter Onkel Herbert." Und sein linker Kollege Karl-Heinz Hansen (SPD-MdB 1969-1981, Parteiausschluss) assistiert: "Nach Wehner kommt nichts mehr außer der zweiten Garnitur."
FINALE IN SICHT
Seit jener wohl folgenschweren Vorstandssitzung weiß Willy Brandt , dass es zwischen ihm und dem Fraktionsführer keine Übereinkunft mehr geben wird. Der Machtverfall hat begonnen. Deshalb ist er zum Kampf, zum Überlebenskampf entschlossen. "Unter den Teppich wird das nicht gekehrt."
WILLY, DU MUSST JETZT WAS TUN
Wie sich derlei Szenarien in dieser Verwirr-Spiel-Zeit der Sozialdemokraten ähneln, wie ausnahmslos und atemlos aus Parteifreunden unverblümt Feinde wurden. Und fast immer gingen sie schon direkten Schrittes auf den vermeintlichen Gegner los. Die Getränke - ob in Kaschemmen zu Bonn-Kessenich oder dem erlauchten Kanzlerbungalow waren noch nicht einmal akkurat auf den Tisch gestellt. Da polterten, gifteten wutentbrannt - fernab jeder Contenance - Hans-Jochen Vogel und Helmut Schmidt gegen eine junge SPD-Generation, die sich Jungsozialisten nennt. Eindringlich beschworen die beiden Minister den SPD-Chef Willy Brandt (1964-1987), den radikalen Linken in den eigenen Reihen endlich mundtot zu machen. Ihr Hauptvorwurf: Jusos-Thesen, die "noch links von der DKP angesiedelt sind" (Vogel), würden die SPD-Wähler vergraulen.
SCHEISS WELTPOLITIK
Willy Brandt zauderte und empfahl den Partei-Rechten Geduld und Beharrlichkeit: "Als Regierungschef und Parteivorsitzender sehe ich die Verantwortung fürs Ganze." Brandts Beschwichtigungsversuch brachte die hohen Gäste erst recht in Harnisch. Helmut Schmidt polterte: "Du kümmerst dich nur noch um die Scheiß-Weltpolitik, und ich muss hier schuften. Du musst jetzt endlich was tun, Willy." Und Hans-Jochen Vogel drohte: Wenn "die es so weitertreiben können wie in der Sommerpause, müsse er sein Ministeramt (Wohnungsbauminister 1972-1974) zur Verfügung und seine Parteimitgliedschaft in Frage stellen.
LINKSDRIFT
Der Ex-Oberbürgermeister von München (1960-1972) und Bonner Wohnungsbauminister kämpft seit Wochen gemeinsam mit Gesinnungsfreunden gegen den Vormarsch der bayerischen Jusos und der Linken im Münchner Unterbezirk. Vogel-Freund und Amtsnachfolger Georg Kronawitter (1972-1978 und 1984-1993): "Die benutzen die SPD nur noch als Vehikel für ihre kommunistische Konfliktstrategie." Juso-Feind Vogel ist sicher: "Wenn wir nicht unmissverständlich klarmachen, dass die SPD auf dem Boden des Godesberger Programms (1959-1989) steht, sind wir nicht mehr glaubwürdig." Eine Niederlage der SPD bei den bayerischen Landtagswahlen 1974 sei dann die Quittung für den Linksdrift.
AKTIVER JUSO-KREIS
Für Hans-Jochen Vogel steht fast, dass ein "kleiner, aber aktiver Kreis von Jungsozialisten das Godesberger Programm von 1959 aus den Angeln hebeln will. Er wirft den Partei-Linken vor, sie wolle
o im Widerspruch zum Godesberger Programm a l l e Produktionsmittel vergesellschaften;
o den Staat als "Agentur des Kapitalismus" abqualifizieren und seine Ordnungsfunktionen negieren;
o die freie Willensentscheidung der Abgeordneten abschaffen und sie zu reinen Vollzugsorganen der Parteimitglieder umfunktionieren (imperatives Mandat);
o mit der Strategie ständiger Konflikte (zum Beispiel Unterstützung wilder Streiks) jede Reformpolitik innerhalb der demokratisch-parlamentarischen Spielregeln unmöglich machen.
SCHARFMACHER
Der bayerische Scharfmacher will im Streit mit den Jusos auf keinen Fall einlenken. Vogel zu Brandt: "Wer solche Thesen vertritt, muss aus der Partei rausgeschmissen werden. Die schrecken sonst vor nichts zurück." Um Zeit zu gewinnen, lenkte der Kanzler vom brisanten Thema ab und erzählte - Campari mit Orangensaft schlürfend - von seinem jüngsten Ausflug ins Volk, der Reise nach Norddeutschland. Willy Brandt: "Ich bin in Salzgitter vor rund 10.000 Walzwerker hingetreten, und ich hatte gemischte Gefühle, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Aber dann spürte ich bald die Solidartät. Von Juso-Theorien redete niemand."
SÜNDENREGISTER
Mit dieser Bemerkung wollte Brandt sein Misstrauen andeuten, Vogel mache nur deshalb gegen die Jusos Front, um rechtzeitig ein Alibi für eine etwaige Wahlniederlage in Bayern zu haben. Doch damit hatte der SPD-Rechtsaußen gerechnet. Um seine Attacken gegen die Linken zu belegen, überreichte Hans-Jochen Vogel dem Parteichef eine Dokumentation, in der das Sündenregister der Jusos aktenkundig gemacht wird. Vor allem eine Kampfrede des Juso-Ideologen Johano Strasser (1970-1975 stellvertretender Juso-Chef) hatte Vogels Ärger provoziert. Denn der 34jährige Didaktik-Professor an der Berliner Pädagogischen Hochschule hatte seinen Anhängern praktische Anweisungen für die "Problematisierung des kapitalistischen Systems" und die "Umwandlung der Partei" gegeben.
GEWALTLOSIGKEIT
Strassers Vorschlag: Die Jusos sollten nicht "fortwährend Eide auf die Gewaltlosigkeit leisten", sondern lieber dafür sorgen, dass in Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Polizei Leute ausgebildet werden, "die möglicherweise Skrupel haben, auf Arbeiter einzuschlagen und zu schießen". Vogel über die ketzerischen Töne: "Dafür sollte in unserer Partei kein Platz sein." Forsch verlangte der Anführer der Rechts-Riege ein Parteiausschlussverfahren für die "Anhänger solcher marxistisch-leninistischer Theorien".
VOLKSFRONT
Ins Schussfeld des bayerischen SPD-Landeschef ist auch der Juso-Vorsitzende Wolfgang Roth (1972-1974) geraten. Ihm kreidete Vogel an, Roth habe in seiner Rede bei den Ostberliner Weltjugendfestspielen (1973) gegen den Parteiratsbeschluss zur Abgrenzung von Kommunisten verstoßen, für eine Zusammenarbeit mit kommunistischen Parteien plädiert und damit die Volksfront-Theorie der DKP propagiert. Vogel zu Brandt: "Ich bin nicht bereit, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen." Falls der Parteichef nicht eingreife, werde er notfalls mit Helmut Schmidt die Partei-Rechten mobilisieren: "Was dann geschieht, kann noch niemand voraussagen." Der SPD-Chef war beeindruckt: "Schreckliche Sache." Was auf dem Parteitag in Hannover (1973) so gut begonnen habe, läuft nicht mehr" (Brandt).
AUFGEWIEGELT
Aufgewiegelt hatten den Kanzler auch schon seine eigenen Berater. Staatssekretär
Günter Gaus (*1929+2004) und Brandts Ghostwriter Klaus Harpprecht (Redenschreiber 1972-1974) rieten ihm bereits seit Wochen, er solle gegenüber der Partei-Linken Farbe bekennen. Deshalb hatten sie in das Rede-Manuskript für das Weser-Ems-Treffen der SPD Anfang September 1973 einen Absatz eingefügt, der einen "energischen Willy" (Gaus) zeigte: "Unsere Wähler haben uns nicht beauftragt, einen großen Diskutierklub zu schaffen, sondern sie haben uns beauftragt, dieses Land zu regieren. An dieser Aufgabe wird man sich bewähren oder man wird scheitern."
HEISS-SPORNE
Eine Möglichkeit, sich vor der Öffentlichkeit zu bewähren und zugleich die Heißsporne Schmidt und Vogel zufriedenzustellen, sah der Kanzler, als ihn das SPD-Präsidium aufforderte, scharf gegen eine Juso-Presseerklärung zu den spontanen Arbeitsniederlegungen an Rhein und Ruhr Stellung zu nehmen. Die Jungsozialisten hatten die wilden Streiks als "legitime Maßnahmen der Arbeiter" begrüßt und die SPD-Führung aufgefordert, sich auch in den Fällen, in denen die Gewerkschaften nicht mitwirken, "mit aller Deutlichkeit auf die Seite der Arbeiter zu stellen". Der Kanzler nahm die Herausforderung an. Er betrachtete diese Erklärung "als abträglich für die SPD und belastend für die gebotene Solidarität mit den Gewerkschaften".
WARNSCHUSS
Der Warnschuss blieb nicht ohne Wirkung. Die Jusos zuckten zusammen. Sie hatten mit einer so scharfen Reaktion des Kanzlers nicht gerechnet. Zwar versuchte der Juso-Chef nach außen Fassung zu bewahren (Wolfgang Roth: "Wir gehen der Auseinandersetzung gelassen entgegen"), doch zugleich mobilisierte er per Telefon aus einem exquisiten Feinschmecker-Lokal im französischen Colmar seine Gesinnungsfreunde in Partei und Fraktion. Roths Devise: Unter allen Umständen den Sturm von rechts in der Partei zu überstehen, einfach auszusitzen.
JUSO-VERTEIDIGUNG
Auch die Linke in der SPD-Bundestagsfraktion und in den Gewerkschaften reagierten sofort. Angestachelt von den Jung-MdBs Norbert Gansel (1972-1997 ) und Dietrich Sperling (1969-1998) unterschrieben 30 Parlamentarier und zehn Gewerkschaftsfunktionäre eine Resolution zur Verteidigung der Juso-Politik. Der SPD-Linksaußen Jochen Steffen (*1922+1987) dagegen sah bis zuletzt weder die Gefahr für eine Spaltung der Partei noch für eine Ächtung der Linken: "Der Willy hat sicher die Juso-Texte nicht richtig gelesen oder falsch interpretiert bekommen. Das werden wir bald haben." Und die "Kassandra"-Rufe der beiden Minister Schmidt und Vogel wischte Jochen Steffen beiseite: "Die Rechten haben Gottvater Juck-Pulver in den Nacken gestreut, damit er sich mit uns beschäftigen muss. Wir, mein Freund Peter von Oertzen (*1924+2008) und ich, wir werden das zu beseitigen wissen."