Mittwoch, 24. März 1993

Hitlers langer Schatten in Frankreich
















































Mit Schlagringen und Leibwächtern geht ein Professor der Universität Lyon III für die rechtsradikale Front Nati0nal auf Stimmen-fang. Auch Freiheits- und Geldstrafen können Bruno Gollnisch längst nicht daran hindern, systematische Judenvernichtung in Auschwitz zu relativieren. Am liebsten verkleidet er sich als Kolonialherr mit obligater Peitsche am Hosenbund; mit Parolen des "Rassenhasses" im Gepäck
.

TRIERISCHER VOLKSFREUND
vom 24. März 1993
von Reimar Oltmanns

Es waren allesamt notable Professoren des gehobenen französischen Bürgertums, die sich am Wahlabend zur Pariser Nationalversammlung diskret in ihrer Universität Lyon III trafen. Unauffällig deshalb, weil die Hochschullehrer auf ihre "Leibwächter" verzichtet hatten. Sie wollten einfach nur mal unter sich sein, "den Schiffbruch der Moderne, das Desaster der Sozialisten" am Fernseher möglichst hautnah miterleben - als Gemeinschaftsgefühl natürlich, bedeutete der Wirtschaftswissenschaftler Bernard Notin, 43. Bevor er durchs Hauptportal des Gemäuers aus den Gründerjahren verschwand, warf er noch schnell einen Happen hin: "Das ist der Wendepunkt Frankreichs. Es waren doch Jahre des Überdrusses, der Kapriolen, der Korruption, der sozialistischen Vetternwirtschaft." - Triumphgefühle.

Am Wahlabend des ersten Durchgangs zur Pariser Nationalversammlung waren sie jedenfalls alle an ihrem sicheren "Ankerplatz" eingekehrt. So nennen diese zehn Professoren ihre im Jahre 1973 gegründete Universität Lyon III. - auch nach dem französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin benannt. Tatsächlich entwickelte sich diese junge Hochschule mit ihren dominanten Köpfen zu einer machtstrategischen Denkfabrik der rechtsextremen Front National des Jean-Marie Le Pen. Hier in Lyon, drittgrößte Stadt der Republik, mit konservativ empfindenden Bürgern samt französischer Wohlanständigkeit, wird Le Pen vorgedacht, vorprogrammiert, vorinszeniert.

"FRANKREICH DEN FRANZOSEN"

Hier werden Parolen des Rassenhasses ("fremdvölkische Bevölkerung", "schwarze Banden-Gettos", "Leisetreterei unter dem D-Mark-Banner", "Frankreich den Franzosen", "die Aidskranken aus Afrika") getestet, verworfen, letztlich für gut befunden. Hier wird unter professoraler Federführung jenes liebsame Gemisch aus Begriffsleere, Aggressivität und Spektakelsucht zusammengebraut - eben Emotionen aufwühlende Reizwörter, mit denen Le Pen landauf, landab den Politik-Verdruss weiter schürt, als Wählerstimme einzufahren gedenkt. Immerhin gelang es ihm auf diese Weise landesweit 3.158.843 Voten auf die Front National zu vereinen - das sind 12,52 und ein Plus von drei Prozent zur letzten Nationalwahl - und sich als dritte politische Kraft Frankreichs zu etablieren.

Und da versteht es sich nahezu von selbst, die "Schmerzgrenze" der um ihre nationale Identität bangenden Franzosen zu testen, dem Rechtsradikalismus einen Weg zu weisen. Nein - heißt es auf einmal wohlbedacht aus besagter Dozenten-Ecke, Auschwitz, "die angeblichen Gaskammern Hitlers und der angebliche Massenmord an Juden sind eine einzige historische Lüge." - Französische Professoren auf Lebenszeit.

POLIT-KRIMINELLE STECKBRIEFE

Mitunter gab es Sanktionen aus Paris. Der eine musste Buße zahlen ( 4.500 Euro), der andere wurde kurzweilig vom Campus verwiesen. Doch schon beizeiten vor den Wahlen waren allesamt wieder in Amt und Würden. Keiner wagte die von dem Lyoner konservativen Abgeordneten Raymond Barre, einst unter Staatspräsident Giscard d'Estaing Ministerpräsident, angemahnte "Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Lehre" anzutasten. Aus gutem Grund hatte Wirtschaftsprofessor Barre dem Rektor der Universität das Kreuz der Ehrenlegion überreicht - im Sinne einer Auszeichnung als Trutzburg gegen die sozialistischen Weltverbesserer.

Die Biografien der hoch dotierten Wissenschaftler zu Lyon lesen sich mitunter wie polit-kriminelle Steckbriefe aus Frankreichs unrühmlichen Tagen. So manche Professoren sind vorbestraft, saßen gar schon im Gefängnis ein. Immer wieder drehten sich ihre Delikte um ein und dasselbe Vergehen - Gewalt und nochmals Gewalt. Der Vordenker für Le Pens rechtsradikales Frankreich-Erwachen - Professor Robert Faurisson - kämpfte nicht nur militärisch-subversiv in der OAS gegen die Befreiung Algeriens. Im Jahre 1983 fuhr er nach Los Angeles. Sein Reisethema: Sinn und Zweck der Gaskammern. Ausgerechnet 1987 im Jahr des Prozesses gegen den einstigen Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie startete Professor Faurisson mit der Herausgabe seiner "Jahrbücher" über die sogenannte "revisionistische Geschichte". Zentrales Thema für die Studentengeneration dieser Jahre: "Eine befreiende Erkenntnis für die Deutschen, eine gute Nachricht für die Menschheit schlechthin: Gaskammern haben nie und nimmer existiert." Hitlers langer Schatten in Frankreich '93.

Es war naheliegend, dass die Front National auf solche "wissenschaftliche Kapazitäten der Neuzeit" nicht verzichten mochte. Kurzerhand kürte Le Pen jenen Universitäts-Herren zu seinen "persönlichen Beratern". Seither wird halt möglichst leise vorgedacht, Gaskammern hin, Auschwitz her, mittlerweile haben sich die Herren im Sinne Le Pens darauf verständigt, dass sie "lediglich eine Detailfrage in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist", befand Le Pen und fügte hinzu: "Ob ein Jude oder sechs Millionen Juden, wer weiß das wirklich schon. Ich persönlich habe nie eine solche Gaskammer gesehen."

SEHNSUCHT NACH VICHY

Mittlerweile treiben Le Pen und seine Professoren ganz andere Themen um: Nämlich die Sorge vor einem Ausverkauf Frankreichs oder die verstohlene Sehnsucht nach Vichy. - Jene vier Jahre also (1940-1944), in denen deutsche Truppen Frankreich besetzt hatten. Damals wurde Paris Sitz der deutschen Kommandantur, Vichy ein gutbürgerlicher Kurort im Zentralmassiv die Hauptstadt Frankreichs. Zu dieser Zeit stimmten unter dem greisen 84jährigen Marschall Philippe Pétain scheinbar noch die Grundwerte des alltäglichen Lebens, die da hießen: Arbeit, Familiem Fleiß und Vaterland. Irgendwie sieht sich Professor Bruno Gollnisch, der als Kandidat der Front National in Lyon stolze 24,5 Prozent der Wählerstimmen auf sich zog, hinlänglich bestätigt. "Wir wollen unsere jahrhundertelange kulturelle Dominanz wieder haben. Überall, wo ich hingehe, höre ich fremdländisches Palaver, muss ich mich als Franzose fast entschuldigen. Und abends zu Hause vor dem Fernseher hämmern uns die angloamerikanischen Filme ins Gesicht. - Frankreich, was ist aus dir geworden?"

KOLONIALHERREN MIT PEITSCHE

Zumindest einen scheinbar aufbauenden Gedanken begleiten Gollnisch und seine Universität nach den Parlamentswahlen. Wenigstens einmal noch wollen die Professoren fröhlich auf dem Campus ein Fest feiern dürfen wie es einst früher doch so üblich war. Als Kolonialherren mit obligater Peitsche am Hosenbund verkleidet, mit Kolonialliedern wehmütig verflossene Kolonialzeiten besingend. Sollte diese Maskerade wieder von "unsittsamen Randalierern" gestört werden, versprechen Le Pens Hochschullehrer noch in der späten Nacht, "dann gibt es von unserem hart trainierten Ordnungsdienst richtig eins in die Fresse - erst recht nach dieser Wahl der nationalen Wende."