Sonntag, 7. Juli 2019

Zwischen den Zeiten: Sommer-Stille am Nord-Ostsee-Kanal


 
    von Reimar Oltmanns (Text) und Helga Möller-Tallay (Fotos)

    Ich liebe stille lange Sommerabende auf den Kilometer weiten Fahrradwegen am Kanal, der zwei Weltmeere verbindet. Stille ist mehr als Abwesenheit vom Geräusch. Stille ist eine heimliche Sehnsucht. Stille ist auch ein Moment der Selbstvergessenheit. Ich betrachte immer wieder durchbrochene Linien der Kais entlang der Flussmauer. Das tröstet mich mit Schwermut, wenn ich mich in Nächten in ihr Labyrinth der Einsamkeit nähere. Ich glaube in der Stille der Nacht eine vergangene Epoche vor mir nachempfinden zu dürfen, sie neu zu erleben. Traditionelle Reetdachkaten, Kopfsteinpflasterstraßen, Kaufmannshäuser,      Bauerngärten, in sich ruhende Fischerdörfer aus vergilbten Zeiten schmücken meinen Weg        zum Wasser.                                                                                                                                      

Der Kanal war kein Wassergraben, sondern ein 98,5 Kilometer von Menschenhand erbauter langer und 67 Meter breiter Strom. Wie hört sich Stille an dieser Flussstraße an? Von Ferne höre ich unaufhaltsam, wie sich riesige Stahlrümpfe der Massengut-Frachter aus allen Herren Länder Zentimeter genau den Schleusenkammern zu Brunsbüttel in Richtung Nordsee nähern. Tuckern und stampfen, gleißende Scheinwerfer mit ihren Silhouetten Tag für Tag, Nacht für Nacht. In der Dunkelheit werde ich immer wieder das sanfte Brummen vorbeiziehender Schiffe hören. Der Nord-Ostsee-Kanal schläft nie.                                                                                        

Bis in den späten Abend der Finsternis begleitet mich mein Lebensgefühl, dem Wasser entsprungen zu sein. In stillen Stunden steigt die Traurigkeit meines Daseins, überkommt mich eine Monotonie der Dämmerung. Träume, die die Wirklichkeit nicht ersetzen können - mir ein Rätsel aufgeben. Melancholie.                                                                                                            

In Augenblicken des Selbstzweifels frage ich mich, wie mag es mir gelingen, mich jeden Tag ertragen zu können? Fremd im eigenen Land. Vielleicht. Um 6.30 Uhr signalisiert mir die Außenwelt, nämlich die Weckeinstellung, ein Ende meiner Tiefschlafphase. In sieben Minuten habe ich aufzustehen, die Kaffeemaschine springt an. Der Espresso ist heute stark und kommt aus Guatemala. Der Kühlschrank meldet die fehlende Erdbeer-Marmelade, bestellt automatisch Lebensmittel. Der Edeka-Supermarkt kennt meinen Geschmacksinn genauer als ich. Mein Auto fährt selbst. Bargeld benötige ich nicht mehr. Kreditkarten regeln Soll und Haben. Nicht Geld, nicht Verfügungsgewalt, sondern Schnelligkeit dominiert unseren Lebensrhythmus.       

Horror der Vollkommenheit 

Von der Öffentlichkeit kaum thematisiert, ist unsere Zeit unmerklich aus der Spur gekippt. Sie hat sich selbst "entzeitlicht". Je mehr Zeit wir zu gewinnen glauben, desto atemloser ringen wir um unser Gleichgewicht, hecheln nach unserer Balance früherer Jahre.  Der allgegenwärtige Trend der Moderne hastet unweigerlich, und wir rennen fügsam hinterher. Je mehr Spielraum wir zu gewinnen glauben, desto unübersichtlicher dümpeln Lebensweisen vor sich hin. Nur, mit welchen Vorhaben oder auch Projekten wir auch liebäugeln - wir kommen stets zu spät. Und letzt endlich diktiert mir mein Outlook-Kalender exakt den Termin, genau den Ort und markiert Inhalte, mit wem ich meine Arbeitstage Ergebnis orientiert zu verbringen habe.

Ich staune oft über mich und meine Anpassungsfähigkeit.  Zeitweilig gestehe ich mir ein,  ein recht trauriger Zeitgenosse zu sein. Eigenartigerweise finde ich hier am Kanal, am Wasser, Sinnlichkeit, Gleichmut und die psychische Kraft, mich zu hinterfragen. Mein Horror vor Vollkommenheit müsste mir eigentlich gerade stereotype mechanische Abläufe verbieten. Wüsste ich nicht zu genau, dass ich ein Gefangener eines entäußerten, fremdbestimmten Alltags bin. Schleichende Enteignungen meiner Gefühle, die sukzessive Aufgabe autonomen Denkens, die Verarmung der Sprache und somit der unmerkliche Abschied von einem selbstbestimmten Leben zerfressen unser Daseinsgefüge. Seelen aus Holz funktionieren einwandfrei. Unser Vorteil, wir merken es nicht einmal. 

Selbst die Architektur dieser Jahrzehnte liefert unaufhörlich Arbeitsproben unserer Sinnkrise. Sie markiert Unkenntlichkeit, Fremdheit, Unverstanden sein. Das menschliche Antlitz der städtebauliche Dominanz bestimmen elektronisch gesteuerte Schnellstraßen, Verkehrsknotenpunkte  mit Abgasen samt Smogvergiftung, Wohnhäuser mit ungenießbarem Trinkwasser, Flüsse, die zu Kloaken verkommen. Kirchen ähneln Bahnhöfen, Versicherungen gleichen Festspielhäusern, Schulen wie Hotels, Fußgängerwege verdichten sich zu Rennbahnen. Grenzgedanken bahnen sich ihren Weg, als ob es zwischen technologischen Fortschritt und der Rückbesinnung auf die Urwüchsigkeit der Lebenslust keine Zwischentöne mehr gäbe.                


Demokratie entdemokratisieren


Die Technokratie-Elite der westlichen Welt begann, den Menschen mit seinen Zwängen nach Funktionalität allmählich zu entmenschlichen, die Demokratie zu entdemokratisieren und die vielzitierten Politiker zu entpolitisieren. Dieses Grundgefühl eines sterilen, stereotyp vorbestimmten Lebens - vorausgesetzt man wähnt sich auf der Gewinnerseite - erfasste große Teile der Jugend.  Die soziale Krise, die kulturelle Krise, die kulturelle Mutation, die soziale Mutation, die politischen Auseinandersetzungen und damit der soziale Wandel insgesamt verdeutlichen, dass wir längst in der nach industriellen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Konturen sind erkennbar, die Konsequenzen noch nicht auszumachen. "Wir leben in einer Zwischenzeit, in der sich kulturelle Veränderungen und gesellschaftliche Konflikte so sehr vermischen, dass sie sich nicht voneinander trennen lassen", formulierte der französische Soziologie Alain Touraine.

Unterschiedlich waren  schon die Formen, die der Einzelne mit der Diskrepanz zwischen Emotion und Erfordernis umging. Die Einsicht, dass sich der Mensch als höchstes Rechtsgut bedingungslos der digitalen Diktatur zu beugen habe, löste vornehmlich in den jugendlichen Demonstrationen der "Fridays-for-future-Bewegung"  Ohnmachtsgefühle und Resignation aus.

"Du hast keine Chance, aber nutze sie ..."


Überdies passen scheinbare Petitessen exakt im Raum der Zeit. Raumgestalter dekorieren weltweit Luxusherbergen mit ein und demselben Interieur. Zimmerschlüssel etwa sind Relikte aus verflossenen Jahrhunderten. Unisono ist der "Herr" namens Code unser Lebensbegleiter in allen Lagen. Alles scheint machbar, alles ist austauschbar, aus Gesichtern werden Fratzen, einfühlsame Sprache verkümmert zu Floskeln, Kniffe oder Kunstgriffe gilt es zu beherrschen. Glanz und Glimmer zwischen Empfindungen und Befindlichkeiten. 

Indes: Junge Paare schlendern am Kanal entlang, nachtwandeln auf Fahrrädern ihren Liebesspielen auf den schmalen Pfaden entgegen. Resignation? Wehmut? Hoffnung? Um schleichende Vertrauensbrüche zwischen Jung und Alt, die schon seit Jahren zugedeckt werden, dreht es sich letztendlich.  "Du hast keine Chance, aber nutze sie", betitelte ich mein Reportage-Buch über die Befindlichkeit der deutschen Jugend Ende der 19siebziger Jahre. Genutzt haben wir sie, chancenlos sind wir geblieben.                                                                                                                 
Wohl am vortrefflichsten aus Sicht eines Psychoanalytikers hat Horst Eberhard Richter (*1923+2011) die unverwüstliche Supergesellschaft  charakterisiert, die offenkundig alles unter Kontrolle hat, nur ihr eigenes Absterben noch nicht. Sein Buch "Der Gotteskomplex" zählt zu meinen  wegweisenden Büchern.  Er schrieb: "Wer in unserer Zivilisation als sozial angepasst gelten will, übt sich darin, Leiden zu verstecken."                                                                            

Zugrunde liegt die Fantasie, das Leiden in Schach halten zu können, wenn man es sich und anderen nicht mehr zeigt. So etwas kann nur funktionieren in einer hysterischen Gesellschaft, in der vorwiegend das gilt,was äußerlich zu sehen ist. Die Vorschrift lautet, Munterkeit und Zuversicht zu mimen. Man erscheint nur mit lächelndem Gesicht und sieht um sich herum auch lediglich strahlende Mitspieler. ... Es verliert an Bedeutung, wie man wirklich ist. Entscheidend ist, wie man ankommt, wie man sich verkauft, was einem <abgenommen> wird. Wer erfolgreich sein will, darf nicht leiden."


Kein Verlierer 


Stille entsteht nicht selten aus Geräuschen des Regens und verbreitet sich über den weitläufigen Kanal. Ich döse hellwach am der Eingangstür stehend, an der ich Halt suche. Ich trachte danach, mich zu spüren, zu erfahren. In diesen Minuten empfinde ich verspätete Bitterkeit, die sich wohl in meinem ganzen Leben einzurichten verstand. Ich lasse erstmalig Gedanken zu, die ich sonst weit von mir gewiesen hatte. Ich durfte auf Gedeih und Derb kein Verlierer sein. Zufrieden, heiter, lustig, ausgeglichen sollte ich mich meiner Außenwelt offenbaren, mich "gut verkäuflich" präsentieren.

Schon immer hatte ich mich als kritischen Zeitgenossen begriffen. Geschickt verstand ich es, meine oft zermürbenden Befunde nach außen   einzuglätten. Schon immer spürte ich Verletzungen meiner Seele von erkennbaren Tagen. Risswunden, die nicht heilen wollen. - Psycho-Therapie zwecklos. Durch das Fenster geht mein Auge weit hinaus auf die Elbmündung, die Nordsee dort, wo die ganz großen Pötte von und nach Hamburg vorbeiziehen. Und wo auch die mittelgroßen Container oft einbiegen, um Abkürzungen zur Ostsee zu nehmen. Fernweh. 

Sehnsucht nach dem Kanal


Die Sehnsucht nach dem Kanal wurde nicht schwächer, nur weil ich mich in seiner Hörweite wähnte. Nahezu seit einem Jahrzehnt zählte er zu meinem Morgen- und Abendweg. Ich verstehe mittlerweile mein Verharren an diesem immer gleichen Ort, diesem niedergehenden Staub, der nicht weichen will. Gleichwohl kannte mein Lebenssinn keine Heimat mit ihren teils diffusen, teils überfrachteten Emotion und Illusionen. "In der Heimat vermisst dich niemand, in der Fremde erwartet dich niemand", war nicht nur ein Zitat des ungarischen Schriftstellers György Konrad. An seinen Leitgedanken sollte mich noch oft entsinnen.

Mein Lebenszweck wurde geprägt vom flatterhaften Eingeständnis, ich bin gar nicht da, wo ich bin. Und wo ich vor einer Stunde war, bin ich nicht gewesen. Wohin ich nachher gehen sollte, komme ich überhaupt nicht an. Ins Neudeutsche übersetzt orchestriert im linken Ohr das Opernhaus, in der rechten Muschel fahren die Autos raus. Nun ja, was sollen derlei rückwärts gewandte Reminiszenzen? Achselzucken.

In unserer modernen Zeit tuckern jedenfalls jeden Tag mehr als 110 Schiffe die Route zwischen Nordsee und Ostsee hin und her. Mehr als 30.000 Passagiere zählt jährlich der Massenansturm, der den "Kiel Canal" durchfährt. Es ähnelt einer Völkerwanderung, die weltweit ihres gleichen sucht. Auf den Umschlag-Plätzen weit abgeschlagen folgen der Panama- und der Suez-Kanal. 

Die Durchfahrt von Kiel nach Brunsbüttel dauert acht Stunden und kostet pro Person 31,50 Euro. Gebühren für eine Passage werden nach Größe und Tiefgang berechnet. Für einen voll beladenden Frachter gilt es zwischen 5.000 und 10.000 Euro zu bezahlen. Schwer gewichtige Container können außerdem auf einen Lotsen und zwei Kanalsteurer nicht verzichten. Zu kompliziert, zu waghalsig.                                                                                     

Der Nord-Ostsee-Kanal erspart Seeleuten den Umweg über die dänische Nordspitze bei Skagen; somit 460 Kilometer Strecke mit einem zusätzlichen Treibstoffverbrauch von etwa 260.000 Dollar. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf dieser Wasserstraße liegt bei 15km/h. Selbst Hochseeschiffe sind trotz ihrer starken Maschinen nicht schnell. Wunderwerke der Technik gilt es zu bestaunen: Brücken, Tunnel, Häfen, Schleusen und Fähren.


Nationalhymnen als Schiffs-Hallo


Mittlerweile werden Container täglich zwischen 10 Uhr bis Einbruch zur Dunkelheit in Rendsburg mit Klängen der Nationalhymnen ihrer Heimatländer begrüßt. "Heute bin ich mal wieder für die ankommenden Pötte zuständig", bedeutet Hermann Köck, der Schiffsbegrüßer vom Dienst. "Husky Runner" heißt der nächste Kahn, der gerade die Kanalbrücke in Rendsburg passiert. Ganze 140 Meter lang, 24 Meter breit, 8,80 Meter Tiefgang, randvoll mit 450 Passagieren beladen. Kurz darauf erklingt "God selve the Queen" - die englische Nationalhymne, das Dippen der britischen Flagge versteht sich. Genau 220 Hymnen sind in dem Schiffsbegrüßungs-Automaten gespeichert, Fahnen lagern im Nebenraum. Gelegentlich bauen sich an Feiertagen Kapellen auf, Kadetten stehen Spalier, Flaggen von 14 Nationen wehen im Wind. Sie locken Menschen-Trauben an die Ufer. Traumschiffe durchqueren den Kanal. Sonntagsgesichter. Im Hafen Kiel-Holtenau bestimmen ohnehin durchdringende Staus ein beklemmendes Verkehrschaos fast wie in einem fortlaufenden Durchlauferhitzer.

Mit dem obligaten Schweröl und natürlich mit Diesel, der Umwelt vergiftenden Luft, belasten Traumschiffe Menschen und Natur. Dessen ungeachtet gelten Luxusliner als Garant für den "exklusiven" Massentourismus. Pestbeulen dieser Jahre. Aus den Häfen ziehen an windarmen Tagen stinkende braune Dunstschwaden über die Innen-Städte.  Im Winter rieseln schwarze Flocken vom Himmel. Anwohner ängstigen sich vor Asthma und Lungenkrebs. Kreuzfahrtschiffe frohlocken mit pochenden Sehnsüchten ausgelaugter Menschen und garantieren fettleibiges Wohlbefinden.


Kitsch und Prominenten-Klatsch


Mein Tag beginnt mit Sonnenschein und der Erwartung, dass die Saga Pearl II. heute den Kanal durchfahren wird. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sorgte sie als "ZDF-Traumschiff" für Kitsch und Prominenten-Klatsch,  Nähe wie Durchbruch in Kajüten mit Appetit-Häppchen bei Schummerlicht. Auf dem Weg von Kopenhagen ins  holländische Muiden soll es laut Fahrplan um 7 Uhr die Kieler Schleuse passieren. Tausende von "Seeleuten", 50.000 im Jahr, warten mit Kind und Kegel in Wohnwagen, Zelten und mit Picknick-Körben auf den Kanal-Begleitwegen auf ihr "Naturereignis". Ein Luxusdampfer in der Höhe eines Hochhauses schiebt sich durch den schmalen Wasserverlauf. 

Ich beobachte  Familienväter vor Holzkohleöfen mit ihren Grillgabeln gestikulieren, Bierflasche um Bierflasche. Idylle am weitläufigen Kanal. Ich entsinne mich einer Passage des Schriftstellers Manfred Bieler (*1934+2002). Er sinniert in seinem Werk "Der Kanal" resignierend: "Das Leben hat seine Phasen. Man wird geboren und stinkt. Man wächst und wird energisch. Man nimmt seinen Freunden die Mädchen weg. Man heiratet die Mutter seiner Kinder. Man räubert in fremden Ehen. Man überlegt, ob man sich scheiden lassen soll, und tut es nicht. Danach existieren Frauen nur noch als Verpflichtung oder als Versuchung. Die Freunde waren krank und sterben. Die Kinder spucken einem auf den Kopf. Dann stirbt man selber und stinkt. Das ist das Leben der Männer." Und der Nord-Ostsee-Kanal zieht sich bekanntlich mitten durch Schleswig-Holstein, zerlegt Orte, Landschaften und Fetzen der Erinnerungen. 


Moderne Sklaven dieser Jahre


Ich denke an meinen Jugendfreund Johannes aus der Berliner Aussteiger-Jugend. Mit ihm bin ich vor Jahren schon einmal dem Kanal entlang gelaufen, auftanken, ausspannen. Der Kanal war für uns "ein Stück Befreiung". Das glaubten wir. Johannes bekannte: "Herrgott hier muss ich mich nicht mehr auseinandersetzen. Hier muss ich niemanden mehr sagen, dass ich mich unverstanden fühle." Unverstanden von seinen Eltern,  unverstanden von der Uni, unverstanden von seiner Freundin. Der Kanal bedeutete Befreiung, weit weg von der deutschen Enge, Hartherzigkeit. Was wir wollten, was wir wurden. Viel ist nicht übrig geblieben. Aus Johannes wurde ein ordentlicher Lehrer auf  Lebenszeit mit Bausparverträgen  des Beamten-Heimstättenwerks.  Die Gütertrennung mit seiner Elisa eine Selbstverständlichkeit in solch unsicheren Zeiten. Den Nord-Ostsee-Kanal sah er nach seinem Bekunden nie wieder.

Kaum ist ein Schiff vorbei, kommt schon das nächste. Breiter, länger, höher soll alles werden. Wachstum, immer fortschwimmend Wachstum, Profit über Profit, Seeleute von überall, Hauptsache preiswert. Sozialversicherung, Rente sind Fremdworte für moderne Sklaven dieser Jahre. Landschaften, Brücken, Kanalbecken, schon jetzt ist die leidige Infrastruktur zu knapp, klein, unpassierbar.  158 Meter lang und 23,80 Meter breit ist der Autotransporter "Elbsailor", der in diesen Morgenstunden von Bremerhaven nach St. Petersburg unterwegs ist. Sein Heimathafen heißt Saint John's und liegt in Antiqua Barbuda, einem fernen pittoresken Antillen-Staat in der Karibik. Seit 2012 steuert das Container-Schiff den Nord-Ostsee-Kanal an.

Über eine Strickleiter klettert Lotse Martin Hagedorn an Bord. Polnische Seeleute warten auf den erfahrenen Fuhrmann der Navigation. Durch ein Gewirr von schmalen Gängen gelangt er auf die Brücke. Hier ist bei Wind und Wetter sein Arbeitsplatz - der Nord-Ostsee-Kanal, die meist befahrene Wasserstraße der Welt. Einmal hin nach Kiel-Holtenau in die Ostsee, einmal retour an die Elbmündung gen Brunsbüttel zur Nordsee in möglichst acht Stunden pro Route - schnell muss alles gehen.

Solche Rochaden macht Martin Hagedorn seit vier Jahrzehnten. "40 Jahre?" wiederhole ich fragend. "Ja, ohne mit der Wimper zu zucken", beteuert der Lotse. "Ich kann auch stundenlang an der Reling stehen und aufs Meer schauen. Das bedeutet für mich Zufriedenheit." Ein Schwätzchen, viel Muße bleibt nicht. Mein Blick streift das Lotsenboot. Es ist 16 Uhr, die Rückfahrt zum nächsten Container steht an. Der Kühlschrank für die Nacht ist gut bestückt. Die Spülmaschine brummt, im Nu sind Teller wie Gläser sauber "wie aus dem Ei gepellt", lächelt Hagedorn süffisant.


Wegwerfende Konsumgesellschaft


Dessen ungeachtet: zehn Eisenbahnbrücken sind über den Nord-Ostsee-Kanal gespannt. Kein Schiff darf mehr als 40 Meter aus dem Wasser ragen. Nichts geht mehr. Ein rot-weißer Koloss passt gerade mal so unter die Rendsburger Hochbrücke mit ihren 42 Metern. Er trägt gleich mehrere vollgeparkte Fahrzeugdecks. Autos über Karossen gen Moskau. In den vergangenen Jahren stiegen an der Ostsee-Küste saisonal die See-Urlauber von einer auf 1,86 Millionen. Immerhin neun Staaten säumen das baltische Meer. An ihm liegen wohlklingende, verlockende Namen wie Stockholm, Helsinki oder auch das schwermütige Petersburg; die baltischen Länder mit ihren Metropolen Riga, Tallin und Vilnius inbegriffen. 

Erneut ist ein Luxus-Dampfer an mir vorbeigezogen. Dampfer hin, Luxussuite her, ich frage mich, was heißt heutzutage in der wegwerfenden Konsumgesellschaft noch Luxus, wo sich bekanntlich frische Lebensmittel bereits in Müllsäcken wiederfinden? Ist er nicht zu einem Allerweltsbegriff verschlissen? Wikipedia übersetzt Luxus mit 'Verschwendung' oder auch 'Liederlichkeit' und ergänzt: "Materieller Luxus demonstriert eine Lebensform, die sich wegen ihrer exklusiven Merkmale vom normalen gesellschaftlichen Leben abhebt und sich oft als Erfolgs- und Statussymbol repräsentiert."


Im Bett noch gesiezt


Eine luxuriöse Lebensweise zeigt sich unter anderem in erlesenen Speisen und Getränken, teure Kleidung inbegriffen sowie in Schmuck, teuren Autos und exklusiven Domizilen. Unbeeindruckt schaukelt wenigstens eine Gruppe Schwäne in seinem Wellenschlag dem Luxus hinterher. Der Kanal, so mein Eindruck, verwandelt sich wieder in einen langen ruhigen Fluss - bis zum nächsten Schiff. Wie lange noch?

Szenenwechsel - die Nachtluft hatte am Wasser dem Gemäuer die Hitze und meinem Schlafzimmer den Schweißgeruch genommen. Stille geht aus vom Gleichklang des Regens. Ich döse hellwach an der Eingangstür stehend, an der ich Halt suche. Eine Ehefrau vermochte ich über all die Jahre nicht an mich zu binden. Dreimal war ich verheiratet, dreimal gescheitert. Zu kauzig, eigenwillig, egoman und zu uncharmant soll ich mich von einem bis zum nächsten Mädchen vergnügt haben, hörte ich aus berufenen femininen Mündern. Frauen-Jahre.

Ich denke plötzlich an die verklemmten Allüren verstockt kichernder Blondinen. Es schienen junge, recht unbedarfte Mädchen zu sein, die den Arzt, den Lehrer, den Pfarrer aber auch den Milchmann von nebenan auch noch im Bett siezten. Aber selbst solches mehr oder weniger bizarres Geflüster war auch in Schleswig-Holstein passé. Wut kam in mir hoch Eifersucht, Verlust-Ängste der Einsamkeit, nicht einmal verlässlich an irgendeiner Bettkante geschnuppert zu haben, wenigstens einmal.

Manch einem Matrosen blieb allenfalls eine hässliche Mittvierzigerin um das Laufhaus "Paradise" am Wall 58 in der Hafenstadt Kiel; vier Stockwerke, rauf und runter, rot verkleidetes Backsteinhaus, das "Nümmerchen" hausbacken. Endstation Sehnsucht. Eine mit Tusche verschmierte Visage, rot unterlaufene Augen, hastig die offenkundig im beengten Bettzimmer ihre Eiterpickel gerade vor dem Spiegel ausgedrückt hatte. Die Schamhaare waren abrasiert, schnell musste es gehen. Mohammed war der Nächste, klopfte schon an die Tür, hatten sich verabredet. Triebbefriedigung für 30 Euro. Mehr nicht. Liebe, denke ich, sind Geschlechtstriebe. Sie ist wohl ausgewandert ins ferne Asien, nach Thailand oder sonst wohin. Damit soll es sein Bewenden haben.


Scheue Tiere werden munter


In der Kneipe von nebenan war das Licht trübe, schlecht die Luft, dreckig und verrucht. Schiffsbilder, Wimpel, Schiffskarten klebten an den Wänden, Aschenbecher voller Kippen, schmutzige Biergläser auf den Tischen. Die Augen des Wirts Dieter waren glasig, seine Haut fahl, seine Haare fettig strähnig, Bartstoppeln - fern der Heimat.

"Was willst du Lottel denn hier", stammelte Dieter zu mir. Die Damen auf den Barhockern hatten sich allesamt üppig tätowieren lassen. Die Frau, die offenkundig  seine verlässliche Gespielin war, sah ähnlich wie die Männer übernächtigt, schmuddelig, auch verwahrlost aus. Schmale Lichteinfälle machten ihre Haut blass, leichenblass. Von ihr gab es wie bestellt nur einen Animierspruch: "Wer Geld hat, hat gute Laune und lässt sich vollsaufen. Wer keins hat erst recht." Auf dem speckigen Fußboden zerfetzte Schäferhund Rex eine Styroporpuppe. Aus dem Musik-Leierkasten mit der Taste F4 tönte Schlagersängerin Lale Andersen (*1905+1972). Wieder trällerte Lili Marleen bis zum geht nicht mehr. Immer nur Lale, Lale, Lale in einem fort. Uffa.

Am Fenster sorgte ein Affe im Käfig für Hab-Acht-Minuten. So angeödet, gelangweilt die Männer auch dreinschauten, so ramponiert das Mobiliar sich auch ausnahm, die Säufer-Gemeinschaft  kannte ihre Suff-Misere aus Hartz IV und Mindestlohn sehr genau und schien zusammenzuhalten. Schiffsbilder, Anker und Seekarten, immer wieder Schiffsbilder, wohin ich auch schaute. Über meinen Kopf flogen draußen vor der Tür wenigstens Möwen hinweg. Ich traf auf ausdruckslose, abgespannte Gesichter. Türkinnen, Putzfrauen-Kolonnen hatten Feierabend.

In der Nacht, so sagt der Volksmund, werden scheue Tiere munter. Jedes erhellende Licht gilt schon als Angriff auf Menschenwürde und Integrität. Der Nord-Ostsee-Kanal gleicht einem dunklen Spiegel. Bäume, Schilf, Uferkanten. Nichts bewegt sich. Der Wind dreht und flüchtet sich durch Wald und Wiesen. Kein Atem. Nur auf dem Leuchtturm von Kiel ist Verlass. Einst war er einer der wenigen Sehnsuchtsplätze in dieser Republik. Drei Sekunden hell, drei Sekunden dunkel. Drei hell, drei dunkel. Eine Stunde vor Sonnenuntergang geht es los. Sechzig Minuten nach Sonnenaufgang erlischt es. Das war einmal.  Aus Legenden  umwobenden Leuchttürmen werden Standesämter oder Hotels.


Leuchtturmwärter sind Geschichte


Der Beruf Leuchtturmwärter existiert nicht mehr. Nach über zweihundert Jahren im Baltischen Meer und sonstwo zählt er zur Geschichte. Die Satelliten-Navigation - GPS-Hightech-Ausstattung der Schiffe mit ihrem Global Positioning System mit Radar - frisst auch auf rauer See Arbeitsplätze. Nur im Leuchtturm Kiel schaltet das Wärter-Leben noch. Hier signalisieren Leitfeuer sichere Zufahrt in die Kieler Förde, den Kiel-Flensburg, Kiel-Ostsee und Kiel-Fehmarnsund-Weg Orientierung. Ehedem galten Leuchttürme als die "Kathedralen der Meere". Als Häuser des Lichts wurden sie liebkost.  Früher galt es in der Literatur als edel, die Einsamkeit des Leuchtturmwärters mit seinen romantisierenden Feldstecher-Blick zu würdigen. Der Mythos von anno dazumal lebt noch in den Köpfen. Die Wirklichkeit kennt hauptsächlich Hotelangestellte, die im Leuchtturm ausgebaute Schlafkammern mit Bettwäsche versorgen. 

Leuchtziffern auf der Digital-Uhr zeigen in der noch intakten Lotsenstation Kiel-Holtenau auf kurz nach Mitternacht. "This is Kiel Pilot" meldet sich.  "Chrystal Rubino braucht einen Lotsen." Horst Fink ist der Nächste, wartet bereits vier Stunden. Er zieht die weiße Lederjacke drüber, läuft über die Mole und klettert zum Boot runter. Der Post "Crystal Rubino" ist in zehn Minuten erreicht. Und Lotse Horst Fink versetzt das Schiff ohne Schwierigkeiten. Die Scheinwerfer des Leuchtturms erstrahlen auf der Rückfahrt gleißend in ein schwarzes Nichts. Ausgeknipst werden über kurz oder lang alle Türme, alle Feuerschiffe vor der Deutschen Bucht - Verfinsterung der Küste.


Melancholie des Umbruchs


Ob wir es wollen oder auch nicht, eine Melancholie des Umbruchs, des Abschieds schwappt über das Land. Keiner mag darüber reden, jeder zielt mit seinem Gutdünken auf einen imaginären Fixpunkt in der Ferne. "Wir sind in der Gefahr , uns unbewusst in ein Spiegelbild der uns manipulierenden Umwelt zu verwandeln", mutmaßte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter (*1923+2011) in seinem Standardwerk "Flüchten oder Standhalten". Meist sind wir unterwegs vor uns selber, vor anderen, vor Fiktionen. Auf der Flucht nach nirgendwo.

An diesem Sonntag bimmelt Heinz Marscheider auf der MS Heikendorf in Kiel seine Schiffsgäste zur Abfahrt. Der Kahn gehört zur Schlepp- und Fährgesellschaft Kiel mbH. Jährlich begehen am zweiten Sonntag im September um 11:30 Uhr einen Gedenk-Gottesdienst in Holtenau. Jährlich weiß der Pfarrer über einen Vers im Korinther 13 zu berichten, nein ein Hohelied der Liebe anzustimmen. "... hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts". Das verkündet er Jahr für Jahr, bevor seine Trauergemeinde sich zur Urnenversenkungsstelle aufmacht.

Es sollte unsere Verabredung mit der Ewigkeit werden. Seebestattung. An Bord hockten wir auf ramponieren, zerkratzten Holzbänken, die Wände sind wie in der Sauna holzverkleidet. Wir - das sind meine Schwester Anita und ihr Mann Bernd. Mit uns steigen Leute aus ihrem Wagen in den Nebel, der über Meer und Hafen lauert. Schwarz ist die Farbe der Trauer, grau die der wehmütigen Erinnerung.

Schwager Bernd war im Alter von 68 Jahren in Berlin Rückenmark-Krebs gestorben. Eingeäschert im Krematorium brachte Schwester Anita seine Urne per Bahn im Samonite-Köfferchen mit nach Kiel. Auszug aus dem Schiffstagebuch: "Heute wurde die Asche von Bernd Fudicker, geboren am 12. März 1920 in Finsterwalde, gestorben am 22. Dezember 1988 in Berlin, nach Seemannsbrauch beigesetzt."  Deine Frau Anita

Der Pfarrer stammelt auf hoher See noch einige unverständliche Silben gegen den Wind, lässt die Urne an einem Tau ins Meer plumpsen. Das war's. - Routine. Der Mensch ist weg. Ja, einfach weg. Bei einem Grab bleibt immer noch etwas drunten in der Erde, frische Blumen und Kränze oben drauf. Hier auf hoher See fragt der Bordkassierer ruck-zuck allenfalls nach Fahrausweisen.


Ritual des Abschieds


Schwester Anita ist stämmig gebaut, brünette Haarsträhnen verdecken an Bord  ihr rechtes Auge. Auf ihrem Pappteller balanciert sie noch geschickt Essensreste ihrer Currywurst, Zwiebel, Gurken Aromafahnen von Kaffee, Jägermeister wehen mir ins Gesicht. Auf der Rückfahrt genehmigt sich die frische Witwe Schnaps und Bier. Kaum auszuhalten diese Trauer. Männer sind zugegen, schenken nach. "Als Berndchen noch lebte" begann sie weitschweifig ihre Erzählungen über sein schlechtes Schulzeugnis, Facharbeiterbrief, Hochzeit, das entsagungsreiche Leben im achten Stock einer Wohnsiedlung. Tränen kullern. So entlassen Trauergesellschaften Frauen auf hoher See. Szenen einer Kaffeefahrt des Abschieds.

Als Bernd zu Lebzeiten mit seinem Kasperle-Theater noch durch Kleinstädte tingelte, war die Provinz, wie er sagte, "mein Kassenschlager". Keine verwaisten Stühle, überfüllte Kinos und Schulen. Und heute? Die vielzitierte Landflucht der Menschen lässt eine Art Friedhofsruhe in manchen Regionen zurück. Landflucht. Die kleinen Städtchen am Fluss schienen wie ausgestorben. Von der zugesperrten Post, dem einzigen öffentlichen Gebäude, wehte wenigstens noch die schwarz-rot-goldene Fahne vor den barrikadierten Fenstern. Die deutsche Flagge ein Hoffnungsschimmer? Wohl kaum. Das einst stabile Gefüge, die Koordinaten unserer Bezugspunkte, die sind jäh verschwunden. Der Bäcker, der Arzt, die Schule. Nichts steht mehr, als aufgelöst, weggezogen, alles im Fluss. Alles scheint vorläufig, unverbindlich, auf Abruf sozusagen.


Duftmarken mit Stallgeruch


Auf dem Bahnhof in Rendsburg erlebte ehedem das Publikum arbeitsfreie Stunden wie Staatsfeiertage. Abreisende Soldaten standen in Luftwaffen blau Spalier, Fahnen, Girlanden, Betrunkene. Es ging zu wie auf dem Jahrmarkt. Fahrdienstleiter pfiffen Fans vom Fußballverein Holstein Kiel zurück. Sie hatten sich aufgemacht, über die Gleise zu den benachbarten Bahnsteigen zu rennen. Die nicht weit entfernte Kanalsiedlung lag in der Nachmittags-Glut. Zwischen den einzelnen Häusern der gewerkschaftseigenen "Neuen Heimat" hatten Architekten jeweils vorsorglich Plätze für Teppich-Stangen, Fliederbusch und eine Hollywoodschaukel, Sandkästen und Hundeklo geschaffen. Immerhin. Hier sorgte unverkennbar Frau Köhler, ihres Zeichens Hausfrau und Mutter von drei Bengels, für Duftmarken und Stallgeruch.

Gymnastiklehrerin will Frau Köhler gewesen sein. Auffällig waren ihre zertretenen Latschen, ihre blauen Krampfadern, die schwarzen Zahnfüllungen und die unentwegt wackelnde Hängebrust. Ihr Mann Lothar, ein lebenslänglicher Fahrkartenkontrolleur bei der Deutschen Bundesbahn, zog bemerkenswert häufig an seinen fleckigen Hosen, wenn er die Zugabteile durchwanderte. Er hatte sich jedenfalls zum Ziel gesetzt, Deutschland mit der AfD zu erneuern. Bartstoppeln, Tränensäcke und eine dicke Hornhaut unter seiner Fußsohle markierten seinen Weg. Befreiend war unsere Zusammenkunft. Hier bedurfte es keiner Selbstdarstellung - ein stummes Nicken vor dem Weitergehen. Schnell weitergehen.


Stille, alte Leute 


Warum, so fragte ich mich, blieben die alten Leute im Zeitalter der Digitalisierung so still? Erfreulich war, dass die Erhöhung der Lebenserwartung dank der Medizin stark angestiegen ist. Wir werden allesamt älter. Toll, einfach großartig, bahnbrechend. Aber Freude will so recht nicht aufkommen. So still, so bedenklich schweigsam ist es um die alten Menschen geworden. Wussten sie uns nichts mehr zu erzählen oder hörte ihnen niemand mehr zu; beispielsweise in Altenheimen wie "Drei Eichen" oder "Haus Tode" in Friedrichsholm an den frisch asphaltierten Straßenrändern, an den frisch gestrichenen Fensterrahmen der Republik.

Meine Augenblicke begleiten beruhigende Lichtsignale der auf dem Kanal gleitenden Schiffe durch die Nacht. Ich drehe mich im Kreis, weiß nicht mehr, mit welchem Schlüsselerlebnis ich mein Tagwerk betrat und mit welchem Ereignis es enden soll. Ehrgeiz? Anstrengung? Verdrängung? Leben? Ganz allmählich bricht aufkommende Helligkeit die Dunkelheit der Nacht. Ersehnte Lichtmomente? Die wird es wohl nie geben. Oder doch?

Vielleicht habe ich mein Leben falsch gelebt mich der Hast, dem Raubbau ausgeliefert. Selbstzweifel überkommen mich. Ich bin erschöpft, ermattet. Was mir bleibt, ist mein Gedächtnis. Und erinnern bedeutet ausruhen von all dem Unsinn, Prestige-Gebell, Verschleiß, Quälerei, auch Erfolg. So betrachtet gleicht das Leben einem Traum. Ich ertappe mich als alter Mann dabei, Vergangenheit als aktuelle Wirklichkeit zu empfinden, einfach um mich besser ertragen zu können. Gewesenes mutiert zur Fiktion aus aktuellen Träumen; Wunschvorstellungen entstehen.

Der Kanal ist mein Leben


Der Kanal ermüdet mich gelegentlich. Dann widerspreche ich mir. Schließlich ist der Kanal mein Leben. Wann immer ich mich auf dem Nord-Ostsee-Kanal fortbewege, Dörfer, Segelboote, Häuser, Menschen wahrnehme, glaube ich zutiefst, mich auf meinem Gewässer, meinen Lebensweg zu befinden. Ich verspüre Sehnsucht nach der Zeit, in der ich dort lebte. Und ich erlebe die Existenzen all ihrer Bewohner immerfort. So führe ich mein bewusstes Unterbewusstsein von Fischer-Dorf zu Fischer-Dorf, von Anlege-Kai zu Anlege-Kai spazieren. "Meine Zeit vergeht", schrieb Pessoa in seinem Meisterwerk über den Hilfsbuchhalter Soares, "da ich stillstehe. Nichts rettet mich vor dieser Monotonie, nichts, bis auf meine kurzen Kommentare zu ihr. Zwischen den Gittern meiner Zelle sind Fenster, das reicht - ich schreibe auf das Glas, auf den Staub des Notwendigen, meinen Namen in Großbuchstaben, unterzeichne so täglich mein Abkommen mit dem Tod."

Ja, sicherlich ist gleichsam für mich die Zeit gekommen, das Leben von vorne neu zu entdecken, meine Stationen hier am Kanal vielleicht neu zu zeichnen. Mich irritiert nur, mein mir innewohnendes Ich ungefragt zu offenbaren, dem Fraß des Boulevards vorzuwerfen. Schamgefühl. Dabei ertappe ich mich nicht selten mit dem Eingeständnis, dass meine Ich-Sucht nach Stille, inneren Frieden und der Gewissheit vor dem Tod einem verletzten Narzissmus diente - einem Überlebensgefühl, dass sich als Antlitz einer Epoche einzuschleichen verstand.

Ich las Buch-Passagen  des von mir geschätzten Autoren Hermann Schreiber. In seinem Werk "Das gute Ende. Wider der Abschaffung des Todes" schrieb er tröstende Worte: "Es ändert auch nichts daran, dass überhaupt  kein Leben möglich ist ohne Trennungen, ohne Abschiede. Wir verabschieden uns immer wieder von der Vergangenheit des eigenen Lebensweges um zukünftiges Entwicklungen willen. Wir können gar nicht leben, ohne loszulassen."

Und abermals anzufassen. Wir - Helga und Reimar wir reden, wir zerreden nichts. Wir spüren, dass wir unsere Vergangenheit in uns wissen,  dass unsere Träume auf dem Kanal liegen, die uns in eine neue, unentdeckte Zweisamkeit tragen.


Schleusentore für Jahrhunderte


Beeindruckt blicken wir zu den hohen Klappen in Brunsbüttel hinüber. Die Weite, das Licht, die Reling, anheimelnde Romantik. Es sind 330 Meter lange Schleusen, die eine unvorstellbare Wassermasse zwecks Druckausgleichs zwischen Nord- und Ostsee für ankommende Container regulieren. Allein ein Stahltor wiegt 1.300 Tonnen. Zwei tiefe Kammern werden durch eine Kaimauer getrennt. Tag und Nacht, Jahr für Jahrhunderte haben Schleusentore standgehalten. Ein gigantisches Bauwerk aus  bloßer Menschenhand früherer Jahrhunderte ziert Brunsbüttel. Der Kanal katapultierte die Betulichkeit des Ortes vor fast 130 Jahren ins industrielle Zeitalter.

Es war ein wohl einmaliger technischer Kraftakt, ein Querweg durch Schleswig-Holstein zu bauen (1887-1895), Erdmassen auszuheben. Über dreitausend Arbeiter schufteten über zehn Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen. Tote über Tote oder wie die Kanalzeitung unter anderem aus dem Jahre 1893 berichtete: "Vom Kanal. Der Aushub des Trockenbaggers im Binnenhafen wird ausschliesslich zur Erhöhung des Marschbahndamms benutzt. Auf dem Transport nach dort wurde ein Bremser von einer Lokomotive auf der Stelle getötet, indem demselben beide Beine abgefahren wurden und der Leib abgerissen." Der Tod traf immer denselben süßlichen Geruch. Meist lagen die Arbeiter im eigenen Blut, starrten ausdruckslos vor sich hin; auch Polen, Italiener, Dänen.


Noteinsätze, Ausnahme-Zustände


Kaum zu verstehen, dass dieses Jahrhundert-Konstrukt trotz Schleusen-Schäden und unentwegter Geldnot sich ins zweite Jahrtausend hinüberretten konnte. Der Begriff "Noteinsätze" zählt mittlerweile zum gewöhnlichen Vokabular. Ausnahme-Zustand - ein Dauer-Zustand, den es nahezu täglich zu vermelde gibt. Und keiner hört noch richtig zu. Alltag. Mal  ist es die zunehmende Verkehrsdichte, mal nehmen die Nordsee-Stürme zu. Ausreden, Floskeln, Achselzucken. Gerade in Brunsbüttel stockt mir der Atem, weil die großen Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals in den letzten hundert Jahre nicht grundsaniert worden sind.

Ich erinnere mich an das Wetter in früheren Jahren - genau 1963. Seinerzeit war ich gerade 14 Jahre alt und hörte meinem Lehrer Gerhard Dengler im Heimatkunde-Unterricht genau zu. Damals kam das Eis und auf der Ostsee erlosch das Licht. Selbst Feuerschiffe und Leuchtbojen mussten dem schnittigen Eisdruck weichen. Nachzügler und Pendler saßen fest. Nichts ging mehr. Der Eiswinter hatte große Flächen des nordischen Nebenmeeres in eine Eissteppe verwandelt. Steife Winde hatten die Eismassen vor den Küsten zu skurrilen Schollengebirgen aufgetürmt. Die Treibeisfelder froren ganz allmählich zu einer festen Decke zusammen, Skandinavien war in weiten Teilen schon vom europäischen Festland abgeschnitten.

Die Autorin Anja Marschall schildert in ihrem historischen Kriminalroman "Tod am Nord-Ostsee-Kanal": "Das rotbraune Wasser zog sich wie ein Bach am Boden der Schleuse entlang. Seit dem ersten Spatenstich machten es den Leuten die Arbeit zur Hölle. Tag und Nacht liefen Pumpen, um das dreckige Nass aus der Marsch aus der Baustelle zu befördern. Trotz moderner Technik war es erst kürzlich wieder passiert: Ein Teil der Außenmole zur Elbe hin rutschte ins Kanalbett. Dabei nahm es einen der vielen Italiener mit. Der Mann erstickte unter den Massen von Schlamm."


Auf der Suche nach eigenen Grenzen


In warmen Monaten Juli und August, bevor der Sommer sich verabschiedet und der Herbst vorbeischaut, in der der Atem schwer ist und die Kontraste verbleichen, genau in diesen Wochen verbringe ich Wochen im Küstenstädtchen Brunsbüttel. An diesen Tagen schwappen vielleicht wie die Flut im Meer alte längst vergessene Begebenheiten, in längst verblassten Begegnungen in mehr hoch. Es regnet stark, immer stärker. Ich sitze im Reetdach bedeckten Café Katchen am Elbdeich zu Brunsbüttel. Ich bin allein. In solchen Momenten bin ich gedanklich auf der Suche nach meinen eigenen Grenzen, an die schmerzhafte Berührung mit der Einsamkeit, der Kälte, der Fremde, den Tod und der innewohnenden Angst zu scheitern, auch das. Es sind Weltweitgrenzen, die mich bewegen. Die Nähe wird fern, die Ferne nah. Sie erlauben mir, mein Empfinden für gescheiterte, auch in den Tod getriebene Lyrikerinnen auch Autoren zu öffnen. Die Liste der gedankenlos in Armut verstorbenen Frauen und Männer dürfte Friedhöfe füllen, wenn Gelder zur würdevollen Bestattung überhaupt vorgesehen waren. Niemand hat sie allen Ernstes zählen wollen. Warum auch?

"Erinnerung", dichtete der Lyriker Elazar Benyoetz, "täuscht Gegenwart des Gedächtnisses vor. Erinnerungen halten alles ein. Was man sich  je versprochen hat. Erinnerung - das sich hier ansammelnde Jenseits. Erinnerung macht vergessen". Und Pessoa ergänzt: "Die Einsamkeit zerstört mich; die Geselligkeit bedrückt mich. Die Gegenwart einer anderen Person wirft meine Gedanken aus der Bahn; ich träume von ihrer Gegenwart  mit einer Geistesabwesenheit, wie sie meine gesamte analytische Aufmerksamkeit nicht zu beschreiben vermag."

 Recht bald sind Schwäne, Enten und Möwen im Winterquartier.

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Hermann Hesse

                                                   Besuch am Grab von Hermann Hesse
                                                   geb. 2. Juli 1877, gestorben und beerdigt
                                                   9. August  1962 in Montagnola/Schweiz