Mittwoch, 1. November 1989

Intriganten-Stadel - Willys Enkel

























Beinhart und mit Intrigen gespickt gehen die von Willy Brandt geadelten SPD- Nachwuchsmänner zur Sache, wenn es um ihre Politik-Karriere im Glanz der Öffentlichkeit geht. Dabei ist dem Macht-Menschen Gerhard Schröder jede Taktik recht, wenn er für sich einen Platzvorteil in Richtung Kanzleramt ausrechnen kann - mal prolo, mal echt öko, mal echt regierungsamtlich. Aber am liebsten erzählt der Kanzler in spe die Geschichte seiner Herkunft: "Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Hilfsarbeiter, ich weiß, wo der Braten liegt." Für ihn mittlerweile auf dem Servierteller seiner vierter Ehe. So hastig rast die Zeit.


MÄNNER VOGUE, München
vom 1. November 1989
von Reimar Oltmanns

Die Karriere-Philosophie steht nirgendwo geschrieben. Gleichwohl hat sie sich ein jeder aus der frischen SPD-Garde der neunziger Jahre eingeprägt - unausgesprochen. "Soyez réalistes, exigez l'impossible" - seid realistisch, fordert das Unmögliche. Mit derartigen selbst gehäkelten Weisheiten gerieren sich die Spitzengenossen nach außen mit Inbrunst als Hoffnungsträger der Republik.

Es war Willy Brandt, der Mitte der 70er Jahre die jetzige SPD-Garde der damals überraschten Öffentlichkeit als "seine Enkel" präsentierte. In weiser Voraussicht sagte er schon damals: "Das sind meine politischen Erben. Auf diese Enkel kann die SPD, kann dieses Land getrost bauen." Folgerichtig gestatten sich die Willy-Enkel auf dem dornigen Weg zur Bonner Macht keinerlei Atempause.

YUPPIE MIT "BILD"-ZEITUNG

Selbstinszenierung ist Trumpf. Ganz nach dem Motto "Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater verdingte sich als Hilfsarbeiter. Ich weiß, wo der Braten liegt", entäußert sich Gerhard Fritz Kurt Schröder, 45, seines Zeichens SPD-Oppositionsführer im Landtag zu Hannover, bis hinters Komma, um endlich Ernst Albrecht als Ministerpräsidenten zu kippen. Dabei ist Schröder unverkennbar der Yuppie im sozialistischen Enkelsalon. Erfolgsbesessen lässt der Rechtsanwalt des zweiten Bildungsweges, der das dritte Mal verheiratet ist, in der Boulevard- und Bildpresse einen Knüller nach dem anderen los. Schließlich wollen "die Leute was zu lesen haben und wissen, dass es mich auch noch gibt", möllemännert er daher in der Bonner Yuppie-Kneipe "Mierscheid".

Denn so bizarr, wie seine politische Karriere über die Jusos verlief, so berechnend setzt er meist mit "Betroffenheitsfloskeln" ein Mosaiksteinchen aufs andere, wenn es ums erbibberte Amt des Ministerpräsidenten in Niedersachsen geht. Seine Erfolgstaktik ist es, dass Gerhard Schröder seine Taktik offen als Taktik erläutert - eben mal "echt öko" - mal "echt prolo" oder auch mal "echt regierungsamtlich".

WILD WIE DER KLEINE NAPOLEON

Weitaus stimmiger intoniert sich da schon "Oskar mit der Blechtrommel". Tatsächlich verkörpert Saarlands Ministerpräsident Oskar Lafontaine, 46, geradezu "idealtypische Eigenschaften", um zur Nummer eins der SPD werden zu können. Er dürfte wohl der nächste Spitzenkandidat für die Wahl 1990 sein. Vorsorglich streckt Lafontaine schon jetzt seíne gezielten Fühler zu den Grünen aus, um vielleicht als der erste rot-grüne Kanzler in die Geschichte einzugehen. Mit Willy Brandts Enkelstab ausgerüstet, strotzt der katholische Arbeitersohn aus dem ärmliche Saarlouis folglich vor Selbstbewusstsein. Mal schreibt er wortgewaltige Bücher, mal parliert e in Talkshows breit lachend um sich, mal zerreißen sich Boulevardblätter hingebungsvoll ihre Mäuler über seine Frauengeschichten - mal verlässt seine Gesundheitsministerin Brunhilde Peter weinend den Kabinettssaal, "weil der Oskar wieder wild den kleinen Napoléon spielt."

ZWEITSCHÖNSTER POLITIKER

Regelrecht hausbacken nimmt sich dagegen Björn Engholm, 50, aus. Und das, obwohl er als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nach einer Meinungsumfrage der Wickert-Institute als zweitschönster Politiker des Landes eingestuft wird. Den ersten Platz belegt unangefochten Richard von Weizsäcker. Ganz nach Engholms durchlebter Forderung, zu den eigentlichen Wurzeln zurückzukehren , kann er auch nach der Barschel-Affäre mit seiner Glaubwürdigkeit einstweilen wuchern - einstweilen. Trotz verlockender Angebote zieht es den einstigen Schriftsetzer wie Bundesbildungsminister nicht abermals nach Bonn zurück. Ihn schreckt dieses "unsinnliche Treibhaus" am Rhein. Zweifellos ist der kokette Vater zweier Töchter der anschmiegsamste Repräsentant der modernen SPD.

KLEINE-LEUTE-MILIEU

Den unerwartesten Senkrechtstart des Jahres 1989 unter den Sozis schaffte freilich ein Außenseiter. Zur Verblüffung einflussreicher Wahlstrategen wurde der knallharte Walter Momper, 44, auf Anhieb Berlins Regierender. Unversehens geriet "Schlitzohr Mompi" mit der Knollnase, wurstigen Fingern nebst Ellenbogen (Eltern waren Köche, er wurde Politologe) bundesweit zur Symbolfigur des "Kleine-Leute-Milieus". Kurzum: Sein Stallgeruch stimmt. Dass er jemals Regierungschef würde, hat ihm in der Tat niemand zugetraut. Selbst SPD-Chef Hans-Jochen Vogel, der mit Momper heimlich Fernseh-Interviews übte, war da "mehr als skeptisch".

JUNGE MIT DER MUNDHARMONIKA

Großes Kopfzerbrechen haben die eigens beizeiten von der Partei angeheuerten Werbe- und PR-Agenturen, wie sie Hans Eichel, 47, Oberbürgermeister von Kassel, als Spitzenkandidaten 1991 in Hessen verkaufen sollen. Der altlinke Programmatiker soll gegen Walter Wallmann um das Amt des Ministerpräsidenten kämpfen. Fortwährend Sorgen bereitet Eichel fast schon niedlich-harmlose Farblosigkeit - bis hin zur allseits grauen Funktionärskrawatte. Die höchsten Sympathiewerte bekam Eichel noch, als er mutig den "Jungen mit der Mundharmonika" spielte. In den neunziger Jahren soll Biedermann Eichel als "rosaroter Panther mit grünem Schwanz", so der SPD-Parteitag, das Hauptaugenmerk auf sich lenken.

POLIT-THEATER

Fernab der Heimat - nämlich der Wahl-Wirklichkeit - sonnt sich der Edelenkel dieser Republik, Freimut Duve, 53, SPD-Bundestagsabgeordneter und geschasster rororo-aktuell-Herausgeber, vereint nach eigenem Bekunden in einer Person. Dafür spricht schon seine "locker gefönte Schriftstellermähne", mit der er in Bonn unentwegt die Aufmerksamkeit besonders der Journalisten sucht. Trotz aufgesetzter Krisen-Theatralik (Duve: "Wir müssen fürwahr die Republik verteidigen") kämpft Duve auf den Hinterbänken des Bundestages gegen den drohenden Abstieg in die schmerzhafte Bedeutungslosigkeit. Denn allmählich setzt sich auch in der SPD die unangenehme Erkenntnis durch, "dass der Duve vor lauter Betroffenheit nicht laufen kann" - vornehmlich dann, wenn der Edelenkel Duve den französischen Kulturattaché beim Staatsempfang in der Godesberger Redoute mit "How do you do I'm Duve from Western Germany" begrüßt.

ENKEL NOCH MIT NEUNZIG

Rudolf Schöfberger, 54, Landesvorsitzender der bayerischen SPD, hadert auch mit sich über verflossene Zeiten. Wehmut überkommt den einstigen Briefträger und späteren promovierten Juristen, wenn er sich seines früheren Enkeldaseins erinnert. Damals, in den siebziger Jahren, genoss er seine Rolle als "Bürgerschreck", er verjagte Parteichef Hans-Jochen Vogel als Oberbürgermeister aus München, wollte gar das "imperative Mandat" zur Pflicht machen. Die Jahre als Bundestagsabgeordneter in Bonn haben den "wilden Rudi" sanfter gestimmt. Nur den Schnupftabak weiß er noch als treuen Weggefährten an seiner Seite. Die größte Bestrafung wäre es für ihn, aus der Enkelliste herauszukippen, denn "ein Enkel von Willy Brandt will ich auch mit 90 Jahren sein."

AUF ORGEL TRETEN - KARRIERE MACHEN

Im Grunde genommen hält es auch die SPD-Enkelpartei lieber mit Repräsentanten, die den "Otto-Normalverbraucher" darstellen. Zumindest muss die Partei in Rheinland-Pfalz nicht argwöhnen. Mit Enkel Rudolf Scharping, 42, erkor sie einen Spitzenmann für die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, der nahezu sämtliche SPD-Eigenschaften auf sich vereint. Ganz nach dem Motto: "Gestern Parteifunktionär, morgen Parteifunktionär", hat Scharping eine klassische, für die SPD typische Parteiensozialisation hinter sich. Alles, was Scharping auch in seinem Leben anpackte - stets war es für die allgegenwärtige Partei. Der Vater dreier Töchter ist ein bemerkenswertes SPD-Produkt für die neunziger Jahre. Folglich geht Scharping, mit seinem Spitznamen "Genosse Scharfsinn" ausgestattet, schon zwei Jahre vor den Wahlen los und verteilt Ohr flüsternd Ministerposten. Rudolf Scharping zu Ex-MdB
Hans Wallow: "Du wirst bei mir ganz sicher Minister, Hans!" Wallow: "Toll, Rudolf, aber bitte Bundesratsminister. Denn auf dieser Orgel kann ich richtig treten." Das ist Karriereplanung im Jahre 1989. Die Enkel starten durch. Wie sagte doch einst Björn Engholm; "Ich weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich weiß, dass ich ankommen werde." - Wirklich?





















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