Donnerstag, 20. November 1975

Aus deutschen Landen der Armee - Schieß oder du kommst in den Knast






























stern, Hamburg
20. November 1975
von Reimar Oltmanns

Bis ins Jahr 1976 musste in der Bundes-republik jeder Kriegsdienstverweigerer entwürdigende Gewissensprüfungen in Kreis-wehr-Ersatzämtern der Bundeswehr durch-laufen. Damals kamen junge Männer aus der Kaserne in den Knast, weil sie es ablehnten, eine Waffe in die Hand zu nehmen - sich zum Töten ausbilden zu lassen. Andere Jugend-liche zerbrachen an erbarmungslosen Ver-hörmethoden - wie der damals erst 19jährige Dieter Feser. "Die über sein Gewissen zu Gericht saßen, haben ihn auf dem Gewissen." Alltag in Deutschland. Randnotizen. Zeit-geschichte

Als der 19jährige Selbstmörder Dieter Feser zu Grabe getragen wurde, drängten sich Einheimische und Zuge-reiste auf den Dorffriedhof von Oerlenbach bei Schwein-furt. Die einen waren im Trauerzug gemessenen Schrit-tes durch die 2.000-Seelen-Gemeinde gekommen: der Bäcker, der Gastwirt - die alten Leute. Allen voran der katholische Priester Rützel.

Die anderen kamen in gemieteten Kleinbussen, mit Mopeds und klapprigen Autos aus allen Teilen der Bundesrepublik: Studenten, Schüler, Lehrlinge, lang-haarig, in Jeans, Zigaretten rauchend. An ihrer Spitze der evangelische Pfarrer Ludwig Wild aus Schweinfurt.

Für die Oerlenbacher war Dieter Fesers Tod ein Schock. Ein Junge aus ihrem Dorf, der jahrelang Messdiener und als Kaufmannsgehilfe im Warenlager stets hilfs-bereit gewesen war - ausgerechnet der ein Kriegsdienst-verweigerer und Selbstmörder. Das hat es im bayer-ischen Oerlenbach seit Menschengedenken nicht gegeben.

HERR ÜBER GEWISSEN UND GEWEHR

"Trauer und Schande ist über uns", klagte der Seel-sorger Rützel und grübelte sechs Tage mit seinen Kirchenvorstehern, ob er Dieter Feser überhaupt beerdigen dürfe. Erst des Bischofs Segen aus Würzburg beendete das Dorfgemurmel. Auf dem Friedhof zwischen Bundesgrenzschutz-Kaserne und Autowerk-statt standen Einheimische und Zugereiste dicht an dicht. Pfarrer Rützel predigte für die einen, Pfarrer Wild für die anderen. Rützel mahnt: "Sehet, soweit kann es kommen, wenn man Gott nicht vertraut." Wild klagte an: "Dieser Feser ist das Opfer eines unmenschlichen Verfahrens; er ist innerlich zerbrochen worden. Die über sein Gewissen zu Gericht saßen, haben ihn selbst auf dem Gewissen."

Der Herr über Gewissen und Gewehr in der Region Unterfranken heißt Walter Bendrien, Regierungsrat und Vorsitzender des Prüfungsausschusses des Kreis-Wehrersatzamtes in Würzburg, einer der über 100 Prüfungsausschüsse in der Bundesrepublik.

VATERLANDSLOSE GESELLEN

Bendrien behandelt Jugendliche, die den Dienst im Krankenhaus oder Altenheim der Bundeswehr vorziehen so, als seien sie Drückberger, Feiglinge oder vaterlands-lose Gesellen. Nur Zeugen Jehovas haben bei ihm eine echte Chance, die Pazifisten die Inquisition von Moral und Glaubwürdigkeit zu übersehen. Walter Ben-drien: "Und wenn bei mir Tag und Nacht verhandelt wird. Ich gehe der Sache auf den Grund. Schließlich sind wir hier nicht in einem Mädchen-Pensionat."

TONART EINES FELDWEBELS

Mit der Tonart eines Feldwebels, den Anklagen eines Staatsanwalts, mit den Vernehmungstricks eines Kriminalkommissars knöpft sich Jurist Bendrien die Jugendlichen vor, die nichts anderes wollen, als das in Artikel 4, Absatz 3 Grundgesetz verbriefte Grund-recht: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegs-dienst mit der Waffen gezwungen werden." - An das Grundrecht glaubte auch der Arbeitersohn Dieter Feser. Doch seine Gewissensgründe interessieren den Vor-sitzenden Bendrien nicht. Fesers Verhandlung begann am 27. Februar 1975 morgens um 11 Uhr. Gegen 13 Uhr war er durchgefallen, Um 14 Uhr saß "der Versager" zu Hause an Mutters Küchentisch und schrieb aus dem Gedächtnis nieder, wie ihn Bendrien traktiert hatte. Hier die wichtigsten Auszüge aus dem Verhör:

DAS VERHÖR

Frage: Warum sind Sie in der Schule eigentlich sitzen geblieben?
Antwort: Keine
Frage: Können Sie denn dazu nichts sagen? Waren Sie denn immer ein schlechter Schüler?
Antwort: Keine
Frage: Hören Sie, Herr Feser, in Ihrem Beruf müssen Sie doch auch Intelligenz mitbringen und reden können.
Antwort: Ja, das stimmt. - Ich habe einmal dieselbe Klasse wiederholt. Und das mit 13/14 Jahren. Aber das ist doch schon lange her. Was hat das mit heute zu tun?
(... ...)

Frage: Aus Ihren Unterlagen geht davor, dass Sie der Kirche gegenüber negativ eingestellt sind. Hängt Ihre, sagen wir mal, kritische Haltung zur Kirche nicht damit zusammen, dass Sie in Wirklichkeit unsere Staatsform ablehnen?
Antwort: Nein, ich wollte damit ja nur sagen, dass ... ...
Frage: ... ... Herr Feser , ist Ihnen denn nicht bekannt, dass zum Beispiel Willy Brandt gesagt hat: "Wer für den Frieden ist, muss auch Verteidigung haben"?
Antwort: Ja, aber ich wollte doch nur sagen, dass ich in Oerlenbach als Messdiener gesehen habe, wie die Geistlichen sich in der Sakristei benahmen, und dann, wie sie sich im Gottesdienst verhielten. Da zog ich so meine immer meine Vergleiche. Es waren meine ersten Denkanstöße über den Glauben. Uns hat man doch immer gesagt, wir sollen den Nächsten lieben. Dann frage ich meine Eltern über Glaubensfragen aus. Sie antworteten, wie ich so etwas überhaupt fragen könne in einer Dorfgemeinschaft, wo viele am Sonntag in die Kirche gehen, frägt man nicht nach Dingen, die die festen Grundsätze überschreiten.
(... ...)

Frage: Sie redeten von einer Schlägerei, die Sie in einem Tanzlokal aus nächster Nähe miterlebt haben. Ist Ihnen denn nicht spätestens dort klar geworden, dass man sich verteidigen muss?
Antwort: Ja, ich bin es doch gewesen, der Hilfe holte. Wir legten dann den zu-sammengeschlagenen auf eine Decke und riefen die Polizei und Krankenwagen. Selbst hier noch schimpften die Leute. Wir sollten ihn einfach liegen lassen. Und, wieso wir einfach dazu kämen, die Polizei anzurufen. Ich wollte dann mit den Leuten reden, wie man nur so brutal sein kann. Aber da drohte sie mir auch Prügel an.
(... ...)
Frage: Und wenn Sie nun tatsächlich angegriffen worden wären? Hätten Sie sich dann nicht gewehrt? Es wäre doch Notwehr gewesen.
Antwort: Ich habe doch niemanden etwas getan ... Für mich sind Schlägereien undenkbar. Ich könnte nie auf Menschen schießen oder auch nur auf einen Papp-kameraden zielen. Das kann ich nicht ... Das Gewissen sagt, das ist nicht gut, es ist Unrecht.
(... ...)
Frage: Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich eindeutig für die Bundeswehr ausgesprochen. Das haben doch die Bundestagswahlen klar gezeigt.
Antwort: Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen.
Frage: Wir wollen Ihnen damit nur sagen, dass Sie sich gegen die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik stellen.
Antwort: Ja, aber, das ist doch meine persönliche Entscheidung. Mein Vater war im Krieg Unteroffizier und in russischer Kriegsgefangenschaft. Er kam verwundet zurück. Als ich ihn mal fragte, Vati, warum bist du eigentlich in den Krieg gezogen und hast fremde Menschen getötet? Da hat er mir gesagt, das haben doch alle gemacht. Vor einiger Zeit habe ich bei uns in Oerlenbach mit Leuten vom Bundesgrenzschutz ge-sprochen, warum sie da eigentlich hingegangen sind. Die sagten mir, sie wollten ihren Dienst abreißen, Mäuse kassieren und 'nen feinen Lenz machen. Übers Schießen haben die überhaupt nicht nachgedacht. Ich kann das jedenfalls nicht (... ...).

KEINE ECHTEN GEWISSENSGRÜNDE

Beschluss der Prüfungskommission: "Der Ausschuss vertritt die Auffassung, dass beim Antragssteller keine echten Gewissensgründe vorliegen. Der Wehrpflichtige Feser ist deshalb nicht berechtigt, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern." So der Schriftsatz. Mündlich begründete Regierungsrat Walter Bendrien die Ent-scheidung damit, dass Fesers Abneigung, den Wehr-dienst abzuleisten, in seinem anti-kapitalistischen Denken zu sehen sei.

Als letzten Absatz schrieb Dieter Feser am Küchentisch in Oerlenbach in das alte Schulheft: "Ich habe Angst davor, dass auch in mir Aggressionen geweckt werden können. Ich weiß, dass sie ausgenutzt werden können. Ich bin gegen Gewalt, es gibt nur Gott, keine Gewalt, nur Angst."

ERHÄNGT MIT EINEM ABSCHLEPPSEIL

Kurz nach 16 Uhr benachrichtigte ein Bauer das Mord-dezernat in Schweinfurt. - Er hatte den 19jährigen am Wandrand von Oerlenbach tot aufgefunden, erhängt mit einem Abschleppseil. Der Tod Dieter Fesers alar-mierte Pädagogen, Pastoren, Rechtsanwälte und Politiker, die Bendriens Rücktritt forderten. Der Würz-burger Professor Franz Rauhut (*1898+1988), seit fünfzehn Jahren gerichtlich ermächtigter Berater der Kriegsdienstverweigerer: "Ich kenne den Vorsitzenden Bendrien nur zu gut. Der hat den jungen Mann fertig-gemacht. Daran besteht kein Zweifel." Die Rechtsan-wältin Roswitha Wolff : "Solche Behandlung ist grund-gesetzwidrig." Und der frühere SPD-Bundestags-abgeordnete Uwe Lambinus : "Bendrien muss zurück-treten, er hat in unverantwortlicher Weise sein Amt missbraucht."

INQUISITOR BLEIBT AUF SEINEM POSTEN

Doch Bendrien blieb einstweilen in Amt und Würden, obwohl dem Verteidigungs-ministerium bereits acht Beschwerden wegen dessen umstrittener Verhandlungs-führung vorlagen. - Alltag in Deutschland. Die Bonner Ministerialen von der Hardthöhe standen vor der pein-lichen Situation, kein einziges Verhör rekonstruieren zu können. Sitzungsprotokolle existieren nicht.

KEINE PROTOKOLLE - DIENSTGEHEIMNIS

Dessen ungeachtet machte Bendrien weiter so wie bisher. "Was in meinen Sitzungen passiert, geht niemanden etwas an. Das ist ein Dienstgeheimnis." Genauso wie die Selbstmordquoten der nichtaner-kannten Kriegsdienstverweigerer, die vom Verteidi-gungsministerium unter Verschluss gehalten werden. Sie liegen nach Angaben des Beauftragten für den Zivildienst, Hans Iven (*1928+1997; Bundesbeauftrager 1970-1983), "erheblich über dem Durchschnitt der Gleichaltrigen". An der Ge-wissensprüfung Gescheiterte sträuben sich in der Kaserne, die Waffe in die Hand zu nehmen. Viele kommen in den Arrestbunker, etliche ergreifen die Dienstpistole nur, um sich zu erschießen. Andere hauen ab. Im Petitions- und Verteidigungsaus-schuss des Parlaments stapeln sich die Beschwerde-briefe. amnesty international kümmert sich um Kriegsdienstverweigerer, die im Knast gelandet sind.

25-ZELLEN-KNAST FÜR VERWEIGERER

So in der baden-württembergischen Jugendstrafanstalt Oberndorf zwischen Freudenstadt und Rottweil, die Voll-zugsdirektor Rasenack als "zukunftsweisendes Modell" lobt; aber oft ist in dem 25-Zellen-Knast die Hölle los. In einer Nacht, es war die "Oktoberrevolution in Oberndorf" (Rasenack), zertrümmerten seine "Knak-kis" alles, was nicht niet- und nagelfest war. Vier Monate glich die Jugendvollzugsanstalt einer Baustelle - high noon im Schwarzwald und kaum jemand nahm Notiz davon.

AGGRESSIONS-AUSBRÜCHE

Für Rasenack sind solche Aggressionsausbrüche ganz normal: "Wir haben hier ja alles. Vom Mord über Raub, schweren Diebstahl, Vergewaltigungen, Rauschgift-Dealern bis hin zu den Kriegsdienstverweigerern." Einer von den Verweigerern ist Peter Stärk in der Zelle 7, seit über fünf Monaten in Haft. 20 Jahre alt, Arbeiter, katholisch. Vorstrafen: keine

KEIN SPRECHKONTAKT - ABER EINE BIBEL

Kaum eingezogen, verweigerte er im Ausbildungs-bataillon 3/2/95 in Immendingen dem Gehorsam. Stärk wollte nicht schießen, nicht mit einer "Gasmaske aufgesetzt" singen, nicht durch Pfützen robben. - Im Arrestbunker fand er sich wieder. Vier kahle weiß-getünchte Wände, ein Guckloch, keine Toilette, kein Wasser, ohne Schnür- senkel, keine Zigaretten, kein Sprechkontakt. Aber eine Bibel.

Zermürbt kehrt Peter Stärk zur Truppe zurück. Jetzt geht er in den Schießstand und reißt auch die Nacht-märsche runter. Doch wenige Tage später ist der Wehr-pflichtige spurlos verschwunden. Tagelang versteckt er sich in den nahegelegenen Wäldern, Erst der Hunger treibt ihn den Feldjägern in die Arme. Kompaniechef Thoma schiebt ihn ab in den Knast nach Oberndorf. Auf dem Hofgang trifft er auf Claus Grieshaber, der sechs Monate Bau hinter sich hat, und die Kameraden Bernd Lizareck und Uwe Mösinger. Beide inhaftiert wegen Befehlsverweigerung und Fahnenflucht.

HOHN UND VERACHTUNG

Im "modernen Vollzug" von Oberndorf begegnen Stärk nur Hohn und Verachtung. Der Grund: Auch in der Haft bekommt er weiter seinen Wehrsold. Das ärgert Gefäng-nis-Boss Rasenack: "Die hauen von der Truppe ab, hören hier den ganzen Tag Musik und kassieren dazu noch Mäuse." Manchmal lässt Jurist Rasenack seine "Knackis", wie er sie nennt, aus der Zelle raus-treten. Geht hinein und reißt die Pornos von der Wand. Automatenknacker Sepp und der drahtige Egon, er hat seine Oma umgebracht, weil sie ihm nicht den Hunder-ter "rüberschieben wollte", haben einen "todsicheren Riecher" dafür, "dass der Chef mit Kriegsdienstver-weigerern nichts im Sinn hat". Sepp: "Die sind doch bescheuert; beim Bund lernen sie doch wenigstens ordentlich schießen." Egon: " Wie kann man nur so dumm sein und wegen solcher Kleinigkeiten einsitzen. Wenn ich in den Bau gehe, muss es sich schon lohnen."

IM KNAST ISOLIERT

Die Kriegsdienstverweigerer sind von der Anstaltsleitung und den anderen Häftlingen isoliert. Wenn "Resozia-lisierungs"-Veranstaltungen auf dem Programm stehen (Vortrag: "Überlebenschance in der Wüste"), sind sie nicht dabei. Höchstens dann, wenn es Krach gibt, wenn mit heißer Brühe um sich geworfen wird und Schläger-eien provoziert werden. Peter Stärk stellt aus der Zelle den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung. Als die Prüfungskommission per Bundeswehr-Bus in Oberndorf vorfährt, um Stärks Gewissen auszu-leuchten, ist der Zwanzigjährige schon rechtskräftig wegen Befehls-verweigerung und Fahnenflucht zu sechs Monaten Haft mit Bewährung verurteilt.

ZEUGE DES VERHÖRS

Der katholische Seelsorger Egon Spiegel war Zeuge des Verhörs:

Stärk: Was man beim Militär lernt, verstößt gegen alles, was ich gelernt und geliebt habe ... Lieber würde ich sterben, als auf einen anderen Menschen zu schießen .. Eher verreck' ich hier im Knast, als noch einmal zur Bundeswehr zu gehen.

Vorsitender Gauger: Herr Stärk, wenn Sie aus religiösen Gründen verweigern wollen, dann kennen Sie doch sicherlich die Zehn Gebotes. Sagen Sie sie doch einmal auf.

Stärk: Das erste Gebot heißt: Du sollst nicht töten. Das zweite heißt: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Menschen will ich helfen ...

Gauger: Falsch, Herr Stärk, "Du sollst nicht töten", ist das sechste Gebot. So können wir Sie nicht anerkennen.

Seelsorger Spiegel: Herr Vorsitzender, Sie kennen die Zehn Gebote ja selbst nicht. Es ist das fünfte Gebot, was Sie meinen ...

WO PSYCHIATER GEBRAUCHT WERDEN

Gauger: Wer will denn hier verweigern. Wir doch nicht. Stärk rasselte durch die Gewissensprüfung, wurde aus der Haft entlassen und zurück zur Truppe geschickt. Er verweigerte erneut. Nach einem Tag hatten ihn die Oberndorfer Knackis wieder. Jetzt muss er mit einer Haftstrafe von über einem Jahr rechnen. Diesmal ohne Bewährung. Peter Stärk resigniert: "Mir kann jetzt nur noch ein Psychiater helfen. Hoffentlich werde ich bald zur Untersuchung geschickt."

HILFE AUF STERBESTATIONEN

Dann ist er Patient. Dabei hätte Peter Stärk in München-Haar, der zweitgrößten psychiatrischen Anstalt der Bundesrepublik mit 2.900 Patienten, "gern als Pfleger gearbeitet". In dem Krankenhaus sind 30 Zivildienst-leistende eingesetzt. Im Haus 3, der Sterbestation, sind es der Diplomkaufmann Willy Kistler, 26, der Schreiner-geselle Hermann Lux, 21.

Anfangs hatten Hermann und Willy eine "wahnsinnige Abneigung", die alten Leute anzufassen. Hermann Lux: "Als ich das erste Mal hier hinschaute, dachte ich, das packst du nie."

Morgens um sieben Uhr beginnt der Dienst; Frühstück zubereiten, die Patienten waschen, umbetten oder an-ziehen. Bettenmachen. Spucknäpfe und Nachttöpfe reinigen. Medikamentenausgabe. Räume sauber-machen, Mittagsessen. Am Abend das gleiche.

TÄGLICHE ZWISCHENFÄLLE

Dazu die täglichen Zwischenfälle: Einer der Alten bricht plötzlich zusammen, ein anderer stirbt. Im Bett 5 macht ein Opa ins Bett. Im Bett 8 weint ein 78jähriger vor sich hin, weil keiner seine Lebensgeschichte mehr hören will.

Für Willy und Hermann Tag für Tag dasselbe. Sech-zehn Monate lang, für 450 Mark im Monat. Noch einmal vor die Entscheidung gestellt, Bundeswehr oder Pflege psychisch kranker Greise, würden Willy Kister und Hermann Lux jedoch keine Sekunde zögern. "Wir würden's noch mal machen."

Chefarzt Christof Schulz ist mit den Zivildienst-leistenden "außerordentlich zufrieden". Wenn es nach dem CSU-Mitglied ginge, könnten noch weitere 100 Kriegsdienstverweigerer in der Anstalt arbeiten: "Für solche schweren Fälle ist doch heute sonst kaum jemand zu bekommen." Der CSU-Bezirkstagsabgeordnete Günther Schuppler fordert deshalb: "Das Prüfungs-verfahren sollte man abschaffen."

"DU WARST DOCH AUCH IN RUSSLAND"

Doch in Bonn pfeift die CDU/CSU auf die Ratschläge ihrer Lokalpolitiker. Wenn jetzt endlich die sozial-liberale Koalition die entwürdigende Gewissens-Inquisition abschaffen oder auch nur auf Zeit aussetzen sollte, will die Christlich Soziale Union das Bundes-verfassungsgericht dagegen mobilisieren.

Der Bundesbeauftragte für den Zivildienst hält die Prüfungskommission ohnehin für total überfordert. Hans Iven: "Die Parteien schicken doch meistens nur solche Leute in diese Gremien, die in der Kommunal-politik nichts geworden sind, als Trostpflaster. In den Parteiversammlungen heißt es immer: Mensch, mach du das doch mal, du warst im Krieg doch auch in Russ-land."

Diese Leute haben dafür gesorgt, dass die Aner-kennungsquote der Kriegsdienstverweigerer (1974: 35.000) von früher 80 auf 66 Prozent gesunken ist. Dabei sind von den 20.000 Zivildienstplätzen in Krankenhäusern und Altenheimen 8.000 unbesetzt.

IGNORANZ AUF ALLEN EBENEN

Trotzdem sträubt sich die CDU/CSU-Opposition gegen den Plan der SPD/FDP-Regierungskoalition, die Zivildienstplätze um 16.000 auf insgesamt 40.000 zu erhöhen, damit sich die Wehrpflichtigen künftig schon bei der Musterung ent-scheiden können, ob sie mit der Waffe oder in der Sozialpflege dienen wollen. CDU-Politiker Konrad Kraske (Bundestagsabgeordneter 1965-1980): "Der zivile Ersatzdienst in Ehren, aber ein potenzieller Angreifer wird sich nicht abschrecken lassen, wenn unser soziale Engagement groß, unsere Verteidigungsbereitschaft aber gleich null ist."

ANSTURM WEHRWILLIGER JUGENDLICHER

Dabei ist das Gegenteil der Fall: Der Verteidigungs-minister kann sich schon heute vor dem Ansturm wehrwilliger Jugendlicher kaum retten. Die Zahl der verfügbaren Wehrpflichtigen steigt bald auf 475.000, während die Armee höchstens 250.000 Jugendliche einziehen kann. Paradoxien dieser Zeit. Georg Leber (Minister der Verteidigung 1972-1978): "Bis in die Mitte der achtziger Jahre rollen die geburtenstarken Jahr-gänge auf uns zu. Das geht weit über das hinaus, was die Bundeswehr verkraften kann."










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